BEYOND Addiction - Grace C. Node - E-Book

BEYOND Addiction E-Book

Grace C. Node

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Beschreibung

ERINNERE DICH, WER DU BIST. DENN DEN DUFT DER LIEBE VERGISST MAN NIEMALS. Mein Name ist June Martin. Und ich weiß nicht, wer ich wirklich bin. Alles, woran ich mich erinnere, ist ein Gefühl. Ein Gefühl, das mich heimsucht und nach Antworten verlangt. Jeder Versuch, in mein altes Leben zurückzufinden, wird von Erinnerungsfetzen torpediert, die mich aufwühlen. Ich befürchte, etwas Elementares verloren zu haben. Nur was? Mein bislang geordnetes Leben fühlt sich falsch an, verkehrt und leer. Aber ich habe keine Ahnung, warum. Denn ich war glücklich - oder? Ich muss herausfinden, was vor einem halben Jahr passiert ist. Herausfinden, warum mir niemand sagen will, was mir tatsächlich zugestoßen ist. Doch auf der Suche nach Antworten gerate ich in einen gefährlichen Wettlauf um ein dunkles Geheimnis. Ein Geheimnis, für das machtvolle Leute sogar töten. MANCHE GEHEIMNISSE BLEIBEN BESSER IM DUNKELN. DENN SIE HABEN DAS POTENTIAL, DEINE WELT FÜR IMMER ZU ZERSTÖREN.   Gefährliche Liebe. Dunkle Vergangenheit. Große Gefühle. Der zweite Band der Beyond-Reihe.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Grace C. Node

Beyond Addiction

Part 2

Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Autorin

Prolog

Menthol

Ledrig

Modrig

Salzig-bitter

Erdig

Minze-Menthol

Fruchtig-Süß

Harzig-Zitronig

Weihrauch & Oud

Milder Lorbeer

Pudrige Zuckerwatte

Spritzige Grapefruit

Gebrannte Mandel

Vanille-Milch

Lavendel

Abgestandenes Wasser

Vetiver herb-süß

Frischgewaschenes Leinen

Faulige Blätter

Kalte Asche

Geriebener Ingwer

Zimt und Honig

Metal & Holzkohle

Bambus (warm und klar)

Büffelgras

Bittere Galle

Elektrische Funken

Rhabarber

Beißender Schwefel

Warmes Holz

Dunkle Schokolade

Latex

Kalter Schweiß

Salzwasser

Staubiger Stoff

Nasser Stein

Duftanker Thomas

Anmerkung der Autorin

Danksagung

Der Code

Leseprobe

- 1 -

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Bereits erschienene Werke

Orientierungspunkte

Titelseite

Cover

Inhaltsverzeichnis

Buchbeschreibung:

Manche Erlebnisse sind zu schrecklich, als das sie der Verstand verarbeiten könnte.

Nachdem ihr Geliebter, Thomas Nolan, in einer fürchterlichen Nacht in ihren Armen stirbt, fällt June Martin in eine tiefe Amnesie. Jede Erinnerung an ihn und die mit ihm verbundenen Erlebnisse sind aus ihrem Gedächtnis gelöscht.

Die Feinde von Thomas allerdings sind weiterhin auf der Jagd nach dem Koh-i-Noor, dem wertvollsten Diamanten der Welt, und June ist ihr letzter Anhaltspunkt. Es beginnt eine gefährliche Schnitzeljagd nach dem Diamanten, der June erneut in höchste Gefahr bringt.

Zudem ist ihre Gefühlswelt auf seltsame Weise im Ungleichgewicht und sie versucht verzweifelt, neu anzufangen. Aber es ist nicht leicht, sich auf jemanden einzulassen, wenn man in Visionen und Träumen von einem gesichtslosen Phantom heimgesucht wird, das auf seltsame Weise das eigene Herz berührt.

Über die Autorin:

Neugierige Wortaktrobatin, mutiger lebenshungriger Schöngeist, Film-Junkie und Book-Nerd.

Romantik, Crime und Thriller werden in meinen Romanen zu einem aufwühlend-sinnlichen Gefühlschaos verschmolzen. Emotionsfeuerwerk, Kopfkino und dramatische Spannungswechsel garantiert.

Für Suchtgefahr nach mehr Lesestoff übernehme ich keine Haftung!

Sternfeder Verlag

Ein Imprint des Zeilenfluss Verlags

Werinherstraße 3

81541 München

Deutschland

www.sternfederverlag.de

2. Auflage

Texte: Grace C. Node

Nachdruck - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung von Grace C. Node.

Coverdesign: Grace C. Node

Bildquelle: Adobe Stock #529002374 #33939000 #137143125 #202344870 #324830315 lizensiert.

Korrektorat/Lektorat: Grace C. Node

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:

https://portal.dnb.de/opac.htm

Das Buch ist rein fiktiv. Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Sämtliche Inhalte dieses E-Books und seiner Teile sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentlichen Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich Grace C. Node die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Sternfeder Verlag

[email protected]

ISBN: 9783691570670

Wir alle sind Narren im Spiel

Zweier Herzen

Vorwort der Autorin

Liebes Leseherz,

bitte bedenke, dies ist ein fiktiver Roman! Alles ist der Fantasie der Autorin entsprungen, jede Handlung, die Gefühlswelt und das gesamte Setting sind dazu kreiert worden, um dich zu unterhalten.

Die Entscheidungen, die die Protagonisten treffen, werden womöglich gegenläufig zu deinen eigenen Vorstellungen sein, sind vielleicht im wahren Leben verwerflich, beschämend oder schlicht weg irrational.

Doch sie sind gewollt, fiktiv und gehören zur Charakterentwicklung dazu.

Das solltest du beim Lesen nie außer Acht lassen.

Durch das dramatisch einschneidende Erlebnis am Ende von Teil 1 der BEYOND-Trilogie erleidet die Hauptprotagonistin June Martin eine Amnesie, die sie über das ganze Buch hinweg begleiten wird. Für dich, liebes Leseherz bedeutet das Folgendes:

DU hast einen Wissensvorsprung in Bezug auf ihr Leben. Sie wird sich NICHT an Thomas Nolan erinnern und alle damit verbundenen Ereignisse hat ihr Unterbewusstsein blockiert. Daraus ergeben sich einige beklemmende Situationen, bei denen du sicher aufschreien willst, dich unwohl fühlen oder gar beschämt sein wirst, denn du kennst die Wahrheit.

Solltest du damit ein Problem haben, ist diese Geschichte definitiv nichts für dich.

Die Geschichte hinter dem Koh-i-Noor-Diamanten beruht teilweise auf wahren Begebenheiten, die für den Roman verändert, ergänzt und für die Handlung angepasst wurden. Da dieser Diamant seinerzeit im Rahmen der britschen Besetzung Indiens an Königin Victoria ging, wurde er Stein Teil der Kronjuwelen. Er ziert seit 1937 die Krone von Charles’ Großmutter Elisabeth Bowes-Lyon.

Der Koh-i-Noor ist der wohl umstrittenste Stein der Welt, und bot meiner Geschichte dadurch sehr viel Spielraum. Sie spielt zeitlich VOR dem Tod von Königin Elisabeth II. Daher sind die Settings in den arabischen Emiraten auch ein wichtiger Bestandteil der Handlung innerhalb der gesamten Trilogie.

Die Handlungsstränge aus Teil 1 werden in diesem Teil aufgegriffen und fortgeführt. Alle Fragen werden allerdings erst in Teil 3 aufgeklärt (!), daher musst du noch etwas durchhalten.

Zudem wird es sehr spicy und sehr explizit!

Der körperliche Austausch ist für June wichtig, um Erinnerungen hervorzulocken, um sie schlussendlich vollständig reproduzieren zu können. Zudem ist sie in ihrem bisherigen Leben nie über das Körperliche hinaus gegangen. Daher ist Sex für sie die einzige Möglichkeit, etwas zu empfinden.

Die Kapitelüberschriften sind in diesem Teil DÜFTE, da sie über das Riechorgan direkt mit dem Gehirn verbunden sind. Düfte sind mit Erlebnissen sowie Erinnerungen verknüpft und katapultieren uns umgehend in die jeweilige Situation, in der wir sie wahrgenommen haben. Genau das nutzt die Autorin hier als sogenannten »Duftanker«, der die verdrängten Gefühle und Erinnerungen freilegen wird.

Wenn du also auf diese spezielle Reise mit June Martin gehst, kann es sein, dass du sie verfluchen, sie hassen und wahrscheinlich sogar verachten wirst.

Zudem werden die Verstrickungen um den Koh-i-Noor vertieft und es ergibt sich ein komplexer Handlungsstrang um den Diamanten und Junes vermeintliche Beteiligung.

Solltest du auf eine derartig fesselnde emotionale Reise KEINE Lust haben, dir die Komplexität der Geschichte zu viel sein, nimm bitte Abstand zu dem Buch.

Anderenfalls wünsche ich viel Spaß in der abgedrehten Welt von BEYOND.

Prolog

London, Dr. Diane Harrington | 14. Februar

Akte: M-0378-JM/1986

Patientin: June Martin, 35 Jahre

Psychologischer Befund:

Patientin leidet auf Grund eines schweren traumatischen Erlebnisses unter psychogener Amnesie. Sämtliche Erinnerungen an das Ereignis wurden aus dem Gedächtnis gelöscht. Die Patientin litt bereits früher unter starken Verlustängsten (siehe hierzu Eintrag M-0163 bis M-0207), was eine vollständige emotionale Abschottung zur Folge hatte. Therapeutisch wurden die Erlebnisse aufgearbeitet, allerdings blieb die emotionale Distanz bestehen. Der Schutzmechanismus war sehr stark ausgeprägt, wodurch keine Bindung zu einer Person im herkömmlichen Sinne möglich war. Die Patientin konnte nur mittels einer eigens dafür geschaffenen Rolle (Alter-Ego Candy Moon) behelfsweise körperliche Interaktionen zuzulassen.

(Vollständiger Bericht liegt der Akte bei).

Durch die Erfahrung emotionaler Sicherheit und dem somit wiedergewonnenen Vertrauen zu einem Mann hat die Patientin ihr Rollenschema nach über einem Jahrzehnt erstmalig durchbrochen. Die enorme Stressbelastung durch die Beiwohnung des kaltblütigen Mordes der Bezugsperson löste einen akuten Schock mit Kreislaufversagen aus, das zu einem kurzzeitigen metabolischen Koma führte.

Dauer ca. 6 Wochen, stationärer Aufenthalt.

Auf Grund der Vorbelastung der Patientin setzte daraufhin die psychogene Amnesie ein.

Das grausame Ereignis hat den positiven Effekt der wiedergewonnenen Emotionalität für die Patientin unwiederbringlich zerstört.

Von der Möglichkeit durch Therapien wie Hypnose oder ähnlichen Methoden, die Erlebnisse wiederherzustellen, soll abgesehen werden. Das Ereignis, sofern der Verstand der Patientin es zulässt, kann mittels Gesprächstherapie im Laufe der regulären Sitzungen rekapituliert werden. Allerdings muss dringend darauf geachtet werden, die harten geschaffenen Blockaden des Unterbewusstseins, ohne übermäßigen Druck zu lösen.

Um keinen zusätzlichen psychologischen Kollaps hervorzurufen, werden keine aktiven Hinweise auf die Person Thomas Nolan (Bezugsperson) in Zusammenhang mit der Patientin gegeben. Seine Existenz kann und soll ausschließlich von der Patientin selbst ermittelt werden, sofern ihr Unterbewusstsein dies zulässt.

Das Risiko eines vollständigen psychischen Zusammenbruchs und der damit verbundenen Psychosen sind erheblich. Auf Grund der Vorgeschichte der Patientin besteht die Gefahr der Selbstverletzung.

Ein besonderes Augenmerk ist bei der Erinnerungsgeneration auf Düfte und Gerüche zu legen, da sie emotionale Anker haben können, die zu Flashbacks sowie anderen Reproduktionen der verdrängten Ereignisse führen können. Sollte es zu einer derartigen Reaktion kommen, muss die Patientin mit den Ankern vertraut gemacht werden, um die Erinnerung ins Bewusstsein zurückzuholen. Hier ist eine sensible Vorgehensweise angeraten, um einer Überreaktion vorzubeugen.

Nach der Aufwachphase wird eine ruhige Umgebung empfohlen. Die geistige Regeneration soll von selbst stattfinden, um weitere Belastungen zu vermeiden.

Zur seelischen Stabilisierung ist die Patientin bis auf weiteres als arbeitsuntauglich einzustufen.

* * *

June Martin | London, Mitte März

Schweißgebadet schrecke ich aus dem Schlaf auf. Wieder einer dieser verdammten Albträume. Es ist immer die gleiche Szene, die mich bis ins Mark erschüttert. Ein gellender Schrei, eisige Kälte und ein Sog aus Agonie zwingen mich in die Dunkelheit.

Etwas Furchtbares ist passiert.

Das spüre ich mit jeder Faser meines Wesens. Doch in den Albträumen komme ich nie an den Punkt, der mir zeigt, was mich da auf so grausame Weise verfolgt und derart aufwühlt.

Das geht jetzt seit Wochen so.

Der blanke Horror!

Neben den Albträumen schleichen sich merkwürdig warme Empfindungen in mein Herz. Sie erfüllen mich mit einer nie gekannten Sehnsucht nach – tja, das ist schwer zu erklären, aber es scheint etwas Elementares zu sein. Ein kreischender Zwiespalt, der mich entzweireißen will.

Solch enormen Gefühle hatte ich zuletzt, als meine Mom verschwand, und uns alleine gelassen hat. Jahrelang habe ich mich verkrochen, bin daran erstickt, bis ich einen Weg fand, all das hervorzuwürgen und mich davon zu befreien. Bisher habe ich die Emotionen mit eiserner Disziplin im Griff gehabt und mich befreit gefühlt. Jetzt scheint es wie weggewischt zu sein.

Keine Ahnung was mir widerfahren ist, doch es hat erheblichen Einfluss auf meine Verfassung genommen. Zwar habe ich keinerlei körperliche Gebrechen, Verletzungen oder ähnliches, die auf etwas derart Einschneidendes hindeuten würden, mental hingegen bin ich ein völliges Wrack.

Erschöpft krabble ich aus dem Bett und ziehe mir ein neues T-Shirt über. Ich bin hundemüde und fühle mich, als hätte ich tagelang nicht geschlafen. Fröstelnd wanke ich zurück ins Bett und vergrabe mich in die Kissen, in der stillen Hoffnung, ein wenig Schlaf ohne die korrumpierenden Albträume zu finden.

Menthol

London, Praxis Dr. Harrington | sieben Monate danach

»Wie fühlen Sie sich heute, June?« Entspannt liege ich in Dr. Harringtons Büro auf der Couch, betrachte die Details der kunstvoll verzierten Stuckdecke und versuche, meine flüchtigen Gedanken zu sammeln.

»Ich habe immer noch diese komischen Träume. Und es fühlt sich an, als wäre ich nicht ich selbst.« Aufmunternd nickt mir Dr. Harrington zu und ich bemühe mich, die seltsamen Empfindungen in Worte zu fassen.

Seit Monaten versuche ich, meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen – erfolglos. Ich lag sechs Wochen im Krankenhaus – metabolisches Koma – und wurde längere Zeit für arbeitsunfähig erklärt. Ätzend. An den Unfall habe ich keinerlei Erinnerung, doch er hat mein Leben ganz schön aus den Angeln gehoben, ohne dass ich auch nur den Hauch einer Ahnung habe, was geschehen ist.

Ein ekelhaftes Gefühl. Es schabt unter meiner Haut, juckt an meinen Schläfen, ohne das ich es wegkratzen kann.

Man sagte mir nur, dass ich wahnsinniges Glück gehabt hätte, denn ich sei unverletzt geblieben – ein Wunder.

Nur irgendwie fühlt es sich nicht wie ein Wunder an.

Endlich wieder daheim sollte ich mich regenerieren, mich schonen und zugegeben, ich war seltsam erschöpft und ständig müde.

Innerlich treibt mich seit der Heimkehr eine ungewohnte Unruhe an. Eine Unruhe, die durch zusammenhanglose Träume genährt wird, in denen ich von einem gesichtslosen Phantom verfolgt und verführt werde.

Ja, Sie haben richtig gehört: Ein Trugbild verführt mich in meinen Träumen.

Klingt vollkommen schräg, und genauso fühlt es sich auch an. Trotzdem beschleicht mich jedes Mal ein eigenartig vertrautes Gefühl, wenn ich aus solchen Traumsequenzen erwache, und mir ist schleierhaft, woher das alles kommt.

Am liebsten würde ich den Reset-Knopf drücken, neu anfangen. Aber Dr. Harrington erklärte mir, dass es zum Regenerationsprozess gehöre, und beharrte darauf, ich solle dem Gefühl nachgehen.

Anfangs war meine Verfassung desolat. Körperlich erschöpft, geistig mit einem klaffenden Loch in der Erinnerung. Ein paradox vertrautes Empfinden manifestiert sich zusehends, zu dem ich nichts in den Tiefen meines bröseligen Erinnerungsspeichers finden kann. Wirklich schräg und jedes Mal, wenn ich aufwache, höre ich eine leise Stimme in meinem Kopf, die mich auf eigenartige Weise berührt. Völlig verrückt.

Zeitweise beschlich mich das Gefühl, als hätte ich etwas enorm Wertvolles verloren. Etwas, dass ich unter keinen Umständen hätte verlieren dürfen. Beängstigend.

Dumpf glitt ich durch die Tage im Krankenhaus und die ersten Wochen daheim. Anfangs hatte ich höllische Kopfschmerzen, die mich zwangen, im abgedunkelten Raum mit einem kühlen Tuch auf der Stirn zu warten, bis die Schmerzmittel wirkten. Verordnete Ruhe und Nichtstun sind schlimmer, als man sich vorstellen kann. Dad stellte mich von meinen Pflichten frei und Helen zog praktisch bei mir ein. Floyd gab sich große Mühe, mich bei Laune zu halten und erstaunlicherweise kam Dad jeden zweiten Tag vorbei und hielt mich auf dem Laufenden, was das Geschäft anbelangte.

Allerdings verriet mir keiner, was genau mir widerfahren war. Nur, dass es einen Unfall gab und ich, ob der Umstände, einen heftigen Schock erlitten hatte.

Das Nervigste dabei ist weniger die Suche nach den Bruchstücken meiner Erinnerung, als dass alle um mich herum etwas zu teilen scheinen, das mich ausschließt. Ich fühle mich einsamer als je zuvor und manchmal würde ich am liebsten alles hinter mir lassen, und irgendwo vollkommen neu anfangen.

Einzig in meinen Tagträumen konnte ich mich verlieren, doch es dauerte einige Zeit, bis ich ein passables farbenfrohes Kopfkino mit den unmöglichsten und sonderbarsten Gedankensimulationen zustande brachte. Jetzt scheint diese Hirnfunktion zumindest wiederhergestellt. Warum dabei meistens die Farbe Blau eine Rolle spielt, findet auch Dr. Harrington erstaunlich, ist sich aber sicher, dass es lediglich eine Momentaufnahme sei.

»In Ihren Träumen verarbeitet Ihr Unterbewusstsein alles, was Sie erlebt haben. Selbst, wenn Sie das aktuell noch nicht zuordnen können. Gehen Sie dem ruhig nach und schreiben Sie, wenn es geht, alles auf, was Ihnen von dem Traum in Erinnerung bleibt.«

Seufzend richte ich mich auf und reibe mir die brennenden Augen. »Es ist alles wie hinter einer Art Schleier verschwommen und ich kann diesen Schleier nicht durchdringen, egal wie sehr ich mich anstrenge.« In allen Sitzungen stoßen wir an genau diesem Punkt auf einen inneren Widerstand.

»Einen Schritt nach dem anderen. Versuchen Sie es jeden Tag und irgendwann löst sich immer mehr von dem Schleier auf. Haben Sie Geduld mit sich, June.« Nie hat sie mich aufgegeben und war im Kampf gegen all meine Dämonen wacker an meiner Seite. Seit Moms Verschwinden vor einer Ewigkeit ist sie, nach anfänglichem Widerstand meinerseits, eine wichtige Bezugsperson für mich geworden.

»Wann darf ich wieder zum Training mit Floyd?« Es scheint unendlich lange her zu sein und meine Gelenke – nein, mein gesamter Körper – fühlt sich quietischig an, was ich dringend beheben muss. Nachdenklich mustert sie mich und nickt dann.

»Wenn Sie sich rastlos fühlen, ist das schon mal ein gutes Zeichen. Aber übertreiben Sie es nicht direkt«, ermahnt sie mich lächelnd und innerlich atme ich erleichtert auf.

Sport und die damit verbunden körperlichen Belastungen halfen mir seit jeher über seelische Verletzungen hinweg. Wenn meine Physis sich erbost gegen die Marter sträubt und die Muskeln nach einem schweißtreibenden Training brennen, sind die schabende Trauer sowie die beißende Verzweiflung verklungen. Für den Moment jedenfalls.

»Umgeben Sie sich mit schönen und leichten Dingen. Tun Sie, wonach Ihnen der Sinn steht. Lassen Sie Ihre Erinnerungen den Weg zurück zu Ihnen finden.« Tja, leichter gesagt als getan. Ich habe keinen Schimmer, wonach mir ist.

Alles erscheint mir unwichtig und trüb, ohne dass ich dafür eine schlüssige Erklärung finden kann.

»Wie – ich meine, wo fange ich an?« Verzweifelt schaue ich meine Therapeutin an, die geduldig da sitzt und mich aufmerksam mustert.

»Denken Sie nicht zu viel nach, denn das, was Sie suchen, ist in Ihrem Erinnerungsspeicher zu finden. Horchen Sie in sich hinein und nach einer Weile sehen Sie den Weg ganz klar vor sich.«

Toll, da herrscht gerade gähnende Leere.

Ist ja kein Problem, das Hirn mal eben abzuschalten, wenn man nichts sehnlicher versucht, als verlorene Erinnerungen wiederzufinden. Unzufrieden mit mir selbst schnaufe ich hörbar aus und kneife den Mund zusammen.

Der Weg ist das Ziel. Der Weg ist das Ziel. Der Weg ist das Ziel.

»Gehen Sie nicht so hart mit sich ins Gericht, June. Sie werden es finden. Davon bin ich überzeugt«, spricht sie mir aufmunternd Mut zu, und nach einigen abschließenden Atemübungen entlässt sie mich.

Eingekuschelt in einen weiten grauen grobgestrickten Cardigan nippe ich an meinem Kräutertee und blicke auf die bunten Bäume, die den Herbst einläuten. Leise klingen die zarten Klaviertöne von Bach zu mir durch und ich versuche, den Empfehlungen von Dr. Harrington nachzukommen, indem ich mich auf die Musik konzentriere. Mein Blick richtet sich in die Ferne, ich blende das Hier und Jetzt nach und nach aus, folge den umherhuschenden Gedankenbildern und bleibe ... an einer Sanddüne hängen.

* * *

Der intensiv blaue Himmel sieht aus, als hätte ihm jemand mit Ölfarbe ein Upgrade verpasst, und der warme pudrige Sand unter meinen Füßen fühlt sich herrlich an. Ein frischer Duft von Menthol und rotem Pfeffer steigt mir in die Nase, erquickend in der Hitze der Wüste – wo bin ich hier eigentlich?

Warme Hände erkunden meinen Körper und im nächsten Augenblick spüre ich an meinen Fingerspitzen eine heiße feuchte Zunge. Lippen, die an den Fingerkuppen saugen. Ich will mich bewegen, schaffe es aber nicht.

»Du siehst zum Anbeißen aus«, flüstert mir eine samtig-weiche Stimme ins Ohr und ein Schauer läuft mir über den Rücken. »Koste das.« Etwas Kühles berührt meine Lippen. Unwillkürlich öffne ich sie: süße Feige. Der Saft läuft mir aus dem Mundwinkel und wird von einer geschickten Zunge aufgeleckt. Lust durchflutet meinen Körper.

Was passiert hier?

Wieso kann ich mich nicht bewegen?

Meine Sinne nehmen alles gestochen scharf wahr und dann ... Shit – ein kalter Schauer jagt mir durch den Unterleib, der gleichzeitig ein ungeahntes Verlangen auslöst. Stöhnend winde ich mich unter kundigen großen Händen. Dann legt sich eine heiße Zunge über meine pochende Mitte und ich schreie auf. Lust und Gier peitschen mich auf. Ich fühle mich ausgeliefert und zeitgleich auf Händen getragen. Ich schwimme in einem glitzernden Meer aus Leidenschaft dahin, während ich ein ungeahnt gekonntes Zungenspiel verpasst bekomme und sich mein Unterleib kribbelnd zusammenzieht.

* * *

»Miss Martin, wollen Sie heute noch wegfahren?« Floyds Stimme reißt mich jäh aus der erotischen Fantasie und erbost über die abrupte Unterbrechung stelle ich erschrocken fest, dass meine Hand zwischen meinen Schenkeln und mein Finger auf meiner pochenden Klit liegen.

»Verdammt Floyd, kannst du nicht anklopfen.« Peinlich berührt bringe ich mich so schnell als möglich in eine unverfängliche Pose. Floyd steht mit einem wissenden Schmunzeln im Gesicht an den Türrahmen des großen Wohnzimmers gelehnt und beobachtet amüsiert meine Not.

»Kann ich Ihnen bei irgendwas helfen, Ma’am?« Ungerührt sieht er mich mit einem dezenten Grinsen an, bei dem ich ihm am liebsten den Hals umdrehen würde.

»Danke, aber NEIN Danke, und jetzt verschwinde.«

»Verstehe. Sollten Sie mich brauchen, ich bin in der Nähe«, antwortet er lachend und trollt sich in die Küche.

Seit er mit Kate liiert ist, geht mir sein Turteltauben-Gehabe mächtig auf die Nerven. Ich erinnere mich nicht, wann und wieso das geschehen ist, dafür war ich noch nie so unangenehm berührt, wenn Menschen, die mir nahestehen, ihre Intimität zur Schau stellen. Aktuell möchte ich jedes Mal schreiend weglaufen, wenn Floyd von Kate erzählt oder ich zufällig sehe, wie er sie küsst, wenn sie ihn abholt. Das löst einen stechenden Schmerz in meiner Brust aus und ich bekomme kaum Luft. So als würde mich innerlich etwas auffressen.

Für einen Moment schließe ich verzweifelt die Augen, um wieder Herr meiner aufgewühlten Libido und meines puterroten Schamgefühls zu werden. Missmutig tappe ich ins Bad und lasse die Hüllen vor dem Spiegel fallen, betrachte meine immer noch aufgerichteten Brustwarzen und versuche, mich an den schlüpfrigen Traum zu erinnern. Trotz aller Bemühungen kehrt die erotische Fantasie mit dem heißen Unbekannten jedoch nicht zurück und einmal mehr frage ich mich, was zum Teufel mit mir los ist.

Um meinen unsteten Geist wieder einzufangen, schnappe ich mir mein mintfarbenes Handtuch und betrete die Sauna, in der die ätherischen Öle der Kräutermischung mit dem aufhellenden frischen Minzduft ihre wohltuende Wirkung entfalten. Die Hitze dringt in meine Glieder und ich räkele mich zufrieden auf der knarzenden Holzbank.

Konzentriert auf die Reaktion meines Körpers fühle ich den dünnen Schweißfilm auf der Haut als die ersten Rinnsale meinen Bauch entlanglaufen. Mit geschlossenen Augen begebe ich mich in den Regenerationsprozess und stelle dankbar fest, dass mein Geist und Körper in stiller Eintracht meditieren.

Zwei Saunagänge später liege ich wohlig entspannt im Bett und lese einen Roman über ein Liebespaar, das durch eine Zeitbrücke in unterschiedlichen Jahrhunderten ihre Liebe lebt. Verworrene Wege scheinen einer großen Liebe offenbar nichts anhaben zu können.

Aber das dumpfe Warnsignal des Seelenwächters in meinem Gedankenpalast mahnt mich mürrisch zur Vorsicht, denn öffnet man einem Mann sein Herz, wird es zerfetzt, verbrannt und zertreten. Die Erinnerung an die ersten Erfahrungen in Sachen Beziehung waren gelinde gesagt heilsam. Heilsam, nichts mehr an mich heranzulassen. Nur unter großer Anstrengung und mit Hilfe von Dr. Harrington bin ich damals den zähnefletschenden Dämonen gerade so entkommen. Und dann kam Candy.

Candy Moon, mein Alter-Ego, meine Schutzheilige und der Weg, zumindest körperliche Bedürfnisse zu befriedigen. Ein schillernder Vamp, der sich nahm, was er wollte – ohne Rücksicht auf Verluste. Es war immer nur für eine einzige Nacht und Candy hatte mit traumwandlerischer Sicherheit Kerle ausgewählt, die ihren Ansprüchen genügten.

Über die Beschreibung der Hauptfiguren meines Buches, die zu einer Seereise in ein fernes Land aufbrechen, schlummere ich ein.

»Sind Sie sich auch wirklich sicher, dass Sie heute loslegen wollen?« Floyd beäugt mich kritisch, als ich mir die Turnschuhe zuschnüre und die Sporttasche schnappe. »Wir haben Zeit, Ma’am.« Unwirsch schüttle ich den Kopf, denn ich habe für meinen Geschmack schon zu lange herumgelungert.

»Los, komm schon und sei kein Spielverderber.« Kopfschüttelnd folgt er mir in den Fahrstuhl, wenig überzeugt, ob ich schon bereit bin.

Es kommt mir wie eine halbe Ewigkeit vor, dass ich mit Floyd in der Halle war und er mich durch die Gegend gescheucht hat. Jetzt kann ich die Ungeduld nachempfinden, wenn Sportler nach längerer Verletzungspause nörgelig und grantig werden. Ist man zum Nichtstun verdammt, werden die Tage enorm zäh und ich habe die Nase voll davon. Mittlerweile gehe ich Floyd mit meinem steten Gejammere auf die Nerven, bis er heute endlich ein Einsehen hat und meinem Drängen nachgibt. Bei strahlendem Sonnenschein kommen wir bei der alten Lagerhalle an und jetzt wird mir doch ein wenig mulmig, da ich mich regelrecht eingerostet fühle.

»Also gut Prinzessin, du hast es so gewollt«, warnt er ein letztes Mal, bevor er mit mir einige lockere Aufwärmübungen und dann ein leichtes Kardiotraining startet.

Schon nach wenigen Minuten bin ich völlig am Ende und verfluche meinen Stolz, aber aufgeben ist keine Option. Mein ungelenker Körper brüllt mich erbost an, was mir einfällt, ihn derart zu überfordern. Das Spiel kenne ich zu gut und versuche, den kläffenden Schweinehund vor mir zu ignorieren. Floyd weiß genau, wie es um mich bestellt ist, denn er grinst mich schadenfroh an und drückt mir eine weitere Runde Seilspringen aufs Auge.

Nach 45 Minuten bin ich am Ende meiner Kräfte und bekomme kaum Luft. Sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis seiner Tortur wirft mir Floyd das Handtuch zu und schickt mich unter die Dusche.

Als ich wenig später wieder in der Halle stehe, hat er sich gerade das verschwitzte T-Shirt über den Kopf gezogen und steht mit glänzendem Oberkörper lachend bei einer Gruppe Kick-Boxer, die mit dem Training beginnen wollen. Fasziniert sauge ich den Anblick ausgeprägter Brust- und Bauchmuskeln auf und ergötze mich an den extrem trainierten Armen. In der Luft hängen der maskuline Duft frischen Männerschweißes und der Hauch von Floyds holzigem Parfum.

Verwirrt starre ich meinen Bodyguard an, als die Gespräche um mich herum verstummen und mich fünf raue Kerle amüsiert ansehen. Puterrot stürme ich aus der Halle, gefolgt vom Gelächter der Bagage. Wenige Augenblicke später steht Floyd neben mir und stupst mich mit der Schulter an.

»Alles ok, Miss Martin?«

»Äh, klar. Lass uns endlich abhauen«, brumme ich angespannt, denn ich komme mir schrecklich albern vor, sabbernd wie ein Teenager die Kerle angegafft zu haben.

»Wie Sie wünschen.« Für seine Zurückhaltung bin ich dankbar, da ich nicht auf meine Reaktion vorbereitet war.

Ich glaube, es wird höchste Zeit, Candy Moon auszuführen.

Den Rest des Tages verbringe ich damit, den quälenden Muskelkater zu besänftigen, und versuche, in dem angefangenen Buch weiterzukommen.

Der erste Schritt zurück ins Leben ist gemacht. Sport klappt; na ja ich arbeite dran. Der nächste Schritt ist das Treffen mit Freunden in der Öffentlichkeit.

Ich bekomme generell nicht viel Besuch, da ich nicht möchte, dass jeder weiß, wo ich wohne. Klingt paranoid, aber ich trenne Berufliches und Privates strikt voneinander, was unbedingt meinen Wohnort einschließt. Und eine kleine Warnlampe in meinem kranken Hirn schrillt beim Gedanken an Besucher in meiner Burg vehement vor sich hin, sodass ich sie nicht ohne weiteres ignorieren kann. Da mein Bekanntenkreis – der von June – auf wenige Menschen beschränkt ist, belaufen sich die Treffen meist zu gesellschaftlichen Ereignissen mit Kunden oder Menschen, die es werden wollen, und das reicht mir vollkommen. Candy Moon – mein Alter-Ego – hingegen pflegt lediglich One-Night-Stands und darüber hinaus ergeben sich keine Interaktionen. Sauber, einfach und unkompliziert.

Als Helen gegen 16 Uhr bei mir aufschlägt, versuche ich sie von meinem Plan, wieder als Candy Moon die Partys von London unsicher zu machen, zu überzeugen.

»Nicht, dass ich es nicht begrüßen würde, wenn du endlich wieder vor die Tür kommst. Aber ist es fürs Feiern nicht noch ein wenig zu früh?« Skeptisch hebt sie eine Augenbraue und ich rutsche auf dem Sessel herum, denn alleine beim Gedanken ans Ausgehen wird mir flau im Magen.

»Schon, ja. Aber ich – ach keine Ahnung.« Missmutig spiele ich an den Bändern meiner Jogginghose.

»Wollen wir nicht erst mit Essen gehen anfangen und mit den Zwillingen einen netten geselligen Abend verbringen, bevor wir uns ins Londoner Nachtleben stürzen?« Das klingt so gar nicht nach dem Partyluder Helen Attkins.

»Warum willst du nicht mit mir ausgehen?« Nachdenklich sieht sie mich an, so als würde sie nicht recht wissen, wie sie mich einschätzen soll.

»Wir können jederzeit ausgehen. Aber du warst eine ganze Zeit nicht mehr unter Leuten und ich will nicht, dass du dich restlos überfordert fühlst.« Zwar verdrehe ich die Augen, habe allerdings das dumpfe Gefühl, dass meine beste Freundin mit ihren Bedenken recht haben könnte.

»Also dann nur ein Abendessen mit den Zwillingen«, gebe ich seufzend nach und Helens Miene entspannt sich augenblicklich.

»Gut, dann mache ich mit ihnen was aus. Hast du dir schon überlegt, wann du wieder arbeiten gehen willst?« Eine gute Frage. Darüber habe ich noch gar nicht richtig nachgedacht.

»Dad sagt, er kommt schon klar. Aber ich fühle mich so nutzlos, wenn ich nur zu Hause rumhänge.«

»Du hast dein Leben lang geackert und hast dir mal ’ne Pause verdient. Was soll schon passieren, wenn du noch ein paar Monate ausspannst? Es ist niemandem geholfen, wenn du es übertreibst und einen Rückfall erleidest, weil es zu früh war.« Helen sieht mich forschend an. Tatsächlich hat mir mein Vater mehr oder weniger verboten, so früh wieder einzusteigen, was unweigerlich zu einem Streit zwischen uns geführt hat. Ich bin darüber immer noch wütend, er allerdings ist einfach über das Thema hinweggegangen und spricht nicht mehr davon.

»Wie war denn dein erstes Training?«, lenkt mich Helen mit ihrer Frage ab und ich muss augenblicklich an den Anblick des oberkörperfreien Floyd denken.

»Uhm … es war vielversprechend.«

Helen grinst von einem Ohr zum anderen. »Testosteron und Muskeln – verstehe.« Rotwangig schlage ich die Hände vors Gesicht und stöhne genervt auf. »Dir fehlt ein ordentliches Stück Kerl, stimmt’s?«

»Ich – ach keine Ahnung. Es war nur – und die Kerle dort ... und Floyd ohne T-Shirt …«

»Aha, der Urinstinkt hat dich also doch noch nicht verlassen.« Frech schmunzelt sie mich an und am liebsten würde ich vor Scham im Erdboden versinken. »Vamp, ist doch kein Ding. So wissen wir zumindest, dass wir dich nicht ins Kloster stecken müssen.« Ihre unbeschwert pragmatische Art ist herzerfrischend und wir prusten beide los, denn ich komme mir selbst schon echt ausgehungert nach einem Kerl vor.

Dann erzähle ich ihr von meinem Traum und dem mysteriösen Unbekannten, der auf so verstörende Weise vertraut ist.

Helen scheint nicht im Geringsten beeindruckt zu sein, denn sie drückt mir nur die Hand und rät mir, weiter zu träumen.

Ledrig

Seit über einer Stunde sitzen wir zu viert in dem kleinen, italienischen Restaurant bei einer sehr guten Flasche Barolo und einer himmlischen Pasta mit einem göttlichen Steinpilz Pesto, bei dem Sam von seinem neuesten Werbedreh erzählt. Ein junges Starlet aus Europa hat die Crew mit ihrer aufgesetzten Zickerei zur Weißglut gebracht.

Immer wieder tauscht Helen mit den beiden kleine Berührungen aus und tiefgründige Blicke zeigen deutlich, wie sehr die drei sich gegenseitig mögen. Ihr vertrauter Umgang ist wunderschön, sodass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, wie sie mit nur einem Kerl klarkommen würde.

»Wir planen eine neue Partyreihe, diesmal in ganz Europa.« Henk sieht uns freudestrahlend an und sofort werde ich hellhörig.

»Das könnte mir sehr gefallen«, quietscht Helen aufgeregt und ihre grünen Katzenaugen funkeln begeistert auf.

»Stellt euch eine Partylocation in beispielsweise dem Pariser Opernhaus oder einem alten Theater in Barcelona vor. Ziel ist es, den jungen Leuten die historischen Bauten näher zu bringen, mit dem verstaubten Image von Kunst und Kultur aufzuräumen und die Tradition mit der Moderne zu verknüpfen.«

»Klingt toll. Aber wie willst du an die Locations kommen? Die Verwaltungen von solchen Institutionen sind mehr als konservativ.« Interessiert sieht Helen ihn an.

Ihr wurde mal von einer etablierten New Yorker Galerie eine Absage erteilt, als sie dort statt ihrer züchtigeren Werke die pornografischen Stücke ausstellen wollte. Dazu sind die Amerikaner eindeutig zu prüde und seitdem weigert sich Helen strikt, auch nur einen Fuß nach New York zu setzen.

»Nun, diese Häuser haben ein Problem: Ihnen gehen die Gelder und die Kunden aus. Wir bringen junge Leute dazu, ihre Party an einem vermeintlich verstaubten Ort zu feiern und werden beweisen, dass dort genauso Trends entstehen können, wie in den hippen neuen Vierteln der Großstädte.«

»Welche Städte habt ihr denn ins Auge gefasst?«, frage ich neugierig.

»Oh, Paris, Mailand, Budapest, Wien, Berlin, Oslo, Moskau und Amsterdam stehen fürs Erste auf der Liste. Dann werden wir weitersehen.«

»Eine Menge Städte, die eine Menge Spaß versprechen.« Helen blickt mit einem abenteuerlustigen Funkeln in den Augen in die Runde und wir stoßen auf den Plan der Zwillinge an.

Später im Bett grüble ich über meine aktuelle Situation nach. Im Grunde steht der Wiederauferstehung von Candy Moon nichts im Wege. Und meine Reaktion in der Halle auf die Männer hat gezeigt, dass es eindeutig an der Zeit ist, meine körperlichen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Der Gedanke mit den Zwillingen und Helen durch Europa zu ziehen, um endlich wieder Spaß zu haben, gefällt mir zusehens besser.

Im Geiste gehe ich meine Outfits durch und Candy steht mit Schirmchendrink im durchsichtigen Negligé vor dem Kleiderschrank und verteilt Noten für die Auswahl.

Mit einem olivfarbenen asymmetrisch geschnittenen Kleid aus rauer Wildseide stehe ich plötzlich auf der Tanzfläche des Taman Gang und lasse mich von der anregenden Musik treiben.

* * *

Wieder schwebt der Duft von Rhabarber, Menthol und Zitrone in der Luft und schickt mir ein Prickeln durch den Körper. An meinem Rücken fühle ich die Wärme eines Körpers, der sich an mich drängt.

»Sie duften umwerfend, Miss Martin«, raunt mir eine samtige Stimme zu und kundige Hände fahren meine Taille hoch und ich lasse widerstandslos den Kopf nach hinten an die Schulter des unbekannten Tänzers sinken. Mit der linken Hand hält er meine Hüfte an Ort und Stelle, mit der rechten streicht er von meinem Kinn über meinen Kiefer runter zum Schlüsselbein und ich kann mir ein Aufstöhnen nicht verkneifen. Mein Körper scheint nur noch zu reagieren und ich bewege meinerseits den Hintern an seiner Mitte, was er mit einem heiseren Laut und einem festen Griff an meine Hüfte beantwortet.

»Wenn Sie wüssten, was ich alles mit Ihnen vorhabe«, flüstert er mir zu und angeheizt durch seine Worte wird meine Fantasie immer realer.

* * *

Ich stöhne auf, als ich durch meine eigenen Hände Erlösung finde. Die verheißungsvolle Stimme des Unbekannten hat eine erschreckend dominante Wirkung auf mich und ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, woher das kommt.

Eins ist gewiss: Ich bin vollkommen ausgehungert nach echten Gefühlen und mein Verstand scheint mir mit diesen real wirkenden Bildern eindeutig zu signalisieren, dass ich mein Schneckenhaus endlich verlassen und mich bzw. Candy auf Eroberungstour begeben soll.

»Nein, wir starten mit maximal drei Einheiten.« Floyd sieht mich grimmig mit vor der breiten Brust verschränkten Armen an.

»Aber ich kann nicht in dem Zustand als Candy Moon auftreten. Du musst mich fit machen«, quengle ich weiter.

»Es ist zu viel. Sie sind noch nicht so weit.« Seine Haltung ist unverrückbar und ich muss mich einmal mehr geschlagen geben.

»Also gut. Aber sobald ich die ersten Fortschritte mache, gehen wir auf vier Tage.« Ohne jegliche Gefühlsregung betrachtet er mich und zu meinem Erstaunen nickt er kurz darauf.

Das war einfacher als gedacht.

Mein Ego lehnt sich zufrieden zurück und genießt den kleinen Etappensieg über meinen furchteinflößenden Beschützer, der streng über mich wacht. Ich will in meinem Kampfoutfit gut aussehen und die lange Rumlungerei hat meinem Körper nicht gutgetan. So fühle ich mich schlichtweg nicht in der Lage, auch nur in die Nähe eines Kerls zu gehen, geschweige denn mit ihm durch die Betten zu turnen. Floyd hat ein ordentliches Stück Arbeit vor sich. Bis ich wieder in Form bin, muss ich mich jedoch in Geduld üben. Nicht gerade eine meiner Stärken.

Helen und ich gehen jeden Tag zwei Stunden durch die Wälder rund um London spazieren. Die Ruhe hilft mir sehr und wir haben Zeit, über alles Mögliche zu philosophieren. Neugierig lausche ich ihr, wenn sie von der Dreierbeziehung mit den Zwillingen erzählt. Mir ist es ein schieres Rätsel, aber für sie der Himmel auf Erden. Da nicht immer beide am selben Ort sind und Sam beruflich länger in Amerika weilt, hat sich zwischen Helen und Henk eine intensive Beziehung entwickelt.

»Und wenn Sam wieder kommt, ist das dann nicht schräg für dich?«, frage ich interessiert, während wir eine Anhöhe erklimmen.

»Schräg ist nicht das richtige Wort. Es ist, als ob ein Teil von uns geraderückt. Sam ist wie das Chili in einem teuflisch guten Gericht. Henk bindet uns durch seine Wärme aneinander. Sam fickt und Henk macht Liebe – zusammen ist es eine Abenteuerreise der Empfindungen.« An ihren rosigen Wangen erkenne ich, wie sehr sie die beiden mag. Helen war immer pragmatisch, doch die zwei haben die Wildkatze eingefangen, und zähmen sie Stück für Stück.

»Liebst du die beiden?« Ihr Schweigen ist Antwort genug.

»Sie machen mich glücklich«, sagt sie leise nach einer Weile und ich drücke ihre Hand. So etwas war für uns beide nie ein Thema. Doch ich kann sehen, wie glücklich sie mit den Zwillingen ist, und ich beneide sie in gewisser Weise um dieses Glück.

In stiller Eintracht hängen wir unseren eigenen Gedanken nach, während wir auf einer Holzbank Platz nehmen und den Blick über das bunte Meer aus Rasenflächen und Baumwipfeln schweifen lassen. Es duftet nach feuchter Erde, süßem Fingerhut, der hinter der Bank wächst und würzigem Farn.

»Candy braucht Auslauf!« Intuitiv spüre ich Helens Blick auf mir ruhen.

»Was macht dein Training? Und was sagt Dr. Harrington dazu?«

»Wenn es nach Floyd ginge, würde ich noch mindestens ein halbes Jahr keinen Spaß haben dürfen. Aber Dr. Harrington hat mir bescheinigt, dass ich nach meinem eigenen Empfinden entscheiden soll.« Erst nach einer längeren Pause seufzt Helen und ich schaue sie an.

»Wenn es das ist, was du willst, bin ich dabei.«

Erleichtert über ihre Zustimmung nicke ich nur und als es langsam dämmert, machen wir uns in einträchtigem Schweigen auf den Rückweg.

Floyd hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mir zu zeigen, dass er seine Rolle als Trainer überaus ernst nimmt, denn die Einheiten haben es wirklich in sich. Er scheuchte mich morgens in aller Herrgottsfrühe durch den Hyde Park und am Nachmittag verpasste er mir mit fiesem Zirkeltraining den Rest. Die ersten paar Tage waren die Hölle und danach konnte ich kaum von der Couch aufstehen, aber ich habe mir vorgenommen, ihm nicht die Genugtuung über mein Scheitern zu geben.

So gehen vier Wochen ins Land.

Abends bin ich so platt, dass ich tief und traumlos durchschlafe. Eine Wohltat. Meine ganze Konzentration gilt dem körperlichen Fortschritt und lenkt mich von den Fantasien und dumpfen Gedanken ab. Weitere vier Wochen später befinde ich mich in einem wesentlich besseren Zustand als gedacht.

Und dann endlich ist es so weit.

Party Nacht

»Verdammt, wo ist die schwarze Perücke?« Nervös kaue ich auf meiner Unterlippe herum, denn seit gut zwei Stunden bin ich damit beschäftigt, mich auf den heutigen Abend vorzubereiten, und bin echt aus der Übung.

Floyd habe ich in weiser Voraussicht weggeschickt und ihn angewiesen, erst wieder aufzutauchen, wenn wir fertig sind, was er nur zu gerne angenommen hat. Sicher liegt er verträumt in den Armen seiner Kate und lässt sich verwöhnen, der alte Heuchler. Aber was soll’s. Verdient hat er es alle Male.

»Vaaamp ...« Grinsend hält mir Helen das Objekt meiner elendigen Suche vor die Nase und genervt verdrehe ich die Augen über meine Schusseligkeit. Mit einem tiefen Seufzer straffe ich die Schultern, denn langsam kriege ich Herzflattern.

»Du wirst es schon nicht verlernt haben«, muntert mich Helen auf, wobei sie mir mütterlich die Schulter tätschelt. »Ist wie Fahrradfahren, schätze ich.«

»Echt jetzt?« Mit einer Mischung aus Belustigung und Skepsis blicke ich mein ziemlich gelungenes Spiegelbild an und zupfe das tiefe Dekolleté zurecht. Helen sieht mich durch den Spiegel an und ihr katzenhaftes Grinsen gibt mir eine gute Portion Selbstvertrauen, das ich gerade dringend brauche.

»Welcome back, Candy Moon.« Sie gib mir einen Klaps auf den Po, bei dem ich wohlig zusammenzucke. Erstaunlich, dass mein Körper auf sowas reagiert. Schnell schlüpfe ich in die Mörder-High-Heels und zusammen fahren wir in die Tiefgarage, wo uns Floyd bereits erwartet.

»Guten Abend, Miss Moon.« Anerkennend lächelt er mir zu und ich erwidere es unsicher.

»Alles halb so wild, Süße. Sind nur die Londoner Junggesellen.« Helen steigt gut gelaunt ein und ich folge ihr mit ein wenig Skepsis. Wir fahren zu unserem Stammclub, dem Dalston. Ich habe Stephan, den Besitzer, seit Längerem nicht mehr gesehen und freue mich sehr, den bunten Paradiesvogel der Londoner Partyszene endlich wieder um mich zu haben.

»Auf geht’s, Sweety.« Helen grinst mich an, als wir aus dem Auto steigen und wir stolzieren Seite an Seite gefolgt von Floyd an den gaffenden Türstehern vorbei, betreten den Tanz-Tempel und damit unsere heutige Bühne. Ein sonderbares Kribbeln im Nacken setzt bei mir ein – als würde ich etwas Verbotenes tun. Komisch.

Heiße Latinorhythmen gemischt mit elektronischen Beats empfangen uns in einer Affenhitze. Die Partyanimals Londons sind in Hochstimmung und wir schlängeln uns zur Bar durch, um uns einen Überblick zu verschaffen. Stephan hat uns längst gesichtet und kommt strahlend auf uns zu.

»Dass ich das noch erleben darf – Candy Moon und Miss Attkins in meinem Club. Wie lange wolltet ihr euch denn noch vor der Welt verstecken, Ladys?«

»Wir haben nur ein wenig Abstand gebraucht. Aber – tadaa – hier sind wir und werden dem Laden mal ordentlich einheizen«, grinst Helen frech unter ihrer roten Lockenpracht hervor.

»Na dann, die ersten Drinks gehen aufs Haus. Viel Spaß und – schön dass ihr da seid!« Stephan deutet eine Verbeugung an und verschwindet schmunzelnd wieder hinter seiner Bar.

»Da hörst du’s. Also lass uns Spaß haben.« Helens grüne Augen funkeln erwartungsvoll und ich sauge die Atmosphäre gierig auf. Ich sehe mir die Menge an, checke die Jungs in unserer unmittelbaren Nähe und werde auch schon von Helen auf die Tanzfläche geschleppt.

Mit ihr ist es immer leicht, denn wir sind ein eingespieltes Team und so starten wir unser gewohntes Tanzprogramm, bei dem wir schnell neugierige Blick auf uns ziehen.

»Wow, Honey, du hast ’nen echt heißen Hüftschwung«, grollt mir eine dunkle Stimme ins Ohr und mit einer arrogant hochgezogenen Augenbraue schaue ich dem blonden, groß gewachsenen Kerl in die dunklen Augen.

»Ich weiß«, kontere ich und will mich zu Helen umdrehen, da hält mich der Blonde zurück und fragt: »Tanz mit mir und nicht mit deiner Freundin, es sei denn, es gibt euch nur im Doppelpack!«

WHAT?

Die überhebliche und großspurige Art des Blonden beeindruckt mich mehr als gedacht, da ich noch nicht zu meiner vollständigen Candy Moon Version zurückgefunden habe. Aber die Art seines forschen Auftritts ist angenehm aufregend und meine unruhige Libido meldet harsch Bedarf nach mehr von dieser Art der Kommunikation an. Mit einem Seitenblick auf Helen, die mir ermuntert zunickt, hole ich mir meine Absolution und widme mich dem blonden Kerl, dessen Mundwinkel verräterisch im vermeintlichen Triumph zucken.

»Tanzen, hmpf. Dann zeig mal, was du zu bieten hast«, fordere ich ihn heraus, gespannt was mich nun erwartet.

Eine leise Stimme im Hinterkopf ermahnt mich zur Vorsicht, doch ich schiebe sie beiseite. Meine Herausforderung hat ihn offensichtlich angespornt, denn ich finde mich an ihn gepresst wieder und fühle seinen Body durch sein dünnes dunkles Shirt.

Unweigerlich tauchen Bilder von eleganten Händen vor meinem geistigen Auge auf, die gekonnt über meinen Oberkörper gleiten. Und Rhabarber und Menthol vermischen sich zu einer sinnlichen Duftnote.

Echt jetzt – schon wieder dieser Tagtraum – komm schon, das ist nicht fair.

Zum Glück kann sich der Blonde gut bewegen und ich lasse mich, so weit es mir möglich ist, auf ihn ein. Nur durch seine Bewegung führt er mich zu den Beats und ich versuche, nicht in Panik auszubrechen. Eine Note von Leder, gemischt mit Kardamom und Grapefruit sticht mir in die Nase.

»Wenn der Inhalt dieser heißen Verpackung hält, was sie verspricht, will ich das schnell herausfinden.« Sein Gesicht ist viel zu dicht an meinem und seine große Hand legt sich auf meinen Hintern. Viel zu intim für mich, denn an meinem Bauch spüre ich deutlich seine Erektion, was nicht die gewohnte Vorfreude auslöst – im Gegenteil.

»Hey, wer hat was von Anfassen gesagt?« Aufgebracht über seinen derartigen Fauxpas will ich mich wegdrehen, aber der Kerl lässt sich davon nicht beeindrucken. Im Gegenteil.

Er wird zudringlicher und seine Berührungen haben etwas Unnachgiebiges an sich, was mir missfällt. Warnstufe 1.

»Wir spielen nach meinen Regeln, oder gar nicht«, weise ich ihn zurecht, da er mir jetzt wirklich zu weit geht, als er die Hand an meinen Nacken legt und mit der anderen meinen rechten Arm festhält.

»Du bist eine, die es drauf anlegt, hab ich recht?« Seine Stimme ist heiser, während er mich zu den Toiletten durch die Menge dirigiert, ohne, dass ich was dagegen machen kann. Wie damals vor etlichen Jahren.

Shit!

Er dominiert mich alleine durch seine Körpergröße und als ich schreien will, presst er seinen nach Alkohol riechenden Mund auf meinen.

Panik steigt in mir hoch.

Alle Alarmsirenen schrillen um die Wette und verzweifelt suche ich nach einem Ausweg, doch der Kerl hat mich schon an den Toiletten vorbei zum Hinterausgang gedrängt. Meine Schläfen pochen unangenehm und ich wehre mich nach Leibeskräften – vergeblich. Um die schwere Metalltür aufstoßen zu können, muss er mich für einen Augenblick loslassen. Diesen nutze ich, um ihm den Ellbogen in den Magen zu rammen, und der Kerl heult schmerzvoll auf.

»Nimm deine dreckigen Finger von ihr, SOFORT!« Floyds autoritäre Stimme ertönt hinter dem Blonden, der zähnefletschend zu ihm herumfährt und meinen Retter anfunkelt.

»Verpiss dich, Mann. Die Kleine braucht nur frische Luft«, bellt der Kerl und will mich durch die Tür schieben, aber er hat nicht mit Floyds Schnelligkeit gerechnet. Ein kurzer Blick zwischen uns und ich stampfe dem Blonden auf den rechten Fuß, den er brüllend wegzieht. Floyd nutzt die Schwäche aus und kickt ihm das andere Bein unter dem Körper weg, sodass der Kerl hart auf den Boden aufschlägt. Schon hat Floyd mich aus der offenen Tür geschoben und ist blitzartig über dem Kerl, der gerade versucht, aufzuspringen.

»Bleib liegen, Mann, oder du wirst es bereuen!« Floyd sieht ihn warnend an, doch der Idiot will sich offenbar nicht vorführen lassen und springt wutschnaubend auf. Zwei dumpfe Schläge gegen die Leber, und einen deftigen Kinnhaken später liegt er gekrümmt und stöhnend am Boden und Floyd drängt mich über den Hof.

»Ist Ihnen was passiert, Ma’am? Hat das Schwein Sie verletzt?«, fragt er ungerührt und mustert mich dabei eindringlich. Noch geschockt von dem Szenario schüttle ich nur den Kopf.

»Nur mein Stolz ist angeknackst. Ich bin wohl nicht mehr so fit darin, die Guten von den Bösen zu unterscheiden.« Angewidert spucke ich aus, und er reicht mir einen Kaugummi.

»Schon okay«, beruhigt er mich und ich versuche, mein Herzrasen durch tiefes Ein- und Ausatmen in den Griff zu bekommen. Wieder hat er mich gerettet.

»Gott sei Dank, es geht dir gut.« Aufgelöst stürmt Helen auf uns zu. »Was war das für ein Arschloch?«

»Nur ein Aufschneider«, antwortet Floyd gelangweilt und geleitet uns zum Wagen.

»Es tut mir leid, dass unser erster Abend so ein Reinfall geworden ist.« Helen sieht mich mitleidig an.

»Du kannst ja nichts für Idioten, die keine Grenze akzeptieren.«

»Ich hätte dich nicht alleine lassen dürfen. Verzeih mir.« Ihre brüchige Stimme macht mich verlegen.

»Hey, dass mit dem Flirten war meine Entscheidung. Und außerdem habe ich den weltbesten Bodyguard.« Helen lacht bitter auf. Floyd sieht mich durch den Rückspiegel an und nickt kurz. Sie nimmt meine Hand und schweigend fahren wir zu mir.

Als Helen und ich eine Stunde später zusammen im Bett liegen, kommt mir der Abend skurril vor. Mein Körper war zwar auf Spaß programmiert und ich hätte nichts lieber als eine ordentliche Runde durch die Kissen gedreht, doch der Blonde hat all dies mit seiner Aufdringlichkeit zu Nichte gemacht. Und dann wieder dieses Flashlight mit dem Unbekannten aus meinen Träumen.

Ist es möglich, eine Fantasiegestalt so real zu erdenken, dass sie einen verfolgt?

Das muss ich unbedingt Dr. Harrington fragen.

Modrig

Die Szene im Club hat Floyd aufgescheucht und jetzt geht mein Selbstverteidigungstraining in die nächste Runde. Er nimmt seine Aufgabe verdammt ernst und verpasst mir ein echtes Hardcore Programm. Grimmig beharrt er auf seinen Übungen, auch wenn ich bereits am Ende meiner physischen Kräfte bin. Das Gute daran ist, dass ich schneller als geplant wieder in Form komme, mich allerdings mit einem höllischen Muskelkater und diversen blauen Flecken herumärgern muss.

Der Zusammenstoß mit dem Möchtegern-Casanova aus dem Club zeigte deutlich, wie wenig ich darauf vorbereitet war. Trotz aller körperlichen Signale, meiner hellwachen Libido und der Neugier auf ein Abenteuer hat mich die Situation aufgewühlt und nachdenklich gestimmt.

Helen ist der Meinung, wir sollten uns auf privaten Events mit geladenen Gästen erstmal »herantasten«, um, nachdem ich mich in meiner Rolle als Candy Moon wieder sicher fühle, den nächsten Schritt machen.

Im Grunde hat sie Recht. Allerdings bedeutet dies gleichzeitig, dass ich bis dahin auf Sex erstmal verzichten muss.

Gott, ich klinge wie eine nymphomanische Idiotin.

Aber seit Monaten sind diverse Dildos und meine eigenen Hände das Einzige, dass ich zu spüren bekomme.

Ja, ich kann praktisch Ihren anklagenden Blick spüren.

Sie denken jetzt sicher: Dekadente, eingebildete, oberflächliche Tussi.

Ist Ihr gutes Recht.

Doch ich bin mit Kalkül ›oberflächlich‹, denn jeder, der in mein Innerstes blickt, sieht nur die hässliche verkümmerte Wahrheit eines verletzten verbitterten Kindes, das nicht weiß, wie es sich in der Welt anders behaupten soll.

Die sinnlichen Träume manifestieren sich zusehends in Sehnsüchte und machen mich ganz wild auf eine Runde heißen, versauten Sex. Dumm nur, dass mein virtueller Lover weder ein Gesicht noch einen Namen zu haben scheint, dafür höchst präsent ist, wenn meine Fantasie mal wieder mit mir durchgeht.

Und über all die Grübeleien keimt eine Idee in mir auf, die ich vor einigen Jahren schon einmal hatte, sie aber wegen meiner Karriere nie weiter verfolgte. Noch bin ich nicht sicher, ob Helen mitmachen wird. Floyd jedenfalls wird ausrasten, so viel ist sicher.

* * *

»Okay, hab ich dich richtig verstanden: Du willst zu den Partys von Sam und Henk durch Europa ziehen?« Helen sieht mich kritisch über ihr Chicken Teryaki hinweg an, als wir einige Wochen später essen gehen.

»Ja, ich – also hier in London habe ich die Befürchtung, jemandem über die Füße zu stolpern, den ich womöglich kenne – als June meine ich. Und dort kennt mich niemand. Und ...«

»Was sagt Floyd dazu?« Damit trifft sie den wunden Punkt, für den ich noch keine Lösung habe. Mit einem tiefen Seufzer stelle ich mich ihrem forschenden Blick.

»Hab noch nicht mit ihm darüber gesprochen. Er würde – ach du weißt doch, wie er ist.«

»Ja, und deshalb hast du ihn engagiert. Hat nicht der Abend im Club gezeigt, wie wichtig es ist, dass er an deiner Seite ist?« Um nicht wieder die Augen zu verdrehen, nehme ich einen kräftigen Schluck meines Wassers – ich bin auf Anraten von Floyd komplett weg von jeglichem Alkohol.