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VERLIERE NIE DEIN HERZ AN DIE FARBE DER LIEBE, DENN SIE WIRD DICH IN DIE FINSTERNIS STOẞEN. Mein Name ist June Martin. Erfolgreiche Geschäftsfrau mit dem Hang zu Luxus und heißen One-Night-Stands. Den dekadenten Business-Zirkus und das ausschweifende Party-Nachtleben trenne ich strikt voneinander. Beide Welten beherrsche ich bravourös, habe meine Rollen über die Jahre perfektioniert und genieße es in vollen Zügen. Die meisten von Ihnen werden das für oberflächlich, vielleicht sogar gestört halten. Mag sein. Aber vor langer Zeit sind mir die wichtigsten Fähigkeiten eines Menschen entrissen worden: Liebe und Vertrauen. Bedauernswert? Keinesfalls, denn ohne sie lebt es sich bedeutend leichter. Bis ausgerechnet ER mir zeigt, dass meine glitzernde Fassade der unnahbaren Femme-Fatal gegen die elementarste Kraft zwischen zwei Menschen chancenlos ist: pure dunkle Leidenschaft. Ein zwielichtiger Geschäftsmann mit zu vielen Geheimnissen und einem mörderischen Auftrag, der meine wohlsortierte Welt erschüttert und mich ins Chaos stürzt. ERLÖSUNG BEDEUTET SCHMERZ. DENN DU WIRST GENAU DAS VERLIEREN, WAS DU GERADE ERST GEFUNDEN HAST. Gefährliche Liebe. Dunkle Vergangenheit. Große Gefühle. Der Auftakt der Beyond-Reihe.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Vorwort der Autorin
Prolog
Eisblau
Fuchisarot
Smaragdgrün
Helioblau
Champagner
Rotgold
Nussbaum
Olivgrün
Scharlachrot
Magenta
Vanille
Tiefblau
Purpur
Gold
Kirschrot
Tiefschwarz
Elfenbeinweiß
Maigrün
Rosé
Blaugrün
Sonnengelb
Karamell
Cremeweiß
Messing
Staubgrau
Blauschwarz
Reinweiß
Feuerrot
Schokobraun
Rubinrot
Violett
Dunkelblau
Honiggelb
Taupe
Christallblau
Rosa-Rot
Nachtschwarz
Lichtgrau
Aschgrau
Schiefergrau
Silber
Hellrot
Schwarzgrau
Ebenholz
Curry
Pechschwarz
Epilog
Danksagung
Anmerkung der Autorin
Leseprobe
Prolog
Menthol
Mehr von mir
Bereits erschienene Werke
Titelseite
Cover
Inhaltsverzeichnis
Buchanfang
Über das Buch:
Die sündige Affäre zwischen June und Thomas bringt nicht nur Junes wohlsortierte Welt ins Wanken, sondern reißt sie in ein gefährliches Spiel, in das neben zwielichtigen Kriminellen auch das englische Königshaus verwickelt ist.
Urplötzlich muss sie sich ihren Urängsten stellen und gerät ins Visier eines Söldners, der vor nichts zurückschreckt, um seine Mission zu erfüllen. Dabei rettet sie ausgerechnet Thomas, dessen dunkle Geheimnisse ihre gerade erblühte Beziehung zu zerstören drohen.
Wer ist Thomas Nolan eigentlich wirklich?
Über die Autorin:
Neugierige Wortaktrobatin, mutiger lebenshungriger Schöngeist, Film-Junkie und Book-Nerd.
Romantik und Thriller verschmelzen bei Grace C. Node zu einem spannenden Gefühlschaos. Gepaart mit dramatischen Wendepunkten, Schicksalsschlägen und einer Prise Schockmomenten würzt sie die Story zu einem Gefühlsfeuerwerk, das unter die Haut geht.
Achtung! Es besteht Suchtgefahr nach mehr Lesestoff.
Sternfeder Verlag
Ein Imprint des Zeilenfluss Verlags
Werinherstraße 3
81541 München
Deutschland
www.sternfederverlag.de
2. Auflage
Texte: Grace C. Node
Nachdruck - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung von Grace C. Node.
Coverdesign: Grace C. Node
Bildquelle: Adobe Stock #102427416 lizensiert
Korrektorat/Lektorat: Grace C. Node
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:
https://portal.dnb.de/opac.htm
Das Buch ist rein fiktiv. Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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ISBN: 9783691570663
Lasst die Farben der Liebe in eure Herzen.
Bitte bedenke, dies ist ein fiktiver Roman!
Alles ist der Fantasie der Autorin entsprungen, jede Handlung, die Gefühlswelt und das gesamte Setting sind dazu kreiert worden, um dich zu unterhalten.
Die Entscheidungen, die die Protagonisten treffen, werden womöglich gegenläufig zu deinen eigenen Vorstellungen sein, sind vielleicht im wahren Leben verwerflich, beschämend oder schlicht weg irrational.
Doch sie sind eben fiktiv und gehören zur Charakterentwicklung dazu.
Die Geschichte hinter dem Koh-i-Noor-Diamanten beruht teilweise auf wahren Begebenheiten, die im Rahmen des Romans verändert, ergänzt und für die Handlung angepasst wurden. Da dieser Diamant seinerzeit im Rahmen der britschen Besetzung Indiens an Königin Victoria ging, wurde er Stein Teil der Kronjuwelen. Er ziert seit 1937 die Krone von Charles’ Großmutter Elisabeth Bowes-Lyon. Der Koh-i-Noor ist der wohl umstrittenste Stein der Welt, und bot meiner Geschichte dadurch sehr viel Spielraum. Sie spielt zeitlich VOR dem Tod von Königin Elisabeth II. Daher sind die Settings in den arabischen Emiraten auch ein wichtiger Bestandteil der Handlung innerhalb der gesamten Trilogie.
Erst im letzten Band werden alle offenen Fragen geklärt sein und das beinhaltet zwei heftige Cliffhanger. Um die gesamte Geschichte zu verstehen, ist es notwendig, alle drei Bücher in chronologischer Reihenfolge zu lesen.
Manches wird dich während des Lesens aufwühlen. Anderes wird dir eventuell unbequem und unpassend erscheinen – das ist so gewollt. Du sollst mitfühlen, egal wie sperrig oder unangebracht es dir erscheinen mag. Denn die Protagonistin empfindet es genau so.
Das solltest du beim Lesen nie außer Acht lassen.
Da sich Emotionen und Stimmungen in der Farbtherapie widerspiegeln lassen, sind die Kapitelüberschriften entsprechende Farbnamen. Es ist keine zwingende Voraussetzung, die Farbzuordnungen zu kennen, da sie sich aus dem Text ergibt. Aber für die interessierte Leserschaft sei der Vollständigkeit halber darauf hingewiesen.
Es wird sehr spicy!
Dies dient über die gesamten drei Bücher ebenfalls der Charakterentwicklung der Hauptprotagonistin. Wenn dir solche Geschichten NICHT gefallen, solltest du das Buch auf keinen Fall lesen.
Wenn du also auf diese Reise mit June Martin gehst, kann es sein, dass du sie verfluchen wirst, sie hassen und wahrscheinlich sogar verachten wirst.
Solltest du auf eine derartig fesselnde emotionale Reise KEINE Lust haben, nimm bitte Abstand zu dem Buch!
Anderenfalls wünsche ich viel Spaß in der abgedrehten Welt von BEYOND.
Flackerndes Licht blendet mich. Die Geräusche um mich herum sind gedämpft, und mein Körper scheint mir nicht gehorchen zu wollen.
»Ein Arzt! Wir brauchen sofort einen Arzt«, ertönt die schrille Stimme meiner Mutter neben mir. Mir ist kalt – so unglaublich kalt und das Zittern schmerzt regelrecht. Leute greifen nach mir. Etwas Frostiges berührt meine rechte Seite.
Merken die denn nicht, dass ich hier erfriere?
Kräftige Hände packen mich, dann durchzuckt mich ein stechender, widerlicher Schmerz zwischen den Beinen. Ich will um mich schlagen, doch meine Arme werden fixiert, während meine Mutter auf mich einzureden scheint, nur ihre Worte ergeben keinen rechten Sinn. Ein Stich in den Arm folgt und ich merke, wie eine kalte Flüssigkeit in die Vene läuft.
Was tun die mit mir?
Alles um mich herum verschwimmt.
Zwei Tage später
Hustend versuche ich, mich aufzusetzen, und werde gleich von Mum sanft zurück in die Kissen gedrückt.
»Oh Gott, June. Wir hatten solche Angst um dich. Endlich bist du wach«, flüstert sie und ich sehe dunkle Schatten unter ihren sonst perfekt geschminkten Augen.
»Was ist passiert?« Die Worte kratzen in meiner trockenen Kehle. Es kommt mir vor, als hätte ich seit Wochen nichts mehr getrunken.
»Hier, nimm einen Schluck Wasser, Kind.« Mum hält mir einen Strohhalm an den Mund und gierig sauge ich die Flüssigkeit ein. »Deine Niere – du hast eine verschleppte Nierenbeckenentzündung und die gipfelte in einem Nierenstau. Herrje June, warum zum Kuckuck hast du nichts gesagt? Du hättest sterben können, du unvernünftiges Kind.« Ihre Stimme klingt rau vom Weinen.
»Was meinst du damit?« Irritiert runzele ich die Stirn.
Ihre Lippen beben. »Dein Vater hat dich bewusstlos im Badezimmer gefunden. Wenn er dich nicht sofort ins Krankenhaus gebracht hätte … Verdammt June, warum bist du nur so starrköpfig.«
Ihre großen klaren Augen verschwimmen und sie schluchzt auf. »Zum Glück haben sie einen Katheder gesetzt und damit konnte der Nierenstau gelöst werden. Sie wollten dich operieren. Es hätte dein Ende sein können! Himmel, Kind, warum hast du nur nichts gesagt. Die Ärzte meinten, du müsstest höllische Schmerzen gehabt haben.«
Die hatte ich auch, doch es war egal.
Alles war zu diesem Zeitpunkt egal.
Es sollte das letzte Mal sein, dass ich meiner Mutter so nah war.
* * *
Kämpfen – niemals aufgeben. Das habe ich auf die harte Tour gelernt. Über die Schmerzgrenze hinaus weiterzumachen und durch pure Willenskraft den Körper über sein Limit bringen.
Ja, das kann ich. Darin bin ich richtig gut geworden.
Durch die Nierenerkrankung ist meine rechte Niere nur noch zu 20% leistungsfähig. Aber das macht nichts. Bloß ein Souvenir meines Selbstzerstörungstrips. Man kann auch mit einer Niere leben. Und ich kämpfte mich zurück.
Der emotionale Leidensweg hat mich ins Krankenhaus gebracht – nur weil meine Eltern beschlossen hatten, eine Schlammschlacht aus ihrer Ehe zu veranstalten und ich in dem hässlichen Chaos den Boden unter den Füßen verlor. Ich weinte, schrie, zeterte, schwieg; nicht, dass es etwas geändert hätte. Die Verzweiflung schlug in Destruktivität um, die sich gegen mich selbst richtete.
Ich aß und trank kaum noch und als ich dann die verschleppte Blasenentzündung körperlich zu spüren begann, war es wie ein willkommener Triumph über meine selbstsüchtigen Eltern. Der physische Schmerz war zumindest etwas, das ich wahrnahm, denn jedwede Empfindungen waren betäubt durch die Trauer und Wut über den Verlust meiner ehemals perfekten Familie.
Als Kind nimmt man lediglich die leisen Zwischentöne wahr, denn das große Ganze erschließt sich dir noch nicht. Aber die Botschaft, dass du nicht wert bist, geliebt zu werden, brennt sich für immer in dein Herz. Verlassen von dem wichtigsten Menschen in deinem jungen Leben stirbt das Vertrauen in dir vollkommen ab, lässt dich zweifeln – an dir, der Welt, der Liebe. Einfach an allem!
Mum verschwand an einem grauen nebligen Morgen und wäre ich nicht zufällig früher als üblich die Treppe heruntergekommen, hätte ich es gar nicht mitbekommen. Sie war im Begriff in eine schwarze Limousine einzusteigen, als ich nach ihr rief. Ihr Gesicht eine unnahbare Maske ohne jegliche Emotion.
Und dann verließ sie uns.
Vater stand einfach nur da und tat nichts.
Dafür hasse ich ihn.
Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag: Ich konnte meine Eltern nicht von etwas überzeugen, an das sie nicht mehr glaubten. Ich musste mich selbst schützen, indem ich derlei Chaos und Verletzungen nicht mehr an mich heranließ.
Die Mauern wurden höher und dicker im Laufe der Jahre und ich wurde Expertin im Aufbau einer glänzenden Fassade. Unerbittlich nahm ich den Kampf gegen die zerstörerischen Gefühle auf und brachte einen passablen Schutzwall zustande.
Fünf Jahre später
Zuversicht. Er war der Junge unserer Nachbarn und drei Jahre älter als ich. An meinem sechzehnten Geburtstag hat er mich in der Laube hinter dem Haus geküsst. Mein Dad war nicht begeistert, kapitulierte aber nach einem Monat. Die sexuellen Erfahrungen waren aufregend und ich eine wissbegierige Schülerin. Ein Jahr lang hatte ich das Gefühl, dass es tatsächlich sowas wie Vertrauen zwischen zwei Menschen geben kann, dass mir meine Eltern so grausam entrissen hatten.
Der Anruf meiner Freundin kommt unerwartet. Verheult und aufgelöst erklärte sie mir, dass es nicht geplant war und er sich schäme, es mir direkt ins Gesicht zu sagen. Doch sie könne mit ihrem Fehler nicht so weitermachen.
Drei Tage schloss ich mich in meinem Zimmer ein und heulte mir die Seele aus dem Leib. Der Verrat schnitt tief in mein Herz und blutete die zarten Gefühle und Sehnsüchte aus. Am vierten Tag erwachte die Kämpferin in mir zum Leben und zog mich aus dem Sumpf der Trauer. Die kommenden Wochen schottete ich mich von meinen Freunden ab und löschte seine und ihre Nummer aus meiner Telefonliste. Beim täglichen Fitnessprogramm kanalisierte ich den Frust sowie den verletzten Stolz und es ging mir langsam besser.
Die Welt hatte mich wieder.
Sechs Jahre später
Eine zweite Chance. Wir waren glücklich. Die erste Zeit war stürmisch und wir kamen kaum aus dem Bett. Er gab mir das Gefühl, es wäre für ewig und ich glaubte es ihm nur zu gerne. Die brennende Sehnsucht nach einem Menschen an meiner Seite war stärker als die blinkenden Warnschilder meines rationalen Verstandes.
Im zweiten Jahr unserer Beziehung musste er öfter auf Reisen und ich konzentrierte mich aufs Studium, wenn ich nicht bei Dad in der Firma mitarbeitete.
Wir wollten uns eine gemeinsame Wohnung suchen.
Eines Abends – er war unter der Dusche – erhielt er eine SMS. In letzter Zeit telefonierte er auf der Terrasse. Sein Telefon packte er seit Neuestem immer in seine Tasche.
Er sagte, es wäre nichts. Nur eine Angewohnheit.
Nun lag es wie ein Geschenk auf der Anrichte in der Küche.
Ich konnte nicht widerstehen.
- Megan | 02:13h
Die letzte Nacht war unglaublich.
Du warst unersättlich, wie immer ;-)
Kann es kaum erwarten, dich wieder unter mir zu haben!
XoXo Megan
Mit brennendem Herzen betrachtete ich die Nachricht, das dazu gesendete Foto einer bildhübschen jungen Frau, und traf eine Entscheidung. Ich packte meine Sachen zusammen und verließ sein Apartment, ohne ihn damit zu konfrontieren.
Es folgten unzählige Anrufe, E-Mails und verzweifelte Besuche bei meinem Vater, doch ich ignorierte sie ausnahmslos. Nach zwei Monaten gab er endlich auf.
Dies war der Zeitpunkt, an dem der Selbsterhaltungstrieb mit aller Macht die Oberhand über die todunglückliche und emotional gebrochene June Martin übernahm. Er umfing mich wie eine warme Decke und legte sich schützend auf meine vernarbte heulende Seele.
An jenem Morgen erwachte ich als ein neuer Mensch – stark, unabhängig und kalt wie Stein.
Nie wieder würde mich jemand so demütigen, verwunden, niederstrecken und zertreten.
Ich würde mir zukünftig alles nehmen, was ich wollte.
Ohne Rücksicht auf Verluste.
London, Regen, 1:37 Uhr | Heute
Im fahlen Neonlicht der Badezimmerlampe betrachtete ich mein Spiegelbild: Gerötete Augen blickten mir unter verwischter Schminke aus einem bleichen Gesicht entgegen. Zu lange Nacht, eindeutig. Mit einem Seufzer richtete ich die silberne Perücke und das graue Kleid, dann glitt ich lautlos in das schäbige Hotelzimmer und beobachtete den schlafenden blonden Kerl, der nackt vor mir lag. Ficken konnte er, so viel war sicher. Schmunzelnd sammelte ich meine Habseligkeiten zusammen und zog leise die Tür hinter mir zu.
Stöhnend erwache ich einige Stunden später aus einem traumlosen Schlaf. Die letzte Nacht war heftig, doch wenig befriedigend. Obwohl ich mir mit Alkohol etwas Mut angetrunken hatte, wurde die Aktion nicht besser. Aber ich hatte mich aufgerafft, um der Einsamkeit zu entfliehen. Wieder einmal.
Der Regen prasselt unaufhörlich gegen die Fenster und die dunkelgrauen Sturmwolken passen hervorragend zu meiner destruktiven Stimmung. Ich schalte den schrillenden Wecker aus und schlurfe ins Bad. Es wird ein langer, anstrengender Tag und Dad wird sicher nicht erfreut über meinen desolaten Zustand sein. Was soll’s. Es gibt nichts, was man nicht mit einem guten Kaffee und ein wenig Make-up wieder in den Griff bekommt.
Unter der Dusche gehe ich die letzte Nacht im Geiste nochmal durch:
Blonder gut aussehender Typ mit grünen Augen; sehr anziehendes Lächeln. Küssen konnte er, wenn auch nicht auf den Mund, denn das tue ich nicht. Viel zu intim.
Er war sehr interessiert und so war es ein Leichtes, auf meine eigenen Kosten zu kommen. Dachte ich.
Als wir im Hotelzimmer waren, standen die Aussichten gut, mein körperliches Bedürfnis zu befriedigen. Seine Hände fühlten sich vielversprechend an und ich hatte sogar einen Moment, in dem ich glaubte, mich fallen lassen zu können.
Allerdings war es nur dieser kurze Augenblick, denn es war wieder nur ein schnöder Standard-One-Night-Stand, der nichts weiter als den Akt an sich betraf. Er erinnerte einmal mehr daran, wie sehr ich mich nach authentischen echten Gefühlen sehnte. Ein Relikt meiner desolaten Vergangenheit.
Mittlerweile bin ich über das Grübeln mit dem Make-up fertig und mein langes strohblondes Haar ist zu einem tiefsitzenden Knoten im Nacken locker zusammengebunden. Für den heutigen Termin entscheide ich mich für ein hellgraues Kostüm, unter das ich eine weiße Seidenbluse anziehe.
Ich bin gespannt, wie Mr. Nolan so drauf ist und wie wir ihn davon überzeugt bekommen, bei uns die drei Abschlüsse zu tätigen.
Mit einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel schlüpfe ich in die nudefarbenen Louboutins, schnappte mir die cremefarbene Peekaboo und den Regenschirm. Unser Fahrer wartet bereits unten; ich bin spät dran, wieder einmal.
»Guten Morgen, Miss Martin.« Freundlich lächelt mich Roger an, während er mir die Tür aufhält, und ich lasse mich erleichtert in den Sitz der Limousine fallen.
»Guten Morgen, Roger. Ist mein Vater schon am Flughafen?«
»Ja, Ma’am. Mr. Martin ist schon früh eingetroffen.«
Na toll, Dad wird mir den Kopf abreißen.
Roger schlängelt sich geschickt durch die morgendliche Rushhour, während ich an meinem Kaffee nippe, den er mir von meinem Lieblingsbarista mitgebracht hat. Der Termin mit Mr. Nolan ist ein wichtiger Schritt für unsere Firma. Er hat offenbar sehr solvente Klienten, die eine Menge Geld für schöne Dinge ausgeben und Dad hat mich damit beauftragt, ein Treffen mit ihm zu arrangieren. Vertrauen und Zuverlässigkeit sind das A und O in der Liga von Highclass-Kunden und mein Vater hat sich über Jahre hinweg seine Reputation in diesen Kreisen hart erarbeitet.
Wir bauen Yachten. Luxusyachten genauer gesagt, bei denen der Käufer, wenn er gewillt und bereit ist, ein Vermögen zu zahlen, alles bekommt, was er wünscht. Ich war schon immer fasziniert davon, das Unmögliche möglich zu machen. Tja und das ist nun mein Job: Ich verkaufe Träume und organisiere die Wünsche unserer Klienten.
»Wir sind da, Miss Martin«, informiert mich Roger, als er auf das Rollfeld des Privatterminals fährt. Für kurzfristige Business-Trips leiht uns ein Freund meines Vaters seinen Privatjet. Viel unkomplizierter und, na ja, viel cooler als ein schnöder Linienflug. Roger begleitet mich unter dem ausladenden Regenschirm bis zur Maschine und verabschiedet sich dann von mir. Wie immer erwartet mich Dad bereits ungeduldig.
»June, na endlich. Wir sind spät dran.«
»Guten Morgen, Dad und ja, ich weiß.« Mit einem Kuss auf die Wange versuche ich ihn zu besänftigen. Mahnend zieht er eine Augenbraue hoch, um mir zu signalisieren, dass ich zum wiederholten Male seine Geduld auf die Probe stelle.
»Hast du alle Daten im Kopf?« In seinem Blick liegt eine klare Herausforderung und insgeheim verdrehe ich die Augen.
»Natürlich. Es sollen insgesamt drei Yachten angeboten werden. Mr. Nolan wollte in unserem heutigen Termin die möglichen Ausstattungsdetails und Optionen durchsprechen. Es sind drei verschiedene Kunden, alle aus den arabischen Emiraten. Ich habe entsprechende Beispielpräsentationen vorbereitet. Die Lieferungen sollen zeitgleich erfolgen, was uns vor eine extreme Herausforderung stellen wird.«
»Deine Spezialität. Daher sehe ich hier kein Problem.« Kühl lächelt er mich an, da er nichts anderes von mir erwartet. Ich bin gut darin, unter Druck die besten Ergebnisse abzuliefern, und dieser Deal wäre eine hervorragende Spielwiese für mein Ego.
»Was für ein Typ ist dieser Mr. Nolan eigentlich?«
»Tja, über ihn gibt es nicht wirklich viele Informationen, außer, dass alle seine Klienten wirkliche Hochkaräter sind. Prominente, hochrangige Geschäftsleute, Scheichs, der Adel und so weiter. Er vermittelt und regelt alles. Von den Gesprächen bis zur abschließenden Bezahlung ist er der einzige Ansprechpartner. Seine Firma scheint sauber und es gab, nach meinen Recherchen keine Unstimmigkeiten oder Negativschlagzeilen.«
»Dann werden wir Mr. Nolan von den herausragenden Martin-Qualitäten überzeugen und ihn für uns gewinnen.« Zufrieden nickt er. »Du wirst ihn umhauen, June.«
Lachend lehne ich mich in den luxuriösen Sitz zurück und genieße den Rest des Fluges bei einer weiteren Tasse Kaffee.
»Willkommen in Wien. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.« Die Stewardess reicht mir an der Tür des Jets noch eine kleine Flasche Wasser, die ich dankend entgegen nehme. Mit dem Fahrer geht es dann vom Flughafen direkt zum Treffpunkt im Herzen Wiens. Das Hotel versprüht einen gediegenen Charme und ich habe gleich ein gutes Gefühl, dass Esther, unsere Assistentin, das richtige Gespür hatte. Mein Vater kündigt uns bei der elegant gekleideten Empfangsdame an und sofort werden wir von einem livrierten Bediensteten in den gebuchten Konferenzraum geleitet.
Schnell baue ich den Laptop auf, um jederzeit mit der Präsentation starten zu können, während Dad seine Unterlagen sowie unsere Visitenkarten zurecht legt. Langsam steigt das gewohnte Kribbeln in mir auf, das mich immer vor einem wichtigen Termin erfasst.
Das Klopfen an der Tür lässt mich tief einatmen und Dad ist schon auf dem Weg, um die Gäste zu begrüßen.
»Es freut mich außerordentlich, Sie persönlich kennenzulernen, Mr. Nolan. Mein Name ist Edward Martin, Gründer und Chef von Unique Yacht Design Inc.«
»Ganz meinerseits, Mr. Martin. Thomas Nolan, CEO von International Affairs Ltd.«, antwortet eine rauchig-samtige Stimme, bei der ich aufhorche.
»Und das hier ist meine Vertriebsleiterin und Tochter, June Martin«, stellt mich Dad vor und ich trete an seine Seite.
Augenblicklich erstarre ich in der Bewegung und schnappe nach Luft: Vor mir steht der fleischgewordene Traum von einem Mann. Ich bin nicht schnell zu beeindrucken und hatte reihenweise heißer Kerle im Bett, aber dieser dunkelhaarige Ausnahmezustand stellt alles in den Schatten, was ich bislang gesehen habe.
Aus eisblauen kalten Augen blickt er auf mich herab, und eine irritierende Spannung scheint in der Luft zu liegen. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich noch kein Wort gesagt habe, also recke ich das Kinn und lächele Mr. Nolan kühl an. Unruhig räuspert sich Dad, woraufhin Mr. Nolan mir seine Hand entgegenstreckt.
»Miss Martin, es ist mir ein ausgesprochenes Vergnügen.« Die Betonung des Wortes Vergnügen klingt äußerst zweideutig. Seine große Hand ist warm und fest, mit eleganten Fingern, die meine Hand länger als gewöhnlich festhalten.
»Es freut mich auch, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Mr. Nolan.« Der offenen Flirterei begegne ich distanziert, denn ich werde mich sicher nicht von einem Kerl mit hübschen blauen Augen in einem Geschäftstermin vorführen lassen.
Nun fallen mir die beiden anderen Herren auf, die mit Mr. Nolan angekommen sind, und ich reiße mich von seinem intensiven Blick los, um mit meinem Profi-Lächeln auf die zwei zuzugehen, um sie dann zu dem ovalen Konferenztisch zu führen. Mr. Nolan lässt sich derweil mit einer katzenhaften Eleganz auf einen der Sessel nieder und zieht sein iPad hervor.
In den folgenden Stunden dirigiere ich die Runde geschickt durch die straffe Agenda, um möglichst alle Fragen und Details zu klären. Da wir ein eingespieltes Team sind, kommen mein Vater und ich problemlos voran. Die beiden Herren, Mr. Hiller, Sekretär von Mr. Nolan, und Mr. Dunn, rechte Hand und anscheinend so etwas wie sein Mädchen für alles, scheinen interessiert meinen Ausführungen über die vielfältigen und außergewöhnlichen Möglichkeiten unserer Firma zu folgen.
»Mr. Nolan, was halten Sie von diesen Optionen?« Dad sieht ihn forschend an, da dessen Aufmerksamkeit bislang seinem iPad und wie mir scheint nicht meinem Vortrag galt.
Gelangweilt sieht er zu meinem Vater. »Können Sie die Fertigstellungstermine tatsächlich halten und die Yachten zum selben Zeitpunkt an drei verschiedene Bestimmungsorte liefern, Miss Martin?« Er versucht mich aus dem Konzept zu bringen – netter Versuch.
»Wenn wir bis zum nächsten Termin die genauen Wünsche Ihrer Klienten bekommen, selbstverständlich.« Mit fester Stimme schmettere ich seine klägliche Provokation ab.
Interessiert schaut mich Mr. Nolan nun doch an und sein Mundwinkel zuckt wie in Andeutung eines Lächelns. Dem hellen Blau seiner Augen ist fast nicht Stand zu halten, aber ich bin nicht umsonst so gut in meinem Job, und so durchbohre ich ihn meinerseits mit meinem Ich-Bin-Wenig-Beeindruckt-Blick.
»Wie Sie meinen.« Mit einem knappen Nicken wendet er sich wieder dem iPad zu.
Was für ein arroganter Mistkerl.
Mein Vater nimmt den Faden wieder auf und erklärt die inhaltlichen und juristischen Details unserer Verträge. Als alle Fragen beantwortet sind, der nächste Termin vereinbart ist und die letzten Förmlichkeiten ausgetauscht wurden, verabschiedet Dad die Gruppe.
»Miss Martin. Wir sehen uns in London.« Erneut hält Mr. Nolan meine Hand einen Augenblick zu lange fest, und sein intensiver Blick ruht auf mir.
»Hat mich gefreut, Mr. Nolan.« Kaltblütig starre ich ihn nieder. Abrupt reißt er sich los, rauscht aus dem Raum und die Hand, die meine gerade noch festgehalten hat, spreizt und schließt sich zu einer Faust, so als ob er die Berührung auslöschen wollte. Der Kerl ist echt sonderbar.
»Das lief doch wie am Schnürchen. Ich wusste, du würdest sie überzeugen.« Der Stolz ist meinem Vater ins Gesicht geschrieben.
»Ja, ich glaub, es war ein ganz guter Termin. Aber lass uns noch das Gespräch in London abwarten. Irgendwie bin ich mir nicht so sicher, dass wir den Deal schon in der Tasche haben.«
»Meine kleine Skeptikerin. Daher bist du so gut in dem, was du tust.«
Obwohl ich es eigentlich gewohnt bin, komme ich spät abends erschöpft in meinem Penthouse an und bin froh, die höllisch hohen Louboutins endlich loszuwerden. Mit einem Glas Weißwein bewaffnet lasse ich das Badewasser einlaufen, ziehe mich aus und schminke mich ab. Dankbar tauche ich in das heiße duftende bläuliche Wasser ein und lasse den heutigen Tag nochmal Revue passieren.
Thomas Nolan … ein Mysterium. Dieser Mann hat es tatsächlich gewagt, mich aus dem Tritt bringen zu wollen.
Da musst du schon früher aufstehen, Schätzchen.
Wobei dieser attraktive blauäugige Kerl mich neugierig macht. Ich bin immer Herr meiner Sinne und habe stets die Kontrolle über mich und meine Empfindungen. Das zeichnet mich aus. Und schützt mich. Keiner schaut hinter meine Fassade, wenn ich es nicht zulasse.
Goldene Regel: Niemals etwas mit Kollegen und schon gar nicht mit Kunden anfangen! Daran habe ich mich strikt gehalten und es wird auch so bleiben. Den Stress kann ich nicht gebrauchen und da draußen laufen genug potentielle Kandidaten herum, die ein wenig Spaß versprechen.
Tja, Mr. Beautiful, Pech gehabt.
Nicht das ich rumhuren würde – nein igitt. Aber im 21. Jahrhundert ist es nicht mehr verboten, dass eine Frau sich nimmt, was sie will. Und das tue ich. Mit Bedacht, unter falschem Namen, Perücke und Maske lasse ich mich auf das ein oder andere Date ein. So schütze ich meine kaputte kleine Seele vor dem totalen Zusammenbruch.
Das Wasser ist bereits abgekühlt und ich steige schnell aus der Wanne.
Mit der Zahnbürste im Mund bringe ich das Weinglas in die Küche und checke ein letztes Mal die E-Mails für heute: Mr. Hiller hat mir eine vorläufige Liste der Kundenwünsche geschickt und Esther, meine Assistentin, leitete mir die Termine für die kommenden beiden Wochen zu. Taffes Programm, aber machbar.
Gerade, als ich im Bett liege höre ich das leise Pling einer eingehenden E-Mail. Pflichtbewusst greife ich nach dem Smartphone:
Thomas Nolan: Guten Abend Miss Martin, ich habe für uns einen Tisch im The Ledburys reservieren lassen. Die Wahl wird Ihnen sicher zusagen.
Meine Empfehlung, T.N.
Ungläubig starre ich auf die Zeilen. Wie kommt dieser Mensch nur darauf, dass ich mit ihm essen gehen würde? Lange überlege ich, ob und was ich ihm antworten soll. Dann entscheide ich mich dazu, das Ganze auf morgen zu vertagen.
Wir wollen ja nicht das aufgeblasene Ego dieses Typen zu sehr füttern.
London, Freitagnachmittag
Ein Termin jagt den nächsten und ich kann mich nicht über neue Aufträge und somit zahlende Kunden beschweren. Esther ist mir wie immer eine enorme Hilfe und hält mir den Rücken frei. In einer Woche findet das zweite Treffen mit Mr. Nolan statt und das Team und ich sind mitten in den entsprechenden Vorbereitungen.
Ich hatte Mr. Nolan Vorgestern eine kurze förmliche Antwort auf seine Einladung geschickt, dass mein Vater und ich uns auf das Essen freuen. Darauf bekam ich jedoch keine Antwort. Auch gut.
Mit einem breiten Grinsen beende ich das letzte Telefonat und blicke auf das sonnige London am späten Nachmittag. Heute gehe ich aus und es wird sicherlich ein illustrer Abend mit Helen. Sie ist meine beste Freundin, ziemlich verrückt und als Pop-Art-Künstlerin für jedes Abenteuer zu haben.
Wir machen uns seit Jahren einen Spaß daraus, auf unseren nächtlichen Touren die Männer gehörig an der Nase herum zu führen. Jedes Mal treten wir in anderer Gestalt auf und schaffen es so, an ein und demselben Platz immer wieder auf unsere Kosten zu kommen.
Den Rest der heutigen Aufgaben verteile ich auf das Team und nach einem kurzen Abstecher zu meinem Dad verabschiede ich mich. In Gedanken plane ich schon das heutige Outfit. Rot, ein Garant für jede Party. Auf dem Heimweg halte ich bei meinem favorisierten Thai-Restaurant und nehme mir mein Abendessen mit. Ich hab’s nicht so mit kochen.
Zu Hause angekommen esse ich schnell und widme mich den Vorbereitungen des heutigen Abends. Helen und ich waren lange nicht mehr shoppen, und so muss ein altes Schätzchen für heute Nacht herhalten.
Wenn ich als mein Alter-Ego ausgehe, in meine zweite Rolle schlüpfe, lebe ich eine ganz besondere Seite an mir aus. So ist es mir möglich, einem bunten Potpourri an Leidenschaften nachzugehen, ohne das die seriöse June Martin darunter leidet oder Schaden nimmt.
Krank denken Sie jetzt?
Ich bevorzuge die Bezeichnung clever.
Das Telefon klingelt und ich grinse breit.
»Hey Vamp, welchen Fummel wirst du heute tragen?«, flötet Helen mir ins Ohr.
Lachend schweift mein Blick über die heutige Auswahl. »Nun, ich hätte zur Wahl rotes Neckholder-Kleid, rote Lederhose mit roter Chiffonbluse und schwarzem BH, roter Kurz-Overall«, kläre ich sie auf.
»Hmm, ich wäre eindeutig für das Neckholder-Kleid. Obwohl du das erst vor sechs Wochen auf der Party von Stephen anhattest«, antwortet sie. Sie hat Recht, aber für heute muss es reichen.
»Gut. Dann das Kleid. Und wie sieht es bei dir aus?«
»Oh, ich trage heute gelb«, lacht sie. Das wird ein sehr interessanter Abend. Nach einem kurzen Plausch verschwinde ich ins Bad.
Pünktlich um 22 Uhr holt mich Floyd ab. Es hat Vorteile, einen eigenen Fahrer zu haben, der gleichzeitig auch Bodyguard ist.
Sie denken jetzt sicher: Was für eine durchgeknallt dekadente Tussi ist das denn?
Nun, ich kann es mir eben leisten.
Und hey, dafür arbeite ich hart und ehrlich.
Also bilden Sie sich noch kein vorschnelles Urteil über mich.
»Guten Abend, Miss Candy«, begrüßt mich Floyd grinsend mit meinem Decknamen. Optisch habe ich mein Gesicht mit spezieller Make-up-Technik verändert, und meine Gesichtszüge wirken dadurch in Kombination mit fast schwarzen Kontaktlinsen schärfer, härter. Manchmal nutze ich sogar Nasen-Attrappen wie beim Film oder eine Maske, die meine obere Gesichtshälfte verbirgt. Alles zum Schutz meiner Privatsphäre.
»Floyd, schön dich zu sehen«, grüße ich ihn ebenfalls und gleite auf den Beifahrersitz, in den er mir hilft. In einem so engen Kleid ist es eine Kunst, damenhaft elegant in einen tiefliegenden Sportwagen einzusteigen, ohne alles von sich preiszugeben.
»Wie immer, Miss Candy?«, fragt er.
»Selbstredend«, bestätige ich mit einem Lächeln und schon heult der Motor auf und wir jagen über die Straßen Londons in Richtung Partyzone. Mit dem Sound der Disco Boys bringe ich mich schon mal in Stimmung. Floyd schmunzelt wissend, während er gekonnt durch den nächtlichen Verkehr navigiert. Er hat mich schon einige Male aus üblen Situationen gerettet und ich vertraue ihm blind.
»Viel Vergnügen, Miss Candy«, nickt er mir zu, als er mir die Tür des Mercedes SLS AMG öffnet und mir beim Aussteigen hilft.
»Danke, Floyd«, zwinkere ich ihm zu, nachdem ich das Kleid gerichtet habe.
»Ich warte auf Ihren Anruf, Ma’am.« Er steigt ein und fährt weg; wahrscheinlich zu seinem Stammrestaurant.
Ich werfe die roten Locken meiner Perücke über die Schultern, als ich auch schon von Helen stürmisch umarmt werde. Sie sieht klasse aus: goldener Bob mit einem kanariengelben Overall und mörderisch hohen gelben High Heels.
»Lass uns Spaß haben«, trällert sie und schleift mich hinter sich her an den Türstehern vorbei ins Dalston. Es ist brechend voll und die Meute geht bereits zu den ersten Dancefloor-Hits ab. Wir schlängeln uns zur Bar durch und bestellen etwas zu trinken.
»Heute keinen Alkohol für mich«, schreie ich Helen ins Ohr, die mich kritisch mustert, dann aber nickt. Ich will Herr meiner Sinne bleiben. Prüfend schweift mein Blick über die wogende Menge und ich lasse mich von der angeheizten Stimmung mitreißen.
»Und, wie sieht die Beute heute aus?« Helen beobachtet neugierig die Tanzenden vor uns.
Der Laden bietet immer gutaussehende und vor allem willige Kerle, wenn du als Frau Spaß haben willst. So auch heute Nacht.
»Baby, du hast sensationelle Beine«, ertönt neben mir eine männliche Stimme. Ich blicke in ein paar hübsche braune Augen, die auf meinen Ausschnitt starren.
»Beine, hmpf. Du hast eine eigenartige Vorstellung, wo die sich befinden«, kontere ich, was den Kerl zum Lachen bringt.
»Nicht schlecht, Kleines.« Grinsend mustert er unverhohlen. »Tanzt du?« Sein anzüglicher Blick wandert zu meinem Mund.
»Ja, allerdings nicht mit dir«, gebe ich frech zurück und drehe mich zu Helen, die mich lachend auf die Tanzfläche schleppt.
»Der Typ starrt dir immer noch hinterher.« Kichernd zwinkert sie dem Kerl hinter mir zu und fängt an, mit ihren Händen über meinen Körper zu fahren. Neben uns beäugt eine Gruppe Jungs die Show. Ich verliere mich in der Musik und lasse mich treiben. Schon ist wieder ein Kerl an uns dran; diesmal bei Helen.
Mit einem Hüftschwung drehe ich mich von ihr weg, um ihnen etwas Raum zu geben. Zwei weitere Typen mit flachen Sprüchen lasse ich geschickt abblitzen; keiner der beiden reizte mich. Suchend schaue ich mich nach Helen um, die offensichtlich ein Erbarmen mit ihrem Opfer hatte, denn sie ist nirgends zu sehen.
»Rot steht Ihnen ausgezeichnet, Miss Martin.«
Augenblicklich erstarre ich in meiner Bewegung. Die samtene Stimme hinter mir trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Langsam drehe ich mich um und blicke in die eisblau blitzenden Augen von Mr. Nolan.
Shit!
Was sucht der denn hier?
»Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.« Um der Situation zu entkommen, will ich mich wegdrehen, da packt er mein Handgelenk.
Glauben Sie mir, ich bin immer bedacht darauf, meine Tarnung in jeder Hinsicht perfekt zu gestalten.
Doch in einem einzigen Moment reißt dieser Kerl meine Maske runter.
»Nicht so hastig, Miss Martin. Oder bevorzugen Sie einen anderen Namen«, raunt er ganz nah an meinem Ohr. Mir wird übel und ich bemühe mich, nicht auszuflippen. Im Geiste gehe ich alle Optionen durch, doch da Helen abgetaucht ist, muss ich mit Mr. Nolan wohl allein fertig werden.
»Hören Sie, Mister …«
»Nolan, Thomas Nolan. Und Miss Martin, glauben Sie mir, ich bin mehr als entzückt, dass sich hinter der kühlen blonden Business-Lady eine so frivole Rothaarige versteckt.«
Mein Herz setzt bei seiner Offenbarung aus, und ich unterdrücke krampfhaft meinen Fluchtinstinkt. Immer noch hält er mein Handgelenk fest. Eine sehr eindrückliche Empfindung. »Da Sie offensichtlich einen sehr speziellen Männergeschmack zu haben scheinen, versuchen Sie es doch mal mit mir.« Unverschämt grinst er mich an.
Geraume Zeit war ich davon überzeugt, ich wäre gegen alles gewappnet, wenn es um skurrile Begegnungen geht. Mr. Nolan jedoch leibhaftig hier vor mir stehen zu haben, schlägt jede Vorstellung von skurril um Längen.
Mit einem tiefen Atemzug bringe ich mich wieder unter Kontrolle und sehe ihm fest in die Augen. Aber diesen Fehler bereue ich sofort. Eiskalt schaut er mit einem anzüglichen Zug um den Mund auf mich herab, zieht mich näher zu sich und seine Hand liegt nun auf meinem nackten Rücken.
Er riecht atemberaubend: fruchtig und dezent herb, Rhabarber und Zitrone gemischt mit Minze und Menthol. Außergewöhnliche Kombination. Trotz der 12 cm Heels überragt er mich um einen Kopf und ich erscheine neben ihm fast schon zierlich.
June, Du musst hier weg – sofort!
Seine Handfläche brennt förmlich, so heiß fühlt sie sich auf meiner Haut an. Ein Umstand, den ich gerade zum Kotzen finde.
»Wenn Sie weiter so verstört gucken, nimmt Ihnen keiner der umstehenden Gäste mehr Ihre Fassade ab«, deutet er mit einem amüsierten Blick auf die Leute um uns herum an.
»Candy, da bist du ja endlich. Stephan sucht dich«, rettet mich Helen aus der peinlichen Situation. Gerade als ich ihr bissig antworten will, löst sich Mr. Nolan von mir und taucht in der Menge unter.
Mit offenem Mund starre ich ihm hinterher, bis ich von Helen geschüttelt werde. »Erde an Candy. Wer war das denn?«
Mit einem Seufzer drehe ich mich zu ihr um. »Lange Geschichte. Wo ist Stephan?«Um weiteren Fragen aus dem Weg zu gehen ziehe ich sie von der Tanzfläche. Wir treffen Stephan, stolzen Besitzer des Dalston-Superstores und langjährigen Freund, an der Bar, wo er mich rasch bei Seite nimmt.
»Candy, na endlich. So ein Typ hat sich bei uns nach dir erkundigt. Ich wollte sichergehen, dass es nicht irgendein Spinner ist. Erwartest du jemanden?« Er klingt besorgt.
Zähneknirschend winke ich ab. »Hat sich schon erledigt. Er hat mich gefunden.«
Angespannt sieht er mich an. »Sollen wir ihn rauswerfen lassen?«
»Auf gar keinen Fall. Das hat sich geregelt. Keine Sorge.«
»Wie du willst, Süße.« Nachdem er mich kritisch gemustert hat, wendet er sich wieder seinem Tresen zu.
»Alles klar bei euch?«, mischt sich Helen ein.
»Ja, ja alles okay«, signalisiere ich ihr und wir hocken uns an die Bar.
»Also, WER WAR DER TYP?« Forschend schaut sie mich aus zusammengekniffenen Augen an. Mit einem tiefen Seufzer erzähle ich ihr von meiner ersten Begegnung mit Mr. Beautiful. Staunend starrt sie mich an.
»Mann, der Kerl war heiß. Nein warte: mehr als heiß. Die Luft zwischen Euch hat ja schon gebrannt! Und mit dem willst du jetzt noch Geschäfte abwickeln?« Genervt rolle ich mit den Augen, aber sie hat einen entscheidenden Punkt angesprochen.
»Er hat versucht mich aus dem Konzept zu bringen, nichts weiter. Aber an mir beißt er sich die Zähne aus.«
»Ganz genau, Honey. Lass uns den Kopf frei kriegen.« Grinsend zerrt mich Helen auf die Tanzfläche.
Wieder und wieder sehe ich mich um, doch keine Spur von Mr. Nolan. Gottlob!
Langsam entspanne ich mich etwas und versuche die ursprüngliche Mission, einen Kerl für diese Nacht zu finden, wieder aufzunehmen. Keine Chance. Nicht dass es an Möglichkeiten mangeln würde. Aber eisblaue Augen verfolgen mich stets – kalt und berechnend. Dort, wo seine Hand auf meiner Haut lag, scheine ich sie immer noch zu spüren.
Verdammter Mist!
Helen hat da mehr Erfolg.
Wir verständigen uns stumm, dass sie sich bei mir meldet, wenn sie auf dem Heimweg ist, als sich der Beau an ihrer Seite zu ihr beugt und ihr unverhohlen etwas Versautes ins Ohr flüstert. Ich tigere zu Stephan, der mich mitleidig ansieht.
»Der Kerl war sehr interessiert, die rothaarige Schönheit näher kennenzulernen, die auf der Tanzfläche alle Blicke auf sich gezogen hat«, rezitiert er Mr. Nolans Anfrage. Stöhnend lege ich den Kopf in den Nacken und würde am liebsten im Erdboden versinken. Stephan stellt mir ein Glas Wasser hin und verschwindet dann kopfschüttelnd in seinem Büro.
Frustriert zücke ich das Smartphone und rufe Floyd an. Der Abend ist für mich gelaufen. Zum Glück kann er mit dem Wagen zum Hintereingang kommen. Missmutig trete ich den Weg über den Gang zu den Toiletten an und stoße die schwere Metalltür auf. Einer der Türsteher grüßt mich mit einem Nicken und wenige Minuten später rauscht Floyd mit röhrendem Motor auf den Hof und hilft mir wieder in das ›Beast‹ einzusteigen. Als er wendet, erblicke ich im Seitenspiegel eine dunkle Gestalt, die aus dem Schatten der Toreinfahrt tritt und uns hinterherschaut.
Floyd ist so taktvoll und blickt stur auf die Straße, während er mich nach Hause chauffiert. Mir ist völlig unverständlich, wie es Mr. Nolan geschafft hat, mich hier aufzuspüren. Seine Überheblichkeit und Arroganz fachen meine Wut an, aber im Augenblick bin ich machtlos dagegen.
In der Tiefgarage entkomme ich Floyd allerdings nicht.
»Alles in Ordnung, Ma’am?«
Zähneknirschend lächele ich. »Ja, alles bestens, danke. Du kannst jetzt Feierabend machen.« Er kennt mich schon zu lange, als dass er nicht wüsste, wie es gerade um mich steht. Doch er seufzt nur.
»Gute Nacht, Miss Candy.«
Erleichtert streife ich die Stilettos ab und tappe Barfuß zum Aufzug, der mich in mein Penthouse bringt.
London, Samstagmorgen
Die Rückverwandlung von Candy in June hat normalerweise etwas Befreiendes. Heute jedoch nicht. Düster starrt mich mein Alter-Ego aus falschen schwarzen Kontaktlinsen und verlaufenem Kajal an. Mit jedem Handgriff, jedem Wattepad scheint es, als würde die von Mr. Beautiful eingeschlagene Fassade von Candy Moon Stück für Stück abbröckeln. Die schillernde Rüstung zerbricht vor meinen Augen in ihre Einzelteile, ohne dass ich etwas dagegen machen könnte.
Elender Mistkerl!
An Schlaf ist kaum zu denken. Unruhig wälze ich mich hin und her und stehe irgendwann genervt und viel zu früh für einen Samstagmorgen, auf. Helen hat mir vor einer Stunde eine SMS geschickt, dass sie gut zu Hause angekommen ist und es ›der Wahnsinn war‹.
Wenigstens ist eine von uns auf ihre Kosten gekommen.
Um den brummenden Schädel frei zu bekommen, schlüpfe ich in die Laufsachen und trete meine tägliche Runde im Hyde-Park an. So früh ist kaum jemand auf der Straße und ich genieße die morgendliche Stille.
Meine Gedanken wandern natürlich zu dem Party-Desaster. Mir geht es gehörig gegen den Strich, dass dieser Idiot mich kalt erwischt hat. Das wird nicht nochmal passieren. Mit Vernunft und Logik werde ich eine geeignete Lösung finden. Ich muss einfach.
Er ist ohne etwas zu sagen verschwunden. Da ich mit keinem Wort bestätigt habe, June Martin zu sein, besteht die geringe Chance, dass es nur ein Schuss ins Blaue war.
Sei nicht albern, June. Er ist offensichtlich ein sehr gerissener Bursche und lässt sich nicht wie die anderen Kerle einfach so übertölpeln.
Das wird er mir noch büßen.
Die kühle June Martin wird ihm beibringen, dass sie sich nicht von einem dahergelaufenen Möchtegern-Casanova einwickeln lässt.
Verärgert über den vermasselten gestrigen Abend und die Tatsache, dass mir Mr. Nolan die Chance auf meine wohlverdiente Portion Sex genommen hat, schmeiße ich die Tür hinter mir ins Schloss und lasse mich von dem heißen Wasser der Dusche besänftigen.
Schnell schreibe ich Floyd, dass ich heute Nachmittag unsere Trainingseinheit brauche und dass er mich in einer Stunde abholen soll. Die monatliche Brunch-Runde im Business Club steht an – Networking mit einigen wichtigen Leuten. In einem sonnengelben Etuikleid und den passenden gelben Sandaletten betrete ich eine Stunde später die Tiefgarage, wo mich Floyd bereits erwartet.
»Guten Morgen, Miss Martin.« Lächelnd nickt er mir zu.
»Morgen Floyd. Heute Nachmittag will ich das Hardcore-Programm.« Er sieht mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an und grinst dann.
»Ihr Wunsch ist mir Befehl, Ma’am.«
Auf dem Weg in den Businessclub gehe ich meine Ziele für das heutige Treffen durch. Einige Aufträge hängen noch in der Luft und die will ich endlich abschließen.
Besser hätte es nicht laufen können: Zu den besiegelten Abschlüssen kamen drei weitere Anfragen beim Brunch dazu. Auf mein geschäftliches Geschick ist immer Verlass. Floyd beobachtet mich durch den Rückspiegel, was er nur tut, wenn er merkt, dass mit mir etwas nicht stimmt.
»Was ist?« Seine Fürsorge geht mir manches Mal zu weit. Auch wenn er es nur gut meint.
»Sie sehen angespannt aus. Wollen Sie wirklich das Hardcore-Programm?«
Seufzend sehe ich ihm durch den Rückspiegel in die Augen. »Ja, will ich!«
Schnaubend blickt er wieder auf die Straße und fährt uns zu der runtergekommenen Lagerhalle, in der nun ein Trainingsdomizil für Kampfsportler aller Art entstanden ist.
Wissen Sie, wenn Sie einmal von einer Gruppe Jungs bedrängt wurden, wollen Sie nichts Sehnlicheres, als sich wehren zu können.
Ich habe mich dafür gehasst, dass ich schwach und winselnd das Antatschen dieser Perverslinge damals ertrug. Mit meiner bewährten Ausblende-Taktik schaffte ich es eine Zeitlang, dieses Kapitel nicht an mich heranzulassen.
Tja, das klappte leider nur bedingt.
Mit voller Wucht trafen mich damals die Nachwehen und ich verkroch mich in mein Schneckenhaus.
Floyd half mir, darüber hinwegzukommen, und zeigte mir, wie ich mich wehren kann.
Seitdem trainiert er mich für den Fall, dass er mal nicht an meiner Seite ist.
»Also gut June, du wirst versuchen, nicht zu Boden zu gehen, verstanden.« Von hinten greift er mit dem linken Arm um meinen Hals, mit der rechten Hand packt er mein rechtes Handgelenk. Mit einigen gezielten Taktiken befreie ich mich aus dem Würgegriff und trete ihm mit voller Wucht auf den Fuß. Er kann wirklich einiges einstecken und so keucht er nur auf, als ich ihm den Ellbogen in den Magen ramme.
Wir gehen eine Stunde lang verschiedene Manöver durch, bis ich japsend vor ihm stehe. Lachend klopft er mir auf die Schulter.
»Gut gemacht. Aber du darfst nicht zögern. Du denkst noch zu viel nach. Die Zeit wirst du in einer solchen Situation nicht haben. Wissen, was dein Gegner tun wird, ist entscheidend. Gehe deine Aktion im Geiste durch. Dann kannst du dich instinktiv aus jeder Situation befreien«, erklärt er mir zum x-ten Mal. Ich bringe nur ein schwaches Nicken zustande.
In diesen wenigen Stunden lasse ich ihn an mich heran. Hier darf er mich mit Vornamen ansprechen, mir Anweisungen erteilen, denn es ist sein Terrain.
Floyd schmeißt mir mein Handtuch zu und deutet mit einem Kopfnicken in Richtung Duschen.
»Nein, ich … will ins Penthouse.« Keuchend ringe ich nach Atem.
»Dann zieh dir die Trainingsjacke über.« Ohne mich weiter
, packt er zusammen und ich tappe ihm vollkommen erschöpft hinterher.
»Wann soll ich Sie heute Abend abholen, Miss Martin?« Wieder ganz der Profi, übt er sich in Zurückhaltung und reicht mir meine Trainingstasche aus dem Kofferraum.
»Wenn du um 19 Uhr hier bist, wäre das perfekt.« Er nickt zustimmend und rauscht dann davon.
Die Opernpremiere von Puccinis Turandot im Royal Opera House dient meinem Vater als Gipfeltreffen mit einigen seiner engen Freunde und Kunden. James Cook, der mit dem Privatjet, wird mit seiner Frau und ihrer Tochter Lillian auch dort sein.
Ich hasse diese Treffen. Dad bringt SIE mit und es ist mir jedes Mal unbegreiflich, wie mein sonst so gradliniger Vater mit einem solchen Flittchen zusammenleben kann. Melissa Frey ist der Inbegriff einer Schlampe. Sie ist gerade mal vier Jahre älter als ich und lässt sich gerne von reichen Herren aushalten – aktuell ist das mein Vater.
Bei unserer ersten Begegnung gab ich ihr deutlich zu verstehen, dass sie sich keine Hoffnungen machen soll, irgendwann die zweite Mrs. Martin zu werden. Doch mein liebeskranker Vater schien alle Vorsicht an die Seite gepackt zu haben und stürzt sich nun seit fast einem Jahr in die Affäre mit Melissa.
Denken Sie jetzt nicht schlecht von mir; ich brauche sein Geld nicht.
Aber die Reputation der Firma und die meines Vaters selbst gehen mir über alles.
Floyd hat einige brisante Informationen für mich zu Melissa Frey zusammengetragen.
Ja, ich werde sie, wenn nötig, nutzen.
Mies, finden Sie? Nun, das Leben ist mies und ich bin gerne einen Schritt voraus!
Elegant ist die heutige Wahl: Die schwarze asymmetrisch geschnittene Robe von Givenchy betont meine weiblichen Rundungen genug, um sexy aber nicht bitchy zu wirken. Mein Haar ist in einem locker sitzenden verschlungenen großen Knoten im Nacken drapiert und unterstreicht das seröse Auftreten. Ich habe das Make-up dezent gehalten, um ein klares Statement gegenüber Melissa zu setzen, die sicherlich wieder alles auffährt, was die Farbeimer so hergeben.
Bei Premieren tummelt sich immer alles, was Rang und Namen hat und die, die sich dazu zählen wollen. Davon abgesehen mag ich die Atmosphäre in Opernhäusern sehr, denn sie strahlt den Glanz vergangener Zeiten aus, den ich heute schmerzlich vermisse. Vor der Loge erwartet mich mein Vater schon ungeduldig.
»June – endlich. Die Cooks sind bereits da«, begrüßt er mich mit einem zaghaften Kuss auf die Wange.
»Wer kommt noch?«
»Nur die üblichen Verdächtigen.«
»Verstehe, dann kann ich ja in Ruhe Puccini genießen.«
»June, Darling«, ertönt die schrille Stimme der Möchtegern-Mrs.-Martin-in-Spe und genervt verdrehe ich die Augen.
»Melissa, wie immer eine ganz besondere Freude.« Der Sarkasmus in meiner Stimme ist nicht zu überhören. Bevor sie mir mit ihrem Gekeife den Abend versauen kann, nicke ihr zu und lasse sie stehen. Die Cooks sind eine einflussreiche Familie, mit der mein Vater seit jeher geschäftlich wie freundschaftlich verbunden ist. Lillian ist zwei Jahre älter als ich, und wir sind locker befreundet. Lachend umarmt sie mich, als ich die Loge betrete.
»Hey, du siehst großartig aus, Liebes.«
»Du aber auch. Wer ist denn alles da, den man sich merken müsste?« Dabei schweift mein Blick durch den imposanten Saal.
»Der Industrie-Club ist geschlossen hier, aber sonst habe ich nichts Interessantes entdeckt. Lass uns an die Bar gehen und sehen, was wir finden.« Zwinkernd nimmt Lillian meine Hand und nach einer kurzen Begrüßung ihrer Eltern verschwinden wir ins Foyer. Mit einem Glas Champagner bewaffnet mischen wir uns unter die Leute. Das Rascheln der Roben und die gedämpften Unterhaltungen der Gäste versetzen mich wie jedes Mal in eine nostalgische Stimmung. Lillian entdeckt zwei Polo-Spieler, die wir letztes Jahr einige Male getroffen haben und sie leisten uns nur zu gerne Gesellschaft.
»Ich habe mich endlich für ein Design entschieden.« Jeff strahlt mich siegessicher an.
»Großartig, dann komm doch nächste Woche ins Büro und wir machen die Verträge fertig.«
»Ja, sehr gerne.«
»Ach, du machst jetzt endlich Nägel mit Köpfen, ja«, neckt ihn sein Freund Paul.
»Hat ja auch nur ein Jahr gedauert.« Lillian schnaubt amüsiert.
»Entschuldigt mich kurz.« Ich will ein letztes Mal in den Spiegel schauen und begebe mich zur Damentoilette.
Auf den letzten Metern höre ich eine vertraute Stimme und blicke mich entsetzt um. Mr. Nolan steht unweit von mir in einer Gruppe und hat seine Hand auf dem Rücken einer dunkelhaarigen langbeinigen Schönheit, die ihn mit ihren Blicken auszuziehen scheint. Die beiden anderen Herren, die bei ihnen stehen, sehen aus wie arabische Geschäftsleute und unterhalten sich angeregt mit ihm. Glücklicherweise hat er mich nicht entdeckt und so haste ich schnell in die rettende Damentoilette und versuche, meinen rasenden Puls in den Griff zu bekommen.
Langsam habe ich das Gefühl, der Kerl verfolgt mich.
Und wer zum Teufel ist diese Frau?
Herrgott, es geht mich einen feuchten Kehricht an.
Du brauchst dringend Ablenkung.
Zwei tiefe Atemzüge später tupfe ich mir etwas Lipgloss auf die Lippen, richte mein Kleid und stolziere aus der Tür. Die Gruppe ist verschwunden und erleichtert husche ich über die sich langsam leerenden Gänge zu unserer Loge.
»Wo warst du denn so lange?«, zischt Lillian, als die Lichter erlöschen.
»Es war viel los auf der Damentoilette.«
Der Saal wird in das weiche Licht der Scheinwerfer getaucht und unwillkürlich wandert mein Blick durch den Saal. Er sitzt uns genau gegenüber und starrt in meine Richtung. Eilig sehe ich wieder zur Bühne und zwinge mich, nicht erneut zu ihm zu schauen. Doch ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass er mich weiterhin beobachtet.
Nach einem furiosen Applaus für eine wirklich exzellente Vorstellung, der die Pause einläutet, zerre ich Lillian ins Foyer.
»Was ist denn heute los mit dir?« Verwundert über mein hibbeliges Verhalten sieht sie mich scharf an.
»Nichts, ich brauche nur ein Glas Wasser. Die Luft hier ist immer so trocken.« Mein Vater scheint Mr. Nolan noch nicht bemerkt zu haben, denn er unterhält sich angeregt mit Mr. Cook.
Gut, ich habe nicht vor, es ihm auf die Nase zu binden!
»June, das eben war alles andere als nett«, quiekt Melissa plötzlich neben mir. Seufzend drehe ich mich zu ihr.
»Hör zu. Nur weil mein Dad dich vögelt, muss ich nicht zwangsläufig nett zu dir sein, kapiert.« Lächelnd sehe ich sie zuckersüß an. Mit offenem Mund starrt sie mir hinterher, als ich sie wiederholt stehen lasse und mit einer lachenden Lillian zu Jeff und Paul schlendere.
Einige Kunden begrüßen mich und wir halten den üblichen Smalltalk. Dabei ertappe ich mich, wie ich die Menge nach Mr. Beautiful scanne und verfluche innerlich meine eigene Schwäche.
Und da ist er: Sein schwarzer Smoking sitzt perfekt. Das Eisblau seiner Augen ist so intensiv, dass es aus der Entfernung immer noch deutlich auffällt. Die dunkelhaarige Schönheit legt eine Hand auf seine Brust und flüstert ihm etwas ins Ohr – und dann sieht er mich an. Als er antwortet, ruht sein Blick weiter auf mir.
Also gut, du willst Spielchen spielen? Das kann ich auch!
Ich reiße mich von seinem Blick los und hake mich demonstrativ bei Jeff unter, der mich erstaunt, aber mit einem zufriedenen Grinsen ansieht. Niemals würde ich auf die Idee kommen, mit Jeff oder anderen meiner Bekannten etwas anzufangen. Gott bewahre! Aber für ein Ablenkungsmanöver sind sie alle samt gut genug. Ich lache betont oft über die Anekdoten der beiden und spare nicht mit kleinen Berührungen. Lillian sieht mich kritisch an und ich ziehe nur entschuldigend die Schultern hoch. Mit dem Gong nehmen wir unsere Plätze wieder ein und ich zwinge mich, auf die Bühne zu starren und Mr. Nolan gepflegt zu ignorieren.
Der letzte Akt endet in tosendem Applaus, der kein Ende zu nehmen scheint und als wir alle gemeinsam die Loge verlassen, kann ich mir einen kurzen Blick auf die Gegenüberliegende nicht verkneifen. Sie ist leer. Was soll’s.
»Kommst du?« Nickend folge ich meinem Dad aus der Loge, während er mir seinen Plan für die Erweiterung unserer Aktivitäten in den arabischen Emiraten erläutert. Das bedeutet eine Menge Arbeit, aber auch eine Menge Geld und ich habe Lust auf die neue Herausforderung. Lillian und ich verabschieden uns von den Cooks, meinem Vater und seinem Anhängsel und treffen uns mit Jeff und Paul im Foyer.
»So, Ladys. Wollen wir noch auf einen Absacker in die Green Bar?« Paul blickt erwartungsvoll in die Runde.
»Das klingt gut.« Lillian hakt sich bei ihm unter und ich nicke lachend, während wir zum Ausgang schlendern.
»Floyd, hast du gesehen, ob Mr. Nolan bereits gefahren ist?«, frage ich betont beiläufig, als ich ins Auto steige.
»Ja, er ist vor zehn Minuten mit einer Dame und zwei Herren aufgebrochen.«
»Danke.« Schweigend fahren wir zu unserem Treffpunkt und ich grüble über den mysteriösen Mr. Nolan nach.
Lillian erwartet mich bereits ungeduldig am Eingang der Bar.
»Paul und Jeff haben schon mal einen Platz reserviert.« Aufgeregt greift Lilian meine Hand und wir werden von einer hübschen Empfangsdame zu unserem Tisch begleitet.
In der Green Bar kann man extrem gute Cocktails trinken und Männer gibt es hier reichlich. Unglücklicherweise bin ich heute nicht im Kampfoutfit unterwegs. Nickend grüße ich einige Gäste, die zu meinen Kunden zählen und lasse mich dann auf einen der Sessel nieder. Die Getränke kommen und wir genießen die lauschige Atmosphäre.
Die Stimmung ist ausgelassen und Lillian deutet auf ein paar Jungs, die uns seit unserem Erscheinen beobachten. Ganz nett – wäre ich in Grün hier.
Gott June. Du brauchst echt Ablenkung.
Der Vorteil eines Fahrers ist unteranderem, dass man sich betrinken kann und trotzdem sicher und stilvoll heimkommt. Daher ist es nun mein zweiter Gin & Tonic den ich mir genehmige. Unter normalen Umständen trinke ich keinen Alkohol. Aber ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Mittel.
»Ich komme gleich wieder«, entschuldige ich mich bei Lillian und verschwinde auf die Toilette. Es ist bereits spät geworden und da ich auch diese Nacht alleine verbringen werde, beschließe ich nach einem Blick in den Spiegel, dass es für heute reicht. Mit dem Smartphone am Ohr verlasse ich die Damentoilette, um Floyd anzurufen.
»Ich frage mich schon den ganzen Abend, ob Ihre Wäsche die gleiche Farbe wie Ihre Robe hat?«, raunt mir eine rauchig-samtene Stimme ins Ohr. Die Worte jagen mir einen Schauer über den ganzen Körper und ich bin mir nicht sicher, ob ich das schmeichelhaft oder zum Kotzen finde. Langsam drehe ich mich mit einem vernichtenden Fuck-you-Blick zu Mr. Nolan um.
»Das werden Sie wohl nie erfahren.« Den Konter unterstreiche ich mit einem dezenten Lächeln und wende mich wieder ab.
»Schneller, als Ihnen lieb sein wird.« Plötzlich steht er so dicht vor mir, dass ich scharf die Luft einziehe. Am liebsten würde ich ihm für diese unverschämte Bemerkung das Knie in die Kronjuwelen rammen. Sein Blick ruht auf meinem Mund und ich schlucke schwer, denn er strahlt etwas geradezu Animalisches aus. Etwas, das erregend und alarmierend zugleich ist.
»Darling, hier bist du«, unterbricht uns seine dunkelhaarige Begleiterin mit einem süffisanten Grinsen auf den perfekt geschminkten Lippen. Blitzartig hat Mr. Nolan sich abgewandt und lässt sich von ihr einen vielsagenden Kuss auf den Mundwinkel drücken, wobei er seine Hand auf ihrem wohlgeformten Hintern platziert und ich blicke angewidert weg. Obwohl es mich einen feuchten Kehricht angeht, sticht die Erkenntnis mehr, als ich zugeben will.
»Gute Nacht, Mr. Nolan«, fauche ich ihn an und haste zu unserem Tisch zurück, verabschiede mich kurz von einem enttäuscht dreinblickenden Jeff und den anderen beiden.
»Ich ruf dich morgen an«, flüstert Lillian mir noch zu, bevor ich aus der Green Bar rausche.
»Wie war Ihr Abend, Ma’am?«
»Hmmm, ganz gut, denke ich«, schummele ich und starre aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Stadt. Ich hasse es, wenn ich nicht das bekomme, was ich will. Und nun stecke ich in einem Dilemma:
Erstens will ich endlich einen Kerl flachlegen, doch Mr. Nolan scheint all meine Versuche irgendwie zunichtezumachen.
Zweitens ist er ungehobelt, arrogant, sexy – verdammt – er ist viel zu … und ich …
Herrje, was ist bloß los mit mir?
»Verflucht noch eins, so kann das nicht weiter gehen.« Stöhnend lasse ich den Kopf gegen die Kopfstütze fallen.
»Was haben Sie gesagt?« Floyd scheint ein Gehör wie ein Luchs zu haben.
»Nichts. Schon gut.« Genervt starre ich aus dem Fenster und bin froh, als ich endlich allein mit meinem Frust zu Hause bin.
Üblicherweise stehe ich sonntags spät auf, da es der einzige Tag in der Woche ist, an dem ich ausschlafen kann. Aber nicht an diesem Sonntag. Unzufrieden mit mir und er Welt springe ich groggy unter die Dusche und kann mich nicht entscheiden, was ich mit dem viel zu früh angebrochenen Tag anfangen soll. Bei der ersten Tasse Kaffee kommt mir endlich eine zündende Idee: Helen.
Wir treffen uns zwei Stunde später in der Tate Gallery of Modern Art, wo wir öfter mal durchschlendern.
»Sweety, wie war der Oldie-Treff gestern?« Wir sitzen im museeumseigenen Restaurant und gönnen uns vor dem Eintritt noch einen grünen Tee.
»Ganz gut. Die Premiere war großartig. Tolles Bühnenbild, nicht zu überladen.«
Helen mustert mich mit kritischen Blick. »Du hast nicht viel geschlafen, stimmt’s?«
»Nein, hab ich nicht.« Säuerlich verziehe ich das Gesicht, da man es mir offenbar so deutlich ansieht.
»Na raus damit.«
Seufzend berichte ich ihr von dem Albtraum-Zusammenstoß mit Mr. Nolan und vergrabe danach das Gesicht in den Händen.
»WOW, so hab ich dich ja noch nie erlebt. Der hat es dir ja mächtig angetan, Schätzchen.« Genervt verdrehe ich die Augen und schlürfe meinen grünen Tee. »Wie willst du jetzt mit dieser Situation umgehen?« Sie klingt ein wenig belustigt, was ich ihr nicht mal verübeln kann.
»Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass dieser Idiot mir noch meinen Deal versaut, wenn er so weiter macht. Und das lasse ich nicht zu. Also gehe ich auf Abstand, kühl und distanziert. Professionell. Dann wird er hoffentlich sein Interesse daran verlieren, mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Palme zu bringen.«
Schmunzelnd schüttelt Helen ihren kurzen schwarzen Bob. »Also wenn du meine fachmännische Meinung hören willst: Er macht den Eindruck, als würde er kein ›Nein‹ akzeptieren. Vielmehr nimmt sich, was er will.«
»Tja, und das ist das Problem. Ich sage ›Nein‹, denn er ist tabu. Was er will oder nicht ist unerheblich. Das hat er zu akzeptieren und damit basta!«
»Ihr scheint auf einer Wellenlänge zu sein.« Bei ihrer Schlussfolgerung verdrehe ich die Augen. »Die unnahbare Candy Moon steht plötzlich selbst auf der Speisekarte eines ebenbürtigen Jägers.« Wütend blicke ich zu ihr rüber und kann mir bei ihrem amüsierten Grinsen ein Zucken des Mundwinkels nicht verkneifen. »Da kommt dieser Wahnsinnskerl daher und wickelt den Vamp höchst selbst um den kleinen Finger. Gib zu, damit hast du das größte Problem, Honey.«
Shit Helen, wie Recht du damit hast!
Grimmig starre ich in die leere Teetasse und überlege mir eine schlagfertige Antwort, als Helen meine Hand nimmt. »Du weißt, dass ich dich liebe, oder?«
Mit einem tiefen Atemzug sehe ich sie an. »Natürlich weiß ich das. Du bist die Einzige, die alles von mir weiß«, gebe ich mit belegter Stimme zu.
»Mein Rat: Lass dir von Mr. Beautiful die Seele aus dem Leib vögeln; denn das kannst du wirklich mal wieder gebrauchen. Aber erst NACH eurem Geschäftsabschluss. Sonst geht June Martin daran kaputt.«
Mit großen Augen starre ich sie an. Dann prusten wir beide los und gackern wie zwei Hühner auf Speed.
»Himmel, das werden wirklich ein paar harte Wochen, bis dahin.« Japsend schnappe ich nach Luft.
»Wir werden dir ein wenig Ablenkung verschaffen.« Helen stupst mich kumpelhaft mit der Schulter an. »Komm, Party-Queen, die Kunst ruft.« Sie zerrt mich vom Stuhl, und zusammen betreten wir die riesigen Hallen in der ich mich einmal mehr von ihrem Fachwissen durch die Kunstwelt führen lasse.
Auf dem Heimweg halte ich bei einem der vielen kleinen Streetstores an und nehme mir einen giftgrünen Gemüseshake mit: Minze, Gurke, Limette, grüner Paprika, Kiwi und Avocado. Jap, ich steh auf das Zeug. Die Sonne steht bereits tief am Himmel, als ich noch einen Spaziergang durch den Hyde-Park mache, um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen.
Das Gespräch mit Helen hängt mir noch nach: Sie hat vollkommen Recht. Ich muss mich auf die Abschlüsse konzentrieren. Das ist mein Job. Diese Gefühlsduselei ist ätzend und ich bin nicht mehr die zerbrechliche verschüchterte zehnjährige June, die sich auf dem Speicher ihrer Eltern vor der Welt versteckte. Ich habe meine Wut und Verletzlichkeit kanalisiert. Bedürfnisse zu befriedigen stellt lediglich eine Notwendigkeit dar – so wie essen und trinken. Es hilft mir, keine Schwäche zu zeigen. Ich biete niemandem eine Angriffsfläche. Und das wird auch so bleiben.
Also Mr. Nolan, ich werde mich nicht von ihrem Killer-Blick und ihrem schmutzigen Mundwerk weichkochen lassen.
* * *
Die folgende Woche verlief unspektakulär und war durchzogen von Kundentreffen, einem Mittagessen mit Jeff, der tatsächlich eine unserer kleineren Yachten bestellte, und dem lästigen Tagesgeschäft. Im Fokus stand dabei die Vorbereitung unseres zweiten Treffens am nächsten Montag mit Mr. Beautiful – äh NEIN, Mr. Nolan. Mein Team arbeitete konzentriert und effizient, sodass wir bereits donnerstags alle Projektpläne, Design- und Bauphasen durchstrukturiert hatten.
»Sehr gut, June. Wissen die Jungs von der Werft schon Bescheid?« Mein Vater wirkt hocherfreut, als ich ihn auf den neuesten Stand bringe.
»Ja, es kann losgehen, sobald wir von Mr. Nolan den Auftrag erhalten. Die Zeitfenster sind alle inklusive einer Pufferzeit von 14 Tagen berechnet worden. Ich will kein unnötiges Risiko eingehen.« Dad nickte zustimmend.
»Dann lass uns diesen Deal am Montag eintüten.«
Samstagnacht
Helen begrüßt mich mit einem Schmatzer auf die Wange, sobald ich ausgestiegen bin.
»Soooo, und heute werden wir dir endlich einen Kerl organisieren. Das ist ja nicht mehr mit anzusehen.« Helen lacht mich verschmitzt an und wirft eine Strähne ihrer heute knallorange-farbenen Lockenpracht über die Schulter.
»Worauf du Gift nehmen kannst.« Gemeinsam stolzieren wir ins The Zoo. Über der Tür des Clubs prangt ein Banner › Party hard or go home!‹ – äußerst treffend. Mein smaragdgrünes Seiden-Longsleeved mit den farblich passenden Lederhotpants und den maigrünen Nappaleder-Mörder-Stiefeletten schreien danach, auf der Tanzfläche zu glänzen. Heute habe ich grasgrüne Kontaktlinsen zu der gleichfarbigen Kurzhaar-Perücke kombiniert. Alles perfekt aufeinander abgestimmt.
Die ersten Anwärter gaffen uns sabbernd hinterher. Dann kann die Show ja beginnen. Helen zwinkert mir zu und schleppt mich auf die proppenvolle Tanzfläche. Ich taxiere einige potentielle Kandidaten und entscheide mich mit einem kurzen Nicken zu Helen für einen braunhaarigen Breitschultrigen. Er hat ein nettes Lächeln und scheint auf den ersten Blick gut gebaut zu sein.
Pluspunkt Schätzchen.
Mit meinem Ich-Will-Dich-Flachlegen-Blick nähere ich mich ihm und zu meiner Freude grinst er mich frech an, als er seine Hand auf meine Hüfte legt.
»Oh Mann, siehst du heiß aus, Baby«, schreit er über die tobende Menge hinweg. Ein kecker Augenaufschlag lässt ihn schlucken und ich sehe mich schon auf der Siegesstraße mit ihm in das nächstgelegene Hotel fahren. Er bewegt sich rhythmisch zur Musik – dann wird der Sex auch ganz gut laufen.
Ich beiße mir neckisch auf die Unterlippe, er starrt auf meinen Mund und zieht mich näher zu sich.
Ganz angenehmer Geruch – aber nichts im Vergleich zu Mr. Nolans außergewöhnlichem Parfum.
Was zum Teufel ...
Die Vorstellung, mit diesem Typen durch die Kissen zu toben, löst sich beim Gedanken an Mr. Beautifuls Duft-Cocktail augenblicklich in Rauch auf. Zähneknirschend lege ich den Kopf in den Nacken, was den Kerl dazu verleitet, mir einen feuchten Kuss auf den Hals zu drücken. Wütend über seinen unaufgeforderten Vorstoß schiebe ich ihn rüde von mir.
»Das Spiel läuft nach meinen Regeln, Freundchen. Und du bist hiermit raus«, teile ich ihm kühl mit und rausche davon.
Kurz bevor ich wieder zu Helen stoße, hält mich ein süßer Rotschopf mit stahlgrauen Augen und einem tollen Lächeln auf.
»Grün – Farbe der Hoffnung. Gute Wahl!«
Erfreut über so viel Geistesgegenwart lächele ich zurück. »Ja, die Hoffnung auf ein Abenteuer.« Neugierig betrachtet er mich und ein Schmunzeln huscht über die hübsch geschwungenen Lippen. Ich finde ihn anziehend, trete näher an ihn heran und lege die Hand auf seinen Bizeps.
»Ich stehe auf harte Kerle.« Zufrieden merke ich, wie er scharf die Luft bei meinen Worten einzieht.
»Und ich auf Frauen, die wissen, was sie wollen«, kontert er lässig. Ich lasse mich von ihm zurück auf die Tanzfläche schieben und komme in den Genuss seines wohlgeformten Oberschenkels, der sich zwischen meine Beine schiebt.
Der weiß, was er tut! Sehr gut.
Meine Hände wandern seine Brust entlang, die nach dem ersten Check ziemlich gut gebaut zu sein scheint. Gekonnt bewege ich mich mit ihm, was er mit einem festen Griff an meine Hüfte erwidert. Lachend schaue ich zu ihm auf. Sein Blick fixiert meinen Mund.
Vergiss es. Ich küsse nicht! Niemals.
Viel zu intim.
Mit einem sexy Hüftschwung drehe ich ihm meine Rückseite zu, wobei ich darauf achte, dass mein Hintern an seinem Becken auf und ab wippt. Ich spüre seinen Atem im Nacken und grinse in mich hinein.
Hab ich dich!
Er zieht mein Becken fest an sich und ich kann seine erwachte Erektion deutlich spüren.
Geht doch.
Seine Bewegungen werden forscher und ich setze zum Finalschlag an. Triumphierend schließe ich die Augen, stelle mir seinen Mund zwischen meinen Beinen vor, wie er sich in mir anfühlen wird. Dann schlage die Augen auf.
HOLY SHIT!
Keinen Meter von mir entfernt trifft mich ein eisblauer Blick, der mich aus diesem abartig gut aussehenden Gesicht von niemand geringerem als Thomas Nolan anschaut. Blinzelnd starre ich ihn an, in der illusorischen Hoffnung, er würde sich als Halluzination rausstellen. Meine rothaarige Beute ist derweil damit beschäftigt, seine Hände über meine Hüften zu meinen Oberschenkeln wandern zu lassen.
Du wirst mir heute nicht dazwischen funken, elender Bastard!
Weiterhin starre ich in die stechend eisblauen Augen von Mr. Nolan, lehne ich mich gegen den Highlander, dem es zu gefallen scheint. Wildentschlossen mein Vorhaben in die Tat umzusetzen, packe ich den Rotschopf am Handgelenk, flüstere ihm ins Ohr, was ich genau von ihm will, und warte seine Reaktion ab. Grinsend nickt er und zieht mich Richtung Ausgang von der Tanzfläche. Als ich mich umsehe, ist Mr. Beautiful nirgends mehr zu sehen.
Erleichtert zwinkere ich im Vorbeilaufen Helen zu, die mit einem blonden Kerl beschäftigt ist, mir aber aufmunternd zulächelt. Mein Highlander hat einen festen Griff, sehr gut. Fragend sieht er mich an, als wir vor dem The Zoo stehen.
»Zu dir.«
»Gut.« Er beugt sich zu mir runter und will mich küssen, was ich mit einer Drehung meines Kopfes zu verhindern weiß.
»Ich will dich vögeln und nicht heiraten«, erkläre ich so charmant wie möglich.
Rotschopf holt tief Luft und schmunzelt mich dann an. »Klar, dein Wunsch ist mir Befehl!«
Das sehe ich auch so.
