BEYOND Passion - Grace C. Node - E-Book

BEYOND Passion E-Book

Grace C. Node

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Beschreibung

DER KLANG DER LIEBE IST DER KLEBSTOFF ZWEIER SEELEN, DIE FÜREINANDER BESTIMMT SIND. Mein Name ist June Martin. Und ich wurde verraten. Verraten von den Menschen, denen ich vertraut habe. Mein Leben ist ein verdammter Trümmerhaufen und ich wandele in einem emotionalen Minenfeld herum, das mir irgendwann den Rest geben wird. Keine Ahnung, warum ich so dumm war, mir einzubilden, ich wäre in der Lage, Liebe auszuhalten. Gegen jede Vernunft wird die Sehnsucht nach ausgerechnet dem Mann, der unsere Liebe auf so grausame Weise hintergangen hat, mit jedem Tag stärker. Aber wie kann ich ihm jemals vergeben, was er mir angetan hat? Was er UNS angetan hat. Doch es scheint meinem Herzen vollkommen gleichgültig zu sein, wie sehr ich gelitten habe. Denn egal, wie sehr ich mich dagegen wehre, alles zieht mich zu ihm. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich ihn ebenfalls verraten - sogar betrogen. Dafür hasse ich mich selbst abgrundtief. Wie soll ich die tiefe Kluft zwischen Verrat und Liebe überbrücken? BEVOR DU ANDEREN VERGEBEN KANNST, MUSST DU DIR SELBST VERGEBEN. EINE HARTE LEKTION, DIE DIR ALLES ABVERLANGEN WIRD.   Gefährliche Liebe. Dunkle Vergangenheit. Große Gefühle. Das große Finale der Beyond-Reihe.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Grace C. Node

Beyond Passion

Part 3

Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Autorin

Hektisch betonte Dissonanz

- 1 -

- 2 -

- 3 -

Chaotisch aufpeitschende Klangflächen

- 1 -

- 2 -

- 3 -

- 4 -

- 5 -

- 6 -

- 7 -

- 8 -

- 9 -

Schimmernd pulsierende Homophonie

- 1 -

- 2 -

- 3 -

Danksagung

Du stehst auf ...

Du hast noch nicht genug?

Bereits erschienen

Orientierungspunkte

Titelseite

Cover

Inhaltsverzeichnis

Buchanfang

Buchbeschreibung:

Manche Entscheidungen haben massive Konsequenzen im Gepäck, mit denen wir leben müssen. Aber wenn wir das Ausmaß dieser Konsequenzen für unser Herz nicht richtig abschätzen, kommt es unweigerlich zur Katastrophe.

Wie soll man jemals wieder Vertrauen zu den Menschen aufbauen, die einen verraten haben?

Wenn selbst die engsten Vertrauten dir nicht gesagt haben, was dir widerfahren ist, hinterlässt die Erkenntnis den bitteren Nachgeschmack der Lüge. Einer Lüge die so unglaublich schmerzhaft ist, dass sie unverzeihlich ist.

Wäre da nicht die leise Stimme im Hintergrund, die sich fragt, ob es nicht einen tieferen Sinn hinter all dem gibt ...

Über die Autorin:

Neugierige Wortaktrobatin, mutiger lebenshungriger Schöngeist, Film-Junkie und Book-Nerd - das bin ich. Grace C. Node.

Die Vermischung von Romance & Thriller versüßt mit sinnlichen Szenen und einem gewaltigen Gefühlsfeuerwerk - spannungsgeladene Storytwists garantiert - das ist meine Welt.

Für Suchtgefahr nach mehr Lesestoff übernehme ich keine Haftung!

Sternfeder Verlag

Ein Imprint des Zeilenfluss Verlags

Werinherstraße 3

81541 München

Deutschland

www.sternfederverlag.de

2. Auflage

Texte: Grace C. Node

Nachdruck - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

Coverdesign: Grace C. Node

Bildquelle: Adobe Stock #102427416 #202344870 #102427427 #102427401 #324830315 lizensiert.

Korrektorat/Lektorat: Grace C. Node

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:

https://portal.dnb.de/opac.htm

Das Buch ist rein fiktiv. Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Sämtliche Inhalte dieses E-Books und seiner Teile sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentlichen Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich Grace C. Node die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

[email protected]

ISBN: 9783691570687

Vorwort der Autorin

Liebes Leseherz,

bitte bedenke, dies ist ein fiktiver Roman! Alles ist der Fantasie der Autorin entsprungen, jede Handlung, die Gefühlswelt und das gesamte Setting sind dazu kreiert worden, um dich zu unterhalten.

Die Entscheidungen, die die Protagonisten treffen, werden womöglich gegenläufig zu deinen eigenen Vorstellungen sein, sind vielleicht im wahren Leben verwerflich, beschämend oder schlicht weg irrational.

Doch sie sind gewollt, fiktiv und gehören zur Charakterentwicklung dazu.

Das solltest du beim Lesen nie außer Acht lassen.

Mit diesem Buch endet die BEYOND-Trilogie, und alle offenen Fragen aus Teil 1 & 2 werden beantwortet.

Die Geschichte hinter dem Koh-i-Noor-Diamanten beruht teilweise auf wahren Begebenheiten, die für den Roman verändert, ergänzt und für die Handlung angepasst wurden. Da dieser Diamant seinerzeit im Rahmen der britschen Besetzung Indiens an Königin Victoria ging, wurde der Stein Teil der Kronjuwelen. Er ziert seit 1937 die Krone von Charles’ Großmutter Elisabeth Bowes-Lyon. Der Koh-i-Noor ist der wohl umstrittenste Stein der Welt, und bot meiner Geschichte dadurch sehr viel Spielraum. Sie spielt zeitlich VOR dem Tod von Königin Elisabeth II. Daher sind die Settings in den arabischen Emiraten auch ein wichtiger Bestandteil der Handlung innerhalb der gesamten Trilogie.

Die Kapitelüberschriften sind in diesem Teil KLÄNGE, denn Musik und Geräusche sind wie Düfte oder Farben ein Erinnerungsspeicher und lösen Stimmungen bei uns aus – können sie sogar verstärken. Der Aufbau der Kapitel ist etwas anders als bei den beiden vorhergehenden Teilen, da nun die Geschichte zusammengeführt wird. Es gibt drei Phasen in dem Buch mit je drei, neun und drei Abschnitten, basierend auf der Entwicklung der Handlung.

Und es wird wieder spicy.

Kontrollverlust und Vertrauen spielen in BEYOND Passion eine wichtige Rolle und die Protagonisten kompensieren den Verlust über dominante Spielarten und Züchtigungsspiele. Wenn dir eine solche Szenerie nicht gefällt, solltest du das Buch nicht lesen.

Zudem werden die Schuldgefühle, Ängste und Selbstzweifel der Protagonisten aufgearbeitet und die Szenen dazu können heftig werden.

Solltest du auf eine derartig fesselnde emotionale Reise KEINE Lust haben, dir die Komplexität der Geschichte zu viel sein, nimm bitte Abstand zu dem Buch.

Anderenfalls wünsche ich viel Spaß in der abgedrehten Welt von BEYOND.

An alle Liebenden.

Lebt, liebt und lacht mit euren Herzensmenschen,

denn sie sind der Zuckerguss des Lebens –

eures Lebens!

Hektisch betonte Dissonanz

[schmerzende Schwermut]

- 1 -

Wie gelähmt starre ich ihn an.

Das kann nicht sein. Das ist UNMÖGLICH!

Mir wird schwindelig und ich bekomme kaum Luft.

Was zum Teufel passiert hier gerade?

Ausgezehrt, bleich und mit einem mörderischen Ausdruck auf dem Gesicht steht ER da und raubt mir jeden klaren Gedanken, denn das kann nicht real sein.

Ausgeschlossen!

Mein überreiztes Hirn spielt mir einen gehörigen Streich und ich muss aus diesem Flashback aufwachen, bevor ich in eine neue Spirale der Gewalt von meinen Feinden, dem Franzosen oder den abtrünnigen MI6-Agenten gerissen werde.

Fieberhaft versuche ich, mich auf das Atmen zu konzentrieren, um dem Spukbild zu entkommen, das mich ausgerechnet jetzt heimsucht.

Im nächsten Augenblick bin ich gefangen.

Gefangen in seinen Armen, seiner Wärme und seiner Duftaura.

Der Moment steht still, dehnt sich lautlos aus und ist alles, was ich wahrnehmen kann.

»June!« Mein Name klingt wie ein Gebet, das er in mein Haar flüstert. Zu schön, um wahr zu sein. Dann löst er sich von mir und ich schaue in diese wunderschönen eisblauen Augen, die mir direkt in die Seele blicken.

»Wie ist das möglich? Ich ...«

Mehr kriege ich nicht hervor, denn seine Lippen liegen schon auf meinen. Erst sanft, fast zaghaft. Im nächsten Moment reißt er mich stöhnend an sich, raubt mir die Sinne mit seinem alles verschlingenden Kuss und ich fühle, wie das Leben mit jeder Sekunde stärker in mir aufwallt, mich durchströmt und ich endlich, endlich wieder ganz bin.

Schluchzend klammere ich mich an ihn, aus Angst, er wäre tatsächlich nur eine Illusion, ein weiterer mieser Streich meiner blühenden Phantasie.

Mit seinem gesamten Körper presst er mich gegen das Auto, an dem ich lehne, lässt mich seine Nähe spüren, doch es ist nicht genug. Ich fühle seine heftigen Atemzüge, die sich gegen meinen Brustkorb drücken – Lebenskraft.

Festgekrallt ineinander stehen wir Stirn an Stirn in der kalten Londoner Nacht auf offener Straße, wo uns jeder sehen kann, doch für mich ist alles belanglos, denn ich halte Thomas im Arm.

Aus meiner Brust ringt sich ein hysterisches Lachen hervor, das, von heftigen Weinkrämpfen korrumpiert, meinen Leib erschüttert. Aber er lässt mich nicht los, im Gegenteil: Seine starken Arme flößen mir die zerronnene Sicherheit ein, die ich in den letzten Tagen der düsteren, schmerzverzerrten Trauer eingebüßt habe.

Unfähig, die Empfindung dieser wahnwitzigen Situation in Worte fassen zu können, versinke ich in seinem Blick, der glutheiß auf mir ruht, und meinen erloschenen Lebensfunken entzündet. Wie hypnotisiert starre ich ihn an.

Er ist hier – hier bei mir.

Fassungslos schüttle ich wieder und wieder den Kopf darüber, das Thomas vor mir steht, quicklebendig, und mit mir verwachsen zu sein scheint. Der ganze durchlebte Schmerz seines Todes, die wiedergewonnene Erkenntnis unserer Liebe, all das schüttelt mich in einem unkontrollierten Lachen, bei dem mir die Tränen über die Wangen laufen.

Aber mit solch immanenten Gefühlen ist das so eine Sache.

Unter Aufbietung aller rationalen Reserven schiebe ich ihn wimmernd von mir. Damit reiße ich gewaltsam ein klaffendes Loch in meine gerade gekittete Brust, aber die unzähligen unbeantworteten Fragen drängen brodelnd an die Oberfläche, während mein berechnender Verstand mein aufgetautes Herz resolut zurückdrängt.

Thomas erfasst sofort, was ich vorhabe, und geht zum Gegenangriff über. Mit beiden Händen umfasst er mein Gesicht, sieht mich an und küsst mich erneut.

War unser erster Kuss notwendig, ist dieser hier unausweichlich.

Jedwede Gegenwehr fällt seiner martialischen Gründlichkeit zum Opfer. Er duldet keinen Widerspruch, und ich habe nicht die geringste Chance, seiner Besetzung zu entkommen. Der Geschmack seiner Zunge, die meine umspielt, seine kundigen Lippen, die an meinen zupfen, die sinnlichen Seufzer, die er von sich gibt – all das setzt er konsequent ein, um mir zu zeigen, wer hier die Hosen anhat. Unanständige Waffen in einem ungleichen Kampf.

Zu allem Überfluss presst sich nun seine köstliche Erektion gegen meinen Bauch, die er schamlos an mir reibt.

Lieber Himmel!

Vollkommen benebelt von meiner kreischenden Libido, die den wiedergewonnenen Drogencocktail frenetisch feiert, japse ich nach Luft, die Thomas mir raubt. Alles in mir brüllt im körperlichen Ausnahmezustand nach weiteren Injektionen seiner Unwiderstehlichkeit. Mit dem letzten Funken Verstand, der sich brüllend gegen das tosende Verlangen stemmt, unterbreche ich den Kuss.

»Thomas – warum ...«

»Du bist alles für mich«, tilgt er die Frage mit samtiger Stimme.

»Aber ...« Erneut erstickt er mein Veto mit seinem Mund, hebt mich auf seine Hüften und ich stöhne die pochende Lust hinaus in die Nacht.

»Verflucht, lassen Sie sie los!« Floyd steht urplötzlich neben uns und reißt Thomas von mir weg, sodass ich unsanft gegen das Auto pralle.

Es entsteht ein handfestes Gerangel zwischen den Männern, was von dumpfem Keuchen und wütendem Zischen begleitet wird. Erst, als Floyd ihn im schummrigen Licht der Straßenlaterne erkennt, lässt er abrupt von Thomas ab, während ihm fast die Augen aus dem Kopf fallen. Beide stehen sich schnaufend gegenüber – Thomas stinksauer, Floyd geschockt.

»Verdammte Scheiße! Wie – ist das möglich? SIE ... Sie sind gestorben.« Floyd starrt Thomas lauernd an.

Der funkelt erbost zurück, denn sein heroischer Versuch, mich von den quälenden Fragen abzulenken, ist damit gescheitert.

»Es ist kompliziert.«

»Ach, ernsthaft?«

»Ich kann nicht bleiben. Noch nicht.« Thomas blickt wehmütig, allerdings mit einem harten Zug um den Mund zu mir.

»Scheiße, das werden Sie ihr nicht nochmal antun, Freundchen«, fährt ihn Floyd an und will ihn schon packen, doch geschickt windet er sich an ihm vorbei und steht direkt vor mir.

Sanft streicht er mit dem Daumen über meine Wangenknochen, haucht mir einen Kuss auf die Stirn und seufzt tief. »Ich weiß, dass du unzählige Fragen hast. Aber ich muss gehen. Noch ist es nicht vorbei.« Vorsichtig nicke ich. In mir herrscht ein heilloses Chaos, angefangen vom Zwiespalt, vor Wut auf ihn einzuschlagen, bis hin zu höchst unanständigen Dingen, die ich mit ihm anstellen will. »Miss Shearman braucht meine Hilfe. Und ich muss einem alten Kollegen meine Aufwartung machen. Aber ich verspreche dir: Ich bin bald zurück.« Am liebsten würde ich ihm eine runterhauen.

»Sie Arschloch. Wissen Sie, was Sie ihr angetan haben?«, donnert Floyd dazwischen, doch Thomas ignoriert ihn einfach.

»Alles wird gut. Ich liebe dich, mi Corazón.« Mein einstiger Kosename spült die Sehnsucht in warmen Wellen in mein erschüttertes Herz und ich nicke ergeben, denn er ist lebendig. Thomas haucht mir einen Kuss auf die Wange, sieht mir nochmal fest in die Augen und bevor Floyd ihn wutschnaubend aufhalten kann, flüchtet er in die Dunkelheit.

Blitzende Lichter tanzen mir vor den Augen und ich sacke stöhnend in mich zusammen.

Ist das gerade tatsächlich passiert? Wie um alles in der Welt ist das nur möglich?

Floyd ist sofort an meiner Seite und hilft mir, nicht in einen katatonischen Schock zu verfallen. Die ganze Sache ist vollkommen verrückt und ich kann nicht fassen, ihn eben noch geküsst zu haben.

»Du hast ihn auch gesehen, oder?«

Floyd blickt mich unverwandt an. »Ja, das war ... ich kann es nicht begreifen, aber er lebt.«

In mir laufen die Erklärungsvarianten Amok. Vor nicht mal einer Woche habe ich nach meiner Amnesie herausgefunden, dass er in meinen Armen vor fast zwei Jahren gestorben ist. Dann steht er im nächsten Augenblick vor mir, quicklebendig.

Habe ich mich eben noch verloren und aufgelöst gefühlt, reißt mich nun eine Flutwelle aus Gefühlen mit sich.

Nachdem mich Floyd nach Hause gebracht und wir uns beide aufgewärmt haben, starre ich nachdenklich mit einem Grog in den Händen ins prasselnde Kaminfeuer. Obwohl ich über die Neuigkeit, Thomas am Leben zu wissen, überglücklich bin, beißt sich der Verrat ihm gegenüber in mir fest. Floyd, dem ich ansehe, wie abgefuckt er die Situation findet, sitzt bei mir, hat bislang jedoch kein einziges Wort darüber verloren.

»Wieso ist er am Leben? Herr Gott, er ist in meinem Armen gestorben«, fluche ich leise zum hundertsten Mal. Da er weiß, dass es rein rhetorisch war, schweigt er weiterhin. Mein Geist ist erschöpft, die Gedanken rotieren in immer derselben Spirale vor sich hin, ohne ein nennenswertes Ergebnis zu Tage zu fördern. Seufzend stehe ich auf.

»Geh nach Hause, Floyd. Für heute lassen wir es gut sein.«

»Aber wenn ...«

»Bitte, ich will nur noch ins Bett. Es geht mir gut, ... denke ich.«

Sein kritischer Blick verrät, dass er nicht überzeugt ist, verabschiedet sich allerdings und ich bin allein.

Allein mit all der Sehnsucht, der stechenden Wut darüber, dass er mich angelogen hat und der brennenden Neugier, was mit ihm geschehen ist. Da ich heute Nacht keine Antwort erhalten werde, versuche ich, Schlaf zu finden. Zum Glück waren die letzten Tage der Trauer anstrengend genug und mein Körper übernimmt strategisch die notwendigen Funktionen, so dass der Schlaf sich kurze Zeit später meiner bemächtigt.

Die Sonne kitzelt mich wach. Erstaunlicherweise habe ich nicht geträumt und so physisch ein wenig Kraft tanken können. Mechanisch, und ohne die geringste Ahnung, was mir dieser neue Tag bescheren wird, erledige ich meine Morgenroutine, bevor Floyd bei mir auftaucht. Ein einziger Gedanke ist immerzu präsent: Wie ist das verdammt nochmal möglich?

»Floyd, bring mich bitte zu Dr. Harrington.« Er sieht mich traurig an. »Gibt’s ein Problem?«

»Ich fürchte schon, Ma’am.«

Irritiert sehe ich ihn an. »Was ist passiert?« Nervös tritt er von einen auf den anderen Fuß. Das ist ein Novum. »Spuck’s schon aus«, seufze ich in Erwartung der nächsten Katastrophe.

»Dr. Harrington sagte damals, also bei Ihrem Unfall ...«

»... der keiner war, wie wir jetzt beide wissen.«

»Ja, der ... also bei Ihrem Gedächtnisverlust sagte sie, dass, sollten Sie sich an alles und damit an Mr. Nolan erinnern, sollten wir ... es wäre wichtig, dass wir im Krankenhaus mit ihr sprechen.«

Entgeistert starre ich ihn an. »WAS? Warum das denn? Mir geht es gut, Herr Gott noch mal.«

»Ja, schon. Aber ihre Anweisungen in der Angelegenheit waren eindeutig, Ma’am.«

Der will mich wohl verarschen!

»Floyd, jetzt komm schon. So ein Aufstand für nichts. Ich gehe nicht ins Krankenhaus. Das ist lächerlich.«

Er steht vor mir, ohne sich zu rühren, was mich sauer macht. »Ma’am, es geht um Ihre Gesundheit und ...«

»Verschon mich mit den Details. Warum zum Teufel soll ich untersucht werden, wenn mir nichts fehlt? Außer Antworten und ’ner ordentlichen Mütze Schlaf, vielleicht.« Seine Gesichtszüge sind versteinert, wie immer, wenn es um den Sicherheitsscheiß geht. Er wird nicht nachgeben, da es um eine ärztliche Anweisung und damit um mein Seelenheil geht, egal wie viel ich herumzicke oder ihn anschnauze. Wir liefern und noch einen Moment lang ein bitteres Blickduell, dem ich irgendwann ausweiche und weiß, ich hab verloren.

Angefressen ziehe ich mir den Parker an, um Floyd zum Auto zu folgen. Zu meinem Erstaunen hat er bereits eine Tasche gepackt, die er mitnimmt.

Verräter!

Ich rufe Dr. Harrington an, die sich aufgelöst nach meinem Befinden erkundigt, als ich ihr die Ereignisse der vergangenen Tage im Überblick schildere. Sie nennt mir das Krankenhaus, zu dem wir kommen sollen und macht mir Mut, dass alles gut werden wird. Davon bin ich wenig überzeugt, denn die Wut, dass hier über meinen Kopf hinweg entschieden wurde, gärt ungesund in mir.

Floyd begleitet mich zum Empfang, meldet uns an und bringt mich auf das angegebene Zimmer. Der Aufwand, der hier betrieben wird, ist alarmierend, doch als ich von Dr. Harrington lächelnd begrüßt werde, die mich in eine liebevolle Umarmung zieht, schwindet die Sorge allmählich.

Durch die herzliche Begrüßung ist mir das Gesamtszenario entgangen:

Floyd hat zu meinem Erstaunen meinen Dad herbestellt und auch Helen steht von einem der Sessel auf. Alle blicken mich mitleidig an und das macht mich rasend vor Zorn. Entgeistert starre ich die Menschen, die mir am nächsten stehen, an.

»June, Liebes, setzen Sie sich doch bitte«, versucht Dr. Harrington, mich in die Defensive zu lotsen.

»Warum seid ihr alle hier?« Misstrauisch beäuge ich einen nach dem anderen und tief in mir baut sich ein heißer Knoten im Magen auf.

»Jeder in diesem Raum will nur dein Bestes. Wir lieben dich von ganzem Herzen und ...« Mein Dad räuspert sich, da ihm die ganze Show offenbar unangenehm ist.

Gut, mich kotzt sie an!

»Vamp, es stimmt. Bitte, komm her und lass uns reden.« Helen sieht besorgt aus.

»June, Sie sind umgeben von Menschen, die sich um Sie sorgen. Für Sie macht es den Anschein, als wären Sie alleine, doch das sind Sie nicht.« Dr. Harrington hat mir die Hand in den Rücken gelegt und widerwillig lasse ich mich auf den Sessel fallen, der neben Helens steht.

»Was bitte soll das ganze Affentheater?«

»Ich werde Ihnen alles erklären. Aber zuvor möchte ich, dass Sie wissen, wie sehr wir alle hier uns darüber freuen, dass Sie Ihre Erinnerung zurückerlangt haben.«

Mir kommt das Ganze wie eine miese Verschwörung vor und davon hatte ich in letzter Zeit ausreichend. Wütend funkele ich Floyd an, der bemüht ist, nur auf seine Fußspitzen zu schauen – erbärmlich. Dad sieht mich mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Furcht an. Wie damals, als ich ihm mitteilte, er solle sich aus meinem Leben raushalten. Und Helen. Meine Helen hat Tränen in den Augen.

»June, erzählen Sie uns bitte, was geschehen ist.« Dr. Harrington ist einfühlsam wie eh und je, was mein Gemüt ein klein wenig besänftigt.

Wo zum Henker soll ich da anfangen?

»Mein Leben ist grade zu einem Alptraum sondergleichen mutiert,« gifte ich in die Runde. Zwar weiß mein Dad von Floyd um meine Erinnerungsodyssee und Helen wird sicher ebenfalls informiert sein, doch das ganze Ausmaß ist noch nicht aufgedeckt. Zumal Dad keinen Schimmer von dem Koh-i-Noor und der turbulenten Schnitzeljagd hat. Und ihnen zu erklären, dass der totgeglaubte Thomas wieder unter den Lebenden weilt, wird allen den Boden unter den Füßen wegreißen – genau wie mir.

Schweigend sehen mich alle betroffen an, was mich zur Weißglut treibt.

»Warum seid Ihr alle geschockt? Ihr sitzt hier rum, während ich in einem Atemzug feststelle, dass ich jemanden Besonderen gefunden, ihn im selben Moment verloren habe und ich von einer korrupten MI6 Crew verfolgt werde. Und dann steht mein totgeglaubter Lover wie aus dem Nichts vor mir. Verflucht, das ist doch ...«

Mir geht die Luft aus und ich ringe nach Atem. Die letzten Wochen waren aufreibend, katastrophal und mehr als spooky.

»Was meinst du mit ›totgeglaubt‹?« Helen sieht mich skeptisch an.

Floyd übernimmt diesen Part für mich, da ich von Dr. Harrington ein Glas Wasser hingehalten bekomme. »Gestern Nacht – wir wollten gerade nach Hause fahren – June, also Miss Martin, wurde von jemandem bedrängt. Ich ging dazwischen und ... es war Thomas Nolan.«

Keiner rührt sich. Schockiert starren ihn alle an. Kein Wunder, denn ich kann es ja selbst noch nicht so richtig glauben.

»Wie meinen Sie das, Mr. Mitchel?«, fragt Dr. Harrington vorsichtig, wobei sie mich wachsam beobachtet.

»Er stand vor mir. Ohne Zweifel. Es ist ...«

»Verdammt, wie ist das möglich?«, grollt mein Vater dazwischen, während Helen meine Hand nimmt und mir die Tränen über die Wangen laufen.

Es entsteht ein aufgebrachtes Durcheinander, in dem Dr. Harrington die Männer versucht, zu besänftigen. Floyd verteidigt sich gegen die wütenden Beschuldigungen meines Dads, während Dr. Harrington darauf aufmerksam macht, dass ich der Dreh- und Angelpunkt in dem Ganzen bin.

»Konzentrieren wir uns bitte auf June, meine Herren. Wir alle sind für sie hierher gekommen. Also bitte.« Energisch greift sie durch und mein Vater sieht mich verzweifelt an, bevor er vor mir auf die Knie sinkt und mich in die Arme schließt.

»June, mein Liebling. Es tut mir alles so wahnsinnig leid.« Er reißt sich zusammen, um meinetwillen, denn seine Stimme zittert. Zaghaft löst er sich von mir und setzt sich auf einen Stuhl am Fenster, die Stirn vor Sorge in Falten gelegt.

»Wollen Sie uns erzählen, was es mit dem Ganzen auf sich hat?« Ich reiße mich vom Anblick meines Dads los und fokussiere mich auf meine Therapeutin.

Da es völlig egal ist, wo ich beginne, fange ich mit dem weniger Schmerzhaften an und berichte von Floyds Jagd nach John, der Schnitzeljagd, die ich größtenteils mit Pete verfolgte, und der schockierenden Erkenntnis, dass er und seine Jungs nichts anderes wollten, als über mich an den Diamanten ranzukommen. Floyd gibt nur hier und da einige Details zum Besten, wie die Tatsache, dass mein Heim korrumpiert, wir beide inhaftiert, und durch die Agentinnen Banks und Shearman gerettet wurden. Als ich zu dem Punkt komme, wo wir in Thomas’ Stadtvilla eingetroffen sind, wird mir eiskalt, denn die Erinnerung an die fürchterliche Offenbarung raubt mir den Mut.

Mein Schutzengel springt hier für mich ein und klärt sachlich meine Odyssee durch die vernichtende Erkenntnis und wie wir gemeinsam das letzte Puzzleteil gefunden haben. Das erneute Durchleben der Trauer krallt sich um mein Herz und ich versuche, nicht dem Fluchtinstinkt nachzugeben und aus dem Zimmer zu flüchten.

Erdrückendes Schweigen liegt im Raum und keiner wagt, als erster die Stille zu durchbrechen. Alle sind zu aufgewühlt vom Ausmaß des Gehörten. Jeder scheint in seinen Gedanken versunken zu verarbeiten, was wir berichtet haben. Helen hat sich an mich geschmiegt und gibt mir dadurch Halt, während mein Vater mich fassungslos anstarrt.

Als Erste regt sich Dr. Harrington. Ihr Räuspern zerreißt die bedrückende Stille und wir alle blicken zu ihr. »June, es tut mir alles unendlich leid. Wenn ich geahnt hätte, wie nah Sie an den Erinnerungen waren, ich hätte ...«

»Was? Mich weiter davon abgehalten?« Trotz der bleiernen Erinnerungen flammt die Wut über das Komplott aller hier befindlichen Menschen auf. »Sie haben mich ermutigt, meinen Gefühlen nachzujagen. Wussten Sie, das er noch lebt?«

Entsetzt blickt sie mich an. »Aber nein. Natürlich nicht. Wir mussten Sie vor einem weiteren Schock bewahren, den die tiefgreifenden schmerzvollen Erinnerungen hätten auslösen können, wenn wir zu schnell vorgegangen wären. Ihre Amnesie – Sie haben sich selbst geschützt und nur Sie selbst konnten Schritt für Schritt den Weg zurückgehen. Wenn wir Sie zu früh damit konfrontiert hätten – es hätte Sie an diesen dunklen bitteren Ort zurückgeworfen, aus dem Sie gerade erst entflohen sind.«

»Und deshalb lassen Sie mich im Dunkel darüber, dass ich endlich meine große Liebe gefunden hatte?«, fauche ich tränenerstickt.

Schlimm genug, dass das Spionage-Desaster meine Privatsphäre infiltriert hat und ich in ein Machtspiel ungeahnten Ausmaßes gezogen wurde – jetzt stelle ich fest, dass ich systematisch von allen, denen ich vertraue, belogen wurde.

»Es war zu gefährlich, June. Sie haben im Koma gelegen, weil Ihr Kreislauf verrückt gespielt hat und Ihr Verstand nicht anders mit dem Schock über den Tod von Mr. Nolan umzugehen wusste, als es vollständig zu verdrängen, es gänzlich auszublenden. Ihre Bindung zu ihm ist unwahrscheinlich stark, denn als Sie von Ihren Visionen und Träumen berichteten, war es wie ein Wunder. Normalerweise bedarf es einer langen intensiven Therapie, aber Sie erzählten bereits kurz nach Ihrer Genesung davon und ich ließ Sie selbst den Weg zu Ihren Erinnerungen finden. Wenn ich geahnt hätte, dass er lebt – June, das hätte die Situation grundlegend geändert.«

»Verflucht, es ist mein Leben, mit dem ihr alle hier experimentiert.« Aufgelöst sacke ich im Sessel zusammen.

»Aber wir experimentieren doch nicht damit, Vamp. Wir wollten dich beschützen. Hätte ich auch nur die leiseste Vermutung gehabt, dass Thomas noch lebt ... ich hatte keine Ahnung.« Helens Stimme ist brüchig und trotzdem bin ich stinksauer auf sie.

»Da er tot war, hätte eine sanfte Rückführung stattgefunden. Sie wären früher oder später immer ein wenig näher an diese Erinnerungen gelangt. Der Schmerz des Verlustes, die Vorbelastung aus ihrer Kindheit, all das hat mich zu der Empfehlung gebracht, dass nur Sie selbst das Tempo bestimmen, wann Sie bereit sind, sich an alles zu erinnern und damit dem Unausweichlichen ins Auge zu sehen.« Fürsorglich reicht mir Frau Doktor ein Taschentuch und ich schnäuze mir geräuschvoll die Nase.

»Ihr wusstet alle, was mit mir nicht stimmt. Wenn ich gewusst hätte ...«

Aiden und die Partys schießen mir ins Hirn und sofort glüht die Schamesröte in meinen Wangen.

»Das konnte niemand wissen. Woher auch. Er ist gestorben und du warst am Boden zerstört, vollkommen am Ende. Es war ein großes Glück, dass du verhältnismäßig schnell aus der Bewusstlosigkeit erwacht bist«, mischt sich mein Vater ein.

»Alles, was ich wollte, war, herauszufinden, wer der Mann aus meiner Phantasie ist. Dass er ein Toter ist, hätte ...«

»Hätte dich vollends vernichtet. Siehst du denn nicht, was es mit dir gemacht hat? Es hat dich so fertig gemacht, dass dein Geist diesen Mann ausgeschaltet und aus deinen Erinnerungen verbannt hat.« Helens Stimme ist ein krächzendes Flüstern geworden.

»Aber es sind MEINE Erinnerungen, verflucht.«

»Beruhige dich Kind. Wir sind auf deiner Seite«, springt Dad ihr zu Hilfe.

»Einen Scheiß seid ihr. Ihr hättet es mir sagen müssen. Ich wäre nicht – Aiden, es war ein Fehler. Gott, was hab ich getan.«

Ich hab ihn betrogen, hintergangen.

Er wird mich hassen.

Wie konnte ich nur so unverantwortlich und egoistisch sein.

»Fang nicht an, dir Vorwürfe zu machen, Süße. ER hat das alles inszeniert und dich ins Chaos gestürzt.«

»Da muss ich Miss Atkins zustimmen. Wenn er dich ins Vertrauen gezogen hätte, wärst du nicht ...«

»Sei still, Floyd. Du hast kein Recht, darüber zu urteilen. Ich war maß- und zügellos.«

Mein Herz rast und ich fühle, wie sich alles in mir aus Ekel vor mir selbst zusammenzieht. Wie konnte ich so blind sein? Niemand anderes außer Thomas Nolen wäre in der Lage gewesen, mein Herz zu erobern. Und ich habe nichts Besseres zu tun, als bei der nächstbesten Gelegenheit die Beine für einen billigen Abklatsch breitzumachen.

Magensäure steigt mir die zugeschnürte Kehle hoch und ich kann mich gerade noch zur Seite drehen, bevor ich Helen in den Schoß kotze. Wie durch ein Wunder schaffe ich es schluchzend in das angrenzende Bad und übergebe mich in die Toilette. Es ist widerlich und durch das Heulen kriege ich keine Luft, würge erneut und bekomme Panik.

»Schon gut, Kind, keine Angst. Du bist nicht allein.« Dad steht hinter mir und hält mir die Haar zusammen, während ich meinen Ekel aus mir herausbreche.

Unendlich beschämend empfinde ich die Situation und spüle mir den galligen Geschmack aus dem Mund. Gott bin ich schäbig – aber zu dieser Erkenntnis bin ich bereits vor Monaten gelangt.

Eine kaputte Mittdreißigerin, emotional labil, mit einem gestörten Verhältnis zu zwischenmenschlichen Verbindungen mit einer abartigen Neigung nach Aufmerksamkeit in Form eines Alter-Egos namens Candy Moon, die nichts Besseres zu tun hat, außer sich von wildfremden Kerlen ficken zu lassen.

»Wie konntet ihr mir das antun? Alles, was ich getan habe ...«

»Schon gut, June. Niemand verurteilt Sie, weil Sie ein wenig Frieden und Anerkennung gesucht haben.« Dr. Harrington nimmt meine Hand und spendet mir damit ein klein wenig Trost.

»Aber ich hab ihn verraten. Ich hab uns verraten. Und ich habe mit Aiden gespielt. Wie soll ich ...«

»Darüber machen wir uns später Gedanken. Jetzt ist wichtig, dass Sie wissen, wir sind für Sie da. Jederzeit. Es war ein einschneidendes, zu tiefst schockierendes Ereignis. Sie haben sich mit der Situation auf Ihre ganz eigene Art befasst. Da gibt es keinen Königsweg.«

Schön wär’s!

Beim Gedanken an all meine Verfehlungen wird mir erneut schlecht, ich zittere am ganzen Leib und meine Hände sind eiskalt. Rasende Kopfschmerzen machen jedwede Entgegnung zunichte.

»Kommen Sie, June. Legen Sie sich hin. Das war alles zu viel. Wir passen auf Sie auf.« Die beruhigende Stimme von Dr. Harrington dringt wie durch Watte gedämpft zu mir durch und ich werde hochgehoben und auf die Liege gelegt.

»Trinken Sie das. Es wird Ihnen guttun.«

Willenlos nippe ich an dem Glas. Dankbar, dass sich ein dumpfer Schleier über mein Gemüt legt, dämmere ich weg.

* * *

Träge blinzele ich in die Dunkelheit. Keine Ahnung, wie lange ich weg war. Unter der Tür fällt das weiße Licht des Flures ins Zimmer. Irritiert wandert mein Blick durch den Raum, es riecht nach Desinfektionsmittel. Als ich die Beine von der Liege schwinge, regt sich neben dem Fenster eine Gestalt.

»June, Kind. Wie fühlst du dich?« Dads Stimme ist leise und er kommt zu mir, um mir aufzuhelfen.

»Ich bin mir nicht sicher.«

»Warte, ich mache Licht.« Vorsorglich kneife ich die Augen zu. Langsam gewöhne ich mich an die Helligkeit und stelle fest, dass nicht nur mein Vater im Zimmer ist. Eine müde aussehende Helen steht von einem Sessel auf und kommt zu uns. Auf dem Tisch neben der Liege steht eine Flasche Wasser, die ich mir kralle und gierig trinke.

»Wie spät ist es?«

»Kurz nach acht. Dr. Harrington meinte, wir sollen dich schlafen lassen«, antwortet mein Dad und streicht mir tröstlich über den Rücken.

Dann fällt mir wieder alles ein. Das seltsame Treffen, die Erkenntnis, dass sie mich alle belogen haben, Schuldgefühle, Einsamkeit.

Schon verspüre ich den Drang, wegzulaufen, Helen jedoch, die mich viel zu gut kennt, legt mir die Hand auf den Arm. »Denk nicht mal dran, Vamp.«

Mürrisch schnaube ich über ihre hellseherischen Fähigkeiten, bleibe jedoch auf der Liege hocken. In der Zwischenzeit hat Dad die Schwester gerufen, die mit einem scheuen Lächeln das Zimmer betritt und mir eine Tasse heißen Pfefferminztee vor die Nase hält. Sie teilt meinem überbesorgten Vater mit, dass es laut Dr. Harrington wichtig wäre, mich diese Nacht noch zur Beobachtung dazubehalten und er nickt ergeben.

Super – das hat gerade noch gefehlt.

»Wo ist Floyd?«, will ich wissen, obwohl das unfair ihm gegenüber ist, da er sich eine Auszeit nach all den Strapazen und emotionalen Achterbahnfahrten redlich verdient hat. Wahrscheinlich liegt er gerade jetzt in der süßen Umarmung der rehäugigen Kate.

»Daheim, wo er hingehört. Wir bleiben bei dir, Liebes«, betätigt Dad meine Vermutung. »Dr. Harrington wird gleich morgen früh mit dir sprechen. Wir sollen sie informieren, sobald du wach bist.«

Stöhnend reibe ich mir die Nasenwurzel. »Wieso das denn? Ich kann mit ihr in der Praxis sprechen.«

»Das wirst du auch. Aber erstmal muss sichergestellt sein, dass mit dir alles in Ordnung ist.«

Leicht verstimmt gebe ich nach und trinke den Tee aus, um mich dann in die Decke zusammenzurollen und den Rest des Abends zu verschlafen.

Erstaunlich wach stehe ich am nächsten Morgen von alleine auf. Im Bad mit der Zahnbürste im Mund grüble ich über meine aktuelle Situation nach:

Fakt Nr. 1: Thomas lebt.

Fakt Nr. 2: Ich habe ihn betrogen.

Fakt Nr. 3: Aiden ist – es ist kompliziert.

Fakt Nr. 4: Ich bin am Arsch.

Ich werde von einer jungen Ärztin durchgecheckt und nachdem sie das ok gegeben hat, wartet Floyd bereits auf mich. Dad war sehr hingebungsvoll, doch ich will und kann nicht auf das Vater-Tocher-Ding eingehen, nicht, solange ich diese Wut im Bauch habe. Auf ihn, auf Helen, auf eigentlich alle.

Auch auf Thomas, der Gott weiß, wohin verschwunden ist. Mein Dad hat Helen nach Hause gefahren, obwohl sie lauthals protestierte, doch bei dem bevorstehenden Termin kann sie ohnehin nichts Sinnvolles tun, außer den Platz im Wartezimmer warm zu halten.

»Der Termin mit Dr. Harrington ist um zehn Uhr. Willst du was frühstücken?«, fragt Floyd vorsichtig, da er genau spürt, das noch längst nicht alles wieder gut zwischen uns ist. Lautstark meldet sich mein Magen zu Wort und ich nicke nur, als wir uns vom Krankenhausparkplatz in den morgendlichen Londoner Verkehr einordnen. Aus seiner langjährigen Tätigkeit weiß er genau, was ich jetzt brauche, und so halten wir eine halbe Stunde später vor dem IVY, SOHO Brasserie. Ich springe raus, bestelle uns beiden einen Café Latte, zwei Portionen der Buttermilch Pancakes mit Beeren und Yoghurt, und für mich zusätzlich einen Grünen Smoothie. Als ich mit der Tüte bepackt ins Auto einsteige, würdige ich Floyd nicht eines Blickes. Seufzend fährt er los und erst, als wir in meinem Penthouse angekommen sind, bricht er das Schweigen.

»June, es ... wirklich, es tut mir leid. Das alles.«

Angriffslustig fahre ich zu ihm herum und verschütte dabei fast den Café Latte. »Ach ja. Du hast mich die ganze Zeit angelogen und jetzt tut es dir leid?«, zische ich zwischen den Zähnen hindurch, denn am liebsten würde ich irgendwas nach ihm werfen.

Mit der Hand fährt er sich seufzend über das müde Gesicht. »Ich weiß. Für dich muss das alles wie ein böser Alptraum sein. Aber als ich dich in jener Nacht vor einem Jahr erlebte, wie du ... du bist ... es war, als wärst du mit ihm gestorben«, flüstert er mit erstickter Stimme. So habe ich ihn noch nie erlebt, was mich etwas milder stimmt.

»Und wenn schon. Du hattest kein Recht, mir das – etwas so Wichtiges vorzuenthalten.«

»Wenn es nicht um dein Herz und ihn gegangen wäre, stimme ich dir zu. Aber du warst nicht mehr du selbst. Noch nie hatte ich so eine Angst um dich.« In seiner Stimme liegen das ganze Mitgefühl und die Sorge, die ihn verzweifeln ließen, und das macht mich fertig.

Langsam erahne ich, welch einen Schrecken ich ihm eingejagt haben muss, wenn er nach all der Zeit noch so betroffen davon ist. Mein schlechtes Gewissen tippelt in meinem Gedankenpalast nervös umher, und ich mache einen Schritt auf ihn zu.

»Vielleicht ... äh, ja, also ... Es war unfair von mir, so auf dich loszugehen. Mir war nicht klar, wie ... ähm, wie es für dich gewesen sein muss.«

Stocksteif steht er vor mir und seiner angespannten Körperhaltung entnehme ich, wie aufgewühlt er gerade ist.

»Hör zu, ich ... du warst immer für mich da – immer und in jeder abgefuckten Situation hast du mich beschützt. Ich habe kein Recht, an deiner Loyalität mir gegenüber zu zweifeln.« Hörbar atmet er aus. »Ich bin undankbar gewesen und eine grauenhafte Chefin und ...«

»Halt endlich die Klappe, dumme Nuss«, brummt er und nimmt mich in die wohldefinierten Arme. So emotional sind wir selten miteinander, allerdings waren die letzten Wochen auch ein Ausnahmezustand – zum Glück. Wie damals bei meinem üblen Zusammenstoß mit dem Fast-Vergewaltiger gibt er mir seinen Schutz, die Gewissheit, dass mir bei ihm nichts passieren kann, und die Geborgenheit, die mir so fehlt. Lange stehen wir zusammen, denn auch ihm hat das Alles arg zugesetzt.

Als es sich wieder richtig zwischen uns anfühlt, lösen wir uns voneinander, wobei er mir ernst in die Augen sieht.

»Verzeihst du mir?«, frage ich zaghaft.

Schmunzelnd nickt er. »Aber ich habe mir Urlaub verdient, finde ich.« Etwas überrascht lege ich den Kopf schief und überlege, wann er diesen Wunsch jemals geäußert hat.

»Hat dieses Gesuch zufällig etwas mit deinem aktuellen Beziehungsstatus zu tun?« Darauf erhalte ich lediglich ein geheimnisvolles Floyd-Lächeln, das einige Damen in Verlegenheit bringen würde.

»Mein Privatleben geht dich nichts an. Bekomme ich den Urlaub jetzt, oder nicht?«

»Also doch. Ich wusste es! Wie ernst ist es mit Euch?« Meine Neugier platz au mir heraus, da Floyd bislang nie etwas zu Liebschaften kundgetan hat. Mit der süßen Krankenschwester scheint es jedoch tatsächlich ernst zu sein.

Mit jetzt undurchdringlicher Bodyguard Miene blickt er zu mir herunter und hebt lediglich eine Augenbraue an. »Ma’am, bitte.«

»Ach, jetzt sind wir wieder beim ›Ma’am‹, ja? Du bekommst den Urlaub nur unter der Bedingung, dass du mir auf der Stelle verrätst, wie es im Floyd’schen Liebeshimmel aktuell ausschaut.«

Grollend verdreht er die Augen. »Dann pfeife ich auf den Urlaub.« Als er sich wegdrehen will, halte ich ihn sanft zurück.

»Hey, natürlich bekommst du den Urlaub. Du hast es mehr als verdient. Ich bin nur ...«

»... unverschämt neugierig? Ja, sehr sogar. Und nein, ich werde dir nicht auf die Nase binden, was bei mir ›abgeht‹«, fällt er mir ins Wort, muss allerdings selbst schmunzeln. Beruhigend klopfe ich ihm auf die massige Schulter und schiebe ihm die Pancakes zu.

»Lass gut sein. Es geht mich auch nichts an. Aber bevor du in den Sonnenuntergang mit der holden Kate entschwindest, müssen wir uns um einen Ersatz für dich kümmern. Ein John-Revival kommt nämlich nicht in Frage, hörst du.«

Jetzt wieder ernst nickt er und verspricht, sich darüber Gedanken zu machen, aber es klingt halbherzig.

* * *

Die Sitzung bei Dr. Harrington war aufwühlend, frustrierend, schmerzhaft und endete mit einem Heulkrampf. Ich war aufbrausend, ungerecht und versteckte mich hinter den Vorwürfen, die von dem eigentlichen Desaster ablenken sollten. Nur bin ich bei der besten Psychologin Londons in Behandlung, die sich mit Engelsgeduld meiner Person widmet.

Das heutige Ergebnis war niederschmetternd: Ich bin emotional traumatisiert. Auslöser war der Tod von Thomas, womit das neu entdeckte Vertrauen in einen Menschen augenblicklich ausgelöscht wurde. Des Weiteren manifestiert sich mein Selbsthass mit wiederkehrenden schmerzhaften Situationen, die ich schüre, um mich selbst seelisch zu bestrafen.

Ich bin mir selbst nichts wert. Und damit ich das nicht vergesse, hat sich meine kranke Birne entschlossen, alles, was ich tat, in Frage zu stellen. Die Schuldgefühle sind erdrückend und bei der Vorstellung mit Thomas über meine Eskapaden zu sprechen, bekomme ich Angst. Angst vor seiner Verachtung, seiner Verurteilung und seinem Zorn.

Eine geschlagene Stunde hat sich Dr. Harrington mein Zetern gefallen lassen, dann ist sie ruhig aber energisch meinem Hasenfuß entgegengetreten. Die Aufgabe ist simpel und gleichzeitig unlösbar: Vergib dir selbst.

Banal, aber unmöglich zu bewerkstelligen!

Drei Tage ist seit der Begegnung mit Mr. Beautiful vergangen, und erneut kein Lebenszeichen. Zwar hat er gesagt, er müsse Miss Shearman in der MI6 Angelegenheit unterstützen, allerdings nicht, wie lange das dauern würde.

Daheim schwelt die toxische Mischung meines Selbsthasses und dem Verrat in mir, die mich von innen heraus auffressen will. Ohne eine Idee, wie ich damit jemals fertig werden soll, hocke ich auf dem Sofa und starre die Wand meines Wohnzimmers an.

Erlösend schellt mein Telefon. Eine unbekannte Nummer.

Mist, normalerweise würde Floyd das für mich übernehmen, doch der wälzt sich sicherlich in den Kissen mit seiner Kate herum.

Es klingelt erneut und bevor ich zaudere, nehme ich ab.

»Mi Corazón!« Mehr braucht es nicht um mich gefangen zu nehmen. Seine Stimme alleine tut mir unendlich gut.

»Thomas, ich ...«

»Wo bist du?«

»Zu Hause.«

»Ist jemand bei dir?«

»Nein.«

»Sehr gut. Geh zum Fenster.«

Mit klopfendem Herzen springe ich vom Sofa und blicke auf die Straße hinunter. Er lehnt wie damals lässig am Auto und blickt zu mir hoch.

»Wunderschön«, flüstert er und meine Knie werden weich. All die unausgesprochenen Gefühle zu ihm liegen mir auf der Zunge, doch ich halte sie zurück. »Es wird eine Anhörung geben, zu der ich als Kronzeuge aussagen muss. Es ... wird zwei Wochen dauern. Es kann sein, dass du auch geladen wirst.«

Verwirrt kneife ich die Augen zusammen. »Was? Aber warum?«

»Sie brauchen eine zusätzlich neutrale Person, die den Franzosen identifiziert«, erklärt er mit kratziger Stimme.

»Ja, verstehe. Nur, was, wenn ...«

»Keine Sorge, er wird kein Tageslicht mehr sehen. Es geht nur um eine Formalie. Du musst dir keinen Kopf machen. Niemand wird dir mehr etwas antun.« Anhand seiner festen Stimme will ich ihm glauben. Allerdings beschleicht mich ein ungutes Gefühl, dass ein korruptes Schwein wie Monsieur Clermont nicht ohne weiteres aufgeben wird.

»Ich kann förmlich hören, wie du denkst. Lass es. Zu gegebener Zeit werde ich dir alles erklären«, nimmt er mir den Wind aus den Segeln, bevor ich meine Sorge aussprechen kann.

Wie gern ich dir glauben will.

»Wann können wir uns sehen?«, will ich wissen, denn auch wenn meine Schuldgefühle erdrückend sind, ist die Sehnsucht nach ihm ungebrochen.

»Bald. Wir müssen uns gedulden. Aber ich weiß, dass Geduld nicht zu deinen Tugenden zählt.« In seiner Stimme kann ich das Schmunzeln hören und es wärmt mir mein Herz. Beim Gedanken an die ›Geduldspiele‹ mit Mr. Supersexy werden noch andere Körperregionen warm und ich schließe die Augen.

»Oh ja, ich weiß genau, woran du jetzt denkst.« Bei seinen Worten ziehe ich scharf die Luft ein und er lacht rau auf.

»Warum kommst du nicht hoch und ...«

»Glaub mir, nichts würde ich lieber tun, aber ich weiß, dass es ... wir würden es nicht verhindern können. ICH könnte es nicht verhindern, dich endlich wieder mit allen Sinnen zu genießen. Aber ich habe nicht viel Zeit.«

Enttäuschung flutet mein gerade erwachtes Fantasiefeuerwerk und erstickt so alle feuchtfröhlichen Gedanken.

»Nicht schmollen. Nach diesem Drama werden wir eine Menge Zeit haben, die ich mit dir und ausschließlich mit dir zu verbringen gedenke. Aber jetzt, jetzt muss ich gehen.«

»Das ist nicht fair.«

»Ich weiß. Doch es muss sein. Für uns. Auf bald, mi Corazón.« Und damit steigt er ein und fährt davon. Frustriert sehe ich dabei zu, wie der Wagen hinter der nächsten Ecke verschwindet.

Toll, heute Nacht werde ich also keinen Schlaf mehr finden.

- 2 -

»Wenn du weiterhin Trübsal bläst, wird selbst der beste Schönheitsklemptner nichts mehr retten können«, grummelt Helen, während ich meine Jacke auf die Couch schmeiße.

»Ach, hör schon auf. Ist ja nicht so, als hätte ich mir lediglich den Fingernagel eingerissen.«

Obwohl ich lieber meiner selbstverordneten Mitleidstour frönen würde, hat mich Floyd bei Helen abgesetzt. Wir hatten vereinbart, dass wir uns zwei Mal die Woche zum Zicken-Talk treffen, in dem ich all den angestauten Frust über ihren ›Verrat‹ loswerden darf. Dr. Harrington nannte das eine ›kontrollierte Bereinigung der Seele‹.

»Weiß ich doch, Sweety. Aber vergiss nicht, dass du nicht über die volle Wahrheit in Sachen Mr. Beautiful im Bilde warst.«

»Mag sein. Allerdings hatte ich so eine Art Warnsignal wie eine leise Stimme im Kopf – besser gesagt im Herzen, das es nicht richtig ist, rumzuhuren und sich auf Fick-Abenteuer einzulassen«, setze ich ihrer Argumentation entgegen.

Schnaubend winkt sie ab. »Du bist nicht ehrlich, wenn du es so runterspielst. Dein Weltbild war zu dem Zeitpunkt ein vollkommen anderes. Ohne IHN. Mit dir selbst so hart ins Gericht zu gehen ...«

»... ist notwendig. Schließlich habt ihr alle mich hintergangen. Wenn ich gewusst hätte ...«

»Verdammt, er war tot!«

Die erdrückende Tatsache kommt jedes Mal auf den Tisch. Nur bin ich nicht bereit, das als Ausrede für meine Verfehlung gelten zu lassen.

Unser Zicken-Talk ist notwendig, aber sehr anstrengend. Helen erreicht regelmäßig einen Punkt, an dem sie nicht weiterkommt. Gut, ich lasse sie nicht weiter kommen.

Wie auch? Den Mann zu betrügen, den man gerade gefunden hat und liebt ... Wie kann er mir und ich mir selbst das nur jemals vergeben?

»Aber wenn ich es gewusst hätte, dass er existiert, hätte ich anders entschieden.«

Helen rümpft ihre hübsche Nase. »Ach ja. Du hättest um ihn getrauert, sicherlich. Wenn du seinen Tod aber akzeptiert hättest ...«

»Hab ich aber nicht. Ich ging davon aus, dass es ihn nie gegeben hat.« Meine Stimme ist schneidender als beabsichtigt, nur ist es mit dem aufflammenden Schmerz in der Brust nicht anders möglich.

»Ja, ich weiß«, flüstert sie frustriert, denn sie hasst sich selbst dafür, mich im Dunkeln über meine epische Begegnung mit Mr. Beautiful gelassen zu haben.

Sicher denken Sie jetzt: Meine Güte, warum stellt sie sich so an?

Soll sie doch froh sein, den Kerl am Leben zu wissen, und sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten.

Tja, das ist eine Möglichkeit, mit der Situation umzugehen – allerdings nicht meine.

Es ist für uns beide hart, da uns eine wirkliche authentische Freundschaft verbindet. Hart, gerecht und schonungslos sagen wir uns die Wahrheit – eigentlich. Nur nicht in diesem einschneiden Lebensmoment. Und das nagt an mir. Und an ihr. Ich kann ihr Bedauern förmlich schmecken, sehe es in ihre Augen, die Bitterkeit, mich nicht aufgeklärt zu haben.

Nur kann ich ihr momentan nicht vergeben. Denn damit habe ich eine folgenschwere Entscheidung begangen, die mich alles kosten wird, was mir wichtig ist. Und meine Furcht davor, was passiert, wenn Thomas es erfährt, ist riesig.

»Ich wäre nie mit Aiden intim geworden, wenn ich von Thomas gewusst hätte.«

Wütend blitzt Helen mich an. »Ach, ist das so? Glaubst du ernsthaft, dass es nach deiner Trauerphase nicht ein Leben danach gegeben hätte? Und Aiden ist ein guter Mann. Er wollte nichts anderes, als sich eine Zukunft mit dir aufbauen.«

»Die ich aber niemals in Betracht gezogen hätte, wenn ...«

»Wenn du um Thomas und seinen Tod gewusst hättest, ich weiß. Und das ehrt dich sehr. Aber so war es nicht, Vamp. Für dich hat ER zu dem Zeitpunkt niemals existiert.«

Mir ist flau im Magen, ein stetiges Gefühl, wenn ich über die vermaledeite Situation spreche. Es ist, als würde ich mich selbst beobachten und eine verkorkste zügellose Frau sehen, die sich einen Dreck um andere schert und nur darauf aus ist, der Vergnügungssucht nachzujagen – die moderne Schlampe.

»Aber er ist da. Und ich will ihn mehr als alles andere auf der Welt.«

Sie nimmt meine Hand, um mir ein wenig Zuversicht zu geben.

»Wie kann ich ihm nur sagen, dass ich – all die Male mit Aiden ...«

»Na ja, er war schließlich derjenige, der sich mit der Todesnummer aus der Gleichung genommen hat. Und dich damit wohlgemerkt ins Bodenlose hat stürzen lassen. ER, nicht du!«

»Es ist, als wenn ...«

»NEIN, du hast ihn nicht betrogen, hörst du. Du musst nur einen Weg finden, das in deinen Dickschädel hineinzubekommen.«

Wenn es doch nur so simpel wäre.

Schweigend sitzen wir eine ganze Zeit nur da, gedankenversunken, ohne der Lösung des Problems einen Schritt näher zu kommen. Anderen zu vergeben ist irgendwie leichter als sich selbst, stelle ich erneut fest.

Der Zicken-Talk soll nichts anderes thematisieren, als meine vertrackte Situation und so ist es oft nicht mehr als nur eine Stunde, die wir uns verbal an die Gurgel gehen. Erstaunlicherweise hilft es allerdings meinem kranken Hirn, milder über die Sache zu urteilen – nur ein klein wenig, aber immerhin.

* * *

Nicht genug damit, dass ich ein emotionales Wrack bin. Auch die eintrudelnde Vorladung zur Anhörung im Fall Monsieur Clermont bringt mich ins Wanken. Seit ich ihn das letzte Mal grinsend beim MI6 sah, habe ich nicht mehr an den Mistkerl gedacht.

Jetzt steht sein Name fett in der Vorladung und all die unschönen Erinnerungen sprudeln munter hervor.

»Warum muss ich dahin, verdammt. Haben die nicht schon genug Beweise gegen den Drecksack, um ihn ein für alle Mal unschädlich zu machen?«

Floyd zuckt mit den Schultern. »In solchen Prozessen kann immer etwas schief gehen. Und der Franzose ist ein gerissener Penner. Er hat sicher noch ein Ass im Ärmel, von dem keiner was weiß.«

Stöhnend verdrehe ich die Augen. Für meinen Geschmack würde alleine Entführung, Betäubung und versuchte Vergewaltigung ausreichen, um ihm die Eier abzuschneiden.

»Toll, das bedeutet, wenn er es drauf anlegt, könnte er der Justiz durch die Finger schlüpfen?«

»Eventuell. Aber Mr. Nolan wird sicher dafür sorgen, dass genau das nicht passiert«, lenkt er beschwichtigend ein.

»Das will ich dem Idioten auch geraten haben«, brause ich auf, denn wenn dieses ganze Theater umsonst gewesen sein sollte, dann gnade ihm Gott.

Grinsend klopft Floyd mir auf die Schulter. »Glaub mir, das wird er nicht zulassen.«

Um nicht in irgendeine juristische Falle zu tappen, ließ ich unseren langjährigen Anwalt und guten Freund meines Vaters, Sir Gregory Edwards, ein Auge auf den Fall werfen. Da er als ›Sir‹ bestens vertraut mit den Gepflogenheiten der britschen Krone ist, und den ein oder anderen internen Kontakt pflegt, machte er mir Mut, dass es lediglich eine Formsache sei und er mich selbstverständlich vertreten wird.

Dad war außer sich, dass ich in die Angelegenheit mit reingezogen werde, doch Sir Gregory nannte ihm einige triftige Gründe, warum es von Wichtigkeit sei, dass ich meine Aussage mache, und so gab er schließlich mürrisch nach.

Das Klingeln des Telefons reißt mich aus meinen Gedanken.

»Ja bitte?«

»June ...« Seine Stimme ist eine Wohltat und rinnt wie flüssiger Honig durch mein System. Beim Gedanken an Honig fallen mir einige sehr unanständige Dinge ein, die er mit dem klebrigen Zeug angestellten könnte.

»Hi, wo bist du?«

»Kannst du in zehn Minuten vor deiner Haustür sein?«

Sofort rast mein Herz bei der Aussicht, ihm endlich wieder gegenüber zu stehen, ihn zu sehen, zu küssen ...

»Äh, ja, kann ich«, antworte ich aufgedreht.

»Gut. Bis gleich.« In seiner Stimme konnte ich die arrogante Zufriedenheit hören, dass ich ihm ohne Zögern zustimmte. Und genau das macht ihn so unwiderstehlich für mich.

Idiotisch, finden Sie? Mir doch egal – ich steh einfach voll auf ihn.

Hastig bringe ich mich in einen repräsentablen optischen Zustand und schmeiße mir ein schwarzes Plaid über den Kaschmirmantel. Es schneit draußen. Wie damals in der schicksalhaften Nacht, liegt eine feine Schneedecke auf den Straßen.

Schnell schiebe ich die gruseligen Gedanken beiseite und schlüpfe in die dickgefütterten Winterstiefel, schnappe mir den Schlüssel und springe in den Fahrstuhl.

Eiseskälte empfängt mich draußen. Durch die tanzenden weißen Flocken blenden Scheinwerfer auf und halten direkt vor mir. Thomas sitzt am Steuer und deutet mir an, einzusteigen. Dankbar aus der Kälte zu kommen schlittere ich auf der spiegelglatten Straße ums Auto herum und lasse mich auf den Sitz fallen.

Thomas sieht mich an und unter seinem Blick erröte ich, denn ich kann förmlich spüren, wie sehr er mich will. Genau wie ich ihn.

»Wie wunderschön du bist«, sagt er leise mehr zu sich selbst und nimmt meine eisigen Hände in seine. Mich umfängt seine für mich unwiderstehliche Duftaura aus Minze, Rhabarber, Menthol und seinem herb männlichen Eigengeruch, der jedes Mal seltsame Sachen mit meinem Verstand anstellt.

»Ich hab es nicht ausgehalten. Es war so notwendig, dich endlich wiederzusehen.« In seiner Stimme schwingt Bitterkeit über die ganze Situation mit, in die er uns beide hineinmanövriert hat. Er lehnt sich zu mir und küsst hauchzart jeden meiner Finger, was verboten sexy ist.

»Wir haben nicht viel Zeit. Aber ich musste dich unbedingt – küssen«, flüstert er und nimmt mein Gesicht in seine warmen eleganten Hände, die so unanständige Dinge mit mir anstellen können. Fest sieht er mir in die Augen, fährt mit den Daumen über meine Wangenknochen und zieht mich näher zu sich, bis unsere Lippen sich fast berühren.

»Thomas, wir mü ...«

»Ja, ich weiß. Das kann warten. Das hier nicht.« Mit einem tiefen gutturalen Ton küsst er mich, so, wie nur er es kann, und ich vergesse alles um mich herum, die Sorgen, die Verzweiflung und auch die Notwendigkeit, uns auszusprechen. Es ist, als wenn genau in diesem Augenblick alles belanglos ist, nur wir und unser Kuss sind maßgeblich und nichts kann uns trennen. Ich will nicht, dass es aufhört. Verzweifelt schlinge ich die Arme um seinen Hals, vergrabe die Hände in sein dunkles weiches Haar und versinke in dem Heile-Welt-Moment.

Auch wenn mir eine schnarrende Stimme zumurmelt, dass ich mich unfair ihm gegenüber verhalte, kann meine hellwache Libido den Spielverderber mundtot machen und Candy sperrt die Einwände hochnäsig grinsend einfach weg.

»Wie gern würde ich jetzt meine Hände über deinen anbetungswürdigen Körper wandern lassen«, raunt er zwischen zwei Atemzügen und mir schießt sofort die Erinnerung daran durch den Leib.

»Ich brauche dich, Thomas. So sehr ...« Erst jetzt wird mir bewusst, wie stark ich gegen den Drang ankämpfe, mich nicht hier im Auto über ihn herzumachen.

Verfluchte Gier!

»Oh und ich brauche dich, mi Corazón.«

Erneut verlieren wir uns in einem bedeutungsschwangeren Kuss, in den er all sein Verlangen legt und ich ihm mit meiner Sehnsucht antworte.

Die Scheiben sind beschlagen, als wir uns zögerlich voneinander lösen und wir beide grinsen über unser pubertäres Verhalten.

»Wollen wir kurz über die Anhörung sprechen?«, lenkt er das Thema auf den bevorstehenden Katastrophentag.

»Äh, ja. Mein Anwalt wird mich begleiten.«

»Gut.«

»Was genau soll dieser zusätzliche Termin? Ich dachte, du und Miss Shearman hättet genug Beweise, um den Drecksack ein für alle Mal aus dem Verkehr zu ziehen.«

»Im Grunde ist es auch so. Allerdings hat der Mistkerl etwas, das das Königshaus unbedingt will.«

Verwirrt runzele ich die Stirn. »Ich dachte, du hättest bis auf diesen Super-Diamanten alle anderen Gegenstände bereits wieder gefunden?«

»Ja, so war es auch. Aber Monsieur Clermont hat offenbar ein Diadem, was durch denn MI6 im Tower of London abgeliefert werden sollte, abgefangen und an sich gebracht. Damit habe ich nicht alle Auflagen für die Begnadigung erfüllt«, antwortet er zähneknirschend, und ich reiße erschrocken die Augen auf.

»WAS? Das würde ja bedeuten ...«

»Ganz genau. Deshalb ist Maureen dabei, ihre korrupten Kollegen ans Messer zu liefern, damit ich nicht in den Knast wandere. Denn die MI6-Jungs waren es, die die Übergabe im Tower durchführen sollten.«