Beschreibung

Es gibt Landstriche, die machen selten von sich reden, geschweige denn wegen Mord und Totschlag. Die Oberlausitz wird ob ihres Grüns und ihrer Berge sowie ausgebauter Rad- und Wanderwege geschätzt. Doch auch hier haben sich brutale Morde und erschütternde Tragödien zugetragen. Im malerischen Belmsdorf tötete ein Familienvater seine Ehefrau im Beisein der Kinder. Über sein Motiv rätselten Kriminalbeamte, Psychologen und Nachbarn, war er doch als sorgsamer Ehemann bekannt. Er selbst beharrte in den Vernehmungen darauf, seine Frau geliebt und im Auftrag eines anderen gehandelt zu haben. Sein Fall sollte die Justiz Jahrzehnte später wieder beschäftigen … Die anderen beiden Verbrechen führen ebenfalls in Gemeinden, in denen jeder jeden kennt – die Morde vor der Haustür lassen das vertraute gesellschaftliche Gefüge reißen. Henner Kotte hat drei spektakuläre Fälle wiederentdeckt, gründlich nachrecherchiert und in gewohnt brillanter Weise aufbereitet. Er zeigt packende Bilder einer vergangenen Zeit und erzählt kaum bekannte Geschehnisse dieser sonst so friedlichen Gegend.

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Henner Kotte

Der Opfermord von Belmsdorf

und zwei weitere authentische Kriminalfälle

aus der Oberlausitz

Bild und Heimat

Von Henner Kotte liegen bei Bild und Heimat außerdem vor:

Um Kopf und Kragen.Unbekannte Fälle aus dem Kuriositätenkabinett der Kriminalistik (2014)

Blutiges Erz.Kriminalgeschichten aus dem Erzgebirge (2016)

Leipziger Heimsuchungund vier weitere Verbrechen (Blutiger Osten, 2016)

Bonnie & Clyde vom Sachsenplatzund zwei weitere authentische Kriminalfälle aus Dresden (2016)

Stiefel für den Todund zwei weitere Verbrechen (Blutiger Osten, 2017)

Russentod in Frauensteinund sieben weitere authentische Kriminalfälle aus dem Erzgebirge (2017)

Ministermord unter der Augustusbrücke. Der Tod von Gustav Neuring in Dresden (2017)

Flucht über die Todeszelle und fünf weitere Raubfälle (Blutiger Osten, 2017)

Populäre sächsische Irrtümer (2017)

eISBN 978-3-95958-759-4

1. Auflage

© 2018 by BEBUG mbH / Bild und Heimat, Berlin

Umschlaggestaltung: fuxbux, Berlin

Umschlagabbildung: © Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut in Bautzen / Ernst Tschernik (Hintergrund); © SLUB / Deutsche Fotothek / Fritz Eschen (Vordergrund)

Ein Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern:

BEBUG mbH / Verlag Bild und Heimat

Alexanderstr. 1

10178 Berlin

Tel. 030 / 206 109 – 0

www.bild-und-heimat.de

Am Ende seiner Geduld

Die Wahnsinnstat eines Ehegatten, Petershain 1950

Die Sonne treibt jenseits der Wolken. Die Menschen auf der Erde gehen im Nebel. Der Novembernebel wird immer aufdringlicher. Er behockt die Bäume. Er sühlt sich auf den Wegen. Zuweilen kann man kaum drei Schritt weit sehen. Er schaukelt sich in feinen Tröpfchen auf den Augenwimpern. Er kriecht den Menschen in die Nasen. Sie müssen niesen, und sie wünschen sich Gesundheit. Er bohrt sich alten Menschen in den Rücken. Sie legen Rheuma-Pflaster auf und suchen ihn herauszuziehen. Es geht nicht immer glatt. Bei manchen Menschen bleibt fürs ganze Jahr ein Rheumastachel stecken. Der Nebel frißt sich auch in manches Menschenherz. Ein solcher Mensch geht grau und trüb einher. Er weiß nichts mehr und er glaubt nichts mehr von Sommer und von Sonne. Er barmt und weint sich langsam tot.

Erwin Strittmatter: Tinko (1954)

Revieralltag: Der Diensthabende des Volkspolizeiamts Niesky vermerkte im Logbuch der Behörde: »Am heutigen Tage, Montag, den 18.12.1950, um 10.10 Uhr, erschien auf der oben bezeichneten Dienststelle der Leiter d. VP.-Rev. Niesky, VP.-Komm. Knetschke, und gab bekannt, daß ihm durch ein Frl. Hausner aus Petershain, Krs. Niesky O/L bekannt gemacht wurde, daß eine gewisse Fux, Elsa, – geb. Struck, geb. am 30.5.1909 in Petershain, wohnhaft in Petershain (Ziegelei), Beruf: Hausfrau – seit ca. drei Wochen verschwunden sei.

Wie hiesiger Dienststelle weiter mitgeteilt wurde, lebt die vorbenannte Fux in ständigen Ehezwistigkeiten mit ihrem Ehegatten, dem Fux, Albert, – am 20.10.1905 in Reichwalde geboren, wohnhaft in Petershain (Ziegelei), Beruf: Schlosser beim VEB Lowa-Niesky. Diese Ehestreitigkeiten zwischen den beiden genannten Personen nehmen, wie weiter mitgeteilt wird, oft solche Formen an, daß es zu Tätlichkeiten kommt, wodurch im Verlaufe der Zeit das Ehezerwürfnis immer schwerere und tiefere Formen annahm.

Es wird seitens des VP.-Komm. Knetschke der Verdacht ausgesprochen, daß die Möglichkeit bestünde, daß die Ehefrau des Fux entweder Selbstmord verübte oder von ihrem Mann umgebracht wurde. Bei hiesiger Dienststelle ist seither keine Vermißtenanzeige über die vorbezeichnete Elsa Fux erstellt worden. Es wurde ferner noch bekannt gemacht, daß der Personalausweis der Elsa Fux, sowie deren Lebensmittelkarten sich im Besitz des Ehemannes derselben befänden.«

Es schien der Polizei im Nachhinein wie abgesprochen, denn am selben Tage kam zu »oben bezeichneter Dienststelle unvorgeladen der Nachbenannte und gibt folgende Aussage zu Protokoll:

Zur Person: Struck, Konrad, Willy, am 21.11.1905 in Petershain geboren

wohnhaft in Petershain Nr. 12, Krs. Niesky O/L

Beruf: Maschinenkaufmann

Mein Erscheinen am heutigen Tage hat den Zweck, um mich über den Verbleib meiner Schwester Elsa Fux, geb. Struck, wohnhaft in Petershain (Ziegelei) zu erkundigen, welche seit zwei Wochen verschwunden ist. Betreffs des Verschwindens meiner Schwester haben meine Eltern mit einem VP.-Komm. Knetschke, wohnhaft in Niesky, Schleiermacherstraße 4, gesprochen und dieser hat gesagt, daß er die Angelegenheit melden wolle. Dieses war am Samstag, den 16.12.1950 gegen 17.00 Uhr der Fall, daß der Herr Knetschke mit meinen Eltern sprach. Meine Schwester, Elsa Fux, geb. Struck, ist seit der Nacht von Samstag, den 2.12.1950, zu Sonntag, den 3.12.1950, ohne jede Nachricht verschwunden.

Meine Frau Gertrud Struck, geb. Scholze, hat seit dem Verschwinden meiner Schwester mehrmals mit deren Ehemann, dem Albert Fux, gesprochen und ihn betreffs meiner Schwester befragt. Desgleichen haben auch meine Eltern und ich mit dem Ehemann meiner Schwester gesprochen. Wie der Mann meiner Schwester angibt, haben sich beide in der erwähnten Nacht vom 2. zum 3.12.1950 gezankt, d. h. der Streit begann laut Aussagen meines Schwagers, Albert Fux, abends vor 21.00 Uhr. Wie mein Schwager weiter erzählt, will er dann gegen 21.00 Uhr das Haus verlassen haben und will im Dorf bis gegen 00.30 Uhr spazieren gewesen sein. Letzteres erzählte er meiner Frau. Weshalb sich meine Schwester mit ihrem Mann gestritten hat, das entzieht sich meiner Kenntnis.

Auf Befragen gebe ich an, daß die Ehe meiner Schwester, welche seit 15 Jahren besteht, nicht gerade glücklich ist. Von meiner Frau habe ich erfahren, daß mein Schwager angeblich ein Verhältnis mit einer gewissen Frau Grothe in Mücka O/L unterhalte.

Meine Frau hat mir dann u. a. erzählt und auch mein Schwager selbst, daß meine Schwester wiederum auch ein Verhältnis mit einem Manne habe, der vor etwa vier Wochen mit einem Auto von dem Haus meiner Schwester weggefahren ist, wo meine Schwester mit diesem Mann im Auto mitgefahren sein soll. Diesen Mann, der mit dem Auto kam, soll ein gewisser Robert Gwiasda in Görlitz kennen.

Ich möchte hier noch erwähnen, daß mein Schwager erzählt hat, daß seine Frau, also meine Schwester, verschwunden war, als er von seinem angeblichen Spaziergang, den er von Samstag, d. 2.12.50, gegen 21.00 Uhr bis Sonntag, d. 3.12.50, gegen 00.30 Uhr getätigt haben will, zurückkehrte.

Mich persönlich hat das Eheleben meiner Schwester in gewissem Sinne interessiert, jedoch nicht so, daß ich mich in dieses eingemischt hätte, und ich habe mich jeglicher Meinungsäußerung enthalten. Durch meine Frau habe ich einmal vor kurzem gehört, daß sich der Albert Fux von meiner Schwester scheiden lassen wolle.

Auf Befragen, ob meine Schwester Bekleidungsstücke mitnahm, welche darauf schließen lassen, daß sie verreist sei, muß ich sagen, daß mein Schwager erzählte, daß er nicht weiß, was meine Schwester an Bekleidungsstücken trug, als meine Schwester verschwand. Der Sonntagsmantel derselben soll sich noch zu Hause befinden. Hieraus folgere ich, daß meine Schwester keine größere Reise unternommen hat. Auch soll sich das Fahrrad meiner Schwester noch zu Hause befinden.

Unsere Familie hat erst angenommen, daß meine Schwester nach Königswartha gefahren ist, wo noch zwei andere Schwestern wohnen, welche dort verheiratet sind. Nachfragen daselbst haben ergeben, daß meine Schwester sich nicht dort eingefunden hat und sich dort auch nicht aufhält. Mein Schwager, der Albert Fux, ist sehr verschlossen, wogegen meine Schwester mitteilsam ist und temperamentvoll.

Ich erkläre auf Befragen weiter, daß meine Schwester seither noch niemals hat durchblicken lassen, daß sie sich mit Selbstmordgedanken trüge, und mir ist solches auch nicht bekannt geworden. Zu dieser ganzen Angelegenheit kann ich nur sagen, daß ich mir bis jetzt keine Sorgen oder Gedanken gemacht habe, weil ich bisher immer angenommen habe, daß meine Schwester irgendwo bei Bekannten oder Verwandten sich aufhält. Und von sich hören läßt.

Es kann möglich sein, daß meine Schwester sich bei einem gewissen Robert Gwiasda in Görlitz oder bei einem dessen Bekannten aufhält. Sollte sie dort aber nicht aufzufinden sein, so muß ich sagen, daß dann auch mir Bedenken kämen und ich annehmen müßte, daß meiner Schwester etwas zugestoßen ist. Ich muß hierzu noch angeben, daß solches bei meiner Schwester noch nie vorkam, daß sie ohne Bescheid zu hinterlassen, abwesend war.

Weitere Angaben zur Sache kann ich nicht tätigen und bestätige durch meine Unterschrift die Wahrheit meiner Aussagen. Meine Vernehmung habe ich durchgelesen und hatte dabei die Gelegenheit Verbesserungen vornehmen zu können. Mit dem Inhalt und Wortlaut meiner Vernehmung bin ich einverstanden«, sagte Konrad Struck und wusste, dass er im Namen seiner Familie sprach. Denn erst als seine Schwestern ihn und die Eltern in Petershain besuchten, ist das Verschwinden von Elsa Fux offenbar geworden.

Von unterschiedlichen Seiten ist nunmehr die Polizei auf das Verschwinden der Elsa Fux aufmerksam gemacht worden. Sofort stand der Verdacht im Raum, dass Albert Fux am Verschwinden seiner Gattin nicht unschuldig war. Das ganze Dorf wusste um die Streitigkeiten, und dass im Hause Fux die Fetzen flogen. Bruder Konrad hatte es bislang vermieden, für seine Schwester eindeutig Partei zu ergreifen. Er und seine Frau zeigten Verständnis, wenn sich der eine und der andre Ehepartner bei ihnen den Frust von der Seele redeten. Zu gegensätzlich schienen ihnen die Charaktere. An ein Verbrechen dachte keiner der Angehörigen.

Doch der leitende Volkspolizist in Petershain kannte die Fuxens und das Gerede und gab seine Bedenken ans VP-Amt Niesky weiter: »Aktennotiz, 18.12.1950 – Wie in der Angelegenheit Elsa Fux durch VP.-Komm. Knetschke vom VP.-Revier Niesky in Erfahrung gebracht wurde, soll die seit Sonntag, den 3.12.1950 (nachts) verschwundene Elsa Fux die Wohnungsschlüssel sowie die Wohnungsschlüssel ihres Mannes mitgenommen haben. Wenn Albert Fux nun behauptet haben soll, daß er nach seiner Rückkunft in die gemeinsame Wohnung am Sonntag, d. 3.12.1950, gegen 00.30 Uhr seine Frau nicht mehr vorfand, so ergibt sich hier­aus die Frage: Wie konnte Fux in die Wohnung hineinkommen? Denn es dürfte anzunehmen sein, daß sie, wenn Frau Fux das Haus verlassen hat, die Wohnung bei Abwesenheit des Ehemannes verschloß.

Ferner wird durch VP.-Komm. Knetschke uns mitgeteilt, daß die Gemeinde Petershain, Krs. Niesky O/L, zur Sicherheit einen gewissen Hildebrandt als Nachtwächter eingesetzt hat, der allnächtlich seinen Rundgang macht. Fux hätte, wenn er nachts von 21.00 bis 00.30 Uhr durch das Dorf spazieren geht, von diesem irgendwann einmal gesehen werden müssen. Dieser Nachtwächter Hildebrandt wäre zu befragen.«

Während die Kriminalbeamten in Niesky über die zu erfolgenden Schritte debattierten, erschien bei ihnen noch am Nachmittag desselben Tages der in Verdacht gebrachte Albert Fux. Auch Elsas Ehemann zeigte über ihr Verschwinden große Besorgnis und wusste nicht, was mit seiner Frau geschehen war. Albert Fux wollte jetzt auf dem Polizeirevier eine Vermisstenanzeige bezüglich seiner Gattin stellen. Mit den Verwandten abgesprochen schien das nicht gewesen zu sein. Die Polizisten werteten das folgende Gespräch ermittlungstechnisch als erstes offizielles Verhör im Fall.

Albert Fux sagte, »der Gegenstand meiner heutigen kriminalpolizeilichen Vernehmung wurde mir bekannt gemacht. Ich bin am heutigen Tage vor der Kriminalpolizei freiwillig erschienen, da meine Frau seit Samstag, den 2. Dez. 1950 meine Wohnung verlassen hat, ohne mir etwas hiervon zu sagen, und bis heutigen Tags nicht wieder zurückkehrte.

Die näheren Umstände hierzu sind folgende:

Ich bin seit 15 Jahren mit meiner Ehefrau, Elsa Fux, geb. Struck, verehelicht. Im Mai 1947 kehrte ich aus Bremerhaven zurück, wo ich nach meiner Militärentlassung noch die zwei Jahre gearbeitet hatte. Meine Frau wußte damals, wo ich mich befand und welcher Tätigkeit ich dort nachging. Seit meiner Rückkehr aus Bremerhaven waren in meinem Eheleben laufend Streitigkeiten zu verzeichnen, deren Ursachen nicht nur bei mir, sondern auch auf seiten meiner Frau zu suchen waren. Dieses Ehezerwürfnis hat sich im Verlauf der Jahre seit meiner Rückkehr vertieft und hat oft scharfe Formen angenommen. Hierbei muß ich zugeben, daß es auch manchmal zu Tätlichkeiten kam, und zwar nur einmal, was im Vorjahr der Fall war. Eine Schwester meiner Frau ist Epileptikerin, und auch bei meiner Frau mußte ich feststellen, daß sie, wenn sie erregt war, sich auf die Unterlippe biß und die Hände verkrampfte und dann auch in ihrer Aufregung nach greifbaren Gegenständen griff, mit welchen sie nach mir schlug oder diese nach mir warf. Das Letztere können verschiedene Personen, so u. a. mein Vater und der Bruder meiner Frau, Herr Konrad Struck, bestätigen.

Am Samstag, den 2. Dez. 1950, kam es zwischen mir und meiner Frau abermals zu einem schweren Streit. Die Ursache hierzu war eine seitens meiner Frau gegen mich erhobene Beschuldigung, daß ich, weil ich in Niesky meinen an Tuberkulose erkrankten Cousin besuchen wollte, dieses nur als Ausrede vorbringen würde, um zu einer anderen Frau gehen zu können, was aber nicht den Tatsachen entsprach. Der Streit nahm in seinem weiteren Verlauf Formen an, die man als heftig bezeichnen kann. Meine Frau warf mir die verschiedensten Dinge vor und umgekehrt auch ich ihr. Der Streit begann an diesem Samstag so gegen 21.30 Uhr. Meine Frau, welche starke Raucherin ist, rauchte in ihrer Erregung hintereinander drei Zigaretten. Ich selbst saß während des Streits am Radio, um Musik zu hören. Da mir der Streit langsam zuviel wurde, habe ich meiner Frau gesagt, daß ich das nicht mehr mitmache und ich mich scheiden lassen würde. Hierbei habe ich auch gesagt, daß ich zu der Frau gehen werde, die ich von ganzem Herzen liebe. Auf Befragen möchte ich angeben, daß ich das nicht so hersagte, sondern daß ich tatsächlich eine Frau liebe, deren Namen ich aber bitte für mich behalten zu dürfen. Nachdem ich dieses gesagt hatte, stellte ich an dem Benehmen meiner Frau fest, daß sie über die Maßen erregt war und sich wie schon erwähnt auf die Unterlippe biß und die Fäuste verkrampfte. Sie griff nach der Blumenvase und versuchte mit dieser auf mich einzuschlagen. Ich sprang schnell auf und wehrte diesen Angriff meiner Frau ab, wobei ich mit der Faust nach ihr stieß. Meine Frau ist zurückgetaumelt, und ich habe die Gelegenheit wahrgenommen, um die Küche zu verlassen. Ich habe dann das andere Zimmer aufgesucht, um mir dort eine Jacke anzuziehen. Danach habe ich das Haus verlassen und bin das ganze Dorf hinuntergegangen, um mich zu beruhigen und meiner Frau Gelegenheit zu geben, sich ebenfalls wieder zu fassen. Auf diesem meinem Spaziergang habe ich keinen Menschen gesehen. Nachdem ich das Dorf bis zum letzten Haus hinabgegangen war, bin ich wieder zurückgegangen und war so gegen 23.00 Uhr wieder vor meiner Wohnung angelangt. In der Küche habe ich noch das Licht brennen sehen und habe meine Frau darin hantieren hören. Was sie gemacht hat, habe ich nicht erkennen können, da die Fenster verhangen sind. Ich bin daraufhin nochmals das Dorf hinabgegangen bis ungefähr an die Kurve bei Pietsch Erichen. Dort angelangt, bin ich wieder zurückgegangen. Auch auf diesem Wege habe ich keine Menschenseele gesehen. Ich bin dann so zwischen 23.30 und 23.35 Uhr wieder an meiner Wohnung angelangt. Dort angekommen, sah ich, daß alles finster war. Durch die unverschlossene Haustür betrat ich das Haus und betrat die Wohnung, welche ich zuvor aufschloß. Meine Frau war weder in der Küche noch in dem angrenzenden Zimmer zu finden. Ich habe, da ich noch nicht gewaschen war, dieses nachgeholt und mich dann zu Bett gelegt, was so gegen 00.30 Uhr gewesen sein kann. Bevor ich mich ins Bett begab, habe ich die Küche verschlossen und die Schlafstube von innen abgeschlossen.

Über das Fernbleiben meiner Frau habe ich mir wohl Gedanken gemacht, doch habe ich angenommen, daß sie mich verlassen hat, um zu ihrer Schwester, Liska Kemmel, verw. Simon, geb. Struck, zu fahren. Es kam nämlich manchmal vor, daß meine Frau ein bis zwei Wochen zu dieser fuhr, um dort in der Hauswirtschaft zu helfen. In diesen Fällen habe ich aber immer gewußt, daß meine Frau nach dort fährt. In diesem Fall aber habe ich vermutet, daß meine Frau aus Wut, ohne etwas zu sagen, nach dort gefahren ist.

Ich bin in dieser Nacht gegen 03.00 Uhr aufgestanden, um meine Notdurft zu verrichten. Meine Frau war immer noch nicht zurückgekehrt. Auf Befragen gebe ich hier noch an, daß ich nach meinem Spaziergang durchs Dorf zurückkommend in der Wohnung keinerlei Veränderungen feststellte, welche darauf schließen ließen, daß meine Frau abgereist sei.

Am Tage darauf, also am Sonntag, d. 3. Dez. 1950, bin ich soweit mir erinnerlich zu Hause gewesen und am Montag früh wie immer zur Arbeit nach Niesky gefahren mit dem Zug um 6.00 Uhr und bin am Abend dieses Montags um 17.00 Uhr etwa wieder zu Hause gewesen. So verlief jeder Tag bis heute.

Am Sonntag, d. 10. Dez. 1950, habe ich die Wohnung, da meine Frau nicht anwesend ist, gesäubert. Hierbei stellte ich fest, daß der Sonntagsmantel meiner Frau im Schrank hing, den sie bestimmt mitgenommen hätte, wenn sie verreist wäre. Da meine Frau sehr viele Kleidungsstücke in Besitz hat, kann ich jetzt nicht angeben, was meine Frau mit sich genommen hat, d. h. was sie trug, als sie das Haus verließ. An diesem Sonntag habe ich beim Reinigen der Wohnung auch die Handtasche meiner Frau gefunden, die an ihrem Platz im Schrank stand. In dieser Tasche fand ich den Personalausweis meiner Frau. Durch diese Feststellung habe ich mir nun abermals wieder Gedanken gemacht, da doch jemand, wenn er verreist, den Personalausweis mitnehmen muß. Trotzdem habe ich immer noch gehofft und geglaubt, daß meine Frau in Königswartha bei ihrer Schwester ist und von dort nach ein oder zwei Wochen, so wie es sonst war, wieder nach Hause kommt.

Am Donnerstag, d. 14. Dez. 1950, kam jedoch die Schwester meiner Frau, die Liska Kemmel, zu meinem Schwiegervater auf Besuch. Ich habe nicht gewußt, daß meine Schwägerin, eben die Kemmel, angekommen ist. Am Freitag darauf kam dann auch meine andere Schwägerin, die Gisela Struck, zu mir, weil ich derselben ein Waschbecken reparieren sollte. Durch diese erfuhr ich, daß meine Frau nicht bei der Liska Kemmel (ihrer Schwester in Königswartha) ist. Dieses veranlaßte mich nunmehr, am Abend (Freitag) mich zu meinem Schwiegervater zu begeben, um mich mit diesem über die Sache zu unterhalten. Mein Schwiegervater sagte mir im Verlauf der dort geführten Unterhaltung, daß er die Sache bei der Polizei vortragen würde, um nach meiner Frau suchen zu lassen.

Ich möchte hier noch angeben, daß ich am Donnerstag, d. 14. Dez. 1950, als ich die Wohnung aufgeräumt hatte, auch meine Briefmappe vornahm und hier Rechnungen ordnete. Hierbei fiel mir ein grünes unbeschriftetes Briefkuvert in die Finger, wovon ich bestimmt wußte, daß dasselbe erst nicht in der Mappe war. Der Briefumschlag war nicht zugeklebt, und in demselben befand sich ein Bogen handbeschriebenes Briefpapier. Ich erkannte an den geschriebenen Zeilen die Handschrift meiner Frau, welche im Text anführte, daß sie beabsichtigte, durch Selbstmord aus dem Leben zu scheiden. Diesen Brief habe ich am Freitag bei der Rücksprache mit meinem Schwiegervater diesem nicht gezeigt und habe ihm auch von dem Vorhandensein des Briefes nichts gesagt. Ich tat dieses aus dem Grunde nicht, da mein Schwiegervater 70 Jahre alt ist, und ich nur auf sein hohes Alter deshalb Rücksicht nehmen wollte. Außer drei Arbeitskollegen und meinem Meister, welche ich um Rat fragte, hat hinsichtlich des Briefinhaltes, d. h. daß meine Frau beabsichtigt, Selbstmord zu begehen, niemand etwas gewusst. Dann habe ich am Samstag, d. 16. Dez. 1950 von der Frau Elisabeth Hausner in Petershain O/L erfahren, daß zu dieser meine Frau einmal gesagt hat, daß sie, wenn es nicht mehr geht, ganz kurz Schluß machen würde. Wenn ich gefragt werde, ob ich es für möglich halte, daß meine Frau Selbstmord begangen haben könnte, so muß ich sagen, daß ich das auf Grund ihres seelischen Zustandes für möglich halte.

Ich hoffe, daß sich meine Frau bei ihrem Bekannten in Görlitz aufhält, dessen Name mir nicht bekannt ist. Dieser ist mit einem gewissen Heinrich Hertel in Petershain bekannt und auch mit dem Robert Gwiasda aus Görlitz. Es kann auch sein, daß sie bei dem Gwiasda in Görlitz ist, doch glaube ich dieses weniger.

Weitere Angaben zur Sache kann ich nicht machen. Ich bestätige durch meine Unterschrift die Wahrheit meiner Aussagen. Beim Durchlesen meiner Vernehmung hatte ich jederzeit die Gelegenheit, an dieser Verbesserungen vornehmen zu können, und bin mit dem Inhalt und Wortlaut derselben einverstanden.«

Petershain, Ortsteil Ziegelei: Wohnort des Ehepaars Fux

Historische Aufnahme des Hauses der Familie Fux

Das Haus heute

Die Polizei nahm zu den Akten: »Der am heutigen Tage betreffs des Verschwindens seiner Frau vernommene Albert Fux aus Petershain O/L (Ziegelei) wies hiesiger Dienststelle zwei Briefe vor. Er gab hierbei an, daß er den im grünen Umschlag steckenden Brief am Donnerstag, d. 14.12.1950, beim Aufräumen der Wohnung in der ihm gehörenden Schreibmappe gefunden habe. Um nachweisen zu können, daß dieser Brief von der Hand seiner Frau stammt, wies Fux einen zweiten Brief (brauner Umschlag) vor, wobei es sich um einen sogenannten Feldpostbrief handelt, da in dem vorgenannten Brief im grünen Umschlag seine Frau schreibt, daß sie den Entschluß habe, aus dem Leben scheiden zu wollen. Aus diesem Grunde ist es erforderlich, baldmöglichst einen Brief zu suchen und sicherzustellen, welcher mit Bestimmtheit von der Vermißten geschrieben wurde (bei Verwandten), und diesen mit den beiden anderen Briefen dem kriminaltechn. Institut zwecks Schriftvergleichen zu übersenden.« Der Vergleich wurde durchgeführt und ließ keinen Zweifel: Elsa Fux hatte einen Abschiedsbrief verfasst.

Dieser liegt den Akten heute nicht mehr bei, denn im Nachhinein muss es zu familiären Zwistigkeiten um das Erbe gekommen sein. Die Entnahmequittung unterzeichnete am 4. Mai 1954 ein staatlich eingesetzter Notar: »Der Blatt 9 d. A. bezeichnete Brief im grünen Umschlag ohne Datum wurde mir heute von der Kreisstaatsanwaltschaft Niesky ausgehändigt, da er eine Erb­einsetzung erhält und somit als Testament anzusehen ist, welches zur notariellen Eröffnung gebracht werden soll.«

An der Selbstmordabsicht Elsa Fux’ war nicht zu zweifeln. Sie war erwiesen. Die Fragen, wie und wo sich die Frau das Endgültige angetan hatte, jedoch blieben. Weit wird sie nicht gelaufen sein, mitten in der Nacht und schnell entschlossen. Aber die Umgebung von Ziegelei und Petershain hatte man bereits abgesucht – und nichts gefunden. Doch zur alten Fabrik gehörte eine Grube, die geflutet worden war und die man Blaues Wasser nannte. Möglich war, dass Elsa Fux darin ihren Tod gefunden hatte. Aber Eis, Frost und Schnee machten in der Winterzeit die Suche im Gewässer unmöglich.

Zeugen bestätigten die Aussagen des Ehemannes. »Tischlermeister Jurke sagte dem VP.-Komm. Knetschke, daß die Hausbewohner (Nachbarn) des Fux, die Familien Schmitt und Delling, gehört haben, daß in der fraglichen Nacht am Samstag, d. 2.12.1950, man in der Wohnung des Fux Streit vernommen habe. Es soll ein durchdringender Schrei gehört worden sein, dem ein schwerer dumpfer Fall folgte.« Vom Streit hatte Albert Fux gesprochen und dass Gattin Elsa mit Gegenständen nach ihm geworfen habe. »Ein dumpfer Fall« – solch ein Geräusch konnte viele Ursachen haben. Zum Handeln hatte es die Nachbarn nicht gebracht, zu alltäglich der Ehezwist des Paars im Erdgeschoss. Widersprüche zu Albert Fux’ Schilderung des Abends traten nicht zutage. Aber »weiter wurde dem VP.-Komm. Knetschke bekannt, daß Fux etwa Mitte Nov. d. J. die Schlösser zu seinen beiden Zimmern geändert hat, warum? Wie viele Schlüssel sind für diese Zimmer vorhanden? Es ist zu überprüfen, ob die benannten Zeugen (die in Petershain wohnhaften), solche oder ähnliche, den Fux betreffende Aussagen getätigt haben, da diese Aussagen im Widerspruch zu den von Fux am 19.12.50 getätigten Aussagen stehen könnten. In diesem Falle wären Anhaltspunkte gegeben, die Fux in dringendem Tatverdacht des Gattenmordes erscheinen lassen.« VP-Kommissar Knetschke hatte Verdacht geschöpft und ließ ihn nicht einfach fallen. Er war der festen Überzeugung, lassen seine Aktennotizen vermuten, dass Indizien gefunden werden würden, die eine der Arbeitshypothesen – Mord oder Selbstmord – unterstützen würden. Knetschke vermutete wohl eher ein Verbrechen. Die Verhöre wurden fortgesetzt. Dabei konzentrierten sich die Ermittler auf das Umfeld der Vermissten und ihres Ehemanns.

Zuständiges Polizeirevier Niesky

Im Blauen Wasser wurde die Leiche der Elsa Fux vermutet.

Am 22. Dezember 1950 wurde Elsas Schwägerin vernommen:

Struck, Gertrud,

geb. am 30. März 1923 in Königswartha,

wh. Petershain 12.

Frage: »Frau Struck, hat Ihre Schwägerin, Elsa Fux, Ihnen gegenüber einmal Selbstmordabsichten geäußert?

Antwort: Nein. Im Gegenteil, ich bin mit meiner Schwägerin im November dieses Jahres einmal nach See in die Gärtnerei gefahren, und da haben wir uns über ihre Ehe unterhalten. Da sagte mir meine Schwägerin: ›Niemals werde ich dem Platz machen oder ihm aus dem Wege gehen.‹ Sie erklärte mir noch, ›ich bin doch nicht auf den Mann angewiesen, ich kann selber arbeiten gehen.‹ Abschließend«, wollte Gertrud Struck »noch bemerken, daß mein Schwager auf mich den Eindruck machte, als ob er etwas zu verbergen hat, er war sehr unruhig und nervös.«

Auch Nachbarin Elli Delling meinte: »Selbstmord? Nein, im Gegenteil. Elsa kam fast immer, wenn sie sich mit ihrem Ehemann gezankt hatte, anschließend zu mir in die Wohnung und erzählte mir alles. Dabei sagte sie auch einmal unter anderem, daß sie sich niemals wegen einem Mann das Leben nehmen würde, eher würde sie ihm die Bude ausräumen.« Und es ergaben sich weitere Hinweise auf ein Doppelspiel des Ehemanns, denn der hatte die Nachbarn bereits am Sonntag des Verschwindens gebeten, seine Hühner auf dem Hofe mitzuversorgen, weil seine Frau verreist sei. Allerdings, wie hatte Albert Fux das wissen können?

Da wurde eine Frauenleiche in Stendal in der Altmark gefunden. Den körperlichen Maßen nach könnte es die Vermisste aus Petershain bei Niesky sein. Elsa Fux’ Personenbeschreibung lautete:

»Größe: ca. 1,55 m

Figur: vollschlank

Kopfform: oval

Augenfarbe: graublau

Augenbrauen: geschwungen, schmal geformt

Nase: gradlinig und normal, vorspringend, klein, wenig nach oben

Mund: klein, schmale Lippen

Ohren: mittelgroß

Ohrlöcher: fraglich

Haar: ca. 25 cm lg., trug Knoten

an den Seiten vereinzelt leicht

angegraut. Mittelblond, Mittelscheitel

Hände: fleischig, wenig abgearbeitet

Fingernägel: rund geschnitten

Zähne: Vorderzähne des Unter- und

Oberkiefers sichtbar vorhanden

obere Schneidezähne normal und die daran anschließenden rechten und

linken Schneidezähne

verhältnismäßig klein, Goldkrone ver- mutlich Augenzahn, ob links oder rechts nicht bekannt

Backenzähne unten und oben lückenhaft

allgemeiner Zahnzustand schlecht

Besondere

Kennzeichen: Haar unter den Achseln borstig und lang

Körper nicht behaart

Beine. glatt und keine Adern

Schuhgröße: 38

Starke Waden, schlanke Fesseln, keine Hühneraugen auf den Zehen, breiter Fuß, keine Frostballen

Blinddarmnarbe: keine Angabe«

Der Ehemann war inzwischen in die Wohnung seiner Kollegin und Geliebten Frieda Mirtschin eingezogen und begann ein neues Leben. Seine Behauptung, mit Gattin Elsa über eine Scheidung gesprochen zu haben, schien auf der Wahrheit zu beruhen.

Derweil erwies sich, dass die Leiche, die man in der Altmark gefunden hatte, nicht die der verschwundenen Elsa Fux war. Man suchte sie weiterhin im Teichgebiet der Oberlausitz und ging davon aus, dass sie nicht mehr lebte. Wo würde man ihre Leiche finden?