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Lizzy Franklin ist eine Frau mit Kurven, der das Herz auf üble Weise gebrochen wurde. Um einen Neustart zu beginnen, fängt sie eine Abnehmkur fernab ihrer Heimat Melfort an. Doch unerwartet schleicht sich ihr Herzensbrecher Christopher O’Reily wieder in ihr Leben. Zwischen Spinning, Aerobic und einem straffen Ernährungsplan quälen sie nun die Gedanken an ihn. Aber nicht nur Christopher hat Interesse an ihr, sondern auch Sean Miller, ein Stammgast ihres Cafés Little Cupcake. Als plötzlich ihr Leben vor einem Scheiterhaufen steht ist sie froh, eine Schulter zum Anlehnen zu haben. Wer gibt ihr Halt und fängt sie in dieser schweren Zeit auf? Welchem der beiden Männern gibt sie eine Chance auf die Liebe? Wer lässt ihr Herz höherschlagen? Christopher oder Sean? Und warum taucht urplötzlich ihr Vater in Melfort auf?
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Trish
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Sean
Lizzy
Epilog
Cappuccino für Zwei
Liebesroman
von
Ella Green
Impressum
Daniela Krenn
Siedlerstraße 5
83714 Miesbach
http://www.ella-green.com
© Ella Green Juli 2017
Korrektorat: Vanessa Ostiadal
Coverdesign: Nadine Kapp / Booklover Coverdesign
Titelbilder:
Depositphotos Bildnr. 95148448/helenaak14
Fotolia Bildnr. 136180043/milenie
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.
Über die Autorin
Ella Green wurde 1983 in Oberbayern geboren.
New York - der "Big Apple" - ist ihr absoluter Traum, denn die pulsierende, riesige und atemberaubende Stadt bedeutet für Sie "Lebe deinen Traum und glaube an Dich selbst!"
Ella lebt in Bayern und backt für ihr Leben gerne, besonders bunte Cupcakes - inspiriert wurde sie bei ihrer New York Traumreise durch die berühmte Magnolia Bakery mit den allerbesten Schoko-Cupcakes der Welt!
Cappuccino ist wie die Liebe. Beides muss man genießen.
Über die Lautsprecher erklang fetzige Musik, der herrliche Duft nach frisch gebackenem Apfelkuchen stieg mir in die Nase. Mit einem verliebten Lächeln auf den Lippen wandte ich mich zum Radio und drehte es lauter. Der Beat nahm mich vollends ein und ich begann meine Hüften zum Takt zu schwingen. Gut gelaunt tanzte ich durch die Backstube von meinem Café Little Cupcake. Mir ging es gut und ich war glücklich, wie lange nicht mehr. Ich, Elizabeth Franklin, von allen Lizzy genannt, war bis über beide Ohren verknallt. Melforts heißester Kerl, Christopher O´Reily, hatte mich auf dem Melfort Music Festival angesprochen. Für mich schien es noch immer unrealistisch. Es fühlte sich an wie ein Traum. Ein verdammt schöner Traum. Niemals hatte ich es für möglich gehalten, dass mich ein attraktiver Mann wahrnahm. Christopher konnte bei seinem Aussehen zehn Frauen an jedem Finger haben, aber er hatte sich um mich bemüht. Er wollte mich näher kennen lernen und zum Essen ausführen. Am Abend des Festivals hätte er mit zig anderen Mädels flirten können, aber er hatte nur Augen für mich.
Das Melfort Music Festival hatte Jake Burke, irischer Einwanderer und Besitzer vom Green Pub, ins Leben gerufen. Das Fest hatte mittlerweile Kultstatus und war jedes Jahr gut besucht. Wie alle Geschäfte hatte ich auf diesem Event einen kleinen Stand und verkaufte Kaffee, Kuchen und Cupcakes.
Als O´Reily mich zum Tanzen aufgefordert hatte, glaubte ich im ersten Moment, er machte einen Scherz. Zwei Monate war dies her und seitdem trafen wir uns regelmäßig.
Mit einem Schmunzeln auf den Lippen dachte ich an vergangene Nacht. Er war unheimlich liebevoll. In seinen starken Armen fühlte ich mich geborgen. Christopher legte mir die Welt zu Füßen. Er akzeptierte mich, denn ich hatte einige Pfunde zu viel auf den Hüften. Von einer Modelfigur war ich meilenweit entfernt. Alle Diäten, die ich ausprobierte, halfen nichts. Bereits im Teenageralter war ich rundlicher und fand mich damit ab, niemals in Kleidergröße 36 oder 38 zu passen. Ich, Lizzy Franklin, war das kleine Moppelchen von nebenan, das mit ihrer quirligen Art trotzdem genug liebe Menschen um sich herum hatte. Allen voran meinen Onkel Roger, bei dem ich aufwuchs. Meine Eltern zogen es vor, mich als fünfjährige in seine Obhut zugeben. Ihre Immobiliengeschäfte waren ihnen wichtiger und sie hatten keine Zeit für ihre Tochter. Sie tingelten in der Welt umher, statt sich um ihr einziges Kind zu kümmern, wie es fürsorgliche Eltern üblicherweise taten. Bei Roger bekam ich die Liebe, die mir von meinem Dad und meiner Mom verwehrt blieb. Roger erzog mich zu einer selbstbewussten Frau, die sich von nichts und niemanden unterkriegen ließ.
Meine Granny Betty und mein Onkel erkannten früh, dass ich es liebte zu backen und förderten mich. Nach meinem Schulabschluss stand für mich fest, dass ich nicht in die Großstadt zum Studieren wollte, sondern mein eigenes Mädchencafé. Mit Hilfe von Roger hatte ich in meinem Heimatort, dem kleinen Städtchen Melfort, ein süßes Café aufgebaut. Ohne ihn und seine finanzielle Unterstützung, hätte ich es nicht geschafft. Immer wieder dankte ich ihm dafür. Für mich war er mehr Vater, als mein leiblicher, denn den und meine Mutter interessierte mein Leben rein gar nicht. Wo meine Erzeuger aktuell sind? Ehrlich gesagt, ist mir das vollkommen egal. Das letzte Mal hatten wir vor vier Monaten telefoniert und zu diesem Zeitpunkt machten sie Geschäfte in Monaco. Mom hatte mir erzählt, dass sie sich einen Kaffee am Hafen genehmigte, in einer Boutique einen sündhaft teuren Pelzmantel ergatterte und Dad verkaufte eine Villa. Unverständlich wie man einen überteuerten Cappuccino trinken, ein totes Tier tragen kann und darauf auch noch mächtig stolz ist. Wie es mir ging, schien sie nicht sonderlich zu interessieren, denn sie redete nur von ihren Immobiliengeschäften, die sie und Dad abschlossen. Zur Eröffnung vom Little Cupcake waren sie damals extra aus St. Tropez angereist. Welch Wunder! Ich hätte auf die beiden auch gut verzichten können. Mom fand das Little Cupcake nett. Aber nett ist ja bekanntlich die kleine Schwester von Scheiße.
„Na, da ist jemand ja sehr gut drauf an diesem frühen Sonntagmorgen“, hörte ich die Stimme von meinem Onkel, zuckte zusammen und drehte mich um.
„Roger ... erschreck mich nicht so.“ Mit meiner rechten Hand griff ich an mein Herz, das heftig gegen meinen Brustkorb schlug.
Ungewöhnlich war es nicht, dass er mich im Café besuchte. Aber da ich meinen Gedanken nachhing, hatte ich alles um mich herum ausgeblendet.
„Sorry, das wollte ich nicht“, sagte er entschuldigend und kam auf mich zu.
„Warst du schon sportlich unterwegs oder geht es jetzt erst los?“, fragte ich und deutete auf seine Radlerkleidung.
„Ich hab mein Soll schon erfüllt“, verkündete er stolz.
Er liebte es, mit seinem Mountainbike durch die schöne ländliche Gegend von Melfort zu fahren. Wann immer er Zeit hatte, machte er eine Radtour. Oft hatte er gesagt, ich sollte mitkommen, um einen Ausgleich zu meiner Arbeit zu schaffen. Aber für mich war Fahrradfahren nichts. Klar, hätte ich es mal versuchen können. Mit etwas Bewegung hätte ich vielleicht ein paar Pfunde verloren. Nur fehlte mir schlichtweg die Zeit dazu. Von morgens bis abends war ich im Little Cupcake beschäftigt. Einzig für Christopher nahm ich mir Zeit und betrieb lieber Matratzensport als andere sportliche Aktivitäten. Das muss Roger nicht wissen. Auch wenn ich zu meinem Onkel ein super Verhältnis hatte, ging es ihn nichts an, wie es bei mir in Sachen Sex aussah.
Sein graumeliertes Haar schimmerte in der Morgensonne, die durch das Fenster schien, als er durch die kleine Backstube wanderte und sich umblickte.
„Rieche ich frischen Apfelkuchen?“ Er schnupperte und lugte auf die Anrichte, auf die ich den Kuchen vorhin gestellt hatte.
„Der ist für Granny ihre Gäste“, sagte ich und klopfte ihm auf die Finger, als er ein Messer nahm und sich davon ein Stück abschneiden wollte.
„Das heißt, ich bekomm keinen?“ Er setzte seinen Dackelblick auf und versuchte mich um den Finger zu wickeln.
„Das musst du mit Granny aushandeln“, sagte ich und zwinkerte ihm zu.
Betty Franklin, meine Grandmom, führte in Melfort eine kleine Pension. Seit ich selbstständig war, backte ich für ihre Gäste. Die Äpfel dafür lieferte Tyler Benson, der zusammen mit seinen Eltern Lilly und Alan eine Apfelfarm führte.
„Gut, dann bring ich den Kuchen zu meiner Mom, die gibt mir bestimmt ein Stück.“
„Bist du dir sicher?“ Ich musste schmunzeln, denn ich konnte mir gut vorstellen, wie er später vor seiner Mutter stand und sie anflehen würde.
„Ja, ich bin schließlich ihr Erstgeborener. Mir kann sie keinen Wunsch abschlagen“, antwortete er mit vor stolz geschwelter Brust.
Roger war anders als mein Dad. Er kümmerte sich um seine Mutter und um mich. Wir waren im heilig. Im Gegensatz zu meinem leiblichen Vater, der sich bei Granny kaum meldete.
„So, und jetzt raus hier“, sagte ich mit einem Lachen, gab den Kuchen in eine Schachtel und drückte sie ihm in die Hand.
Mit einem Lächeln auf den Lippen legte ich meine Hand auf seinen Rücken und schob ihn zur Backstube hinaus.
„Du willst mich loswerden? Das ist aber nicht nett“, antwortete er gespielt beleidigt.
„Granny wartet auf ihre Lieferung und wie du weißt, wartet sie nicht gerne.“
„Es ist kurz nach acht. Die ist noch mit dem Frühstück ihrer Pensionsgäste beschäftigt. Ich denke, du willst mich nur loshaben, weil du mir was verheimlichst.“
Er las schon immer wie in einem offenen Buch in mir. Aber das mit Christopher wollte ich ihm nicht auf die Nase binden.
„Ich? Dir was verheimlichen? Nie im Leben“, versuchte ich zu lügen und biss mir auf die Lippe, um nicht zum Schmunzeln zu beginnen.
„Lizzy, deine ganze Art verrät dich. Man könnte glatt meinen, du bist seit Wochen verliebt.“
Erwischt! Ich sage ja, er kennt mich zu gut.
„Ich bin doch wie immer“, winkte ich lachend ab.
„Das du aufgedreht und hibbelig bist, ist nichts Neues. Aber deine Augen strahlen, wie die einer Frau, die verliebt ist.“
„Vielleicht bin ich ein kleines bisschen verknallt.“ Mit meinem Daumen und Zeigefinger zeigte ich ihm an, wie viel ich verliebt sei, wobei das komplett gelogen war.
Ich bin viel mehr verrückt nach Christopher als die zwei Zentimeter, die ich ihm anzeige.
„Ist doch schön. Mehr musst du mir gar nicht erzählen. Genieß es.“
„Ja, werde ich und jetzt los, ich muss noch einiges schaffen“, gab ich ihm lächelnd zu verstehen und begleitete ihn zur Tür.
****
Am Abend verschloss ich die Tür vom Café und drehte das Schild mit der Aufschrift CLOSED herum. Endlich hatte ich Feierabend und konnte Christopher sehen. Der Mann, der mein Herz zum Höherschlagen brachte und bei dem ich mich geborgen fühlte. Wir hatten ausgemacht, den Abend bei einem Guinness gemeinsam im Green Pub ausklingen zu lassen. In meiner Backstube holte ich meine Handtasche, knipste die Lichter aus und verließ über den Hintereingang das Little Cupcake. Weit war der Pub nicht entfernt, ich musste nur über den Marktplatz laufen. Wie auf rosa Wolken überquerte ich die Straße, summte fröhlich vor mich hin und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Kann man so verliebt sein?Ja, man kann.
Als ich auf der anderen Seite der Straße ankam, sah ich Christopher mit seinem Kollegen Henry aus der Feuerwehr vor dem Green Pub stehen. Sie lachten und hatten sichtlich Spaß. Um ihn zu überraschen, schlich ich mich leise an ihn heran.
„Die fette Kuh, wenn ich von hinten nehme schwabbelt alles“, sagte er lachend und machte dabei eine Bewegung, wie ich anscheinend aussah, wenn er mit mir Sex hatte.
Vollkommen fassungslos über seine Worte stoppte ich. Da er und sein Kollege mit dem Rücken zu mir standen, hatten sie mich nicht wahrgenommen.
„Aber die Reiterstellung mach ich mit ihr nicht, sonst erdrückt die mich und ich sterbe.“
Wie zur Salzsäure erstarrt stand ich da und lauschte dem Gespräch. Christopher zog über mich her, was ich ihm niemals zugetraut hätte. Gestern Nacht als wir Sex hatten, flüsterte er mir noch ins Ohr, wie toll er mich findet. Und dass er jedes Gramm an mir liebte.
„Beim Vögeln sterben ist bestimmt ein schöner Tod“, prustete Henry.
„Schön sicherlich, aber dann bitte unter einer schlanken Frau und nicht unter einem Schwabbelmonster“, antwortete Christopher angewidert.
„Wie lang willst du dem Elefantenweib noch was vorspielen?“
„Ach, ich weiß nicht“, entgegnete er achselzuckend. „Noch macht es Spaß, dass sie mir aus der Hand frisst, wie ein fettes Kätzchen. Wenn sie mir einen bläst, kann ich die Augen schließen und mir vorstellen, dass sie schlank ist.“
Es tat weh zu hören, wie er über mich sprach. Aber zu weinen würde ich nicht anfangen. Meine Traurigkeit schlug in Wut um. Na warte, du Arschloch? Meine Füße bewegten sich automatisch einen Schritt nach vorne. Er hatte mich zutiefst verletzt. „Lass dich niemals von jemanden auf dein Gewicht reduzieren“, schoss mir die Stimme von Onkel Roger in den Kopf. „Wehre dich! Wenn dir jemand weh tut. Egal wie.“
Stocksauer, wie noch nie in meinem Leben, trat ich auf Christopher zu und tippte ihm auf die Schulter. Als er sich zu mir umdrehte und sah, dass ich es war, die in antippte, zuckte er zusammen. Seine blauen Augen, in die ich mich verliebt hatte, ließen mich eiskalt. Normalerweise setzte mein Verstand bei diesem Blick aus. Nein! Du zeigst keine Schwäche!Du bist eine starke Frau. Er hat dich gar nicht verdient.
„Du bist das größte Arschloch, das auf dieser gottverdammten Welt rumrennt, Christopher!“
Erschrocken blickte er mich an und riss seine Augen weit auf.
„Du kannst dir eine andere Dumme suchen! Eine die dich reiten kann, ohne dass du Angst haben musst erdrückt zu werden.“
„Babe, was redest du?“, fragte er und versuchte nach meiner Hand zu greifen.
„Fass mich nicht an!“, zischte ich und wich einen Schritt zurück.
„Ich geh schon mal rein“, sagte Henry kleinlaut und wollte sich aus dem Staub machen.
„Du bleibst schön hier! Du kannst dir ruhig anhören, was ich Christopher zu sagen habe. Du hast schließlich mit ihm über mich gelästert.“
Henry guckte mich entschuldigend an und senkte seinen Kopf.
„Ich wünsche niemandem was Schlechtes. Aber dir, Christopher, soll der Schwanz beim nächsten Fick abfallen.“
„Babe, bitte ...“, begann er, aber ich ließ ihn nicht ausreden.
„Halt deine Klappe und nenn mich nie wieder Babe.“ Mit meinem Zeigefinger drohte ich ihm, mir nicht näher zu kommen.
„Das war gar nicht so gemeint. Ich hab nicht von dir gesprochen.“
„Ach, du schläfst noch mit einer anderen, die zufällig auch rundlicher ist! Hörst du selbst, was für gequirlte Scheiße du von dir gibst?“
Mir reichte es und ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. Die Blöße vor ihm zum Heulen anzufangen wollte ich mir nicht geben. Mit erhobenen Hauptes drehte ich mich um und stolzierte davon.
„Babe, bitte warte!“
„Hast du was auf den Ohren? Ich hab dir gesagt, du sollst mich nie wieder Babe nennen“, sagte ich ohne mich zu ihm zu wenden, allerdings merkte ich, dass er mir folgte.
Wenn er nur einmal versucht, mich anzufassen, dann trete ich ihm in seine Kronjuwelen und mache Rührei daraus. Ich hatte den Gedanken gerade zu Ende, da spürte ich seine Hand auf meiner Schulter.
„Fass mich nicht an, du Arschloch“, brüllte ich ihn an, drehte mich um und zog mein Knie ruckartig in die Höhe.
„Ahhhh! Bist du irre?“, stieß er aus und krümmte sich vor Schmerzen.
Ohne ihn weiter zu beachten, rannte ich davon.
Als ich über den Marktplatz lief, ließ ich meinen Tränen freien Lauf. Es tat verdammt weh. Er hatte mich nur ausgenutzt, um seine Lust auf Sex zu stillen. Hatte mir alles, was er je zu mir sagte, vorgegaukelt. O`Reily hatte mir mein Herz aus der Brust gerissen und trampelte darauf rum. Die Tränen in den Augen, ließen mich die Umgebung nur verschwommen wahrnehmen. Vor mir erblickte ich einen Schatten, nahm diesen aber nicht als Mensch wahr und knallte dagegen.
„Sorry“, schluchzte ich und schaute nach oben.
Es war Sean, ein netter Kerl, der drei Jahre jünger als ich war und wie Christopher bei der Feuerwehr in Secton arbeitete. Wir kannten uns aus meinem Café, denn er kaufte sich immer einen Cappuccino zum Mitnehmen.
„Alles okay bei dir?“, fragte er fürsorglich und legte seine Hand auf meine Schulter.
„Nein! Und ich will nicht darüber reden“, fauchte ich ihn an und schlug seine Hand wütend von mir.
„Whoo, warum knurrst du mich bitte an? Ich hab dir gar nichts getan.“
„Ihr Männer seid alles Idioten. Am besten in einen Sack stecken und mit einem Baseballschläger draufhauen, da trifft man keinen falschen.“
Mit diesem Satz ließ ich ihn alleine stehen und rannte nach Hause.
Acht Monate später
Die Klingel des Little Cupcake ertönte, als ich das kleine Café betrat. Hinter dem Tresen stand nicht wie üblich Lizzy, sondern ihr Onkel Roger. Vor zwei Wochen war sie nach Vancouver gegangen, um dort an einer Abnehmkur teilzunehmen.
„Hallo Sean“, grüßte Roger freundlich.
„Hi Roger.“
„Wie immer einen Cappuccino zum Mitnehmen?“
Nickend stimmte ich zu. Roger wandte sich mit dem Rücken zu mir, stellte einen Pappbecher unter den Kaffeevollautomaten und drückte einen Kopf. Der herrliche Duft frisch gemahlener Bohnen erfüllte den Raum und ließ mich Lächeln. Im Little Cupcake gab es den besten Kaffee und die leckersten Kuchen und Torten weit und breit.
„Wie geht es Lizzy?“, fragte ich neugierig.
„Gut. Allerdings vermisst sie ihre Heimat und vor allem ihr Café.“
Lizzy ihr kleines Kaffeehaus war das einzige in Melfort. Wenn ich mich recht erinnerte, hatte sie es vor sechs Jahren eröffnet. Ich ließ meine Augen über die Auslage wandern, in der allerlei süße Köstlichkeiten offeriert wurden. „Kann ich mir gut vorstellen. Vancouver ist mit Melfort gar nicht zu vergleichen.“
„Sie wird das packen, da bin ich mir sicher. Lizzy ist eine selbstbewusste Frau, die lässt sich von den Großstadtmenschen nicht unterkriegen“, entgegnete mir Roger.
Sie war nicht nur selbstbewusst, sondern mit ihrer humorvollen und quirligen Art etwas Besonderes. Dass ihr mein Kollege Christopher O´Reily das Herz brach wusste Roger nicht. Die Kur in Vancouver machte sie nicht nur um abzunehmen, sondern um ihre Wunden zu lecken. Das hatte mir Madison Ryder, die Innenarchitektin, des Blockhütten Resorts das Tyler Benson auf seiner Farm baute und gute Freundin von Lizzy erzählt. Vor einigen Monaten bemerkte ich selbst, dass Lizzy noch darunter litt, wie Christopher sie behandelt hatte. Zusammen mit Jason und Marc war ich im Green Pub gewesen, um den Abend bei einem Guinness ausklingen zu lassen. Lizzy war mit Madison und ein paar anderen an einem Tisch gesessen. An diesem Abend war sie das erste Mal seit langem wieder aus. O´Reily hatte ihre Gefühle verletzt und daher verkroch sich Lizzy entweder in ihrem Café oder in ihrer Wohnung. Als hinter uns Christopher den Pub betrat, sah ich, wie ihr Blick traurig wurde. Sie war einfach aufgestanden, ließ ihre Freunde zurück und verschwand. Ich hatte den Drang, ihr nachzulaufen, tat es aber nicht. Irgendetwas tief in mir sagte, dass sie nicht reden wollte. Noch heute könnte ich mich dafür ohrfeigen. Als ich spät abends nach Hause gegangen war, sah ich, dass in ihrem Café Licht brannte. Durch die Fensterfront hatte ich gesehen, wie sie an einem der Tische saß und bitterlich weinte. Mir tat sie schrecklich leid. Damals hätte ich klopfen sollen. Hätte sie in den Arm nehmen und als Kumpel an ihrer Seite sein können. Aber ich tat es nicht. Warum? Weil wir uns kaum kannten. Wir waren keine Freunde, sondern Bekannte. Ich war einer ihrer Stammgäste.
„Willst du ein Stück Apfelkuchen?“ Mit dieser Frage riss mich Roger aus den Gedanken. „Den hat zwar nicht Lizzy gebacken, aber meine Mutter und die kann auch ausgezeichnet backen.“
„Der sieht lecker aus, da kann ich nicht nein sagen“, antwortete ich, schaute mir den Kuchen in der Auslage an und das Wasser lief mir förmlich im Munde zusammen. Roger nahm die Backware, schnitt ein großes Stück davon ab und legte es in eine kleine Schachtel.
„Das geht auf´s Haus“, erwähnte Roger und schob mir den weißen Karton, auf dem in einer schönen geschwungenen Schrift Little Cupcake stand, zu.
„Danke, sehr nett von dir. Bevor ich es vergesse, wenn du Lizzy mal wieder am Telefon hast, dann grüß sie lieb von mir.“
Er begann zu grinsen, nahm den Pappbecher mit dem Cappuccino und stellte diesen auf den Tresen. „Du kannst sie jederzeit anrufen. Ich bin mir sicher, es freut sie, wenn sich jemand aus ihrer Heimat bei ihr meldet.“
„Hmm, ja mach ich.“ Dass ich ihre Handynummer nicht hatte, sagte ich Roger nicht. Irgendwie werde ich an ihre Nummer schon rankommen.
„Ich wünsche dir einen schönen Tag. Bis zum nächsten Mal“, verabschiedete mich Roger, nachdem ich mein Getränk bei ihm bezahlt hatte.
„Danke. Ich hoffe, es wird eine ruhige Schicht.“
„Dass wünsche ich dir. Bye, Sean.“
„Bye, Roger.“
Diese Woche hatte ich die Nachmittagsschicht in der Feuerwehr in Secton, für die ich seit drei Jahren tätig war. In den letzten Tagen war es ruhig gewesen. Wir hatten keine großen Notfälle. Vor zwei Tagen mussten wir ein kleines Kätzchen von einem Baum retten, das war das einzig Spektakuläre. Der letzte große Einsatz war drei Wochen her und ich erinnerte mich nur ungern daran. Außerhalb von Secton hatte eine Farm Feuer gefangen und war bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Einen Teil des Viehbestands konnten wir retten. Die Besitzer, ein Ehepaar mittleren Alters blieb unversehrt. Dennoch war es grausam zusehen, wie ein Gutshof in Null Komma Nix dem Erdboden gleichgemacht wurde. Mittlerweile wussten wir, dass es sich um Brandstiftung handelte. Wie kann man nur so skrupellos sein und ein Haus in Brand stecken? Gedankenverloren ging ich auf meinen Pick-Up zu, öffnete die Tür und stieg ein. Gerade als ich den Motor starten wollte, klopfte es an der Fensterscheibe. Erschrocken fuhr ich zusammen, lugte nach links und sah Trish Hunter, die mich frech angrinste. Sie war das Betthäschen von meinem Kumpel Jason.
„Hey Trish“, begrüßte ich sie, nachdem ich das Fenster hinunter gekurbelt hatte.
„Hi Sean, alles klar bei dir?“
„Jap, und bei dir?“, fragte ich und lehnte mich leicht zu ihr hinaus.
Anders als für sie üblich trug sie heute für ihre Verhältnisse normale Kleidung. Wer sie nicht kannte, könnte glauben, sie war Melforts Bordsteinschwalbe. Zum Großteil kleidete sie sich mit Hotpants, Overknee Stiefel und ein Top dessen Ausschnitt mehr als gewagt war.
„Alles bestens. Ich hab heute ein Vorstellungsgespräch.“
Ach daher hat sie heute ihre schwarzen langen Haare streng zusammengebunden und trägt einen Hosenanzug. Hätte mich auch gewundert, wenn sie von einen auf den anderen Tag ihren Look so krass änderte.
„Super und wo?“
Trish deutete mit ihrem Zeigefinger auf das Little Cupcake und begann zu strahlen.
„Du hast dich in Lizzys Café beworben? Ich wusste gar nicht, dass sie jemanden sucht.“
„Sie sucht nicht. Ich habe ihrem Onkel angeboten ihm zu helfen.“
Skeptisch zog ich eine Augenbraue nach oben, denn dass Trish freiwillig jemanden half, kam selten vor. Moment, das war gelogen. Es kam schlichtweg niemals vor.
„Und wie willst du ihm helfen? Ich wüsste nicht, dass du backen kannst.“
Lachend winkte sie ab und lehnte sich gegen meinen Wagen. „Backen werde ich nicht. Ich möchte Kaffee zubereiten und die Gäste bedienen.“
Gut, das macht Sinn. Allerdings bezweifelte ich, dass Lizzy einen Freudensprung machte, wenn sie davon erfuhr. Trish war kein schlechter Mensch, aber sie im Little Cupcake, womöglich noch in ihren knappen Outfits und Lizzy ist schneller wieder zurück in Melfort, wie wir alle glauben.
„Kommst du heute Abend ins Green Pub?“, wollte sie wissen.
Kopfschüttelnd verneinte ich. „Meine Schicht geht bis um zwölf und danach möchte ich ins Bett.“
„Okay, dann wünsche ich dir einen schönen Tag.“
„Danke und dir viel Glück bei dem Gespräch mit Roger.“
Trish stieß sich von meinem Pick-Up ab und ging auf den Eingang zu. Während ich ihr nachblickte, nahm ich einen großen Schluck vom Cappuccino, startete den Motor und machte mich auf den Weg nach Secton.
****
„Boah, wenn das heute genauso langweilig wird wie die letzten Tage, dann lege ich noch irgendwo ein Feuer“, hörte ich O´Reily durch den Aufenthaltsraum rufen.
„Dude, das ist nicht witzig!“, entgegnete ihm einer unserer Kollegen und schlug ihm auf den Kopf.
Da kannst du gerne mehrmals draufschlagen. Der Typ hat es nicht anders verdient.Das, was er Lizzy antat, wird dadurch nicht rückgängig gemacht, aber schaden tut es ihm auch nicht. Mit dem kleinen weißen Karton, in dem sich der Apfelkuchen befand, setzte ich mich an einen der Tische. Mir gegenüber nahm Henry Platz, der Christopher zu uns winkte. Auf die beiden konnte ich echt verzichten. Wir waren Kollegen, mehr nicht. Eine Freundschaft zu ihnen würde ich niemals anfangen. Die zwei fanden sich unwiderstehlich und redeten über Frauen, als wären es Objekte.
„Oh Apfelkuchen vom Elefantenweib“, lachte Henry und deutete auf den Kuchen.
Seinen saublöden Spruch ließ ich unkommentiert, denn ich wollte Streit tunlichst vermeiden.
„Backen und Ficken, das kann das Schwabbelmonster.“
Meine Hand ballte sich zu einer Faust und am liebsten hätte ich O´Reily für diesen Satz in seine Visage geschlagen.
„Ich denke, ich muss mich mal bei ihr melden. Blasen konnte sie nämlich richtig gut.“
„Glaubst du ernsthaft, dass Lizzy so dämlich ist und dich wieder ranlässt?“, knurrte ich ihm entgegen.
Christopher lehnte sich leicht nach vorne, spannte sein Bizeps, der sich unter seinem weißen Shirt abzeichnete an und grinste. „Wetten, sie frisst mir wieder aus der Hand.“
„Ich wette nicht, und schon gar nicht mit dir.“
„Weil du weißt, dass du verlierst“, lachte er hämisch auf.
„Nein, weil ich mit einem Typ, der eine Frau herablassend behandet, nichts zu tun haben möchte.“
Er lehnte sich lässig zurück, griff in seine Hosentasche und zog sein Handy raus. Schmunzelnd guckte er auf das iPhone und tippte darauf rum. „Ah, da hab ich ja ihre Nummer.“
„Willst du sie echt anrufen?“, fragte Henry skeptisch.
„Klar, warum nicht?“
„Ich kann mich noch gut erinnern, wie sie dich vor einigen Monaten angebrüllt hat und dich als Arschloch bezeichnete“, erwähnte Henry.
„Das ist Monate her. Sie ist gewiss darüber hinweg, und rattig wie Nachbars Lumpi. Die hatte sicherlich seit mir keinen ordentlichen Fick mehr.“
Das Blut in meinen Adern kochte vor Wut. Wie kann er nur so respektlos über Lizzy sprechen?
„Lass sie in Ruhe!“
Erschrocken schaute O´Reily zur mir und zog eine Augenbraue nach oben. „Eifersüchtig?“
„Auf dich? Eindeutig nicht.“
„Dann braucht es dich ja nicht zu kümmern, dass ich mit ihr Kontakt aufnehme.“
Er tippte auf das Display, führte das Handy an sein Ohr und grinste übertrieben. Wenn Lizzy sich auf ihn wieder einließe, dann wäre ihr nicht mehr zu helfen.
„Komisch, sie nimmt nicht ab.“
Innerlich lachte ich laut auf. Hat er geglaubt, sie würde seinen Anruf voller Freude entgegennehmen? Schmunzelnd steckte ich mir ein Stück Apfelkuchen in den Mund und dachte an Lizzy. Was sie wohl gerade macht. Ob sie Spaß in Vancouver hat.
Das kann nicht sein ernst sein. Ungläubig guckte ich auf mein Handy. Warum zum Henker versuchte Christopher, mich anzurufen? Hat der noch alle Tassen im Schrank? Nach all den Monaten, in denen ich nichts von ihm hörte und ihm immer aus dem Weg ging, rief er an. Ich war so perplex und nahm den Anruf nicht entgegen. Was hätte ich sagen sollen? Was wollte er von mir? Wollte er sich entschuldigen? Wusste er, dass ich in Vancouver auf Kur war? Ich bezweifelte, dass er in meinem Café war und dort mit meinem Onkel über mich redete.
„Lizzy, bist du fertig?“ Meine Trainerin Dorothy stand vor mir und forderte mich auf, ihr zu folgen.
Heute stand Spinning auf dem Programm und ich hatte nur beim bloßen Gedanken daran, einen Muskelkater.
„Jap, bin startklar.“
Ich folgte der schlanken Frau, die ich seit unserem Kennenlernen vor zwei Wochen um ihre Figur beneidete. Die Abnehmkur war anstrengend und bereits am ersten Tag bekam ich einen Plan, wie ich mich ernähren und welchen Sport ich machen musste. Joggen, Spinning, Aerobic und Yoga standen auf meinem Sportprogramm. Zusammen mit den anderen Teilnehmern, die von Anfang Zwanzig bis Mitte Sechzig waren, verbrachte ich viel Zeit. Wir trainierten gemeinsam und nahmen unsere extrem gesunden Mahlzeiten zusammen ein. Torten, Kuchen oder andere Süßigkeiten waren für uns absolut tabu. Mir fehlte es zu backen und einen leckeren Cupcake zu essen, aber am meisten vermisste ich Melfort. Zwar hatte ich viel Kontakt mit Madison, die vor zehn Jahren nach Vancouver zog, aber es war eben nicht meine Heimat. Heute Abend würde ich mich mit ihr, ihrem Freund Anthony und ihrem besten Kumpel Frederick in der Carlson Bar treffen. Die beiden Männer hatte ich vor einigen Wochen bereits in Melfort kennen gelernt. Anthony war der Architekt für Tylers und Hazels Blockhütten Resort. Frederick, der schwul war, hatte eine eigene Modeboutique für Herren und mit Sasha, dem Barkeeper der Carlson Bar, liiert.
„So, ab auf die Räder“, wies uns Dorothy an und ging zur Stereoanlage.
Eine Stunde bei lauter Musik in die Pedale treten und sich richtig auspowern, das war heute Nachmittag unsere Beschäftigung. Am Morgen nach dem Frühstück waren wir zusammen in einem kleinen Park beim Joggen. Jeden Muskel in meinem Körper spürte ich. Wenn man abnehmen wollte, musste man was tun und dazu gehörte nun mal Sport.
Dorothy startete die Musik, stieg ebenfalls auf eines der Räder und animierte uns Vollgas zu geben. Meine Waden brannten und dennoch trat ich in die vollen und gab ordentlich Power. Mein Ziel war es in den nächsten vier Monaten von Kleidergröße 46 auf 42 zu kommen. Ob das machbar war, lag an mir.
Der rhythmische Beat ließ mich alles vergessen. Jetzt zählte nur mein Körper. Meine Ausdauer war noch nicht die beste und so begann ich schon nach wenigen Minuten zu schwitzen. Die Schweißperlen rannen über mein Gesicht, tropften nach unten und landeten auf dem Boden unter mir.
„Super macht ihr das! Nur nicht aufgeben! Ihr schafft das!“ Die Stimme von unserer Trainerin war bestimmend aber motivierend.
Christopfer O´Reily schoss mir plötzlich in den Kopf. Hatte es ihm nicht gereicht, dass er mir das Herz herausriss? Die Kur in Vancouver wollte ich nicht nur zum Abnehmen nutzen, sondern um Abstand von ihm zu bekommen. Und nun, tritt er plötzlich wieder in mein Leben. Das ist nicht fair. Ihm hatte ich nicht nur ein gebrochenes Herz zu verdanken, sondern auch zehn Kilo mehr auf meinen Hüften. Den Liebeskummer, den er ausgelöst hatte, ließ mich wahre Fressattacken vollziehen. Schokolade, Torten und alles was massig Kalorien hatte, wurden meine besten Freunde. Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht heulend auf meinem Sofa saß und eine Packung Chips oder Eiscreme in mich hineinschlang.
Christopher, der heißeste Kerl aus Melfort, hatte mich verletzt, wie noch niemals ein Mensch zuvor. Nicht einmal die Tatsache, dass sich meine Eltern nicht für mich interessierten, schmerzte so sehr, wie das was er über mich sagte.
Mom und Dad wo sie wohl gerade sind? Ach, das kann mir doch egal sein. Viel wichtiger war es, wie es Roger und Granny ging. Gestern hatte ich mit meinem Onkel telefoniert. Er hatte mir erzählt, dass mein Café gut lief und die Stammgäste nach mir fragten. Meine Grandmom übernahm für die nächsten Monate das Backen der Kuchen und Torten für mein Little Cupcake, weil Roger dem nicht gewachsen war. Nur die süßen, kleinen Törtchen gab es momentan nicht, denn Granny hielt nichts von dem neumodernen Zeug. Die Stammgäste würden es überleben. Die kleine Mittagskarte, konnte Roger leicht nachkochen, denn es gab zu Mittag verschiedene Salate und Sandwichs. Zum Glück konnte mein Onkel ein bisschen kochen und bisher hatte sich niemand beschwerd.
Kurz blickte ich auf die Uhr, die an der Wand über der Tür hing. Vierundvierzig Minuten musste ich noch in die Pedale treten, ehe ich vom Rad steigen, mich duschen und entspannen könnte. Das schaff ich! Hochmotiviert legte ich an Tempo zu und schaute nach vorne zu Dorothy. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem Zopf zusammengebunden. Die enganliegende Leggins und das Shirt, das sie trug, schmeichelten ihrer Modelfigur. Eine Frechheit, wie schlank sie ist. Dennoch war sie eine der besten Trainerinnen, die wir hatten.
„Auf Mädels und Jungs! Jetzt geben wir Vollgas!“, rief sie uns über die Musik entgegen.
Tina, die neben mir auf einem der Räder saß, lugte kurz zu mir rüber. Sie war wie ich fünfundzwanzig. Ein nettes Mädchen aus Vancouver, mit der ich mich sofort gut verstand. Ihre schwarzen, kinnlangen Haare klebten an ihren Wangen und ihr Kopf war knallrot. So sehe ich gewiss auch gerade aus.
„Dorothy ist eine Sklaventreiberin“, flüsterte sie schwer atmend in meine Richtung.
„Von nichts, kommt nichts. Los mach weiter“, motivierte ich sie und Tina nickte mir zu.
Sich gegenseitig anspornen tat gut und so konnten wir die Trainingseinheiten gemeinsam schaffen.
„Lizzy, du machst das toll“, lobte mich die Trainerin.
Mein Magen verknotete sich bei diesen Worten, denn das sagte Christopher immer, wenn wir Sex hatten. Vor meinem inneren Auge kamen Bilder zum Vorschein, die ich nicht verdrängen konnte. Wir beide nackt im Bett. Er zwischen meinen Schenkeln. Sein Penis drang in mich ein, füllte mich gänzlich aus und dann stieß er zu. Ich kniff meine Augen fest zusammen. Ich wollte nicht daran denken, wie toll der Liebesakt mit ihm war. Aber seit er versuchte mich zu erreichen, begannen die Bilder in meinem Kopf wieder zu leben. Soll ich ihn später zurückrufen? Oder am besten ignorieren?
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„Hi Sweety“, begrüßte mich meine Freundin Madison, als ich zu ihr an den Tisch trat, mich zu ihr hinunter beugte und ihr ein Küsschen auf die Wange gab.
„Hi Anthony“, sagte ich zu ihrem Freund und reichte ihm die Hand.
„Hallo Lizzy, wie geht´s dir?“
„Danke, sehr gut.“
Ich setzte mich zu den beiden, griff nach der Getränkekarte und studierte die Auswahl. Ein Cocktail wäre lecker, aber alle die auf der Karte standen, waren zuckerhaltig und somit absolut tabu für mich. Wie frustrierend.
„Am Wochenende fahren wir nach Melfort“, teilte mir Madison fröhlich mit. „Wir müssen schauen, wie weit die Handwerker mit dem Bau der Blockhütten sind.“
„Die haben doch erst vor zwei Wochen angefangen, weit werden die noch nicht gekommen sein“, lachte ich und legte die Getränkekarte beiseite.
„Hazel hat mir gestern ein Foto geschickt. Du wirst staunen, wie gut das Team vorankommt.“
Madison streckte ihr Handy in meine Richtung und tippte auf das Display.
„Wow, die Grundgerüste stehen ja schon“, sagte ich verblüfft.
Anthony grinste bis über beide Ohren. Er war der Architekt für die Blockhütten und mächtig stolz darauf. Seine Freundin kümmerte sich um die Inneneinrichtung, sie war von Beginn an Feuer und Flamme dieses Projekt zu betreuen.
„Sorry ... für die Verspätung“, vernahm ich die Stimme von Frederick, der sich erschöpft und theatralisch auf einen freien Stuhl neben mir niederließ.
„Na, stressigen Tag hinter dir?“, wollte ich wissen und schaute ihn an.
Er war eine Augenweide, aber vergeben und leider schwul. Groß, dunkle Haare, muskulös und immer top gestylt.
„Heute war die Hölle los in der Boutique. Ich habe mir einen großen Cocktail mehr als verdient!“ Wenn Frederick etwas erzählte, dann tat er das mit Händen und Füßen und man musste aufpassen von seinen übertriebenen Gestiken nicht erschlagen zu werden.
„Und vor allem einen langen Kuss von deinem Mann“, erwiderte Madison und deutete zur Bar, hinter der Sasha stand und darauf wartete, das Frederick ihn begrüßen kam.
„Soll ich euch was zum Trinken mitbringen?“, fragte er, stand auf und schaute uns fragend an.
„Du kannst eine Runde Tequila schmeißen“, antwortete Madison mit einem Augenzwinkern.
Dass sie mittlerweile diesen klaren Schnaps wieder zu sich nahm, grenzte an ein Wunder. Vor einigen Wochen hatte sie sich mit dem Teufelszeug ordentlich abgeschossen.
„Gut, die erste Runde geht auf mich.“
Lächelnd ging er zum Tresen, lehnte sich zu Sasha hinüber und küsste ihn. Ach, muss Liebe schön sein. Ein bisschen eifersüchtig war ich auf meine Freunde aus Vancouver. Madison hatte Anthony. Frederick war mit Sasha glücklich. Und Hazel, die seit dem Wochenende bei ihrem Freund Tyler war, plante ihre Zukunft in Melfort. Nur ich war alleine und das frustrierte mich. Hätte ich damals das Gespräch zwischen Christopher und Henry nicht belauscht, wäre ich dann noch mit ihm zusammen? Waren wir in seinen Augen ein Paar gewesen?
„Lizzy, alles okay?“ Madison riss mich aus meinen Gedanken und ich spürte, wie sie mir über den Handrücken streichelte.
„Hmm, ja passt schon.“
Sie sah mich eindringlich an, presste ihre Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf.
„Das glaub ich dir nicht.
