Küsse unterm Apfelbaum - Ella Green - E-Book
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Küsse unterm Apfelbaum E-Book

Ella Green

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Beschreibung

Wird er da sein? Wird sie da sein? Diese Fragen stellen sich Hazel und Tyler, die gemeinsam im kanadischen Melfort aufgewachsen sind. Nichts konnte die beiden trennen, bis Hazels Familie nach Vancouver zog. Die Kids vereinbarten, sich an einem bestimmten Tag in zehn Jahren unter ihrem Apfelbaum auf der Farm von Tylers Eltern wiederzusehen. Tag X ist gekommen und es ist, als wäre keine Zeit vergangen. Tyler allerdings kämpft mit seiner Vergangenheit. Jeder in Melfort weiß darüber Bescheid, nur Hazel ist unwissend. Wird Tyler sich ihr anvertrauen und der einstigen Kinderfreundschaft eine Chance auf die wahre Liebe geben?

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Hazel

Tyler

Epilog

Küsse unterm Apfelbaum

Liebesroman

von

Ella Green

Impressum

Daniela Krenn Siedlerstraße 5

83714 Miesbach

www.ella-green.com

https://www.facebook.com/EllaGreenAutorin/ Copyright: Ella Green Januar 2017

Korrektorat: Vanessa Ostiadal, Sissy Kaiser

Testleser: Stefanie Pirker und Janina Adelt

Cover: Nadine Kapp/Booklover Coverdesign

Titelbilder: Fotolia Bildnr. 106033903/Syda Productions

Shutterstock Bildnr. 101692981/Evgenyi

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

Über die Autorin

Ella Green wurde 1983 in Oberbayern geboren.

New York - der "Big Apple" - ist ihr absoluter Traum, denn die pulsierende, riesige und atemberaubende Stadt bedeutet für Sie "Lebe deinen Traum und glaube an Dich selbst!"

Zusammen mit ihrem Hund lebt sie in Bayern und backt für ihr Leben gerne, besonders bunte Cupcakes - inspiriert wurde sie bei ihrer New York Traumreise durch die berühmte Magnolia Bakery mit den allerbesten Schoko-Cupcakes der Welt!

Die Liebe kann wie ein Apfel sein, süß oder sauer …

Prolog

„Wer zuerst bei unserem Lieblingsbaum ist“, schrie Tyler mir zu und rannte los.

Er war gut einen Kopf größer als ich und ein Jahr älter, was es mir erschwerte, ihm überhaupt nach zu kommen. Seitdem ich denken konnte, waren wir befreundet und unser Lieblingsplatz zum Spielen, waren die Apfelbäume, die zur Farm seiner Eltern gehörten. Egal ob im Frühling, Sommer, Herbst oder im Winter, hier spielten wir immer.

Heute war es allerdings das letzte Mal, dass wir gemeinsam diesen Tag verbringen würden und das machte mich traurig.

Mein Daddy hatte einen neuen Job in Vancouver bekommen und so mussten meine vier Jahre ältere Schwester Madison und ich, mit unseren Eltern aus dem schönen kleinen Städtchen Melfort wegziehen.

Tyler, mein bester Freund, würde mir sehr fehlen. Verwandtschaft hatten wir in Melfort keine, denn die Geschwister meiner Eltern und meine Großeltern lebten in Vancouver, wo unsere Familie ursprünglich herkam. Die Bank in der mein Dad arbeitete, hatte ihn nach Melfort versetzt, damit er dort die Filiale führte.

Er zog mit Mommy, die damals mit Madison schwanger war, hierher und sie bauten sich in Melfort ein Leben auf.

Nun war es so, dass ihn eine große Bank abgeworben und er eine neue Stelle in Vancouver bekommen hatte. Meine Eltern erzählten Madison und mir, dass mein Dad eine viel größere Filiale in Vancouver leiten würde.

„Erster!“, schrie Tyler und klatschte auf den Stamm unseres Lieblingsbaums.

Dieser Baum war etwas ganz Besonderes, denn es war der erste, den Tylers Großeltern gepflanzt hatten, als sie anfingen eine Apfelfarm aufzubauen.

Mittlerweile gehörten knapp 200 Apfelbäume zur Farm. Tyler wusste das ganz genau, denn irgendwann würde er die Farm übernehmen.

„Das ist gemein. Du bist viel größer, älter und gewinnst immer“, schmollte ich und ließ mich ins Gras fallen.

„Aber bald bist du auch groß und dann gewinnst du“, sagte er und kletterte den Apfelbaum nach oben.

„Aber du weißt doch, ich bin morgen schon weg und dann können wir nie wieder ein Wettrennen gegeneinander machen.“

Tyler kratzte sich am Kopf, das machte er immer, wenn er über etwas nachdachte und ihm eine Idee kam.

„Hazel, ich hab eine Idee.“

„Und welche?“, fragte ich neugierig und blickte zu ihm nach oben.

„Lass uns in zehn Jahren hier an unserem Apfelbaum treffen und ein Wettrennen machen.“

„In zehn Jahren? Dann bin ich einundzwanzig und du zweiundzwanzig.“

„Ja, richtig. Und, weil du dann schon groß und erwachsen bist, wirst du das Wettrennen gewinnen“, grinste er.

Mir gefiel seine Idee.

„Okay, dann also in zehn Jahren hier“, stimmte ich ihm zu.

„Wir sollten noch eine Uhrzeit ausmachen“, sagte Tyler und sprang vom Baum hinunter.

„Wie wäre es um vierzehn Uhr?“, schlug ich vor und er nickte zustimmend.

„Ich werde dich vermissen, Hazelnut!“

Hazelnut, so nannte er mich immer, weil er sagte, dass meine Augen so braun, wie die einer Haselnuss sind und dieser Spitzname zu mir passte.

„Ich werde es vermissen, dass mich jemand so nennt“, seufzte ich und knuffte ihm spaßeshalber in die Seite.

„Für mich wirst du immer Hazelnut bleiben und so werde ich dich in zehn Jahren auch noch nennen“, gab er mir als Antwort.

„Tyler, du wirst immer mein bester Freund bleiben“, schluchzte ich, umarmte ihn und ließ die Tränen über meine Wangen kullern.

Hazel

Ich starrte auf das Datum und schüttelte den Kopf. Morgen wäre das Treffen mit Tyler, das wir vor zehn Jahren vereinbart hatten. Aber statt mich ins Auto zu setzen, um nach Melfort zu fahren, saß ich in meinem Zimmer und blickte aus dem Fenster. Der kanadische Frühsommer, der draußen herrschte, war wie immer mild, mit angenehmen 22 Grad Celsius. Bestimmt würden in Melfort auf der Farm von Tylers Eltern die Apfelbäume schon blühen. Ich liebte diese Bäume in der Blüte und vermisste es sehr.

In den letzten Jahren musste ich oft an Tyler denken, aber ich hatte es nie gewagt, ihn anzurufen oder ihn über Facebook oder sonstige soziale Netzwerke zu suchen. Wahrscheinlich hatte er mich schon längst vergessen, denn sonst hätte er mich doch über Facebook & Co. gesucht und angeschrieben.

„Hazel!“, hörte ich meine Schwester Madison nach mir rufen.

„Bin in meinem Zimmer“, schrie ich zurück und wusste, dass sie jeden Moment mit irgendeiner Neuigkeit hier hereinplatzen würde.

Madison war vier Jahre älter und trieb es ziemlich bunt, was die Männerwelt anging. Jede Woche hatte sie, Dank einer Dating-App, eine Verabredung mit irgendeinem Kerl. Nachdem sie Typ Nummer 10 ordentlich abserviert hatte, hörte ich auf zu zählen und das war nun schon drei Wochen her. Bestimmt ist sie schon bei Kerl Nummer 20 angelangt, wenn nicht sogar Nummer 30.

Ich war in Bezug auf Männer ganz anders. Zwar hatte ich auch Dates – bei weitem weniger als meine Schwester - aber der Richtige war nie dabei. Meinen letzten Freund, mit dem ich auch mein erstes Mal hatte, verließ ich vor knapp drei Jahren und seitdem war ich glücklicher Single.

„Hazel, was machst du eigentlich noch zu Hause?“, fragte Madison atemlos, als sie in mein Zimmer stürmte.

„Ich sitze hier und starre aus dem Fenster“, antwortete ich ihr. „Heute gar kein Date?“

„Nee, heute nicht. Erst übermorgen Abend“, lachte sie und wuschelte durch meine langen blonden Haare.

„Hör auf! Du weißt ich mag das nicht!“, knurrte ich, aber sie ließ sich nicht davon abhalten und tat es erneut.

„Eigentlich solltest du schon längst deinen Koffer gepackt haben“, sagte sie und zog diesen unter meinem Bett hervor.

Meine Schwester wusste von dem Treffen, das ich mit Tyler ausgemacht hatte.

„Ich werde nicht fahren“, seufzte ich leise auf.

„Warum?“, wollte sie wissen und zog eine Augenbraue nach oben.

„Hätte er daran Interesse Kontakt mit mir aufzunehmen, dann hätte er mich doch schon längst auf Facebook gesucht und mich angeschrieben.“

„Er hat keinen Account auf Facebook, zumindest hab ich ihn dort nicht gefunden“, antwortete Madison, klappte meinen Koffer auf und öffnete meinen Kleiderschrank.

„Madison, was wird das?“, fragte ich und rollte mit den Augen.

„Nach was sieht es denn aus?“

„Du packst meinen Koffer, das sehe ich. Aber ich werde nicht fahren“, sagte ich und schüttelte den Kopf.

„Du willst mir allen Ernstes erzählen, dass es dich nicht die Bohne interessiert, was aus deiner Sandkastenliebe wurde? Und du dein Versprechen gegenüber Tyler brichst?“, fragte sie ungläubig.

„Tyler war nie meine Sandkastenliebe, er war nur mein bester Freund“, protestierte ich und stemmte meine Hände in die Hüften.

Madison prustete laut los und hielt sich ihren Bauch vor Lachen.

„Das glaubst du doch selber nicht. Dieser Junge hat dir deine Schulbücher nach Hause getragen, dir in Mathematik Nachhilfe gegeben, dir das Schwimmen beigebracht. Er hing jeden Tag mit dir im wahrsten Sinne des Wortes in den Apfelbäumen rum und hat dich angeschmachtet.“

„So ein Quatsch! Wir waren Kinder, da kann man gar nicht von anschmachten sprechen“, winkte ich ab und tippte mit dem Zeigefinger an meine Stirn.

„Schnapp dir dein Auto und fahr nach Melfort“, forderte sie mich auf und reichte mir meinen Autoschlüssel, der auf meinem Schreibtisch lag.

„Nein!“, antwortete ich ernst.

Aber Madison ließ sich nicht davon abhalten, auf mich einzureden. Ihre langen braunen Haare fielen ihr ins Gesicht, als sie sich zu mir hinunterbeugte und mich eindringlich ansah.

„Los fahr endlich!“

„Warum drängst du mich eigentlich dazu, nach Melfort zu fahren?“

Madison kniete sich vor mich und sagte: „Weil ich weiß, dass er auf dich wartet und weil man eine Abmachung nicht bricht.“

„Woher willst du wissen, dass er auf mich wartet?“, seufzte ich und legte meinen Autoschlüssel neben mich aufs Bett.

„Er wird da sein, denn Tyler war nie der Typ, der ein Versprechen bricht. Außerdem, denke ich, dass er dich immer noch sehr mag, wenn nicht sogar liebt.“

Jetzt spinnt die komplett. Ja, meine Schwester ist durchgeknallt, aber das grenzt schon an einen Fall für die Klapse. Soll ich vielleicht in der Psychiatrie von Vancouver anrufen und sie von den Männern in den weißen Turnschuhen die ihr die Jacke verkehrt herum anziehen, abholen lassen? Bei diesem Gedanken musste ich innerlich lachen.

„Was soll ich denn in Melfort?“

„Blöde Frage, nächste bitte!“, antwortete sie mir und legte ein Shirt in meinen Koffer.

„Gut, dann eben: Was wenn er mir gar nicht gefällt?“

„So, so! Du hoffst quasi, dass sich dein ehemaliger bester Freund Tyler zu einem sexy Farmer gemausert hat“, lachte Madison auf und wackelte mit ihren Augenbrauen.

Klar, hoffte ich irgendwie, dass Tyler jetzt heiß aussah, aber was interessierte es mich überhaupt? Ich würde eh nicht nach Melfort fahren.

Er könnte ein Adonis sein, der jede Nacht eine andere mit nach Hause nahm oder voll der Nerd, der seine Nase nur in Bücher steckte. Egal, was von beidem, ich hatte kein Interesse daran.

„Hazelnut, pack deinen Koffer fertig, schwing deinen Arsch in dein Auto und fahr los!“

Hazelnut. Seit zehn Jahren wurde ich nicht mehr so genannt. Dieses eine Wort löste etwas in mir aus. Erinnerungen an eine schöne Kindheit kamen hoch.

„Du nervst mich, ist dir das klar?“

„Ja, und ich geh dir damit so lange auf die Nerven, bis du endlich in deinem Auto sitzt.“

„Ich weiß nicht“, schnaubte ich.

Madison setzte sich vor mich auf den Boden.

„Ich versteh dich einfach nicht. Ihr zwei habt vor zehn Jahren ausgemacht, dass ihr euch trefft und du brichst dein Versprechen. Das ist nicht fair.“

„Irgendwie hab ich Angst, dass er gar nicht auftaucht und ich mich voll zum Honk mache.“

„Er wird auftauchen, glaub mir.“

„Warum bist du davon so überzeugt?“

„Weil du ihm bestimmt in den letzten Jahren nicht aus dem Kopf gegangen bist“, antwortete sie und zwinkerte mir zu.

Wenn das wirklich der Fall ist, warum hat er mich dann nie gesucht?

Tyler

Zehn Jahre. Verdammte zehn Jahre wartete ich auf diesen Tag und jetzt war er gekommen. Ich würde meine beste Freundin Hazel Ryder aus Kindertagen wiedersehen. Vorausgesetzt, sie würde überhaupt auftauchen.

Wie sie wohl aussieht? Ist sie immer noch so süß, wie damals? Oder wurde aus ihr eine Großstadttussi? Wird sie überhaupt da sein?

Diese Fragen geisterten nicht zum ersten Mal in meinem Kopf umher. Ich fragte mich immer wieder, was aus ihr wurde. Jedes Jahr, war ich an dem einen bestimmten Tag, den wir ausgemacht hatten, zum Apfelbaum gegangen und machte einen Strich in die Rinde. Heute würde ich den zehnten Strich machen und darauf freute ich mich unglaublich. Meine Mom hatte mich immer wieder dazu gedrängt, dass ich sie doch einfach über das Internet suchen sollte, aber das machte ich aus zwei Gründen nicht.

Erstens, hasste ich das Internet, vor allem die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter & Co. und Zweitens, wollte ich mich überraschen lassen. Würde sie heute um vierzehn Uhr nicht auftauchen, dann konnte ich mir sicher sein, dass ihr nie etwas an unserer Freundschaft lag oder sie mich schlichtweg vergessen hatte. Könnte ich ihr nicht einmal übelnehmen, denn in Vancouver, hatte sie bestimmt genug neue Freunde gefunden.

„Tyler, Frühstück ist fertig“, rief mir meine Mom, die ihren Kopf zum Tor der Lagerhalle reinsteckte, zu.

Seit den frühen Morgenstunden war ich damit beschäftigt, die leeren Flaschen, die mir Betty Franklin gestern brachte, zu säubern. Die alte Dame, hatte im Ort ein kleines Bed & Breakfast und bekam jede Woche fünf Kisten mit Apfelsaft von uns geliefert.

Auf unserer Farm stellten wir nicht nur Apfelsaft her, sondern auch Apfelcidre und verkauften unsere Ernte auf dem Bauernmarkt, der einmal in der Woche in Melfort war. Bettys Enkeltochter Lizzy, die ein eigenes Café hatte, war auch eine sehr gute Kundin und machte aus unseren Äpfeln die besten Kuchen und Cupcakes, die man sich vorstellen konnte.

„Komme gleich“, rief ich meiner Mom zu, stellte die letzte Flasche beiseite und machte mich auf den Weg zu unserem Haus.

Mein Dad war vorhin nach Melfort, das zwei Kilometer von unserer Farm entfernt war, gefahren um einen Kunden mit Apfelcidre zu beliefern. Die Geschäfte liefen gut und wir konnten uns nicht beschweren. Seit ich meinen Schulabschluss in der Tasche hatte, arbeitete ich Vollzeit auf der Farm mit und ich würde niemals auf der Welt mit irgendjemandem tauschen wollen.

„Und, bist du mit deiner Arbeit fertig geworden?“, wollte meine Mom wissen, als ich zu ihr in die Küche kam.

Es roch nach Rührei und Speck, was mir das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ.

„Ja, die Flaschen sind alle sauber und nachher werde ich sie neu befüllen.“

„Lizzy Franklin hat vorhin angerufen, sie bräuchte zwei Kisten Apfelsaft für ihr Café. Kannst du die heute noch zu ihr rüberfahren?“

„Klar, mach ich gleich nach dem Frühstück“, versicherte ich ihr und nahm am Tisch Platz.

Während meine Mom den Speck in der Pfanne wendete, blickte ich aus dem Fenster und sah, dass mein Dad zurückkam. Er hatte bestimmt, so wie ich, einen Bärenhunger.

„So, das ist deine Portion“, sagte meine Mom und stellte einen Teller vor mir ab.

„Danke, Mom.“

„Hier riecht es aber lecker“, hörte ich meinen Dad, der gerade zur Küche reinkam, sagen.

„Setz dich Alan, es gibt Rührei und Speck“, wies ihn meine Mom an und er nahm mir gegenüber Platz.

„Alles okay bei dir, mein Junge?“, wollte er wissen.

Ich nickte stumm und löffelte mir Rührei in den Mund.

Jeden Morgen beim Frühstück fragte er mich, ob alles okay sei und das seit zehn Monaten. Zwar hatte ihn früher auch immer interessiert, wie es mir ging, aber seit diesem einen Tag, an dem sich mein Leben änderte, behandelte er mich wie ein rohes Ei.

„Du weißt, du kannst immer mit uns reden, wenn es dir nicht gut geht“, erwähnte mein Dad und nahm einen Schluck von seinem Kaffee, den ihm meine Mom eingeschenkt hatte.

„Heute ist Tag X“, lenkte Mom vom Thema, über das ich nicht sprechen wollte, ab und darüber war ich ihr mehr als dankbar.

Sie und Dad wussten, dass ich vor zehn Jahren mit Hazel ausgemacht hatte, dass wir uns heute treffen würden.

„Wenn sie überhaupt auftaucht“, seufzte ich leise.

„Warum sollte sie nicht kommen?“, fragte Mom und setzte sich neben mich.

„Weil sie bestimmt andere Freunde in Vancouver gefunden und mich vergessen hat.“

„Quatsch!“, winkte Mom ab.

„Und wieso hat sie sich nie gemeldet?“

„Die Frage könnte sie dir auch stellen. Schließlich hast du sie auch nie im Internet gesucht.“

„Du weißt, ich hasse das Internet.“

Nur wenn es um die Homepage unserer Farm ging, nutzte ich das Internet.

Ich mied es, im WorldWideWeb oder in Zeitungen nach irgendwas zu suchen. Seit zehn Monaten verfluchte ich allen voran die Daily Melfort, die Tageszeitung unserer kleinen Stadt. Schnell schob ich den Gedanken an das, was passierte beiseite. Ich wollte nicht daran denken und schon gar nicht heute.

„Also, ich glaube Hazel wird kommen“, sagte meine Mom und lächelte mir aufmunternd zu.

Ihr Wort in Hazelnuts Gehörgang.

Hazel

Was zum Henker mache ich eigentlich hier?, dachte ich, als ich vor dem kleinen Bed & Breakfast von Betty Franklin parkte. Mir war ja nicht einmal klar, ob Tyler heute Nachmittag am Apfelbaum auftauchen würde und wenn ja, ob wir uns nach zehn Jahren immer noch so gut verstehen würden, wie damals.

Gestern Abend hatten meine Schwester und meine Mom solange auf mich eingeredet, bis ich nachgab und beschloss nach Melfort zu fahren. „Versprechen bricht man nicht“, hatte meine Mom gesagt. Eigentlich sollte ich jetzt um diese Uhrzeit in einem meiner Kurse am Vancouver Premier College of Hotel Management sitzen. Doch stattdessen war ich in Melfort und blickte die kleine Pension von Betty an. „Es ist der letzte Tag vor den Semesterferien, den kannst du sausen lassen“, ermutigte mich Madison gestern, als ich zu bedenken gab, dass ich nicht einfach schwänzen könnte.

Nun ja und dann hatte ich bei Betty angerufen, um mir bei ihr ein Zimmer zu nehmen. Die ältere Dame, die mich noch von früher kannte, freute sich riesig, dass ich meine alte Heimat besuchen wollte. Dass ich mich mit Tyler – wenn er überhaupt auftauchen würde – traf, erzählte ich ihr nicht. Ging schließlich niemanden etwas an.

Noch immer konnte ich es nicht fassen, dass ich mich tatsächlich heute um kurz vor vier Uhr morgens ins Auto setzte und die sechsstündige Autofahrt nach Melfort auf mich nahm. Wie lange ich bleiben wollte, wusste ich auch nicht, denn das hing davon ab, ob und wie gut ich mich mit Tyler verstehen würde.

„Der kommt eh nicht zum Apfelbaum“, flüsterte mir eine Stimme verächtlich zu. Kurz war ich drauf und dran, wegen dieser fiesen inneren Stimme Gas zu geben, um wieder nach Hause zu fahren.

„Nein, ich fahre nicht zurück nach Vancouver. Ich bleibe wenigstens bis morgen und schau mir meine alte Heimat an. Ganz egal was heute Nachmittag am Apfelbaum passiert“, sagte ich zu mir selbst.

Bevor ich aus meinem roten Honda Civic stieg, informierte ich meine Schwester per SMS, dass ich gut angekommen war und sagte ihr, dass ich mich morgen wieder bei ihr melden würde. Dass sie vor Neugier platzen würde, war mir klar, aber sie musste sich einfach gedulden.

Viel hatte sich auf den ersten Blick in Melfort nicht getan, es war noch immer ein kleiner Ort und die Geschäfte, sahen so aus wie damals. Hier kannte jeder jeden. Das vermisste ich in Vancouver, denn man konnte schon froh sein, wenn man seine Nachbarn beim Namen kannte.

Ich hievte meinen Trolley aus dem Kofferraum, verriegelte meinen Wagen und ging auf das kleine Bed & Breakfast von Betty Franklin zu. Die Fassade war immer noch hellgelb gestrichen und über der Eingangstür hing ein Schild mit der Aufschrift Bettys B&B.

Die Tür knarzte, als ich sie öffnete und den Flur betrat. Ein Duft nach Äpfeln gemischt mit Vanille stieg mir in die Nase und ich musste schmunzeln. So roch es hier immer. Denn Betty verarbeitete die Äpfel der Bensons für ihre Gäste zu Apfelkuchen mit Vanillesoße.

Einen Empfang gab es nicht, nur ein von handgeschriebener Zettel lag auf dem Tisch, der die neuen Gäste darüber informierte, dass Betty im Garten sei. Während ich mich umblickte und zur Terrassentür ging, renovierte ich gedanklich bereits den Eingangsbereich. Eine typische Angewohnheit von mir, seit ich Hotelmanagement studierte und in diversen Hotels während meiner Semesterferien arbeitete, um mir neben meinem Studium ein bisschen Geld zu verdienen.

„Hallo Misses Franklin“, rief ich der älteren Dame, die im Gemüsebeet kniete und Unkraut jätete, zu.

Als sie mich hörte, hob sie ihren Kopf und grinste mich an. Ihre grauen Haare hatte sie wie damals zu einem Dutt zusammengebunden. Ein paar Falten mehr, waren in ihrem Gesicht zu sehen. Ja, Misses Franklin war älter geworden und das konnte sie nicht leugnen. Einen Mister Franklin gab es seit zwanzig Jahren nicht mehr, denn er war im Alter von sechzig Jahren an Krebs gestorben. Dass hatte sie mir damals traurig erzählt, als ich sie fragte, ob sie keinen Mann hätte.

„Hazel?“, fragte sie vorsichtig nach.

„Jap, ich bin es“, antwortete ich ihr und lächelte sie an.

„Mädchen, wie schön, dass du Melfort besuchst“, sagte sie, erhob sich und kam auf mich zu.

„Ich muss doch schauen, ob alles noch beim Alten ist“, lachte ich und streckte ihr meine Hand entgegen.

„So förmlich?“, kicherte Misses Franklin, als sie auf meine Hand blickte.

Ehe ich mich versah, zog sie mich in eine feste Umarmung.

„Kind, wir kennen uns schon so lange, wir drücken uns zur Begrüßung und bitte nenn mich Betty.“

Gut, damit hatte ich nicht gerechnet.

Früher waren Tyler und ich oft bei ihr, um ihr Äpfel zu bringen.

„Komm, ich zeige dir gleich dein Zimmer.“

Die rüstige Dame ging vor mir ins Haus und direkt in den ersten Stock. Obwohl sie schon knapp an die achtzig war, war sie noch sehr fit und das bewunderte ich.

„Kann es sein, dass Sie Apfelkuchen gebacken haben?“, wollte ich von ihr wissen und schnupperte den herrlichen Duft ein.

„Das macht mittlerweile Lizzy. Sie hat mir vorhin welchen gebracht.“

Lizzy war so alt wie Madison und die Enkeltochter von Betty. Wir kannten uns zwar, aber gespielt hatten wir nie miteinander. Sie hing immer mit meiner Schwester ab.

„Wie geht es Lizzy denn?“

„Das kannst du sie gerne selbst fragen. Sie betreibt auf der anderen Straßenseite das Café Little Cupcake.“

„Werde ich gerne machen, ich muss ihr eh liebe Grüße von Madison ausrichten.“

Betty schloss eine Tür auf und deutete mir hinein zu gehen.

„Warum ist deine Schwester nicht mitgekommen?“, fragte sie.

„Sie muss arbeiten“, antwortete ich. „Und sich um ihre zigtausend Dates kümmern“, fügte ich gedanklich hinzu. „Schade. Ich hätte sie gerne wiedergesehen. Hier in Melfort, sind nicht mehr so viel junge Leute von früher. Die meisten sind zum Studieren in die Großstädte gezogen“, berichtete Betty.

Das konnte ich mir gut vorstellen, denn in Melfort gab es für junge Menschen nichts. Und wenn ich nichts sage, dann meine ich auch nichts. Außer es hatte sich in den letzten zehn Jahren etwas verändert, und das würde ich bald herausfinden.

„So, das ist dein Zimmer.“

Es war klein, aber es würde mir völlig ausreichen. Ich musste schmunzeln, als ich die uralten Blumentapeten sah. So wie früher, es hat sich nichts geändert.

„Ich habe dir extra ein Zimmer gegeben, das ein großes Bad hat“, sagte sie und öffnete die Tür zum Badezimmer.

Betty hatte mir quasi, die Suite der Pension überlassen und das freute mich sehr. Das Zimmer war spartanisch eingerichtet. Ein kleines Bett mit Nachtkästchen und ein Schrank. Das Bad war im Gegensatz dazu riesig, mit Badewanne, Duschkabine, Toilette und einem Waschbecken.

„Frühstück gibt es von sieben bis neun Uhr“, informierte mich Betty. „Ich wünsche dir einen schönen Aufenthalt und wenn du irgendwas brauchst, dann ruf nach mir. Ach, wie lang willst du eigentlich bleiben?“

„Äh … das weiß ich ehrlich gesagt noch gar nicht, vielleicht eine Nacht oder länger. Wenn du das Zimmer in den nächsten Tagen für einen anderen Gast brauchst, dann suche ich mir was anderes.“

„Bleib so lange du willst. Das Zimmer gehört jetzt dir, schließlich habe ich noch genug andere“, winkte sie lachend ab und verabschiedete sich von mir.

In vier Stunden wird sich rausstellen, wie lange ich bleibe.

Tyler

Mit zwei Kisten Apfelsaft, die ich von meinem Pick-Up lud, ging ich auf Lizzys Café Little Cupcake zu. Gerade als ich durch die bereits geöffnete Tür gehen wollte, sah ich Liam Weaver die Redaktion der Daily Melfort, verlassen. Wut und Hass keimte in mir auf. Ich hasste diesen Redakteur. Am liebsten hätte ich sein Büro kurz und klein geschlagen, aber das würde das, was vor zehn Monaten passierte auch nicht rückgängig machen.

„Hallo Tyler“, grüßte mich Lizzy und riss mich aus meinen Gedanken.

Als sie sah, wer meine bösen Blicke erntete, legte sie ihre Hand auf meinen Arm.

„Denk nicht darüber nach.“

„Wenn das so einfach wäre“, schnaubte ich und betrat ihr Café.

„Wie geht’s dir?“, fragte Lizzy vorsichtig und schloss die Tür hinter uns.

Ihr Blick, wie sie mich ansah, machte mich sauer. Ich hasste es, wenn mich die Einwohner von Melfort so mitleidig ansahen und mich behandelten wie ein rohes Ei.

„Passt schon und dir?“

„Danke gut“, lächelte sie.

Lizzy und ich kannten uns schon lange und waren befreundet. Aber sie war für mich nie so eine gute Freundin wie Hazelnut.

„Hier die bestellten Kisten Apfelsaft.“

„Kannst du sie ins Lager tragen?“

„Natürlich“, versicherte ich ihr und machte mich auf den Weg.

Es war nicht das erste Mal, dass ich ihr eine Lieferung brachte und so wusste ich, wo sie ihr Lager hatte.

„Ich hab frischen Apfelkuchen gemacht. Willst du einen?“, rief sie mir hinterher.

„Leider keine Zeit, muss gleich wieder zurück zur Farm.“

„Du kannst gerne, für dich und deine Eltern, welchen mitnehmen.“

Diesen Vorschlag nahm ich gerne an und sagte ihr, dass sie mir vier Stück einpacken sollte.

„Vier? Erwartet ihr heute noch Besuch?“, fragte sie neugierig.

Ich hoffe, dass der Besuch auftaucht, auf den ich seit zehn Jahren warte.

„Nein. Ich esse aber zwei Stück“, log ich sie an.

Es ging niemanden Etwas an, dass heute Tag X war und ich mir erhoffte, dass Hazel nach Melfort kommen würde.

„Danke für die Lieferung“, bedankte sich Lizzy und reichte mir eine Schachtel, in der sie den Kuchen eingepackt hatte.

Er roch herrlich und ich freute mich schon jetzt davon zu essen. Sie backte die besten Apfelkuchen weit und breit, das Rezept stammte von ihrer Grandma.

„Lass es dir schmecken.“

„Danke“, sagte ich und ging zur Tür. „Meine Mom schickt dir dann die Rechnung.“

„So wie immer halt“, lachte sie auf und folgte mir zum Ausgang. „Ach und Tyler?“

„Ja?“, fragte ich und drehte mich zu ihr um.

„Mach bitte keine Dummheiten, wenn du Mister Weaver mal alleine auf der Straße triffst!“

„Musst du davon anfangen? Du weißt, dass ich tagtäglich daran erinnert werde. Also bitte, lass das Thema!“, knurrte ich.

Sie wusste doch, dass ich über diese Sache mit niemandem reden wollte, warum sprach sie es dann an?

Ohne ein weiteres Wort mit ihr zu wechseln, verließ ich ihr Café und ging auf meinen Pick-Up zu, um nach Hause zu fahren.

Nur noch zwei Stunden, dann würde ich mich auf den Weg zum Apfelbaum machen. Ein klein wenig nervös war ich – Moment, das war gelogen – ich war total nervös. Seit einer Stunde tigerte ich genau aus diesem Grund, in meiner Wohnung, die sich im ersten Stock unseres Hauses befand, auf und ab.

„Kannst du dich mal setzen? Das ganze Haus knarzt, weil du hier auf und abgehst“, hörte ich meine Mom lachen, die gerade ihren Kopf zur Tür reinstreckte.

Unser Haus war alt und aus Holz, daher wunderte es mich nicht, dass sie mich hörte. Meine Großeltern hatten es vor siebzig Jahren selbst erbaut. Teilweise hörte man den Wind durch die Ritzen der Holzwände blasen, aber ich liebte es. In diesem Haus war ich aufgewachsen und wollte niemals von hier weg.

„Du weißt, wenn ich über was nachdenke, dann gehe ich immer auf und ab.“

„Sie wird kommen“, erwähnte meine Mom.

„Warum bist du dir da so sicher?“

„Weil Hazel noch nie ein Versprechen gebrochen hat“, erinnerte sie mich.

„Mom, ich hab keine Ahnung was aus ihr in den letzten Jahren geworden ist. Es kann gut sein, dass sie jetzt nicht mehr die ist, die sie früher war und daher wäre es gar nicht so abwegig, dass sie ihr Versprechen nicht einhält.“

„Wer weiß, vielleicht denkt sie ja das gleiche über dich.“

„Wahrscheinlich denkt sie gar nicht an mich“, seufzte ich frustriert.

„Mach dir keinen Kopf. Geh nachher zum Apfelbaum und schau was passiert. Falls sie auftaucht, dann weißt du ja, dass du sie zum Abendessen mitbringen musst.“

Meine Mom war so davon überzeugt, dass Hazel auftauchen würde, sodass ich ganz langsam meine Zweifel verwarf. Sie hatte extra beim Bauern einen Schweinebraten gekauft und würde den heute Abend kochen. Sie wusste, dass Hazel ihren Schweinebraten mit Klößen liebte. Das Rezept hatte meine Großmutter ihr quasi vererbt und war strenggeheim. Nicht einmal Hazel konnte es mit ihren schönen haselnussbraunen Augen aus ihr herauslocken.

„Geh ins Lager zum Apfelsaft abfüllen, das lenkt dich ab“, wies mich meine Mom an.

Sie hatte Recht, ich brauchte Ablenkung, sonst würde ich womöglich noch durchdrehen.

Wenigstens eine Stunde kann ich mich ablenken, ehe ich mich duschen und für das Treffen herrichten werde.

Hazel

„Hallo?“, rief ich durch das kleine Café, als ich es betrat.

Es waren keine Gäste hier und von Lizzy war auch keine Spur weit und breit.

„Moment, komme gleich“, hörte ich eine weibliche Stimme.

Während ich wartete, blickte ich mich um. Das Café war wunderschön eingerichtet. Alles war in Weiß gehalten und die Wände waren zartrosa gestrichen. Ein richtiges Mädchencafé. In der Glasvitrine standen leckere Cupcakes, Torten und Kuchen, in die man sofort reinbeißen wollte. Der Apfelkuchen sah köstlich aus und ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

„Hallo, was darf es für Sie sein?“

Ich hob meinen Kopf und lächelte die junge braunhaarige Frau an. Ich erkannte Lizzy sofort, denn sie hatte ein Muttermal an der rechten Wange.

„Hi Lizzy“, grüßte ich und merkte, wie sie zu überlegen begann.

„Warte! Das kann nicht sein! Ich glaube ich träume. Hazel? Hazel Ryder?“

„Jap, die bin ich“, lachte ich.

„Das gibt es ja nicht. Komm her und lass dich drücken“, schrie sie laut und stürmte auf mich zu.

Lizzy drückte mich so fest an sich, dass ich Angst hatte, sie würde mir die Rippen brechen.

„Wahnsinn! Was machst du hier in Melfort? Ist Madison auch dabei? Wie geht es dir? Was machst du beruflich?“

Sie bewarf mich regelrecht mit Fragen, was ich sehr amüsant fand, denn so kannte ich sie. Lizzy war schon immer neugierig, aber das nahm ich ihr nicht übel.

„Setz dich und erzähl mir alles. Willst du Kaffee?“

Wie früher, war sie total hibbelig und konnte es kaum erwarten, dass ich all ihre Fragen beantwortete.

„Kaffee wäre toll. War eine lange Fahrt und ich bin ein bisschen müde.“

„Wo schläfst du?“, wollte sie wissen und betätigte den Kaffeevollautomaten.

„Bei deiner Grandma.“

„Boah, sie hat mir gar nicht erzählt, dass du bei ihr einquartiert bist.“

„Sollte vielleicht eine Überraschung werden.“

Die Kaffeemaschine mahlte die Bohnen und das ganze Café wurde, von herrlich frisch gebrühtem Kaffeegeruch durchströmt.

„Und jetzt erzähl, was machst du hier?“, wollte sie wissen und stellte mir eine Tasse auf den Tisch.

„Ich wollte einfach meine alte Heimat besuchen“, antwortete ich ihr.

„Wie geht’s Madison?“

„Sehr gut. Ich soll dich lieb von ihr grüßen.“

Lizzy fand es traurig, dass meine Schwester nicht mitgekommen war, verstand es aber, dass sie arbeiten musste.

„Innenarchitektur hat Madison also studiert, wow. Und du?“

„Hotel Management, bin aber erst im nächsten Jahr fertig.“

„Oh … und dann gibst du dich mit der Pension von meiner Granny zufrieden?“

„Ich mochte deine Granny und ihr kleines Bed & Breakfast schon immer. Es reicht, dass ich meine Praktika in Fünf Sterne Hotels machen muss. Da schadet ein Tapetenwechsel nicht.“

Lizzy fragte mich schier Löcher in den Bauch und verköstigte mich mit lecker Cupcakes. Nach zwei Stück musste ich aber passen, denn diese süßen Dinger machten mich satt.

„Es hat mich so gefreut, dich wiederzusehen und ich hoffe, du kommst in den nächsten Tagen wieder vorbei.“

„Na klar komme ich wieder vorbei, ich muss mich schließlich durch die ganzen Sorten Cupcakes probieren“, lachte ich auf.

Als ich bezahlen wollte, stemmte Lizzy ihre Hände in die Hüften und schüttelte den Kopf.

„Das geht aufs Haus. Keine Widerrede!“

„Okay, danke dir.“

Ich wusste, dass sie sich auf keine Diskussion einlassen würde und so versuchte ich es erst gar nicht, ihr mein Geld anzudrehen.

Wir verabschiedeten uns an der Tür und wünschten uns noch einen schönen Tag.

Der Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass ich noch eine Stunde hatte. Ich sollte langsam fertig werden und mich auf den Weg zum Apfelbaum machen. Mit dem Auto wollte ich nicht fahren, denn die zwei Kilometer wollte ich zu Fuß gehen und mir Melfort anschauen.

Mein altes Elternhaus. Eine kleine Träne kullerte mir die Wange hinunter. Hier war ich aufgewachsen und ich liebte mein Zuhause. Es hatte sich von außen her überhaupt nicht verändert. Die Fassade war noch immer weiß und die Fensterläden blau angestrichen. Der Vorgarten war gepflegt und ich sah an dem Baum, der darin stand meine Schaukel hängen. Das gibt es doch nicht. Die neuen Besitzer, hatten sie nicht abgenommen, dass fand ich toll und es freute mich. Es fühlte sich ein klein wenig so an, als wäre ich wieder elf Jahre alt und würde mich gerade auf den Weg zu Tyler machen – was ich ja jetzt tat – nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich nicht wusste, ob er an unserem Lieblingsbaum war oder nicht.

Von weitem konnte ich schon die Apfelbäume, die wunderschön blühten, sehen und dahinter das Wohnhaus der Bensons. Auf den ersten Blick hatte sich nichts großartig verändert. Neben dem Haus war die Halle, in der der Apfelsaft und Apfelcidre gemachte wurden. Im Keller dieser Halle wurden die Äpfel gelagert. Ich erinnerte mich noch gut daran, dass ich den Keller hasste und noch heute würde ich nicht freiwillig dort runtergehen. Als ich näher auf das Anwesen zu kam und die ersten Apfelbäume passierte, entdeckte ich eine kleine Scheune. Die war neu. Sie sah auch so aus, als wäre sie erst vor kurzem erbaut worden. Was sich darin wohl befindet?

Auch wenn hier sehr viele Apfelbäume standen, war es für mich kein Problem, genau diesen einen unter all den anderen ausfindig zu machen. Ich könnte diesen Weg blind gehen und würde ihn finden.

Vorhin, als ich in meinem Zimmer war und mich fertig machte, überlegte ich lange, was ich denn anziehen könnte. Meine Auswahl fiel auf eine dunkelblaue Röhrenjeans, ein hellblaues Langarmshirt und schwarze Sneakers. Es war schließlich ein Treffen mit einem Kumpel und kein Date, für das ich mich aufdonnern müsste. Meine langen blonden Haare trug ich offen – hatte ich schließlich als Kind auch immer – und das Make-Up fiel spärlich aus. Ein bisschen getönte Tagescreme, Wimperntusche und Lipgloss fertig war ich.

Mein Herz begann schneller zu schlagen, als ich genau diesen Apfelbaum sah, unter dem wir uns treffen wollten. Nur war Tyler nicht da. Etwas traurig ging ich darauf zu und entdeckte, dass an der Rinde neun Striche eingeritzt waren. Hat er all die Jahre, die seit unserer Abmachung vergangen sind, Striche in die Rinde geritzt? Ich blinzelte, denn ich dachte schon, dass ich das träumte, aber dem war nicht so. Es waren eindeutig neun Striche, die mit einem Messer in die Rinde eingeritzt wurden. Ich blickte auf meine Armbanduhr und seufzte leise. Es war drei Minuten nach vierzehn Uhr. Ich war hier, nur Tyler nicht. Wehmütig setzte ich mich und lehnte mich gegen den Baumstamm.

Warum bin ich nur hergefahren?

Tyler

Verdammt, ich komme zu spät zu dem Treffen mit Hazelnut. Ein Kunde hatte mich mit seinem Anruf aufgehalten und ließ sich nicht so schnell abwimmeln. Mein Dad und meine Mom konnten die Bestellung des Kunden nicht übernehmen, weil die beiden zum Einkaufen fuhren.

So schnell ich konnte verließ ich das Haus und ging in Richtung der Apfelbäume. Es war schon sechs Minuten nach vierzehn Uhr und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Und das aus zwei Gründen. Der erste, weil ich so schnell ging und der zweite, weil ich nicht wusste, was mich dort erwarten würde. Ist Hazel da oder nicht? Diese Frage stellte ich mir die ganze Zeit, während ich vorhin den Apfelsaft abfüllte und mich danach für das Treffen fertigmachte.

---ENDE DER LESEPROBE---