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Jede Nacht dringen die Dornen weiter in die Felder. Als die Königin des Waldes ein Leben aus Elins Dorf verlangt, steht der Name ihrer kleinen Schwester auf der Liste. Elin wagt den Einbruch in den verbotenen Garten und entreißt ihm das Dornenherz – den Kern eines alten Fluchs. Der Diebstahl weckt Lennox, den an die Ranken gebundenen Prinzen. Ein Blutpakt setzt die Frist: drei Nächte, das Herz an seinen wahren Ort zu bringen, sonst fällt das Urteil auf Elin und Sanna zurück. Die Suche führt durch Nebelpfade, Feuerzeichen und Namen, die schmerzen. Elin und Lennox retten einander mehr als einmal; aus Misstrauen wächst Nähe, aus Nähe ein Bund, der Entscheidungen trägt. Die Dornenkönigin hält die letzte Wahrheit bereit, und am Ende zählt, wo ein Herz seinen Platz findet – im Garten, im Reich, oder bei dem Menschen, der bleibt. Düster-magisch, voller Spannung und Gefühl: ein Märchen aus Blut, Ranken und einer Liebe, die im Schatten beginnt und standhält.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Name: Tamara Weber
Anschrift: Paulusstr. 7, 33428 Harsewinkel
E-Mail: [email protected]
Hinweis:
Der Text wurde mit Hilfe von ChatGPT (OpenAI) erstellt und von mir überarbeitet. Das Cover wurde mit Canva AI erstellt. Die Rechte liegen bei mir.
Der Mann, der die Liste trug, kam bei Nebel. Immer. Niemand kannte seinen Namen, niemand merkte, aus welchem Dorf er stammte. Er sprach nie mehr als nötig. Nur wenn die Glocken verstummten und der Nebel das Land verschluckte, erschien seine Silhouette auf dem Hügel, wo der alte Opferstein stand. Dort entrollte er das Pergament, dessen Ränder von Asche geschwärzt waren, und verlas mit heiserer Stimme, was das Reich verlangte. Zehn Namen, zehn Leben. Zehn Opfer für die Dornenkönigin.
Elin erinnerte sich an den ersten Tag, an dem sie die Liste hörte. Damals war sie noch ein Kind, kaum älter als Sanna heute. Die Glocken hatten zur Mittagsstunde geschlagen, das ganze Dorf stand auf dem Platz, und ihre Mutter hielt sie so fest an der Hand, dass Elins Finger blau anliefen. Sie begriff es nicht, nicht damals. Erst als ein alter Mann in den Nebel trat und sich schweigend neben den Boten stellte, wurde ihr klar, dass das kein Spiel war. Er ging mit. Einfach so. Und das Dorf war stiller als je zuvor. Danach wurden der Platz und die Luft leer, wie ausgeatmet. Von diesem Tag an merkte jeder: Die Liste lügt nie.
Heute war es die zehnte Nacht des zehnten Monats. Eine Zahl, die nach Vollendung klang und doch nur Tod versprach. Die Dornenkönigin hatte Geduld. Zu viel davon. Anfangs waren es drei Namen gewesen, dann fünf, dann sieben. Jetzt forderte sie zehn, in regelmäßigen Abständen. Man sagte, der Garten wuchs mit jedem Leben, das geopfert wurde. Und dass niemand, der jemals über die Grenze des verfluchten Waldes hinausging, je zurückkehrte – außer der Bote. Immer derselbe. Immer schweigend.
Sanna kannte den Mann nicht. Sie saß am Tisch und zeichnete mit einem Stück Kohle Kreise auf das Holz, während draußen die Schritte langsam näherkamen. Die Fenster waren geschlossen, die Tür verriegelt, doch der Klang der Stiefel auf feuchtem Stein durchdrang Holz und Mauerwerk. Elin stand im Schatten der Kammer, das Gesicht unbewegt, der Blick auf den Riegel gerichtet. Es brachte nichts, sich zu verstecken. Wer auf der Liste stand, konnte nicht fliehen.
Die Glocke schlug ein letztes Mal, dumpf und schwer wie das Fallen eines Hammers. Dann war alles still. Die Schritte hielten an. Der Mann war da. Und gleich würde er lesen. Elins Herz klopfte. Nicht aus Angst, nicht mehr. Angst hatte sich vor Wochen in etwas anderes verwandelt. Etwas, das brannte und sich weigerte zu vergehen. Hoffnung war nur der leere Klang eines Wortes, das niemand mehr aussprach. Aber Entschlossenheit, die konnte Elin noch greifen. Wie ein Messer.
Sie trat ans Fenster, hob ein wenig den Vorhang. Nebel zog über den Platz wie ein lebendiges Wesen, tastete über Dächer, leckte an Fensterscheiben, umschlang Mauern. Und mittendrin stand der Bote, das Pergament in der Hand. Neben ihm brannte eine Schale mit schwarzem Rauch. Eine nach der anderen gingen die Türen auf, die Menschen traten hinaus, barfuß auf kaltem Stein, das Haupt gesenkt, als wäre der Blick des Boten ein Urteil.
Sanna hob den Kopf. „Kommt er?“ Elin nickte kaum merklich. Sie setzte sich an den Tisch, legte die Hand flach auf Sannas. „Geh nicht zur Tür“, flüsterte sie. „Bleib bei mir.“ Sanna schwieg, wie sie es gelernt hatte. Ihre Finger zitterten unter Elins Hand. Der Bote begann zu lesen.
Er nannte Namen. Leise, deutlich. Keine Eile, kein Zögern. Jede Silbe fiel wie ein Tropfen Tinte in Wasser, breitete sich aus, färbte alles dunkel. Elin kannte viele dieser Namen. Alte Männer, Witwen, Kranke. Die, die kaum noch Kraft hatten zu fliehen. Dann plötzlich – ein Name, der alles veränderte. Sanna.
Es war, als würde jemand Elin mit Gewalt die Luft aus der Brust reißen. Sie stand auf, langsam, mechanisch. Draußen veränderte sich nichts. Die Dorfbewohner senkten den Blick, keiner wandte sich um. Die Liste war gesprochen. Das war das Gesetz. Sanna hatte aufgehört zu atmen. Ihre Augen waren weit geöffnet, zu weit. Als glaubte sie nicht, was sie gehört hatte. Als müsse sie den Klang der eigenen Existenz neu lernen. Elin kniete sich vor sie. „Du wirst nicht gehen.“
Sanna schluckte. „Aber die Liste…“ Elin schüttelte den Kopf. „Nein.“ Es war kein Befehl, kein Wunsch. Es war ein Versprechen. Draußen rollte der Bote das Pergament wieder ein. Der Rauch erlosch. Die Dorfbewohner kehrten schweigend in ihre Häuser zurück. Kein Wort wurde gesprochen. Keines hätte genügt.
Elin stand auf. In ihrem Kopf formten sich Bilder. Der Garten. Die Ranken. Das pulsierende Herz im Zentrum des Waldes. Niemand hatte es je gesehen, doch alle kannten die Geschichten. Wer das Herz findet, wer es zerstört oder stiehlt, kann den Fluch brechen. So sagte man. So hatten es die Alten getuschelt, wenn sie glaubten, allein zu sein. Elin hatte nie daran geglaubt. Bis heute.
Der Nebel löste sich langsam auf, als würde der Wald selbst aufatmen. Die Dornenranken am Rand des Dorfes bewegten sich leise, als wollten sie lauschen. Elin trat an das Regal, griff nach dem kleinen Beutel mit getrocknetem Eisenkraut, das ihre Mutter immer für böse Träume verwendet hatte. Sie würde mehr brauchen als das. Ihre Hand schloss sich um das Jagdmesser. Es war alt, der Griff von vielen Jahren abgegriffen, die Klinge stumpf. Doch es war alles, was sie hatte.
Sanna sah sie an. Kein Wort kam über ihre Lippen, doch ihre Augen baten, flehten, schrien. Elin küsste ihre Stirn, roch den vertrauten Duft aus Rauch, Wurzeln und dem Hauch von Kindheit, der nur in Sannas Nähe lebte. Dann ging sie zur Tür. Der Wind war kalt, das Licht grau, und der Weg vor ihr war von Nebel bedeckt. Doch irgendwo hinter dem Dickicht wartete das Dornenherz. Und vielleicht – ganz vielleicht – eine Antwort, die einen Namen von der Liste streichen konnte.
Der Rauch der Feuerschalen hing noch über den Dächern, als die Nacht sich schloss wie ein Deckel über einem Topf, in dem längst alles kochte. Elin saß im Halbdunkel am Tisch, die Hände um eine Schale gelegt, die längst kalt geworden war. Sanna lag zusammengerollt auf dem Bett, der Atem flach, die Lider zuckten, als kämpfte sie in einem Traum, den kein Ruf erreichte. Der Tag hatte das Dorf ausgehöhlt und ein Echo zurückgelassen. Jeder Ton klang zu laut, jeder Schritt war die Erinnerung an einen Namen. Elin holte Luft die Nase, zählte wie früher bis zehn, bis der Kopf klarer wurde, bis der Körper wieder ihr gehörte. Sie hatte die Nacht. Nicht mehr. Und jede Entscheidung, die sie jetzt traf, würde einen Preis fordern. Preise ließen sich zahlen. Zeit ließ sich nicht nachholen.
Sie stand auf, schob den Riegel an der Tür ein Stück nach unten und zog ihn wieder hoch, testete die Kerbe im Holz, die in einem harten Winter entstanden war, als der Wind sich einen Spalt gegriffen hatte. Der Riegel hielt. Sanna drehte sich auf den Rücken, eine Haarsträhne klebte an ihrer Stirn, die Haut war blass und noch immer warm vom Herdfeuer. Elin setzte sich an den Bettrand, strich mit der flachen Hand über Wange und Stirn. Sie flüsterte, dass alles gut werde, und merkte, dass dieses Versprechen mutig klang. Mut war in dieser Nacht brauchbarer als Ehrlichkeit. Sanna öffnete die Augen und sah sie an, ohne den Blick zu heben. Die Pupillen schimmerten wie Tinte. Elin spürte, wie die Worte in der Kehle steckenblieben. Sie atmete erneut durch, langsam, dann lächelte sie, ohne die Zähne zu zeigen, griff nach dem Wollband an Sannas Handgelenk und zog es zurecht. Es fühlte sich an wie ein Knoten, der ein Leben zusammenhielt.
Sie stand wieder auf, ging zu dem niedrigen Regal über dem Herd und tastete nach dem Beutel mit dem Eisenkraut und den Kräutersalzen, nahm den kleinen Spiegel, dessen Kante ein gezackter Bruch war, und wickelte alles in ein Stück Leinen. Das Jagdmesser lag unter dem Brotschneidebrett. Der Griff war abgewetzt, die Klinge trug in der Mitte eine feine, dunkle Linie, die nie ganz verschwand, so oft Elin sie auch schärfte. Sie legte die Klinge flach in der Hand und fühlte das Gewicht. Kein Schutz gegen Dornen, die dicker waren als Finger, doch Metall hatte im Wald einen eigenen Klang. Manchmal reichte ein Klang.
Im Dorf knarrte eine Tür, dann die nächste. Schritte auf feuchtem Stein, Stimmen, die kurz anhoben und sofort wieder zerfielen. Elin ging zum Fenster, hob den Vorhang mit zwei Fingern. Ein Mann mit einem Bündel Stroh auf dem Rücken huschte vorüber, der Kopf tief, die Schultern hochgezogen. Die Luft über den Feldern flimmerte, als lägen Glutadern im Boden. Die Dornenranken an der Grenze bewegten sich kaum merklich, als warteten sie, dass jemand den ersten Fehler machte. Elin ließ den Vorhang fallen, drehte sich um und nahm das Leinenbündel auf. Sanna setzte sich auf, die Decke rutschte an den Schultern herab. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, als sie fragte, ob Elin zurückkomme, bevor die Glocke erneut schlage. Elin nickte und sagte mit ruhigem Ton, dass sie schneller sei als jede Glocke. Sanna sah sie noch immer an, als suche sie in Elins Gesicht nach einer Stelle, an der Angst abprallte. Elin küsste sie auf die Stirn und strich über ihr Haar, nahm den flachen Talisman aus Schiefer vom Fensterbrett und legte ihn Sanna in die Hand. Er war warm von der Herdglut. Sanna schloss die Finger darum, als hielte sie daran fest, dass Morgen ein Wort blieb, das Bedeutung hatte.
Elin löschte die letzte Kerze, ließ nur den Schein des Glutbetts am Leben. Sie legte den Riegel an, dann steckte sie den kleinen Eisenkeil in die versteckte Nut am Rahmen, den ihr Vater früher geschnitzt hatte. Er verhakte sich in der Führung, hielt die Tür, wenn jemand den Riegel zog. Sanna merkte, wie der Keil zu lösen war. Keiner außer ihnen kannte diese Nut. Elin blieb noch einen Herzschlag stehen und lauschte, als wolle sie den Klang von Gefahr kennen lernen, bevor sie wirklich da war, dann trat sie hinaus in die Nacht, und die Luft legte sich wie feuchtes Tuch über Gesicht und Hals.
Das Dorf lag still, nur die Viehtränken gluckerten noch. Ein Hund heulte auf und verstummte, bevor ein zweiter Ton sich löste. Elin ging am Brunnen vorbei, in dessen Steinring Geschichten eingeritzt waren, die Kinderhände mit Nägeln gezeichnet hatten. Sie strich mit den Fingerspitzen darüber, als bräuchte sie den Beweis, dass Menschen hier Spuren hinterließen, die nicht sofort verschwanden. Der Weg zur Feldkante war dunkel, die Weiden standen in Reihen, grau wie die Rücken alter Männer. Jede zweite war mit einem roten Band markiert, ein Zeichen, dass hier die Grenze näher rückte. Ein Windstoß kam, er roch nicht nach Westen, nicht nach feuchter Erde und Rauch, er roch nach Tannennadeln und Metall. Elin blieb kurz stehen, legte den Kopf in den Nacken und sah die Wolken, die wie verrutschte Laken am Himmel hingen. Unter ihnen stand der Wald wie ein Tier, das im Schlaf die Muskeln bewegt.
Am Haus der Kräuterfrau brannte Licht. Eine schmale Flamme im Fenster, beinahe zu zaghaft, um wirklich zu existieren. Elin stieg die drei Stufen hinauf, die Bretter gaben eine Nuance nach. Bevor sie klopfte, hielt sie die Hand an die Klinke. Eine Stimme aus der Tiefe des schmalen Flurs sagte, sie solle eintreten. Elin öffnete. Der Geruch von getrockneten Wurzeln, Essig und Rauch legte sich sofort auf die Zunge. Elowen saß am Tisch, die Hände um eine Schale, ihr grau geflochtes Haar fiel ihr über die Schulter, das Gesicht war schmal, die Augen wach. Sie sah Elin an, als habe sie diesen Besuch erwartet, seit der Mann mit der Liste den Hügel bestiegen hatte. Elin hielt an und sagte, dass sie durch den Wald müsse. Elowen nickte, ohne Fragen zu stellen, zog eine Schublade auf und legte drei kleine Dinge auf den Tisch: eine eiserne Nadel, eine Handvoll Salz in einem Papierumschlag, ein Band aus dunklem Garn, in dem ein goldener Faden lief. Elin fragte, was das Band könne. Elowen antwortete, dass es erinnere, wenn die Bäume beginnen, Gesichter zu tauschen. Elin blickte auf das Garn, dann auf Elowens Hände, in deren Fingern die Jahre saßen. Sie nahm die Nadel, das Salz, das Band, sie legte ein Stück getrocknetes Fleisch auf den Tisch, das sie in der Hüfte getragen hatte. Elowen schob es ohne Worte zurück, stand auf und griff an einen Haken, an dem eine kleine Flasche hing. Die Flüssigkeit darin war klar, die Flasche schwer. Sie sagte, zwei Tropfen auf Metall und eine Tür im Rankengeflecht erkenne dich als nicht feindlich. Drei Tropfen und die Tür wache. Elin nickte und steckte die Flasche in den Beutel.
Elowen trat näher und legte die Hand sacht auf Elins Stirn, wie eine Mutter, die Fieber prüft. Ihre Stimme war rau, als sie sagte, dass sie in dieser Nacht nicht beten möge, weil Gebete im Wald wie Rufe klingen, auf die etwas antwortet. Elin hielt den Blick, sie sagte, dass sie nicht rufe, sie nehme. Elowen nickte wieder, einmal langsam, und zog Elin kurz an sich. Ihre Berührung war so knapp, dass sie fast schmerzte. Dann drehte sie sich ab, blies die Flamme im Fenster aus und ließ Elin im Dunkeln stehen, als sei dies die einzige Art, jemanden zu schützen.
Elin ging weiter. Der Weg senkte sich, wurde zu einem Streifen Erde, der sich von den Feldern in das Unkraut fraß. An der Grenze, wo die ersten Ranken über den Boden krochen, setzte sie sich auf die Hocke und öffnete den Beutel. Sie zog das Garnband hervor, wickelte es zweimal um das linke Handgelenk, zog den Knoten fest, bis der goldene Faden im Dunkeln zu glimmen schien. Sie schob den Spiegel in die Jackentasche, griff nach dem Salz und ließ einen schmalen Streifen davon vor sich in die Erde rieseln. Salz kannte jeder. Salz schützte gegen vieles, das Augen besaß, die keine Augen waren. Elin steckte den Umschlag zurück, legte die Hand an den Boden, spürte die Feuchte, die Kühle, die Gier. Dann richtete sie sich auf.
Die Dornenranken vor ihr erhoben sich leicht, als bemerkten sie die Ankunft. Feinere Triebe tasteten nach ihrem Umhang, nicht wie Angriffe, lieber wie neugierige Finger. Elin ließ den Atem aus. Die Luft hatte einen süßen Ton, der sie an zu lange gekochten Sirup erinnerte. Jeder Atemzug fühlte sich an, als nehme sie mehr als Sauerstoff in sich auf. Sie trat einen Schritt vor, das Salz band ihre Schritte an ein Muster, das sie im Kopf behielt. Zwei Schritte, Zwischenraum, ein Schritt, Halten, dann wieder zwei. Der Boden veränderte die Textur; er war nicht mehr Acker, er war Haut. Elin spürte unter den Sohlen ein Zittern, das in Wellen kam. Aus der Tiefe drang ein Laut, der zu keinem Tier passte, das sie kannte.
Links von ihr stand ein Weidenbaum, dessen Zweige schwer hingen, als trügen sie Lasten, die niemand mehr abnahm. In der Rinde lagen Kerben, die aussahen wie Buchstaben. Elin verharrte und legte die Finger in eine der Kerben, sie passten hinein, als sei ihre Hand dafür gemacht. Sie zog sie wieder heraus, der Abdruck blieb in der Rinde, als wolle der Baum ihren Abdruck behalten. In der Ferne zeigte sich ein Licht, kaum mehr als ein Strich. Elin blinzelte, doch es blieb. Kein Feuer, keine Laterne. Lieber etwas, das aus dem Boden atmete. Sie ging darauf zu. Mit jedem Schritt zog sich das Dorf in ihrem Rücken weiter zurück, als hätte die Welt beschlossen, das, was hinter ihr lag, zum Traum zu erklären.
An einem Graben, in dem schwarzes Wasser stand, blieb sie stehen. Zwei Steine bildeten eine schmale Brücke, zu flach, um sicher zu sein, zu nass, um die Füße trocken zu halten. Elin tastete mit der Schuhspitze, fühlte, wie der Stein nachgab, hielt jedoch. Sie ging hinüber. Im Wasser spiegelte sich ihr Gesicht, doch die Augen schienen zu weit auseinander zu stehen. Sie legte die Hand flach auf den Spiegel in der Jacke und wartete, bis der Blick im Wasser wieder zu ihrem wurde. Dann ging sie weiter.
Der Wald begann nicht mit einem Rauschen, er begann mit einem Schweigen. Dort, wo die erste Wurzel den Weg querte, hörte Elin kein Insekt mehr, keinen Vogel, keine Maus. Nur die eigenen Schritte. Sie zog die Flasche aus dem Beutel, benetzte die Messerspitze mit zwei Tropfen, und ein Geruch nach kaltem Stein stieg auf. Ein Rankengeflecht, feiner als die anderen, spannte sich vor ihr auf wie eine Tür. Die Triebe bewegten sich ohne Wind, einer davon streifte ihr Handgelenk, blieb am goldenen Faden hängen, als hätte er ihn erkannt. Das Geflecht öffnete sich um eine Fingerbreite. Elin hielt die Luft an und wartete. Ein weiterer Trieb tastete, dann zwei, als prüften sie, wie viel Mensch an ihr war und wie viel Wille. Das Geflecht wich zurück. Elin trat durch und spürte, wie etwas Kühles über ihren Scheitel strich, wie eine Messerspitze, die einen Segen andeutete.
Hinter dem Geflecht wurde der Boden weicher. Pilzkappen glommen im Dunkel, als trügen sie dünne Kerzen unter der Haut. Ein Geruch nach Eisen lag in der Luft. Elin erinnerte sich an die Geschichten ihrer Mutter, die beim Schaben der Möhren erklärte, dass der Wald alles nehme und alles gebe, nur nie zur selben Zeit. Sie hielt die Klinge locker in der Hand, nicht um zuzuschlagen, lieber um das Gefühl zu haben, die Finger hielten etwas, das in dieser Welt nicht aus Ranken bestand. Ein Ast knackte in der Ferne, nicht wie Holz, das bricht, lieber wie ein Gelenk, das neu sortiert wird. Elins Nackenhaare stellten sich auf. Sie kam zur Ruhe und lauschte. Nichts bewegte sich, trotzdem war sie nicht allein. Sie zwang ihre Schultern nach unten, atmete flach und ging weiter.
Ein Schatten löste sich vom Stamm einer Kiefer und wurde zu einem Hirsch, dessen Geweih aus Dornenspangen bestand. Die Augen waren dunkel, ohne Licht, und doch sah er sie. Elin hielt an. Ihre Zunge klebte am Gaumen, die Lippen fühlten sich taub an. Der Hirsch neigte den Kopf, die Dornen seines Geweihs schabten an einer Rinde, dort, wo die Kerben schimmern. Elin hob die Hand, langsam, als biete sie dem Tier ihre Absichten an. Ihre Stimme kam leise, ohne Befehl, ohne Bitte. Sie sagte, sie gehe zum Herzen. Der Hirsch zog die Luft ein, die Flanken hoben sich, und ein Ton entstand, tief und fremd, wie Luft, die durch einen Stein geht. Er setzte einen Huf zur Seite, ließ eine Lücke, so schmal, dass nur ein Mensch hindurch passte, der die Schultern nicht hebt. Elin ging Seite an Seite an ihm vorbei, der Rand seines Geweihs strich ihren Ärmel, und ein feiner Tropfen Blut blieb an der Kante ihres Mantels. Sie merkte nicht, ob die Berührung eine Warnung war oder ein Gruß.
Hinter ihr schloss sich der Wald wieder, als sei nichts geschehen. Die Luft wurde wärmer, und ein Summen legte sich über alles, wie Bienen in einer Wand. Das Licht, das sie schon vom Feld aus gesehen hatte, leuchtete stärker, als trüge es endlich einen Namen. Ein Bach querte ihren Weg, sein Wasser war klarer als jedes, das Elin in den letzten Sommern gesehen hatte, und doch schob es Funken über den Grund, die aussahen, als lösten sich Sterne im Kies. Sie kniete sich hin, tauchte zwei Finger ins Wasser und berührte damit ihr Stirnbein, einen alten Reflex, der mehr mit Erinnerung zu tun hatte als mit Glauben. Der Geschmack war metallisch, als trinke sie Schatten. Sie stand auf, wischte die Hand an der Jacke ab und ging weiter.
Der Pfad führte auf einen Kreis aus Steinen zu, so alt, dass kein Moos sich traute, ihn zu besitzen. In der Mitte stand eine Säule, in deren Spitze eine Ader aus rotem Glas verlief, die pulsierte, als hätte sie ein eigenes Herz. Elin blieb davor stehen und spürte, wie ihr Puls den Rhythmus annahm, nicht, weil sie es wollte, lieber weil die Luft um sie herum in diesem Takt schwang. Auf der Säule lag Staub, der nicht zu Staub gehören wollte. Sie zog die eiserne Nadel aus dem Beutel, ritzte eine kurze Linie in die Oberfläche und sah, wie die Ader im Inneren aufleuchtete. Ein Weg glomm auf, dort, wo zuvor nur Blätter lagen, eine dünne Spur, die sich zwischen den Stämmen hindurchschob wie eine Schlange. Elin folgte ihr. Die Spur wechselte in regelmäßigen Abständen die Breite, als teste sie, ob die, die ihr folgte, zwischen Enge und Weite unterscheiden konnte. Elin setzte die Schritte ruhig, der Blick blieb vorne, kein Zucken nach links, kein Verlangen nach seitlicher Abweichung. Versuchungen hatten im Wald Geschmack, und sie merkte, dass nichts gefährlicher war als eine Abzweigung, die aus Nachsicht geboren wurde.
Die Bäume standen dichter. Hier und da wuchs aus einem Stamm eine Hand aus Holz, die in die Luft griff, als hätte sie etwas nicht bekommen, das ihr versprochen war. Elin nickte ihnen zu, als gehörten sie zu denen, an denen man höflich nicht vorbeiging. Das Licht war jetzt kein Strich mehr, es war eine Fläche, die zu atmen schien. Hinter der Fläche musste der Garten liegen, in dem das Herz schlug, das seit Jahren Leben fraß. Elins Mund wurde trocken, doch sie trank nicht. Wasser hatte Gesichter in diesem Wald, die sich nicht immer zeigten. Sie nahm stattdessen ein Stück Brot aus der Tasche, riss einen Bissen ab, ließ die Krume auf die Zunge und schob den Rest wieder ein. Brot hatte Grenzen, die Sprache der Bäume respektierte Mehl.
Als sie den letzten Anstieg nahm, hörte sie Stille, die nicht leer war. Es war die Art von Stille, die entsteht, wenn viele Stimmen gleichzeitig flüstern und ein Mensch mit menschlichen Ohren nur den Ton der Masse hört. Ihre Hände waren ruhig, die Knie nicht. In ihrem Kopf formte sich Sannas Gesicht, das in dieser Nacht zu alt geworden war. Elin spürte, wie der Gedanke an ihre Schwester den Körper stärkte, als sei Liebe eine Art Rüstung, die nicht aus Metall bestand. Sie setzte den Fuß über eine Wurzel, die höher war als die anderen, und stand plötzlich vor einer Mauer aus Ranken, die so dicht war, dass kein Licht hindurchdrang, und gleichzeitig so lebendig, dass sie Ein- und Ausatmen hörte. In die Ranken waren Fragmente von Glas gefangen, kleine Splitter, die Augen simulierten, und in jedem sah Elin eine leicht veränderte Version ihres Gesichts. Sie nahm den Spiegel aus der Jacke, hob ihn und sah dort ihr Gesicht, wie es wirklich war, müde, angespannt, ohne Bitten. Die Ranken zitterten, als der Spiegel im schwachen Licht aufflammte, und an einer Stelle trat Feuchtigkeit aus, die über die Dornen lief, als weine die Mauer.
Elin öffnete die Flasche und ließ zwei Tropfen auf die Messerklinge fallen. Sie roch nach Regen, der auf heißes Metall fällt. Sie strich die Klinge über einen Ast, der wie eine Querstrebe wirkte, und legte die flache Seite gegen die Ranken. Die Mauer wurde kälter, dann weicher, als erkenne sie in der Kälte etwas Vertrautes. Ein Spalt zeichnete sich ab, so schmal, dass ein Mensch nur dann hin durchkam, wenn die Lunge flach blieb. Elin drehte die Schultern, schob die rechte Seite vor, dann die linke, die Ranken glitten über den Mantel wie nasse Haare. Ein Dorn streifte die Haut am Hals, ein feiner Kratzer brannte sofort, doch der Schmerz war ehrlich und half gegen die Kälte.
Hinter der Mauer wurde die Nacht heller, nicht wegen des Mondes, der nur als schmale Sichel durch die Wipfel schob, lieber wegen eines Schimmers, der vom Boden ausging. Ein Kreis aus Steinplatten lag dort, jede trug im Zentrum ein Symbol, das aussah wie eine abgerissene Wurzel. Zwischen den Platten wuchsen Pflanzen, deren Blätter durchsichtig waren wie Flügel von Mücken. Elin blieb am Rand des Kreises stehen. Ihre Mutter hatte einmal gesagt, dass Kreise im Wald selten Orte seien, an denen Wünsche entstehen, lieber Orte, an denen Forderungen enden. Elin setzte den Fuß nicht auf die erste Platte. Sie legte stattdessen die Hand darauf. Der Stein war warm. Aus der Tiefe vibrierte etwas. Sie nahm die Hand wieder weg, wartete, bis der Puls der Platte ihren eigenen nicht mehr antreiben wollte, und trat daneben. Der Weg lag nicht in den Platten, der Weg lag dazwischen. So war es oft im Leben, auch ohne Wald.
Die Spur führte in eine Senke, in der das Licht wieder stärker wurde. In ihrem Herzen zog es, als hätte jemand ein dünnes Seil daran befestigt und zog sanft, ohne Eile, in die Tiefe. Elin ging weiter, die Finger legten sich automatisch um den Griff des Messers. Eine Gestalt stand dort, wo die Senke endete, erst nur ein Schatten, dann ein Umriss, dann etwas, das menschlich wirkte. Elin verharrte. Das Band an ihrem Handgelenk zog sich spürbar zusammen, der goldene Faden glühte kurz auf, als wolle er sie warnen. Die Gestalt trat einen Schritt vor, der Mantel war dunkel, die Kapuze tief, die Hände leer. Eine Stimme, rau wie Rinde, sagte, dass man sie nicht erwartet habe und trotzdem wisse, warum sie hier sei. Elin antwortete nicht. Worte hatten Gewicht, das sie sparen musste. Die Gestalt lachte leise, nicht freundlich, nicht grausam, lieber erstaunt, und hob dann die Hand, um auf einen Weg zu deuten, der rechts abbog, wo die Senke erneut fiel. Elin hob das Kinn, ihre Atemzüge kamen ruhig. Sie sagte, sie nehme den kürzesten Weg. Die Gestalt antwortete, der kürzeste Weg sei selten der, der Leben übrig lasse. Elin setzte einen Schritt nach links, nicht nach rechts, und die Gestalt löste sich auf wie ein Nebelfetzen. Das Band lockerte sich wieder. Elin dachte nicht nach. Denken zog Fragen an, die zu viel wollten.
Die Bäume traten weiter auseinander. Das Licht, das aus der Tiefe kam, erhielt Form. Es war nicht nur eine Farbe, es war ein Rhythmus. Calme Schläge, als klopfe etwas gegen Stein. Die Luft war warm und feucht, der Boden federte. In ihren Ohren rauschte es, der Klang legte sich in den Schädel und wurde zu einem zweiten Herz. Elin kam zur Ruhe und legte die Hand an die Brust. Ihr Herz antwortete nicht, es passte sich an. Sie biss die Zähne zusammen, um nicht zu wanken, und ging dann schneller, weil der Körper sich nach Bewegung sehnte. Als sie den letzten Vorhang aus hängenden Zweigen teilte, lag vor ihr die Grenze des Gartens, die jeder im Dorf nur aus Geschichten kannte.
Der Garten hob sich vom Wald ab wie eine Wunde. Ein Ring aus Ranken bildete eine Mauer, die höher war als jedes Haus im Dorf. In ihr glühten Linien, die wie Adern wirkten, und sie pulsierten. Der Boden davor war glatt und hell, als hätte eine Hand die Erde poliert. In der Mitte stand ein Tor, wenn man etwas, das atmet, überhaupt Tor nennen konnte. Es bestand aus verflochtenen Trieben, die sich in einem eigenen Rhythmus bewegten, mal enger, mal weiter, die Spitzen glänzten, als trügen sie Tau, doch der Geruch war nach Metall. Elin trat näher. In der Tiefe des Gartens sah sie etwas schimmern, das nicht zu den Blättern gehörte. Sie merkte, dass dies nicht das Herz sein konnte, und doch fühlte es sich wie ein Auge an.
Sie erinnerte sich an Sannas Finger, die sich um den Schiefertalisman geschlossen hatten, an den flachen Atem, an die Art, wie ihre Schwester den Kopf leicht geneigt hatte, als lausche sie auf einen Ton, den niemand sonst hörte. Elin spürte die Kälte unter der Haut, die ihr seit Stunden durch die Knochen lief, und ließ sie zu. Kälte machte wach. Sie holte die Flasche hervor, die Elowen ihr gegeben hatte, hielt sie gegen das schimmernde Tor und wartete, bis die Flüssigkeit im Inneren aufhörte zu zittern. Dann zog sie den Korken, ließ zwei Tropfen auf die Klinge des Messers fallen, legte die Hand an die Ranken, nicht als Angriff, lieber wie eine Begrüßung. Das Tor vibrierte, die Triebe schoben sich und fuhren zurück, als erkennten sie den Geruch. Ein Spalt öffnete sich, schmaler als vorhin am äußeren Geflecht, und kühler Dunst strömte heraus.
Elin hob den Kopf und roch, was der Dunst erzählte. Alte Steine, nasses Holz, ein Hauch von Asche. Dazu ein Ton, der nicht zu hören war, nur zu fühlen, ein Tasten in der Magengrube. Sie steckte die Flasche zurück, zog das Band am Handgelenk fester, bis die Haut brannte, und atmete in langen Zügen. Auf der Innenseite des Spalts schimmerte etwas wie Schuppen, die mit der Bewegung der Ranken mitliefen. Elin legte die Finger an die Kante, fühlte pralle, lebendige Kraft. Ihre Lippen formten Sannas Namen, ohne Atem. Dann schob sie die rechte Schulter hinein, den Kopf schräg, den linken Arm am Körper, die Klinge nach außen gedreht, um den Dornspitzen nicht die ganze Haut zu schenken.
Ein kalter Hauch strich über ihren Nacken, und Elin spürte, wie die feinen Haare dort eine Sekunde zu spät reagierten. Das Tor bewegte sich langsam, so langsam, dass ihr Körper den Drang spürte, zu drängeln. Sie hielt dennoch still, jede Hast hätte in dieser Welt wie eine Einladung gewirkt. Als die Ranken einen Schritt Raum freigaben, trat sie vor. Ihr Fuß setzte auf Boden, der anders war als der Waldboden, und sofort merkte sie, dass sie die Grenze überschritten hatte, die man im Dorf mit Legenden belegte, um die Angst erträglich zu machen. Die Luft war schwerer, das Licht näher, die Stille dichter. Elin hielt an und sah auf. Der Garten lag vor ihr wie ein Herz, das sich nicht erinnern wollte, was es als Erstes geschlagen hatte.
Sie atmete einmal durch, tief und leise, und spürte, wie ihre Schultern sich setzten. Die Klinge lag ruhig in der Hand, das Band am Handgelenk war warm, der goldene Faden pulsierte kaum merklich. Sie dachte nicht an Wege zurück, sie dachte an den nächsten Schritt nach vorn. Hinter ihr schloss sich das Tor lautlos. Der Garten zog den Atem ein.
Der Garten lag vor ihr wie ein Organ, das ohne Augen auskam, und Elin spürte, wie die Luft mit jedem Atemzug schwerer wurde, als trüge sie Feuchtigkeit und einen Hauch von Metall in sich. Unter ihren Sohlen gab der Boden nach und wurde im nächsten Schritt zäh wie Stein, in unregelmäßigen Wellen, als prüfe etwas jeden Tritt. Zwischen niedrigen Hecken glommen Blätter, deren Ränder so dünn wirkten wie Glas; in ihrem Inneren liefen helle Adern, die bei jeder Regung aufblitzten. Ein süßer Geruch stand in der Senke und mischte sich mit kaltem Rauch, der nicht vom Dorf stammen konnte. Seit sie den Spalt im Rankentor durchquert hatte, schien die Zeit in größeren Schüben zu rücken. Klänge fielen weg, andere rückten an Stellen, an die sie nicht gehörten. Wenn Elin stehenblieb, zitterten feine Fäden über dem Boden, und sobald sie ging, glättete sich die Fläche wieder, als striche eine unsichtbare Hand die Falten aus. Sie hob das Kinn und ließ die Schultern sinken, damit der Atem im Brustkorb Platz fand, und dachte an Sannas Blick am Herd, an die fragende Stille, die zwischen ihnen gehangen hatte wie eine dünne Schnur. Der Weg vor ihr sah klar aus und blieb doch schillernd, als legte der Garten jede Wegmarke im letzten Augenblick anders. Elin hielt das Messer so, dass die Klinge den Saum des Mantels nicht schnitt, und berührte mit der freien Hand das Band am linken Handgelenk, dessen goldener Faden warm an der Haut lag. Das Garn erinnerte. Es spannte sich, wenn Gedanken in eine Richtung glitten, die nicht ihre war. Ein Rascheln lief am Rand der Hecke entlang, ein Ton, der leicht an Laub erinnerte und doch wie eine Stimme im Hals blieb. Elin ging weiter.
Links öffnete sich ein kleiner Hof, in dem weiße Pflanzen wie Glocken hingen, reglos und doch in Bewegung, weil die Kelche von innen her an die Luft stießen. Ihre Schatten warfen Punkte auf den Boden, die aufblinkten und wieder verloschen. Wer sich über sie beugte, sah angeblich Gesichter darin, und wer ein Gesicht erkannte, fand die nächste Tür nicht mehr. Elin wandte den Blick nicht dorthin. Sie suchte die Platten im Boden, helle Scheiben, halb im Erdreich versunken, deren feines Vibrieren in die Fußsohlen stieg. Diese Platten lagen niemals zufällig. Sie legte eine salzige Spur vor den Schuhspitzen ab und setzte den nächsten Schritt so, dass das Salz den Rand berührte. Ein tiefer, kaum hörbarer Laut antwortete aus der Erde, ähnlich einem Atemzug. Die Hecken rückten enger. In einer Rinde tauchten Zeichen auf, die keine Sprache bildeten und dennoch an Worte erinnerten. Elin legte die Finger auf die Kerbe und merkte den Schub Hitze, der ihre Handfläche füllte, ohne sie zu verbrennen, ein Gruß, der prüfte. Ein Schatten strich über den Weg, ohne Quelle, wie ein streifender Streifen, der zu spät im Licht auftauchte. Elin hob die Klinge ein Stück, nicht zu hoch, um den Garten nicht auf sich zu ziehen, lieber damit das Metall ihren Schritt mit einem Ton ausrichtete, der das Innere beruhigte. Der Weg bog, und das Tor hinter ihr schloss wie ein Lid.
Ein Korridor aus Ranken nahm sie auf und schloss sich bei jedem Schritt, um gleich wieder aufzugehen. Dornen tasteten über den Stoff ihres Mantels, fanden Nähte, an denen sie hätte hängen bleiben können, ließen jedoch los, sobald die Klinge sich zeigte. Über Elins Kopf schob sich ein Dach aus Zweigen zusammen, auf dem feiner Tau hing, der in geraden Linien perlte, als hätte jemand den Schimmer mit einem Lineal gezogen. Die Luft trug einen Geschmack nach Tannennadeln, dazu einen warmen Ton von Erde. Als sich der Korridor öffnete, lag vor ihr ein Hof aus hellem Stein, in dessen Mitte ein Strauch wuchs, hoch wie ein Kind, die Zweige dicht, die Früchte hart und rot wie kleine Glasperlen. Ein Vogel saß darin, reglos, die Flügel halb gehoben, die Augen offen. Kein Atem hob die Brust, trotzdem glänzte die Pupille. Elin näherte sich nicht. Am Boden liefen feinste Linien, die den Hof in Segmente teilten. Sie legte die Hand sacht auf eine der Linien und spürte das leise Zittern, das in den Arm kroch. Hinter dem Hof stand ein Bogen aus lebenden Trieben, die ihre Spitzen ineinander hakten. Elin berührte den Rand mit der flachen Seite der Klinge, zählte im Kopf bis drei und wartete. Die Spitzen lösten sich. Ein Spalt öffnete sich, schmal und ruhig.
Hinter dem Bogen veränderte sich der Garten. Die Hecken wurden höher, die Pflanzen wuchsen in Formen, die wirkten, als seien sie aus älteren Erinnerungen gesammelt. Ein Flechtwerk lag über einer Senke, in der Nebel stand, dicht genug, um wie Milch zu scheinen. Ein schmaler Steg führte darüber, kaum breiter als Elins Fuß. Der Steg gab nach und trug dennoch. Aus dem Nebel stieg ein Chor aus Tönen, der in keinem Mund Platz gefunden hätte. Elin setzte langsam, Schritt für Schritt, die Klinge locker in der Hand, den anderen Arm frei. Auf der anderen Seite öffnete sich ein Kreis aus fünf Bäumen, deren Stämme spiralförmig liefen, als hätte eine Hand sie beim Wachsen gedreht. In der Mitte lag ein Becken aus Stein, ohne Wasser, nur mit einem Schwirren, das wie Licht aussah, wenn kalte Luft es bricht. Elin blieb, bis der Drang, hineinzugreifen, verflog, und wandte sich dem Baum zu, dessen Rinde heller war als die der anderen. Dort, in einer Nische, glomm eine Knospe, dunkelrot und glatt, als läge in ihr ein stiller Puls.
Der Fuchs erschien, reglos, als wäre er schon immer da gewesen, und sein Fell bestand aus Blättern, deren Ränder ausgefranst waren. Er hob die Schnauze, roch an Elins Mantel und blieb bei dem Fläschchen hängen, das unter dem Stoff steckte. Der Blick des Tieres blieb wach, nicht wild. „Ruhig“, sagte Elin leise, und der Ton in ihrer Kehle machte den Raum nicht lauter. Der Fuchs setzte sich neben den spiralförmigen Stamm. Elin holte die eiserne Nadel hervor, zog eine Haarsträhne aus dem Zopf, wickelte sie um die Nadel und berührte die Stelle an der Knospe, die dünner wirkte. Ein Ton stieg auf, kaum zu hören, mehr ein Druck an den Zähnen. Eine feine Ritze zeichnete sich. Elin legte zwei Tropfen aus Elowens Flasche auf die Messerspitze, führte das Metall an die Ritze. Die Luft roch nach Regen auf Stein. Eine Stimme fuhr an ihr vorbei, so nah, als stünde jemand hinter ihr, die Worte klangen wie die ihrer Mutter, warm und müde: „Lass es.“ Elin antwortete nicht. Sie zog die Klinge um eine Fingerbreite, langsam, mit wenig Druck, damit das Material dort nachgab, wo es bereits wollte.
Der erste Druck kam von links, ein Wind ohne Richtung, der nach Blüten roch, die es nicht gab, und nach Sommer, der sich an die Haut erinnerte. Die Linien im Fels begannen zu glimmen. Der Fuchs spannte die Muskeln und sprang gegen die Wand, genau wo die Muster zusammentrafen. Das Licht zuckte, der Schatten, der an der Rückwand wie ein Bild hing, bekam Kanten und verlor sie wieder. Elin setzte die Klinge erneut an und zog den Schnitt weiter. Kein Splittern, nur ein leises Lösen, als gleite ein Dorn aus Haut. Ein Tropfen trat aus der Knospe, farblos, mit einem Hauch Gold. Er fiel auf den Sockel und ließ den Raum vibrieren. Elin legte die Finger auf die Kante, drückte, fand Halt und hebelte. Die Knospe gab nach. In ihrer Hand lag etwas Rundes ohne klaren Rand, warm, als hätte es einen eigenen Atem. Sie schob es in die innere Manteltasche, spürte den Puls an den Rippen, und der Fuchs glitt zurück an ihre Seite.
Die Decke der Kammer senkte sich, Dornen fuhren, nicht auf Elins Haut, auf den Griff der Klinge, rissen Funken aus dem Stein. Ein bitterer Nebel stieg auf, graublau, kühl, mit einem Geschmack, der den Mund trocken machte. Elin wich rückwärts, die Klinge nach unten, die Schultern schmal. Sie stieg die Wurzelstufen, ohne die Füße zu heben, damit die Fasern nicht wie Saiten zu klingen begannen. Im Korridor dahinter schlossen sich die Triebe, als wollten sie das Loch im Gewebe sofort flicken. Vor ihr lag eine Wiese, die von innen glühte, Halme dünn wie Haare, kalt an den Fingerkuppen. In ihrer Mitte stand eine Skulptur aus Holz, die einen jungen Mann zeigte, schlafend, den Kopf leicht zur Seite, die Hände an eine Klinge gebunden, die nur als Linie existierte. Über der Holzhaut lief ein Puls, kaum sichtbar, dann verschwunden, als hätte jemand den Takt vergessen. Elin hielt die Luft an, spürte den Schlag in der Tasche und wandte den Blick ab.
Hinter der Wiese begann ein Hang, auf dem Wasser wie ein Schleier herabfiel. Die Tropfen klebten an den Blättern, schwer und blind. Der Fuchs setzte elegant auf Felsabsätze, Elin glitt neben ihm, die Hand an einer Wurzel. Unten lag ein Hof mit Kuppeln aus Stielen und Blättern, deren Innenflächen feine farbige Tropfen trugen. Diese Tropfen liefen in Rillen, die den Boden in Adern teilten, und bildeten kleine Spiegel, die Wolken zogen, die gar nicht am Himmel standen. Am Ausgang hing ein Vorhang aus hellen Wurzeln, die an Haar erinnerten. Dahinter zuckte Licht, deutlich, rhythmisch, wie ein Herz, das in einer Schale liegt. Elin tastete den Vorhang mit der Klinge ab, fand eine dünnere Stelle, schob das Metall hindurch. Die Wurzeln wichen, und eine runde Senke wurde sichtbar, deren Rand aus Stufen bestand, die wie Rippen in die Tiefe führten. In der Senke lag ein Samenkorn groß wie eine Faust, hell wie Elfenbein, mit feinen Linien, die in unregelmäßigen Abständen glommen.
Es gab vier Kanäle, die in das Korn führten, jeder schmal, hart, wie vernarbte Adern. Elin kniete am Rand, legte den Spiegel so, dass er die Oberfläche zeigte, nicht ihr Gesicht, und strich sich eine Strähne hinters Ohr. Der Fuchs legte sich an ihre Seite, der Atem sacht und regelmäßig. Elin nahm die Klinge, setzte am ersten Kanal an und ließ zwei Tropfen aus Elowens Flasche darauf fallen. Das Metall roch nach Regen, der auf heißem Eisen verläuft. Ein Dorn fuhr aus der Wand, zielte auf den Spiegel, nicht auf ihre Finger, und verfehlte ihn um einen Hauch. Elin drückte die Klinge tiefer. Das Korn senkte sich einen Finger in die Erde, doch die Stufen hielten, der Rand blieb. Ein zweiter Dorn tastete nach ihrem Ellbogen. Das Garnband am Handgelenk nahm den Schlag an und glomm. Elin setzte den Schnitt zu Ende, kurz, präzise. Der Kanal brach.
Der Raum gab die Luft frei. Aus den Kuppeln stieg Nebel, diesmal warm, und legte sich als feuchter Film auf Elins Wangen. Sie wischte ihn nicht weg. Der zweite Kanal hielt nicht lange, sobald die Klinge ihn fand. Ein kurzer Druck genügte, und das Glühen sprang an die gegenüberliegende Wand, wo es in der Rinde verstarb. Beim dritten Kanal spannte der Garten den Vorhang hinter ihr. Wurzeln zogen sich straff, Dornen senkten sich und suchten denselben Punkt. Der Fuchs stellte sich zwischen Elin und den Vorhang, knurrte, tief und kurz, und eine Welle lief durch die Wurzeln, als erkennten sie den Ton. Elin schnitt. Drei von vier. Das Korn zitterte. Sie legte die Klinge an den letzten Kanal, ließ Luft hinaus und hielt. Ein Laut stieg aus der Tiefe, kein Schrei, lieber ein Summen, das in den Knochen Platz nahm. Sie setzte den Schnitt, langsam, und der Kanal gab nach.
Für einen Augenblick schien alles still. Dann hob sich der Rand der Senke, als atme der Boden, und die Stufen drückten von unten. Elin legte die Finger an den Riss im Korn, den ihre Schnitte erzeugt hatten, und schob. Wärme strich über die Haut, keine Hitze, mehr eine dichte Rückmeldung, die Kraft sofort in den Arm gab. Die Öffnung reichte für eine Hand. Elin griff hinein. Etwas Rundes lag dort, glatt und doch mit feinen Strömen darunter, die wie Fäden unter der Haut liefen. Sie schloss die Finger, und ein feiner Stich touchierte die Kuppe, ein Schmerz, der den Atem schärfte. Sie zog. Im selben Moment brach der Garten in Bewegung aus. Dornen fuhren kreuzweise, nicht auf ihr Gesicht, auf den Rand, um den Ausgang zu schließen. Nebel stieg an, kühl, bitter, und das Korn versuchte, tiefer zu sinken. Elin löste es wie eine Frucht aus einer festen Schale und schob es unter den Mantel, in die innere Tasche, wo bereits das runde Ding aus der Kammer lag. Beide Pulse fanden ein gemeinsames Maß, hart und schnell.
Sie wich zurück, bog unter den Wurzeln, zog die Schulter schmal und glitt in den Korridor. Dornen strichen am Mantel, rissen Fäden, ließen los, sobald das Garn glomm. Der Fuchs sprang eine Stufe hinauf und markierte den Weg mit einem kurzen Scharren. Am Rand des Hofes fanden sie eine Mauer mit schweren Dolden, deren Duft Müdigkeit über die Knochen gießen wollte. Elin zählte Atemzüge, damit der Körper wach blieb, und schob den Arm in eine hellere Stelle der Pflanzen. Ein hölzerner Riegel lag dahinter. Sie hob ihn an, und ein schmaler Gang gab nach. Kühle Luft strich herein, klarer als vorhin. Elin stieg, der Fuchs an ihrer Seite, und die Luft dünnte. Der Puls in der Tasche blieb Doppelton, nun geordnet, als hätte der Garten sich entschieden, den Rhythmus noch zu hören, nicht sofort zu dämpfen. Oben lag eine Terrasse mit Steinbänken, deren Kanten scharf wirkten, und über allem wölbte sich ein Dach aus Zweigen, die Tropfen hielten, so exakt, als zählte jemand sie.
Ein Laut kam von links, kaum mehr als ein Hauch. Elin hob nur den Blick. An der Lücke in der Hecke löste sich eine Gestalt, ein junger Mann, blass, mit dunklen Augen und einer Spur am Hals, die wie ein Rankenabdruck aussah. Sein Mantel trug Risse, die an Hände erinnerten, die ihn gehalten hatten. Er trat nicht ganz heraus, blieb einen halben Schritt im Schatten, und der Geruch nach Regen auf Stein kehrte zurück. „Gib es her“, sagte er, und die Stimme klang, als liehe der Garten ihr ein Echo. Elin antwortete nicht. Ihre Hand lag am Messer, nicht fester, nicht lockerer. „Du trägst etwas, das hier Ruhe hielt“, sagte er, „dieser Ort kennt jetzt wieder Hunger.“ Elin hob das Kinn. „Jemand im Dorf steht auf einer Liste“, sagte sie leise, „und ich gehe nicht mit leeren Händen.“ Der Mann sah auf ihre Tasche, nicht lang. „Dann gib mir dein Wort, dass du es nicht zerbrichst, bevor ich dir einen Weg zeige, der nicht dein letztes Licht nimmt.“
„Wort“, sagte Elin, und das Band am Handgelenk straffte sich, als überprüfe es die Silbe. Der Mann nickte, ein knappes Neigen, das keinen Besitz markierte. „Ich heiße Lennox“, sagte er, und der Name hing einen Atemzug in der Luft, als hätte jemand Kreide auf den Wind gelegt. Der Fuchs legte den Kopf schräg, so, als merkte er sich die Silben. Elin betrachtete die Spur an Lennox’ Hals, die nicht heilte und nicht blutete, und dachte nicht laut, dass sie aussah wie ein Siegel. „Du gehörst nicht zu uns“, sagte sie. Lennox lächelte nicht, doch sein Gesicht bekam eine Nuance, die an Wärme erinnerte. „Ich gehöre dorthin, wo das Herz seinen Platz hatte“, sagte er, „und ich gehe an keinem Dorf vorbei, ohne den Klang der Listen zu hören.“ Eine Bewegung ging durch das Zweigdach, kurz, knapp, als ließe der Garten die Tropfen neu zählen. „Drei Nächte“, sagte Lennox dann, „drei Wege, drei Preise. Du hast bereits gegeben.“ Elin strich sich den Kratzer am Hals mit dem Handrücken und sagte, dass sie alles gebe, was nicht bricht.
Lennox zeigte auf einen schmalen Durchlass, der tiefer in den Garten führte. Die Hecke öffnete sich, als hätte sie auf dieses Zeichen gewartet. Der Fuchs lief zwischen ihnen, nicht nahe an Lennox, nah genug, um seinen Schatten zu prüfen. „Wie viele Listen hast du gehört?“, fragte Lennox, während sie gingen. „Genug“, sagte Elin, „und eine zu viel.“ Lennox nickte, strich eine Ranke zur Seite, die sich wie eine Zunge verhielt, die schmecken wollte. „Der Garten weiß, dass du etwas trägst, das ihm fehlt“, sagte er, „gerade Wege bleiben heute verschlossen.“ Vor ihnen lag eine Brücke aus geflochtenen Zweigen über einem Becken, das wie dunkles Glas wirkte. Sie traten darauf, der Boden senkte sich knapp, die Fasern hielten. In der Tiefe glomm ein schwacher Schein, als lägen dort Sterne. Auf der anderen Seite stieg der Weg an, und eine Mauer aus Dornen schloss ihn ab. Lennox legte die Hand an die Dornen, die Spitzen wichen. Elin tat es ihm gleich, spürte rauhe Haut unter den Stichen und eine Wärme darunter, die nicht bösartig war, lieber alt. Die Dornen öffneten seitlich eine Scharte.
„Wenn wir lebend hinausgehen“, sagte Lennox leise, „brauchst du Nacht drei.“ Elin stellte keine Frage nach Nacht zwei. Fragen wurden hier groß. „Dann gehen wir jetzt“, sagte sie, „und heben uns die Worte auf, die wir nicht verlieren dürfen.“ Lennox atmete, ein Ton, der in diesem Ort selten menschlich blieb, und führte sie durch die Scharte in eine Gasse, in der niedrige Pflanzen bei jedem Schritt knirschten. Der Fuchs schnaubte, ein kurzes Geräusch, das den Takt ordnete. Über ihnen öffnete sich eine schmale Lücke, und der Mond streifte Lennox’ Gesicht. Er wirkte jung und trug alte Augen. Elin merkte, wie der Garten einen Moment lang ohne Ton blieb, fast als lausche er. Der Pfad bog, die Stämme traten auseinander, und vor ihnen lag eine flache Mulde, in der der Boden wie gehämmertes Metall glänzte. Lennox verharrte. „Hier wählt der Garten“, sagte er, „was du bist.“ Elin stellte sich neben ihn, der Fuchs setzte sich zu ihren Füßen, und der Garten hielt den Atem an.
In der Mulde sammelte sich Licht, dünn wie Fäden, die über den Boden zogen, und wo sie Elins Stiefel berührten, sanken sie ein. Lennox hob die Hand, nicht um sie zu halten, lieber um den Raum zu stellen, der sich mit Eile füllte. „Preis eins gilt“, sagte er, „der Garten nimmt Haut oder Namen.“ „Haut wächst“, sagte sie, und in ihrer Jacke antworteten die Pulse. Ein einzelner Dorn fuhr aus dem Rand der Mulde und strich über ihren Handrücken, kaum mehr als ein Kuss, der Wärme hinterließ. Lennox flüsterte „Nicht bewegen“, und das Licht hob an, als bereite es sich vor, zu entscheiden. Jetzt.
Das Licht in der Mulde zog die Luft zusammen, als hätte der Garten eine Lunge, die erst jetzt erwachte, und ein einzelner Dorn hob sich aus dem Rand wie ein Zeiger, der auf Elins Hand zeigte. Sie hob die Finger, nicht trotzig, lieber damit die Wahl einen Ort fand, und der goldene Faden am Handgelenk glomm, spannte, ließ wieder nach, als prüfe er, ob Mut eine Form besitze. Lennox stand neben ihr, sein Blick lag auf der Mulde, nicht auf ihr, doch seine Stimme hielt sie an der Schulter, leise und unverrückbar, als er sagte, dass Haut leichter heile als ein Name. Elin legte die Hand über den Rand. Der Dorn kam nicht wie ein Stich, lieber wie ein kühler Atemzug. Die Haut wich, Blut trat heraus, dunkel und ruhig, und der Garten nahm es an, als sauge er eine Nachricht ein. Schmerz brannte flach, dann klar. Das Band am Handgelenk wurde warm, und der Boden ließ den Atem aus.
Elin schloss die Hand kurz zur Faust, hielt die Wärme im Griff, und der Schmerz wurde zu einem straffen Faden, der Richtung gab. Lennox streifte die Wunde mit zwei Fingern, so kurz, dass der Garten kaum reagierte, legte die Fingerkuppen an die Schneide von Elins Messer und zog die eigene Haut auf, ein schmaler Schnitt, ebenso ruhig. Sein Blut mischte sich mit ihrem. Die Klinge nahm die Spuren an, als werfe sie einen Schatten nach innen, und in der Mitte der Schneide leuchtete eine feine Linie auf, kaum sichtbar, doch lebendig wie eine Erinnerung. Lennox sagte kein Wort, er atmete nur, und der Atem hatte Gewicht.
Der Weg senkte sich in eine Mulde, in der die Luft nach kalter Asche schmeckte. Ranken bildeten Bögen, die bei jedem Schritt tiefer hingen, in den Kehlen der Bögen lag Tau, der nicht fiel, der wartete. Eine Stimme schabte über Stein, ohne Richtung, sie trug Elins Silben in einer Version, die nie gesprochen wurde. Der Fuchs knurrte, ein kurzer Ton, der die falsche Stimme brach. Elin hielt die Klinge tiefer, nicht um zuzuschlagen, lieber damit der Stahl die Gegenwart hielt. Lennox blieb dicht, seine Schulter berührte ihren Ärmel. Das Band am Handgelenk pulsierte, nicht hastig, mehr als erinnere es den eigenen Namen. Ein kalter Zug lief Elin über den Nacken, der Garten prüfte, und sie ging, Schritt für Schritt.
Am Ende der Mulde stand eine Tür aus Stielen und Dornen, kein festes Holz, kein Metall, ein Atem, der sich öffnete und schloss. In den Knotenpunkten glommen helle Punkte, die wie Augen wirkten. Elin wartete, bis die Punkte gleichzeitig dunkler wurden, dann legte sie die flache Seite der Klinge an eine Stelle, an der die Fasern weniger straff lagen. Das Geflecht hielt inne, glitt seitlich und ließ eine schmale Öffnung entstehen, als habe die Haut beschlossen, eine Narbe zu legen. Lennox hob eine Hand, nicht um zu führen, lieber um die Welt still zu halten, und sie traten ein.
Der Raum dahinter war eine Höhle aus Wurzeln, die von innen vibrierte. In der Mitte stand ein niedriger Altar aus geädertem Stein, die Fläche glatt, die Kanten mit Kratzspuren, die an Schrift erinnerten, ohne eine zu sein. Auf der Fläche lag eine Krone aus Dornen, nicht grob, lieber so fein, dass jede Spitze einen eigenen Schatten trug. Tropfen ruhten an den Enden, nicht wie Tau, nicht wie Harz, und unter dem Altar lief ein schmaler roter Strich, ein Puls, der unter Stein wohnte. Lennox blieb einen Schritt zurück, als wäre eine unsichtbare Leine gespannt, die ihn hier hielt. Elin trat vor, legte die Handfläche auf den Stein und spürte den Schlag, der dort in tiefer Regelmäßigkeit lief. Die Krone hob sich einen Finger breit und sank. Die Tropfen zitterten.
Elin zog die Hand zurück, legte die Klinge in die offene Hand, hob sie wieder. „Sag den Preis“, sagte sie, ohne den Kopf zu wenden. Lennox zog langsam die Ärmel zurück, zeigte die dünnen Narben, die quer über beide Handflächen liefen, gestochen wie Linien einer Karte. „Drei Nächte“, sagte er, „der Garten hält so lange den Atem, wenn etwas aus seinem Kern fehlt. Drei Wege, drei Zeichen, drei Male Blut. Bringst du das Herz an den Platz zurück, der ihm zusteht, verstummt die Liste. Verfehlst du ihn, nimmt der Garten zwei Leben. Dein Blut trägt eines. Das andere ist an dich gebunden.“ Elin hörte Sannas Atem an einem Herd, den es hier nicht gab. Sie nickte. Lennox senkte die Hände, seine Finger waren ruhig. „Er verlangt nicht nur Blut, er verlangt ein Wort“, sagte er leise. „Ein Wort, das mehr ist als ein Laut.“
Elin legte die linke Hand auf den Stein. Lennox tat es ihr gleich. Die Krone neigte sich, als lausche sie. Elin strich die Klinge flach über die Haut, so kurz wie an der Mulde. Blut sammelte sich, dunkel, und Lennox zog dieselbe Spur. Beide Tropfen berührten den Stein. Die Krone senkte sich und legte eine Spitze auf ihre Hand, eine auf seine, leicht, ohne zu dringen. Elin sprach das Wort, das sie in den Mund nahm, ohne es zuvor geübt zu haben. Es war Sannas Name, in der leisen Form, die nur in diesem Haus existierte. Der Altar nahm den Klang auf. Der rote Strich unter Stein flammte auf und wurde wieder ruhig. Lennox sagte seinen Namen, und der Raum zog die Luft ein, als sei das ein Ton, den er kannte.
Die Krone fuhr einen Dorn aus, dicker als die anderen, glatt, mit einem Schimmer, der nicht von Licht kam. Er senkte sich zwischen ihre Hände und legte sich gegen die Klinge. Elin hielt den Stahl, Lennox legte seine Finger an ihren Griff, und die beiden Bluttropfen liefen zusammen. Ein Laut vibrierte in den Wurzeln, als schüttle jemand weit oben eine Krone, und ein Faden aus Wärme strich Elin über die Hand, ging in Lennox’ Finger über und kehrte zurück, als hätten sie einen Kreis geschlossen. Der Dorn zog sich zurück, die Krone hob sich, und an der Schneide der Klinge stand nun eine feine Spur, die lebte.
„Erster Weg“, sagte Lennox, und der Altar zeigte ihn, nicht mit Bild, mit Richtung. Elin sah in den Wurzeln einen Pfad, der in eine Senke fiel, an deren Rand Steine rot schimmerten. Sie sah einen schmalen Steg über Wasser, das nicht nass aussah. Sie sah eine Brücke aus Fasern über einem Atem, der von unten drückte. Lennox’ Blick folgte einem anderen Faden. Sein Gesicht spannte sich, als tragen seine Augen Gewicht. „Feuerzeichen“, sagte er leise. „Dort beginnt der Takt.“
Sie verließen die Höhle, das Geflecht hinter ihnen schloss sich lautlos. Der Weg lag verborgen, nicht in offenem Licht, in den dunkleren Schichten des Gartens, dort, wo die Rinde tiefer gerippt war. Lennox ging einen halben Schritt voraus, ohne zu ziehen, mehr als lege er seinen Schritt so, dass Elin ihn in Sicherheit setzen konnte. Der Fuchs lief wie ein Schatten neben ihnen, die Ohren nach hinten gedreht. Wenn Elin das Rund in der Tasche berührte, beschleunigte der Puls auf hellen Flächen und wurde ruhiger im Schatten. Der Garten antwortete, mal leise, mal mit kleinen Verschiebungen, die nur im Knie spürbar waren. Elin blieb in der Achse der Klinge, die Linie an der Schneide flackerte, wenn der Weg richtig lag, und blieb dunkel, wenn die Hecke einen Irrweg anbot.
Der Boden riss auf wie ein weiter Mund. Aus dem Spalt stieg warmer Dampf, ein Atem von tiefer Erde. Darüber lag eine Brücke aus Fasern, die jung klangen, auch wenn ihr Ton alt war, wenn der Fuchs setzte. Lennox legte die Hand sacht auf den ersten Strang. „Hörst du?“, fragte er. Elin hob die Finger und ließ sie knapp über die Fasern gleiten. Zuerst war da nur Summen, dann ein Tropfen, der in ungleichen Abständen fiel. Kein Wasser. Zeit. „Wenn der Tropfen fällt, trittst du“, sagte Lennox. „Alles andere ist Gewicht am falschen Ort.“ Elin wartete, zählte den Widerstand zwischen den Tropfen, setzte bei der Lücke den Fuß. Die Fasern gaben nach und hielten. Schritt für Schritt erreichten sie den anderen Rand.
Ein Hof öffnete sich, in dessen Mitte Steine standen, die wie Federn aus dem Boden wuchsen. Zwischen ihnen lag mattes Rot, ein Glühen, das nicht verbrannte, das nur sah. Lennox zeigte auf die längste Feder. „Feuerzeichen prüfen, ob du gehst, wenn dich nichts hält“, sagte er. Elin legte die Hand an den Stein. Kühle stand dort, nicht Hitze. Die Glut zwischen den Steinen zog sich zusammen, als atme sie, und dehnte sich, als atme sie aus. Elin wartete, bis die Ausdehnung den Rand erreichte, dann nahm sie den Handballen weg. Die Glut blinkte und blieb ruhig. „Erster Takt“, sagte Lennox, und seine Stimme hatte die Ruhe von geschärftem Metall.
Ein niedriges Tor ließ kühle Luft herein. Dahinter lag ein Gang, glatt, hell, ohne Dornen, mit Fäden an der Decke, die wie Schnee aussahen, der nie fiel. Lennox berührte keinen Faden. „Worte wecken ihn“, sagte er, und Elin schwieg, weil die Stille hier schwerer war als jeder Satz. Der Gang führte in eine Halle, die wie der hohle Stamm eines Baumes wirkte. In der Mitte stand eine Schale mit Wasser, das keine Wellen kannte. Elin sah ihr Gesicht darin, und die Augen darin rückten für einen Atemzug zu weit auseinander. Sie legte den Spiegel aus der Tasche daneben, das Glas zeigte dasselbe Gesicht, und der Garten nahm den Vergleich an. Die Schale glitt in sich zusammen, als habe sie genug gesehen, und der Weg dahinter öffnete sich in eine Stiege aus Wurzeln, die hinabführte.
Der Geruch von Eisen wurde stärker. Elin merkte, dass die Klinge in ihrer Hand die Mischung trug, die der Garten kannte. Je tiefer sie stiegen, desto mehr Stimmen mischten sich in das Summen, nicht als Worte, als Strömungen. Die Stiege endete an einer Wand aus dichtem Geflecht. In ihr steckte ein Dorn, dicker als ein Finger, ohne Widerhaken, glatt wie polierter Knochen. Er ragte aus dem Muster, wartend. Lennox sah ihn an, ohne den Blick zu senken. „Richtender Dorn“, sagte er. „Er nimmt ein Versprechen, das keinen Raum für Ausflüchte lässt.“ Elin trat vor. Sie hob die Klinge zwischen ihre Hände, Lennox legte seine Finger darüber, und beide zogen die Schneide so flach über die Haut, dass nur ein Schimmer blieb. Das Blut der zwei Tropfen traf die Spitze. Der Dorn nahm es an. Ein dumpfer Laut lief in die Tiefe, als falle weit entfernt eine Frucht vom Stamm. Das Geflecht zog den Dorn zurück und ließ eine Öffnung frei.
Hinter der Öffnung lag ein Raum, der nach Wasser roch. Eine Pflanze stand dort, breit, voller Schalen, deren Oberflächen spiegelten. In den Spiegeln lagen Zeichen wie Rillen. Ein schmaler Steg führte darüber. Im Wasser schwebten Blätter, die wie Namen wirkten, die kein Mund sprach. Elin setzte den Fuß in die Mitte des Stegs, Lennox stellte sich hinter sie, der Fuchs lief entlang der Kante und hielt die Schnauze tief. Metall klang in der Ferne auf Stein, ein Laut, der Klingen schärfte, ohne Hände. Am Ende lag eine Platte mit feinen Rillen, jede Rille lief in eine Schale, deren Rand gold schimmerte.
Elin legte die Fingerspitzen in eine Rille. Sie war kühl, leicht rau. Der goldene Schimmer in der Schale wurde dunkler, als würden Worte alter werden. Lennox legte seine Finger in die gegenüberliegende Rille. Eine Linie lief von den Fingerspitzen zum Rand, erst hell, dann tief. Der Garten hörte. Elin setzte die Klinge in den Schnitt an der Hand und ließ einen Tropfen fallen. Lennox tat dasselbe. Die Linien trafen die Schale, der Schimmer nahm sie auf, und eine Welle lief durch den Raum, die kein Wasser schob und trotzdem nass klang. Die Platte drehte sich einen Hauch, und eine schmale Tür öffnete sich aus der Wand, die keine Tür trug.
