Das hässliche Mädchen - Bernhard Kellermann - E-Book
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Das hässliche Mädchen E-Book

Bernhard Kellermann

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Beschreibung

Dorothea Fröhlich ist alles andere als schön – das weiß sie nur zu gut. In der Kleinstadt arbeitet sie unermüdlich im Familiengeschäft, während andere Frauen mit Leichtigkeit durch ihre Schönheit Anerkennung und Liebe finden. Doch als der junge Architekt Herbert Lauterbusch in ihr Leben tritt, flammt in Dorothea ein bisher unbekanntes Gefühl auf: Hoffnung. Zwischen gesellschaftlichem Spott, inneren Kämpfen und dem verzweifelten Wunsch nach Liebe entfaltet sich die berührende Geschichte einer Frau, die gegen die Grausamkeit der Oberflächlichkeit ankämpft. Bernhard Kellermanns aus dem Nachlass veröffentlichter Roman zeigt mit psychologischer Tiefe, wie sehr äußere Zuschreibungen ein Leben prägen – und stellt zugleich die zeitlose Frage nach dem Wert von Charakter, Stärke und wahrer Zuneigung. Ein bewegendes Leseerlebnis, das auch heutige Leser fesselt.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum

Bernhard Kellermann

Das hässliche Mädchen

ISBN 978-3-68912-575-2 (E-Book)

Erstveröffentlichung aus dem Nachlass Bernhard Kellermanns, Transkription: H. D. Tschörtner in Zusammenarbeit mit Erika Moreau, Verlag Volk und Welt, Berlin 1979.

© 2025 EDITION digital®

Pekrul & Sohn GbR

Alte Dorfstraße 2 b

19065 Godern

Tel.: 03860-505 788

E-Mail: [email protected]

Internet: http://www.edition-digital.de

Jedermann in der kleinen fränkischen Stadt kannte Dorothea Fröhlich von der Firma Alexander Fröhlich, Glas und Porzellan. Man schätzte ihre stets gleiche gute Laune, ihren Mutterwitz, ihre Gefälligkeit gegen alle Welt, ihre Gutmütigkeit, ihre Geschäftstüchtigkeit, mit einem Wort, sie war in der ganzen Stadt beliebt. Als sie später ins Unglück kam, bedauerte man sie allgemein aufrichtig. Adele Fröhlich? Ist es denn möglich?

1

In diesem Frühjahr war Dorothea von einer sonderbaren Unruhe, die jedermann auffallen musste. Sie wartete täglich auf die Post, sie ließ häufig ihre Schreibereien im Stich und stieg ohne jeden Grund in den Laden hinunter, sie schien etwas zu erwarten. Vielleicht kam ihre Unrast vom Frühling selbst, der in diesem Jahr unerträglich launenhaft war, so dass alle Menschen in der Stadt unter ihm litten.

In der Tat, Dorothea wartete auf etwas, sie war von Ahnungen erfüllt, dass sich in diesem Frühjahr etwas Ungewöhnliches ereignen würde. Da saß sie nun über ihren Rechnungen und Geschäftspapieren und beobachtete die kleine Glocke, die anschlug, sobald jemand den Laden betrat. Sie belauerte die Glocke förmlich, und als sie endlich bimmelte, sprang sie so hastig auf, dass ihre Mutter verwundert den Blick hob. Schon aber hörte man Dorotheas Schritte in großer Eile auf der schmalen eisernen Wendeltreppe klappern, die in den Laden hinabführte.

Bereits nach einer Minute aber verlangsamte Dorothea enttäuscht den Schritt. Durch das Geländer der Treppe sah sie im Laden nichts als eine gewöhnliche Bäuerin stehen, eine alte, verrunzelte Frau. Sie roch, dass es eine der altmodischen Bäuerinnen war, die sich das Haar noch mit Butter einfetteten. Die Kundin wünschte eine Hochzeitstasse.

„Für Sie selbst, Großmutter?“, scherzte Dorothea, und die Bäuerin kreischte augenblicklich belustigt auf. Für sie? Ach, du lieber Himmelsvater, so etwas! Darüber war sie längst hinaus. Ein Patenkind von ihr machte Hochzeit.

Es gab Hochzeitstassen allerlei Art, Tassen mit Rosen und Herzen, Tassen mit Glückwünschen und Sinnsprüchen von inniger Liebe und Treue. Dorothea plauderte aufgeräumt und heiter mit der Bäuerin, während sie die Tassen vorzeigte. Und doch fühlte sie ihr Herz erregt pochen und dachte immerfort an die einfältige Hast, mit der sie aufgesprungen war, als es klingelte. So benimmt man sich doch nicht, dachte sie, unwillig über sich selbst, wie albern und töricht! Nur ein verliebter Backfisch beträgt sich so, schließlich war sie immerhin schon einige Jährchen über das Backfischalter hinaus, wie!

Die Bäuerin hatte endlich eine Tasse mit zwei roten Flammenherzen ausgewählt, und Dorothea war ihr behilflich, die schwere Kiepe auf den Rücken zu hucken, und komplimentierte sie zur Türe hinaus. „Kommen Sie gut nach Hause, Großmutter.“

Die Luft war klar und kernig und flößte Hoffnung ein. Länger als gewöhnlich verweilte Dorothea auf der Ladentreppe. Lass dich nur nicht irremachen, dachte sie, als sie am Himmel einen blauen Fleck erblickte, etwas liegt in der Luft, du kannst es mir glauben. Eifrig spähte sie die Straße hinab, mit der Neugierde der Kleinstädter, die immer etwas Besonderes erwarten, das sie aus dem tödlichen Einerlei erlösen soll und das nie eintritt. Es waren nur wenige Menschen zu sehen, zwei kleine weiße Hunde balgten sich auf den Stufen des Georgsbrunnens. Vor dem Hause des Bäckers Bornhöfer wurde Holz für die Backöfen abgeladen. Das Leben ging seinen Gang, ohne jede Auffälligkeit und Sensation, nur dass die Straße und der Marktplatz ihr heute noch öder und verlassener erschienen als sonst.

Den ganzen Morgen hatte es geregnet, nunmehr aber schien die Sonne sich durchkämpfen zu wollen, und die von Feuchtigkeit gesättigte Luft dampfte auf den Dächern. Der blaue Fleck am Himmel hatte sich vergrößert und eine zarte grünblaue Färbung angenommen, wie nur das Frühjahr sie kennt. Vielleicht konnte man am Nachmittag doch noch etwas Tennis spielen? Gott gebe es, man kam ja um vor Langeweile.

Jemand zog höflich den Hut und sprach sie an. Es war Dr. Kron, Zahnarzt und Freund ihrer Familie, der sich nach ihrem Befinden erkundigte. „Wieder auferstanden von der Grippe, Fräulein Dorothea?“

„Ah, Sie sind es, Doktor?“, rief Dorothea lachend aus, erfreut, einige Worte plaudern zu können. „Danke, es ist diesmal nicht so schlimm gewesen, ich lag kaum zwei Tage zu Bett.“

Dr. Kron glänzte im Lichte der durchkommenden Sonne vor Wohlbefinden und Gepflegtheit. Er trug einen völlig neuen Frühlingsüberzieher und einen Hut noch hellerer Färbung. Man konnte ihm recht gut ansehen, dass der Frühling nun endgültig kommen musste, ob er wollte oder nicht.

„Das Wetter scheint sich ja nun doch endlich etwas zu bessern“, sagte er, „da schwinden die letzten Erkältungen.“

„Gott gebe es, es sieht danach aus“, entgegnete Dorothea mit einem raschen Blick zum Himmel, „vielleicht kann man sogar heute Nachmittag wieder Tennis spielen? Was meinen Sie?“

Gleichgültig zuckte der Zahnarzt die Achseln. Er hatte nicht das geringste Interesse an Tennis und trieb keinerlei Sport; er verabscheute ihn.

„Vielleicht“, erwiderte er. Jedenfalls freue er sich, Dorothea so frisch und munter wiedergesehen zu haben. „Ich gehe soeben zu einer schweren Kieferoperation, aber Ihr Anblick hat mir Mut und Zutrauen eingeflößt.“

Dorothea lachte.

Dr. Kron war etwas blass von der Zimmerluft seines Ateliers, er war frisch rasiert und etwas zu stark gepudert. Nun errötete er flüchtig über Dorotheas kräftiges Lachen. „Ich meine wahrhaftig, was ich sage“, fuhr er fort, während er den hellen Hut zog und sich verabschiedete. „Sie strömen Zuversicht und Kraft aus, das wollte ich sagen. Es tut wohl, Sie zu sehen. Empfehlen Sie mich Ihrer verehrten Frau Mutter, am Sonntag komme ich wieder zum Kaffee.“

„Danke! Wir haben Sie am letzten Sonntag sehr vermisst!“, rief ihm Dorothea nach.

Dr. Kron gehörte zu den engsten Freunden des Fröhlichschen Hauses und zählte zu Dorotheas Verehrern. An den Sonntagen trank er häufig Kaffee bei ihnen.

„Am letzten Sonntag war es mir, offen gestanden, zu kalt“, sagte der Zahnarzt im Gehen. „Sie wissen, dass ich nichts mehr hasse als Kälte, Dorothea!“

Nochmals zog Dr. Kron höflich, etwas förmlich fast, den hellen Hut und ging würdevoll weiter. Er war klein und zart, nahezu zierlich. Sein Rücken war leicht gekrümmt, wenn er auch keinen eigentlichen Buckel hatte, und so kam es, dass er beim Gehen die rechte Hand, im Gelenk abgebogen, fast kokett in die Hüfte stützte. In der Hand hielt er stets helle Glacéhandschuhe. Er war immer elegant, fast stutzerhaft gekleidet, und viele Leute in der Stadt nahmen ihm die übergroße Sorgfalt übel, die er auf sein Äußeres legte. Seinen Buckel kann er ja doch nicht verstecken, sagten sie. Noch weniger als seine Eleganz behagte den Leuten die Verschlossenheit seines blassen Gesichts. Wenn das nicht geistiger Hochmut und Überheblichkeit war! Ja, es war schwer, es den Leuten in der Stadt recht zu machen.

Dr. Kron war der erste Zahnarzt der Stadt, Junggeselle, er sollte schamlos viel Geld verdienen. Schon seinen Kleidern sah man die hohen Rechnungen an.

Dorothea beobachtete, wie er die Straße hinabging. Die Rechte in die Hüfte gestützt, ein dünnes Stöckchen in der Linken, sah sein Gang etwas geziert aus. Sie sah, wie unendlich oft er den Hut schwang, der immer heller wurde, je mehr er sich entfernte. Dann kehrte sie ins Geschäft zurück und begann im Nebenladen zu räumen, den sie das Spiegellager nannten.

Das Spiegellager, weitaus eleganter als der eigentliche Laden, mit glattem Parkettboden, war derartig angefüllt mit Stapeln von Kristallen, Vasen, Schüsseln, Platten, dass jedermann Angst bekam, sich umzudrehen, aus Furcht, ein Unheil anzurichten. Wenn man das Unglück hatte, auf dem Parkett auszugleiten, konnte man gleich für Tausende Waren zertrümmern! Dutzende von blitzenden Spiegeln hingen an den Wänden, in allen Größen und Preislagen, aber sie hingen auffallenderweise so hoch und derart geneigt, dass man sich in ihnen erst spiegeln konnte, wenn man sich herabneigte. Das war Dorotheas Anordnung, die häufig kritisiert wurde. Aber nein! Dorothea bestand darauf. Sie dachte nicht daran, die Spiegel anders zu hängen, man würde ja verrückt werden, sagte sie, wenn man „hundertfach seine eigene Visage sähe“. Dorothea liebte burschikose Ausdrücke. Die Wahrheit aber war die, dass Dorothea es nicht hätte ertragen können, täglich, stündlich fast, ihr Gesicht im Spiegel zu erblicken, nein, nein, unmöglich! Sie hasste Spiegel überhaupt und mied sie, soweit es möglich war: Dorothea war nicht schön.

Wieder ging die Ladenglocke, und wieder schrak Dorothea zusammen. O nein, sie hatte nicht gestohlen, so war es nicht, sie hatte ein gutes Gewissen. Aber diesmal war es nur ein Dienstmädchen, das einen zerbrochenen Fensterflügel brachte. Sie klingelte dem Gesellen.

2

„Nun, was sagte Dr. Kron?“, fragte Frau Fröhlich, als Dorothea über die schmale Wendeltreppe in die Wohnung zurückgekehrt war.

Frau Adele Fröhlich, die leidend war, erfuhr vom Leben nur noch durch die Berichte der wenigen Menschen, die sie umgaben. Seit dem Tod ihres Mannes hatte sie nur noch ganz selten das Haus verlassen.

Sie gehörte zu den Menschen, die ein Schicksalsschlag ausgelöscht hat und die nur noch als Schatten dahinleben. Frau Fröhlich war eine kleine Frau mit spärlichen Haaren, sorgfältig geflochtenen grauen Zöpfchen um den Kopf und einer Brille, die ihre Augen unnatürlich groß erscheinen ließen. Von Jahr zu Jahr schrumpfte sie sichtbar zusammen, und sooft man sie nach geraumer Zeit wiedersah, schien sie kleiner geworden zu sein. Sie war von großer Güte und Mildtätigkeit und bei jeder Gelegenheit bis zu Tränen gerührt. Unüberwindlich war ihre Menschenscheu, die sich bis zur Krankhaftigkeit steigerte. Dorothea war es noch im letzten Jahr gelungen, sie zu einer Wagenfahrt zu bewegen, einen nochmaligen Versuch würde sie aber wohl kaum unternehmen.

O ja, sie hatte Dr. Kron durch den Fensterspiegel gesehen, sagte Frau Fröhlich. „Wie aus einem Modejournal sah er aus, elegant und wie aus dem Ei geschält!“

„Dieses Grau seines Anzugs, Muttchen! Und der Hut war um eine Nuance heller.“

„Er weiß, was er seiner Kundschaft schuldig ist.“

„Sogar der Sommer kann jetzt kommen“, sagte Dorothea. „Dr. Kron pflegt ja immer den Jahreszeiten vorauszugehen. Er lässt herzlich grüßen und wird am Sonntag zum Kaffee kommen.“

Frau Fröhlich nickte erfreut. Für jeden Gruß und die geringste Aufmerksamkeit war sie dankbar, oft nahm sie unter Tränen nichtssagende Botschaften aus der Welt entgegen, die sie mied. Sie wusste es zu schätzen, dass Dr. Kron, ein Mann von Lebensart, Bildung und Geist, sie mit seinem Besuch beehrte. Und Dorothea könne glücklich sein, dass ein solch seltener Mann zu ihren Verehrern zählte und nicht die Gesellschaft irgendwelcher Gänse vorzog.

Dorothea lächelte. Es war eine Marotte ihrer Mutter, zu glauben, dass Dr. Kron bis über die Ohren in sie verliebt sei.

„Ich schätze Dr. Kron ungemein“, unterbrach sie und zuckte die Achseln, „du weißt es, Muttchen. Aber aus seiner Verehrung mache ich mir nicht das Geringste und habe daraus auch nie ein Hehl gemacht.“

Ja, Frau Fröhlich wusste es, aber sie konnte es nicht begreifen, dass jemand die Verehrung Dr. Krons so gering schätzte. „Ein solch geistvoller Mann!“ Sie schüttelte den kleinen Kopf.

„Wenn du älter wirst, Dorothea“, fuhr sie fort, „wirst du verstehen, was Verehrung und Zuneigung eines Menschen bedeuten. Noch dazu eines solch ausgezeichneten Mannes!“ Und sie wiederholte, was sie Dorothea schon hundertmal gesagt hatte: „Die geringste Liebe, die man dir entgegenbringt, die allergeringste, ist das Edelste und Kostbarste, was du im Leben erringen kannst, kostbarer als Gold und Edelstein! Denke an deine Mutter!“

Dorothea lachte. „Ich weiß, ich weiß!“, sagte sie. „Ich denke an alles, was mein Muttchen sagt. Aber jetzt sollst du mir lieber sagen, ob wir heute Nachmittag werden Tennis spielen können, Mama.“

Frau Fröhlich blickte durch den Vorhang und beobachtete aufmerksam den Himmel. Sie nahm die Frage ihrer Tochter außerordentlich wichtig. „Ich glaube nicht“, antwortete sie schließlich und wiegte den Kopf auf dem dünnen Hals. „Sei mir nicht böse, Dorothea, ich befürchte, es wird Regen geben.“

„Oh, welch ein entsetzliches Frühjahr!“, rief Dorothea verzweifelt aus. „Ich hatte so große Hoffnungen auf den Nachmittag gesetzt.“ Und wieder beugte sie sich über ihre Rechnungen und Geschäftsbriefe, und die beiden Frauen schwiegen.

Erneut ging die Ladenglocke, aber Dorothea hütete sich aufzuspringen, da sie den Blick der Mutter auf sich gerichtet fühlte.

Eine helle Stimme klang unten im Laden.

„Es ist Meta.“

„Ja, es ist Meta.“ Das war eine Verwandte, die im Geschäft mithalf.

Die Mutter behielt recht. Am Nachmittag goss es in Strömen. Es war nichts mit dem Tennis. Aus, vorbei.

Die Ladenglocke regte sich den ganzen Nachmittag nicht mehr.

Am Abend kroch Dorothea müde in ihre Mansarde empor. Erst hier in ihrer kleinen Kammer fühlte sie sich allein und unbeobachtet.

„Herr im Himmel!“, sagte sie zu sich. „Herr im Himmel! Was ist geschehen? Warum ist Lauterbusch heute nicht gekommen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Warum nicht?“

3

Lauterbusch, ein junger Architekt, von dem man in der Stadt nie sprach, ohne ihm eine große Zukunft zu prophezeien, war vor einigen Tagen bei strömendem Regen völlig unerwartet im Laden erschienen, um einige billige Wassergläser zu kaufen. Das mochte Zufall sein, zugegeben. Merkwürdig musste es aber doch immerhin erscheinen, dass er gestern schon wieder kam.

Diesmal suchte er ein Tintenfass. Ein Tintenfass, man höre! „Aber es muss ein praktisches, brauchbares Tintenfass sein, Fräulein Fröhlich, und nicht zu teuer“, sagte er.

Dorothea zeigte ihm eine Reihe von Tintenfässern, schwere Würfel aus Glas, Tintengefäße mit vernickelten Deckeln und Bronzebeschlägen. Er prüfte alle, schüttelte den Kopf und blickte Dorothea lächelnd in die Augen. „Nein“, sagte er, „ich sehe schon, auch Sie haben kein wirklich brauchbares Tintenfass. Zu schade. Und wie teuer die Dinger sind! Sie wissen, ich bin nur ein unbekannter Architekt und muss sparen. Mein Vater liegt mir sowieso den ganzen Tag in den Ohren, dass ich bei ihm herumsitze.“

Er stellte die Tintenfässer weg und besah sich das ganze Magazin, während sie etwas plauderten. Es schien Dorothea, als sei die Frage nach dem Tintenfass nur ein Vorwand gewesen, um mit ihr sprechen zu können. „Danke, vielen Dank“, sagte er zuletzt. „Ich bedaure, dass die Industrie noch nicht ein einziges brauchbares Tintenfass erfunden hat. Schmutz und Fliegen fallen hinein, es sind die reinsten Insektenfallen, die Tinte trocknet aus, sie taugen alle nichts. Schließlich werde ich mir selbst ein Tintenfass entwerfen müssen, wie?“, schloss er lachend.

Wer in aller Welt konnte so hübsch über ein Tintenfass plaudern?

„Schade, schade. Hoffentlich sehen wir uns gelegentlich auf dem Tennisplatz.“

Da fiel Dorothea noch ein einfaches Tintenfass ein, das sie früher einmal für Schulkinder führten. Sie suchte es. Es hatte doppelte Glaswände, man konnte es auf den Kopf stellen und doch floss keine Tinte heraus.

Lauterbusch war entzückt. Er nannte es ein „wunderbares Modell“. Man konnte es noch mit einem kleinen Korken abstöpseln, um es zu vervollkommnen. „Und schließlich kostet es nur ein paar Pfennige!“, sagte er und sah dabei völlig beglückt aus. „Man sieht, dass es in allen Industrien hervorragende Köpfe gibt!“, fügte er hinzu.

Dorothea hatte Muße, ihn genau zu betrachten, während er das kleine Tintenfass untersuchte. Lauterbusch war ein stattlicher junger Mann mit lockeren dunklen Locken und braunen, glänzenden Augen, die auffallend rein erschienen, so wie man es gewöhnlich nur bei Kindern sieht. Die Oberlippe seines schönen jungen Mundes war mit einem dünnen Schnurrbärtchen geziert. Sie musste lächeln, als sie sich daran erinnerte, dass er früher in der Stadt allgemein der „Afrikaner“ genannt wurde, weil er und ein Mitschüler mit vierzehn Jahren einmal von der Schule ausgerückt waren. Sie wollten beide nach Afrika, und man brauchte eine volle Woche, um sie wieder einzufangen. So heiter und unternehmungslustig sah er auch heute noch aus.

Mit großer Freude, als wäre ihm ein beneidenswerter Einkauf gelungen, verabschiedete sich Lauterbusch.

Eine halbe Stunde wenigstens hatte der Handel gedauert und kaum einige Heller eingebracht. Mehr derartige Kunden, und Dorothea konnte das Geschäft schließen. Und doch war sie in der heitersten Laune und förmlich beglückt von dem Geplauder mit dem hübschen jungen Mann und seinen warmen Blicken, die nicht von ihr wichen.

„Mit wem hast du solange gesprochen?“, fragte die Mutter, als Dorothea hinaufkam. „Man hörte ja Stimmen und Lachen über die Wendeltreppe.“

„Mit dem jungen Lauterbusch, dem Architekten.“

„Mit dem Genie?“

Dorothea lachte. „Ja, mit dem Genie. Er kaufte ein Tintenfass.“

„Ist er denn wieder in der Stadt?“

„Seit ein paar Wochen, erzählte er mir. Professor Gaul in München, bei dem er arbeitete, hat seine Büros schließen müssen, da er keine Aufträge mehr hat.“

Frau Fröhlich seufzte: „Entsetzlich, diese Arbeitslosigkeit heute! Und schlimm ist es für die Eltern. Da haben die jungen Leute nun jahrelang auf den hohen Schulen teures Geld gekostet, und nun sitzen sie zu Hause.“

Dorothea fühlte noch immer, dass ihre Wangen heiß waren. Auch jetzt noch empfand sie die warmen Blicke Lauterbuschs, die, wie ihr schien, unaufhörlich auf sie gerichtet waren. Es waren, ganz ohne Zweifel, die Blicke eines Mannes, der sich für eine Frau interessiert. Soviel verstand sie ja auch. Sie dachte daran, dass er sie neulich von den Tennisplätzen durch den Hofgarten nach Hause begleitet hatte. Sie sah ihn einige Mal am Geschäft vorbeigehen. Dann kaufte er Gläser, er kaufte ein Tintenfass. Sie lachte in sich hinein, das waren natürlich nur Vorwände, verstehst du jetzt?

Lauterbusch hatte ihr früher allerdings niemals seine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Bei der Eitelkeit aller jungen Männer war er nur mit sich selbst beschäftigt. Nur selten sah sie ihn mit einigen ganz jungen Damen flirten, die mit allen kokettierten. Aber vielleicht hatte er erst in der letzten Zeit seine Sympathie für sie entdeckt. War das unmöglich? Vielleicht auch hatte er erst jetzt herausgefunden, dass sie nicht ein albernes Gänschen war, wie die meisten andern Damen, die zum Tennisklub gehörten, sondern eine arbeitende Frau, die ein Geschäft führte und keine Zeit zu allerlei Schnickschnack hatte. Ihre Fingernägel zum Beispiel waren nicht manikürt und poliert, dazu hatte sie ja gar keine Zeit. Es wäre auch völlig nutzlos gewesen, denn den ganzen Tag musste sie mit ihren Händen wühlen und schaffen. Wer sollte denn die Kisten mit dem Porzellan auspacken, ohne sich schmutzig zu machen? Nein, man musste sie nehmen, wie sie war, und es gab genug kluge Leute, die es taten, wie Dr. Kron und der Buchhändler Glöckner, der die Ladentüre aufriss, sooft sie vorbeikam.

Lauterbusch war ein hübscher junger Mann, ohne Zweifel, und es sah gut aus, wenn sein gelocktes Haar etwas unordentlich in die Stirn hing. Wie schön und klar seine Augen waren, hatte sie erst heute gesehen. Stets war er guter, heiterer Laune, und sein Gang war leicht und behänd, als beflügele ihn eine gute Nachricht. Er galt als begabt, und in der Stadt nannte man ihn ein Genie, warum, wusste niemand zu sagen. Nicht ohne Grund hatte ihn der berühmte Architekt Gaul in München, der alle Kirchen und Museen baute, in sein Atelier als Mitarbeiter aufgenommen. Es gab nicht viele Menschen in der Stadt, die so beliebt waren wie er. Vielleicht war es sein gewinnendes, stets gegenwärtiges Lächeln, das ihm die Herzen aller Menschen, selbst der grießgrämigsten, gewann.

Nur einige Nörgler, denen man nichts recht machen konnte, nannten das alles Getue. Seine braunen Locken, sein selbstbewusster Gang, das alles war für sie im Grunde nichts als Überheblichkeit und Größenwahn eines eitlen, leichtfertigen Menschen.

Aber das gerade kümmerte Dorothea nicht. Er war für sie jedenfalls ein gut aussehender junger Mann, mit dem man sich recht gut sehen lassen konnte, nicht wahr?

Vielleicht gefiel sie ihm? Vielleicht, vielleicht? Der Blick, mit dem er sie ansah, war jedenfalls merkwürdig. Auch Dr. Kron sah sie manchmal ähnlich prüfend und werbend an, auch der Buchhändler Glöckner, wenn sie ihre Zeitschriften abholte. Oh, sie hatte manchen Verehrer, Dorothea, das war nicht zu leugnen, aber bis heute war sie kühl und ablehnend geblieben. Sie machte sich nichts aus den Männern, offen gesagt. Sie fand sie in der Mehrzahl anmaßend, eitel und albern. Sie glaubten, sie brauchten nur ihren Schnurrbart zu streichen und zu sagen: Dr. Stöcker, Amtsrichter Dr. Stöcker, und schon sank man in den Staub. O nein! Dorothea führte die Firma Alexander Fröhlich, Glas und Porzellan, Am Neuen Markt, und das war genau so gut wie Dr. Stöcker, Amtsrichter, oder nicht?

Heute hatte sie den ganzen Tag auf den Anschlag der Ladenglocke gewartet. Es wäre reizend und gewiss witzig gewesen, wenn er heute, zum Beispiel, einen Eierbecher verlangt hätte, einen Eierbecher von der und der Konstruktion, einen Eierbecher mit ähnlichen Vollkommenheiten wie sein Tintenfass gestern. Auch über einen simplen Eierbecher hätte er ja reizend plaudern können. Aber er kam nicht. Oh, dieser Tag, wie entsetzlich lang er war!

„Warum kamst du nicht?“, fragte Dorothea in ihrem bescheidenen Zimmer in die Dunkelheit der Nacht hinein. „Warum? Warum?“ Wieder rang sie die Hände, der Regen prasselte gegen das Fenster. „Ich hatte Sehnsucht nach dir. Du konntest doch nach einem Eierbecher fragen.“

Es war ja nun nicht sicher, ob der junge Herbert Lauterbusch sich überhaupt um Dorothea kümmerte, aber es war gewiss, dass Dorothea Fröhlich in Lauterbusch verliebt war, sie, die sich früher nichts aus Männern machte. Wie ein Feuerbrand war die Liebe in Dorotheas Herz gefallen, wie Feuer, das vom Himmel fällt.

„Warum bist du heute nicht gekommen? Warum?“ Die halbe Nacht lag Dorothea schlaflos, und der Regen rauschte.

4

Dorothea Fröhlich war nicht schön. Sie war dunkel wie ein Zigeuner, ihre glanzlosen Haare waren von einer unbestimmten braunschwarzen Färbung und neigten dazu, sich zu unordentlichen Büscheln zu verwirren, sie konnte tun, was sie wollte. Dazu hatte sie dunkelglühende, stets leicht entzündete Augen, die beunruhigend wirkten. Ihr dunkler Teint war unrein, häufig von Pusteln entstellt. Am wenigsten aber konnten ihre dicken, wulstigen Lippen gefallen, die sich weit öffneten und wie geschwollen aussahen, wenn sie lachte. Ihre Zähne allerdings waren schön und schneeweiß, indessen zu kräftig entwickelt, so dass es aussah, als habe sie ein Dutzend Zähne zu viel. Am schlimmsten aber war, dass ihre Oberlippe, ganz wie die Augen, häufig leicht entzündet war.

Sie hatte das Gesicht von ihrem Vater geerbt, der vor zehn Jahren gestorben war. Nun, ein Mann hat ja schließlich nicht die Aufgabe, schön zu sein. Es gab ein Jugendbildnis ihres Vaters, das noch heute über dem kleinen Schreibtisch im Büro hing, unter der Treppe hinter dem Spiegellager. „Weil ich hab ein so hässlich Gesicht, soll man mich auch sehen nicht“, stand auf der Rückseite des Bildes geschrieben, das früher verkehrt an der Wand hing.

Dorothea war von untersetzter Gestalt, fast ohne jede Taille, ihre Hände waren etwas zu voll und bis in den Sommer hinein rot von der Arbeit im kalten Lager.

Nein, schön war Dorothea auf keinen Fall, das wäre übertrieben gewesen. Man kam der Wahrheit näher, wenn man sie hässlich nannte.

Dorothea selbst gab sich keiner Täuschung hin. Sie wusste es selbst nur zu genau, dass die Natur sie in ihrer Laune stiefmütterlich behandelt hatte. Schon in der Schule fühlte sie sich durch Spott und Neckereien verletzt. Wie grausam waren doch Kinder und von welch erschreckender Unerbittlichkeit! So erfuhr Dorothea sehr früh schon, dass ihr Mund zu groß war, ach, sie hatte ja einen Mund wie ein Hottentotte, und ihre Oberlippe war von einer giftigen Biene gestochen worden. Ihr dunkles Aussehen und struppiges Haar trugen ihr den Spottnamen „Zigeuner“ ein, der ihr blieb. Die Zigeuner aber waren ein Pack, das stahl und Frösche und Igel aß! Schon in früher Jugend erkannte sie, dass ein tiefer Abgrund, ein unüberbrückbarer Abgrund, die hübschen Kinder von den hässlichen trennte. Die hübschen Kinder wurden geliebt, verwöhnt, gehätschelt, die hässlichen aber vernachlässigt und beiseite geschoben. Man beachtete sie gar nicht.

In der Schule fühlte Dorothea sich unausgesetzt zurückgesetzt und gekränkt, und als sie heranwuchs, ahnte sie, dass besonders die Mädchen sich in zwei scharf getrennte Klassen teilten, in die schönen und die hässlichen. Der Grad von Schönheit oder Hässlichkeit aber bestimmte ihr Schicksal für das ganze Leben.

Sie begann die Hübschen leidenschaftlich zu hassen, schrankenlos und ingrimmig. Einmal riss sie die Schönheitskönigin der Klasse, Viktoria Karr, Tochter des Bauunternehmers Karr, so wütend an den blonden Zöpfen, dass sie zu Boden stürzte und sich das Gesicht blutig schlug. Welch einen Skandal es gab, und was für ein abscheuliches Mädchen sie doch war!

Die heranwachsende Dorothea schloss sich an die vom Schicksal betrogenen Kinder an, sie versammelte sie um ihren Geburtstagstisch, sie sollten Schokolade und Kuchen haben, soviel sie wollten, während die andern ganz einfach nicht eingeladen wurden, als existierten sie gar nicht. Hanna Messerschmidt wählte sie zur intimen Freundin, nur weil sie verwachsen war. Aus gar keinem andern Grunde! Aber zur gleichen Zeit umschlich sie voll Eifersucht und Neid die Gruppe der schönen Mädchen. Sie hatten wundervolles seidenweiches Haar, sie hatten eine Haut wie Pfirsiche, sie hatten Grübchen in den glatten Wangen, sie waren himmlische Wesen, nicht von dieser Erde! Eine Zeit lang war sie sogar wochenlang rasend und unglücklich verliebt in die schöne Viktoria Karr, die sie seit dem Zusammenstoß kaum mehr eines Blickes würdigte. Sie träumte davon, dass Viktoria einmal zu ihr zur Schokolade käme, herrlich wäre das, sie träumte davon, dass Viktoria ins Wasser stürzte, und sie, Dorothea, würde ihr nachspringen und sie im letzten Augenblick retten. Sie weinte im Traum.

Liebe, Eifersucht, Neid, Hass – niemand ahnte die entsetzlichen Qualen der jungen Dorothea.

All das verging mit den Jahren. Es gab ja noch andere Werte als Schönheit, sollte man meinen! Man konnte zum Beispiel arbeiten. Sie erlernte das Glaserhandwerk und den Handel und unterstützte ihren Vater, so gut sie konnte. Später nahm sie die ungeheure Arbeitslast, die Haus und Firma erforderten, ohne viele Worte zu machen, ganz einfach auf ihre Schultern.

Vom grauenden Tag bis in die späte Nacht war Dorothea ununterbrochen in Tätigkeit. Der Laden musste bedient, die Bestellungen ausgeführt, das Lager ergänzt werden. Die Kisten, die angefüllt mit Gläsern, Schüsseln und Tellern, Fenster- und Spiegelglas von den Fabriken kamen, mussten ausgepackt, Fakturen, Rechnungen, Geschäftsbriefe geschrieben werden. Sie empfing die Reisenden, staubte selbst die Regale ab – nicht ein Stäubchen durfte zu sehen sein, nicht der kleinste Strohhalm von der Verpackung – Glas ist Glas und muss funkeln! Sie überwachte den Haushalt, kommandierte zwei Glasergesellen, die Stunde für Stunde beschäftigt sein wollten, denn jede Stunde kostete ja Geld. Sie strömte derart Umsicht, Kraft und Energie aus, dass jeder ihr blind gehorchte, ohne lange zu fragen, und seine Arbeit ohne Widerspruch tat. Für langes Hin- und Herreden hatte Dorothea keine Zeit.

Schön ist sie nicht, Dorothea, sagten die Leute, aber tüchtig! Ja, tüchtig, was blieb ihr, bei Gott, denn anderes übrig, als tüchtig zu sein, da sie nicht schön war? Dorothea lachte bitter.

Die schönen Frauen, so war das Leben, wurden wie durch einen Zauber in die Höhe getragen, höher, immer höher wie Blüten vom Wind. Sie brauchten nur die Hände zu öffnen und fanden alles, was sie begehrten, Zärtlichkeit und Liebe, Männer, die vor ihnen auf den Knien lagen, sie wurden glückliche Mütter, kein Stäubchen durfte ihre Seele trüben, sie lebten im Paradies. Die anderen aber, die nicht schön waren, die Hässlichen, warum soll man es nicht aussprechen, sie mussten wie Mägde im Schweiße ihres Angesichts arbeiten, Tag und Nacht schuften, sie mussten sich Zärtlichkeit und Liebe erbetteln, Kinder, alles. Das war ihr Los.

Gottlob, die Arbeit füllte Dorothea vollkommen aus. An Männer dachte sie kaum. Sie schätzte sie, wie schon gesagt, nicht besonders. Wenn sie ihr zuweilen schöne Augen machten und sie zum Tanze engagierten, so dachten sie nur an ihr Geld! Dorothea sah es ihnen an. Und Geld hatte sie genug, ja, Gott sei Dank, es war das einzige, was sie besaß. Sie achtete wohl einen Dr. Kron, der sich von früh bis nachts mit seinen Patienten abquälte, gewiss, aber schon einen Buchhändler wie Glöckner konnte sie nicht hoch einschätzen, er stand ihr zu viel auf der Treppe, und was die Beamten hinter ihren geschlossenen Türen taten und die Lehrer, die um vier Uhr schlossen, nun, sie sollten einmal zu ihr kommen und sehen, was Arbeit heißt. Die Arbeit der Männer wurde ungeheuer überschätzt, schien es Dorothea.

Tüchtig! „Ihre Tochter Dorothea ist so tüchtig!“ Ach, Dorothea hasste das Wort „tüchtig“. Sie hätte auch lieber Tee getrunken, wie die jungen Damen, die täglich mit ihren Kavalieren im „Stern“ saßen. Viel lieber! Aber niemand lud sie ein. Die Männer liebten „tüchtige“ Frauen nicht, sie zogen Puppen vor, die sich von früh bis nachts putzten, ihre Fingernägel polierten und ihre Wangen malten.

Frau Fröhlich war mit Dorothea zufrieden und betete sie an. Sie erbleichte bei dem Gedanken, dass eines Tages irgendein Mann auftauchen könne, um Dorothea zu entführen. Und jeden Morgen betete sie zu ihrem Herrgott, dass Dorothea so lange bei ihr bleiben möge, bis sie die Augen schlösse.

5

Dorothea erwachte von einem hellen Gefunkel an der Wand. Die Sonne fiel in den Spiegel ihrem Bette gegenüber.

Augenblicklich erhob sie sich freudig. Und in der gleichen Sekunde erwachte schon wieder die wilde Unruhe in ihr, mit der sie in den Schlaf gesunken war. Wie eine Flamme, in die der Wind bläst, loderte die Sehnsucht in ihrer Brust. Ja, wie ein Feuerbrand war die Liebe in ihr Herz gefallen, urplötzlich, von heute auf morgen. Und sie, die nicht an die Liebe geglaubt hatte!

Indessen, im grellen Licht des Tages erschienen alle Dinge nüchterner als gestern Abend. Vielleicht hatte sie sich getäuscht, als sie glaubte, Lauterbusch habe sie voller Interesse betrachtet und sein Blick zeige einen werbenden Ausdruck? Wie? Vielleicht war es auch nur ein Zufall, nichts als ein elender Zufall, dass er heute Gläser kaufte und morgen ein Tintenfass. Diese Gedanken peinigten sie einen Augenblick. Aber nein, nein, rief sie, es ist unmöglich, gänzlich unmöglich, und schon sah sie wieder die warmen, werbenden Augen Lauterbuschs vor sich.

Es war ein herrlicher Frühlingstag, und schon um zehn Uhr ging sie zum Friseur. Mit diesen Zotteln konnte sie sich doch nicht vor ihm zeigen, sie hatte Geschirr ausgepackt, und da flogen Staub und Heu und Strohhalme durch das Lager.

Um den Georgsbrunnen gaukelten zwei frühe Zitronenfalter in der Sonne, das sah nach Verheißung und Glück aus, und ihr Herz pochte froh. Der Brunnen in der Mitte des Platzes plätscherte und funkelte in der Sonne, die verblasste Vergoldung an den Schuppen des Drachenleibs schimmerte. Heute entdeckte sie sogar einige Spuren roter Farbe am Mantel des heiligen Georg. Wahrhaftig, sie sah heute nichts als Glanz und Gefunkel. Ein wundervoller Tag, Dorothea sprang die Stufen zum Friseur mit einem Satz empor.

Am Nachmittag machte sie sich gleich nach dem Kaffee für den Tennisplatz fertig. Sie ging ganz in Weiß und trug nur ein blassviolettes Band um die Frisur. Violett war Dorotheas Lieblingsfarbe. Sie trug sie in allen Schattierungen, wenn auch Meta behauptete, violett sei die Farbe alter Damen.

Eilig ging sie am alten Markgrafenschloss vorbei und steuerte auf den Eingang des Hofgartens zu. Noch nie hatten sie die Frühlingsblumen so entzückt wie heute, da sie an den gepflegten Rabatten des Hofgärtners vorbeiging. Welch eine betörende Pracht! Die Alleen von hundertjährigen Linden nahmen sie auf und wölbten sich wie mächtige gotische Klostergänge über ihr. Obschon das Laub noch nicht völlig dicht war, herrschte hier eine grüne Halbdämmerung, und nur hier und dort blitzte in der Höhe ein Bündel von Sonnenstrahlen.

Dorothea verlangsamte ihren Schritt, da es noch früh war, und nahm auf einer Bank Platz, um ihren Gedanken nachzuhängen.

Hier war es, in dieser Allee, wo sie vor wenigen Tagen mit Lauterbusch dahingeschlendert war. Oh, gewiss, es war nicht daran zu zweifeln, er hatte in diesem Frühjahr auffallendes Interesse für sie gezeigt. Weshalb hatte er damals auf sie gewartet, als sie hinter ihm herkam? Er konnte doch ebenso gut die Uhr ziehen, als er sie erblickte, und weitergehen, als habe er es sehr eilig. Nun, heute würde sie ihn gewiss sehen und genau seine Blicke und Mienen beachten. Sie träume davon, wie es wäre, wenn er jetzt die Allee heraufkäme und sie hier auf dieser Bank fände?

Ah, Sie hier – Herr Lauterbusch? Sie würde überrascht tun. Ich wollte soeben auf ein Stündchen auf den Platz. Setzen Sie sich doch einen Augenblick zu mir. Sie sollen fühlen, wie märchenhaft still es hier ist. Sehen Sie doch das wunderbare helle Grün der Lindenblätter! Und das Tintenfass? Sind Sie neulich gut nach Hause gekommen? Und sind Sie zufrieden damit?

Ja, sehr zufrieden.

Ich werde mir erlauben, Ihnen demnächst, wenn Sie artig sind, eines jener schweren Tintenfässer zu verehren als Verzierung für Ihren Schreibtisch.

Sehr liebenswürdig.

Aber vielleicht haben Sie gar keinen Schreibtisch, wie?

Nein, ich habe wirklich keinen.

Ist es möglich? Sie haben keinen Schreibtisch?

Nein, Sie wissen, ich bin aus einfachem Hause. Mein Vater ist Polizeiwachtmeister. Da genügt mir auch ein einfacher Tisch.

Natürlich geht es auch ohne Schreibtisch. Man kann auf jedem Tisch große Werke schaffen, wenn man das Zeug dazu hat! Hören Sie, Lauterbusch, ich möchte Sie etwas fragen. Haben Sie wirklich Interesse für mich, oder täusche ich mich? Vielleicht aber heucheln Sie nur Interesse? Nun, weshalb antworten Sie nicht? Finden Sie, dass meine Hände zu groß sind, zu rot? Ich gebe zu, sie sind nicht schön, aber ich muss viele grobe Arbeiten verrichten. Auch meine Figur ist nicht besonders bestechend, ich gebe es zu. Sie lieben das Schlanke, ich weiß es. Sie tanzten ja bei allen Festen mit schlanken Damen. Würden Sie mich lieben können, Lauterbusch, wenn ich schön wäre? Warum antworten Sie nicht? Ich stelle jetzt eine Gewissensfrage an Sie, Lauterbusch! Hören Sie gut zu, beachten Sie jedes Wort.

Würden Sie mich lieben können, wenn ich hübsch wäre?

Keine Antwort. Der Park schwieg.

Dorothea lachte und sah sich um. Ja, wahrhaftig, sie hatte ganz laut mit sich gesprochen. Sie träumte mit offenen Augen. In der Ferne, bei den blühenden Primelbeeten, torkelten zwei alte Frauen, die beide schlecht auf den Beinen waren, hin und her. Sonst war niemand weit und breit zu sehen.