Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Dominik wohnt in einer christlichen WG im Turmzimmer einer alten Villa. Er schlägt sich als Freier Mitarbeiter einer Zeitung durch, sitzt abends bei den gemeinsamen Essen, fährt mit seinem VW-Bus einkaufen, geht im Herbst im Park spazieren und verliebt sich in seine Mitbewohnerin Linda. Er ist zufrieden mit seinem ziellosen Leben und fühlt sich wie in einem Nest. Da taucht eines Tages eine fremde Frau aus seiner Vergangenheit auf und droht, sein liebgewonne-nes Leben zu zerstören ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
»Die Tage vergehen, kurzweilig und immer gleich. Ich trete auf der Stelle, kommt es mir manchmal vor. Ich komme nicht vorwärts. Aber was heißt vorwärts? Wohin denn? Ich habe keine Zukunftsperspektive. Ich warte. Auf irgend etwas. Etwas fehlt noch, aber ich weiß nicht, was. Ich kreise. Auch eine Art der Existenz.«
Dominik wohnt in einer christlichen WG im Turmzimmer einer alten Villa. Er schlägt sich als Freier Mitarbeiter einer Zeitung durch, sitzt abends bei den gemeinsamen Essen, fährt mit seinem VW-Bus einkaufen, geht im Herbst im Park spazieren und verliebt sich in seine Mitbewohnerin Linda. Er ist zufrieden mit seinem ziellosen Leben und fühlt sich wie in einem Nest.
Da taucht eines Tages eine fremde Frau aus seiner Vergangenheit auf und droht, sein liebgewonnenes Leben zu zerstören …
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er wurde 2008 mit dem Friedrich-Glauser-Debütpreis ausgezeichnet.
Bisher sind rund siebzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Novemberland (2023); Schafsgezwitscher (2023); Das heiratende Mädchen (2023); Jesus trinkt den Kaffee schwarz (2024); Café im Hof (2024); Abschied in Cork (2024); Jahrtausendwende (2025); Gezeitenwechsel (2025); Tagundnachtgleiche (2025); Der leere Himmel (2025).
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Ich sitze vor dem Fenster am Schreibtisch und sehe draußen im Park die Blätter gelb werden. Endlich. Der Herbst ist da.
Ich liebe den Herbst. Vor allem, wenn ich hier im Turmzimmer sitze. Alte Jungendstilvilla, Erkerturm, sechseckig. Isolierte Wände und Doppelglasscheiben, ein Holzofen macht mollig warm.
Ich bin froh, dass ich das Zimmer in der WG gekriegt habe. Das schönste im ganzen Haus, finde ich. Hier kann ich in Ruhe arbeiten. Der Sohn der Besitzerin hat es mir vermittelt, ein Freund, den ich im Praktikum kennen gelernt habe, seine Mutter wohnt im ersten Stock mit Perserteppichen, Kristalllüster und alten Schinken an den Wänden. Wunderschönes Buntglasfenster an der Eingangstür. Das Bad auf meiner Etage, in der ein junges Ehepaar wohnt, darf ich mitbenutzen. So muss ich nicht jedesmal zwei Treppen tiefer steigen.
Die Mutter ist eine Unternehmerin im Ruhestand, hat die Villa von ihrem Vater geerbt. Alter Familienbesitz, antike Möbel aus dem achtzehnten Jahrhundert. Als ich einzog, habe ich von einer Tapetentür im Turmzimmer fantasiert, hinter der ich in einem Sekretär aus dem Art Deco einen Stapel Briefe fände, in Frauenhandschrift, eine Liebesgeschichte aus dem vorvorigen Jahrhundert. Aber es gibt leider keine Tapetentür. Das Zimmer ist geheimnislos, aber urgemütlich. Besonders jetzt, in der dunklen Jahreszeit.
Jeden zweiten Tag muss ich raus, mit dem Auto irgendwohin, zu einem Jubiläum des Albvereins oder einer neu gegründeten Frauengruppe oder der Ausstellung eines regionalen Künstlers. Freier Mitarbeiter. Viel ist's nicht jeden Monat, aber für das Zimmer und meinen alten VW-Bus reicht's.
Mein Vater auf Lanzarote hat sich von meinem Studium mehr versprochen. Journalistik und Medienwissenschaft. Aber dieser Job ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Was ich mit meinem Leben vorhabe, so auf lange Sicht, weiß ich nicht. Es gibt keine lange Sicht.
Ich habe mir vorgenommen, ein Buch zu schreiben. Ein Kinderbuch. Eine Herbstgeschichte. Altersgruppe? Schwierig. Achtjährige stelle ich mir vor. Wissen genug, gute Sprache kann man voraussetzen, und kritisches Bewusstsein setzt noch nicht ein. Kein Hinterfragen. Da können Tiere noch sprechen und die Jahreszeiten folgen einer höheren Ordnung. Mehr weiß ich noch nicht. Aber ich freue mich darauf.
An den langen Abenden, wenn es früh dunkel wird, sitze ich in meinem Turmzimmer, leise Hintergrundmusik, Bachs Herbstkonzerte, manchmal von unten Geschirrklappern oder Stimmen. Spaziergänge im Park, unruhig, getrieben, wenn die Blätter fallen.
Ich bin oft unruhig. Getrieben von irgendetwas. Der Suche nach Glück, nach Erfüllung. Was ist ein erfülltes Leben? Das Leben ist so freundlich, wie du es sein lässt, sagt Charles Bukowski. Wahrscheinlich haben die jungen Christen unten in der WG es einfacher mit der Erfüllung.
Manchmal habe ich das Gefühl, ich kreise um etwas. In fliegender Hast, immer rundherum. Ich schaffe es nicht zu landen. In der Mitte, im Herz. Das ist mir unbekannt. Wenn ich wüsste, worum ich kreise, wüsste ich auch, wo ich landen könnte.
Konstantin, der Sohn der Besitzerin, kann das verstehen. Mit ihm führe ich manchmal beim Tee philosophische Gespräche. Er hat als Landschaftsgärtner gearbeitet und musste aus gesundheitlichen Gründen aufhören. Jetzt betreibt er einen Öko-Tierhof draußen beim alten Panzergelände im Westen der Stadt. Er hat sich von ein paar Jahren scheiden lassen, ist Christ geworden und hat nun diese WG aufgemacht für junge Gemeindeglieder, die nicht wissen, wo sie sonst hin sollen. Alle müssen sich neu orientieren und leben in den Tag hinein. Als wäre Zeit genug für alles.
Es ist Zeit genug für alles. Für mich auch. Ich kann mein Leben lenken. Es ist immer gut, einen Plan in der Tasche zu haben, aber ich habe keine Pläne. Ich will mein erstes Buch schreiben. Für Kinder.
Die Siebenjährige von dem Ehepaar, das auf meinem Stock wohnt, hilft mir dabei. Sie kommt mich manchmal besuchen, weil es immer leckeren Kuchen oder Kekse zum Tee gibt, und ich frage sie, was sie denkt und sich vorstellt. Das gibt mir einen Hinweis, was ich schreiben soll.
Die Ahornbäume werden als Erste gelb. Zuerst nur vereinzelt. Die Kastanie zieht nach, die Buchen sind noch grün. Im Garten hinterm Haus blühen die Astern. Der Wein, der an der Fassade klettert, trägt saure Beeren. Konstantin versorgt den Park. Im Frühjahr blühen prächtig seine Magnolien. Manchmal helfen ihm ein paar aus der WG dabei.
Ein Gehege mit Hühnern gibt es auch. Es ist ein bisschen wie auf dem Land hier.
Es ist alles in Ordnung, sage ich mir. Es geht mir gut, ich bin mit meinem Leben zufrieden. Nur manchmal, an nachdenklichen Abenden, wenn ich zur Ruhe komme, weiß ich nicht recht, wohin mit mir. Wohin das Ganze führen soll und welchen Zweck es überhaupt hat.
Besonders, wenn Linda vor meiner Zimmertür steht, einen selbstgebackenen Kuchen bringt, ein halbes Stündchen mit mir plaudern will. Ihr scheues Lächeln, ihre Augen, die sich zu Schlitzen verengen, wenn sie lacht, ihre Hände, die nervös mit der Teetasse herum spielen.
Dann weiß ich nicht mehr weiter.
Um sieben muss ich los. In einen ländlichen Vorort, Jubiläum der Albvereins-Ortsgruppe. Jubilare werden geehrt, vierzig Jahre Mitgliedschaft und mehr. Ich nehme mein Smartphone mit für die Fotos und Interviews. Das ist heutzutage kein Problem mehr.
Den Artikel werde ich gleich heute Abend schreiben, damit ich ihn weg habe. Sechzig Zeilen, die Zeile für einsfuffzig, das macht immerhin neunzig Mäuse. Die Fotos und den Text schicke ich dann per Mail gleich an die Zeitung, dann haben sie sie morgen früh.
Festhalle, offizielle Feierstunde. Karl Stieglitz, einer der Jubilare und zugleich Gründungsmitglied, dankt allen Mitgliedern im Rückblick auf vier Jahrzehnte der Organisation und Durchführung von Aktivitäten für selbstlosen Einsatz, aber auch für gemeinsame Erlebnisse. Die Ziele, schöne Feste zu veranstalten und das Wanderangebot zu erweitern, seien erreicht worden.
Ich sitze am Tisch mit altgedienten Herren, Honoratioren ihres Vororts allesamt, und habe schon ungefähr im Kopf, was ich schreiben werde. Überraschungen wird es nicht geben, ich will nur noch etwas Lokalkolorit atmen und die Ehrung der Jubilare fotografieren.
Mit mir am Tisch sitzt Hans Küfer, seit sechs Jahren Gaujugendwart, ich befrage ihn zur Vereinsarbeit. Der Titel »Gaujugendwart« hört sich seltsam für mich an, aber es hängen keine Hakenkreuzfahnen, nur die des Landkreises und des Vororts. Küfer benutzt das Wort »Gau« ohne Scheu und erzählt, dass sie im Lauf der Zeit über vierhundert Mitglieder sammeln konnten und nun die fünftgrößte Ortsgruppe im Lichtensteingau seien. Küfer kam im Alter von acht Jahren zum Albverein, aus Interesse am Volkstanz. Die bestehende Volkstanzgruppe bildet denn auch einen der Hauptposten der Jugendarbeit, mit der die Kinder von der Straße weggeholt werden sollen.
Im Vorprogramm die Gruppe der Fahnenschwinger, »Fahnenflaigen« heißt das korrekt. Altes Brauchtum, volkstümlich, urdeutsch – ein bisschen mulmig wird mir schon. Entstehen daraus die Neonazis von morgen? Kindervolkstanzen und musikalische Einlagen kommen dazu. Statt hinzuschauen mache ich mir erste Notizen. Das ständische Outfit der Fahnenflaiger, hier findet die Heimatpflege ihren Niederschlag, schreibe ich: Kniebundhosen, Schnallenschuhe und rote Westen mit blitzenden Knopfreihen. Ein aus dem Mittelalter tradierter Sport, in dem sogar Deutsche Meisterschaften ausgetragen werden.
Thomas Wigand, Siebtplazierter der diesjährigen Wettkämpfe, veranschaulicht mit den Figuren der sog. Deutschen Reihe den Sinn des Fahnenflaigens: Symbolisch werden Arbeitsfeld und Ausrüstungsgegenstände der Ritter dargestellt. Auch das Kindervolkstanzen, erläutert er mir, verbildliche durch das paarweise Ringelreihn mit Singen, Stampfen und Klatschen das Alltagsleben vergangener Zeiten.
Der Ernst und die Freude, mit denen die Jungen und Mädchen bei der Sache seien, beweise den Erfolg dieser Form der Jugendarbeit: Statt Tik Tok und Techno haben die Siebenbis Fünfzehnjährigen mittelalterliche Schrittfolgen im Kopf.
Ein weiteres Schlagwort ist »Kameradschaft«. Gemeinschaft als modernes Anliegen liege im Trend, sagt der Bezirksbürgermeister im Grußwort. Gemeinsames Naturerleben und Brauchtumspflege bildeten die Grundlage für einen »Verein des Gemeinwohls«. Sag mir, mit wem du gehst, und ich sage dir, wer du bist, so pointiert der Bürgermeister sinnig, wenn auch das Wohin? dabei ungeklärt bleibt. Finde ich. Zeitgenössisches Weggefährtentum, notiere ich mir, scheint sich hier mit historischem Wertebewusstsein zu einer Körperschaft von altfränkischem Habitus zu verbinden, die sich inmitten einer pessimistischen Instant-Kultur zu behaupten vermag.
Dann der offizielle Festakt, die Jubilare im Halbkreis, namentlich geehrt, Verleihung der Goldenen Vereinsnadel, ich stehe auf dem Podest und fotografiere brav, das anschließende gemütliche Beisammensein schenke ich mir. Gauobmann Günther Fritz sagt mir noch, dass jetzt das erklärte Anliegen des Vereins beginne: die Geselligkeit. Wie die Amerikaner beim Barbecue: fellowship. Um halb zehn bin ich draußen. Noch auf der Heimfahrt diktiere ich die ersten Sätze in mein Smartphone.
Im Turmzimmer sichte ich die Fotos, sie sind gut geworden, mit Blitz, das Smartphone hat mich nicht im Stich gelassen. Einmal hat der Blitz nicht funktioniert, die Fotos alle zu dunkel, ich habe einen Rüffel vom Redakteur bekommen, weil sie ein Foto vom Konkurrenzblatt einkaufen mussten.
Ich werte die Tonaufnahmen aus und die mündlichen Notizen und habe den Artikel in einer halben Stunde fertig. Dann gehört der Abend mir.
Warum ein Kinderbuch? Als Erstling? Was verstehe ich von Kindern?
Ich will ein klares, einfaches Buch schreiben. Über eindeutige Zusammenhänge. Mit der Logik eines Kindes, in der keine Fragen zum sozialen und finanziellen Hintergrund gestellt werden. Ich möchte in die Welt von Achtjährigen hinein sprechen. Ihnen Hilfestellung geben für den weiteren Lebensweg – ach, Quatsch!
Kinderbücher müssen heutzutage pädagogisch wertvoll sein. Mein Buch soll das nicht werden. Es soll Ausdruck meines Vergnügens am Fabulieren und meiner Erzähllust sein. Es soll den Kindern eine heile Welt bieten. Scheiß auf die Pädagogik!
Ich will eine Herbstgeschichte schreiben. Mit einem achtjährigen Jungen. Noah soll er heißen. Weiter weiß ich nicht. Ich frage Katinka, die Kleine von nebenan.
»Ich kann dir bei deinem Buch helfen?«, fragt sie erstaunt.
Ich erkläre ihr, worum es gehen soll.
Sie denkt eine Weile nach. Währenddessen nascht sie von den Keksen, die ich auftische. Tee will sie keinen, obwohl es bei ihr zuhause immer Früchtetee gibt. Vielleicht gerade deshalb.
»Der Sommer ist weg«, sagt sie schließlich und legt die Stirn in kindliche Denkfalten, »und der Herbst noch nicht da. Alles ist in Unordnung, weil der Herbst nicht kommt, wie er soll.
Und der kleine Junge macht sich auf die Suche nach dem Herbst, um ihn zu holen.«
Ich prüfe den Vorschlag. Er gefällt mir. So richtig nach kindlicher Logik.
»Das ist gut, Katinka! Auf die Idee wäre ich nicht so schnell gekommen.
Und was macht der Junge, wenn er den Herbst gefunden hat?«
»Er überredet ihn«, sagt sie einfach.
»Warum will denn der Herbst nicht kommen? Was meinst du?«
Sie überlegt eine Weile und legt wieder ihre Stirn in Falten.
»Der Herbst will einmal Sommer sein. Er hat genug davon, immer nur Herbst zu sein.
Im Sommer ist das Wetter viel schöner, und es ist warm und die Bäume sind grün.«
»Das ist super!«, sage ich begeistert. »Damit kann ich etwas anfangen. Vielen Dank, Katinka!«
»Aber es musss eine Junge sein!«, sagt sie.
»Warum?«
»Weil Mädchen nicht auf solche verrückten Ideen kommen«, sagt sie altklug.
»Na, du könntest aber schon auf solche Ideen kommen, Katinka«, sage ich.
»Da hast du recht.«
Sie rutscht auf dem Korbsessel hin und her. »Hast du noch Kekse?«
»Nein, die sind leider alle. Du hast sie aufgegessen.«
»Dann geh ich wieder rüber. Wenn du mich brauchst, kannst du mich einfach fragen.«
Und sie trägt die Nase ein wenig höher, als sie zur Tür hinaus geht.
Der Herbst, der sich gegen die Ordnung auflehnt. Der trotzig und eigenwillig auf seinen Wünschen beharrt. Und der Junge versucht, die Ordnung wiederherzustellen.
Im Grunde die von Gott geschaffene Ordnung.
Auflehnung gegen Gott? In einem Kinderbuch? Kann ich das bringen? Ich muss es richtig verpacken.
Katinka kann ich nicht fragen. Ihre Mutter hat mir und besonders der Christen-WG verboten, mit der Kleinen über religiöse Dinge zu sprechen. Kein Wort von Gott oder von Jesus. Das Kind solle ohne religiöse Prägung aufwachsen und sich später selbst entscheiden. Was für ein Quatsch!
Als ob eine antireligiöse Prägung keine Prägung wäre!
Die WG hält sich daran. Das wundert mich. Tina, die Mutter, kriegt ihr zweites Kind. Sie arbeitet noch Teilzeit, bis sie in Mutterschutz geht. Zeigt ihren Bauch ohne Scheu. Ihr Mann Klaus arbeitet bei der Polizei. Sie sind recht freizügig und tolerant, nur gegen Religion haben sie etwas. Auch nicht gerade der richtige Platz für sie hier im Haus, aber sie haben die Wohnung gemietet, bevor Konstantin seine WG aufzog.
Manchmal beschweren sie sich, wenn unten der Hauskreisabend stattfindet mit Gitarre und Liedersingen. Mir gefällt das. Manchmal sitze ich dabei, beim sogenannten Lobpreisteil, und höre zu.
Die Lieder handeln allesamt von Jesus. Es sind schöne Lieder, und zum Teil versinken meine Mitbewohner in Andacht, mit geschlossenen Augen. Ich merke, sie singen aus vollem Herzen.
Manchmal beneide ich sie.
Linda wollte mir ein paar von den Liedern beibringen, aber das ist nichts für mich, sagte ich. Ich sitze lieber dabei und höre zu, als Zaungast.
Ich glaube, Linda mag mich.
Sie laden mich jeden Sonntag zu einem Gottesdienst der Gemeinde ein. Freikirchlich. Anders als die Gottesdienste in der Landeskirche, sagen sie. Ich bin zufällig schon wach, trinke meinen Morgentee am Schreibtisch und denke mir: Ach, was soll's? Schaust du dir den Laden einfach mal an.
Ich fahre mit dem eigenen Auto, damit ich gehen kann, wann ich will. Neugebautes Gemeindezentrum draußen in der Vorstadt. Ich halte mich abseits von den Leuten aus der WG, ich will mir in Ruhe ein Bild machen.
Großer Saal. Ein riesiges Holzkreuz an der Rückwand, ein Stehpult, die Gemeindeband nimmt Aufstellung. Elektrifiziert mit E-Gitarren, Schlagzeug und allem.
Es beginnt mit den Abkündigungen. Es wird gefragt, wer zum erstenmal hier sei. Ich hüte mich, mich zu melden. Dann ein Teil, der sich »Worship« nennt. Die Band legt los, die Texte werden per Beamer an die Wand geworfen. Manche der Lieder kenne ich aus den Hauskreisabenden.
Die Leute stehen reihenweise auf und versperren den Blick auf die projizierten Texte. So stehen schließlich alle auf. Sie heben alle die Hände, wiegen sich, tanzen zur Musik, singen hingegeben, ein seliges Lächeln auf den Gesichtern.
Ich bleibe sitzen.
Weiter vorn stehen Linda und die Anderen. Ralf spielt auf der Bühne in der Band mit. Ich beobachte Linda bei ihrer Anbetung.
Vieles an Jesus gerichtet. Vieles über ihn. Viel Ich-Sagen, es geht darum, den Glauben zu erleben, verstehe ich. Der persönliche Bezug gefällt mir, auch wenn vieles abgehoben klingt. Finde ich.
Die Stimmung ist gut, erwartungsvoll. Alle setzen sich wieder, der Prediger tritt an das Rednerpult. Er predigt frei, kein Blick auf sein Skript, wenn er überhaupt eines hat.
Kein Pfarrer – ein echter Prediger.
Er spricht lange, über eine Stunde. Er spricht die Leute direkt an, stellt rhetorische Fragen, antwortet auf Zwischenrufe. Allenthalben beifälliges Gemurmel, Amen mit Betonung auf der zweiten Silbe und: Gepriesen sei der Herr!
Wovon er spricht, ist mir nicht recht klar. Er will nicht missionieren, aber er betont die persönliche Beziehung zu Jesus. Das Vertrauen in ihn. Dass er jetzt mitten unter uns sei. Er beginnt mit einer Episode aus dem Alten Testament, der Esel, der den Weg verweigert, weil er einen Engel sieht, den Bileam nicht sieht. Dann bringt er Beispiele für unsichtbare Hilfe aus der göttlichen Welt. Dann predigt er über Heiligung, Seid heilig, denn ich bin heilig, spricht der Herr, dann behauptet er, dass alle Gläubigen bereits heilig seien. Dann spricht er über die Herrlichkeit, die den Glaubenden nach dem Tod erwartet. Dann kommt er zurück auf Bileams Esel und ermahnt die Gemeinde, nicht blind wie Bileam zu sein und den Engel zu sehen, der gerade durch die Reihen gehe und die Herzen berühre.
Wem Jesus das Herz berührt hat, der solle nach vorne kommen und sich segnen lassen. Einige stehen auf, die Predigt geht in Händeauflegen und Segnungen über. Dann folgt noch ein Lobpreisteil, ruhiger und inniger diesmal. Ralf spielt wirklich gut Gitarre.
Linda weint. Sie spricht mit Ann oder Kathrin, ich kann es nicht genau sehen. Wotan geht auch vor und lässt sich segnen, und Konstantin geht vor die Tür, um eine zu rauchen.
Dann noch einmal Abkündigungen, und der gesellige Teil findet im Gemeindecafé statt. Wie im Albverein.
Ich habe genug und verkrümle mich nach draußen. Jesus hat mein Herz nicht berührt, aber ich bin beeindruckt. Dieser Gottesdienst war anders als alles, was ich von der Landeskirche her kenne.
Draußen atme ich einmal kräftig durch und stelle mich zu Konstantin. Wir schweigen. Ich bitte ihn um eine Fluppe, weil auch mir jetzt nach Rauchen ist.
»Und? Wie fandest du's?«, fragt er einmal.
»Beeindruckend«, sage ich wahrheitsgemäß.
Dann schweigen wir wieder.
Er raucht zu Ende und geht wieder rein. Die Band dudelt weiter vor sich hin, ich höre Ralf improvisieren. Zumindest klingt es so.
Ich überlege schon, ob ich mich dünnmachen soll, da kommt Linda heraus. Sie hat verweinte Augen und strahlt über das ganze Gesicht.
»Bleibst du noch zum Kaffee?«, fragt sie mich.
»Nein«, sage ich. »Ich fahr gleich wieder.«
»Nimmst du mich mit? Ich will nach Hause.«
»Gern«, sage ich und freue mich auf eine Viertelstunde allein mit Linda. »Zuhause können wir auch Kaffee trinken. Gemütlicher.«
»Weißt du, ich bin gerne in der Gemeinde. Es ist schön, all die Leute wiederzusehen. Aber heute will ich heim.«
Da tauchen Ann-Kathrin auf. Sehen mich stehen und fragen, ob sie mitfahren können.
Die beiden sind Schwestern und wohnen in der WG in einem Zimmer. Es gibt sie meist nur im Doppelpack, deshalb nennen wir sie Ann-Kathrin, im Plural.
Ich bin einverstanden, auch wenn mir das Alleinsein mit Linda flöten geht.
Die beiden setzen sich auf die Rückbank, Linda nimmt neben mir Platz. Ich drehe den Schlüssel, drücke den Startknopf und fahre los. Auf die Ortsumgehungsstraße, so kommen wir am besten in den Stadtteil, wo die Villa steht.
