Der Bergpfarrer Staffel 1 – Heimatroman - Toni Waidacher - E-Book

Der Bergpfarrer Staffel 1 – Heimatroman E-Book

Toni Waidacher

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Beschreibung

-Staffel 1- Hier erhalten Sie die ersten zehn Folgen in einer Ausgabe! Serienbeschreibung: Mit dem Bergpfarrer hat der bekannte Heimatromanautor Toni Waidacher einen wahrhaft unverwechselbaren Charakter geschaffen. Die Romanserie läuft seit über 10 Jahren, hat sich in ihren Themen stets weiterentwickelt und ist interessant für Jung und Alt! Unter anderem gingen auch mehrere Spielfilme im ZDF mit Millionen Zuschauern daraus hervor. E-Book 1: Vronis Sehnsucht nach der Heimat E-Book 2: Intrigen um Tobias E-Book 3: Du bist mein ganzes Glück E-Book 4: Wohin das Schicksal dich trägt E-Book 5: Irrweg ins Glück E-Book 6: Dein Bild in meinem Herzen E-Book 7: Kleine Ausreißerin E-Book 8: Das geduldige Herz E-Book 9: Die Erbin vom Pachnerhof E-Book 10: Die Tochter des Wilderers

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Seitenzahl: 1149

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Inhaltsverzeichnis 

E-Book 1: Vronis Sehnsucht nach der Heimat

E-Book 2: Intrigen um Tobias

E-Book 3: Du bist mein ganzes Glück

E-Book 4: Wohin das Schicksal dich trägt

E-Book 5: Irrweg ins Glück

E-Book 6: Dein Bild in meinem Herzen

E-Book 7: Kleine Ausreißerin

E-Book 8: Das geduldige Herz

E-Book 9: Die Erbin vom Pachnerhof

E-Book 10: Die Tochter des Wilderers

Der Bergpfarrer -1- 

Vronis Sehnsucht nach der Heimat

...bringt Aufregung nach St. Johann

Roman von Toni Waidacher

Die Kirchturmspitze von St. Johann lag noch im Dunst des frühen Nebels, und die Menschen in dem idyllischen Bergdorf schliefen den Schlaf des Gerechten.

Nur ein Mann war in dieser Herrgottsfrühe schon unterwegs. Der sauber geharkte Kies knirschte unter den Schritten seiner Wanderstiefel, als er über den Weg zum Kirchenportal ging. Rechts und links wurde der Weg von einer niedrigen Buchsbaumhecke begrenzt, dahinter lag ein sorgfältig gemähter Rasen, der bis zu den Blumenrabatten vor der weißen Kirchenmauer reichte.

Der Mann schloß die Kirchentür auf und trat in das kühle Gotteshaus ein. Seinen Hut und den Rucksack, den er in der Hand getragen hatte, legte er am Eingang ab. Drinnen war es noch nicht richtig hell, lediglich ein paar Strahlen der eben aufgehenden Sonne warfen ihr Licht durch die hohen Fenster. Staubpartikel tanzten darin.

Der frühe Besucher in Wanderkleidung durchschritt das Kirchenschiff, kniete vor dem Altar und schlug das Kreuz. Einen Moment verharrte er im stummen Gebet, dann stand er auf und wandte sich der Sakristei zu, einem Raum, in dem alte Kirchenbücher aufbewahrt wurden, aber auch Meßgewänder, Kerzen und andere Dinge. Dort drinnen wurde der Gottesdienst vorbereitet.

Der Blick des Mannes fiel auf ein Gemälde, das unter dem Bogengang vor der Sakristei hing. Es hieß ›Gethsemane‹ und zeigte Christus, im Gebet versunken, am Abend vor der Kreuzigung. Nachdenklich blieb der Mann stehen – etwas war hier anders als sonst…

Die Madonna! durchfuhr es ihn siedendheiß. Neben dem Gemälde hatte eine Madonnenstatue ihren Platz. Es war das handgeschnitzte Kunstwerk eines unbekannten Meisters aus dem siebzehnten Jahrhundert. Vor einigen Jahren war die Skulptur von einem Experten begutachtet worden, der ihr einen nicht unbeträchtlichen Wert zubilligte.

Jetzt war diese Madonnenstatue verschwunden!

Dem Mann stockte der Atem, als er nähertrat. Holzspäne auf dem Steinboden zeugten davon, daß der oder die Täter die wertvolle Statue brutal von ihrem Sockel gesägt hatten. Er drehte den Kopf. Die Tür zur Sakristei war geöffnet. Von dort wehte ein kalter Luftzug. Der Mann schaltete das Licht ein und sah, daß die Scheibe des Fensters eingeschlagen war. Dahinter war der Friedhof, von dort mußten die Diebe eingedrungen sein.

*

Maximilian Trenker rekelte sich in seinem Bett. Wieder war das aufdringliche Klingeln des Telefons zu vernehmen. Mühsam rappelte der junge Mann sich auf. Er hatte sich also nicht verhört. Während er sich streckte und ausgiebig gähnte, ging er in das Dienstzimmer hinüber, das gleich neben seinem Schlafzimmer lag. Er nahm den Hörer ab und meldete sich.

»Polizeistation Sankt Johann, Trenker am Apparat.«

»Ich bin’s«, vernahm er die Stimme seines Bruders.

»Gütiger Himmel, weißt du, wie früh es ist?«

»Viertel nach vier«, antwortete Sebastian Trenker. »Max, du mußt sofort kommen. Jemand ist in die Kirche eingebrochen – die Madonna – sie ist gestohlen worden!«

Max Trenker war mit einem Schlag hellwach.

»Ich bin unterwegs«, rief er und warf den Hörer auf die Gabel.

Während der Polizeibeamte in seine Kleider schlüpfte, ging Sebastian Trenker in seinem Arbeitszimmer unruhig auf und ab. Die Madonna gestohlen! Nie hätte er es für möglich gehalten, daß solch ein Verbrechen in dem beschaulichen Bergdorf vorkommen könne – und doch war es geschehen.

Er unterbrach seine ruhelose Wanderung und schaute nachdenklich zu Boden. Dabei fiel sein Blick auf die Wanderschuhe, die er immer noch trug. Kopfschüttelnd setzte er sich und zog sie aus. Die Bergtour, die er für den heutigen Morgen geplant hatte, konnte er getrost vergessen. Daraus würde nun nichts mehr werden.

Schade! Pfarrer Trenker war ein begeisterter Bergwanderer und Kletterer. Niemand, der den Geistlichen nicht kannte, hätte geglaubt, daß dieser sportliche, braungebrannte Endvierziger Pfar­rer ist. Auf den ersten Blick machte er den Eindruck eines agilen, durchtrainierten Touristen, und doch war es so. Eine unerklärliche Liebe zu den gewaltigen, schroffen und majestätischen Bergen trieb Sebastian Trenker immer wieder in schwindelnde Höhen. Dort oben, wo der Himmel zum Greifen nahe schien, dort war er seinem Herrgott noch näher, konnte er stumme Zwiesprache mit seinem Schöpfer halten. Und dort sammelte er neue Kraft für seinen schweren, aufopferungsvollen Beruf.

Pfarrer Trenker war der gute Hirte seiner Gemeinde, der für jeden und alles ein offenes Ohr hatte. Er wußte Rat und Hilfe in verzwickten, oft ausweglosen Lebenslagen. Er liebte seine Gemeinde, und seine Gemeinde liebte ihn.

Die Liebe zu den Bergen teilte er mit seinem Namensvetter, dem berühmten Bergsteiger, Schauspieler und Regisseur, Luis Trenker, und manchmal neckte ihn der eine oder andere Freund liebevoll mit diesem Vergleich, den Sebastian mit einem Schmunzeln abtat.

Wer nicht über seine Liebe zu den Bergen schmunzelte, war Sophie Tappert, Sebastians Haushälterin und Perle im Pfarrhaus.

Sie war eine herzensgute Frau, die in ständiger Sorge um ›ihren‹ Pfarrer lebte. Sie verstand er nicht nur Ordnung und Sauberkeit zu halten – ihre geradezu himmlischen Kochkünste verlockten dazu, mehr zu essen, als es der Linie guttat. Und würde Pfarrer Trenker sich nicht so viel sportlich betätigen und lieber in der gemütlichen Wohnstube des Pfarrhauses sitzen – er würde sich wohl alle paar Wochen eine neue Soutane zulegen müssen.

Und es gab noch einen, der von Frau Tapperts Kochkünsten provitierte – Sebastians Bruder, Max, oft und gerngesehener Gast in der Pfarrhausküche, wo er sich immer wieder gerne zum Essen einlud. Was man ihm aber net unbedingt ansah. Max war rank und schlank, und das gefiel so manchem Madel… – da half es auch nichts, daß sein Bruder so manches Mal warnend den Finger hob.

*

Mit untrüglichem Gespür dafür, daß etwas Schlimmes geschehen war, wachte Sophie Tappert auf. Zwar konnte sie nicht verstehen, was der Herr Pfarrer sagte, aber, daß er aufgeregt telefonierte, war nicht zu überhören. Die Haushälterin schaute auf die Uhr. Nicht einmal halb fünf – wenn der Pfarrer so früh noch im Haus war, dann stimmte etwas nicht. Normalerweise war er schon unterwegs in die Berge – sehr zum Leidwesen seiner Perle, die ihm mehr als einmal prophezeite, er würde dort oben verhungern, oder erfrieren oder noch Schlimmeres.

Inzwischen hatte sie es aufgegeben, mit Engelszungen auf ihn einzureden, allerdings – die stummen Blicke, die sie ihm zuwarf, wenn die Sprache auf das Thema Berge kam, waren deutlich genug.

Frau Tappert stieg aus dem Bett und warf den Morgenmantel über. Dann schlüpfte sie in die blauen Hausschuhe und lief zur Treppe.

»Was gibt’s denn, Herr Pfarrer?« fragte sie aufgeregt. »Ist etwas geschehen?«

»In der Tat«, antwortete der Geistliche. »Wir sind bestohlen worden. Man ist in die Kirche eingebrochen und hat die Madonnenstatue geraubt.«

»Was…?«

Die erschrockene Frau bekreuzigte sich.

»Das ist ja… Gotteslästerung ist das ja!«

»Zunächst einmal ist es Einbruch und Diebstahl«, stellte der Pfarrer nüchtern fest. »Und das fällt erst mal in die Zuständigkeit vom Max. Er muß jeden Moment hier sein. Gell, Frau Tappert, sein S’ so gut und kochen S’ einen Kaffee für ihn. Wie ich meinen Bruder kenne, kann er mit leerem Magen nicht arbeiten.«

Im selben Augenblick klingelte es an der Tür des Pfarrhauses. Sebastian Trenker öffnete, während die Haushälterin in die Küche eilte.

»Grüß dich, Bruderherz«, sagte Max Trenker kopfschüttelnd. »Das sind ja schöne Neuigkeiten, mit denen du mich weckst.«

»Ich hätt’ dich auch lieber ausschlafen lassen«, antwortete Sebastian und schüttelte die dargebotene Hand.

Dann gingen sie zur Kirche hinüber und besahen die Bescherung genauer.

»Da werd’ ich die Kollegen von der Kripo verständigen müssen«, meinte Max. »Bestimmt gibt es Spuren, die wir zwei nicht finden.«

»Hoffentlich ist der Madonna nichts weiter geschehen«, meinte sein Bruder voller Besorgnis. »Die Diebe sind nicht gerade zimperlich vorgegangen.«

Max betrachtete das verbliebene Holzstück in der Wand genauer. 

»Da ist nur der Sockel beschädigt«, meinte er. »Ich glaub’ net, daß sie der Figur selbst schaden. Schließlich wollen sie sie ja irgendwo wieder zu Geld machen. Komm, ich muß telefonieren.«

Vom Pfarrhaus aus benachrichtigte Max Trenker die Kriminalpolizei, dann setzte er sich zu seinem Bruder und der Haushälterin in die Küche.

Der Kaffee duftete herrlich, und auf dem Tisch stand knuspriges Brot, verlockende Marmeladen sowie Butter und Käse. Max, der acht Jahre jünger war als Sebastian, besaß einen ungeheuren Appetit, und ganz besonders die Kochkünste von Sophie Tappert hatten es ihm angetan. Niemals hätte der gutaussehende Bursche eine Mahlzeit abgelehnt. Doch der Madonnenraub war ihm auf den Magen geschlagen. Er trank nur einen Schluck Kaffee. Auch Pfarrer Trenker und seine Haushälterin rührten das Frühstück nicht an.

So rechten Hunger hatte niemand mehr von ihnen.

*

Urban Brandner trieb mit eiligen Rufen die Kühe aus dem Pferch hinter der Hütte. Vierzig Stück waren es, die der alte Senner in seiner Obhut hatte. Die Tiere gehörten drei Bauern unten aus dem Tal, die sie den Sommer über hier oben auf der Alm ließen. Urban versorgte die Herde, morgens und abends wurden die Kühe gemolken, danach verarbeitete er die Milch gleich zu Butter und Käse, die einmal im Monat von den Bauern abgeholt wurden.

Nachdem die Tiere an die Melkmaschine angeschlossen waren, ging der Alte hinüber und öffnete die Sperre an der Tränke. Dazu legte er ein einfaches Rohr, das vom nahen Gebirgsbach herübergeführt wurde, um und drehte den Sperrhahn auf.

Seit mehr als sechzig Jahren verrichtete Urban Brandner nun schon diese Arbeit. Tag für Tag die gleichen Handgriffe. Ganz selten einmal fand er den Weg ins Tal hinunter, und die Leute von Sankt Johann begegneten dem Alten mit einer Mischung aus Ablehnung und Respekt.

Die Bauern schätzten seine Arbeit, insbesondere den Käse, den der Senn droben auf der Alm herstellte, und der bei Gastwirten und in Delikateßläden reißenden Absatz fand. Auf der anderen Seite fürchteten sie Urbans Launen. Jähzornig konnte er werden, wenn etwas nicht nach seinem Kopf ging, und ließ es die Leute deutlich spüren, wenn er jemanden nicht mochte. Wenn ein Wanderer in Urbans Sennenwirtschaft erschien, dessen Nase dem Alten nicht paßte, konnte es vorkommen, daß der ihn umgehend – unter deftigen Worten – nach drau­ßen beförderte.

Später saß Urban draußen vor der Hütte und nahm seine erste Mahlzeit ein. Die Kühe grasten bereits wieder unten, bewacht von zwei Schäferhunden, die der Senner selbst ausgebildet hatte.

Nach dem Essen kümmerte sich der alte Mann um die Milch, setzte neuen Käse an und ließ einen Teil der frischgemolkenen Milch in den Buttertrog. Es war eine mühselige Arbeit, die Urban mit der Hand verrichtete, und es dauerte eine ganze Weile, bis die Butterklumpen sich endlich absetzten.

Zwischendurch schaute er zum Himmel hinauf. Strahlender Sonnenschein lag über den Bergen, und würzige Luft stieg ihm in die Nase. Tief unter sich sah er das Tal liegen, mit all den Menschen, die in Hektik und Arbeit versanken. Stinkende Automotoren, lärmende Radios und Fernsehgeräte. – Urban atmete tief durch – all das brauchte er nicht. Hier oben war seine Welt, hier war er zu Hause, und es reichte ihm, wenn ab und an Bergwanderer bei ihm vorbeischauten, oder allmonatlich die Bauern kamen, um ihren Käse abzuholen, und ihm Neuigkeiten von unten berichteten.

Es war schon später Vormittag, als Urban Brandner vor der Hütte saß. Vor sich auf dem Tisch hatte er verschiedene Messer liegen, und in der Hand lag die geschnitzte Figur eines Hundes. In seiner Freizeit stellte der alte Senner viele solcher Figuren her, und manch ein Wanderer kaufte ihm die eine oder andere ab. Das Geld dafür steckte Urban dann in einen alten Strumpf, den er unter seinem Strohbett versteckte. In den Jahren hatte sich so ein ganz hübsches Sümmchen angespart.

Der Mann betrachtete seine Arbeit und wollte sich eben zufrieden zurücklehnen, als er Schritte vernahm. Urban erhob sich und schaute den Weg hinunter. Es war eine junge Frau, die da ganz alleine heraufkam. Der Senner stand auf und wischte die Holzspäne vom Tisch. Dann trug er die Figur und die Messer in die Hütte hinein. Als er wieder heraustrat, war das Madel schon angekommen.

»Grüß Gott«, sagte die junge Frau mit einem freundlichen Lächeln. »Sind Sie der Herr Brandner? Urban Brander?« 

Der Alte nickte.

»Freilich. Was kann ich für Sie tun?«

Urban trat vollends aus der Tür, und erst jetzt konnte er das Gesicht der Besucherin sehen. Mit offenem Mund und aufgerissenen Augen starrte er sie an. Er fühlte, wie sein Puls raste, und ein heißer Blutstrom zu seinem Herzen schoß.

»Maria…, bist du’s wirklich…?« stammelte er fassungslos.

Das Madel lachte erleichtert auf und setzte den schweren Rucksack ab, den es auf dem Rücken trug. Sie schnaufte. 

»Nein, Maria bin ich nicht, aber Sie… du kennst sie, nicht wahr?«

Urban hatte sich inzwischen gefaßt. Natürlich konnte das junge Madel net seine Tochter Maria sein, dafür war es ja viel zu jung. Aber diese Ähnlichkeit!

»Wer sind Sie?«

»Kannst du dir das net denken?« fragte die Frau zurück. »Man sagt, ich habe viel Ähnlichkeit mit meiner Mutter. Ich bin Veronika, Großvater, deine Enkeltochter.«

Der alte Senner spürte, wie ihm die Tränen in die Augen schossen. Mein Gott, natürlich! Darum hatte er zuerst geglaubt, seine Tochter sei zurückgekehrt, nach all den Jahren. Veronika Seebacher sah die Tränen des Alten und hob zaghaft die Hand.

»Willst mich net willkommen heißen?« fragte sie. Urban breitete beide Arme aus.

»Doch«, flüsterte er. »Sei herzlich willkommen.«

Veronika warf sich in seine Arme, und als sie ihren Kopf an seine Schulter lehnte, spürte sie das Zittern, das den alten Mann durchfuhr.

*

Plötzlich schien es, als wäre das Rad der Zeit zwanzig Jahre zurückgedrehnt worden. Gerade so, als wäre es gestern gewesen, tauchten die Bilder der Vergangenheit vor ihm auf.

Maria Brandner war ein junges, hübsches Madel, und die Burschen im Dorf drunten waren alle wild hinter ihr her. Urban, der nach dem frühen Tode seiner Frau, das Kind ganz alleine großgezogen hatte, führte ein strenges Regiment, und wenn Maria einmal am Samstag abend zum Tanz gehen wollte, dann achtete ihr Vater darauf, daß sie nie alleine ins Dorf ging. Jedesmal war er dabei und paßte auf, daß die Burschen seiner Tochter nicht zu nahe kamen.

Dabei hatte längst einer das Herz des Madels erobert. Als Urban dahinterkam, setzte es ein ungeheures Donnerwetter, und er sperrte Maria eine Woche lang ein.

Und das war der Gipfel. Maria, schon volljährig, wagte es, sich ihrem Vater zu widersetzen, und es kam zu einem bösen Streit, der damit endete, daß Urban seine Tochter verstieß. Bei Nacht und Nebel verließ sie die Sennhütte, in der sie geboren und aufgewachsen war. Urban wußte nicht, wohin sie gegangen war. Er hörte nie wieder von ihr.

Bitterkeit hatte sich in all den Jahren in seinem Herzen eingegraben, und wahrscheinlich führte sie dazu, daß er manchen Leuten gegenüber schroff und ablehnend war.

Kopfschüttelnd betrachtete er nun das Madel neben sich auf der Bank. Er konnte es immer noch nicht glauben. Das also war seine Enkeltochter, das Kind seiner Maria.

»Die Mama war sehr krank«, berichtete Veronika. »Der Papa ist schon früh gestorben, und davon hat die Mama sich net mehr erholt.«

Urban schluckte. Seine Enkelin hatte eine Frage beantwortet, die zu stellen er sich nicht gewagt hatte. – Maria lebte also nicht mehr. Urban schluckte und strich dem Madel über das Haar. Es war genauso blond wie das seiner Tochter, und Veronika hatte dasselbe Gesicht, die blauen Augen, das kleine Stupsnäschen, und sogar das Grübchen auf der rechten Wange – wenn sie lachte, dann war es da.

»Nach einigen Wochen habe ich mich dann um den Nachlaß gekümmert und bin dabei auf einige Papiere gestoßen, in denen dein Name erwähnt ist. Ich habe ja vorher gar net gewußt, daß ich einen Großvater habe.«

Sie schaute ihn liebevoll lächelnd an.

»Und dann hab ich mich auf die Suche nach dir gemacht«, endete sie.

Sie nahm seine rauhe, abgearbeitete Hand und drückte sie fest.

»Ihr hattet wohl Streit?« fragte sie. »Die Mama hat nie über ihre Familie gesprochen.«

Urban wurde verlegen. Natürlich hatte es Streit gegeben, und in all den Jahren hatte er sich mehr als einmal Vorwürfe gemacht, er sei zu streng gewesen. Aber da war es zur Reue längst zu spät.

»Ich hab’ viel gutzumachen«, flüsterte er. »Und ich bin froh, daß du gekommen bist.«

Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke.

»Du liebe Güte«, rief er aus. »Ich bin ein schlechter Gastgeber. Du mußt doch Hunger haben und Durst.«

»Nein, nein, so schlimm ist es nicht«, antwortete Veronika lachend. »Aber ein Glas frische Milch nehme ich gerne.«

Sie war ebenfalls aufgestanden, und schaute sich um. Die Arme um den Großvater legend, strahlte sie den alten Mann an.

»Herrlich hast du’s hier droben«, schwärmte sie. »Man möcht’ am liebsten gar net mehr weg.«

Urban Brandner strahlte zurück, und die Worte des Madels brannten sich in seinem Kopf fest.

*

Markus Bruckner schaute aus dem Fenster seiner Amtsstube hinüber zum Kirchplatz. Dort sah er die zwei dunklen Wagen der Kriminalpolizei stehen. Der Bürgermeister von Sankt Johann wandte sich wieder seinen Besuchern zu.

»Eine schlechtere Nachricht hätten S’ net überbringen können, Herr Pfarrer«, sagte er. »Ausgerechnet die Madonna – wer tut bloß so was?«

Sebastian Trenker hob hilflos die Schulter.

»Wir können nur hoffen, daß die Diebe die Statue uns zum Rückkauf anbieten«, sagte er hoffnungsvoll. »Solche Fälle hat’s ja schon gegeben.«

»Schon«, wandte sein Bruder Max ein, »aber in der Regel werden solche sakralen Kunstwerke auf Bestellung gestohlen. Die Täter wissen genau, welcher ›Kunstliebhaber‹ welches Stück haben will. Das stehlen sie ihm dann.«

Der junge Polizist stand auf und wanderte in der Amtsstube des Bürgermeisters hin und her.

»Die Kollegen berichteten von zwei weiteren Einbrüchen«, fuhr er fort. »Drüben in Engelsbach waren es das silberne Altarkreuz und ein Abendsmahlkelch, und in Waldeck ein wertvolles Taufbecken. Außerdem wurden im weiteren Umkreis Heiligenstatuen, Silberleuchter und in einem Fall eine dreihundert Jahre alte Bibel gestohlen. So, wie es ausschaut, handelt es sich um eine Bande Kirchenräuber, die gezielte Einbrüche verübt. Dafür, daß es keine gewöhnlichen Diebe sind, spricht außerdem die Tatsache, daß in keinem der Fälle die Kollekte angerührt wurde. Und bei uns wurde das Bild ›Gethsemane‹, net gestohlen.«

Pfarrer Trenker erhob sich.

»Ich muß noch hinüber zum Lärchner-Bauern«, verabschiedete er sich von Markus Bruckner.

»Wie geht‘s dem Alten denn?« fragte der Bürgermeister.

»Nicht gut«, bedauerte der Geistliche. »Ich hoffe, ihm etwas Trost in seinem Leiden spenden zu können.«

Max schloß sich seinem Bruder an. Vorm Kirchenplatz standen einige Leute. Der dreiste Diebstahl hatte sich in Sankt Johann schnell herumgesprochen.

»Ist dir in den letzten Tagen denn jemand aufgefallen?« fragte der Polizist. »Ein Fremder vielleicht, der sich verdächtig benommen hat?«

Sebastian überlegte. Ein Gesicht tauchte aus seiner Erinnerung auf, das immer deutlicher wurde.

»Warte«, sagte er, »Ja, das war wirklich jemand. Jetzt, wo du danach fragst, fällt es mir wieder ein. Es muß vor etwa vier Wochen gewesen sein, da kam kurz nach der Abendmesse ein Mann in die Kirche. Ich erinnere mich jetzt genau. Ein älterer, gutgekleideter Herr, der sich interessiert umsah. Er war sehr höflich, fragte, ob er die Kirche besichtigen dürfe, und ob es eventuell etwas Besonderes zu sehen gäbe.«

Max griff nach dem Arm seines Bruders.

»Der hat was mit dem Raub zu tun«, rief er aufgeregt, als habe ihn das Fieber gepackt. »Das spür’ ich. Was war denn weiter?«

»Warte. Der Mann fragte also höflich, und du weißt, ich freue mich über jeden Besucher in unserer Kirche. Natürlich habe ich ihm gestattet, sich umzuschauen, und ich habe ihm auch die Madonna gezeigt.«

Der Priester nickte nachdenklich.

»Und ich denke, ich täusche mich nicht, wenn ich jetzt sage, daß der Mann sich sehr für die Statue interessiert hat. Er wollte alles darüber wissen.«

»Siehst du!« triumphierte Max. »Wir haben eine erste Spur. Überleg’ mal, entweder ist der Kerl der Auftraggeber der Bande, oder er gehört dazu und hat die ganze Sache ausbaldowert.«

»Du könntest recht haben«, stimmte Sebastian Trenker zu. »Immerhin wußten die Diebe genau, wo sie suchen mußten. Schließlich war die Madonna unter dem Bogengang nicht so leicht auszumachen in der Nacht, und weitere Sachen sind nicht gestohlen worden.«

»Du, kannst du den Mann denn nicht noch genauer beschreiben?« wollte Max wissen. »Laß uns doch gleich zu mir ins Büro gehen und eine genaue Täterbeschreibung machen.«

Pfarrer Trenker schaute auf die Uhr von St. Johann. 

»Tut mir leid«, sagte er kopfschüttelnd. »Aber ich muß wirklich zum Lärchner.«

Max nickte verstehend.

»Aber heut’ abend dann. Ich komm’ ins Pfarrhaus.«

»Ja, zum Abendessen«, schmunzelte der Geistliche und machte sich auf den Weg.

Manchmal fragte er sich, ob er wirklich der wahre Grund war, warum Max so oft ins Pfarrhaus kam. Waren es nicht viel mehr die Kochkünste von Sophie Tappert?

*

»Schau, Madel, dieses Gerät nennt man Harfe, oder genauer gesagt, Käseharfe.«

Sie standen in der Käserei der Sennerhütte, und Urban Brandner zeigte seiner Enkelin das Werkzeug. Es sah aus wie ein übergroßer, eckiger Tennisschläger, der an einem langen Stiel befestigt war. Urban tauchte ihn in die Milch.

 »Damit schneidet man den Käsebruch«, erklärte er.

Seit geraumer Zeit befanden sie sich hier schon, und es schien, als tue sich eine völlig neue Welt für Veronika Seebacher auf. Bisher kannte sie Käse nur von der Theke aus dem Supermarkt, und wenn sie ehrlich war, mußte sie zugeben, daß sie sich nie Gedanken darüber gemacht hatte, wie aus der Milch der Kühe Käse wurde.

»Das macht das Lab«, hatte der Großvater zuvor erklärt und ihr erläutert, wie die Milch erhitzt, mit dem Ferment versetzt und schließlich der Bruch geschnitten wurde.

Anschließend schöpfte er den Käsebruch mit großen Tüchern aus der Wanne und preßte ihn mit ihn bereitstehende Formen. So lernte das Madel alles, was es mit der Herstellung des Käses auf sich hatte, und natürlich ließ Urban Brandner es sich nicht nehmen, ihr seine ›geheimen‹ Rezepte zu verraten, mit denen er das Rohprodukt weiter veredelte.

»Das ist wirklich alles sehr interessant gewesen«, bedankte Veronika sich.

Sie saßen vor dem Haus und ließen sich das Mittagessen schmecken. Die Enkelin staunte nicht schlecht – ihr Großvater war nicht nur ein Käsefachmann, er konnte auch sehr gut kochen.

»Ach weißt, Madel, wenn man allein auf sich gestellt ist, dann lernt man so etwas schnell«, wehrte er bescheiden ihr Lob ab. »Und außerdem kommen oft Wandersleut’ vorbei, die net immer nur Rühreier mit Speck essen wollen.«

Später saß Urban alleine auf der Bank. Er hatte seine Pfeife angezündet und rauchte gemütlich, während er stillvergnügt Veronika beobachtete, die mit den Hunden herumtollte. Immer noch war er von dieser frappierenden Ähnlichkeit verblüfft, die das Madel mit seiner Mutter hatte. Dieselbe Grazie und Anmut. Der alte Senner spürte, daß es feucht wurde in seinen Augen, als er Veronika betrachtete. Und er spürte einen leisen Stich in seinem Herzen, als er einmal den flüchtigen Gedanken hatte, er könne sie wieder verlieren. Aber das durfte niemals geschehen! Er würde alles dransetzen, daß er nicht den gleichen Fehler machte, wie damals, als er Maria für immer verlor.

Er war froh, daß heute keine Wandergäste gekommen waren. Sie hätten nur gestört, und Urban war sich nicht sicher, ob sie nicht vielleicht sogar wieder fortgeschickt hätte. Nun, vielleicht hätte er sich diese Unartigkeit heute verkniffen. Er wußte selber, daß er manchmal unausstehlich sein konnte. Doch vor Veronika wollte er sich benehmen. Schließlich sollte sie einen guten Eindruck von ihm haben – und bei ihm bleiben… so, wie sie es ja gesagt hatte.

Als sie dann am Abend im Schein der Petroleumlampe in der Hütte saßen, holte Urban einen alten Schuhkarton hervor. In ihm bewahrte er etliche Fotografien auf. Zum Karton stellte er eine Flasche Veltliner und zwei Gläser, und dann betrachteten Großvater und Enkelin den ganzen Abend die Bilder und schwelgten in Erinnerungen. Bewegt sahen sie die Fotografien von Maria und Theresa Brandner, Urbans Frau und Veronikas Großmutter an, und so manche Träne floß.

*

Die Abendmesse war gerade vorüber. Langsam leerte sich die Kirche. Pfarrer Trenker stand an der Tür und verabschiedete die Gläubigen. Es war niemand darunter, der von dem Einbruch und dem Raub nicht erschüttert gewesen wäre.

Nachdem der letzte gegangen war, drehte der Geistliche sich um und schritt hinüber zur Sakristei. Unwillkürlich fiel sein Blick auf die Stelle im Bogengang, wo bis gestern noch die Madonna ihren Platz gehabt hatte.

»Eine Schande ist das!« vernahm Sebastian Trenker die Stimme des Mesners. »Eine Sünde und ein Verbrechen an Gott.«

»Der oder die Täter werden die gerechte Strafe bekommen«, sagte der Priester und legte Stola und Soutane ab.

Alois Kammeier, der Mesner von St. Johann, nahm den Meßdienern die Gerätschaften ab und verstaute diese im Regal. Dann beugte er sich verschwörerisch zum Pfarrer hinüber.

»Ich weiß ja net, ob’s stimmt«, sagte er leise, damit die beiden Buben nichts mitbekamen, »aber die Leut’ behaupten, die Anderer hätten etwas damit zu tun.«

Er hob die Schulter.

»Ich weiß es ja net – aber es war von denen auch niemand in der Messe. Auch die Burgl net…«

»So ein Schmarr’n«, schimpfte Sebastian Trenker. »Wer behauptet denn solch einen Blödsinn? Die Polizei verfolgt bereits eine Spur, und die führt gewiß net zu den Anderern! Die Leut’ soll’n sich bloß mit ihren dummen Anschuldigungen zurückhalten!«

Die Anderer waren eine wenig angesehene Tagelöhnerfamilie. Der Alte, Jacob Anderer, war als Raufbold und Trinker verschrien, Walburga, seine Frau, schuftete von früh bis spät, um die Familie über Wasser zu halten, zu der auch noch ein Sohn gehörte. Allerdings war ihr Thomas der Typ, der lieber den Madeln hinterherstieg, als einer vernünftigen Arbeit nachzugehen.

Trotz aller Vorbehalte, die man ihnen gegenüber vielleicht haben mochte, war Sebastian Trenker weit davon entfernt, die Familie des Kirchenraubes zu verdächtigen. Das sagte er auch seinem Bruder, der schon von diesem Gerücht gehört hatte. Max winkte ebenfalls kopfschüttelnd ab.

Sie saßen in der gemütlichen Pfarrhausküche und ließen sich das Abendessen schmecken. In der Aufregung des Tages war das Mittagessen ausgefallen, und so hatte Frau Tappert es kurzerhand wieder aufgewärmt.

»Es schmeckt köstlich«, lobte Pfarrer Trenker seine Haushälterin.

»Wie immer«, fügte Max hinzu und stopfte sich eine Gabel Rotkraut in den Mund.

Sophie Tappert registrierte das Lob, antwortete aber nicht. Sie sprach überhaupt nicht viel. Reden ist Silber – Schweigen ist Gold, war ihre Devise. Wer viele Worte macht, läuft Gefahr, viel Dummes zu schwätzen.

Nein, redefleißig war die Perle des Pfarrhaushaltes wahrlich nicht, und wenn sie überhaupt einmal etwas zu einer Sache zu sagen hatte, dann tat sie es kurz und knapp. Meistens begnügte sie sich mit einem Blick, der, je nachdem, Zustimmung oder Mißbilligung ausdrückte.

»Also, wie gesagt, das mit dem Anderern ist wirklich völliger Unsinn«, bemerkte Max, als sie später bei einem guten Tropfen im Arbeitszimmer des Pfarrers saßen. »Aber dieser Mann, von dem du erzählt hast – der ist interessant. Beschreib’ ihn doch einmal.«

Sebastian kramte in seiner Erinnerung und beschrieb den Mann, so wie er ihn vor sich sah.

»An wen erinnert er mich bloß«, fragte Max und dachte angestrengt nach. »Diese Beschreibung – irgendwo hab’ ich den Kerl schon mal gesehen. Wenn ich nur wüßt’ wo.«

Sebastian schenkte von dem Wein ein.

»Also, wenn er mir gegenüber stände, ich würd’ ihn sofort wiedererkennen. Jetzt, wo ich an ihn denke, kommt er mir gar nicht mehr so sympathisch vor, wie damals.«

Die beiden Brüder saßen noch bis spät in der Nacht und dachten an den Mann, der sich so intensiv die Madonnenstatue angesehen hatte.

»Ich fahr morgen in die Kreisstadt«, sagte Max zum Abschied. »Vielleicht wissen die Kollegen dann schon mehr.

Sebastian nickte und brachte ihn zur Tür. Einen Moment noch stand er dann draußen und atmete die laue Nachtluft ein. Dann ging er in sein Arbeitszimmer zurück und setzte sich nachdenklich an den Schreibtisch.

Zum einen ging ihm natürlich der Kirchenraub nicht aus dem Kopf – was waren das nur für Menschen, die sich zu solchen niedrigen Taten hinreißen ließen! – zum anderen dachte er an den Besuch, den er am Nachmittag auf dem Lärchnerhof gemacht hatte.

Als wäre ein Wunder geschehen, ging es dem Altbauern bedeutend besser, als bei dem letzten Besuch. Sebastian war der Überzeugung, daß dies in erster Linie Toni Wiesinger zu verdanken war. Der junge Arzt hatte sich erst vor kurzer Zeit in Sankt Johann niedergelassen und kämpfte immer noch um seine Anerkennung bei den Dörflern. Viele von ihnen waren der Meinung, wenn einer nicht mindestens graue Haare hatte und gebeugt ging, dann konnte er kein richtiger Doktor sein!

Sebastian und Dr.Wiesinger waren sich auf Anhieb sympathisch gewesen, und der Geistliche tat alles, den jungen Mann in den ersten Schritten seiner Selbständigkeit zu unterstützen.

Der Erfolg, den der Arzt mit seiner Behandlung des Lärchner-Bauern erzielt hatte, würde hoffentlich sein Ansehen in Sankt Johann stärken. Obwohl – bei seinen Schäfchen war der Geistliche sich da nicht ganz sicher… Der Pfarrer freute sich jedenfalls darauf, den Mediziner beim nächsten Stammtisch wiederzusehen.

*

»Madel, wie dir das alles von der Hand geht«, staunte Urban Brandner.

Mit Freuden schaute er seiner Enkeltochter zu, die, als habe sie ihr Leben lang nichts anderes getan, die Kurbel des Butterfasses drehte.

»Puh, das ist ganz schön schwer«, stöhnte Veronika. »Besonders wenn die Butter anfängt zu klumpen.«

»Nicht wahr?« lachte der alte Senner. »Aber du machst das perfekt. Sollt mal sehen, in ein paar Wochen bist du soweit, dann kann ich mich zur Ruhe setzen.«

Veronika stimmte in das Lachen ein.

»Da muß ich dich enttäuschen, Großvater, so lang’ bleib’ ich net«, antwortete sie. »In drei Tagen ist mein Urlaub zu Ende. Dann muß ich wieder fort.«

Urban schaute sie ungläubig an.

»Fort…?« murmelte er.

»Ja, freilich. Und außerdem – ich glaub’ net, daß der Christian damit einverstanden wäre, wenn ich für den Rest meines Lebens Sennerin spielen wollte.«

»Christian? Welcher Christian?«

Er schaute das Madel verständnislos an.

»Christian Wiltinger, mein Verlobter«, antwortete Veronika und schlug sich plötzlich vor die Stirn.

»Hab’ ich denn gar nichts von ihm erzählt?«

Urban Brander hörte gar nicht mehr zu. Fortgehen würde sie, hatte Veronika gesagt. Fort, genau wie damals Maria. Aber das würde er niemals zulassen. Das Kind wußte ja gar net, was er tat, kannte doch die Gefahren gar net, die da draußen lauerten. Er mußte sie beschützen, jetzt, da er ihr einziger Verwandter war, den sie noch hatte. Er konnte sie doch nicht fortlassen!

»Großvater, hörst du mir überhaupt zu?«

Ihre Stimme riß ihn in die Wirklichkeit zurück. Da stand sie vor ihm, so zart und zerbrechlich…

»Ja… ja, natürlich«, stammelte er, drehte sich um und schlurfte hinaus.

Draußen setzte er sich auf die Bank und stützte den Kopf in die Hände. Immer wieder hörte er seine Enkelin diesen Satz sagen: »Ich muß wieder fort…«

Aber das konnte doch net richtig sein, dachte Urban Brandner gequält. Er schaute zum Himmel hinauf. Hatte ER es so bestimmt? War dies die Strafe dafür, daß er, Urban, vor so langer Zeit falsch gehandelt hatte?

So mußte es wohl sein. Erst schenkte Gott ihm eine Enkeltochter, dann nahm er sie ihm wieder fort.

Aber das würde er sich net gefallen lassen! Niemand nahm Urban Brandner etwas fort – auch Gott net!

Tränen traten ihm in in die Augen, und um ihn herum schien sich alles zu drehen. Der Alte wischte sich über das Gesicht. Dabei hörte er Veronika drinnen immer noch die Kurbel am Butterfaß drehen. Er war froh, daß sie ihn so, in dieser Verfassung, nicht sah. Benommen stand er auf und holte tief Luft.

Er würde – er mußte verhindern, daß das Madel wieder von ihm ging. Unter allen Umständen! In seinem Kopf reifte ein Plan heran. Ein vager Gedanke zunächst, doch je mehr er darüber nachdachte, um so sicherer war der alte Senner sich.

Drei Tage, hatte Veronika gesagt – dann würde er seinen Plan in die Tat umsetzen.

*

Sepp Reisinger rieb sich die Hände und strahlte. Wie an jedem Samstag abend herrschte Hochbetrieb im ›Goldenen Löwen‹, dem größten Hotel in Sankt Johann. Zum einen waren etliche Touristen abgestiegen, die die Schönheit Sankt Johanns und seiner Umgebung entdeckt hatten, zum anderen fand immer am Wochenende der große Ball auf dem Saal statt, und keiner der Dorfbewohner ließ es sich nehmen, dem Fest beizuwohnen.

Mehr als vierzig Tische standen um die Tanzfläche herum, und auf einer kleinen Bühne hatte die Musikkapelle ihren Platz. Von Walzer bis Polka, jeder Musikwunsch wurde erfüllt. Die Paare drehten sich zu den schmissigen Klängen, und Wein und Bier flossen in Strömen.

Natürlich waren auch hier der schändliche Einbruch und der Madonnenraub das Gesprächsthema des Abends.

Später vermochte niemand mehr zu sagen, wer eigentlich das Gerücht aufgebracht hatte – doch immer wieder war der Name der Familie Anderer im Zusammenhang mit dem Verbrechen zu hören. 

Besonders an einem Tisch ging es hoch her. Dort saßen der Sterzinger-Bauer und seine Familie mit denen vom Nachbarhof, den Bachmeiers. Während die Alten sich lautstark über den Kirchendiebstahl erregten, versuchte Anton Bachmeier die Sterzingertochter, Katharina, in ein Gespräch zu verwickeln. Das dunkelbraune Madel schaute gelangweilt zur Tanzfläche hinüber und strafte den jungen Bachmeier mit Nichtachtung.

Schon seit Wochen versuchten die Eltern sie dazu zu bewegen, Antons Frau zu werden. Noch hatte sie es geschafft, sich dem unter fadenscheinigen Ausflüchten zu entziehen, doch heute hatte der Vater ein ernstes Wort mit ihr geredet. Noch länger würde er sich nicht hinhalten lassen, hatte er gesagt. Wenn sie net bald einwilligte, dann würde der Vater sie über ihren Kopf hinweg mit Anton Bachmeier verheiraten!

Kathi seufzte lautlos auf. Was sollte sie bloß tun? Sie konnte Anton net heiraten. Nicht nur, weil sie ihn überhaupt net mochte – ihr Herz gehörte ja längst einem anderen!

Aber, wenn das herauskam… Kathie wagte gar nicht daran zu denken. Dann gab es eine Katastrophe!

»Magst net tanzen?« vernahm sie Antons Stimme, der ihr gegenüber saß.

Sie schaute zur Mutter, die ihr aufmunternd zunickte.

»Ich hab’ schon immer gewußt, daß sie allesamt Taugenichtse und Tagediebe sind«, sagte der alte Sterzinger in diesem Moment. »Es tät mich net wundern, wenn der Thomas der Einbrecher ist.«

Die anderen nickten bestätigend. Alle bis auf Katharina, die von ihrem Stuhl aufgesprungen war.

»Wie kannst du so etwas sagen?« rief sie empört. »Der Thomas ist ein grundanständiger Kerl, der nur etwas Pech im Leben gehabt hat. Aber, darum dürft ihr ihn net gleich einen Verbrecher schimpfen.«

Das Madel hatte so leidenschaftlich gesprochen, daß alle anderen am Tisch sie erstaunt anblickten.

»Was verteidigst du ihn denn so vehement?« argwöhnte ihr Vater auch gleich. »Hast dich gar in ihn verguckt?«

Katharina spürte, wie sie rot wurde, während die Mutter erschrocken das Kreuz schlug. Anton Bachmeier und seine Familie schauten sie verwundert an.

»Hock dich wieder hin!« befahl Joseph Sterzinger seiner Tochter. »Und laß dir ja nur keine Flausen wachsen. Du heiratest den Anton und damit basta!«

Er wandte sich seinem Schwiegersohn in spe zu und hob seine Maß.

»Prost, Anton«, sagte er mit breitem Grinsen. »Du bist mir als Schwiegersohn herzlich willkommen, und net dieser dahergelaufene Habenichts. Und jetzt wollen wir eure Verlobung feiern.«

Während alle anderen ihre Gläser hoben und sich zuprosteten, drehte Katharina sich um und lief hinaus.

Die anderen schauten dem Madel ratlos hinterher.

»Kommt, laß uns trinken«, rief Joseph Sterzinger. »Das renkt sich schon alles ein.«

Er schlug Anton auf die Schulter.

»Und wenn erst die ersten Enkelkinder da sind, dann denkt niemand mehr an heute abend.«

*

Katharina schoß durch die Saaltür und lief Thomas Anderer genau in die Arme.

»Holla, wohin so stürmisch?« rief er lachend und zog sie an sich.

Kathie schluchzte auf und warf sich an seine Brust. Zärtlich strich der Bursche ihr über das Haar. Hier draußen, auf dem langen, schwach beleuchteten Flur waren sie einen Moment alleine.

»Was ist denn geschehen?« fragte Thomas.

Katharina berichtete es ihm mit hastigen Worten.

»Geh«, sagte er. »Warte draußen bei meinem Motorrad. Ich komm’ gleich hinterher.«

Er küßte sie auf den Mund und schob sie fort. Dann strich er sich durch den dunklen Haarschopf, atmete tief durch und öffnete die Saaltür. Mit einem grimmigen Lä­cheln auf den Lippen trat er ein.

Im selben Moment machte die Musikkapelle eine Pause. 

Alle Leute sahen auf, als die Tür hinter dem jungen Mann mit einem lauten Knall zufiel.

Langsam schritt Thomas durch den Raum. Er schaute unverschämt gut aus, wie einige Madeln heimlich zugeben mußten. Die dunklen Haare, das freche, hitzköpfige Lächeln in dem markanten Gesicht. Thomas trug ein kariertes Hemd unter der Lederjoppe und dreiviertellange Krachlederne. Die Daumen hatte er hinter den Hosenträgern, vorne an der Brust, verhakt. So schlenderte er über die Tanzfläche, drehte sich im Kreis und hob stolz den Kopf.

»Wer nennt mich einen Dieb?« rief er plötzlich mit schneidender Stimme.

Niemand antwortete.

Thomas ging zu einem der Tische. Die Leute, die daran saßen, wichen unwillkürlich zurück, als er sich zu ihnen beugte.

»Du vielleicht, Hornbacher?« 

Der Angesprochene schwieg.

»Oder du? Sterzinger?«

Thomas Anderer hatte sich umgedreht und war direkt an den Tisch gegangen, an dem Kathies Eltern saßen.

»Ja, genau du, Sterzinger-Bauer, du hast mich einen Kirchendieb geschimpft.«

Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, daß die Gläser sprangen. Der Bauer antwortete nicht.

»Feiglinge seid ihr, allesamt!« rief Thomas und fegte mit einer Handbewegung den Tisch leer. »Große Töne spucken und net das Maul aufmachen, wenn’s zur Sache geht.«

Er war so in Rage, daß er nicht bemerkte, daß in seinem Rücken ein paar Burschen aufsprangen und langsam näherschlichen. Anton Bachmeier war ebenfalls aufgestanden. Mit einer energischen Bewegung stieß er den Stuhl um, auf dem er gesessen hatte.

»Jetzt ist’s genug, Anderer!« schrie er und ballte beide Hände zu Fäusten.

Dabei flackerten seine Augen böse und sahen in die Richtung, aus der drei Burschen heranschlichen. Thomas Anderer deutete den Blick richtig und drehte sich blitzschnell um. Im selben Moment stürzten sie sich auf ihn. Binnen weniger Sekunden waren sie ein einziges Knäuel, das sich unter dem Gejohle der anderen auf dem Boden wälzte, während Sepp Reisinger eiligst die Gläser und Krüge vom Tresen räumte und in Sicherheit brachte.

Thomas steckte tüchtig ein, aber er teilte auch kräftig aus. Zwei Gegner hatte er zu Boden gestreckt, mit dem dritten rang er keuchend um die Oberhand. Anton Bachmeier umtanzte die Kämpfenden, in der Hand einen Maßkrug, mit dem er zuschlagen wollte.

Thomas Anderer lag auf dem Rücken, und der andere, es war der Wolfgang Herbichler, kniete auf seiner Brust und drückte mit der rechten Hand gegen Thomas’ Hals. Der keuchte und rang nach Luft, und einen Moment wurde es rot und schwarz vor seinen Augen. Es krachte und splitterte, als Anton Bachmeier zuschlug und, gottlob, nur den Fußboden traf.

Mit einer Hand stieß Thomas den Herbichler vor die Brust und erreichte so, daß er den Griff um den Hals lockerte, mit der anderen ergriff er Antons Handgelenk. Der hielt immer noch eine Scherbe des Krugs und kam damit Thomas’ Gesicht gefährlich nahe.

Mit seiner letzten Willenskraft warf Thomas sich zur Seite und entging so dem vielleicht tödlichen Stoß. Gleichzeitig rutschte Wolfgang Herbichler von ihm herunter. Wutentbrannt über diesen gemeinen Überfall schlug Thomas blindlings zu. Es war ihm egal, wen und wohin er traf. Die anderen Männer und Burschen waren ebenfalls aufgesprungen und stürzten sich in das Getümmel. Beinahe hätten sie Thomas wieder am Boden gehabt. Mit einem lauten Schrei, Hände und Füße gebrauchend, befreite er sich schließlich und lief zum Ausgang.

Irgend jemand hetzte hinter ihm her. Noch bevor er die Tür erreichte, riß dieser an seiner Joppe. Thomas drehte sich um und schaute in Anton Bachmeiers Gesicht. Mit aller Wucht schlug Thomas zu. Anton taumelte und fiel mit dem Hinterkopf gegen den Türpfosten. Eine Sekunde riß er die Augen auf, dann rutschte er langsam zu Boden. Auf dem Weiß der Wand zeichnete sich eine blutige Spur ab.

Thomas war erschrocken, als er das Blut sah. Die anderen auf dem Saal schwiegen gelähmt, bis jemand seine Stimme wiederfand.

»Holt den Doktor!« rief er. »Doktor Wiesinger.«

Endlich erwachte die Menge aus ihrer Lethargie. Die Leute sahen Anton auf dem Boden liegen, und sie sahen das Blut.

»Mörder!« schrie jemand, und dieser Ruf holte Thomas in die Wirklichkeit zurück.

»Mörder, Mörder«, riefen jetzt auch die anderen. »Haltet ihn fest!«

Thomas wandte sich um und schaute sie entsetzt an. 

»Aber… ich… das hab’ ich doch net gewollt…«, stammelte er.

Er riß die Tür auf und rannte davon. Hinter sich hörte er den empörten Aufschrei der Leute.

*

Sebastian Trenker lehnte sich zufrieden in seinem Stuhl zurück. Vor ihm, auf dem Schreibtisch, lag der Text für die Predigt am morgigen Sonntag. Der Geistliche nahm einen letzten Schluck aus der Teetasse, die Sophie Tappert ihm vor ein paar Minuten gebracht hatte, und klappte das schwarze Buch zu, in das er immer seine Texte eintrug.

Dann stand er auf, ging zu dem breiten Bücherregal hinüber und nahm einen großen Bildband heraus. Es waren herrliche Fotografien von den größten und schönsten Bergen darin. Am Einband konnte man erkennen, daß Sebastian gern und oft darin blätterte. Bevor er sich wieder setzte, öffnete er das Fenster. Laue Sommerluft wehte herein, und von drüben hörte man die Geräusche aus dem Hotel, wo der Ball stattfand.

Sebastian gönnte seinen Schäfchen dieses Vergnügen von Herzen, wußte er doch, wie hart sie die Woche über arbeiteten. Manchmal nahm er selber daran teil. Doch heute hatte er darauf verzichtet. Immer noch beschäftigte ihn der Raub der Madonna, der auch Inhalt seiner Predigt sein würde, und jetzt wollte er einfach versuchen, sich noch ein wenig abzulenken, bis Max kam. Der Dorfpolizist war in Sachen Kirchenraub unterwegs und befragte Sebastians Amtskollegen in Engelsbach und Waldeck nach dem geheimnisvollen Besucher, den Sebastian so genau beschrieben hatte. Max wollte der Frage nachgehen, ob der Mann die beiden Kirchen ebenfalls vor dem Raub dort besucht hatte.

Pfarrer Trenker wollte sich eben wieder setzen, als er eilige Schritte vernahm, die sich auf dem Pflaster schnell entfernten. Wenig später klingelte es an der Tür. Sebastian öffnete selber, Frau Tappert saß in der kleinen Wohnung im ersten Stock vor dem Fernsehgerät. Wahrscheinlich hörte sie das Klingeln gar nicht.

Vor der Tür stand ein junger Bursche aus dem Dorf. 

»Hochwürden, kommen S’ schnell«, japste er. »Drüben, im Wirtshaus – der Anton, er ist tot. Eine Schlägerei mit dem Anderer-Thomas…«

Sebastian reimte sich den Rest zusammen und drängte den Burschen hinaus. Gleichzeitig griff er nach seinem Sakko, das an der Garderobe hing, und eilte hinterher.

»Ist der Doktor verständigt?« fragte er im Laufen.

»Ich glaub’ schon. Ja, bestimmt ist er schon da.«

Auf dem Saal herrschte Totenstille, als Sebastian eintraf. Der alte Bachmeier hielt tröstend seine Frau in den Armen, während der junge Doktor Wiesinger am Boden kniete und sich um Anton kümmerte. 

Als Pfarrer Trenker eintrat, sah der Arzt kurz auf. Sebastian kniete sich neben ihn und sah auf Anton, der bleich und mit geschlossenen Augen am Boden lag. Unter seinem Kopf hatte sich eine kleine Lache Blut gebildet. Aber der Pfarrer konnte sehen, daß er noch atmete.

»Wie sieht es aus, Doktor, wird er es überleben?«

»Grüß Gott, Hochwürden«, antwortete Toni Wiesinger und nickte. »Ja. Es sieht schlimmer aus, als es ist. Anton ist halt unglücklich gegen die Wand gestoßen. Aber die Blutung ist gestillt. Wir schaffen ihn jetzt in die Praxis, dort werde ich die Wunde nähen, und in ein paar Tagen ist alles vergessen.«

Er schaute in die Runde.

»Von Mord kann also net die Rede sein«, sagte er vernehmlich. »Höchstens von Körperverletzung. Aber das ist net meine Angelegenheit.«

Er wandte sich an ein paar junge Burschen.

»Los, packt mit an«, befahl er. »Aber vorsichtig!«

»Kann mir mal einer erklären, was hier geschehen ist?« verlangte Sebastian Trenker. »Wie kam es zu dieser Schlägerei?«

Unzählige Stimmen prasselten auf ihn ein. Der Pfarrer hob die Arme.

»Um Himmels willen, doch net alle durcheinander. Also, Bachmeier, es ist dein Sohn, was ist passiert?«

Der Bauer berichtete, und die anderen nickten zustimmend. So ganz mochte Sebastian nicht glauben, was der Alte da über Thomas Anderers Schuld an dem Geschehen erzählte, aber er konnte sich ein ungefähres Bild machen.

»Wir wollen hoffen, daß der Anton wieder ganz gesund wird, und daß der Thomas sich seiner Verantwortung net entzieht«, sagte er. »Allerdings bin ich ganz entschieden dagegen, daß hier jemand verurteilt wird, dessen Schuld net einwandfrei erwiesen ist.«

Er schaute in die Gesichter der Leute, die ihn betreten anblickten.

»Vielleicht solltet ihr für heut’ Schluß machen«, schlug er vor. »Die Stimmung ist eh’ dahin.«

Damit wandte er sich um und ging. Er sah aber nicht, daß sich in einer Ecke ein paar Burschen zusammentaten und verschwörerisch miteinander tuschelten.

*

Thomas rannte, als ginge es um sein Leben. Das Motorrad hatte er gegenüber vom Hotel abgestellt. Im Schein der Laterne daneben, sah er Katharina stehen und auf ihn warten. Gleich, als Thomas so gehetzt herausstürmte, ahnte das Madel, daß etwas Schlimmes geschehen war.

Der Bursche schwang sich auf die Maschine und warf sie an.

»Madel, du mußt dich entscheiden«, rief er durch den Motorenlärm. »Entweder kommst’ mit mir oder… oder es ist alles aus.«

Auffordernd sah er sie an. Katharina wurde ganz schwindelig. Wie sollte sie sich nur entscheiden. Sie schaute zum Hotel hin­über. Dort drinnen waren ihre Eltern – und dort drinnen wartete ein Leben an der Seite Anton Bachmeiers.

Kathie zögerte nicht länger und setzte sich hinter Thomas auf das Motorrad. Ganz eng schlang sie die Arme um seine Brust und schmiegte sich an ihn. Thomas gab Gas und sie fuhren davon, als die Hoteltür aufging und ein paar Männer hinausstürmen.

Einer holte Doktor Wiesinger, ein anderer lief zum Pfarrhaus hinüber, um Pfarrer Trenker zu alarmieren, die anderen suchten Thomas Anderer, doch der brauste, Katharina Sterzinger auf dem Sozius, durch die Nacht.

Er wußte eigentlich gar nicht, wohin er sich wenden sollte. Nach Hause konnte er nicht, dort würden sie ihn zuerst suchen. Blieb nur eine Möglicheit. Thomas kannte eine abgelegene Holzhütte, droben am Höllenbruch, einem unwegsamen Waldstück, in dem er schon etliche Male heimlich Holz geschlagen und Fallen gestellt hatte. Dort würde man ihn vielleicht vorerst nicht vermuten, und er war für einige Zeit in Sicherheit und konnte sich überlegen, was er nun tun sollte.

Natürlich würde er weiter fliehen müssen, eventuell sogar ins Ausland. Hier konnte er ja net bleiben, nach allem, was geschehen war. Herr im Himmel, hilf,

ich hab’ ihn doch net umbringen wollen, diesen Hirsch, diesen dammischen! Warum mußte er auch versuchen, mich aufzuhalten?

All diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf, während sie durch die Nacht fuhren. Schließlich erreichte er eine Stelle, wo es mit dem Motorrad nicht mehr weiterging. Er hielt an, und sie versteckten die Maschine im Unterholz und tarnten sie mit Reiser und Blattwerk, daß sie nicht mehr zu sehen war. Dann nahm Thomas Kathie bei der Hand und sie stiegen auf.

Endlich hielt das Madel es nicht mehr aus und faßte sich ein Herz.

»Thomas, willst mir net sagen, was im Gasthaus geschehen ist?« fragte sie.

Beide waren stehengeblieben. Es war ein kaum befestigter Weg, auf dem sie unterwegs waren. Silbern hell leuchtete der Mond durch die Tannen und strahlte auf ihre Gesichter.

Thomas berichtete in knappen Worten, was geschehen war und warum er fliehen mußte. Entsetzen zeichnete sich auf Kathies Gesicht ab, als sie das hörte.

»Glaub’ mir, Madel, ich hab’s net gewollt«, sagte Thomas mit rauher Stimme. »Ich würd’ alles drum geben, wenn ich’s ungeschehen machen könnt’.«

»Aber… was sollen wir denn jetzt machen?« fragte Kathie. »Wohin sollen wir denn? Sie werden dich doch überall suchen.«

Thomas zeigte zum Höllenbruch hinauf.

»Dort oben net«, sagte er. »Erstmal sind wir dort sicher.«

Er schaute sie eindringlich an.

»Was ist, Madel, hast dich entschieden?« wollte er wissen. »Kannst du dir vorstellen, dein Leben mit einem Mörder zu teilen?«

Kathie hörte deutlich die Bitterkeit, die in diesen Worten mitschwang.

»Ich kann dich verstehen, wenn du lieber umkehren willst«, fuhr Thomas fort. »Ich gebe dich frei, wenn du es willst.«

Katharina schaute in sein Gesicht. Nein, das war nie und nimmer das Gesicht eines Mörders! Sie erinnerte sich an den Augenblick, in dem ihr zum ersten Mal bewußt wurde, daß sie Thomas Anderer liebte. Auf der Kirchweih war es geschehen. Thomas hatte mit dem Luftgewehr einen Preis nach dem anderen geschossen, so daß der Besitzer der Schießbude schon ganz ärgerlich wurde. Den größten Preis – einen riesigen Teddybären – hatte er ihr geschenkt.

Mit ein paar Freundinnen war sie dort gewesen und hatte zugeschaut. Thomas drehte sich um und sah sie lächelnd an. Sie kannten sich bisher nur vom Sehen, und Kathie wußte über ihn nur, was alle im Dorf redeten, daß er ein Taugenichts und Tagedieb sei. Aber, als er da so vor ihr stand, den übergroßen Bären in den Händen, und sie anlächelte, da spürte Kathie ihr junges Herz wie wild klopfen.

»Für dich«, sagte Thomas und drückte ihr das Plüschtier einfach in die Hände.

Später sahen sie sich wieder, tanzten sogar in dem Festzelt, und noch später gab er ihr den ersten, heimlichen Kuß. Im Mondschein geschah es, genauwie jetzt.

»Ich weiß, was die Leut’ über meine Familie und mich reden«, sagte Thomas. »Aber für dich, Madel, hätt’ ich mich geändert. Eine Arbeit hätt’ ich mir gesucht, daß wir heiraten können, und ich würd schon für dich sorgen.«

Er schluckte schwer, und auch Kathie spürte einen dicken Kloß in ihrem Hals.

»Du bist kein Mörder, Thomas«, rief Katharina leidenschaftlich. »Es war ein Unfall, und was immer geschieht – ich gehöre zu dir. Nichts und niemand kann uns trennen!«

Wild und ungestüm riß er sie in seine Arme und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen.

»Komm«, sagte er dann und zog sie mit sich.

Zum Höllenbruch hinauf.

*

Sebastian Trenker und Max saßen im Wohnzimmer des Pfarrhauses. Der Polizeibeamte war eben von den Besuchen bei den Amtskollegen seines Bruders zurückgekommen und schüttelte ungläubig den Kopf, als er hörte, was sich auf dem samstäglichen Ball abgespielt hatte. Natürlich würde er die Sache weiterverfolgen, zumal der alte Bachmeier angekündigt hatte, Anzeige erstatten zu wollen.

Wegen versuchten Mordes!

Gottlob ging es Anton Bachmeier schon wieder besser, wie ein Anruf bei Dr. Wiesinger erbrachte.

»Sind die denn alle narrisch geworden?« schimpfte der junge Polizist. »Hau’n sich die Schädel ein!«

Dabei schielte er auf den Teller mit belegten Broten, den Sophie Tappert auf den Tisch gestellt hatte. Es waren köstliche garnierte Schnitten, mit kaltem Braten, Schinken und Käse. Ein kühles Bier hatte sie ebenfalls dazugestellt.

»Greif schon zu«, forderte der Pfarrer seinen Bruder auf.

Sebastian meinte dann, daß er wohl noch etwas an seiner morgigen Predigt ändern müsse und kam dann auf den Diebstahl der Madonnenfigur zu sprechen.

»Hast du denn etwas von meinen Amtsbrüdern erfahren können?«

Maximilian Trenker kaute und nickte.

»Stell dir vor, sowohl in Engelsbach, als auch in Waldeck ist der Mann aufgetaucht. Pfarrer Bernhard und Pfarrer Buchinger haben beide exakt denselben Mann beschrieben, wie du. Gleich Montag früh rufe ich bei den Kollegen von der Kriminalpolizei an und lasse mir Bilder von all denen schicken, die wegen solcher Delikte vorbestraft sind. Vielleicht ist unser Mann ja darunter.«

»Gebe es Gott.«

Er schenkte seinem Bruder das Bier ein.

»Wie geht es denn jetzt mit dem Thomas weiter?« kam er dann auf das leidige Thema zu­rück.

Max zuckte die Schulter.

»Ich werd’ ihn vorladen, und dann kann er zur Sache aussagen oder auch net. Jedenfalls muß ich den Fall dann an die Kriminalpolizei weiterleiten, die wiederum die Staatsanwaltschaft einschaltet.«

Er trank einen Schluck.

»Es ist schon ärgerlich, daß so etwas Dummes geschehen mußte«, meinte er dann.

Sebastian konnte ihm nur zustimmen.

*

Der Saal vom ›Goldenen Lö­wen‹ war wie leergefegt. Nach dem Unfall mit Anton Bachmeier war den Leuten die Lust auf Musik und Tanz vergangen. Allerdings standen noch etliche im Gast­raum und erhoben ihre Stimmen. Es ging ziemlich laut her, und der einstimmige Tenor war, daß man mit diesem Pack aufräumen müsse.

Namentlich Wolfgang Herbichler war es, der die Stimmung aufheizte.

»Wir sollten ihn uns holen«, rief er. »Und dann zeigen wir ihm, wie wir mit seinesgleichen umgehen!«

Beifall wurde laut, und Stimmen, die seiner Meinung waren.

»Jawohl, wir dürfen uns net alles gefallen lassen!«

Und dann wurde schwadroniert, wessen sich die Anderer schon alles schuldig gemacht hätten, Holzdiebstahl, Wilderei, Einbruch, Kirchenraub und jetzt sogar versuchter Mord – das Maß war voll!

Schnell hatte sich eine Gruppe zusammengefunden, und Wolfgang Herbichler wurde ihr Anführer. Unter lautem Gejohle zogen sie los.

Die Anderer bewohnten ein altes, baufälliges Tagelöhnerhaus, das am Rande von Sankt Johann stand. 

Niemand wußte so recht, wem es eigentlich gehörte, und so war es auch jedem egal, daß die Familie darin hauste. Die Männer hämmerten gegen die Tür, die bedrohlich lose in den Angeln hing und jeden Moment herauszufallen schien. Sie riefen Thomas’ Namen und schrien und pfiffen durcheinander. 

Nach einer kurzen Weile zeigte sich ein Gesicht in der Tür. Es war Walburga Anderer, Thomas’ Mutter. Abgearbeitet und verhärmt schaute sie aus. Ängstlich sah sie die aufgebrachten Männer an.

»Was wollt ihr denn?« fragte sie. »Was soll der Lärm?«

»Deinen Sohn wollen wir«, rief der Herbichler.

»Der Thomas ist net daheim«, antwortete die Frau.

Sie fürchtete sich vor den Männern, denn auch Jakob, ihr Mann, war nicht zu Hause. Burgl Anderer wußte nicht, was geschehen war, sie sah nur die Männer und fürchtete sich vor ihnen.

»Geh’, wir schauen selber nach«, sagte der Anführer der Horde und stieß die Frau beiseite.

Ohne um Erlaubnis zu fragen, drangen sie in die Tagelöhnerhütte ein und stellten dort alles auf den Kopf. Thomas fanden sie freilich nicht.

»Wo kann er sein? Wo kann der Kerl sich versteckt haben?«

Vermutungen wurden laut, hier oder dort, wer konnte es sagen?

Schließlich fiel das Wort Höllenbruch, und irgend jemand wußte auch von der Hütte, die es dort oben gab.

Zwei, drei Autos wurden organisiert, und dann fuhren sie los. Nur einer blieb zurück. Langsam wurde sein Kopf wieder klar, und Martin Burger wurde bewußt, daß die Männer im Begriff waren, einen großen Fehler zu machen. Er sah ihnen hinterher, als sie losfuhren, dann lief er, so schnell er konnte, zur Kirche.

Wenn da noch einer helfen konnte, dann Pfarrer Trenker!

Noch schneller, als Thomas es geglaubt hatte, fanden sie ihn und Kathie in ihrem Versteck.

»Schämst du dich net, Madel«, fuhr einer der Männer Kathie an, »dein Verlobter ringt mit dem Tode, und du tust dich mit seinem Mörder zusammen!«

Katharina rang hilflos die Hände. Ohne eingreifen zu können, mußte sie zusehen, wie die Männer Thomas in Stricke legten und ihn dabei mit Tritten und Hieben traktierten. 

So zerrten sie ihn den Weg hinunter, zu der Stelle, wo sie die Autos abgestellt hatten.

Sie wollten den Gefesselten eben in einen der Wagen stoßen, als zwei Autoscheinwerfer aufflammten. In ihrer Aufruhr hatten die Männer gar nicht bemerkt, daß noch ein Auto mehr dastand.«

»Was, in aller Welt, ist bloß in euch gefahren?« vernahmen sie die Stimme ihres Pfarrers.

Sebastian Trenker stieg aus dem Fahrzeug und ging auf die Gruppe zu. Er zog den Strick von Thomas’ Handgelenken.

»Ihr seid ja dümmer, als die Polizei erlaubt«, sagte Max kopfschüttelnd, der ebenfalls ausgestiegen war.

Pfarrer Trenker sah von einem zum anderen, und ihre Köpfe senkten sich unter diesem Blick.

»Wir wollten bloß, daß der Dieb und Mörder seiner gerechten Strafe zugeführt wird«, sagte Wolfgang Herbichler kleinlaut.

»Das ist die Sache der Polizei«, fuhr Max ihn an. »Was ihr da macht, ist Freiheitsberaubung, und das ist strafbar. Ich werd’ euch alle anzeigen.«

Sebastian Trenker hob beinahe hilflos die Hände.

»Was soll ich bloß mit euch anfangen«, sagte er dann

»Selbstjustiz ist das Schlimmste, was man sich denken kann. Sie ist der Anfang von Anarchie und der Untergang von Recht und Gesetz. Wir alle können uns glücklich schätzen, daß wir in einer Demokratie leben, in der auch der Grundsatz gilt, daß niemand für etwas bestraft werden darf, bevor nicht seine Schuld einwandfrei bewiesen ist.«

Er dachte an Martin Burger und war dem Burschen dankbar, daß er ihn und Max rechtzeitig alarmiert hatte.

Rechtzeitig, bevor Schlimmeres geschehen war.

»Ihr könnt euch bei einem eurer Spezie bedanken, daß wir euch von etwas abhalten konnten, das ihr morgen vielleicht schon bereut hättet«, sagte er dann. »Und jetzt seht zu, daß ihr nach Hause kommt.«

Betroffen setzten sich die Männer in die Wagen und fuhren ab. Sebastian und Max Trenker sahen ihnen hinterher. Dann wandten sie sich an Thomas und Katharina, die, eng umschlungen, beiseite standen.

»Also, Thomas, erst mal laß dir gesagt sein, daß der Anton lebt. Er ist zwar verletzt, aber du bist kein Mörder, wie du vielleicht geglaubt hast«, teilte Sebastian ihnen mit.

Thomas atmete erleichtert auf, und das Madel drückte sich an ihn.

»Trotzdem kannst du dich in dieser Sache noch auf etwas gefaßt machen«, warf Max ein. »Der alte Bachmeier hat Anzeige gegen dich erstattet, und du kommst zumindest wegen Körperverletzung dran.«

Er hob die Hände, als Thomas protestieren wollte.

»Wer weiß, vielleicht erkennt der Richter auf Notwehr, und es wird halb so schlimm«, fuhr er fort. »Jedenfalls kommst’ am Montag in mein Büro, dann nehmen wir ein Protokoll auf.«

Thomas nickte und schaute dann Sebastian an.

»Danke, Hochwürden«, sagte er leise.

»Schon gut«, antwortete Sebastian Trenker. »Allerdings würd’ ich mir wünschen, dich öfter mal und unter anderen Umständen zu treffen. In der Kirche nämlich.«

Thomas nickte.

»Ich weiß, ich bin gewiß kein eifriger Kirchgänger.«

Er schaute auf Kathie, die er immer noch in den Armen hielt.

»Aber, das wird sich ändern«, meinte er dann. »So wie sich vieles ändern wird.«

»Ihr mögt euch wohl sehr, was, ihr beiden?«

Beide strahlten den Pfarrer an.

»Ja, Hochwürden, und wir wollen heiraten. Ich werd’ mir eine Arbeit suchen, und dann wird alles anders sein!«

Sebastian Trenker zog hörbar die Luft ein.

»Aber, bevor es soweit ist, wird es noch einen harten Kampf geben«, prophezeite er.

Katharina seufzte. Sie wußte, was der Pfarrer meinte.

»Können Sie net… ich meine, wenn Sie mit Vater reden, vielleicht hat er dann ein Einsehen.«

Der Geistliche nickte ihnen aufmunternd zu.

»Ich will sehen, was sich machen läßt«, meinte er dann und klatschte in die Hände. »So, nun laßt uns aber von hier fortkommen.«

*

Natürlich war auf dem Sterzingerhof noch alles in heller Aufregung, die schließlich Erleichterung Platz machte, als Pfarrer Trenker Kathie nach Hause brachte. Für ein klärendes Gespräch mit dem Bauern war es schon zu spät, doch konnte Sebastian ihm das Versprechen abringen, Kathie für ihr Verschwinden nicht zu strafen. Brummend willigte Joseph Sterzinger ein und verschwand in seiner Kammer.

Das Madel bedankte sich noch einmal, und Sebastian versprach, in den nächsten Tagen vorbeizuschauen und mit dem Vater zu reden.

Max fuhr zurück. An der Kirche setzte er den Bruder ab. Es war schon beinahe Morgen, und die ersten Strahlen der Sonne krochen hinter einem Wolkenschleier hervor.

»Schlaf gut«, sagte der Gendarm zum Abschied.

Der Geistliche winkte ihm hinterher und ging dann langsam zur Kirche hinüber. Sebastian schloß auf und trat ein. Eine Weile stand er unter dem Bogengang, wo die Madonna ihren Platz gehabt hatte. 

Dann setzte er sich auf eine Bank in der ersten Reihe und schaute nachdenklich auf das Kreuz mit dem Erlöser, das über dem Altar hing. Seine Gedanken wanderten in die Ferne, während er eigentlich an seine Gemeinde denken wollte, und über das, was er ihnen morgen, nein, heute – es war ja schon Sonntag – sagen wollte.

Das Bild der Berge tat sich vor ihm auf. Die geliebten Gipfel, die zu erklimmen sein höchstes Glück war. Frei und unbeschwert fühlte er sich dann, und es schien, als wäre ihm Gott nie so nahe, wie in solchen Momenten. Er mußte unbedingt wieder hinauf. Es war eine Leidenschaft, der er wohl bis an sein Lebensende frönen würde – so es seine Gesundheit zuließ. Aber damit hatte er ja auch, Gott sei’s gedankt, keine Probleme. Sportlich war er immer aktiv gewesen, und seine regelmäßigen Touren waren das beste Training.

Sebastian wußte um die Leute, die sich manchmal deswegen ihre Späße erlaubten. »Bergpfarrer« nannten sie ihn dann scherzhaft, und er lächelte über diesen gutgemeinten Spott. Schließlich waren sie seine besten Freunde.

Der Pfarrer verrichtete eine kurze Andacht und bezog Anton Bachmeier in das Gebet mit ein. Dann ging er in das Pfarrhaus hinüber und legte sich schlafen.

Es war ein kurzer unruhiger Schlaf, und als derWecker klingelte, hatte Sebastian das Gefühl, gerade eben erst die Augen zugemacht zu haben.

*

»Weißt’, Großvater, ich arbeite in einer Bank«, erklärte Veronika Seebacher dem alten Mann. »Die würden ganz schön dumm gucken, wenn ich übermorgen net zur Arbeit käme.«

»So, in einer Bank.«

»Ja, und der Christian – mein Verlobter, Christian Wiltinger, ich hab’ dir doch von ihm erzählt – arbeitet auch dort. Wir wollen bald heiraten.«

Das Madel legte den Arm um ihn.

»Das wird der schönste Tag in meinem Leben«, sagte sie. »Und weißt du auch warum? Weil du dabeisein wirst. Ich hab’ doch nur dich, als einzigen Verwandten auf der Welt.«