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Der Erdboden oder vielmehr die Erdkruste sackt natürlich nicht überall gleichzeitig ab, sondern sie sinkt allmählich, weil immer mehr Grundwasser entnommen wird und durch den Kohleabbau sowie den Abbau von Erdöl und Erdgas natürlich viele unterirdische Hohlräume entstanden oder eben gebaut worden sind. Die Folge ist, dass die eigentlich stabilen Gesteinsschichten kollabieren können, wenn die Belastung zu groß wird. Soweit der reale Hintergrund. Und dann folgt die Geschichte, die nur meiner Phantasie entsprungen ist. Niemand muss befürchten, dass tatsächlich in seiner Umgebung demnächst jeden Tag Autos oder sogar Busse und Züge oder ganze Häuser in der Versenkung verschwinden. Es kann passieren. Aber das sind Einzelfälle. Es wird auch in nächster Zeit sicher nicht dazu kommen, dass ganze Straßen, ganze Städte oder sogar ganze Länder wie Atlantis im Untergrund verschwinden. Bis das wirklich passiert, kann es noch viele Jahrhunderte oder Jahrtausende dauern, sofern es überhaupt irgendwann einmal passiert, denn die Geologen haben errechnet, dass die jährliche Absenkung der Erdkruste im Moment durchschnittlich nur 40 Zentimeter ausmacht. Es bleibt also noch sehr viel Zeit, etwas gegen diese Erdlöcher und gegen großflächige Bodenabsenkungen zu unternehmen. Den nutzen die Menschen allerdings nicht, im Gegenteil.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2024
Helga Geerkens
Der Erdboden versinkt im Nirwana
Horrorgeschichte
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Einleitung
2. Nordchina
3. Deutschland
4. Philippinen
5. Russland
6. Türkei
7. Indonesien
8. Indien
9. Costa Rica
10. Vereinigte Staaten
11. Iran
12. Irak
13. Vereinigte Staaten
14. Kolumbien
15. Vereinigte Staaten
16. Mexiko
17. Polen
18. Russland
19. Deutschland
20. Indonesien
21. Iran
22. Nordchina
23. Polen
24. Indien
25. Philippinen
26. Türkei
27. Vereinigte Staaten
28. Indonesien
29. Costa Rica
30. Irak
31. Vereinigte Staaten
32. Mexiko
33. Polen
34. Vietnam
35. Deutschland
36. Philippinen
37. Russland
38. Costa Rica
39. Irak
40. Vereinigte Staaten
41. Türkei
42. Russland
43. Vereinigte Staaten
44. Indien
45. Indonesien
46. Kolumbien
47. Vorletzter Akt: Alles spielt sich nur noch unter der Erde ab
48. Letzter Akt: Das Ende der Erde
Impressum neobooks
Der Erdboden versinkt im Nirwana
Horrorgeschichte
Helga Geerkens
Roman 2024
Übersicht:
Der Erdboden oder vielmehr die Erdkruste sackt natürlich nicht überall gleichzeitig ab, sondern sie sinkt allmählich, weil immer mehr Grundwasser entnommen wird und durch den Kohleabbau sowie den Abbau von Erdöl und Erdgas natürlich viele unterirdische Hohlräume entstanden oder eben gebaut worden sind. Die Folge ist, dass die eigentlich stabilen Gesteinsschichten kollabieren können, wenn die Belastung zu groß wird. Soweit der reale Hintergrund.
Und dann folgt die Geschichte, die nur meiner Phantasie entsprungen ist. Niemand muss befürchten, dass tatsächlich in seiner Umgebung demnächst jeden Tag Autos oder sogar Busse und Züge oder ganze Häuser in der Versenkung verschwinden. Es kann passieren. Aber das sind Einzelfälle. Es wird auch in nächster Zeit sicher nicht dazu kommen, dass ganze Straßen, ganze Städte oder sogar ganze Länder wie Atlantis im Untergrund verschwinden. Bis das wirklich passiert, kann es noch viele Jahrtausende oder Millionen von Jahren dauern, sofern es überhaupt irgendwann einmal passiert, denn die Geologen haben errechnet, dass die jährliche Absenkung der Erdkruste im Moment durchschnittlich nur 40 Zentimeter ausmacht. Es bleibt also noch sehr viel Zeit, etwas gegen diese Erdlöcher und gegen großflächige Bodenabsenkungen zu unternehmen.
Inhaltsverzeichnis
Geologen haben recherchiert, dass die Erdkruste jährlich durchschnittlich um bis zu 40 Zentimeter absinkt. In einigen Gegenden etwas mehr, in anderen etwas weniger. Es liegt also nicht mehr jede Stadt, die im Mittelalter einmal über dem Meeresspiegel lag, heute auch noch dort. Einige Städte liegen inzwischen unterhalb des Meeresspiegels. Dafür gibt es mehrere Ursachen. Das Absacken der Erdkruste ist besonders dort zu sehen, wo viele Kohleabbaugruben sind, wo unterirdische Tunnelsysteme gegraben wurden wie in geschlossenen Bergbaugebieten und dort, wo viel Grundwasser zur Versorgung mit Trinkwasser abgepumpt worden ist. Auch dort, wo viel Erdöl und Erdgas aus dem Boden gepumpt worden ist, ist mit dem Absacken der Erdkruste zu rechnen. Eine gewisse Rolle bei der Absenkung des Bodens dürfte daneben auch das Gewicht der Immobilien spielen, nämlich dann, wenn Gebäude mehr als 200 Meter hoch gebaut werden, wenn viel schwerer Stahl und viel Beton verwendet wird, und wenn mehr als zehn Millionen Einwohner in einer einzigen Stadt leben.
Eine zunehmende Aushöhlung des Bodens ist in Nordchina, Indonesien, auf den Philippinen, in Teilen Indiens und des Iran, in Costa Rica, Panama, Westkolumbien, Florida, Texas und Kalifornien zu verzeichnen. In diesen Gebieten wurde vermehrt Bergbau betrieben, sehr häufig Grundwasser abgepumpt und Erdöl oder Erdgas in großen Mengen gefördert. Das bedeutet allerdings nicht, dass andere Gebiete von den Absenkungen völlig verschont bleiben. Auch in diesen Gebieten finden Senkungen statt, dort aber im Normalfall nur im Bereich von wenigen Zentimetern pro Jahr.
Die Erde wird halt allmählich etwas flacher. Das ist kein Watergate, kein großer Verlust, wenn mal das eine oder andere Auto in einer Bodensenke verschwinden sollte. Die Erdkruste wird halt im Laufe der Zeit etwas dünner.
In Nordchina gibt es große Gebiete, in denen man bis vor kurzem noch sehr viel Kohle abgebaut hat. Zum Teil fördert China ja immer noch relativ viel Kohle, obwohl der Klimawandel eigentlich das Umsteigen auf erneuerbare Energien erfordert und die Elektromobilität in China vorangetrieben wird. China ist nun einmal eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde. Einige Gebiete in China sind ganz besonders vom Kohleabbau betroffen. Insbesondere in Nordchina in der Provinz Hebei und einigen Nachbarprovinzen wird man von einem riesigen unterirdischen Tunnelsystem ausgehen müssen als Folge der jahrzehntelangen und in einigen Gebieten sogar jahrhundertelangen Kohleförderung.
Solche unterirdischen Tunnelsysteme können in großen Gebieten für eine gewisse Instabilität sorgen, wenn dort Wasser eindringt. Wird zusätzlich Grundwasser abgepumpt, können weitere Probleme auftreten. Aber auch schon allein auf Grund des Abbaus großer Mengen von Kohle, Öl und Gas oder Grundwasser kann eine gewisse Instabilität der Gesteinsschichten eintreten, so dass diese kollabieren. Das kann dann auch schon mal gefährlich werden.
Besonders in Nordchina in den Gebieten an der mongolischen Grenze, wo große Teile des Landes ausschließlich dem Kohleabbau dienen, senken sich viele Erdlöcher unverhältnismäßig schnell und stark, weil der übermäßige Kohleabbau dort für eine zunehmende Aushöhlung des Bodens gesorgt hat. Die Landschaft ist zum größten Teil völlig zerklüftet, einige Gebiete komplett zerstört. Überall da, wo Kohle gefördert wurde, findet man riesige Löcher von bis zu 100 Metern Tiefe. Die Löcher sind oft mehrere Kilometer breit. Es gibt haufenweise Erdtrichter, und viele Gruben und Stollen sind schon eingestürzt.
Damit noch nicht genug der Probleme: Der Kohleabbau ist oft nicht die einzige Ursache für die Instabilität der Bodenverhältnisse. Die Förderung anderer Rohstoffe darf dabei nämlich nicht außer acht gelassen werden. Das sind im wesentlichen die Metalle, die in der Elektroindustrie benötigt werden, Erdöl, Erdgas und auch Wasser. Erdbeben können die Situation verschärfen. Und natürlich gibt es auch ganz normale Bewegungen infolge von tektonischen Verschiebungen, allerdings in sehr großer Tiefe. Die Gesteinsschichten der Erdkruste sind ja nicht völlig stabil, sondern bewegen sich infolge der tektonischen Verschiebungen auch etwas, aber in einer Tiefe, in die die Kohleförderung nie gelangen wird. Also kein Problem? Das wiederum weiß man nicht so genau.
In der Provinz Hebei lebt Chang Wang mit seiner Frau Mailin. Chang Wang ist Bergbauingenieur und arbeitet noch immer in einem einschlägigen Betrieb in der Nähe seines Wohnorts. In diesem Betrieb, in dem Chang arbeitet, hatten er und seine Kollegen schon mehrfach Wasser abpumpen müssen, damit die Kohlegruben nicht weiter abstürzten. Dadurch waren große Teile des Grundwassers mit Grubenwasser vermischt worden und infolgedessen verseucht. Auch hatten die Pumpaktionen nicht verhindern können, dass ganze Gebiete mit den Schächten im Laufe der Jahre um hunderte von Metern abgesackt sind. Entsprechend sieht dort die Landschaft ziemlich verwüstet aus. Trotzdem und trotz des Klimawandels wird weiterhin Kohle aus dem Boden geholt.
Chang ist wegen des nach wie vor intensiven Kohleabbaus in dem Gebiet äußerst besorgt. Er hatte sich einige Jahre zuvor mit seinen Kollegen wegen der Klimakrise eigentlich auf einen allmählichen Rückbau der Kohleförderung eingestellt. Die Vorbereitungen dazu hatte Chang bereits abgeschlossen gehabt, als plötzlich im Zuge der Corona-Pandemie von der Verwaltung die Anordnung kam, den Kohleabbau wieder hochzufahren, weil die Kohle gebraucht würde.
„Wenn nun erneut Teile der Kohlegruben einstürzen, das wäre eine Katastrophe!“ sagte Chang zu Mailin. „Ja“, erwiderte seine Frau, „ich weiß noch genau, wie ihr seinerzeit versucht habt, den Einsturz der riesigen Kohlegruben zu verhindern. Fast alles ist abgesackt. Obwohl ihr so viel Wasser abgepumpt habt.“ Eine solche Katastrophe drohte nicht nur in ihrem Gebiet Hebei, sondern auch in den Provinzen Shanxi und Shaanxi, wo es ebenfalls schon riesige Löcher in der völlig zerstörten Landschaft gab. Im restlichen Land war die Situation nicht ganz so schlimm, weil dort nicht in so konzentrierter Form die Kohle abgebaut wurde wie in den drei nördlichen Provinzen.
Dabei hatten Chang und seine Kollegen die Jahre zuvor schon alle möglichen Stabilisierungsmaßnahmen unternommen. Sie hatten fehlende U-Eisen ersetzen lassen. Die waren vorher häufig beim Ausschachten einfach in höheren Lagen entnommen worden, um sie weiter unten zur Stabilisierung einzusetzen. Auch haben Chang und seine Kollegen einen großen Teil der korrodierenden Eisen ersetzen lassen. Alle nicht mehr ausreichend stabilen Befestigungen hatten sie durch neue ersetzen lassen. Ob die Führung ihnen überhaupt noch finanzielle Mittel für die umfangreichen Reparaturarbeiten zur Verfügung stellen würde, war, so wie Chang die Situation einschätzte, höchst zweifelhaft. Schon bisher waren immer nur die Mittel für die dringend notwendigen Arbeiten ausgegeben worden.
Und nun kam die Staatsführung auf die glänzende Idee, die schon aufgegebenen Schächte wieder in Betrieb zu nehmen. Wegen einiger Engpässe in der Energieversorgung sollten, so die Anordnung von oben, alle schon aufgegebenen Schächte, die zur Kohleförderung noch geeignet waren, was bedeutete, wo noch Kohle zu finden war, wieder in Betrieb genommen werden. Verfüllt hatte man diese Schächte ja noch nicht.
Chang hatte diese Anordnung ziemlich überrascht, denn zuvor war in China die Parole ausgegeben worden: Wir werden die führende Nation bei der Versorgung mit Energie durch Strom, wobei der Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen werden sollte. Aber dann kam die Corona-Krise dazwischen. Die hat auch China gewaltige finanzielle Einbußen beschert. Das ursprünglich vorgesehene Programm, China zur führenden Nation bei der Herstellung von elektrisch angetriebenen Fahrzeugen zu machen, wurde zumindest vorerst aufgegeben.
Danach sind alle schon aufgegebenen Schächte wieder in Betrieb genommen worden. Auf eine ausreichende Stabilisierung wurde dabei kaum noch geachtet, denn es blieb ja viel zu wenig Zeit für ausgiebige Überprüfungen aller Schächte. Außerdem wurde die Parole ausgegeben, dass die vorübergehend erhöhte Kohleförderung nur eine kurze Periode darstellen würde, denn das langfristige Ziel sei nach wie vor, China klimaneutral zu machen.
Chang sagte dann zu seiner Frau: „Weißt du noch, als wir die ersten großen Erdbewegungen hier bei uns hatten, als ganze Bergwerke plötzlich verschwunden waren, wie wir meine Freunde Luan Zhang und Dan Yang tagelang gesucht haben? Als dann später die Polizei gekommen ist und gesagt hat, es sind Hunderte in unserer Stadt zur gleichen Zeit in die Tiefe gestürzt, wie furchtbar das für mich war? Und als man vermutete, dass diese Menschen alle in irgendwelche besonders tiefen Erdlöcher gefallen sind, so dass man sie nie mehr wiederfindet?“ Mailin nickte. Auch sie würde die schrecklichen Erlebnisse von damals nicht vergessen. Viele Gruben und ganze Bergwerke waren mit den großflächigen Bodenabsenkungen einfach in die Tiefe gerissen worden.
Beiden war bewusst, dass die Situation erneut ziemlich ernst war. Was damals passiert war, das konnte nun jeden Tag wieder passieren. Wenn die Pumpaktivität nur geringfügig reduziert wurde oder wenn es stark regnete, das reichte manchmal, um erneut das Absacken ganzer Kohlegruben zu verursachen. Und in einigen Fällen sackte dann so manches Haus ab oder sogar eine ganze Straße. Schließlich war das Gebiet, in dem sie wohnten, derart untertunnelt, dass man schon von einem „Schweizer Käse“ reden konnte. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann das nächste Ereignis einen erheblichen Schaden verursachen würde. Und nicht immer blieb es bei Sachschäden.
Die Eheleute Wang erinnerten sich auch an das Unglück in einer Nachbarstadt, als vor einigen Jahren eine ganze Häuserzeile mitsamt den Bewohnern und der Straße, die vor den Häusern verlief, abgesackt war, und man keine Überlebenden mehr gefunden hatte, als man endlich nach mehreren Wochen die Verschütteten gefunden hatte. „Schrecklich war das damals“, sagte Mailin, „so etwas darf hier nicht passieren! Hier stehen noch mehr Häuser als in der Nachbarstadt. Da ist alles so dicht bebaut, dass wir bei einer solchen Katastrophe Tausende von Toten oder sogar Zehntausende von Toten hätten!“
Chang sagte schließlich zu seiner Frau: „Ach, weißt du, Mailin, wenn ich nur ein wenig mehr verdienen würde, hätte ich uns längst eine Wohnung in Peking oder Shanghai gekauft. Dort sind nicht ganz so viele Kohlegruben. Wir wären also nicht einer so großen Gefahr ausgesetzt.“ „Ja, Chang“, erwiderte seine Frau, „dort könnten wir sicherlich besser leben, zumal dort auch die Luft viel sauberer ist als hier.“ Beide Eheleute waren sehr besorgt, dass auch ihnen so etwas passieren konnte, sie also mit ihrer Wohnung eine Etage tiefer befördert werden konnten. Natürlich würden auch sie das vielleicht nicht überleben, damit rechneten sie.
Mailin kam aus einer Landarbeiterfamilie in Südchina. Sie kannte sich daher hinsichtlich der Probleme beim Bergbau nicht so gut aus, sondern verließ sich stets auf die Angaben ihres Mannes. Er war der Fachmann, der sich auf diesem Gebiet sehr gut auskannte. Schließlich hatte er Bergbautechnik studiert. Aber, was sie nicht wusste, Chang war seinen Vorgesetzten etwas zu kritisch, um ihn in alles, was wichtig war, einzuweihen. Chang hatte ihr gegenüber nie erwähnt, dass seine Vorgesetzten ihm offensichtlich ganz wichtige Erkenntnisse bezüglich der Risiken des Bergbaus in Nordchina vorenthielten. Wahrscheinlich hielten seine Vorgesetzten ihn für so wenig loyal, dass sie glaubten, das Risiko, Chang umfassend zu informieren, nicht eingehen zu können. Chang hatte einfach zu viele Fragen gestellt, dachten seine Vorgesetzten.
Chang und Mailin wussten, in ihrem Gebiet war die Gefahr großer Bodenabsenkungen um zehn Meter und mehr viel höher als anderswo, etwa in den USA, wo häufiger Straßen vermutlich als Folge des Tagebaus eingebrochen sind und die Absenkungen manchmal nur wenige Meter oder sogar weniger als einen Meter ausmachten. In Nordchina gab es immer wieder Tote, in anderen Bergbaugebieten hingegen weniger oder gar keine. Jedenfalls bis jetzt. In Nordchina waren die Verhältnisse im Untergrund eben viel instabiler als in anderen Ländern. Hier wurden ja auch viel größere Mengen von Kohle gefördert. Und in China wurde sehr viel tiefer nach Kohle gesucht.
Was Chang von seinen Vorgesetzten verschwiegen worden war, betraf die tektonischen Erdbewegungen und den Zustand der tieferen Schächte, zu denen Chang keinen Zugang hatte. Diesbezüglich hatten seine Vorgesetzten sämtliche Unterlagen, die Chang und seiner Abteilung zur Verfügung standen, manipuliert, indem sie wichtige Erkenntnisse betreffend die Stabilität alter tiefer liegender Schächte und des Zustandes der unteren Gesteinsschichten vollständig entfernt oder verändert hatten. Alle Daten, die Chang und seiner Abteilung zur Verfügung gestellt worden waren, waren unvollständig und in der Regel manipuliert. Das war Chang natürlich irgendwann aufgefallen, aber er konnte dagegen nichts ausrichten, ohne vollkommen in Ungnade zu fallen. Im Gefängnis wollte er ja nun nicht gerade landen. Er wusste ja, dass er das Missfallen mancher Vorgesetzter allein schon durch seine vielen Fragen erregt hatte.
Chang wusste auch, dass es nicht einfach werden würde, in der Umgebung von Peking oder Shanghai eine Arbeit und auch eine bezahlbare Wohnung zu finden. Seine derzeitige Stellung war eigentlich gut bezahlt, jedenfalls im Verhältnis zu anderen Arbeitsstellen. Die verhältnismäßig gute Bezahlung hatte Chang seiner überaus guten Ausbildung und seiner jahrelangen beruflichen Erfahrung zu verdanken. In Peking und Shanghai gab es nicht mehr so viele Beschäftigungsmöglichkeiten für Bergbauingenieure. Aber auch dort ist ja Kohle abgebaut worden, wenn auch vielleicht nicht in dem Maße wie in der Provinz Hebei. Versuchen konnte er es in Peking jedenfalls.
Chang wollte in Peking wenigstens nach einer geeigneten Arbeitsstelle, obwohl er sich als kritischer Zeitgenosse auch dort wenig Chancen ausrechnen konnte. Er schaute also zunächst im Internet in die einschlägigen Arbeitsangebote und konzentrierte sich auf die Unternehmen, in denen der staatliche Einfluss erfahrungsgemäß etwas geringer war. Auch recherchierte er direkt die Mietpreise in Peking. Die waren wesentlich höher als in seiner Stadt. Dafür waren die Gehälter in Peking aber auch viel höher als in der Provinz Hebei. Im Moment allerdings gab es keine lukrativen Angebote, die Chang hätten verleiten können, sich dort zu bewerben, aber vielleicht später.
Vielleicht war es ihm doch nicht so eilig, aus der Provinz Hebei wegzukommen, dachte Mailin, als er ihr mitteilte, dass er noch keine freie Arbeitsstelle in Peking gefunden hatte. Sie sagte aber nichts, sondern nickte nur als Zeichen, dass sie es akzeptierte. Irgendwie hatte Mailin Bedenken, ihrem Mann ganz ehrlich mitzuteilen, wie groß ihre Angst vor Erdbewegungen jeder Art war und wie gern sie nach Südchina zu ihren Eltern gefahren wäre. Hätte sie ihm diese Gedanken offenbart, wäre ihr das wie ein Verrat an ihrem Mann vorgekommen. Er hatte es schließlich schwer genug, indem er alles dafür tat, ihr ein angenehmes Leben zu bereiten. Materiell war sie sehr gut versorgt, weil ihr Mann ihr alles finanzierte, was ihr wichtig war. Deshalb durfte sie sich eigentlich nicht beklagen und tat es auch nicht.
Im Nordosten ist bis vor einiger Zeit Chinas größter Tagebau betrieben worden. Fushun war lange Zeit Chinas Kohlehauptstadt. Seit der Tagebau dort stagniert oder ganz eingestellt worden ist, geht die Industrie bergab. Das war für die Bevölkerung auch keine Lösung. Ein solcher Verlauf sollte für die Provinz Hebei unbedingt vermieden werden, haben die Politiker entschieden. Die Bevölkerung war damit offenbar einverstanden, solange sie nicht unter der extensiven Ausbeutung des Bodens leiden musste.
Auch in Südchina ist ja immer schon viel Kohle abgebaut worden mit der Folge von Bodensenkungen in weiten Landstrichen. Insbesondere die großen Städte blieben von den Bodenveränderungen nicht verschont. Die Schäden waren allerdings für die Bevölkerung nicht so sichtbar wie in den drei nördlicheren Provinzen. Im Süden wurde hauptsächlich in der Provinz Guizhou Kohle abgebaut. Dort lebte allerdings Mailins Familie nicht. Die war vielmehr in der Provinz Yunnan ansässig, eine Provinz, die bekannt für den Teeanbau ist, während es dort kaum Industriebetriebe gibt. Mailins Eltern hatten alles Mögliche angebaut, auch Tee.
Südchina war schließlich für großflächige Verwüstungen gar nicht bekannt geworden, denn die schlimmsten Absenkungen befanden sich nun einmal in Nordchina, den Hauptabbaugebieten für Kohle. Allerdings konnte man nicht gerade behaupten, dass in Südchina keine Bodenabsenkungen zu sehen waren. Die Verwüstungen waren in allen Gebieten, in denen so intensiv gefördert worden ist, auf den ersten Blick gleich schlimm. Aber sie waren in Südchina viel weniger sichtbar, vielleicht, weil man in diesen Gebieten viel mehr Bäume gepflanzt hatte, die sich zu Wäldern entwickelt haben und die Verwüstungen im Laufe der Zeit verdeckt haben.
Chang redete auch hierüber mit seiner Frau und zwar bevor Mailin möglicherweise auf die Idee kommen würde, dass sie sich in Südchina eine neue Existenz aufbauen könnten. Dort hatte seine Frau Mailin zahlreiche Verwandte. Sie stammte ja aus Südchina. Ihre Eltern lebten immer noch dort. Er selbst wollte aber auf keinen Fall nach Südchina ziehen, so weit weg von der Hauptstadt Peking. Das wäre ihm vorgekommen, als müsste er die zivilisierte Welt verlassen.
Nur am Rande erwähnte Chang, dass es in der Provinz, aus der sie stammte, weder einen Bergbau noch andere Industrie in nennenswertem Umfang gab. Es verstand sich von selbst, dass Chang an einem solchen Ort keinen Arbeitsplatz finden würde. „Deshalb“, sagte er zu Mailin, „muss ich es erst gar nicht dort versuchen. Es macht einfach keinen Sinn, an einer Stelle zu suchen, wo es nur Landschaft gibt, aber keine Zivilisation. Entschuldige, aber ich verbinde den Begriff Zivilisation auch mit der Industrialisierung. Ohne die Industrie habe ich keine Verdienstmöglichkeit, und von meiner Arbeit leben wir ja schließlich beide, das verstehst du doch?“
Ja, natürlich, Mailin verstand es. Ihr Mann hielt von Kultur, insbesondere von der Teekultur, gar nichts. Das hatte sie von Anfang an gewusst und es akzeptiert. Also durfte sie sich jetzt nicht über seine Äußerungen ärgern. Schließlich hatte es ihr Mann nicht böse gemeint. Er sah einfach keine andere Möglichkeit, einen gut bezahlten Job zu bekommen.
In Bochum lebt seit vielen Jahren Bernhard Winter mit seiner Freundin Tamara und ihrem gemeinsamen Kind Tim. Sie sind erst vor zwei Jahren nach Bochum gezogen, hatten also von der Katastrophe vor einigen Jahren, als ein Haus komplett in der Versenkung verschwunden war, nichts mitbekommen. Allerdings hatten sie hierüber in der Presse gelesen, kannten aber keine Details.
Sie wussten also nicht, dass es damals nicht einmal Tote gegeben hatte. Vermutlich war zum Zeitpunkt des Erdrutsches gerade keiner der Bewohner zu Hause gewesen. Die hatten also richtig Glück gehabt. Vielleicht haben die Bewohner damals gewusst oder zumindest geahnt, dass sie über einem tief in der Erde angelegten Tunnelsystem wohnten und dass deshalb mit solchen Vorfällen zu rechnen war. Jedenfalls war das damalige Ereignis in gewisser Weise harmlos verlaufen, und niemand hatte sich großartig Gedanken darüber gemacht, dass ein ähnlicher Vorfall sich ja vielleicht jederzeit nochmals ereignen könnte. Angst hatte niemand. Es ist nie bekannt geworden, dass jemand aus einem Ort im Ruhrgebiet weggezogen ist, nur, weil er dort die Gefahr einer Bodenabsenkung gesehen hatte.
Bernhard Winter war nicht dumm, konnte also durchaus realistisch einschätzen, dass das Leben im Ruhrgebiet nicht völlig ungefährlich war. Ihm war ja völlig klar, dass das Grubenwasser permanent abgepumpt werden musste, nicht nur, damit es nicht mit dem Grundwasser, welches man für Trinkwasserzwecke noch benötigen würde, in Berührung kam, sondern in erst Linie deshalb, damit das Ruhrgebiet nicht weiter absackte. Vielleicht wusste Bernhard Winter auch, welche Maßnahmen im Bereich des Bergbaus darüber hinaus getroffen wurden, um die Stabilität der Schächte zu erhalten. Das ist gut möglich.
Auch war Bernhard Winter völlig klar, dass das Gebiet fast überall in einer Tiefe von bis zu einem Kilometer, manchmal sogar noch mehr, ausgehöhlt worden ist und jederzeit, wenn die Pumpen ausfielen, weiter absacken konnte. Um mehr als dreißig Meter war das Stadtgebiet ja schon in den letzten Jahren abgesackt. Und beim nächsten Mal würde es, damit rechnete er durchaus, vielleicht nicht bei dreißig Metern verbleiben. Er kalkulierte sogar ein, dass sein gesamtes Haus in einem riesigen Senkloch verschwinden konnte und führte deshalb regelmäßig vorsorgliche Messungen am Haus durch. Er glaubte offenbar, er könnte ein solches Ereignis rechtzeitig vorhersehen. Bernhard Winter vertraut auch darauf, dass Sicherheitsexperten im Bergbau alles dafür tun, die Risiken rechtzeitig zu begrenzen und die Bevölkerung im Notfall rechtzeitig zu warnen.
Seine Freundin Tamara machte manchmal Witze über seine Messungen. Erst kürzlich hatte sie gesagt: „Ach, Bernhard, musste du mal wieder nachmessen, ob morgen unser Haus in die Tiefe stürzt oder vielleicht ein Auto, das auf der Straße steht?“ „Mach du mal deine Witze, Schatz“, hatte er ihr geantwortet, „wenn irgendwann einmal alles unter der Erdoberfläche verschwindet, dann fängst du wahrscheinlich als erste an zu jammern. Dann beschwerst du dich bei mir, dass ich nicht alles rechtzeitig vorhergesehen und Vorkehrungen dagegen getroffen habe, wetten?“ Ob seine Freundin Tamara die Gefahren durch den Bergbau überhaupt kannte, wusste Bernhard nicht. Tamara redete mit ihm nicht darüber.
Bernhard Winter war vielleicht etwas zu optimistisch, weil er dachte, er könnte etwaige Bodenabsenkungen einigermaßen rechtzeitig vorhersagen. Er war Anlagenelektroniker, hatte also vom Bergbau und seinen Folgen für die Stabilität des Bodens überhaupt keine Ahnung. Und er konnte sich keineswegs sicher sein, dass sich eine erhebliche Bodenabsenkung tatsächlich irgendwie durch kleinere Verschiebungen oder vielleicht durch Risse in den Wänden rechtzeitig vorher bemerkbar machen würde. Wenn solche Vorhersagen zuverlässig möglich wären, könnten sich die Menschen ja rechtzeitig in Sicherheit bringen. Aber bisher waren die Menschen von solchen Ereignissen immer überrascht worden, hatten die Ereignisse also nicht vorhersehen können. Das ahnte auch Bernhard Winter. Er glaubte aber, dass er rechtzeitig Vorkehrungen würde treffen können, wenn er nur sorgfältig genug auf jegliche Änderungen achtete.
Wenn am Gebäude Risse entstehen würden, die würde Bernhard allerdings tatsächlich so rechtzeitig entdecken, dass ihnen noch Zeit zum Auszug verbleiben würde. Risse konnte man ja bereits sehen, wenn sie erst wenige Millimeter breit waren. Solche minimalen Risse würden seine Freundin Tamara bestimmt nicht in Panik versetzen, damit war definitiv nicht zu rechnen. Umziehen würden sie bestimmt erst dann, wenn es wirklich gefährlich wurde. Und dazu musste schon ein wirklich breiter Riss zu sehen sein, oder das Nachbarhaus müsste in der Tiefe der Erdschichten versinken. Dann würde vermutlich auch Tamara zu einem Umzug bereit sein. Bis jetzt war aber noch alles in Ordnung. Keine Risse und auch sonst nichts Ungewöhnliches.
Vielleicht hatte sich Bernhard Winter in dieser Hinsicht zum Teil auf fehlerhafte Informationen verlassen. Als Anlagenelektroniker konnte er die Gefahr durch die Bodenabsenkungen ja bestimmt nicht realistisch genug einschätzen. Er fühlte sich wahrscheinlich einfach nur bestätigt durch die unbestreitbare Tatsache, dass es ja bei den bisher bekannten Einzelfällen von Bodenabsenkungen geblieben war. Wichtig war natürlich auch zu wissen, dass es bisher nie Tote gegeben hatte.
Aber würde jemand von der Bergbaubehörde, wenn wirklich eine Gefahr drohte, ihm und den anderen betroffenen Menschen rechtzeitig Bescheid geben? Diesbezüglich konnte man durchaus seine Zweifel haben, zeichnen sich bundesdeutsche Behörden doch nicht gerade durch schnelle Reaktionen aus. Das vorrangigste Ziel solcher Behörden ist vermutlich nur die Vermeidung einer Massenpanik. Und die kann man am ehesten dadurch in den Griff bekommen, indem man die Betroffenen nicht oder jedenfalls nicht vollständig informiert. Deshalb vertraute Bernhard Winter nicht unbedingt den Behörden, sondern verließ sich nur auf sich selbst, auf das, was er direkt sehen konnte.
In einer früheren Bergbauarbeitersiedlung der Stadt Bochum in einem entfernteren Stadtteil wohnte seit langer Zeit auch Willi Rehbein. Er lebte allein, weil seine Frau schon verstorben war. Seine Kinder waren schon vor vielen Jahren ausgezogen. Sie wohnten alle außerhalb des Ruhrpotts. Willi Rehbein machte sich keine Gedanken darüber, dass der Erdboden absacken könnte, denn das wusste er als ehemaliger Bergmann ohnehin. Wahrscheinlich war ihm das aber gleichgültig. Er war schon über siebzig und bisher war ihm nichts passiert.
Sollte also in der Siedlung von Willi Rehbein das eine oder andere Haus irgendwann einmal im Erdboden verschwinden, so war das nach Auffassung des Bergbauarbeiters ein ganz normaler Vorgang, nichts, was einer besonderen Erwähnung wert wäre. Damit musste man in einem Bergbaugebiet immer rechnen, auch wenn die Aufsichtsbehörden alles dafür taten, dass es nicht zu solchen Ereignissen kam. Aber manchmal passierte es eben doch.
Nur ab und zu dachte Willi Rehbein, dann hätten es die Leute, die in einem Tagebaugebiet wohnten, irgendwie viel leichter. Aber wohnen wollte er nicht in einer solchen Tagebauwüste, die die Unternehmen nach dem Abbau der Braunkohle hinterließen. Da gefiel es ihm in Bochum doch besser, wo man vom Kohleabbau unter Tage gar nichts mitbekam, weil sich ja alles unter der Erdoberfläche abspielte.
Willi Rehbein hatte viele Jahre immer Glück gehabt, weil ihm nie etwas passiert war. Er wusste natürlich von dem in die Tiefe gesunkenen Haus vor einigen Jahren. Das war aber im Grunde genommen der einzige ihm bekannte Unglücksfall gewesen. Aber nun ereignete sich ausgerechnet in der Siedlung, in der Willi Rehbein wohnte, ein schlimmes Unglück, bei dem mehrere Menschen ums Leben gekommen sind. In der Parallelstraße stürzte völlig unvorhergesehen ein Zweifamilienhaus in die Tiefe und riss noch einen Teil der Straße mit sich. So ein schlimmes Unglück hatte sich in Bochum in all den Jahren zuvor niemals ereignet. Deshalb war Willi ziemlich geschockt, als er vor diesem Ereignis in der Parallelstraße erfuhr.
Die Bewohner des Zweifamilienhauses und die Kinder, die auf der Straße vor dem Haus gespielt hatten, sind durch die Bodenabsenkung mit in die Tiefe gerissen worden, erklärten die Behörden den Bewohnern der Siedlung. Es hatte einen weithin hörbaren unheimlichen Lärm gegeben, und eine Staubwolke hatte sich in der Parallelstraße gebildet. Der Staub hatte sich erst nach etwa zwanzig Minuten einigermaßen verzogen, so dass man sehen konnte, was die Bodenabsenkung dort angerichtet hatte. Die ganze Siedlung hatte den Lärm gehört und die Staubwolke gesehen, auch Willi Rehbein und sein Nachbar. Die beiden hatten viele der Bewohner des Hauses in der Parallelstraße gut gekannt.
Wie tief das Gebäude abgesunken war, war schlecht zu schätzen. Dazu waren auch die Behörden noch nicht in der Lage. Aber es mussten mehr als dreißig Meter gewesen sein. Man sah nur noch sehr viel Schutt, aber nichts mehr von den Bewohnern und von ihrer Einrichtung. Die Menschen mussten also sehr tief in der Erde verschwunden sein. Da selbst das große Mobiliar nicht mehr zu sehen war, glaubte Willi, dass das Gebäude mehr als fünfzig Meter tief gesunken sein musste. Aber auch das war natürlich nur eine grobe Schätzung. Auch Willi war schließlich kein Experte, auch wenn er Bergmann war.
Willi unterhielt sich mit einem ihm flüchtig bekannten Nachbarn über das Ereignis. „Ziemlich schlimm das Ganze!“ „Ja, schrecklich.“ „Die armen Leute, die im Haus waren. Wie viele das wohl waren?“ „Kann man nur grob schätzen. Vielleicht waren die Kinder noch in der Schule, also nicht zu Hause.“ „Ja, und die Männer waren wohl auch noch nicht von der Arbeit zurück. Also waren es meistens Frauen, die im Haus waren.“ „Also ich kannte aus diesem Haus den Klaus Heilmann und seine Frau Karin, die anderen nicht.“ „Mir sind dort einige bekannt. Den Klaus Heilmann und seine Frau kannte ich auch, und den Werner Schlattmann, seine Frau aber nicht. Werners Kinder Bärbel und Sabine kannte ich auch. Mit dem Alfred Müller aus der dritten Etage war ich oft beim Angeln früher, die letzte Zeit nicht mehr. Und den Heinz Ballmann aus dem Erdgeschoss habe ich gut gekannt. Seine Frau Tanja auch und die drei Kinder.“
Willi und sein Nachbar beobachteten die Versuche der Rettungsmannschaft der Feuerwehr, die Opfer aus dem Schutthaufen zu befreien. Sie schätzten diese Versuche als eher dilettantisch ein, denn der Feuerwehr fehlte ersichtlich das erforderliche schwere Gerät, um derartige Mengen von Schutt abzugraben und zu entfernen. Was sie von den Versuchen der Feuerwehr hielten, teilten einige der zwischenzeitlich eingetroffenen Zuschauer den Feuerwehrleuten auch ganz deutlich mit. „Natürlich haben wir längst Bagger und andere Geräte angefordert. Aber bis die eintreffen, kann eine gewisse Zeit vergehen, und bis dahin versuchen wir eben, so gut es geht, das Geröll beiseite zu schaffen. Kurze Zeit später trafen dann tatsächlich die ersten Bagger ein, und die Arbeiten gingen etwas schneller voran. Aber nicht schnell genug, um noch Überlebende retten zu können.
Auch dort, wo die Straße verlaufen war, waren riesige Mengen von Schutt zu sehen und an einigen Stellen die Reste der Kanalisation und der Versorgungsleitungen. Als Willi Rehbein sich später dort umsah, blickte er auf die Verwüstung und war völlig geschockt. Einige Minuten später traf er auf seinen früheren Kollegen Alfons, der ebenfalls in der Siedlung wohnte und durch den Lärm veranlasst worden war, sich an den Unglücksort zu begeben.
Sie redeten anfangs kaum etwas, weil sie das Geschehen überhaupt nicht fassen konnten. Bis Alfons schließlich äußerte: „Ich kann das gar nicht mit ansehen! Ich glaube, eine Frau, die in dem Haus wohnt, habe ich gekannt.“ Willi meinte: „Ich kannte auch einige von denen, den Klaus Heilmann, den Werner Schlattmann, den Alfred Müller und auch den Heinz Ballmann. Das ist furchtbar, wenn die dann plötzlich nicht mehr leben, berührt einen das schon.“ „Ja sicher.“ „Und uns erwischt es vielleicht auch irgendwann. Warum sollte unser Haus gegen eine Absenkung besser gerüstet sein als dieses Haus?“
Auf den Philippinen lebte Antonio Lee mit seiner Frau Maria. Sie lebten schon seit längerem auf Cebu in Danao City und haben sich bisher keinerlei Gedanken gemacht, ob die Erdoberfläche eines Tages verschwinden könnte, so dass sie mitsamt ihrem Haus in einem Erdloch verschwinden könnten. Über solche doch eher seltenen Unglücksfälle hatten sie bisher nie etwas gehört und rechneten deshalb wohl nicht damit, dass ihnen etwas derartiges passieren könnte.
Ihr Sohn Danilo Lee war bereits aus dem Haus ausgezogen, um sich in der Hauptstadt Manila eine Wohnung zu suchen. Er war ja schon erwachsen. Da er genug verdiente, hatte er schnell etwas Bezahlbares gefunden. Was er aber bisher nicht gefunden hatte, das war eine Frau. Antonio und Maria fragten ihn deshalb fast jedes Mal, wenn er sie besuchte, wann er ihnen denn mal seine Frau oder zumindest seine Verlobte oder Freundin vorstellen würde. Danilo antwortete fast immer nur genervt, dazu sei er noch zu jung. In seinem Alter wolle er abends ausgehen. Für eine Frau bliebe später noch genügend Zeit.
Antonio Lee machte sich allerdings jetzt, als er im Fernsehen gesehen hatte, wie in Teilen Indonesiens mehrere Autos und sogar Häuser einfach unter die Erdoberfläche abgesunken waren, seine Gedanken darüber, ob etwas Vergleichbares auch bei ihm auf den Philippinen passieren könnte. Die Ereignisse in Indonesien hatte er später auf Handy-Videos detailliert mitverfolgen können. Im Fernsehen hatten sie darüber später noch ausführlicher berichtet. Dabei hatten sie sogar von mehreren Toten gesprochen. Es soll sich um einige Bewohner der Häuser gehandelt haben, die einfach mit in die Tiefe der Bodensenken gerissen worden waren. Antonio hatte durch diese Berichte realisiert, dass solche Ereignisse sehr gefährlich für die Menschen sein konnten.
Antonio dachte darüber nach, die Stadt oder besser die Insel zu verlassen und aufs Land zu ziehen, also dahin, wo keine oder zumindest weniger Bergbauschäden aus früherer Zeit entstanden waren und man auch nicht damit rechnete, dass dort jemals Grundwasser abgepumpt oder Kohle, Öl und Gas abgebaut worden wären. Unberührte Landschaften eben. Dort, so dachte Antonio, ließe sich vielleicht ungefährlicher leben als in der Stadt.
