Der Sultan - Helga Geerkens - E-Book

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Helga Geerkens

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Beschreibung

Der Sultan herrscht am Bosporus wie ein Pascha über sein osmanisches Reich. Demokratie? Natürlich ist bei ihm alles demokratisch, denn die Türken dürfen ihn ja schließlich wählen. Menschenrechte? Braucht man die am Bosporus? Wr haben doch den Sultan, unseren Übervater, der alles und jeden regelt oder maßregelt, auch die Menschenrechte und alles, was sonst noch wichtig ist. Seine Majestät steht selbstverständlich über dem Recht und damit auch über den Menschenrechten und allen anderen Rechten. Er ist größer und mächtiger als jeder König. Er ist reich, unermesslich reich. Und alle lieben ihn. Und deshalb wählen sie ihn immer wieder. Oder wählt er sich etwa selbst? Aber irgendwann sind die Untertanen dann doch nicht mehr so ganz mit ihrem Herrscher einverstanden. Sie treiben ihn schließlich zur Flucht. Bis er einem Attentat zum Opfer fällt.

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Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Helga Geerkens

Der Sultan

Herrscher im Orient

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

1. Woher stammt der Sultan?

2. Was hat der Sultan früher gemacht?

3. Wie kam der Sultan zur Politik?

4. Der Sultan als Oberbürgermeister von Istanbul

5. Das schnelle Ende der politischen Karriere

6. Und so wurde der Sultan zum Ministerpräsidenten

7. Warum will der Sultan in die EU?

8. So hat der Sultan Gülen zu seinem Gegner aufgebaut

9. Ergenekon: Der Tiefe Staat

10. Wie geht der Sultan mit seinen Kritikern um?

11. So wurde der Sultan zum Staatspräsidenten

12. Was macht der Sultan gegen die Korruption? Er fördert sie, wo es nur geht!

13. Der Sultan, ein Autokrat?

14. Wie rückständig ist der Sultan eigentlich?

15. Der Sultan bekommt immer mehr Angst vor seinen Gegnern

16. Der Sultan schottet sich ab und bewaffnet sich

17. Der Bombenanschlag auf den Protzpalast

18. Der Sultan auf der Flucht

19. Das Attentat

Impressum neobooks

Inhalt

Der Sultan

AUS DEM OSMANISCHEN REICH

Ein Herrscher im Orient

Roman 2023

Helga Geerkens

Der Sultan herrscht am Bosporus wie ein Pascha über sein osmanisches Reich. Demokratie? Natürlich ist alles bei ihm ganz demokratisch, denn die Türken dürfen ihn ja schließlich wählen. Menschenrechte? Braucht man die in der Türkei? Wir haben doch den Sultan, unseren Übervater, der alles und jeden regelt oder maßregelt, auch die Menschenrechte und alles, was sonst noch wichtig ist. Seine Majestät steht selbstverständlich über dem Recht und damit auch über den Menschenrechten und allen anderen Rechten. Er ist größer und mächtiger als jeder König. Er ist reich, unermesslich reich. Und alle lieben ihn. Und deshalb wählen sie ihn immer wieder. Oder wählt er sich etwa selbst?

Anm.: Etwaige Parallelen zum türkischen Präsidenten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt!

1. Woher stammt der Sultan?

Geboren wurde er 1954 in einem Armenviertel von Istanbul. Dort in einem Hafenviertel ist er auch aufgewachsen und hat in dem Stadtteil auch die Schule besucht. Weil sein Vater zu wenig verdiente, musste der Sultan durch Straßenverkauf etwas zum Familieneinkommen beitragen. Sonst hätten die Sultane vielleicht noch hungern müssen. Das blieb ihnen glücklicherweise erspart.

Auf der Straße hat der Sultan sein schlechtes Benehmen und seine Brutalität gegenüber Andersdenkenden erlernt. Andere Verprügeln, ja, das konnte er, der Sultan. Das hatte er bereits im Elternhaus von seinem Vater gelernt. Dort, auf der Straße oder eher in der Gosse, hat er auch gelernt, wie man andere belügt und betrügt. Und in der Imamschule hat der Sultan schnell gelernt, wie man von der Gosse aufsteigt in höhere Regionen und dann sogar in der obersten Regierungsebene mitmischen kann, auch wenn man sich eigentlich nur in der Gossensprache verständigen kann und keinen akademischen Abschluss besitzt.

Aber bis zum Aufstieg des Sultans in die Regierung war es natürlich noch ein weiter Weg. Als Jugendlicher hat er der Sultan eine Zeitlang Fußball gespielt. Beim Spiel hat er sich gut abreagieren können. Das Fußballspiel endete allerdings mit der Aufnahme in die erste religiöse Partei. Man konnte in der Türkei schlecht gleichzeitig Fußballspielen und lammfromm in der Moschee sitzen und sich in einer islamischen Partei betätigen. Der Sultan musste sich also entscheiden und hat den Weg gewählt, der ihm am lukrativsten erschien: Die islamistische Partei.

Warum sich der Sultan nicht in einer vernünftigen politischen Partei engagiert hat? Ganz einfach: Der Sultan wollte keiner der Politiker sein, die sich im Parlament gegenseitig beschimpften und nur über profane Dinge wie Geld und Steuern redeten statt über den allmächtigen Allah. Aber so genau wusste der Sultan zu der Zeit eigentlich noch gar nicht, womit sich die Politiker im Parlament beschäftigten.

Jedenfalls war der Sultan so fromm, wie gute Muslime nun mal sind: Sie beten ständig. Im Gegensatz zu den Christen. Die beten nur gelegentlich. Nur Muslime sind anständige Menschen, meint der Sultan. Juden und Christen sind seine Feinde. Das sind Terroristen. Die sind nicht fromm genug. Die redeten ständig darüber, wie sie dem Volk noch mehr Freiheiten einräumen konnten als das Volk sie überhaupt wollte. Gegen die Juden und Christen führte der Sultan schon damals eine Art von Kulturkampf, man kann schon sagen, Kulturkrieg. Er führte sich auf wie ein Glaubenskrieger, faselte etwas von einer islamistischen Auferstehung und verbreitete ungehindert Hasspredigten gegen Israel und den Westen. Das macht er noch heute. Im Westen leben ja die ihm verhassten Juden und Christen.

Angeblich stammten seine Vorfahren aus Georgien. Ob das wohl zutrifft? Kaum, denn in Georgien leben fast nur Christen. Der Sultan aber ist ein Moslem, ein sehr strenger sogar, so streng, dass man seine Frau noch nie ohne Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit gesehen hat. Egal, woher er kommt, moderne Türken aus der Westtürkei denken oft, er solle doch besser dahin zurückgehen, wo er hergekommen ist und sie in Ruhe lassen. Aber das macht er nicht, der Sultan. Er hat es förmlich gerochen, dass er in der Türkei ganz bestimmt Karriere machen konnte.

2. Was hat der Sultan früher gemacht?

Der Sultan ist ganz normal in die Schule gegangen. Das heißt, eine religiöse Ausbildung hat er schon genossen. Seine Eltern waren ja fromme Muslime. Sie schickten den Sultan daher in die Imamschule. Nur in der Imamschule konnte der Sultan etwas Vernünftiges lernen, sagten sich seine Eltern. Der Abschluss an einer solchen Koranschule, das Fachabitur für Imame, berechtigte den Sultan sogar zu einem einschlägigen Hochschulstudium. Allerdings durfte er auf der Grundlage seines Abschlusszeugnisses der Imamschule nicht alles studieren, sondern musste sich auf die Religion beschränken, also Theologie oder besser Islamwissenschaften studieren.

Mehr wollte der Sultan damals ja auch gar nicht, war er doch überaus fromm, ein frommer Muslim eben. Eine Hochschule oder eine Universität wollte der Sultan offenbar gar nicht besuchen. Vielleicht war er dazu auch nicht intelligent genug. Deshalb reichte ihm der Abschluss an der Imamschule aus. Für ein Hochschulstudium erfüllte der Sultan nicht die Voraussetzungen. Was sollte der Sultan auch mit einer Universitätsausbildung? Zum Beten in der Moschee benötigte man die nicht.

Dann allerdings muss sich der Sultan zu irgendeinem Zeitpunkt anders entschlossen haben. Der Sultan hat nicht mehr Fußball gespielt und wurde auch seltener in der Moschee gesehen. Vielmehr hat er sich in einer islamistischen Partei betätigt. Hat er sich etwa radikalisiert? Kaum, denn er wollte eigentlich immer nur reich werden! Gut, dann hat er sich wahrscheinlich ein bisschen radikalisiert, gerade so, dass es für die Aufnahme in einer islamistischen Partei gereicht hat. Der Sultan wollte also immer reich und fromm sein. Beides gleichzeitig, das würde er, so sein Gedanke, am besten in einer islamistischen Partei realisieren können.

Der Sultan hat damals allerdings auch gearbeitet. Er musste ja seinen Lebensunterhalt verdienen. Das konnte man sehr gut bei den Verkehrsbetrieben, denn Istanbul war immer schon eine große Stadt mit vielen Bussen. Da werden viele Busfahrer und auch Straßenbahnfahrer gebraucht. Seit den siebziger Jahren wurde der Sultan also als Vollzeitbeschäftigter der Istanbuler Verkehrsbetriebe geführt. Diese Beschäftigung des Sultans ist auch nachvollziehbar, ist er doch seit 1978 verheiratet. Sein erster Sohn wurde 1979 geboren.

Die Familie musste ja von irgendwas leben. Vom Gehalt eines Busfahrers konnte man schon leben, zumindest, wenn man, wie der Sultan damals, nur eine dreiköpfige Familie zu versorgen hatte. Etwa zwei Jahre später wurde sein zweites Kind geboren. Da könnte man dann verstehen, wenn der Sultan sich ab dem Zeitpunkt um eine besser bezahlte Arbeitsstelle bemüht hätte. Das aber tat der Sultan nicht. Er bewarb sich nicht um eine besser bezahlte Arbeitsstelle und nahm auch keine Nebentätigkeit an.

Vielmehr soll der Sultan, so seine späteren Angaben, von 1973 bis 1981 an der Istanbuler Universität studiert haben. Donnerwetter, ein acht Jahre langes Studium: das heißt sechzehn Semester! Dann muss er wohl ein eher schlechter Student gewesen sein, eine Art Langzeitstudent, und mehrfach durch die Prüfungen gefallen sein! Hat er etwa erst als Wiederholer die Prüfungen bestanden? Und wie hat er die Studienberechtigung an der Universität nachgewiesen? Der Sultan hatte doch nur sein Fachabitur für Imame. Ja, darüber hat der Sultan nie ein Wort verloren, obwohl dazu mehrfach Gelegenheit bestanden hätte und einige seiner Landsleute auch mehrfach eine diesbezügliche Auskunft von ihm gefordert haben.

Eine andere Quelle, die offenbar Rücksicht auf das Gründungsjahr der Instanbuler Universität genommen hat, besagt, der Sultan habe im Jahre 1973 an der Aksary-Schule ein Wirtschaftsstudium aufgenommen, welches bis 1981 gedauert habe. Eine Schule ist allerdings keine Universität. Dann ist der Zeitraum von acht Jahren noch weniger nachvollziehbar. Erst recht kann man sich kaum vorstellen, dass der Sultan tatsächlich Wirtschaftswissenschaften studiert haben soll. In dem Fall hätte er doch nicht so eine naive Zinspolitik an den Tag gelegt. Dann hätte er doch genau gewusst, wie man eine Inflationsrate von mehr als 100 % vermeiden konnte!

Es ist auch nichts dazu bekannt geworden, wovon er während eines solchen Studiums sich und seine Familie ernährt haben könnte. Seine Eltern haben ihm nichts gegeben, konnten sie ja wohl auch nicht, weil sie ja selbst kaum was hatten. Wie also hätte der ein Studium, noch dazu ein Studium von sechszehn Semestern, finanzieren sollen? Dazu hätte der Sultan einen Zeitraum von acht Jahren überbrücken müssen. Wie soll er das gemacht haben, so ganz ohne Geld?

Eher werden daher die Angaben der Istanbuler Verkehrsbetriebe korrekt sein, und der Sultan wird dort wohl tatsächlich genau zu der Zeit, zu der er angeblich studiert hat, in Vollzeit gearbeitet haben. Sehr unwahrscheinlich also, dass er neben seiner Vollzeitbeschäftigung noch studiert haben soll. Das hätte ja nur funktionieren können, wenn er ausschließlich nachts bei den Verkehrsbetrieben gearbeitet hätte. Davon steht allerdings auf deren Internetseite nichts.

Ja, Widersprüche und Ungereimtheiten! Die kennzeichnen den Lebensweg des Sultans. Und immer wenn jemand Aufklärung von ihm verlangt, gibt es hinterher eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung oder terroristischer Aktivitäten. Kritiker mag der Sultan gar nicht. Die sind in seinen Augen überflüssig. Für einen guten Osmanen reicht es, wenn er fromm ist und die Klappe hält.

Die ganzen Unstimmigkeiten in seiner veröffentlichten Vita interessieren allerdings auch kaum noch jemanden, zumal sich diejenigen, die den Sultan allzu sehr kritisieren, ja sehr schnell in einem türkischen Gefängnis wiederfinden könnten. Und türkische Gefängnisse sind die Hölle! Also hält die Mehrheit mal schön den Mund. So ist das in einem Polizeistaat!

3. Wie kam der Sultan zur Politik?

Das war schon etwas komplizierter. Dazu musste der Sultan zunächst einmal seinen Lebenslauf ein bisschen „frisieren“. Und dazu ist ihm offenbar eine Menge eingefallen, ihm oder seinen Beratern oder wem auch immer.

Als erstes hat der Sultan seine Angaben zum akademischen Werdegang „präzisiert“. Er hat behauptet, er habe vier Jahre lang an der Fakultät für Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften der Marmara-Universität in Istanbul studiert. Dort will er 1981 ein Diplom erhalten haben und zwar von eben dieser Fakultät für Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften.

Gut, ein Studium mit einer Dauer von vier Jahren ist noch im Bereich des Möglichen und Finanzierbaren. Das hätte sogar der Sultan mit seinen damals begrenzten finanziellen Mitteln hinbekommen können. Vielleicht gab es ja für einen frommen Muslim auch ein bisschen Unterstützung durch irgendeinen Moscheeverein. Auffällig ist allerdings, dass das Studium genau die Mindeststudiendauer, die Voraussetzung für bestimmte Positionen in der Politik sind, ausgemacht haben soll. Zufall?

Dumm nur, dass die Marmara-Universität, die angeblich das Diplomzeugnis 1981 ausgestellt haben soll, erst ein Jahr nach dem Ausstellungsdatum, nämlich im Jahre 1982, gegründet worden ist. Bevor der Sultan dort im Jahre 1981 eine Diplomprüfung abgelegt haben will, hat er angeblich Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften an der Marmara-Universität studiert und das, obwohl es diese Universität vor dem Jahre 1982 noch gar nicht gegeben hatte und er überhaupt nicht über die dazu erforderliche Studienberechtigung verfügte. Er besaß nämlich nur das „Fachabitur für Imame“. Dieser Abschluss der Koranschule berechtigte ihn allenfalls zu einem Studium der Islamwissenschaften.

Das ist schon erstaunlich! Man glaubt es kaum, wie der Sultan das hinbekommen haben will, ohne irgendwo aufzufallen. Oder hat er dieses Universitätszeugnis, also das Diplom, etwa noch nie zu Prüfungszwecken irgendwo vorgelegt, eben, damit nicht auffällt, dass es gefälscht wurde? Ist dieses Diplom etwa nur zur Karriereplanung in der Politik erstellt worden? Das würde natürlich Sinn machen! Dann wundert es einen auch nicht, dass der Sultan sein Studium dann ja wohl bereits im Jahre 1977, also kurz vor seiner Heirat, angefangen haben müsste.

Es überrascht angesichts dieser Ungereimtheiten auch nicht mehr, dass die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Marmara-Universität überhaupt erst im Jahre 1983 gegründet worden ist, also erst zwei Jahre nach Ausstellung seines Diploms und sechse Jahre nach Beginn des Studiums des Sultans. Bis 1981, also bis zum Erwerb seines Diploms, stand der Sultan den Angaben der Istanbuler Verkehrsbetriebe zufolge zusätzlich auch noch in einem Vollzeitbeschäftigungsverhältnis in eben jenen Verkehrsbetrieben. Ja, dann versteht man auch die fehlenden volkswirtschaftlichen Kenntnisse des Sultans, hat er doch angeblich an einer Universität, die es zu dem Zeitpunkt überhaupt noch nicht gab, Wirtschaftswissenschaften studiert. Dann wird er wohl wieder den Islam studiert haben. Hat er den Unterschied etwa nicht bemerkt?

Fleißig, fleißig, der Sultan, absolvierte er doch ohne die notwendige Hochschulzugangsberechtigung innerhalb weniger Jahre ein Hochschulstudium, das es zu der angegebenen Zeit an der angegebenen Universität noch gar nicht gab, und legte sogar eine Diplomprüfung ab und das an einer Fakultät, die erst zwei Jahre nach seiner Diplomprüfung gegründet worden ist, um sodann noch quasi nebenbei einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. Schließlich mussten er und seine Familie ja auch irgendwie leben.

Passiert so etwas in Deutschland, ermittelt ganz schnell die Staatsanwaltschaft wegen Urkundenfälschung und möglicher weiterer Tatbestände. Nicht so im Vorderen Orient. Gut, das kann natürlich damit zusammenhängen, dass das gefälschte Diplom erst Jahrzehnte später vorgelegt worden ist. Als es vorgelegt wurde, hatte der Sultan ja bereits alle wichtigen Ämter, auch bei den Staatsanwaltschaften, mit seinen Parteigängern besetzt, so dass ihm in dieser Hinsicht nichts mehr passieren konnte. Vermutlich wusste er ganz genau, dass das Risiko einer Entdeckung äußerst gering war und sich kaum noch jemand für das Diplom interessierte.

Wer ermittelt schon gegen einen Staatspräsidenten, der sich gegen jegliche Kritik ganz einfach mit einem Ermittlungsverfahren wegen Landesverrats, Terrorismus oder Spionage „wehrt“? Wegen solcher Banalitäten will schließlich niemand für Jahrzehnte in einem türkischen Gefängnis verschwinden. So angenehm sind türkische Knäste nämlich nicht. Ganz im Gegenteil!

Jedenfalls war der Sultan seit 1983 in der Refah-Partei unter Erbakan aktiv. Das war genau die Zeit, in der die Universität, an der der Sultan angeblich seine Diplomprüfung abgelegt haben will, gegründet worden ist. Die Islamistenpartei Refah war zu dem Zeitpunkt auch gerade erst gegründet worden. Sie war noch ziemlich jung, die Partei. Nicht der Sultan, der war etwas älter. Die Islamisten waren überhaupt sehr umtriebig. Kaum war eine Islamistenpartei verboten, wurde schon die nächste gegründet. Gerade so, als hätte die Nachfolgepartei noch vor dem Verbot schon in den Startlöchern gestanden und nur auf das Verbot gewartet! Die Islamisten waren überaus zielstrebig, gründeten also immer wieder neue Parteien. Es ist schon bemerkenswert, dass der Sultan da nicht irgendwann den Überblick verloren hat.

Vorher war der Sultan in der Nationalen Heilspartei gewesen. 1976 war er sogar Funktionär dieser MSP gewesen. Diese Partei, die den Dschihad und die Einführung der Scharia forderte, ist dann allerdings 1980 verboten worden. Völlig zu Recht natürlich. Sie war rassistisch und extremistisch. Hierüber schweigen sich die derzeitigen Parteigenossen des Sultans natürlich aus. Auch der Sultan verliert kein Wort mehr über diese Partei. Es soll nicht öffentlich breitgetreten werden, dass er mit den Islamisten dieser Partei die von den Kemalisten geprägte Türkei unterwandern wollte. Der Sultan war nämlich mit dem Zustand der Türkei ganz und gar nicht zufrieden.

Es heißt, der Sultan sei früher als Nachtigall von Istanbul bezeichnet worden. Diese auf den ersten Blick etwas seltsame Bezeichnung resultierte wahrscheinlich daraus, dass er als Einleitung zu einer politischen Rede immer erstmal einige Verse aus dem Koran zitiert oder gesungen hat. Wegen der Verse aus dem Koran war er dann irgendwann die „Koran-Nachtigall“. Die Bezeichnung geht also auf die künstlerische Ader des Sultans zurück.

Nach dem Verbot seiner Heilspartei war der Sultan natürlich geschockt, denn nun waren politische Reden mit einleitenden Zitaten aus dem Koran vorerst nicht mehr so sinnvoll. Und was blieb einem Islamisten, wenn man ihm die Partei wegnahm? Der Sultan konnte also gar nicht anders als wenig später im Jahre 1983 in die Refah-Partei einzutreten. Andere Alternativen gab es für die Islamisten damals vermutlich nicht. Jedenfalls konnte der Sultan in der Refah-Partei problemlos weiter aus dem Koran zitieren. Auch diese Islamisten waren sehr fromm.

Die Islamistenpartei Refah war damals Teil der Milli-Görüs-Bewegung gewesen. Heute würde man sie vielleicht eher als Ableger der rechtsextremen Grauen Wölfe einordnen. Die Grauen Wölfe sind so etwas wie die Nazis der Türkei, ziemlich weit rechts also. Vorsitzender der Refah-Partei war Erbakan, stellvertretender Vorsitzender seit 1984 der Sultan. Was der Sultan in dieser Funktion alles gemacht hat, weiß keiner so genau. Jedenfalls redet darüber keiner. Vielleicht wird der Sultan das in seiner Autobiographie irgendwann einmal der Öffentlichkeit mitteilen, wenn er denn jemals eine schreiben sollte.

Egal, was der Sultan in diesen islamistischen Parteien früher gemacht oder gepredigt hat. Demokraten waren das nicht, die sich in den Islamistenparteien der Milli-Görüs-Bewegung versammelt haben. Diese Politiker haben vielmehr darüber nachgedacht, wie sie die demokratische Ordnung am ehesten beseitigen konnten. Oder, wie sagte der Sultan damals: „Wir benutzen die Demokratie als Mittel zum Zweck“. Und der Zweck der ganzen Übung war offenbar eine totalitäre gleichgeschaltete Gesellschaft islamischer Ordnung, in der demokratische Prinzipien oder rechtsstaatliche Prinzipien keine Rolle mehr spielen. Die braucht man einfach unter frommen Menschen nicht, sagte der Sultan.

Der Sultan hat schnell begriffen, was auch schon Karl Marx in seinem Manifest geschrieben hatte: „Die Religion ist das Opium des Volkes.“ Er tat folgerichtig alles dafür, seine Religion, den Islam, zum Kitt für die Gesellschaft zu machen, denn in einer islamisierten Gesellschaft waren alle auf die Religion fokussiert, und keiner dachte mehr daran, die Oberen zu kritisieren. In einer islamisierten Gesellschaft denkt wahrscheinlich überhaupt keiner mehr nach. Es wird nur noch gebetet. Wer betet, denkt nicht nach und kritisiert auch nicht die Oberen. Alles gleichgeschaltet! Wunderbar!

Auf diese Art und Weise konnte der Sultan bequem seine Macht ausbauen. Und genau darauf kam es ihm in erster Linie an. Wenn die Islamisten erst einmal alle Schlüsselpositionen in der Politik besetzt hatten, so sein Gedanke, würde seine Machtstellung noch unangreifbarer als sie ohnehin bereits war. Der Sultan wollte also eine andere Republik als die von Atatürk geschaffene. Die war ihm viel zu säkular, also nicht fromm genug.

Die noch existierenden islamischen Parteien, also auch die Refah-Partei, in der der Sultan organisiert war, wurden allerdings 1997 und 1998 vom türkischen Verfassungsgericht ebenso verboten wie die vorherigen und der Sultan zu allem Überfluss auch noch zu einer Freiheitsstrafe wegen Volksverhetzung verurteilt. Die hat er sogar teilweise abgesessen. Von einer demokratischen Ausrichtung war der Sultan also genau so weit entfernt wie die Erde vom Mond. Er benutzte in der Tat die demokratischen Prinzipien nur als Vehikel zur Macht und zwar genau so, wie er es vorher gesagt hatte. In Wirklichkeit wollte er immer nur den totalitären Staat. Um sich seine grenzenlose Macht als Autokrat zu sichern. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Islam ist dazu nur das Vehikel.

Und als der Sultan das erste Mal eine gewisse Macht innehatte, das war 1994, als er zum Oberbürgermeister von Istanbul gewählt worden war, da benutzte er diese Macht, um sich persönlich zu bereichern. Da hatte man plötzlich gar nicht mehr den Eindruck als sei der Sultan fromm. Während dieser Zeit war ihm die Religion wohl nicht so wichtig gewesen. Der Sultan hat ganz unverfroren so richtig zugelangt und über die Legislaturperiode bis zu seinem Rücktritt 1998 eine ganze Milliarde zusammengerafft. Das war schon auffällig unislamisch, wie er sich in der Zeit so unverschämt persönlich bereichert hat. Richtig gierig war der Sultan, wenn er die Unternehmer Istanbuls und noch viele andere Personen ausgenommen hat wie eine Weihnachtsgans. Ein richtiger Islamist tut so etwas nicht, oder etwa doch?

Drei Jahre nach dem Verbot der Refah-Partei hat der Sultan mit ehemaligen Mitgliedern verschiedener Parteien aus der islamistischen Ecke, die alle aus der Milli-Görüs-Bewegung hervorgegangen waren, eine weitere islamistische Partei gegründet. Diese Partei stammte ebenfalls aus dem islamistischen Spektrum der Milli-Görüs-Bewegung und war daher nicht weniger extremistisch als die vorherigen Parteien, in denen sich der Sultan engagiert hatte.

Aber sie hatte einen Vorteil, sie war noch nicht verboten. Und die Aktivisten, insbesondere der Sultan, wollten alles dafür tun, dass sie die neue Partei in die Regierungsspitze brachten, bevor die säkularen Teile des Staatsapparates für ein Verbot dieser Partei sorgen konnten. Insbesondere gegen das Militär mussten sich die Islamisten zur Wehr setzen. Und das hat tatsächlich funktioniert, denn das Militär und auch die übrigen staatlichen Institutionen haben nicht mehr auf die neue Partei des Sultans reagiert. Dazu sind sie vielleicht gar nicht mehr gekommen, denn kurz nach der Gründung gab es ja Wahlen, und bei diesen Wahlen holten sich die Islamisten die Mehrheit.

Zu dem Dunstkreis dieser Islamisten gehörte an sich auch Fetullah Gülen, der sich auf die „Bildungsarbeit“ konzentrierte. Gülen war allerdings nie in der Refah-Partei gewesen. Er war eher ein Gegner Erbakans und verließ die Türkei schon im Jahre 1999. Viele seiner Anhänger blieben allerdings in der Türkei. Einige dieser Anhänger haben später Karriere in Verwaltung und Justiz gemacht. Sie haben sogar die Partei des Sultans gewählt. Gülen unterschied sich in einem ganz wesentlichen Punkt vom Sultan und von den anderen Islamisten der Refah: Er war äußerst bescheiden und legte keinen Wert auf persönlichen Reichtum. Vermutlich hatte Gülen nicht einmal ein Bankkonto. Seine Reichweite allerdings übertraf die des Sultans bei weitem, denn Gülen verbreitete seine Lehren in vielen Ländern.

Bei der Kommunalwahl in Istanbul war die Refah-Partei mit dem Sultan als Kandidaten schon im Jahre 1994 erfolgreich gewesen. Verboten wurde die Refah ja erst 1998, weil staatliche Mühlen immer langsam mahlen, so auch in der Türkei. Der Sultan wurde zum Oberbürgermeister von Istanbul gewählt. Das war sein Sprungbrett in die große Politik, der Posten als Oberbürgermeister von Istanbul. In dieser Position hat er sich „eine goldene Nase“ verdient und die Grundlagen für seinen Reichtum gelegt. Den damals angewandten Methoden ist er immer treu geblieben. Er hat also sein Geld immer wieder mit Korruption gemacht.

Es war schon erstaunlich, dass ein zuvor relativ unbekannter Islamist plötzlich die Mehrheit bei den Wahlen in Istanbul erreicht hatte. Das lässt sich wahrscheinlich nur so erklären, dass die türkische Bevölkerung allmählich die Nase voll hatte von den Militärregierungen, von denen sie seit 1980 immer mal wieder regiert wurde, weil die Politiker der anderen Parteien sich partout nicht hatten einigen können, wer denn nun die Politik bestimmen sollte. Von den Politikern der bürgerlichen Parteien hatten die Bürger allmählich genug. Sie wollten wahrscheinlich mal sehen, ob ein Islamist als Oberbürgermeister mehr für sie erreichte. Und in einer großen Stadt konnte man ja schon einmal das ausprobieren, was vielleicht demnächst im ganzen Land funktionieren sollte!

Mehrfach hatten nämlich die Militärs die gewählten Regierungen einfach abgesetzt, weil diese sich zu extremistisch in Richtung Islam betätigt hatten oder weil sie sich nicht hatten einigen können, mitunter auch, weil es gewaltsame Auseinandersetzungen gab. Einige Regierungen wurden von den Militärs auch wegen allzu deutlich sichtbarer Korruption abgesetzt. Auch das war oft ein Problem gewesen. Zeitweise haben sich Militärs und Islamisten mit brutaler Gewalt auseinandergesetzt. Da hatte das Wahlvolk vermutlich schon oft den Gedanken gehabt, dass man hier eigentlich nur das kleinere Übel wählen konnte, aber niemanden, der Politik für die Menschen machen würde. Vielleicht würde das diesmal anders.

Es gab ja auch nicht nur die Refah-Partei, die islamistisch ausgerichtet war. Daneben existierten weitere islamische Organisationen, die von Islamisten anderer Länder finanziert wurden, z.B. aus Saudi-Arabien und dem Iran. Und es gab noch islamistische Kleinstparteien wie die BBP. Auf welche Art und Weise ausgerechnet die Refah-Partei so viele Stimmen für sich vereinnahmen konnte, wusste niemand so genau. Möglicherweise war das einfach Glück, und der Sultan war der zu dieser Zeit gerade der richtige Mann am richtigen Platz.

4. Der Sultan als Oberbürgermeister von Istanbul

Nachdem der Sultan im Jahre 1994 zum Oberbürgermeister von Istanbul gewählt worden war, hatte er plötzlich zum ersten Mal eine mächtige Funktion, die ihm unermesslichen Reichtum bescheren sollte. Istanbul war schon damals eine Millionenstadt. Und es herrschte eine Art von Goldgräberstimmung. Immer mehr Menschen zogen von der Provinz in die schöne Millionenstadt mit den vielen Möglichkeiten. Unter den „Neuzugängen“ waren natürlich auch viele Unternehmer, die ihre Firmen in Istanbul gründeten.

Als der Sultan sich in seine neue Position als Oberbürgermeister eingearbeitet hatte, entdeckte er viele Möglichkeiten, sich und die Einwohner der Stadt fortzuentwickeln, vor allem und in erster Linie natürlich sich. Zunächst einmal etablierte er die Provisionen bei der Vergabe öffentlicher Aufträge. Fortan musste jeder Unternehmer in Istanbul, der einen öffentlichen Auftrag bekam, dem Sultan eine satte Provision zahlen. Das war natürlich berechtigt. Schließlich konnten die Unternehmen nicht von ihm erwarten, dass er, der Sultan, ihnen die ganzen Aufträge völlig umsonst zuschanzen würde.

Daneben hat der Sultan für die öffentlichen Aufträge noch ein gesondertes Pool-System eingerichtet, das wie ein Spendenfonds funktionierte. Alle Unternehmer, die bei öffentlichen Aufträgen den Zuschlag erhalten wollten, mussten in diesen Fonds einzahlen. Das System war so gestaltet, dass die Unternehmer in den Pool also schon für die bloße Teilnahme an Ausschreibungen für öffentliche Aufträge einzahlen mussten. Das bedeutete, sie zahlten in diesen Pool bereits für die bloße Chance auf einen späteren Zuschlag. Dafür gab es nicht einmal eine Garantie für den Erhalt öffentlicher Aufträge. Es konnte also auch passieren, dass ein Unternehmen jahrelang in das Poolsystem einzahlte, aber nie einen öffentlichen Auftrag bekam.

Natürlich hat der Sultan während seiner Zeit als Oberbürgermeister auch viel Sinnvolles gemacht. Projekte gefördert, die den Menschen einen Nutzen brachten. Er hat also auch Entscheidungen getroffen, die für die Bürger Vorteile gebracht haben. Zum Beispiel hat der Sultan die Wasserleitungen und sogar die Stromleitungen in Istanbul modernisieren lassen. Dann hat er die Müllentsorgung verbessert. Und der Sultan hat auch die Trennung von Jungen und Mädchen in den Schulbussen eingeführt. Die Einführung des Alkoholverbots in städtischen Lokalen geht ebenfalls auf ihn zurück. Der Sultan hat also vieles veranlasst, was auch für die Bevölkerung Istanbuls von Vorteil gewesen ist und sich im täglichen Leben ausgewirkt hat.

Eigentlich hätte der Sultan noch sehr viel Sinnvolleres für die Stadt Istanbul tun können als die Trennung von Jungen und Mädchen in den Schulbussen einzuführen. Er hätte dort zum Beispiel Wohnungen errichten können, damit nicht die zuziehenden ärmeren Bevölkerungsschichten in den Außenbezirken der Stadt ihre Blechhütten errichteten, die kaum geeignet waren, gegen Wind und Wetter zu schützen und einem Erdbeben sicher nicht standhielten. Die Blechhütten wurden natürlich ohne Genehmigung gebaut. Es herrschte eben in den Außenbezirken teilweise „Wild-West“. Aber das Bauen von Wohnungen, insbesondere, wenn diese auch noch einem Erdbeben standhalten sollten, war dem Sultan offenbar viel zu teuer, um das in größeren Stil innerhalb von knapp vier Jahren in Angriff nehmen zu können. Das hat der Sultan in der kurzen Zeit einfach nicht mehr geschafft. Aber ganz bestimmt hatte er die Absicht, das später nachzuholen!

Der Sultan hätte natürlich besser dafür sorgen sollen, dass die Bauunternehmer die Bauvorschriften insbesondere hinsichtlich des Erdbebenschutzes einhielten. Das allerdings war sehr teuer, und das konnte der Sultan natürlich nicht einfach anordnen, denn von den Bauunternehmern hatte er hohe Summen erhalten dafür, dass er weggesehen hat, damit nicht auffiel, welche „Papphütten“ diese Unternehmer für die ahnungslose Bevölkerung errichteten. An den Baumaßnahmen hatten also die Unternehmer und der Sultan verdient. Das System funktionierte reibungslos und ließ sich deshalb nicht so einfach ändern, ohne dass der Sultan auf viel Geld hätte verzichten müssen. Das aber war ihm sicher nicht zuzumuten!