Die dunkle Stille des Waldes - Nalini Singh - E-Book

Die dunkle Stille des Waldes E-Book

Nalini Singh

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12,99 €

  • Herausgeber: Knaur eBook
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Ein Grab aus scharlachroter Seide und eine elitäre Nachbarschaft voller schmutziger Geheimnisse:
der zweite Neuseeland-Thriller von Bestseller-Autorin Nalini Singh

Was hätten die Leute denken sollen, als die bildschöne Nina Rai spurlos aus dem Haus ihres doppelt so alten Ehemannes verschwand – und mit ihr eine Viertelmillion Dollar? Der Fall wurde schnellstmöglich zu den Akten gelegt, schließlich war keine von Neuseelands reichsten und mächtigsten Familien aus der Nachbarschaft an einem Skandal interessiert.
Das ändert sich auch nicht, als Jahre später im schattigen Grün des nahen Waldes eine verstörende Entdeckung gemacht wird: Ninas Knochen, eingehüllt in scharlachrote Seide.
Einzig Ninas Sohn Aarav ist fest entschlossen, endlich die hässliche Wahrheit hinter der glitzernden Fassade seiner Nachbarn ans Licht zu bringen …

Gekonnt mischt die internationale Bestseller-Autorin Nalini Singh Neuseelands schönste und schrecklichste Seiten zu einem atmosphärischen Thriller voller Geheimnisse.

Entdecken Sie auch Nalini Singhs ersten Neuseeland-Thriller »Im grausamen Licht der Sonne«.

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EPUB

Seitenzahl: 554

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Nalini Singh

Die dunkle Stille des Waldes

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Naumann

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Was hätten die Leute denken sollen, als die bildschöne Nina Rai spurlos aus dem Haus ihres doppelt so alten Ehemannes verschwand – und mit ihr eine Viertelmillion Dollar? Der Fall wurde schnellstmöglich zu den Akten gelegt, schließlich war keine von Neuseelands reichsten und mächtigsten Familien aus der Nachbarschaft an einem Skandal interessiert. Das ändert sich auch nicht, als Jahre später im schattigen Grün des nahen Waldes eine verstörende Entdeckung gemacht wird: Ninas Knochen, eingehüllt in scharlachrote Seide. Einzig Ninas Sohn Aarav ist fest entschlossen, endlich die hässliche Wahrheit ans Licht zu bringen.

Inhaltsübersicht

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

Protokoll

Sitzung #1

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

Protokoll

Sitzung #2

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Protokoll

Sitzung #3

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Protokoll

Sitzung #4

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Protokoll

Sitzung #5

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

Protokoll

Sitzung #6

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

Protokoll

Sitzung #7

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

Protokoll

Sitzung #8

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

Protokoll

Sitzung #9

37. Kapitel

38. Kapitel

Protokoll

Sitzung #10

39. Kapitel

40. Kapitel

Protokoll

Sitzung #11

41. Kapitel

Protokoll

Sitzung #12

42. Kapitel

Protokoll

Sitzung #13

43. Kapitel

44. Kapitel

Protokoll

Sitzung #14

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

Epilog

Dank

Für Rene.

Auf unseren nächsten Roadtrip!

1

Meine Mutter verschwand vor zehn Jahren spurlos.

Ebenso wie eine Viertelmillion Dollar in bar aus dem Safe meines Vaters.

Die Polizei kam.

Die Nachbarn flüsterten, sie sei eine Diebin.

Mein Vater nannte sie eine Schlampe.

»Sie taucht schon wieder auf, und dann lasse ich sie in Handschellen legen!«

Das sagte er. Das schrie er.

Er hatte recht.

Es dauerte zehn Jahre, aber sie tauchte wieder auf.

Die Polizei fand ihr Auto im dichten Busch des Waitākere-Ranges-Regional-Parks, der vier Stunden von hier entfernt liegt. Sie lag darin. Na ja, ihre Knochen jedenfalls. Diese Knochen lagen in den Überresten der roten Seidenbluse, die sie in jener Nacht getragen hatte.

In jener Nacht, in der ich sie schreien hörte.

2

Ich hatte gerade zwei Stunden damit verbracht, auf mein unfertiges Manuskript zu starren, als die Polizei vor der Tür des unauffällig edlen, aus Glas und poliertem Holz gebauten Hauses meines Vaters auftauchte. Es war entworfen worden, um deutlich zu machen, dass er kein gewöhnlicher Mann war, aber gleichzeitig auch so dezent, dass es mit der dunkelgrünen Landschaft verschmolz, in der es stand.

Ich war nach der Entlassung aus dem Krankenhaus einen Monat zuvor »nach Hause« gekommen, um dort zu wohnen. Auf ärztlichen Rat.

»Sie dürfen nicht allein bleiben«, hatte Dr. Binchy gesagt. Seine haselnussbraunen Augen hatten starr durch den eckigen schwarzen Rahmen seiner Brille geblickt. »Noch nicht.«

Ich wusste selbst nicht, warum ich nicht einfach eine Pflegerin engagiert hatte, statt an diesen Unglücksort zurückzukehren, der so viele hässliche Erinnerungen barg. Bevor ich tausend sinnlose Worte für mein nächstes Buch nur aufschrieb, um sie wieder zu löschen, hatte ich begonnen, nach Pflegediensten zu suchen. Dann kam die Polizei. Der Mann mittleren Alters in Zivil. Die Frau Anfang zwanzig in voller Uniform, einschließlich Mütze.

In ihrem Blick glomm Erkennen auf, als ich die Tür öffnete.

Der Polizist, untersetzt und schwerfällig, mit einem kantigen Kinn und wässrig blauen Augen, hielt mir seine Dienstmarke vors Gesicht. »Wir würden gern mit Mr. Ishaan Rai sprechen.«

»Klar.« Ich drehte mich auf meinen Krücken um und sah, dass mein Vater schon den Flur entlangkam, ein gut gekleideter CEO auf der Höhe seines Lebens. Sein ergrauendes Haar war perfekt gestylt, er trug ein frisches blaues Hemd.

Er war kein hochgewachsener Mann, aber auch nicht klein. Durchschnittliche Größe, mit durchschnittlichen Gesichtszügen. Fast hätte er gewöhnlich aussehen können, sogar fad, aber mein Vater hat Präsenz, eine natürliche Würde, die ich immer für höchst ironisch hielt.

»Worum geht es?«, verlangte er zu wissen. Denn das tut Ishaan Rai. Er verlangt. Das hat ihm immer genützt, außer, was seinen Sohn anging, der seine größte Enttäuschung war.

»Mr. Rai«, begann der Mann und hob seine Marke. »Wenn wir vielleicht ungestört miteinander reden könnten.«

»Oh, um Himmels willen, spucken Sie es einfach aus. Was ist es nun wieder für eine Beschwerde? Das Werk ist nach den höchsten Sicherheitskriterien gebaut – es erfüllt alle Umweltvorgaben.« Er ist derart daran gewöhnt, Leute herumzukommandieren, dass es ihm gar nicht in den Sinn kommt, dass ein höherer Polizeibeamter niemals um acht Uhr morgens an seine Tür klopfen würde, um eine Beschwerde wegen Schadstoffemissionen oder Chemieabfall zu überbringen.

Der Gesichtsausdruck des Polizisten wurde ganz ruhig, und in diesem Moment erkannte ich darin eine Intelligenz, die ich bis dahin nicht gesehen hatte. Untersetzt und schwerfällig konnte auch hartnäckig und unerbittlich bedeuten. »Ich bin Detective Senior Sergeant Oliver Regan, und das hier ist meine Kollegin Constable Sefina Neri. Wir bedauern es, Ihnen mitteilen zu müssen, dass heute früh die Leiche einer Frau im Waitākere-Ranges-Regional-Park entdeckt wurde. Ihre Identität muss noch offiziell festgestellt werden, und normalerweise würden wir Sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht informieren – aber da zu befürchten ist, dass die Öffentlichkeit schnell auf die Sache aufmerksam wird und Mutmaßungen anstellen wird, wurde die Entscheidung getroffen, Sie zu warnen. Bei der Leiche lagen Führerschein und Kreditkarten. Alle auf den Namen Nina Rai.«

Die Zeit blieb stehen, erfüllt von einem scharfen Schmerzensschrei.

Selbst meinem Vater schien es die Sprache verschlagen zu haben, aber das dauert bei ihm nie lange an. »Wo war sie denn die ganze Zeit?«, bellte er. »Vermutlich schön in Saus und Braus gelebt, auf meine Kosten, was?«

Constable Neris Augen waren von einem tiefen, intensiven Braun, und sie hatte ihren Blick unverwandt auf meinen Vater gerichtet. Dabei ließ sie ihren Vorgesetzten reden. Ihr Job, begriff ich, bestand darin, uns und unsere Reaktionen zu beobachten.

Ihre eindringliche Wirkung erinnerte mich an Paige.

»Es gibt Hinweise darauf, dass die Verstorbene bereits eine ganze Weile an ihrem Fundort lag«, erwiderte Regan. Die blasse Haut seines Gesichts war mit alten Aknenarben übersät. »Die gerichtsmedizinischen Untersuchungen werden natürlich einige Zeit in Anspruch nehmen, aber wir haben Grund zu der Annahme, dass sie sich dort bereits seit der Nacht befand, in der sie zuletzt lebend gesehen wurde – unsere Leute haben Überreste der Kleidung gefunden, die Sie in Ihrer Anzeige wegen des Diebstahls erwähnt hatten.«

Rote Seide, ein Oberteil, das die Arme entblößte und gut in den hohen Bund ihrer weiten und maßgeschneiderten schwarzen Hose passte. Ihre hohen Schuhe waren ebenfalls schwarz gewesen, ihre Lippen ein roter Akzent, der zu ihrem Top passte.

Um mich herum herrschte Stille.

Schwer. Kalt. Schneidend.

Wie das Schweigen, das mein Vater als Waffe gegen meine Mutter eingesetzt hatte. Im Gegensatz zu ihm hatte sie es nicht so sehr mit der Stille. Meine Mutter zog es vor, Dinge zu zerschlagen oder zu schreien.

Aber nicht so durchdringend wie beim letzten Schrei.

»Könnte es auch jemand anders sein?«, fragte ich, weil mein Vater die Beamten nur anstarrte – und weil ich nicht wollte, dass ihre Worte wahr waren. »Jemand könnte doch ihre Brieftasche gestohlen haben, und es könnte sein, dass Sie sich bei der Kleidung getäuscht haben. Es ist schließlich sehr lange her.«

Regans Gesichtsausdruck blieb hart, als er sagte: »Die Leiche wurde in einem Fahrzeug gefunden, das auf den Namen Nina Parvati Rai zugelassen ist.«

Meine Hand packte die Kante der Tür fester. Mehr Strohhalme hatte ich nicht, an die ich mich hätte klammern können.

Ein tiefer Schmerz zuckte durch die Knochen in meinem Fuß und von meinem Fußgelenk durch mein Bein. Die Zellen wuchsen eine nach der anderen wieder zusammen.

»Wenn Sie etwas von Mrs. Rai hätten, das ihre DNA enthält«, sagte Detective Rai, »würde das den Prozess beschleunigen. Aber wir wissen, dass das nach all der Zeit wohl unwahrscheinlich ist. Eine weitere Möglichkeit wäre, die DNA der Familienmitglieder mit der der Leiche abzugleichen.«

Mein Mund öffnete sich. »Ich hätte da vielleicht etwas.« Ich hatte keinerlei Absicht, das vor meinem Vater näher zu erklären – welcher normale Sohn ging schon ins Zimmer seiner Mutter, nahm ihre Haarbürste und steckte sie in eine Plastiktüte? Welcher normale Sohn bewahrte sie all die Jahre lang auf?

Ein Sohn, der einen Schrei gehört hatte.

»Erkennt einer von Ihnen das hier wieder?« Regan holte ein transparentes Plastiktütchen aus der Tasche, das mit Polizeiband versiegelt war.

Diamanten glitzerten darin, groß und protzig.

»Diesen Ring habe ich ihr gekauft«, sagte mein Vater düster. »Zu unserem zehnten Hochzeitstag. Aarav war damals erst sieben.«

Im selben Alter wie das kleine Mädchen, das sich in einem anderen Teil des Hauses für die Schule fertig machte. Geboren drei Jahre nach dem letzten Mal, als ich meine Mutter lebend gesehen hatte.

»Glücklichere Tage«, fügte mein Vater hinzu, wobei er den Kopf senkte. »Glücklichere Tage.«

Ich nahm das Tütchen und berührte den Ring darin. »Zwei Tage vor ihrem Verschwinden hatte sie einen der Diamanten verloren.« Ich zeigte auf die Stelle, so winzig in all dem Glitzer, zwischen all den Karat. »Sie war wütend, weil der Ring von einem exklusiven Juwelier stammte, der garantiert hatte, dass die Fassung halten würde.«

Sie hatte die Goldschmiede am Telefon angeschrien, ihnen gedroht, sie fertigzumachen, wenn sie den Ring nicht »sofort« reparierten. Sie war in unserem gepflegten Garten auf und ab gegangen, das Telefon ans Ohr gepresst, während ich auf dem hinteren Balkon des Hauses saß und versuchte, ein Sandwich zu essen. Schließlich hatte ich die Augen verdreht und mein Essen mit in mein Zimmer genommen.

Ich erinnerte mich noch daran, wie sie aussah, wie das Ringelblumengelb ihres Kleides vom Urwald abstach, der sich dunkelgrün und ewig hinter der wackeligen Barriere unseres Zauns erhob. Als schaute der Wald zu. Als wartete er.

Der Polizist nahm das Tütchen mit dem Ring wieder an sich und sagte: »Wir können Ihnen einen Opferschutzbeamten schicken. Vermutlich wird der Fall angesichts Ihrer Position in der Stadt großes Medieninteresse wecken.«

Regans Blick war auf meinen Vater gerichtet, aber Constable Neris Blick glitt zu mir. Sie wusste, worauf und auf wen sich die Medien stürzen würden, was die besten Schlagzeilen und die höchsten Klickzahlen generieren würde.

Die Worte kamen aus meinem Mund, bevor ich wusste, dass ich sie überhaupt gedacht hatte. »War es ein Unfall?«

»Natürlich war es das, Junge«, fuhr mich mein Vater an, als wäre ich immer noch sechzehn und nicht schon sechsundzwanzig. »Du weißt doch, dass deine Mutter gern getrunken hat.« Er sah Regan an. »Das wollen Sie doch sagen, oder? Dass Nina von der Straße abgekommen und in den Wald gefahren ist?«

In den grünen Schlund, in dem ein Auto jahrzehntelang verschwinden konnte. In jener Nacht hatte es geregnet. So viel Regen, ein sintflutartiges Unwetter. Ausreichend, um die Spuren eines von der Straße abgekommenen Autos auszulöschen?

»Wir können es noch nicht genau sagen«, erwiderte Regan, dessen Gesichtsausdruck sich immer noch nicht verändert hatte. Er steckte den Plastikbeutel zurück in seine Jackentasche. »Nach den Untersuchungen der Spurensicherung wissen wir mehr.«

»Ich hätte gern einen Opferschutzbeamten«, sagte ich, bevor mein Vater das Angebot ablehnen konnte. »Ich möchte es wissen, wenn Sie etwas finden, am besten, bevor es in den Zeitungen landet.« Immerhin waren sie deshalb vor der offiziellen DNA-Identifikation hierhergekommen. Jemand ganz weit oben hatte veranlasst, dass Ishaan Rai, CEO eines Imperiums mit Tausenden von Angestellten und bester Freund des Bürgermeisters, über das plötzliche Wiederauftauchen seiner ersten Ehefrau unterrichtet wird.

Seiner Frau, von der er sich in ihrer Abwesenheit hatte scheiden lassen.

Regan nickte. »Natürlich. Constable Neri erfüllt diese Aufgabe gern.«

Neri sprach zum ersten Mal. Ihre Stimme besaß ein sanftes Timbre, das vermutlich einen beruhigenden Effekt auf verzweifelte Angehörige hatte. »Hier sind meine Kontaktdaten.« Eine Visitenkarte aus der Hosentasche, die hingehalten wurde. »Rufen Sie mich jederzeit an.«

Ich nahm die Karte und steckte sie ein. Mein Vater würde bald aus seiner Erstarrung erwachen und sie einfordern, aber ich würde ihm nicht noch dabei helfen.

»Wir stellen sicher, dass Sie jederzeit auf dem neuesten Stand sind«, beteuerte Regan. »Bitte denken Sie daran, dass die Ermittlungen noch in den Anfängen stecken. Wir untersuchen noch immer den Fundort.«

»Ich komme mit.« Ich humpelte so schnell, wie es mir der orthopädische Moonboot erlaubte – ein Gehverband, in dem meine gebrochenen Knochen steckten. Ich nahm meine Jacke aus dem Schrank im Flur. Regan protestierte, aber ich sagte: »Ich gehe nicht über die Absperrungen oder mache eine Szene. Ich will nur wissen, wo meine Mutter gestorben ist.« Wo sie praktisch zehn Jahre lang begraben war.

Regan wechselte einen Blick mit Constable Neri und nickte dann: »Sie können mit uns fahren.«

»Nein, ich nehme mein eigenes Auto.« Eine gemietete Limousine mit Automatikgetriebe, die ich auch mit einem Bein fahren konnte. Wenn ich im eigenen Fahrzeug fuhr, konnte ich danach weiterfahren und war nicht auf sie angewiesen.

Wegen meiner Verletzung nahm ich die Krücken mit, die ich neben die Tür gestellt hatte, als ich meine Jacke holte; die Chirurgin, die mich versorgt hatte, hatte mir erlaubt, den Fuß zu belasten, aber von Wandern hatte sie nichts gesagt.

»Vorsichtig, Aarav«, hatte Dr. Tawera nach einem Blick auf die neuesten Röntgenaufnahmen gemahnt. »Wir wollen ja nicht den ganzen Heilungsfortschritt zunichtemachen.«

Nein, das wollten wir verdammt noch mal nicht.

Schließlich sagte auch mein Vater etwas. »Ich komme auch mit.«

In meiner Brust wurde es eng, mein Solarplexus schien einzufallen, eine Reaktion, von der ich geglaubt hatte, dass ich sie mir schon vor langer Zeit abgewöhnt hätte. »Wir fahren hinter Ihnen her«, schlug ich den Polizisten vor und ging dann hinter ihnen aus der Tür.

Mein Vater folgte mir schweigend. Er dachte selbst in der kalten Winterluft nicht an seinen Mantel. Der Himmel war von einem trüben Grau, das die Welt ganz flach erscheinen ließ. Ich erinnerte ihn nicht daran, als ich auf den Mietwagen zusteuerte, der stumpf blau und völlig unauffällig war. Zu keiner anderen Zeit meines Lebens hätte ich so ein Auto ausgewählt.

Es war nichts gegen den glänzend schwarzen Porsche mit der Extra-Metallic-Lackierung, der in der Garage meiner Stadtwohnung herumstand. Ja, der Porsche war ein angeberisches Stück Schwanzvergleich, aber immerhin wusste ich das. Ich hatte ihn gekauft, als sich Blutopfer zu einem Riesenbestseller entwickelt hatte, der wiederum zu einem Blockbuster-Film wurde.

Mord und Blutvergießen.

Die Welt nimmt beides gierig auf.

Die Entdeckung der Leiche meiner Mutter, selbst wenn ihr Tod sich als ein Unfall herausstellen sollte, wäre großartige Publicity. Meine Verleger würden heimlich ein Freudentänzchen aufführen. Und das für den Preis des Todes einer Frau von nur einundvierzig Jahren.

3

Ich packte das Lenkrad fester, als sich mein Vater auf den Beifahrersitz setzte.

Wir sprachen nicht miteinander. Ich hatte den Blick auf das zivil aussehende Polizeifahrzeug vor mir gerichtet. Constable Neri saß am Steuer und führte uns aus der belaubten Umgebung der Sackgasse auf eine lange, gewundene Straße, gesäumt von den dichten Wäldern des Waitākere-Ranges-Regional-Parks, durch nur sehr kleine Siedlungen – und mit atemberaubenden Aussichten dort, wo sich das Laub lichtete.

Die Panoramastraße Scenic Drive trug ihren Namen zu Recht. Aber nur dann, wenn man keine Lieblichkeit oder Sicherheit erwartete.

All das Grün ließ Teile der Straße klaustrophobisch wirken. Es war niemals glühend heiß hier in der kühlen Dunkelheit der Schatten, die die Baumriesen warfen. Dies hier war ein stiller Ort, ein Ort, der davon flüsterte, dass die Menschen Eindringlinge waren, die schnell vergessen sein würden, wenn es sie nicht mehr gab.

Ein unerwartetes weißes Aufblitzen, ein großes Schild am Eingang zu einem Wanderweg, die Warnung, dass diese Gegend wegen des Kauri-Sterbens unter einem rāhui stand. Niemand durfte diese Wanderwege nutzen, weil die durch einen Pilz verursachte Wurzelfäule des Kauri-Baums im Urwald durch die Sohlen von Wanderern verbreitet wurde und den Bäumen einen langsamen Tod bescherte. Bäumen, die eigentlich weit älter werden sollten, als meine Mutter es je sein würde.

Ich folgte dem Polizeiauto. Wenn es irgendwo an dieser Straße anhielt, dann an einem Ort, an dem ich schon Hunderte Male vorbeigefahren war.

Immer und immer wieder vorbei am Grab meiner Mutter.

Der Wagen wurde langsamer, als er in eine Kurve fuhr, und ich sah Blinklichter, Verkehrskegel und einen Polizisten in orangefarbener Weste, der den Verkehr durch die auf eine Fahrbahn verengte Straße lenkte.

In einem der dunkelsten Abschnitte der Straße und des Urwalds.

 

Das Land fiel zu meiner Rechten jäh ab, aber keineswegs ins Nichts. Sondern in einen Busch, der so dicht war, dass das menschliche Auge ihn nicht durchdringen konnte. Uralte Kauri-Bäume, Nīkau-Palmen, riesige Baumfarne. Diese Landschaft gehörte ihnen.

Constable Neri hielt das Polizeifahrzeug hinter einem Van an, und ich parkte hinter ihr. Alle warteten auf mich, bis ich die Krücken vom Rücksitz geholt hatte. Niemand sagte etwas. Als ich die Krücken unter die Achseln geklemmt hatte, nickte ich, und die Polizisten führten uns zu einem Teil der Straße, die keine Sicherheitsbarriere gegen den tiefen Sturz ins Grün hatte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, ob dort jemals eine gewesen war.

»Das Auto wurde am Fuß dieses Abgrunds gefunden«, erläuterte Regan zu uns. »Mit der Nase nach unten.«

Das passte zur Theorie meines Vaters, der davon ausging, dass es von der Straße abgekommen und den tiefen Abhang in den alles verschlingenden Wald gestürzt war. Ich hätte gern laut angezweifelt, dass meine Mutter in einer regnerischen Nacht von der Straße abgekommen war, weil dieses Ende einfach zu nett und sauber gewesen wäre, aber sie hatte zu viel getrunken, seit ich denken konnte, und sie neigte tatsächlich dazu, unvorsichtig zu fahren.

Wenn ich derjenige wäre, der diese Geschichte schreibt, würde ich natürlich genau diese Dinge dazu benutzen, um einen Mord zu vertuschen. Einen Schrei.

»Warum hat das nie jemand bemerkt?«, wollte mein Vater wissen. Seine Stimme klang geschockt. Vielleicht auch verängstigt. Oder beides. »Es muss doch Spuren geben, umgeknickte Bäume, irgendetwas!« Er sagte das in seinem »Ich bin hier der CEO«-Ton.

So nannte ihn meine Mutter.

»Ja, Mr. CEO-ji. Nein, Mr. CEO-ji.«

Dieses schreckliche -ji am Ende war praktisch die Kirsche auf dem Sarkasmus-Kuchen. Vielleicht hatte es einen liebevollen Ursprung gehabt, war dann aber immer höhnischer geworden. Um ehrlich zu sein, erinnere ich mich eigentlich nicht an liebevolle Gefühle zwischen meinen Eltern. Manchmal waren ihre Stimmen vielleicht weicher, ihre Begegnungen weniger aggressiv, aber selbst dann war der Frieden mürbe und nur einen Streit vom Bruch entfernt gewesen.

Mein Vater ist ein Mann, den man nur sehr schwer lieben kann. Ich war mir nie ganz sicher, ob er überhaupt Liebe will oder ob ihm Gehorsam ausreicht. Und was Zuwendung von seiner Seite angeht: Die gibt es einfach nicht. Für Ishaan Rai ist seine Familie sein Eigentum. Besonders seine Frau. Ich weiß nicht, ob es meine Mutter zu Anfang mochte, besessen zu werden, ob sie ihr Eheleben folgsam und still begonnen hatte, aber die Frau, an die ich mich erinnere, hasste es aus tiefstem Herzen.

»Zu diesem Zeitpunkt«, erklärte Regan, »kann ich Ihnen nur sagen, dass das Auto inzwischen so gut verborgen ist, dass es noch jahrelang niemand gefunden hätte, wenn sich nicht ein Team von der Naturschutzbehörde da unten umgeschaut hätte. Sie haben sich die Kauri-Bäume angesehen – eine Routine-Inspektion, die mit dem Dieback, der Kauri-Baumkrankheit zu tun hat.«

Die Haut meines Vaters wurde ganz fleckig. Er hat helle Haut, die Sorte, die fleckig wird, wenn er wütend ist. Alle indischen Brautmütter wollen diese Haut. Man kann es nennen, wie man will – internalisierte Unterdrückung, den langen Schatten, den die britischen Kolonialisten werfen, brutales Klassenbewusstsein –, aber meine Mutter hatte ebenso helle Haut. Sie waren zwei Menschen, die eine perfekte Ehe hätten haben sollen.

Die zweite Frau meines Vaters ist so dunkel wie Teakholz.

»In der Nacht, in der sie verschwand, regnete es«, stellte ich fest, bevor er wieder eine seiner Tiraden beginnen konnte. »Der Regen wurde zu einem Unwetter, der in der ganzen Stadt Zäune und Bäume umwarf.« Die Wassermassen hätten sofort jede Reifenspur fortgespült. Nach einem solchen Unwetter waren Schäden an Laub und Busch nichts Ungewöhnliches.

Und das Auto meiner Mutter war ein dunkelgrüner Jaguar gewesen.

So ein fantastischer Farbton.

Der so leicht im tiefen Grün des Urwalds übersehen werden konnte.

Ich konnte mir zwar vorstellen, dass ein einzelnes Auto vom Urwald verschluckt werden konnte, aber auch, dass dem Wald vielleicht jemand ein wenig dabei geholfen hatte. Es hätte nicht viel dazu gebraucht. Ein paar Äste, auf den Jaguar geworfen, ein paar Ranken. Den Rest hätte die Natur erledigt. Ganz besonders nach all dem nährenden Regen.

»Sie haben ein gutes Gedächtnis.« Regan hatte die Hände in seine Hosentaschen gesteckt und wirkte nur mäßig interessiert.

Ich fragte mich, ob ich wohl zu den Verdächtigen gehörte. Immerhin ist man mit sechzehn kein Kind mehr. »Das war der Tag, an dem meine Mutter verschwand. Jede Minute davon ist in meine Erinnerung eingebrannt, ebenso die darauffolgenden Tage.« Tage, in denen ich immer noch hoffte und wartete.

»Natürlich, natürlich.« Ein Blick zu Neri.

Es war mir egal, was sie von mir dachten, zu welchen Schlussfolgerungen sie im Auto hierher gekommen waren. Ich interessierte mich mehr für das, was dort unten lag. Obwohl ich wusste, dass der Jaguar dort war, konnte ich ihn nicht sehen.

Als die beiden Polizisten beiseitetraten, um sich mit einem weiteren Kollegen zu besprechen, sagte ich: »Warum hat sie in jener Nacht geschrien, Dad?«

Die Frage stand zwischen uns, dunkel und vorwurfsvoll.

»Du weißt, wo dein Platz ist, Junge«, spie er schließlich, um dann zurück zum Mietwagen zu gehen.

Die Schlüssel steckten noch im Zündschloss, und er startete den Motor und warf mir einen herausfordernden Blick durch die Windschutzscheibe zu. Als ich keine Anstalten machte, zu ihm zu rennen, setzte er das Auto zurück und machte einen U-Turn, um in die Cul-de-Sac zurückzufahren.

So ein angeberischer Straßenname. Als gäbe es nur eine einzige Cul-de-Sac, eine einzige Sackgasse auf der Welt, und das ausgerechnet hier in diesem isolierten und grünen Teil Aucklands. Der Name lässt außerdem an Straßenfeste und Nachbarschaftsgrillabende denken, und dabei ist die Cul-de-Sac inzwischen ein ziemlich kalter Ort, an dem die Meinungen unter einer hauchdünnen Schicht Höflichkeit verborgen werden und sich die Nachbarn voneinander fernhalten.

Für mich änderte sich alles in dieser Nacht. Als hätte das Verschwinden meiner Mutter alles Leben aus der Cul-de-Sack entweichen lassen.

Noch lange nachdem das Motorengeräusch des Mietwagens verklungen war, stand ich da und starrte in den Urwald. Ich dachte an den sintflutartigen Regen in jener Nacht, dessen Rauschen das Donnern übertönt hatte. Es war ihr Schrei, der mich geweckt hatte, der den Schleier des Schlafes zerrissen und mich mit pochendem Herzen aufgeschreckt hatte. Ich war nicht ganz sicher gewesen, was ich gehört hatte. Mein Puls hämmerte in meinen Ohren, und ich wartete, ob noch etwas zu hören sein würde.

Ich hatte mir schon beinahe eingeredet, dass ich es mir nur eingebildet hätte, als ich das Pochen an der Haustür hörte.

Einmal. Zweimal.

Ich kletterte aus dem Bett und rannte zur Schiebetür, die auf meinen eigenen Balkon führte. Aber die Tür klemmte wie immer, wenn es regnete. Als ich endlich nackt in den eiskalten Regen trat, als die Tropfen wie Nadeln auf meine Haut prasselten, verschwanden die auffälligen Rücklichter des Jaguar bereits in der regenverhangenen Ferne.

Protokoll

Sitzung #1

»Wie läuft das denn hier? Fragen Sie mich nach meinen Eltern und meiner Kindheit?«

»Möchten Sie darüber sprechen?«

[keine Antwort]

»Dies hier ist ein sicherer Ort für Sie. Nichts, was Sie hier sagen, wird je nach außen dringen, aber wir haben auch keine Eile. Sie können sich Zeit lassen, darüber nachdenken, worüber Sie sprechen wollen.«

[keine Antwort]

»Wollen wir einfach mit der Frage beginnen, warum Sie diesen Termin gemacht haben?«

»Die Träume.«

»Träume?«

»Immer und immer wieder dieselben Träume. Immer von ihr.«

4

Mr. Rai.« Constable Neri stand neben mir, der Blick ihrer Augen in ihrem rundlichen Gesicht war durchdringend. Ihre Haut war von einem mittleren Braun, das ganz stumpf wirkte, weil hierher kein Sonnenlicht drang. »Soll ich Sie nach Hause fahren?«

»Mr. Rai ist mein Vater«, stellte ich fest. »Nennen Sie mich Aarav.« Nicht Ari. Niemals Ari. So rief mich immer meine Mutter, und ich könnte den Namen aus dem Mund eines anderen nicht ertragen. Die letzte Freundin, die es versucht hatte, mich so zu nennen, war so erschrocken über meine Reaktion gewesen, dass sie mich noch am selben Tag verließ.

»Du sahst aus, als hättest du mich am liebsten erwürgt«, hatte sie am nächsten Tag am Telefon gesagt. »So viel Wut, dein Gesicht ganz verzerrt, bis ich dich überhaupt nicht mehr wiedererkannte …« Ihre Stimme war gebrochen. »Aarav, du musst dringend zu einem Psychologen, sonst bringst du noch jemanden um.«

Ich hatte aufgelegt und ihre Nummer aus meinem Handy gelöscht.

Ich hatte noch ein weiteres Jahr und Paiges Sorge um mich gebraucht, um zugeben zu können, dass ich mit jemandem reden musste, und jetzt bin ich einer dieser Menschen, die einen Therapeuten haben. Dr. Wendall Jitrnicka. Er trägt Fliege, und wir reden über den ganzen Scheiß. Und ich gehe alle zwei Wochen zu ihm. Offenbar habe ich eine Menge Scheiß in meinem Kopf.

»Wann bergen Sie sie?«, fragte ich Neri, weil sie nicht antwortete.

»Sobald die Spurensicherung mit dem Fundort fertig ist. Das kann Stunden dauern.« Sie verstummte. Dann sagte sie: »Die Leiche lag sehr lange dort unten.«

»Ich verstehe.« Es gab keinen Grund zur Eile. Besser, sie ließen sich Zeit und fanden so viele Beweise wie möglich. »Dann warte ich.«

»Mister …«

»Aarav.«

»Aarav. Hier wird nicht mehr viel passieren. Wir haben Sie nur informiert, weil es sein kann, dass die Medien bald auftauchen. Wir wollten, dass Sie vorgewarnt sind.«

Ich schaute hinunter in das Meer aus Laub. Uralte Bäume mit ineinander verschlungenen Ästen neben riesigen Baumfarnen, umwachsen von Kletterpflanzen. Das Laubdach schirmte das Auto weit effektiver ab als jede menschengemachte Barriere. »Sie war eine sehr lange Zeit allein. Ich kann sie so nicht zurücklassen.«

Constable Neri nickte knapp und ging, aber ich konnte praktisch sehen, wie sie innerlich notierte: Affektverflachung, makabre Besessenheit vom Tod, war in der Nacht des Ereignisses zu Hause.

Wenn sie etwas tiefer graben, werden sie begreifen, dass ich damals nur wenig kleiner und kaum weniger muskulös war als jetzt. Jedenfalls groß genug, um mit einer zarten Frau zurechtzukommen. Nina Rai war als nymphenhafte Einundzwanzigjährige in die Ehe getreten, aber anders als viele ihrer Altersgenossinnen, die der Zeit und dem Glück erlaubt hatten, ihre kantige Gestalt weich werden zu lassen, ihren Körper sanft auszupolstern, hatte sich meine Mutter mit wilder Besessenheit an ihrer jugendlichen Figur festgekrallt.

»Kontrolle, Ari«, hatte sie mehr als einmal zu mir gesagt, wenn sie eine Mahlzeit ausließ oder sie durch schwarzen Kaffee ersetzte. »Es geht immer nur um Kontrolle.«

Ich war für jene, die die Familie nicht kannten, oft eine Überraschung. Fremde machten ihr Komplimente für ihren süßen jüngeren Bruder, und sie überraschte sie, indem sie erwiderte, ich sei ihr Sohn.

»Aber Sie sind so jung!«, riefen sie dann unweigerlich aus. »Und Ihre Taille ist so schmal!«

Sie war so stolz auf diese Taille, so stolz, dass sie noch immer in die Kleider passte, die sie vor all den Jahren aus Indien mitgebracht hatte.

Nicht, dass sie diese Kleider je wieder getragen hätte, nachdem sie entschlossen in ihr neues Leben eingetaucht war. Und doch hatte sie sie aufbewahrt. Als Talisman, der sie an das ärmliche Dorf erinnern sollte, aus dem sie gekommen war?

Vielleicht.

Ich hatte sie einmal auf dem Bett sitzen sehen. Sie hatte ein hellblaues Top in den Händen, ihre Finger strichen über die Nähte. »Amma hat mir das hier gemacht«, hatte sie gesagt, als ich näher getreten war. »Ein ›schick besticktes‹ Top für mein neues schickes Leben. ›So ein Glück, meri Nina. So einen dhanee-Mann zu heiraten. Wah! Du wirst Diamanten und Seide tragen. Die Götter lächeln auf dich herab!‹«

Dann hatte sie gelacht, und es hatte wie blutige Glasscherben geklungen.

Mit einer so schlanken, so kleinen Frau fertigzuwerden, wäre für einen athletischen Sechzehnjährigen, der um einiges größer war als sie, ein Leichtes gewesen. Immerhin hatte ich meine Mutter schon oft vom Sofa ins Bett getragen, wenn die Luft im Wohnzimmer wieder vom Geruch der süßen Cocktails geschwängert war.

»Mein Sohn.« Ihre Hand an meiner Wange, die Spitzen ihrer langen Fingernägel, die sich in meine Haut gruben. »Mein ganzer Stolz. Mere dil ka tukda.«

Wieder ein Lachen. Es schmerzte in den Ohren, Fingernägel, die über eine Tafel kratzten, selbst nach all den Jahren.

Denn wenn ich ein Teil ihres Herzens gewesen war, dann einer, den sie abwechselnd vergötterte und hasste. Ich war das Gewicht, mit dem sie an ihre vergiftete Ehe gekettet war. Mein Vater hätte ohne jede Umschweife zugestimmt, wenn sie auf eine Scheidung gedrängt hätte. Aber seinen Sohn und Erben zu verlieren? Niemals. Ishaan Rai hätte bis zum bitteren Ende gekämpft, um mich zu behalten.

Etwas grell Weißes vor dem grünen Hintergrund. Ein Spurensicherungsbeamter. Ein zweiter Spurensicherungspolizist tauchte in einer kleinen Lücke zwischen den Bäumen auf. Auch sein Overall war leuchtend weiß, abgesehen von den Stellen, an denen Schmutz und Grün klebten.

Ironie des Schicksals, dass sie jetzt all diese Aufmerksamkeit hatte, meine Mutter, die sich ihr ganzes Leben lang genau danach gesehnt hatte.

»Hier.« Constable Neri kam mit einer leuchtend orangefarbenen Kiste zurück. »Sie sollten vermutlich nicht so lange stehen.«

Früher wäre es mir vielleicht peinlich gewesen, wie ein Invalide behandelt zu werden. Aber inzwischen war es mir egal. »Danke.« Höflichkeit ist eine gute Sache; sie hilft dabei, die Leute bei der Sache zu halten, sie reden zu lassen – und es hilft, sie davon abzuhalten, zu genau hinzusehen. Die Leute erzählen mir alles Mögliche, weil ich höflich und einfühlsam bin.

Dr. Jitrnicka hat mir erklärt, das sei bei mir eine Kontrolltaktik, weil ich es so bewusst tue.

Ich setzte mich erst, als sich Constable Neri bereits abgewandt hatte. Es war ein uneleganter Akt, aber schließlich schaffte ich es, mich auf die Kiste zu manövrieren. Meinen Moonboot hatte ich vor mir ausgestreckt und die Krücken ordentlich auf die Seite gelegt. Von dem Manöver war mein Gesicht ganz rot geworden, und ich griff in die Taschen meiner Jogginghose – die am Hosenbein aufgeschlitzt war, um Platz für den Gehverband zu schaffen –, um die Tabletten herauszuholen.

»Die sind gegen die Migräneanfälle«, hatte Dr. Binchy gesagt, als er das Rezept ausstellte. »Nehmen Sie sie mit Bedacht, aber wenn Sie spüren, dass eine Migräne im Anmarsch ist, zögern Sie nicht. Sie helfen besser, wenn man sie früh nimmt. Lassen Sie eine auf der Zunge zergehen und schlucken Sie sie dann.«

Das dumpfe Pochen in meiner Schläfe kündigte einen dieser beschissenen Anfälle an, die mich seit dem Unfall verfolgten. Aber ich zögerte dennoch. Die Medikamente halfen, aber in den Stunden danach folgte jedes Mal völlige Erschöpfung. Wenn ich jetzt eine nahm, würde ich nach dem Essen mindestens zwei Stunden im Bett bleiben müssen.

Das Pochen wurde schlimmer, Übelkeit stieg in mir auf.

»Scheiße.« Ich nahm eine der Tabletten aus dem Blister, legte sie auf die Zunge und ließ die Chemie ihre Wunder tun.

»Drogen fressen dein Hirn auf, Ari, sie lassen dir nur ein leeres khopdi.« Meine Mutter, die mit einem Kristallglas-Tumbler in der Tür zu meinem Zimmer stand, in einem schwarzen Kleid aus feinster Wolle, das ihre Kurven umschmeichelte. »Versprich mir, dass du dieses Zeug nicht nimmst.«

»Tu ich nicht«, hatte ich erwidert. Ich nahm die Drogen tatsächlich nicht, die wie Bonbons in meiner exklusiven Privatschule herumgereicht wurden. »Ich mag es nicht, high zu sein.«

Das stimmte damals. Und es stimmt heute immer noch.

Aber das Medikament würde mir ein paar Stunden Klarheit verschaffen, bevor ich dann schlafen musste. Besser als ein Schraubstock um den Kopf, der zudrückte, bis vor meinen Augen Lichter aufblitzten und ich nicht mehr klar sehen konnte. Als ich zum ersten Mal eine Migräne hatte, hatte ich geglaubt, blind zu werden, und war in Panik geraten.

Jetzt rann mir der Schweiß den Rücken hinab.

Ich weiß nicht, wie lange ich so dasaß, bis der riesige Lastwagen mit dem Kran darauf auftauchte. Als ich mit der mir am nächsten stehenden Polizistin über den Lastwagen sprach, einer uniformierten Constable auf Probe, sagte sie mir, dass die Polizei die Straße in einiger Entfernung gesperrt und Umleitungen gelegt habe, damit keiner die Zufahrt versperren konnte.

»Das hier wird eine Weile dauern.« Sie war jung und hatte ein frisches Gesicht und schien nicht zu wissen, wer ich war – aber weil ich ganz offenbar die Erlaubnis hatte, hier zu sein, achtete sie nicht auf ihre Worte. »Die Autos, die an solchen Orten gefunden werden, sind immer am schwierigsten zu bergen. Besonders, wenn der Busch schon genügend Zeit hatte, sie zu verschlingen.«

Sie zu verschlingen.

Ja. Das zerklüftete, wunderschöne Land neigte dazu, die Unachtsamen zu verschlucken. Einige, die in den Spalten der Berge verschwanden oder unter der ausufernden Krone eines uralten Waldriesen begraben wurden, würden nie gefunden werden.

Menschen, die für immer verloren waren.

Von der Gerichtsmedizin für tot erklärt.

Meine Mutter war nie für tot erklärt worden. Mein Vater hatte einfach die beiden Jahre abgewartet, die es dazu brauchte, und dann hatte er die Scheidung ohne ihre Einwilligung durchgezogen. Ich wusste nicht, wie. Ich hatte mir nie die Mühe gegeben, es herauszufinden. Es war offensichtlich, dass es irgendein Gesetz geben musste, das den Umgang mit Ehepartnern regelte, die nicht gefunden werden konnten oder wollten.

Theoretisch war meine Mutter zu dem Zeitpunkt noch flüchtig gewesen. Merkwürdigerweise war es die Scheidung, die sie wieder zu einer gesetzestreuen Bürgerin gemacht hatte. Das Gericht hatte ihr die Hälfte des Familienwohnsitzes zugesprochen, trotz aller Versuche meines Vaters, das zu verhindern.

»Ich habe es gebaut! Ich habe es bezahlt!«, hatte er am Abend der Urteilsverkündung gewütet. »Alles, was sie verdammt noch mal getan hat, ist, mein Geld auszugeben!«

Am Ende waren die zweihundertfünfzigtausend Dollar, die sie genommen hatte, mit dem Geld aus der Scheidungsvereinbarung verrechnet worden, und mein Vater hatte das Haus behalten – zum Zeitpunkt der Scheidung war es zwei Millionen Dollar wert gewesen. Eine Million Dollar für jede Partei, genau halb und halb. Wäre meine Mutter vor Gericht erschienen, hätte sie sicher um mehr gekämpft – Anteile, Investitionen, all das Geld, das er auf Schwarzgeldkonten angelegt hatte, aber sie tauchte nie mehr auf und bekam daher nur das Minimum.

Irgendwo im Gerichtssystem gibt es ein Treuhandkonto auf den Namen Nina Parvati Rai, auf dem siebenhundertfünfzigtausend Dollar plus zehn Jahre Zinsen liegen.

Die darauf warten, dass sie zurückkommt.

Jetzt würde es mein Geld sein.

Sie hatte mir einmal ihr Testament gezeigt und angedeutet, dass sie weit mehr Geld zurückgelegt habe, als mein Vater wisse. »Das wird alles deins sein, Ari. Verkauf den Schmuck und mach mit dem Geld, was du willst. Kümmere dich nur um deine nani.«

Das hatte ich getan. Die Mutter meiner Mutter lebt ein angenehmes Leben in dem kleinen indischen Dorf, das sie nie verlassen wollte. Sie steht jeden Morgen auf und betet für ihren vor langer Zeit verstorbenen Mann und ihre geliebte Tochter, und jeden Abend tut sie das Gleiche.

Ich rufe sie einmal die Woche an, um nachzufragen, ob sie etwas braucht.

Sie hat immer dieselbe Bitte: »Ich möchte mit Nina sprechen, beta. Kannst du Nina holen?«

Ich werde ihr nicht sagen, dass sie Nina endlich gefunden haben. Sie würde es beim nächsten Anruf wieder vergessen haben, und dann würde ihr Herz jedes Mal erneut brechen. Nein, ich mache es so wie immer und sage, dass Nina irgendwo anders im Haus zu tun hat und später zurückrufen wird.

Nani erinnert sich nicht daran, dass ihre Tochter nie zurückruft.

Zu meiner Linken manövrierte der Fahrer den Lastwagen an den Rand der Straße. Er hielt nur ganz knapp den Sicherheitsabstand ein. Dann begann er, den Kran auszufahren, während sein Partner Kommandos schrie. Weil ich so ein Gefährt noch nie gesehen hatte, schaute ich etwas abwesend zu, wie sich der Kran Stück für Stück ausklappte, wie ein grobes Metall-Origami.

An seinem Ende schwang ein riesiger Haken.

5

Ich fragte mich laut, wie sie wohl den Haken am Auto befestigen wollten, und die junge Probe-Constable sagte: »Oh, sie haben da unten schon eine Schlinge vorbereitet, die für derlei Dinge vorgesehen ist. Superstark, mit Riemen und so.«

»Natürlich.« Meine Mutter hätte es gehasst, wie ein Stück Fleisch beim Metzger hochgezogen zu werden.

Nur … Nein, da waren die Spurensicherer wieder. Sie kletterten den Abhang mit einem jämmerlich kleinen Sack auf einer Trage hinauf. Ich schaute zu, versuchte aber nicht, näher zu kommen. Ich schrie nicht, ich weinte nicht und ließ mich auch nicht schluchzend auf die Knie fallen.

Die nicht vergossenen Tränen in mir waren zu Stein erstarrt.

Und das da waren lediglich Knochen, nur noch Spuren meiner längst verstorbenen Mutter.

Den Geruch des penetrant süßen, durchdringenden Parfüms, von dem mir immer etwas schwindelig wurde, das makellos helle Braun ihrer Haut, das bittere Lachen – all das gab es nicht mehr. Was blieb, waren verlassene, vergessene Gebeine inmitten endloser, dunkelgrüner Stille.

Constable Neri trat auf mich zu. Sie hatte sich inzwischen einen dunkelblauen Schutzanzug angezogen, um den Fundort der Leiche zu besichtigen. Ein einziger, harter Blick, und die junge Polizistin neben mir wurde rot und verschwand.

Neri schob die Kapuze ihres Schutzanzuges zurück und zeigte ihr schweißnasses Haar, das sie zu einem dicken Zopf zusammengeflochten hatte. Um den Mund herum waren schwache Druckstellen zu sehen, wo die Maske gesessen haben musste. »Gibt es irgendwelche kulturellen oder religiösen Praktiken, von denen wir wissen sollten?« Ihre Stimme klang ruhig. »Sie hätten noch Zeit für ein Gebet, denn die tūpāpaku kann nicht wegtransportiert werden, solange der Lkw die Straße blockiert.«

Die tūpāpaku.

Das war das respektvolle Māori-Wort für eine Leiche. Aber es klang nicht richtig. Das Wort klang zu frisch. Meine Mutter war schon zu lange tot, um noch als Leiche zu gelten.

»Nein«, entgegnete ich und dachte an den kleinen Gebetsschrein, den Shanti hatte, die zweite Frau meines Vaters. Ohne Zweifel würde sie für ihre Vorgängerin beten und sich Sorgen machen, weil die üblichen Rituale nicht durchgeführt werden konnten, aber sie hatte Nina Rai nie kennengelernt. »Meine Mutter war nie besonders traditionell oder religiös. Es wäre scheinheilig, das alles jetzt für sie zu tun.«

Wenn es allerdings nach meinem Vater gegangen wäre, hätte er vermutlich das ganze Paket veranstaltet, allein um das Gesicht zu wahren.

Aber das wollte ich nicht zulassen – er hatte sich von ihr scheiden lassen und keinerlei Recht mehr auf sie. Ich würde verdammt noch mal dafür sorgen, dass er sich daran erinnerte, und ich würde dabei nicht besonders höflich sein. »Gibt es denn noch etwas anderes, was Sie mir sagen können? Haben Sie etwas gefunden, das eindeutig auf einen Unfall hinweist?«

Neri öffnete den Reißverschluss ihres Anzugs, sodass ein weißes T-Shirt sichtbar wurde. »Wir haben eine Flasche Whiskey im Auto gefunden. Leer, der Deckel war abgeschraubt.«

Das Lachen nach den Drinks, der schwankende Gang. Der Sohn, der sie zu Bett bringen musste. Ihr überwältigend süßer Atem – Erinnerungen, die ebenso Teil meiner Kindheit sind wie die Schreie und das Brüllen und die teuren Kuchen, die meine Mutter spontan kaufte, nur weil ich sie so gern mochte.

Es gab da nur ein Problem. »Meine Mutter hat getrunken, oft exzessiv. Aber Whiskey hat sie nie angerührt. Sie sagte immer, lieber würde sie Pferdepisse trinken.«

Constable Neri zuckte nicht mit der Wimper. »Menschen, die trinken, neigen dazu, zu nehmen, was es gerade gibt.«

»In der Bar meines Vaters gab es immer viel Wodka.« Ein Dauerauftrag von meiner Mutter. »Einige der Flaschen von vor zehn Jahren sind vermutlich immer noch da. Er ist derjenige, der Whiskey trinkt. Er kann Wodka nicht leiden.«

Jetzt war sie ganz still, aber voller Aufmerksamkeit. Ich dachte wieder an Paige, wie sie in ihrem Lieblingssessel auf dem Balkon saß und mich ansah, als versuchte sie, durch meine Haut, durch meinen Schädel zu schauen.

»Was genau wollen Sie damit sagen?«, fragte Neri.

Ich zuckte die Achseln. »Nur, dass sie, wenn sie trinken wollte, keinen Whiskey hätte trinken müssen.«

Die Spurensicherer, die die Gebeine meiner Mutter geborgen hatten, erreichten jetzt die Straße. Sie legten die Knochen in ein dunkelgraues Fahrzeug, das ich gar nicht als Leichenwagen erkannt hatte, so diskret und normal wirkte es.

Bald würde ich diese Knochen ins Feuer eines Krematoriums schicken.

»Verstreut meine Asche in den Bergen meiner Heimat«, hatte sie einst zu mir gesagt, als wir vor einem Ferienhaus mit Blick auf die hohen, schneegeküssten neuseeländischen Alpen saßen. Der Himmel glühte im Sonnenuntergang, sie legte ihren Kopf an meine Schulter und die Hand auf meinen Schenkel, und lallte vom Alkohol: »Wenn ich tot bin, bring meine Überreste zurück nach Indien. Wenn ich je glücklich war, dann in meinem wunderbaren Hindustan.«

Vielleicht würde ich das tun. Oder vielleicht würde ich sie auch in einer kleinen Kiste auf dem Dachboden verstecken. Vergessen. Alles, was sie je getan hatte, vom Erdboden tilgen.

Ich wandte mich in dem Moment von den Knochen ab, als der Kran ächzte.

Er hatte sich in Position gebracht. Der Haken hing jetzt so tief zwischen den Bäumen, dass er nicht mehr zu sehen war. Keiner von uns sprach, während wir darauf warteten, dass er wieder auftauchte. Das dauerte eine Zeit. Die Schlinge musste sicher angebracht und dann getestet werden. Die Riemen überprüft werden. Obwohl ich wusste, dass die Überreste meiner Mutter nicht mehr im Jaguar lagen, zeigte mir mein Hirn eine makabre Szene, in der die Schlinge riss und ihre Knochen überall durch den Urwald flogen.

»Sie haben das Auto nicht erst heute gefunden, oder?« Die Spurensicherung würde für menschliche Überreste, die im Busch gefunden wurden, ihre Zeit brauchen.

»Nein«, gab Neri zu. »Wir wurden gestern deswegen angerufen. Es dauerte eine Weile, zum Fundort zu gelangen, weil der sich in unberührtem Urwald befindet und kein Wanderweg in der Nähe ist. Dann mussten wir das Fahrzeug wiederfinden. Es wäre sinnlos gewesen, Ihnen davon zu erzählen, bis wir einigermaßen sicher waren, dass die Überreste wirklich die Ihrer Mutter sind.«

All das mussten sie still und heimlich getan haben, indem sie einen anderen Weg in den Busch genommen hatten. Keine Autos und Leichenwagen und Kräne, um die Öffentlichkeit nicht vorzuwarnen.

»Haben Sie einen kleinen Ring gefunden? Er müsste an ihrem linken kleinen Finger gesteckt haben. Aus schlichtem Silber, mit einem eingeprägten Schmetterling?«

Sie schürzte leicht die Lippen, dann aber schien sie ihre schnelle Verneinung noch einmal zu überdenken und ging zu einem der Techniker der Spurensicherung. Er zog etwas aus der Tasche, was wie ein Tablet aussah, und sie beugten die Köpfe darüber.

Als sie zurückkam, schüttelte sie den Kopf. »Die Autofenster waren nicht ganz geschlossen.«

Tiere.

Das war etwas, was ich für meinen zum Scheitern verurteilten zweiten Roman recherchiert hatte.

Ein kleiner Ring konnte leicht verloren gehen … besonders, wenn sich ein Aasfresser über die langen, schlanken Finger meiner Mutter hergemacht hatte.

Mein Magen zog sich zusammen.

»Die Spurensicherung hat allerdings einen dritten Ring gefunden.«

Ich holte mein Handy heraus und scrollte durch die Fotos, die ich in einem besonderen Ordner aufbewahrte. Ich hatte sie über die Jahre von Handy zu Handy geladen. Fotos von ihr. Für meine Erinnerung. Für die Identifikation. Weil ich in jener Nacht einen Schrei gehört hatte. Weil mein Vater ein Mistkerl ist, der damals seine Sekretärin vögelte.

»So einen?« Ich zoomte ihre Hand heran, die eine Champagnerflöte hielt.

Diamanten glitzerten unter dem Licht einer längst vergangenen Wohltätigkeitsgala. Meine Mutter trug ein hautenges Kleid, einen echten Schocker aus roten Pailletten, der sie mit vollkommener ehefraulicher Anmut einhüllte. Sie trug den tiefen V-Ausschnitt auf dem Rücken, und die Kaskaden ihrer weichen schwarzen Locken glitten über die seidige Oberfläche ihrer Haut, als sie sich vor dem Ausgehen in meinem Zimmer um sich selbst drehte.

»Dein Vater wird durchdrehen«, sagte sie mit einem durchtriebenen Grinsen. Dann beugte sie sich herunter, um mir einen Kuss zu geben. Ich lag auf dem Bett, den Kopfhörer um den Hals gelegt. »Iss dein Abendessen, Ari. Ich habe es extra für dich gemacht – und ich will keine Burger-Verpackungen im Müll sehen, wenn ich zurückkomme. Suna?«

Ihr Duft hing schwer in meinem Zimmer, in meiner Lunge, bis ich endlich aufstand und die Schiebetür zum Balkon öffnete. Manchmal konnte ich in Gegenwart meiner Mutter kaum atmen. Ihre Liebe war wie ein Python, der mich zerdrückte. Aber ich aß das Abendessen, das sie gemacht hatte, und ich lächelte, als sie jemanden bat, dieses Foto zu machen, das sie mir dann schickte.

Siehst du?, hatte sie geschrieben.

Der schwarze Smoking meines Vaters war im Hintergrund der Aufnahme zu sehen, und obwohl nur meine Mutter scharf zu sehen war, konnte man seinen zornigen Gesichtsausdruck dennoch erkennen.

Neri besah sich das Foto genau und nickte dann. Die Bewegung schickte einen Duft zu mir, der nicht nur Wald und Tod war. Ich hatte diesen Duft im Haar eines Mädchens gerochen, mit dem ich auf der Universität ausgegangen war. Kokosöl mit Frangipani.

»Der quadratische Saphir«, stellte Neri fest.

»Geburtstagsgeschenk.« Ich hatte keine Ahnung, wie viele Ringe sie in jener regnerischen Nacht vor zehn Jahren getragen hatte; meine Mutter war eine Frau gewesen, die es mochte, wenn ihre Finger glitzerten. Aber der unmodische Ring am kleinen Finger … den hatte sie niemals abgenommen. Seit dem Tag nicht mehr, an dem ich ihn ihr mit vierzehn Jahren geschenkt hatte.

Zum Muttertag, Mum. Ich hab dich lieb.

Ihr Gesicht wirkte wie zerknautscht, als sie die Karte und den Ring sah. Ich hatte den ganzen Sommer lang Rasen gemäht, um ihn kaufen zu können. Sie hatte den Ring übergestreift – so ein billiges Ding im Vergleich zu den anderen Klunkern an ihren Fingern – und ihn nie wieder abgenommen. Nicht einmal, wenn sie betrunken vor sich hin murmelte, dass sie am liebsten ihr Leben noch einmal von Anfang an leben, neu anfangen würde.

Ohne Kind – und auf jeden Fall ohne Ehemann.

Am Morgen erinnerte sie sich nie an diese Gespräche, sie wusste nicht mehr, dass sie sich gewünscht hatte, es gäbe mich nicht. Ich aber erinnerte mich an jedes einzelne vergiftete Wort, an jeden einzelnen verbalen Tiefschlag. Aber ich erinnerte mich auch an die selbst gekochten Mahlzeiten und den Schmetterlingsring, den sie stolz auf Galas und Politikdinners und Champagner-Brunchs getragen hatte.

Ein Ächzen vom Kran, ein Ruf vom Kranführer.

Die Laubdecke erzitterte.

6

Als Erstes tauchte der massive Metallhaken auf. Gefolgt von einem Bündel Seilen. Und dann die Gurte. Darin lag wie ein Kind in einem Kinderwagen ein Auto, das dreihunderttausend Dollar gekostet hatte, als mein Vater es für meine Mutter kaufte.

»Der erste Eindruck ist wichtig, Sohn. Wir können Mrs. Ishaan Rai nicht in einem billigen japanischen Auto herumfahren lassen.«

In derselben Nacht hatte er sie so hart geschlagen, dass sie zu Boden gefallen war, und sie hatte ein Glas nach ihm geworfen. Es war an der Wand zerborsten. Eine Scherbe war mir ins Gesicht direkt neben das Auge geflogen und hatte dort einen dünnen Schnitt hinterlassen.

Ich hatte keinen Ton von mir gegeben. Ich hätte gar nicht dort sein dürfen.

Später in der Nacht, als ich unter meiner Superhelden-Decke im Bett lag, hörte ich andere Geräusche. Ich war damals sieben und verstand das alles nicht ganz. Erst später begriff ich die Bedeutung dieses Stöhnens und Keuchens und der kleinen, atemlosen Schreie.

»Ganz ruhig jetzt!«

Der Jaguar tauchte leise schaukelnd aus der besitzergreifenden Umklammerung des Urwalds auf.

Das dunkle Grün der Lackierung war matt geworden und in den Jahren zwischen den Bäumen an einigen Stellen gerostet, die Stoßstangen glänzten nicht mehr, die Reifen waren platt und angefressen, aber der größte Schaden war vorn zu sehen. Der gesamte vordere Teil war eingedrückt, die Kühlerhaube stand offen und war verdreht.

Als wäre das Auto kopfüber den steilen Abhang hinuntergefallen und mit voller Wucht aufgeprallt. Als wäre ein schlankes Gewehr in einen kurzläufigen Revolver verwandelt worden.

»Sind die Airbags ausgelöst worden?«, fragte ich.

»Es sieht so aus, als hätten alle Sicherheitssysteme ordnungsgemäß funktioniert.«

Also war es möglich, dass meine Mutter den Aufprall überlebt hatte, nur um dann allein in der Kälte zu sterben, während der Regen auf das metallene Autodach prasselte und Blitze über den tintenschwarzen Himmel zuckten. Wenn sie überhaupt noch am Leben gewesen war, als das Auto den Abhang hinunterglitt. Denn ich hatte die Haustür zweimal zuschlagen gehört. Und danach war es im Haus totenstill gewesen.

»Wir werden mehr Einzelheiten erfahren, wenn …« Neri zögerte. »Es wird eine umfassende Untersuchung geben.«

Zehn Jahre waren eine lange Zeit, in der Beweismittel altern und vergehen konnten. In denen Fleisch verschwinden konnte. In denen jeder vergessen konnte, dass Nina Parvati Rai eine lebende, atmende Frau gewesen war, die Musik und Kochen liebte und ein Hirn wie einen Computer hatte.

In einem anderen Leben hätte sie Professorin sein können.

In diesem Leben war sie die Frau eines reichen Mannes gewesen.

Und jetzt war sie nur noch Knochen.

Das Auto bebte, als es den Armen des Urwalds entrissen wurde. Dreck hing in Klumpen am Fahrgestell, und die Türen waren mit Polizeiband gesichert, damit sie sich nicht öffneten. Die Spurensicherer mussten diese Stellen schon untersucht haben.

Ich starrte die Fahrertür an, und plötzlich fiel mir eine Frage ein, an die ich vorher gar nicht gedacht hatte. »Saß sie auf dem Fahrersitz?«

Detective Regan hatte das nie erwähnt.

Neri hatte ein gutes Pokerface, aber diese Frage hatte sie nicht erwartet. Die Antwort lag im Flattern ihrer Wimpern, bis sie die Kontrolle über ihre Gesichtszüge wiedererlangte. »Sie werden umfassend informiert, sobald wir unsere Untersuchungen abgeschlossen haben.«

Meine Mutter hatte nicht auf dem Fahrersitz gesessen.

Noch jemand anders war in jener Nacht in dem Auto gewesen. Und die Polizei wusste es. Die Whiskey-Flasche, der Ring, das, was sie uns gesagt hatten – das waren alles nur Stückchen der Wahrheit, die uns zur Kooperation bewegen sollten, während sie in einem Mordfall ermittelten … in einem Mordfall, der ganz sicher auch Ninas Ehemann und ihren Sohn im Fadenkreuz hatte.

Das Auto begann wild zu schwanken, und einen Augenblick lang glaubte ich, dass der Jaguar auf den Boden des Urwalds krachen würde, ganz genau wie meine Mutter vor all den Jahren.

 

Constable Neri brachte mich nach Hause, aber ich bat darum, mich ungefähr zwanzig Gehminuten vom Haus abzusetzen. Zehn Gehminuten für jemanden mit funktionierenden Beinen.

Neri warf einen Blick auf mein Bein im Gehverband. »Sind Sie sicher, dass das eine gute Idee ist?«

»Ich brauche Zeit zum Nachdenken, und das kann ich nicht im Haus mit meinem Vater. Sie haben ihn ja kennengelernt.«

Ein scharfer, dunkler Blick. »Keine glückliche Ehe.«

»Verhören Sie mich später, Constable.« Es klang schroff. »Ich erzähle Ihnen alles, was Sie wissen wollen. Aber lassen Sie mich heute trauern.«

Keine Beschämung in ihrem Gesicht, nichts als absolute Wachsamkeit, die eine Warnung war. Ich würde sowohl bei ihr als auch bei ihrem Chef vorsichtig sein müssen. Sie war nicht der Typ, das begriff ich, der auf oberflächlichen Charme hereinfiel, eingewickelt in den Duft des Geldes. Ebenso wenig würde ich sie oder ihren älteren Kollegen mit meiner »Nur ein Schriftsteller«-Nummer blenden können.

Ich würde genauer nachdenken, klüger sein müssen, um den Überblick über die Ermittlungen zu behalten.

»Sie verstehen, dass das ein komplizierter Prozess sein wird«, erklärte sie. »Wir brauchen Ihre Kooperation.«

»Haben Sie das Geld gefunden?« Eine Viertelmillion, die aus dem Safe meines Vaters verschwunden war. Bündelweise Hundertdollarscheine, die er als Sicherheit für unvorhergesehene Ereignisse aufbewahrt hatte. Er tat es immer noch. Ich hatte schon vor Jahren die Safe-Kombination herausgefunden, obwohl er das gesamte System nach dem Verschwinden meiner Mutter ausgetauscht hatte. Mein Vater hatte nicht besonders viel Fantasie – jedenfalls nicht in dieser Hinsicht.

Constable Neri sah mich ausdruckslos an. »Wie ich schon sagte, wir können Beweismittel nicht preisgeben.«

»Sie haben es nicht gefunden.« Das war nur geraten, und Neris Pokerface zeigte keine Regung, aber wie groß war die Wahrscheinlichkeit, eine Frau zu ermorden und dann ein dickes Geldbündel zurückzulassen, das niemand aufspüren konnte? Null. »Sie wissen ja, wo ich bin, wenn Sie reden wollen«, war ihre Antwort.

Ich stieg aus dem Fahrzeug, indem ich mich vorsichtig hochzog, und ging dann zur hinteren Beifahrertür. Neri schwieg. Ich holte meine Krücken heraus und schloss die Tür wieder. Sie wendete das Fahrzeug erst, als ich ganz am Straßenrand angekommen war.

Das Motorengeräusch verklang bald, und die Stille umhüllte mich.

All diese Bäume, all das Grün waren der Grund dafür, dass die Grundstücke hier so begehrt waren. Immobilien in Titirangi erreichten nicht die schwindelerregenden Preise der Villen in Herne Bay oder der ausufernden Anwesen auf der Südinsel, aber die Reichen, die hier ihre Häuser bauten, legten vor allem Wert auf Privatsphäre.

Nur selten wurden die Straßen, die sich durch den Waitākere-Ranges-Regional-Park schlängelten, in den Artikeln über Neuseelands reichste Straßen erwähnt. Das lag daran, dass der Reichtum hier hinter einem Schild aus Grün verborgen war und sich die Anwesen weit voneinander entfernt befanden. Niemand wusste von den atemberaubenden Designerhäusern, die tief im Urwald lagen, bis sie verkauft wurden. Die meisten Häuser hier waren einsame Funken in der Wildnis. Die Cul-de-Sac mit ihrer Ansammlung stillen Wohlstands wurde durch lange Auffahrten auf Abstand gehalten.

Meine Mutter war das auffälligste Mitglied dieser Enklave gewesen.

Ich schaute über den Scenic Drive. Nicht weit in der Ferne donnerte die Brandung von Piha an die Küste, wo das Wasser keine Gnade kannte und der schwarze Sand in der Sommersonne glühte. Es fühlte sich an, als wäre diese Sonne seit Monaten verblasst, der Himmel heute war düster und verärgert. Genau wie zweifellos auch der Gesichtsausdruck meines Vaters auf seiner Fahrt nach Hause.

Nina, die schon wieder Ishaans perfektes Leben störte.

Als ich in jener Nacht zum ersten Mal aufgewacht war, hatte mich seine Stimme geweckt. Müde von einem ganzen Tag Laufen als Vorbereitung auf den Halbmarathon, an dem ich in einem Monat teilnehmen wollte, hatte ich gestöhnt und mir ein Kissen über den Kopf gelegt.

»Du bist eine Hure!« Die Stimme meines Vaters, die wie ein Donnerschlag in meinem Kopf dröhnte.

»Oh, das ist ja absurd, dass ausgerechnet du so etwas sagst! Hast du etwa vergessen, dass ich deine Sekretärin mit nackten Brüsten auf deinem Schreibtisch überrascht habe? Du kriegst ihn nur bei albernen Mädchen hoch, die jung genug sind, deine Tochter zu sein, was?« Selbst nach neunzehn Jahren in Neuseeland hatte die Stimme meiner Mutter noch einen Hauch von ihrem dörflichen Akzent behalten, und die hässlichen Worte schienen gar nicht zu ihr zu passen.

Manchmal glaubte ich, dass sie sich absichtlich an ihrem Akzent festhielt. Vielleicht, um meinen Vater zu beschämen – wobei ich nie verstand, wie das hätte funktionieren sollen. Er war ja aus guten Gründen im ländlichen Indien auf Brautschau gegangen. Er hatte eine gebildete Frau weder gewollt noch erwartet.

Nein, Ishaan Rai hatte eine bescheidene, folgsame und wunderschöne Puppe gewollt.

Bei anderen Gelegenheiten war ich mir sicher, dass sich meine Mutter für ihren hartnäckigen Akzent schämte. Sie war in jeder anderen Hinsicht geschliffen und weltgewandt – Designerkleider, makelloses Make-up, das eher sexy war als »anständig« ehefraulich elegant, und besaß eine Schlagfertigkeit voll scharfen Witzes.

»Deine Mum ist echt heiß«, hatte einer meiner Freunde aus der Teenagerzeit einmal gesagt und sie mit seinen Blicken verschlungen, als sie in einem roten Bikini aus kleinen dreieckigen Stoffstückchen, ein wenig Schnur und sonst nicht viel mehr am Pool lag.

Ich hatte ihn geschlagen.

Ihre üppige und kochende Hitze hatte mich abwechselnd verwirrt und verärgert. Warum, dachte ich, konnte sie nicht so sein wie die anderen Mütter? Weich und warm und gemütlich. Und gleichzeitig war ich stolz darauf, eine Mutter zu haben, die andere begehrten.

Abgefuckt war da noch milde ausgedrückt.

»Pass auf, was du sagst, Nina! Ich bin immer noch dein Mann!«

»So wortgewandt, piva-ji.« Die rauchige Stimme meiner Mutter, die das liebevolle Wort für Ehemann in kränkender Absicht benutzte. »Wenn ich nur daran denke, wie beeindruckt ich von dir war, als du in unser Dorf kamst. So klug, so gutaussehend, so stinkreich.« Wieder ein Lachen, es klang wie reine Säure. »Immerhin stimmte eins davon.«

»Geh doch zum Teufel, du Schlampe. Diesmal hast du es zu weit getrieben. Ich werde mich von dir scheiden lassen und dich auf die Straße werfen.«

»Ich werde dich bis aufs Hemd schröpfen.« Dieser Hohn. »Ich habe bereits mit einem Rechtsanwalt gesprochen, und rate! Dieser alte Ehevertrag ist nichts mehr wert. Zu einseitig. Zu gemein. Erst recht, seit ich dir einen Sohn geschenkt habe. Die Gerichte werden diesen Dreckszettel wegwerfen und mir die Hälfte von allem geben. Hey, sie werden mir sogar mehr geben, weil ich nämlich auch unseren Sohn mitnehmen werde.«

»Davor würde ich dich umbringen!«, hatte mein Vater in jener Nacht geschrien, begleitet vom Geräusch zerbrechenden Glases.

Als ich das nächste Mal im Wohnzimmer war, sah ich das Glitzern der Scherben des Kristall-Tumblers vor dem Kamin. Nur ganz winzige Scherben. Der Rest war schon verschwunden. Ebenso verschwunden war der teure Seidenteppich aus Rajasthan, der seit Jahren schon vor dem Kamin gelegen hatte.

Die Stimme meiner Mutter hatte verwaschen geklungen, als sie antwortete. »Drecksack! Du glaubst wohl, dass ich dich nicht durch die Gerichte schleifen und all deine schmutzige Wäsche waschen werde? Dann pass mal schön auf.«

Ich war wieder eingeschlafen, aber ihre bösen Worte hallten in meinem Kopf nach, obwohl ich so etwas schon öfters gehört hatte. Als ich zum letzten Mal auf meinen digitalen Wecker geschaut hatte, hatte er 23:51 gezeigt, und danach hatte ich die Welt ausgeblendet und war in den Schlaf gesunken.

Der Wecker zeigte 00:01, als ich zum zweiten Mal aufwachte – von einem durchdringenden Schrei. Mein Herz hämmerte.

Protokoll

Sitzung #2

»Liegt es daran, dass die Dinge zwischen Ihnen noch nicht geklärt waren? Verfolgt sie Sie deshalb?«

»Wir haben uns in jener Nacht gestritten. Das habe ich noch nie jemandem erzählt.«

»Vergessen Sie nicht, dass Sie hier in Sicherheit sind.«

»Ja.« [tiefes Durchatmen] »Ich wollte nie sagen, was ich gesagt habe, oder tun, was ich getan habe. Ich werde die Zeit nie zurückdrehen und alles wieder in Ordnung bringen können.«

»Standen Sie sich nahe?«

»Ja.«

»Dann wissen Sie, dass sie es Ihnen nicht übel genommen hätte – wir sagen alle in der Hitze des Gefechts mal dumme Dinge. Das hätte sie gewusst.«

»Tun Sie das nicht.«

»Was denn?«

»Über sie in der Vergangenheit zu sprechen.«

»Oh. Ich dachte nur … das hätte ich nicht tun sollen. Ich bitte um Entschuldigung.«

7

In jener Nacht hatte ich einfach nur so dagelegen, weil ich mir nicht ganz sicher gewesen war, was ich da gehört hatte – oder ob ich überhaupt etwas gehört hatte. Dann war die Haustür ins Schloss gefallen, und ich hörte erneut Glas zerspringen. Dann wurde die Haustür ein zweites Mal zugeschlagen.

Das waren nur meine Eltern, die sich gestritten hatten. Mum war gegangen, und Dad war ihr gefolgt. Vermutlich hatte sie sich ins Auto gesetzt, um sich wieder zu beruhigen, so wie sie es schon viele Male getan hatte.

Zu spät fiel mir ein, dass sie ja getrunken hatte. Also warf ich die Decken von mir, um auf den Balkon zu rennen, von dem aus ich über die Straße schauen konnte. Sie sah immer noch einmal hoch zu mir, bevor sie losfuhr.

Manchmal konnte ich sie am Losfahren hindern, indem ich winkte, damit sie anhielt, und dann die Treppen hinunterlief.

Aber sie hatte ihr Auto an diesem Tag auf der Cul-de-Sac geparkt, weil mein Vater wieder einmal ein Arschloch gewesen war und die Zufahrt zu unserer Doppelgarage blockierte, indem er seinen Mercedes mitten auf der Einfahrt geparkt hatte. Er war so gehässig, dass er sein Auto lieber draußen bei Wind und Wetter ließ, als meiner Mutter das Leben zu erleichtern.

Der Regen hatte sich mit Hagel vermischt, aber ich stand noch lange auf dem Balkon, nachdem ihre Rücklichter von der Schwärze verschluckt worden waren. Ich wartete. Manchmal kam sie nach ein paar Minuten schon wieder zurück, um meinem Vater den Sieg nicht kampflos zu überlassen.

Aber nicht in jener Nacht.