Die Flügelschraube - Andreas Milanowski - E-Book

Die Flügelschraube E-Book

Andreas Milanowski

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Beschreibung

25. August 1992: während der Belagerung der Stadt Sarajevo wird die bosnische Nationalbibliothek in Brand geschossen. Tausende Dokumente, einzigartige mittelalterliche Handschriften, zwei Millionen Bücher von unschätzbarem Wert sind im Begriff, Opfer der Flammen zu werden. Der, in die Jahre gekommene, Bibliothekar Faik Begovidzc und sein jugendlicher Gehilfe Hasan Mamalovic machen sich auf, zu retten, was zu retten ist. Durch den Beschuss der Armee der bosnischen Serben in ständiger Lebensgefahr, dringen sie in das fast zerstörte, lichterloh brennende Gebäude ein, um möglichst viele Bücher in Sicherheit zu bringen. Unterstützt werden sie dabei von Mazurovic und Patalovidz, zwei Soldaten der jugoslawischen Territorialarmee. Der Coup scheint zu gelingen, doch Begovidzc hat einen anderen Plan.

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Seitenzahl: 53

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Andreas Milanowski

Die Flügelschraube

Kurze Geschichte einer Rettung - ein Beitrag zu Lima Strysas #authorschallenge

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

0 Vorwort

1 Die Flügelschraube

Impressum neobooks

0 Vorwort

Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur #authorschallenge, die von Lima Strysa ins Leben gerufen wurde. Ein Autor schreibt und gibt, nach getaner Arbeit, den Stab weiter an den nächsten, indem er ihm ein Stichwort zuwirft. Mein Wort war „Flügelschraube“. Es kam von Fritzi van Ribbeck, der ich dafür großen Dank schulde. Es ist mir eine Ehre und eine Freude, von ihr nominiert worden zu sein.

Den Stab weiterreichen werde ich an die beiden Autorinnen Caty Perillo ("ALBA", "Tage wie wir") mit dem Stichwort "Rettungsanker" und Pia Tutz ("Pia´s LyrikShop",  "Lotte") mit dem Stichwort "Fangzaun". Ich bin sehr gespannt.

All die wundervollen Geschichten, die im Rahmen dieser Challenge entstanden sind, findest du auf den Amazon-Profilen der jeweiligen Autoren, sowie deren Instagram-Accounts. Viel Freude beim Lesen.

1 Die Flügelschraube

„Kommt schnell! Wir müssen rüber, solange sie nicht schießen!“ Der Alte duckte sich hinter einen der schmalen Pfosten, die das Geländer der Brücke eben noch hielten. Besorgt schaute er die Hügel empor, in die Wälder oberhalb der Stadt. Dort saßen sie, eingebuddelt in ihre Stellungen. Die Heckenschützen in einigen der Häuser ringsherum. Wo genau sie sich versteckt hielten, merkte man oft erst, wenn es zu spät war oder gar nicht. Sie deckten, seit dem Morgengrauen, jeden, der sich bewegte, jeden, der versuchte, sich der Tür des Gebäudes zu nähern, um den Brand zu löschen, mit einer Salve aus ihren Maschinengewehren ein. Einige Meter weiter lag die Leiche einer Frau, vielleicht vierzig. Sie war gerannt, gestolpert, gestürzt über eines der herumfliegenden Trümmerstücke. Sie hatten kein Erbarmen gezeigt! Noch ehe sie sich wieder hatte aufrichten können, waren die Geschosse in ihren Rücken geschlagen. Umgewandt hatte sie sich noch, um der Angreifer gewahr zu werden, doch es war niemand mehr zu sehen gewesen. Ihre Augen offen, ungläubig geweitet vom Schrecken der Erkenntnis, dass ihr Leben hier enden würde – Jetzt! – war sie auf die Knie gesunken. Im Sterben hatte sie die Hände gefaltet, ihren Blick in den Himmel gerichtet, als wolle sie fragen, warum ihr Gott dies alles zuließ. „Hilf mir!“ Dann war sie gefallen und liegengeblieben. Faik hatte alles beobachtet, mit angehört, ihr in die gebrochenen Augen gesehen. „Still!“, hatte er sich selbst befohlen, seine ohnmächtige Wut nicht hinauszubrüllen. Es wäre auch sein Todesurteil gewesen.

Die dort oben, die auf dem Hügel und die Schützen in den Häusern, sie verstanden ihr Handwerk. Gerade machten sie eine Pause vom Schlachten. Vielleicht besoffen sie sich jetzt mit Šljivovica, dem guten, goldfarbenen, in Robinienfässern gelagerten Stoff, nicht dem miesen Fusel aus den illegalen Brennereien unten in den Dörfern, von dem man Kopfschmerzen bekam. Die Generäle sorgten für ihre Truppe, dafür dass die Laune und die Kampfmoral auf brauchbarem Niveau blieben. Eine ausreichende Menge Pflaumenschnaps und ein paar Nutten ab und an gehörten dazu. Vielleicht feierten sie jetzt ihren Volltreffer vom frühen Morgen. Binnen weniger Minuten hatten sie die Vijećnica, das große alte Rathaus mit der Nationalbibliothek, in ein Inferno verwandelt. Viel hatte es dazu gar nicht gebraucht. Brennbares lagerte dort mehr als genug. Papier, Karton, tonnenweise Akten und vor allem Bücher, Millionen von Büchern. Die Flammen lechzten danach und fraßen begierig Eins ums Andere. Die Hitze des Feuers trieb das Papier durch das zerborstene Glasdach hinaus ins Freie. Abermillionen verkohlter, brennender Seiten flatterten über die Stadt hinweg in den klaren, blauen Sommerhimmel, wie ein Schwarm irregeleiteter Vögel. Eine dunkle Wolke des Todes, die die einzige Wahrheit verkündete, die in diesem Krieg noch nicht gestorben war: Sie hatten es getan!

„Wo bleibt ihr?“, zischte der Alte und trieb zur Eile, winkte mit einer Hand über seine linke Schulter nach hinten. „Sie werden nicht ewig Ruhe geben!“ Kurz darauf sprangen drei junge Männer auf die Brücke, in geduckter Haltung. Sie hatten, hinter zwei, von Geschossen durchsiebten Metallcontainern gekauert, auf einen günstigen Moment gewartet. Einer der drei, der bei Weitem Jüngste, war in Zivil, die beiden anderen, die vielleicht Mitte Zwanzig sein mochten, trugen alte, abgetragene Uniformen mit den Abzeichen der „Teritorijalna odbrana“, der jugoslawischen Territorialverteidigung auf ihren Armen. Alle hatten sie zusammengeklappte, leere Kartons bei sich.

Noch einmal drehte sich der alte Mann um, schaute in den Himmel über der brennenden Bibliothek, der dunklen Wolke hinterher. Sein Blick wanderte über die Dächer der Stadt, hin zum Minarett der Moschee. Einen Augenblick lang kämpfte er mit den Tränen. Dann besann er sich. Jetzt war keine Zeit für Sentimentalität. Handeln war angesagt. Niemand war mehr da - nur er und die drei Jungs dort vorne. Die hatten es fast geschafft. Noch wenige Schritte bis zu dem Steinmäuerchen. Das war zwar auch schon einige Male schwer getroffen worden, stand aber immerhin noch. Er, Faik, war der Letzte, der noch hinübermusste. Geschickt sein, hinter dem Geländer bleiben, das einen gewissen Schutz bot. Klar, er war alt und nicht mehr der Schnellste – und denen dort oben musste das Töten Spaß machen. Warum sonst ballerten sie Leuten die Hirne weg, mit denen sie noch vor wenigen Monaten zusammen am Tisch gesessen und gefeiert hatten? Was hatten die Generäle denen erzählt, worum es ging in diesem beschissenen Krieg?

Trotz alledem! Er musste über diese Brücke. Das sollte wohl zu schaffen sein. Faik holte tief Luft, gab sich einen Ruck und sprang aus seinem Versteck. Einen, zwei, drei Sprünge, so gut und schnell er eben konnte. Dann runter, in die Hocke, so tief, wie möglich, hinter einen dieser dünnen Pfosten. Papapapapap!!! Das vertraute, heisere Klappern einer Zastava – MP. Sie hatten ihre Pause beendet und wieder Lust aufs Schießen, hatten ihn entdeckt.