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Zeitenwende. Die letzte Schlacht der Albenkriege ist geschlagen. Mit der Übernahme der Macht in Fyugur durch Ionicus, den ersten Menschenkönig, soll das magische vierte Zeitalter Dore Y' Amars enden. Die Elvenkönigin Ayldiven ist, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, bereit, die Regierungsgewalt an die Menschen zu übergeben. Doch sie hat Bedingungen. Ausgerechnet die junge, in diplomatischen Dingen völlig unerfahrene Halbelvin Norael wird von ihr mit dem Auftrag zwischen die Fronten geschickt, zu überprüfen, ob Ionicus charakterlich geeignet ist, das Reich in die neue Zeit zu führen. Kann sie ihrer Verantwortung gerecht werden oder scheitert sie und wird sogar zur Mörderin? Dies ist Teil 18 der Reihe 'Neo-Fantastische Novellen aus Sinjas Welt'. Für LeserInnen ab 16.
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Seitenzahl: 60
Veröffentlichungsjahr: 2025
Andreas Milanowski
Norael
Das Galathirion der Königin Ayldiven
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Schicksal (Prolog)
2 Das Bündnis
3 Das Galathirion - Ort der königlichen Blüte
4 Tag 15 00001
Impressum neobooks
„Sammelt unsere Toten ein und bereitet sie vor für das Badoûm. Dann errichtet einen Scheiterhaufen und verbrennt die Leichen der Feinde! Der Wind steht günstig. Der schwarze Rauch wird Chenar Pan bis in sein Lager verfolgen. Der Verräter wird heute mit dem Gestank des Todes in seine Kissen sinken.“
Königin Ayldiven saß wie eine Statue auf ihrer Stute. Von dem Hügel vor dem Südtor der Stadt aus hatte sie den Verlauf der Schlacht beobachtet. Ihr silbrig schimmerndes Haar war zu einem mächtigen Zopf geflochten, der fast bis zum Steigbügel über den schwarzen Rücken des Pferdes hinunterhing.
„Majestät, wir haben Glück gehabt.“ Der Mann, der neben der Königin auf seinem Schimmel saß, schaute den fliehenden Albenkriegern hinterher. Er hatte eine tiefe, ruhige Stimme, wirkte gefasst, fast ein wenig traurig. Die mitternachtsblaue Satteldecke, die den Rücken seines Pferdes schmückte, war mit dem silbernen Halbmond versehen, dem Symbol der ‚Söhne der Weisheit‘.
„Glück? Was ist das?“, fragte die Königin. „Nein, das war kein Glück. Die Mächte des Schicksals waren auf unserer Seite – und ein guter Plan. Wenn ich recht informiert bin, ist es nicht ganz zufällig geschehen, dass Szerendels Soldaten das Schlachtfeld nicht erreicht haben. Ihr hattet eure Finger im Spiel, nicht wahr, General?“
Noleion lächelte – zum ersten Mal an diesem Tag.
„Meine Königin, es bleibt eine Tragödie“, sagte er, „trotz unseres Sieges. Dass die Brudervölker der Elven und der Alben gegeneinander in die Schlacht ziehen, halte ich für einen Irrtum der Geschichte. Die Verbindung der Alben mit den dämonischen Kräften Szerendels ohnehin. Wären seine Leute den Alben zu Hilfe gekommen, wie sie es geplant hatten, dann säßen diese Wahnsinnigen jetzt auf dem Thron des Reiches.“
„Nun, ich denke, die beiden sollten froh sein, dass es dazu nicht gekommen ist. Der Königstein hätte all ihre Lügen entlarvt und dafür gesorgt, dass sie daran zugrunde gehen. Der Thron Dore Y’ Amars ist für andere bestimmt.“
Norael zögerte. Für einen Augenblick blieb sie zwischen den beiden Masten stehen, die den Eingang des Zeltes markierten. Unmittelbar daneben stand das Banner des Clans von Telmor. Der schwere Stoff hing regennass an seiner Stange. Dennoch hatte die Halbelvin das Gefühl, dass der schwarze Raubvogel, der die blutrote Fahne zierte, mit seinen scharfen Klauen nach ihr greifen wollte. Ihr Herz zog sich zusammen. Ein schauriges Frösteln lief ihr über den Rücken. Sie wandte sich um. Dort stand im strömenden Regen die Besitzerin der Fahne, Serena von Telmor, groß und schlank, mit schulterlangem, hellblondem Haar. Sie hatte einen Brustharnisch angelegt und trug ein Schwert an ihrem Gürtel.
„Würde die Dame so freundlich sein, den Eingang endlich freizugeben und uns nicht länger nötigen, hier draußen herumzustehen“, forderte sie spitz. „Bei diesem Sauwetter ist es wahrlich kein Vergnügen vor dem Zelt zu warten, statt drinnen am wärmenden Feuer zu sitzen.“ Sie machte eine kurze Pause und schob nach: „Oder versprichst du dir einen taktischen Vorteil davon, uns hier im Matsch warten zu lassen?“
Norael schaute die Frau prüfend an. Nach der Zählweise der Menschen, die sie aus Fyugur kannte, mochte sie in den Zwanzigern sein, vielleicht Anfang dreißig. Doch ihre Gesichtszüge erzählten nichts von geschlagenen Schlachten, nichts von bestandenen Lebensprüfungen. Ihre Haut war glatt und hell wie die eines Kindes, ohne jegliche Falten, ohne Narben. Ihre grünen Augen dagegen funkelten angriffslustig wie die einer Raubkatze vor dem todbringenden Sprung.
„Nun, was ist jetzt?“, versuchte sie, ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen.
„Bei allen Geistern und Dämonen“, erwiderte Norael und strich sich eine ihrer türkis gefärbten Haarsträhnen aus der Stirn, „es ist wahr, was man über dich sagt, Serena von Telmor – nicht nur dein Atem ist kalt wie Eis.“ Damit wand sich die Halbelvin um und schlüpfte in das Zelt hinein.
„Damit wären die ersten Gräben aufgerissen“, krächzte die raue Stimme eines Graubärtigen, der ungeduldig hinter den beiden von einem Bein auf das andere gehüpft war. „Das geht ja gut los. Nun, wozu auch umgänglich sein, wenn man sich anmaulen kann?“ Er rammte mit einiger Kraft eine Fahnenstange neben der Telmors in den Boden. „Minglom – anwesend!“ Das Banner, das Brandlöcher und an einigen Stellen Risse aufwies, zeigte eine Streitaxt, gekreuzt mit einer Spitzhacke, beides silberfarben auf dunkelgrauem, fast schwarzem Grund. Der Bärtige, der ebenfalls der unangenehmen Nässe entkommen wollte, drängte, ein wenig zu forsch in den schmalen Eingang hinein und stieß dabei Serena versehentlich in die Seite. Die schnellte herum, griff nach ihrem Schwertknauf und fauchte den Kerl an:
„Nicht so voreilig, ungehobelter Klotz. Kannst du nicht aufpassen? Warte gefälligst, bis du an der Reihe bist!“
„Eisenbart, Gnädigste, Durim Eisenbart“, entgegnete der Bärtige kratzig. Er reichte Serena gerade einmal bis zur Schulter und musste sich ein wenig ins Kreuz legen, um ihr ins Gesicht schauen zu können. „Wenn es nicht zu viele Umstände macht, bitte ich doch sehr darum, mir den Respekt zu erweisen, der jedem hier gebührt und mich mit meinem Namen anzusprechen. Ich wäre sehr dankbar und bitte, meine kleine Ungeschicklichkeit zu entschuldigen. Wenn ihr allerdings sehr großen Wert darauf legt, Serena von Telmor, können wir unsere Meinungsverschiedenheit auch gerne mit Waffen austragen.“
„Na, na, so hitzig? Wir wollen doch nicht mit Streitäxten nach Mücken schlagen, Meister Eisenbart“, schaltete sich Norael in das Wortgefecht ein. „Wir sind hier wegen wichtigerer Dinge zusammengekommen“, beschwichtigte die Halbelvin, „nicht um Streitigkeiten wegen persönlicher Animositäten oder verletzter Eitelkeiten auszutragen, nicht wahr?“
„Wo sie Recht hat“, krähte Durim und zwinkerte Norael zu. „Wenn ich dann bitten dürfte, Gnädigste.“ Mit der Linken nahm er umständlich seinen Helm vom Kopf, der mindestens so viele Scharten und Beulen aufwies, wie sein Gesicht Falten hatte. Schulterlange, graue Locken kamen darunter zum Vorschein. Mit der Rechten wies er Serena den Weg ins Zelt. Die pumpte ihre Wangen auf und blies hörbar die Luft aus. Sie rückte ihr Schwert und den Gürtel zurecht und betrat den Raum.
„Ach übrigens, Elvin“, rief sie Norael beim Eintreten zu, „wie kriegst du die Farbe in deine Haare?“
„Indigo“, antwortete Norael irritiert, „Indigo aus Verdon und Zitronensaft. Ich fürchte aber, Serena von Telmor, diese Farbe würde euch nicht besonders gut stehen. Bleibt lieber bei eurem Albinoweiß. Das passt besser zu eurem Charakter.“
Wie es für ein Armeezelt üblich war, hatte auch dieses einen rechteckigen Grundriss. In der Mitte brannten in einem Feuerkessel ein paar Holzscheite. Das gab Wärme, aber bei Weitem nicht genug, um sich wohlfühlen zu können. Durch den Regen, der seit dem frühen Abend über das Land zog, war alles klamm, auch die Felle, mit denen der Boden ausgelegt war. Die Luft war feucht und stickig. Es roch nach Moder.
