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Kaum ist Oleid Vreydtsson seinem verstorbenen Vater auf den Thron gefolgt, muss der neue Föreste der Nebellande seine erste Bewährungsprobe bestehen. Ein grausamer Kinderfresser terrorisiert die Siedlungen seiner Inseln. Oleid versammelt seine besten Krieger und nimmt die Verfolgung auf. Doch die Jagd gestaltet sich anders als erwartet. Von dem dämonischen Leopardenmann fehlt jede Spur. Stattdessen findet Oleids Truppe auf einer verschneiten Lichtung einen halbtoten Kerl in den Trümmern eines merkwürdigen Fluggerätes. Der verwirrte Fremde behauptet, bei einem Flugversuch versehentlich in der falschen Zeit gelandet zu sein. Das Misstrauen der Nordmänner ist geweckt. Steckt der Fremde mit dem gesuchten Mörder unter einer Decke oder ist er am Ende selbst der Dämon in fremder Gestalt? Eine alte Saga, die der Reisende zu erzählen weiß, bringt allerdings Licht ins Dunkel und die Krieger an ihr vermeintliches Ziel. Doch ist die Jagd damit wirklich beendet?
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Seitenzahl: 56
Veröffentlichungsjahr: 2023
Andreas Milanowski
Oleid und Meridor
Teil 1
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Der Kinderfresser
2 Aufbruch
3 Meridor
4 Die Jagd beginnt
5 Der Leopardenmann
Epilog
Impressum neobooks
Ein leichter Wind von Osten fachte das Feuer an. Die Flammen schlugen hoch hinauf. Als sie das Segel erfasst hatten, erschien eine Frauengestalt auf dem Schiff. Sie war in ein helles Gewand gekleidet und stand mit weit ausgebreiteten Armen auf den brennenden Planken.
„Meine Ahnen rufen mich nun“, rief sie den Versammelten am Strand zu. Ihre Stimme klang kraftvoll, ohne die geringsten Anzeichen von Furcht oder Schmerz. Langsam schoben einige der Männer das brennende Boot aufs Wasser hinaus. „Sie fordern, dass ich den Platz an ihrer Seite einnehme, um mit Alryn und Aila zu speisen, hinter den Toren der großen Halle, in der die Tapferen leben bis in alle Ewigkeit.“
„Ich werde das niemals gutheißen“, flüsterte Oleid in sich hinein. Er stand einige Meter oberhalb des Strandes auf einer Düne.
„Was klagst du, Junge?“, fragte ein Krieger, der sich zu ihm gesellt hatte, um der Totenfeier beizuwohnen. Er war um etliches älter als Oleid, trug einen langen Zopf und einen geflochtenen, grauen Bart, der ihm fast bis zum Bauchnabel hing. Sein nackter Oberkörper war über und über mit Tätowierungen bedeckt. Runen, die seine Taten und die Götter priesen, eine Schlange, die sich um seinen linken Arm bis hinauf zum Hals wand, ein Feuer speiender Drache um den rechten.
Mit dem Schwert schlug er, wie alle anderen der versammelten Krieger auf den Rand seines Holzschildes, um Vreydt, dem verstorbenen Föresten und seiner tapferen Frau Gylynhar die letzte Ehre zu erweisen.
„Sie zu opfern ist Vergeudung von Menschenleben. Als ob wir nicht jeden Arm benötigten, um das Land zu bestellen und zu verteidigen, schicken wir sie sinnlos ins Verderben.“
„Es ist das alte Recht, Junge. Der Mann beschützt die Frau und die Frau folgt dem Mann – bis in den Tod. Was zusammen lebt, das soll auch zusammen sterben. Willst du etwa die Weisheit der göttlichen Ratschlüsse infrage stellen?“
„Ich stelle gar nichts infrage, Barwyn. Gylynhar ist meine Stiefmutter, nicht meine leibliche. Trotzdem tut es weh, sie auf diese Weise untergehen zu sehen. Keine Frau sollte einen solchen Tod sterben, nur weil sie mit einem Häuptling vermählt war.“
„Du bist ein sentimentaler Esel, Oleid. Schau hin, wie stolz diese Frau auf ihre letzte Reise geht. Siehst du irgendeinen Grund, darüber zu jammern wie ein altes Kräuterweib? Sie trägt ihr Schicksal, wie sie es als Gemahlin eines Föresten zu tragen hat. Du solltest ihr nicht durch dein Mitleid die Ehre nehmen. Sie verdient es, bewundert zu werden, nicht beklagt.“ Eine Weile beobachteten die beiden das Schiff, das, von den Wellen sanft gewogen, sich langsam vom Strand entfernte. Dann lächelte Barwyn und schaute Oleid von der Seite an. „Die alte Yörgun hat bei Sonnenaufgang das Orakel befragt. Man munkelt, die Zeichen stünden günstig, dass du heute Abend zu Vreydts Nachfolger gewählt wirst.“
Dass Barwyn die Wahl erwähnte, hieß nichts Gutes. Oleid versuchte, seine Unruhe zu verbergen.
„Wenn das tatsächlich dein Wille ist, Junge, dann solltest du das alte Recht achten und deine kindischen Ansichten besser für dich behalten, sonst könnte es geschehen, dass….“
„Was könnte geschehen?“, unterbrach Oleid. „Dass dein Sohn Anspruch auf den Sitz meines Vaters erhebt? Willst du mir drohen, alter Mann?“
„Nein, Junge“, antwortete Barwyn und lachte grimmig, „nur ein gut gemeinter Rat, sonst nichts. Nur ein gut gemeinter Rat.“
„Verstanden!“
„Hmmm!“, knurrte Barwyn und schaute Oleid fest in die Augen. Was soll das?, fragte sich der, Warum fordert er mich jetzt heraus? Der Alte musste doch wissen, dass er nicht mehr über die Kraft verfügte, Vreydts Sohn im Zweikampf zu besiegen. Oleid wich dem Blick aus. Er wollte den Kampf nicht hier und nicht jetzt – nicht mit dem Alten.
„Du bist ein Feigling, Oleid Vreydtsson, nicht würdig, den Thron deines Vaters zu besteigen. Laif wird dich zerreißen wie ein Wolf!“
„Wir werden sehen“, antwortete Oleid. Der Alte drehte sich um und ließ Vreydts Sohn am Strand stehen. Dessen Blick ging wieder in die Ferne. Gylynhar war von dem herabstürzenden Segel begraben worden. Das brennende Schiff mit dem gefallenen König und seiner Frau an Bord trieb aufs Meer hinaus, den untergehenden Sonnen, dem Sitz der Götter entgegen.
***
Einige Monde später.
Möryen, die Herrscherin der Dunkelheit, verschlang gerade die letzten Sonnenstrahlen und zog ihre düstere Decke über Oleids Land. Hoch oben im Norden Dore Y´Amars waren die Tage kurz, wenn es auf den Winter zuging, so kurz, dass kaum Zeit blieb, die notwendigsten Dinge bei Tageslicht zu erledigen.
Oleid hatte vier seiner Besten ausgewählt. Sie sollten sich zu Sonnenuntergang bei Yalryds Hütte treffen. Heynbyrd, ein alter, groß gewachsener Kerl war bereits eingetroffen. Er saß vor einem heruntergebrannten Lagerfeuer und rieb seine frierenden Hände. Die Glut gab noch ein wenig Wärme. Yalryd legte ein Holzscheit nach. Funken stoben auf. Es knisterte und knackte. Flammen züngelten an dem Scheit empor und tauchten die Umgebung in ein gespenstisches Licht – und Schattenspiel. Schritte knirschten durch den harschigen Schnee.
„Oleid?“, fragte Yalryd vorsichtig ins Halbdunkel, als er den Ankömmling bemerkt hatte.
„Ja, ich bin es!“
„Nun, wie viele heute?“
„Drei.“
„Er wird gieriger. Eins reicht ihm nicht mehr. Wer sind die Toten?“
Der Föreste atmete schwer. „Kinder! Wieder nur Kinder, wie die letzten Male auch – aus Angersboeg. Matssons kleine Tochter und die beiden Söhne von Andradt und Mayar. Sie sind nach dem Spielen am Fluss nicht ins Dorf zurückgekehrt. Matsson hat einen Suchtrupp losgeschickt. Sie haben einige blutige Kleidungsstücke und den abgerissenen Arm eines der Jungen flussabwärts gefunden. Die Kinder müssen sich heftig gewehrt haben. Matssons Leute folgen jetzt einer Spur, die sie zur Küste hinunterführt.“
„Was denkst du?“ Yalryd drehte sich zu dem Föresten herum.
„Dass sie auf der falschen Fährte sind. Er führt sie in die Irre.“
„Ja.“
„Was heißt `ja´?“
„Ich sehe das genauso. Es gibt dort unten ein paar, von der Brandung ausgewaschene Höhlen. Im Sommer? - ja. Aber im Winter sind die Felsen vereist. Keiner mit Verstand klettert jetzt darauf herum.“
„Viel wissen wir noch nicht über ihn. Eins aber weiß ich – dumm ist der nicht. Der holt sich dort unten keine kalten Füße. Die Verstecke in den Wäldern sind viel sicherer. Ich denke, er sitzt dort oben und wartet, dass wir uns auf den Weg machen.“
„Du meinst, er will, dass wir ihn jagen, Oleid? Glaubst du, dass er Kinder nimmt, um uns herauszufordern?“
„Ich weiß es nicht, Yalryd. Möglich, dass er dieses grausige Spiel mit uns spielt.“ Oleids Stimme wurde schwer. „Wollte er etwas von uns erpressen, müsste er die Kinder am Leben lassen. Das tut er nicht. Das kann also nicht das sein, was er will.“
