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Nach dem Sieg über den Leopardenmann stehen Oleid und Meridor vor der nächsten Herausforderung. Um in seine Zeit zurückkehren zu können, muss Meridor seinen Flugapparat reparieren. Dumm nur, dass er nicht die geringste Ahnung hat, wie das funktionieren soll. Hilfe, das verrät ihm die schrullige Seherin Yörgun, könnte er ausgerechnet von den Ysen bekommen. Die hatten Oleids Mannen allerdings gerade den Leopardenmann auf den Hals gehetzt, um das Volk der Nebellande daran zu erinnern, dass eine uralte, blutige Rechnung noch zu begleichen ist. Widerwillig macht sich Meridor auf den Weg zur Insel des vergangenen Tages, um die Ysen mit diplomatischem Geschick und Einfühlungsvermögen friedlich zu stimmen. Nicht gerade Meridors Kernkompetenzen. Auf Geheiß Yörguns wird er daher von der etwas tumben Ziegenhirtin Nöryd begleitet. Kann sie Meridor eine Hilfe sein?
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Seitenzahl: 57
Veröffentlichungsjahr: 2024
Andreas Milanowski
Oleid und Meridor - Teil 2
Das Gedächtnis der Ysen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Oleids Fest
2 Der Eid
3 Nöryd
4 Ysenburg
5 Heimkehr
Impressum neobooks
„Oleid“, rief Meridor und schlug dem Föresten kräftig auf die Schulter. „Alle trinken, tanzen und sind fröhlich. Nur du schaust, als hätte man dir die Zöpfe abgeschnitten. Woher deine Schwermut?“
In der Mitte des großen Versammlungshauses brannte ein Feuer, über dem in einem Kessel eine geheimnisvolle Brühe vor sich hin köchelte. Satzfetzen waberten durch den Raum; Gebrüll; Gelächter; Musik; schlechte Luft.
Das Fleisch wurde auf dem großen Festplatz vor dem Haus im Freien gebraten. Das war ein hartes Geschäft an diesem Abend, denn draußen wehte ein steifer Wind vom Meer her. Immer wieder blies er auch in den Kamin hinein, sodass der Rauch nicht abziehen wollte. Im Saal stank es nach Feuerholz, verbranntem Fett und Schweiß. Gelegentlich flog jedoch das große Tor auf. Dann wehte für einen Moment ein Schwall kalter Luft durch den Raum und erfrischte die Feiernden. An einem Spieß wurde die gebratene Sau hereingetragen und eilig auf einen der Holztische geworfen. Dann gingen die Mundschenke wieder und das mächtige Tor schlug zu.
„Ach Meridor“, rief Oleid in den Lärm hinein und hustete trocken, „nichts, es ist nichts.“
„Lüg mich nicht an, Förester der Nebellande“, bohrte Meridor weiter. „Ich sehe doch, dass dich etwas bedrückt. Ich will wissen, was es ist. Erzähle es mir als einem Freund.“
„Nun, Freund - die alte Yörgun hat mich heute Morgen besucht und…“ Mitten im Satz brach er ab. Einen Augenblick zögerte er, überlegte. Dann schaute er Meridor in die Augen und fuhr fort: „Es ist nichts, worüber du dir Gedanken machen solltest.“
„Also ist etwas“, beharrte Meridor. „Du kannst mir nichts vormachen.“
„Wenn ich sage es ist nichts, dann ist da auch nichts. Geh mir nicht auf die Nerven.“ Er drehte sich zur Seite, um Meridors Blick auszuweichen. Dieser rieb sich das Kinn. Sie kannten sich noch nicht allzu lange. Aber so gereizt hatte er Oleid noch nicht erlebt.
„Lass ihn“, sagte Yalryd, der die beiden beobachtet und sich dazugesellt hatte, „es ist eine alte Geschichte, mit der du dich nicht befassen solltest.“ Er packte Meridor fest am Arm, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Eine Sache, die er mit sich und der alten Yörgun ausmachen muss. Das geht uns Normalsterbliche nichts an. Ich dachte mir gleich, dass die ganze Geschichte viel zu glatt gelaufen ist.“
Auf Meridors Stirn bildete sich eine steile Falte. „Was meinst du?“
„Die Jagd nach dem Leopardenmann.“
„Der Leopardenmann?“ fragte Meridor. „Der ist tot. Wir haben ihn zur Strecke gebracht und wir haben teuer dafür bezahlt.“
„Heynbyrd?“
„Ja! Der Alte hat sein Leben gegeben. Dafür hat Oleid dem Dämon seine Katzenrübe vom Hals geschlagen. Wir alle haben es gesehen. Du, ich, Jonstyr, Gelbart, alle. Damit ist dieses Kapitel doch wohl beendet, oder etwa nicht?“
„Für dich mag das so sein, Meridor. Du schaust nur auf die Oberfläche, siehst nur das, was deine Augen gesehen haben, aber nicht, was sich hinter dieser Geschichte verbirgt.“
„Du sprichst mal wieder in Rätseln, Yalryd. Was hat das alles zu bedeuten?“
„Wenn du Antworten suchst, Vogelmann, frag die alte Yörgun. Aber sei auf der Hut. Es könnte sein, dass du Dinge erfährst, die dir nicht gefallen. Und jetzt lass mich in Ruhe. Ich brauche noch etwas von diesem schalen Gesöff, das da vorne in dem Kessel blubbert.“ Yalryd drehte sich um und lief Jonstyr in die Arme, der mit zwei Hörnern voll frischem Bier um die Ecke gekommen war. Der nahm ihn zur Seite.
„Habt ihr die Pilze mitgekocht?“
„Ja!“
„Gut, dann her mit dem Zeug!“
„Was wollte der Vogelmann von dir, Bruder?“ Der junge Krieger war nicht mehr ganz nüchtern.
„Er war neugierig. Was er wissen wollte, ist aber nichts für die Ohren eines Fremden. Wenn er etwas erfahren will, muss er zu der Alten gehen. Die wird wissen, was sie ihm zu erzählen hat und was nicht.“ Die beiden nickten sich zu und tranken in einem Zug ihre Hörner leer.
„Komm nur herein, Kleiner! Komm herein, wenn du dich traust.“ Meridor hatte am Tag nach dem Fest seinen Rausch ausgeschlafen, ein Horn Bier gegen die Kopfschmerzen getrunken, den Rest seines Mutes zusammengesucht und war zur Hütte der alten Yörgun hinuntergestapft. In der Nacht hatte es geschneit. Das Laufen durch den knöcheltiefen Neuschnee war anstrengend gewesen. Jetzt stand er vor der Tür ihrer Hütte und war sich nicht mehr sicher, ob er seiner Neugier oder der Furcht vor der unheimlichen Alten nachgeben sollte.
„Meine Tür ist allezeit offen,“ krähte die Seherin. „Davon, dass du den Schnee vor meiner Hütte niedertrampelst, wirst du nicht klüger, auch wenn du das noch bis zum Sonnenuntergang tust.“ Sie lachte ein spitzes, raues Hexenlachen.
„Ich bin mir keineswegs sicher, ob ich will, dass du mich klüger machst.“
„Warum bist du dann hergekommen, du Schlaumeier“, fragte Yörgun, „wenn nicht, um das Geheimnis zu lüften, dass Oleid nicht preisgeben wollte und Yalryd, der es nicht konnte, selbst wenn er es gewollt hätte, woran ich zweifle.“
Verdammt, woher weiß sie davon?, dachte Meridor. „Yalryd hat mich gewarnt.“
„Und trotzdem hat er dich zu mir geschickt. Wie ich sehe, bist du hier. Das Brennen deiner Neugier war offenbar größer als deine Vorsicht und sogar größer als deine Angst. Es flackert in dir, nagt an deiner Seele und macht deinen Geist unruhig und wie es aussieht, hat es den Kampf gewonnen.“ Wieder lachte sie ihr zickiges Hexenlachen. „Nach all diesem inneren Zwist wirst du sicher nicht unverrichteter Dinge in deine Behausung zurückkehren wollen, kleiner Meridor? Du hast wieder einmal eine Entscheidung getroffen, die du nicht rückgängig machen kannst, nicht wahr?“
Bis dahin hatte Yörguns Stimme, wenn sie gesprochen hatte, einen fast verführerischen Klang gehabt. Plötzlich wurde sie laut und herrisch. „Also beende diese Scharade und komm endlich herein, du Esel, bevor mein schönes Dach Feuer fängt.“ Wieder erklang das Hexenlachen.
Brennende Neugier, die ihr Dach in Brand setzt und das bei dem ganzen Schnee, der darauf lastet, dachte Meridor, schüttelte den Kopf und lächelte. Über die Beleidigung hörte er großzügig hinweg. Man hatte ihm erzählt, die Alte sei ein wenig irre. Nur deswegen könne sie Dinge sehen, die normal sterblichen Wesen verborgen blieben, könne die Zukunft aus Knochen und Eingeweiden lesen, Kontakt zu den höchsten und niedersten Wesen aufnehmen, was sie natürlich noch verrückter machte. Wie sollte jemand bei Verstand bleiben, der gleichzeitig mit Göttern und Dämonen redet?
