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Königin Merigone regiert das Land mit harter Hand und der Hilfe des schwarzen Hauses, ihrer Informationsbehörde. Für die eiserne Königin zählt nur eins: Kontrolle - im politischen wie im privaten Bereich. Die Frage nach Liebe oder Macht hat sie für sich zweifelsfrei beantwortet. Doch gelegentlich kann auch die kühle Herrscherin der verführerischen Kraft sanfter Haut nicht widerstehen. Wehe dem, der diese Lust in ihr weckt. Unterdessen geschehen im Keller des schwarzen Hauses Dinge, die das Schicksal des Reiches verändern werden. Was wird aus dem seltsamen Pilz, den Wolgast und der Magier Yerwil dort heranziehen?
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Seitenzahl: 52
Veröffentlichungsjahr: 2022
Andreas Milanowski
Das Herz der Macht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Das Weiße im Auge der Königin
2 Zabrudas Zorn
3 Die Rache des Narren
4 Das schwarze Haus
5 Die Saat des Bösen
6 Helmbörgs Tat
Impressum neobooks
„Glaubst du an einen Gott?“
Lysiann war irritiert. „Ja, Herrin“, antwortete sie leise und versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. „Ja und nein.“
Königin Merigone löste den Blick von ihrem Spiegelbild und wandte sich um. Sie erhob sich, ging auf die junge Frau zu und schaute interessiert in ihre fremden, dunklen Augen. Dann nahm sie Lysianns schmales Kinn in beide Hände und fuhr ihr prüfend mit dem Daumen über die Wange.
„Du bist schön, meine Liebe, wunderschön. Deine Haut ist makellos, samtweich und zart wie der Flaum eines Buchenblattes. Allzu viel Verstand scheinst du allerdings nicht in deinem hübschen Kopf zu haben. Warum sonst gibst du mir keine Antwort auf meine Frage? Kannst du nicht oder hast du etwas zu verbergen? Ich frage dich noch einmal: Wie ist das bei euch Verdonern, glaubt ihr an einen Gott, eine Wiedergeburt, ein Leben nach dem Tod, ein Paradies?“ Sie ließ eine Strähne von Lysianns schwarzem, glattem Haar langsam durch ihre Finger gleiten.
„Ja, meine Königin“, sagte Lysiann und senkte ihren Blick. Die Vertraulichkeit der Herrscherin war ihr unangenehm. Noch nie war diese kühle, über die Maßen beherrschte Frau ihr derart nahe gekommen wie in diesem Moment. Was will sie von mir? Warum berührt sie mich, fasst mir ins Gesicht?
Die Sklavin wusste aus Erzählungen Anderer, dass es lebensgefährlich sein konnte, den Jähzorn der Königin heraufzubeschwören. Wenn sie das Gefühl bekam, man wolle sich ihr entziehen oder gar widersetzen, musste man mit dem Schlimmsten rechnen. Lysiann versuchte daher, diesen Eindruck zu vermeiden und ließ stattdessen ihre Gedanken zu ihrer Tochter wandern.
Die Kleine war kaum zwei Jahre alt und nur wenige Wochen nach Lysianns Verschleppung zur Welt gekommen. Das Kind und die vage Hoffnung, dieses Schloss eines Tages mit ihm zusammen verlassen zu können, waren die einzigen verbliebenen Lichter in Lysianns jungem, dunklem Leben. Immerhin hatte Menroy wenigstens dafür gesorgt, dass sie mit den Kindern der anderen Sklaven in einem Kellerraum des Gesindehauses untergebracht war, solange die Herrschaft die Dienste ihrer Mutter in Anspruch nahm. Der Raum war halbdunkel und feucht. Sicher nicht der angenehmste Ort, um seine Tage zu verbringen. Doch wenigstens waren die Kinder dort unter Aufsicht und störten nicht die Abläufe der Erwachsenen.
Lysiann schloss die Augen und versuchte, sich vorzustellen, dass die Berührung, die sie gerade verspürte, die ihres kleinen Mädchens sei. Vielleicht würde dieser Tagtraum die sonderbare Art der Zärtlichkeit, die ihr die Königin gerade zuteilwerden ließ, etwas erträglicher machen. Kurz erwärmte die kleine Flucht ihre Seele, ließ ihr Herz schneller schlagen. Dann schaute sie auf und erinnerte sich daran, dass sie der Herrin noch einen Teil ihrer Antwort schuldete. Sie senkte erneut ihren Blick und flüsterte:
„Gott ist keine Person, die im Himmel sitzt und auf uns herunterschaut. Wir glauben überhaupt nicht, dass er irgendetwas tut, nicht einmal, dass er die Welten erschaffen hat. Wir glauben, dass er einfach nur da ist und die Dinge geschehen lässt. Er ist der Grund für alles, was existiert. Es gibt einen ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Alles, was leben will, muss sterben und alles, was gestorben ist, wird früher oder später erneut in dieser Welt erscheinen. Nichts geht verloren. Alles kommt wieder. Auch die Seelen wandern von einem Lebewesen zum nächsten. Majestät, Sie wollen wissen, was nach unserem Glauben Gott ist? Gott ist Licht und dieses Licht ist in allem, was existiert. Er ist da und man kann ihn überall fühlen.“
Die Herrscherin löste sich langsam von ihr. Ein entspanntes Lächeln huschte über Merigones Gesicht. „In allem?“, fragte sie. „Ihr glaubt wirklich, dass Gott in allem ist? Du weißt, wie die Leute über mich reden, wie sie mich nennen, welche Geschichten sie von mir erzählen? Sie sagen, ich soll Menschen, Elven, Zwerge, sogar Drachen und andere magische Wesen getötet oder zumindest den Befehl dazu gegeben haben. Meine Soldaten sollen fremde Länder überfallen und ausgeplündert haben. Wir sollen die Kinder fremder Frauen gefangen halten und fürchterlich foltern. Und das alles, weil ich, die Königin, das so angeordnet habe. Kurzum, ich bin, wenn man dem Geschwätz der Leute glauben will, ein Dämon, eine Teufelin, die Verkörperung des Bösen. Wenn es aber stimmt, was du von eurem Gott sagst, dass er in allem ist, was existiert, dann wäre auch ich, der man all diese schrecklichen Dinge nachsagt, ein Teil dieser Göttlichkeit. Glaubst du das wirklich?“
„Ja, Herrin. Wir alle sind Teil der Göttlichkeit. Wir sind in ihr und sie ist in uns.“
„Aber was ist dann das Böse, wenn es Teil des Guten ist?“
„Das Göttliche ist weder das Gute noch das Böse. Es steht über dem Getriebe der Welten. Gut und Böse sind Wertungen, die wir Lebenden in die Welt gebracht haben, um einen Kompass zu besitzen, um uns im Leben zurecht zu finden.“
„Dann ist es nach eurem Glauben vollkommen unwichtig, ob ich das Eine oder das Andere bin, ob ich Gutes oder Böses tue? Aber was hat dann für euch überhaupt noch eine Bedeutung?“
„Wir selbst geben den Dingen ihre Bedeutung. Für den Gott der Verdoner spielt es keine Rolle, was wir tun. Er urteilt nicht.“
„Ich kann nicht glauben, was du da sagst. Wenn eurem Gott die Dinge gleichgültig sind, dann brauchen wir ihn doch gar nicht. Dann hat er keine Bedeutung, wie auch alles andere nicht.“ Sie schaute durch die gläserne Tür nach draußen und deutete auf den Baum, der vor dem Balkon stand. „Sieh dir zum Beispiel diese Linde an. Ihre Blätter haben die Form von Herzen. Das ist schön.“ Lysiann schwieg. „Eine meiner Vorgängerinnen auf dem Thron hat diesen Baum dort pflanzen lassen, um uns jeden Morgen daran zu erinnern, dass das Herz das wichtigste aller Organe sei. Ich halte das, ehrlich gesagt, für sentimentalen Unfug. Sie hat damit aber diesem Baum eine Bedeutung gegeben, die über sein bloßes Dasein hinausweist. Ist es das, was du meinst, wenn du sagst, wir selbst geben den Dingen ihre Bedeutung?“
