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Kalis, der alte Seemann wird von zwölf Druidinnen des Verda-Kultes ins Moor geschleppt und dort auf grausige Weise hingerichtet. Mit ins Grab nimmt er das Wissen um eine mysteriöse Kiste, die die Seeleute auf Käpt`n Blochs `Neva´ von weither in das Inselreich geholt hatten. Nur eine, die Seherin Dunhyr weiß, was sich in dieser Kiste verbirgt und sie ahnt, dass der Inhalt geeignet ist, die Herrschaft des alten druidischen Ordens auf der Insel zu beenden. Eine brisante Fracht, die der eitle Kaufmann Vandorn sich hat kommen lassen. Warum geht Kalis lieber in den Tod, als sein Wissen um den Verbleib der Kiste mit den Druidinnen zu teilen? Weiß er überhaupt, wo sie sich befindet? Ist der Wahnsinn, hinter dem er sich versteckt nur Maskerade oder sind auf der `Neva´ Dinge passiert, von denen niemand etwas wissen darf? Antworten in Sinjas Welt, Vol.8. Spannende, anspruchsvolle Fantasy- Unterhaltung.
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Seitenzahl: 52
Veröffentlichungsjahr: 2023
Andreas Milanowski, Malina Milanowski (Lektorin)
Verdons Stürme
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Opfer
2 Das Meer und der Tod
3 Der Untergang der `Neva´
4 Blochs Handel
5 Dunhyr
Impressum neobooks
Einmal, im Laufe des sechsten Mondes eines jeden Jahres, gab es in dem Inselreich Verdon einen Tag, den die druidischen Herrscherinnen mit Hilfe eines steinernen Observatoriums bestimmten. An diesem Tag, den man Ened Ennin genannt hatte, weil er das verdonische Jahr in zwei exakt gleiche Hälften teilte, wurde des Sieges der Gottheit Verda über die Dämonen der Dunkelheit und des Schweigens, Gaborel und Nevilain gedacht.
Es war guter Brauch, in der Nacht vor Ened Ennin das Meren Nar, das Fest des Feuers zu begehen. Die Bewohner Verdons kamen dann in unzähligen Booten auf die Hauptinsel herübergefahren. Nach Sonnenuntergang wanderten sie, entlang der alten Steinreihen, in langen Fackelprozessionen von den Stränden aus hinauf zu einem Hügel oberhalb der Stadt. Dort lag, umrahmt von gewaltigen Steinriesen, der Opferplatz. Zu Ened Ennin wurde jedoch weder geopfert noch eines der sonst dort üblichen heiligen Rituale durchgeführt.
Ein riesiger Holzstapel, hoch wie drei Häuser, war in der Mitte des Platzes aufgeschichtet. Um die Nachtmitte wurde der Stapel mit den Fackeln der Anwesenden in Brand gesteckt. Die Inselbewohner berauschten sich danach an Dämpfen aus unterirdischen Quellen, dem Rauch verbrannter Kräuter und einem Gemisch aus vergorenen Früchten und Speichel, das den Verstand benebelte und die Seele befreite. Sie tanzten nackt oder in wallende Gewänder gehüllt die ganze Nacht, wie von Sinnen um das gewaltige Feuer herum, bis am nächsten Morgen das Funkeln der ersten Sonnenstrahlen dem wilden Treiben ein Ende setzte.
Für manch einen jedoch ging es an Ened Ennin nicht um Vergnügen, Tanz, um Rausch und Feiern, sondern um Leib und Leben. Am darauffolgenden Mittag nämlich wurden Urteile vollstreckt, die das Tribunal des druidischen Ordens im Namen Verdas gesprochen hatte. So auch an diesem Tag.
***
Ein leichter Windhauch wehte den tiefen, dumpfen Klang einer Trommel aus der Ferne heran. Von den Vögeln und riesenhaften Libellen, die normalerweise die verdonische Moorlandschaft bevölkerten, war nichts zu hören. Kein Pfeifen, kein Zwitschern, kein Summen, Surren oder Flattern. Als hielte die ganze Welt den Atem an, nahm man nicht das geringste Zeichen von Leben in dem Wäldchen wahr - nichts außer dem monotonen, unerbittlichen Hämmern der Trommel.
Diejenigen Verdoner, die von jeher einen Sinn für das Geheimnisvolle, Unergründliche gehabt hatten, glaubten fest daran, dass es sich an manchen Stellen dieser Landschaft um Eingänge zur Totenwelt handele. Da viele dort durch mangelnde Vorsicht oder Gewalttätigkeiten ihr Leben gelassen hatten, war das gewiss nicht falsch. Immer wieder auch erzählten sie Geschichten von seltsamen Erscheinungen und Gestalten, die plötzlich aus den Dunstschleiern über den Wassern aufgetaucht waren und ahnungslose Wanderer mit Lichtern und Rufen ins Verderben gelockt hatten.
Langsam kam das Geräusch näher. Zwischen Birkenstämmen und herabhängenden Zweigen konnte man eine Gruppe von Frauen erahnen, die in weiten Gewändern langsam ihres Weges zogen. Sie waren von einem diffusen Leuchten umgeben und hatten ihre Gesichter in weiten Kapuzen verborgen. Nur eine, die mit einigem Abstand hinter der Trommlerin ging, trug keine Kopfbedeckung. Ihr Haar strahlte weiß wie Schnee im Sonnenschein. Sie ging ein wenig gebeugt. Ihr folgten vier weitere Frauen, von denen die letzte einen Strick in ihrer Rechten hielt, an dem sie einen grauhaarigen Mann hinter sich herzog wie ein Stück Vieh, das zur Schlachtbank geführt werden sollte. Er war in einen aschgrauen, knöchellangen Kittel gepackt, der über den Hüften mit einem Strick zusammengebunden war. Er taumelte, torkelte und war kaum fähig, zu laufen. Seine Haare waren zu einem Zopf geflochten, die Hände auf den Rücken gebunden.
Hinter ihm lief die Siebte der Zwölf. Sie hielt das andere Ende des Seiles in der Rechten. Es war eng um den Hals des Mannes geknotet. In der linken Hand trug sie eine Rute, mit der sie dem Alten von Zeit zu Zeit einen Streich versetzte, um ihn entweder anzutreiben oder ihm die richtigen Tritte auf dem schmalen Weg durch das Moor zu weisen. Hinter der Siebten ging eine Gruppe aus zweimal zwei, gefolgt von einer einzelnen, die die Jüngste und Zarteste war. Sie trug einen riesigen Palmwedel wie ein Herrschaftszeichen hinter der Gruppe her.
Schritt für Schritt arbeitete sich die Prozession auf einen Holzsteg zu, der abseits der sicheren Pfade ins moorige Wasser hinausführte. Vor dem Steg gab es einen Platz, der, von Birken und Buschwerk umstanden, gerade groß genug war, um die zwölf Druidinnen und ihren Gefangenen aufzunehmen. Ein kleiner Altar aus Steinen war dort vor einem Totempfahl aufgebaut worden, auf den ein Rinderschädel aufgepflanzt war.
Als sie den Platz erreicht hatten, hob die Weißhaarige den rechten Arm. Die Gruppe hielt an. Das Trommeln erstarb augenblicklich. Die Druidin, die den Alten an ihrem Strick geführt hatte, löste sich von den anderen und zog ihn an den Rand des Steges. Dort drückte sie ihn mit sanfter Gewalt zu Boden, bis er vor ihr kniete. Er ließ es geschehen.
„Meder!“ Mit diesem Ruf und einer kurzen Handbewegung befahl sie die Jüngste zu sich. Die gehorchte wortlos und gesellte sich mit dem Palmwedel, das sie wie ein schützendes Dach über seinen Kopf hielt, zu dem Alten. Obwohl sie bemüht war, möglichst wenig davon nach außen dringen zu lassen, verrieten ihr Blick und ihre Haltung eine Mischung aus Furcht vor dem was kommen mochte und Mitgefühl mit dem Verurteilten.
Die Weißhaarige nahm ihm, nachdem einiges an Rauchwerk verbrannt worden war, den Strick ab, stellte sich vor den Altar, wandte sich zu ihren Gefährtinnen um, reckte beide Arme in den Himmel und rief mit bebender Stimme:
