Die Bewahrung der Godsvaja - Andreas Milanowski - E-Book

Die Bewahrung der Godsvaja E-Book

Andreas Milanowski

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Beschreibung

Es gehört schon einiges an Intelligenz und magischer Begabung dazu, die Botschaften zu entschlüsseln, die die Druiden des alten Elvenvolkes Agyrtha, dem Wächter anvertraut hatten. Die Menschen nennen Agyrtha einen Baum. Gwchil, der altgewordene Hüter der Schriften, ist einer der wenigen, die wissen, dass er viel mehr war als das und er macht wenig Hehl daraus, dass er sich, ob dieses Wissens, für jemand Besonderen hält. In seiner Güte lässt er uns jedoch teilhaben an seinem reichen Schatz an Geschichten. Er erzählt vom magischen Band zwischen Asgael, dem Druiden und Agyrtha, von Gernholt und Wallhart, die in jugendlicher Unbekümmertheit die Grenzen des magischen Gartens Brndil verletzen und dafür grausamst bestraft werden. Und er spricht von Merdim, einem lebensklugen, aber zu oft betrunkenen Zwergen, Vreithelt, seinem Saufkumpan und der undurchschaubaren Bergmenschin Yiengola, die sich auf die Suche nach den Unglücklichen begeben. Ob es gelingt, die beiden Jäger ihrem Verderben zu entreißen und, wie die hundertelf Gesänge der Godsvaja, des uralten Wissens des Elvenvolkes bewahrt werden können, das weiß am Ende nur Gwchil selbst und einige Belesene, die sich der Macht der alten Elvenmagie gewachsen zeigen.

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Seitenzahl: 54

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Andreas Milanowski

Die Bewahrung der Godsvaja

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 Gwchil – Hüter der alten Schriften

2 Asgael und Agyrtha

3 Gernholt und Wallhart

4 In Brunnwarts Schenke

5 Yiengola

6 Brndil

7 Cáno Mattheys

8 Epilog

Anhang - in eigener Sache

Impressum neobooks

1 Gwchil – Hüter der alten Schriften

Eldoran hielt das Gefäß fest in beiden Händen. Die Kühle des Metalls hatte sich seiner Haut und seines Blutes bemächtigt, ein Frösteln durch seinen Körper laufen lassen. Hier würde er sterben – jetzt. So war es beschlossen. Dennoch sah er ohne Vorwurf in die Runde, in die Gesichter derer, die das Urteil über ihn gesprochen hatten. Dort saßen, an kalten, marmornen Tischen, die zehn verbliebenen Vertreter der Sippen und der Eine, der Erste, der Weise. Jedem einzelnen schaute der Elv in die Augen, um zu prüfen, ob es Zweifel gäbe an dessen Entscheidung. Ein Zucken der Lider, ein Blinzeln, eine Unsicherheit? Er sah nicht das Geringste. Dann wanderte sein Blick weiter, zu den hohen, glaslosen Fenstern, hinaus zu den schneebedeckten Gipfeln Andantes, der Sehnsucht folgend, weit fort zu sein von diesem Ort seines Verderbens und frei.

Zeitlebens war er Mitglied des Hohen Rates von Ildindor gewesen und, wie heute meine Wenigkeit, Bewahrer der Chroniken und Hüter der Schriften des Elvenvolkes. Seinem Auftrag, den Schatz des, nur Wenigen zugänglichen Wissens zu pflegen und für kommende Generationen zu erhalten, bis, dereinst, auf den Trümmern der ungeliebten Ordnung, ein neues Reich entstünde, war er, mit aller Hingabe, allem Dürsten nach Pflicht, bis zum letzten seiner Atemzüge nachgegangen – mit dieser einen, einzigen Ausnahme, für die er an diesem kühlen Winterabend gerichtet worden war.

Die, für die Ausübung der Aufgaben erforderlichen geheimen Schlüssel, Papiere und Ratschläge hatte er mir, seinem Sohn und Nachfolger im Amt, zeitig und rechtmäßig übergeben. Sodann hatte er sein Urteil angenommen, den Kelch an die Lippen geführt und Schluck für Schluck geleert, den das Tribunal ihm, trotz seines Vergehens, auf einem silbernen Tablett hatte reichen lassen, um ihm in Anbetracht früherer Verdienste einen würdigen Abschied zu ermöglichen. Das kalte Mondlicht war durch die spitzen Bögen der Fenster des Saales auf sein Lager gefallen, hatte seinen, vom Gift ausgezehrten Körper in unwirklich schimmerndes, magisches Weiß getaucht, bis er gegangen war.

Auch ich, Gwchil, sitze nun, wie so oft in den Jahren seit diesem Abend, im höchsten Turm der ehrwürdigen Stadt. An meterhohen, dunklen Regalwänden, vollgepackt mit alten, staubigen, modrig riechenden Geschichten, Erzählungen, Karten, Erinnerungen, Berichten schaue ich empor – und schreibe, zeichne auf, bewahre, Gefangener meines Handwerks. Grau bin ich geworden über der Arbeit und dem Verfassen dieser Zeilen, die Augen müde vom rußigen Flackern der Kerzen und das Blut der Nattern, mit dem ich einst meine Seiten beschrieb, ist geronnen zu teerigem Brei und schwarz. Oft denke ich zurück an jenen kalten Abend, das, was danach geschah und immer noch geschieht. Auch mein Blick wandert, über Baumspitzen hinweg, ins weite Land. Auch ich erinnere mich der Unbedachtheit und Torheit der Menschen und des Schmerzes, den sie den Meinen zufügten durch ihr Tun.

Bevor ich jedoch auf diese Begebenheiten zu sprechen komme, erscheint es mir notwendig, über eine ganz besondere Eigenart der Menschen, dieser seltsam unbegreiflichen Wesen, zu berichten. Viele von ihnen, so sie denn des Lesens mächtig sind, pflegen, noch bevor sie die erste Seite eines Buches aufgeschlagen, eines der Zeichen der Schrift geschaut oder gar Worte begriffen und gedeutet haben, seltsam anmutende, fast albern wirkende Rituale.

Geprüft wird der Band, in der Hand gewogen, als gäbe die Masse eines Werkes Auskunft über das Gewicht seines Inhalts. Sodann wird der Duft des Papiers, des Leims, der Farbe geatmet. Danach die Dicke geschätzt, die Zahl seiner Seiten. Nicht selten auch fahren die Fingerkuppen zart über die Decke des Einbandes, eventuelle Reliefs oder feinste Unebenheiten der Arbeit zu erspüren, der vagen Hoffnung folgend, die Aufs und Abs des zu Lesenden seien schon vorab mit Hilfe des Tastsinns zu ergründen. Weniger oft begegnen mir solche, die den Seiten mit der Zunge oder den Lippen nachgehen, an ihnen lutschen oder lecken, um auf diese Art den Geschmack des, vom Speichel angelösten Blattes zu erfahren. Eine eher seltene, aber nicht ganz ungewöhnliche Art der Annäherung an Geschriebenes. Häufig dagegen wird es zu Gehör gebracht, oft, leider, durch einfachen Vortrag. Geschieht dies durch Menschenmund, so ist es für die, doch weitaus empfindsameren Ohren des Elven oft nur schwer erträglich, da die Stimmen der Menschenwesen meist schrill, viel zu laut und, in der Regel, auch vollkommen unausgebildet sind.

Nimmt man all dies zusammen, so fragt man sich am Ende doch, wozu dieses, den Gebrauch aller Sinne fordernde, eigenartige Tun, da es ja augenscheinlich nur darum geht, dem Aufgeschriebenen seinen Inhalt abzugewinnen? Welch merkwürdigen Eingebungen folgen diese Wesen bei der Ausführung ihrer scheinbar sinnlosen Handlungen? Ich meine, von Folgendem berichten zu können: nicht Verstandeswissen ist es, das sie in sich tragen, diese Buchriecher, Buchschmecker, -taster, -hörer, sondern die Ahnung eines uralten Mysteriums - des Geheimnisses ihrer, des Menschen- und unserer, des Elvenvolkes gesammelter Erinnerung. Eine lange Geschichte ist sie, die Geschichte unserer Geschichten und sie beginnt in einer fernen Vergangenheit.

2 Asgael und Agyrtha

Als Asgael mit schweren Schritten die letzten, von gewaltigen Wurzelsträngen geformten Holzstufen nach Agyrtha Brndil hinaufkletterte, neigte der Tag sich bereits seinem Ende zu. Grau, mit Wolken verhangen war der Himmel, die Luft schwer und feucht. Eine leichte Brise, die von den kalten Landen herüberwehte, spielte zart mit dem langen, weißen Haar des Alten und brachte ihm ein wenig Erfrischung. Traurig indes klang das Lied, das der Wind in den Ästen Agyrthas sang. Asgael atmete schwer und lauschte. Lange schon hatte er aufgehört, zu zählen, wie oft er den beschwerlich steilen Weg aus dem Tal hier heraufgestiegen war. Genauso viele Male hatte er, an exakt dieser Stelle des Weges, innegehalten, hinaufgeschaut in das gewaltige, mächtig ausgewachsene Geäst des alten Baumes und sich still gefragt, ob der Tag für sein Vorhaben der richtige sei. Ebenso oft hatte ihm eine Stimme, deren Quelle er nie hatte benennen können, geantwortet, Agyrtha sei bereit.