Die Götter - Das Schicksal von Ji - Pierre Grimbert - E-Book

Die Götter - Das Schicksal von Ji E-Book

Pierre Grimbert

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Beschreibung

Das atemberaubende Finale der französischen Erfolgssaga

Viele Gefahren erwarten die jungen Kämpfer, die das Rätsel um die Götter lösen müssen, um ihrer Aufgabe als Hüter ihrer Heimatinsel Ji gerecht zu werden. Nur wenn sie all ihre Fähigkeiten einsetzen, können sie die schweren Prüfungen bestehen, die das Schicksal ihnen auferlegt … Mit „Das Schicksal von Ji“ schreibt Bestsellerautor Pierre Grimbert das Epos um die Insel Ji grandios fort.

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Seitenzahl: 444

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PIERRE GRIMBERT

DIE GÖTTER

DAS SCHICKSAL VON JI

ROMAN

Aus dem Französischen von Sonja Finck und Bettina Arlt

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

PIERRE GRIMBERT

im Wilhelm Heyne Verlag:

Einst reisten Vertreter aller Nationen auf die geheimnisvolle Insel Ji. In den Tiefen der Insel, so erzählt man sich, gerieten sie in ein Felslabyrinth – und verschwanden spurlos. Jahr für Jahr treffen sich nun ihre Nachkommen am Eingang des Labyrinths, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Denn was hat es mit der Insel Ji wirklich auf sich? Als schließlich ein Nachkomme nach dem anderen grausamen Mördern zum Opfer fällt, machen sich die letzten Erben auf, um das Geheimnis von Ji zu lüften.

DIE MAGIER

Erster Roman: Gefährten des Lichts

Zweiter Roman: Krieger der Dämmerung

Dritter Roman: Götter der Nacht

Vierter Roman: Kinder der Ewigkeit

DIE KRIEGER

Erster Roman: Das Erbe der Magier

Zweiter Roman: Der Verrat der Königin

Dritter Roman: Die Stimme der Ahnen

Vierter Roman: Das Geheimnis der Pforte

Fünfter Roman: Das Labyrinth der Götter

DIE GÖTTER

Erster Roman: Der Ruf der Krieger

Zweiter Roman: Das magische Zeichen

Dritter Roman: Die Macht der Dunkelheit

Vierter Roman: Das Schicksal von Ji

Mehr über Autor und Werk unter:

www.heyne-magische-bestseller.de

Titel der französischen Originalausgabe

LES GARDIENS DE JI: LES VÉNÉRABLES

Vollständige Erstausgabe 01/2013

Redaktion: Catherine Beck

Copyright © 2012 by Pierre Grimbert

Copyright © 2013 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House

Umschlaggestaltung und -illustration: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung einer Illustration von Paolo Barbieri

Karte: Andreas Hancock

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-07657-3

www.heyne-magische-bestseller.de

Bald wird es nicht mehr nötig sein, mich vorzustellen. Dann wird die gesamte bekannte Welt, ebenso wie die bisher noch unbekannte, beim Anblick meines Schattens auf die Knie fallen. Die Menschen werden den Boden vor den mir zu Ehren errichteten Denkmälern küssen, und die Könige und Kaiser, die ihre Mittelmäßigkeit noch nicht erkannt haben, werden vor meinen Exkrementen im Staub kriechen.

Ja, bald wird die Zeit kommen, da mich die Sterblichen erkennen und sich dem mächtigsten Wesen unterwerfen, das auf Erden wandelt. Dem letzten Träger der Geheimnisse einer untergegangenen Welt. Dem letzten Abkömmling der Unsterblichen. Dem Erben der alten Mächte und Hüter der Anbetung, die ihnen gebührt. Kurz, dem alleinigen, dem einzig wahren Gott, dem jedes mit Verstand begabte Wesen dienen muss. Sie werden sich mir unterwerfen.

Saat.

Ist mein Name erst weithin bekannt, werden sich vielleicht einige daran erinnern, ihn schon einmal gehört zu haben. Aus den zahnlosen Mündern von Greisen vermutlich, die mit vor Angst bebender Stimme von einem langen Tunnel erzählten, der unter einem mächtigen Gebirge hindurchführt. Von Abertausenden Sklaven, die sich dabei zu Tode geschuftet hatten. Von einem Barbarenheer, das in die Heilige Stadt Ith eingefallen war, an der Seite eines unsterblichen Dämons und angeführt von dem Hexer, der zugleich Vater und Meister des Ungeheuers war… Dieses Ereignis liegt nun bereits fünfzig Jahre zurück, aber ich muss gestehen, dass mich die Erinnerung noch immer mit Wehmut erfüllt.

Damals strebte ich bereits nach den gleichen Zielen wie heute. Ich wollte meine Überlegenheit über die Menschen beweisen und das Ansehen und die Macht erlangen, die mir zustanden. Schließlich hatte ich bereits die Bewohner eines halben Erdteils unter meinem Banner vereint, und nichts schien mich aufhalten zu können. Doch leider schert sich das Schicksal manchmal weder um Gerechtigkeit noch um Vernunft. Wegen einer lächerlichen Prophezeiung aus den Tiefen des Karu erdreistete sich eine Handvoll Sterblicher, meinen glorreichen Siegeszug aufzuhalten. Sie waren so schwach, verletzlich und hilflos, dass sie mir fast leidtaten.

Und trotzdem waren sie erfolgreich, entgegen aller Erwartungen.

Durch eine heimtückische List gelang es ihnen, die einzige Schwachstelle, die ich damals noch besaß, schamlos auszunutzen: Sombre. Der Dämon, den ich selbst aus dem Karu in die Welt gebracht hatte, um ihn zu meinem Verbündeten zu machen und seine Macht für mich zu nutzen. Das Kind, das ich nach meinem Willen geformt hatte, um mir meinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen und es zum Bezwinger zu machen. Das Geschöpf, dessen geistiger Vater ich war– und das mir täglich die göttliche Kraft spendete, die unerlässlich war, damit mein nunmehr zweihundert Jahre alter Körper weiterleben konnte.

Doch meine Feinde, diese elenden Hunde, verschworen sich gegen mich und zerstörten jede Zuneigung, die Sombre mir entgegenbrachte. Der Dämon, mein Dämon, entzog mir seine göttliche Kraft. Danach konnte nicht einmal mehr Magie verhindern, dass mit meinem Blut auch das Leben aus meinem Körper wich, als diese dreiste Göre mir mein eigenes Schwert ins altersschwache Herz stieß– und ich starb.

Bereits zum zweiten Mal.

Das erste Mal war weniger schmerzhaft gewesen. Ich hatte es kaum gespürt. Es ereignete sich einige Jahrzehnte vor dieser bitteren Niederlage, während ich mit dem halbwüchsigen Sombre durch die Gänge des Karu geirrt war. Ich wollte nichts weiter, als einen Ausgang aus dem Labyrinth finden, und um zu überleben, hatte ich bereits begonnen, Lebenskraft aus der ewigen Quelle des Kinds an meiner Seite zu schöpfen. Der Tod, der mich im Schlaf übermannte, konnte mich nicht aufhalten. Ich hatte mich bereits verändert, war kein jämmerlicher Mensch mehr, der den Gesetzen der Natur unterworfen war. Ich war ein Geschöpf zwischen zwei Welten, ein Mischwesen, das halb der Welt der gewöhnlichen Sterblichen angehörte und halb dem Reich der Götter und Dämonen. Das Gwel des Karu verstärkte meine magischen Kräfte, Tag für Tag, Jahr für Jahr.

Trotzdem war ich nicht unverwundbar, wie der Anschlag auf mein Leben Jahre später auf grausame Weise bewies. Während sich meine Feinde am Anblick meines Todeskampfs ergötzten, rang ich um jeden Atemzug und verfluchte das Schicksal, weil es mir so übel mitspielte. Doch schließlich riss der straff gespannte Faden, der meine Seele noch mit meiner sterblichen Hülle verband, und ich flog hinaus ins Nichts, in die Finsternis jener tragischen Nacht.

Von meinen irdischen Leiden befreit, konnte ich mich nun voll und ganz auf diese neue Erfahrung konzentrieren. Obwohl ich bereits zum zweiten Mal den Tod fand, war es doch das erste Mal, dass ich diese große Reise antrat. Und sie war überaus lehrreich. Trotzdem hatte sich mir die Schande der Niederlage unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt, und der Wunsch nach Rache hauchte mir göttliche Kraft ein.

Ich erfuhr das gleiche Schicksal wie jeder gewöhnliche Sterbliche, der seinen letzten Atemzug tut. Wenn sich die Seele von ihrer irdischen Hülle löst, hat man kurz das Gefühl, zerrissen, gevierteilt und bei lebendigem Leibe gehäutet zu werden. Im nächsten Moment ist es vorbei, und der Geist fliegt davon, ein Lichtstrahl auf dem Weg zu einem unbekannten Ziel. Die allermeisten Verstorbenen wissen nämlich nicht, wohin die Reise geht, aber bei mir war das anders. Ich ahnte, nein, wusste längst, dass mich der Weg ins Jal führen würde.

Ich wollte die Richtung ändern, aber das war unmöglich. Ebenso wenig hatte ich Einfluss auf die rasende Geschwindigkeit, mit der ich von den Gipfeln des Gebirges angezogen wurde, das ich zuvor mit meinem Tunnel geschändet hatte. In Gesellschaft unzähliger anderer armer Seelen, von denen nicht wenige den Barbaren meines Heers gehörten, raste ich an den höchsten Bergen vorbei, um dann plötzlich steil nach unten auf die Gärten des Dara zuzustürzen.

Doch ich sauste nur kurz über das Tal hinweg und fuhr gleich darauf in die Tiefen der Erde hinab, genau wie die meisten Wilden, die in jener Nacht gestorben waren, die Plünderer, Sklaventreiber, Folterknechte, Meuchelmörder und Feiglinge…

Wir waren dazu verdammt, in die stinkenden Gänge des Karu einzugehen, doch wie dieses Urteil zustande gekommen war, überstieg jedes menschliche Verständnis. Die gerade erst von ihrer sterblichen Hülle befreiten Seelen machten sich über diese Frage ohnehin keine Gedanken. Von Panik erfüllt rasten sie durch die Gänge des unwirtlichen Labyrinths. Ich verspürte den unwiderstehlichen Drang, mit einem Unsterblichen zu verschmelzen und auf diese Weise mein Leben ewig fortzusetzen.

In jener Nacht sah ich Tausende und Abertausende solcher Vereinigungen mit an, und auch in den folgenden Jahrzehnten wurde ich unzählige Male Zeuge dieses Vorgangs. Die Dämonen, die das Karu bevölkerten, von den affenartigen Lemuren bis hin zu den grauenvollsten Kreaturen, die man sich vorstellen kann, verleibten sich die Seelen der Verstorbenen ein. Sie genossen diese Verschmelzung mit einem Vergnügen, das an sexuelle Lust erinnerte; denn jedes Mal kamen sie ihrer Vollendung einen Schritt näher. Jede Seele, die sie in sich aufnahmen, machte sie stärker, und erst wenn ihre Entwicklung vollendet war, konnten sie diesen abscheulichen Ort verlassen und als mächtige Dämonen in die Welt der Menschen einziehen. Es kam auch vor, dass sich die Ungeheuer des Karu im Streit um eine Seele gegenseitig zerfleischten. Die Seelen der Verstorbenen, die darauf warteten, mit dem Sieger zu verschmelzen, hatten nichts mit denen gemein, die in die Gärten des Dara eingingen. Sie interessierte nur ihr eigenes Schicksal– dass sie durch die Verschmelzung mit einem Dämon den Anbruch einer Zeit unsäglichen Grauens heraufbeschworen, kümmerte sie nicht. Für sie zählte allein die Aussicht, ein Quäntchen Unsterblichkeit zu erlangen.

Ein durchaus berechtigtes Bestreben, wie ich finde. Außerdem war es nahezu unmöglich, der Versuchung zu widerstehen. Der Wunsch nach Verschmelzung entsprang zum einen der Furcht vor dem Nichts, zum anderen dem Drängen eines geheimnisvollen höheren Willens. Später begriff ich, dass das Jal selbst die Seelen dazu zwang, sich mit den Unsterblichen zu vereinigen. Diejenigen, die diesen Ort erschaffen hatten, verliehen ihm auch die Macht, für seinen Fortbestand zu sorgen. So wurde auch ich von einer unsichtbaren Kraft dazu gedrängt, mich dem erstbesten Dämon zu ergeben, der meinen Weg kreuzte. Ich sollte in seinem ewigen Feuer verglühen, damit er mächtiger wurde– im Gegenzug bekäme ich Anteil an seiner Unsterblichkeit. Allerdings hätte ich dabei meine Erinnerungen und alles, was meine Eigenständigkeit ausmachte, aufgeben müssen. Die Lockrufe der Dämonen verfolgten mich wie Sirenengesang, während meine Seele allein durch die Gänge aus schwarzem Gwel jagte.

Doch ich kämpfte mit aller Kraft, die mir noch blieb, gegen den Drang an. Nachdem ich mich über die Menschen erhoben und wie ein Halbgott gelebt hatte, widerstrebte mir der Gedanke zutiefst, mich zu opfern, bloß um einen winzigen Funken Unsterblichkeit zu erlangen. So drang ich tiefer und tiefer in das Labyrinth ein und strebte immer weiter von den Dämonen fort, die darauf aus waren, meine Seele zu verschlingen. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich ihnen noch widerstehen könnte…

Es war mein Wunsch nach Rache, der mich vorantrieb und mir Kraft gab. Er war die letzte Verbindung zu meinem irdischen Leben, und ich klammerte mich verzweifelt an ihn. Er war meine Zuflucht und schützte mich davor, den Verstand zu verlieren. Nach einer halben Ewigkeit– ich vermag nicht zu sagen, ob nach einem Mond oder einem Jahr– ließen die Dämonen von mir ab, und der Drang, mich mit einem von ihnen zu vereinigen, verging. Ich war frei und konnte mich von nun an unbehelligt im Karu bewegen. Wenn auch nur in Gestalt eines Geists.

Ich hatte nicht vor, an diesem Ort zu bleiben. Schon als ich mich zum ersten Mal in seinen Gängen verirrt hatte, hatte er mich nicht halten können. Auch damals hatte ich einen Ausweg gefunden, und das würde mir wieder gelingen. Es war nur eine Frage der Zeit und Willenskraft.

An beidem fehlte es mir nicht.

»Wir sollten noch warten«, sagte Norester zum wiederholten Male und rieb sich die Augen.

Die Versammlung hatte spät begonnen und zog sich nun schon seit über drei Dezimen hin. Längst hatte sich Dunkelheit über die Straßen Lorelias und den Platz der Reiter gesenkt, und im Versammlungssaal der Grauen Legion brannten die Kronleuchter. Im Kamin glomm ein bescheidenes Feuer. Allerdings war Norester der Einzige, der sich seine Müdigkeit anmerken ließ. Er ärgerte sich über seine Schwäche, doch er kam nicht dagegen an. Seit fast einem Mond fand er jede Nacht nur wenige Dekanten Schlaf.

»Unsinn!«, entgegnete der Herzog von Lermian. »Seid nicht so starrsinnig, Leutnant! Wir wissen doch alle, warum Ihr nicht nachgeben wollt. Ihr seid auf sein Amt aus, das ist alles.«

Diese Attacke verlieh dem Legionär neue Kraft. Er warf dem Adligen einen finsteren Blick zu, ohne an die Folgen zu denken. Ob er es sich mit diesem einflussreichen Mann verscherzte, kümmerte ihn im Augenblick wenig.

»Als sein Stellvertreter führe ich übergangsweise die Graue Legion«, sagte er und betonte jede Silbe. »Nichts würde mir größere Freude bereiten, als wenn Kommandant Derkel in diesem Moment durch die Tür treten und sein Amt wieder aufnehmen würde. Zum Wohle der Legion und weil Amanón mein Freund ist.«

»Hört, hört!«, spottete sein Gegner verächtlich. »Aber er ist jetzt seit fast drei Dekaden mitsamt seiner Familie verschwunden, und die Wahrscheinlichkeit, dass wir ihn jemals wiedersehen, ist nicht sehr hoch. Wir müssen endlich eine Entscheidung treffen.«

Auf der anderen Seite des Tischs nickte Ritter Clestan übertrieben. Als ob die Absichten dieser beiden Herren nicht offensichtlich wären!, dachte Norester.

Alle Welt wusste, dass Herzog von Lermian Amanóns Schwiegervater nicht ausstehen konnte. Herzog Reyan hatte ihn in seinen Theaterstücken allzu oft der Lächerlichkeit preisgegeben. Vielleicht war Reyan einfach zu weit gegangen, denn er war dafür bekannt, sich nicht um gesellschaftliche Gepflogenheiten zu scheren. Jedenfalls witterte von Lermian, der die bevorzugte Zielscheibe von Reyans Spott war, nun eine Gelegenheit, sich zu rächen. Indem er forderte, Amanón, dem Kommandanten der Grauen Legion, das Amt zu entziehen, wollte er dem gesamten Klan derer von Kercyan eins auswischen, auch wenn Reyan und seine Frau ebenfalls verschwunden waren und deshalb gar nichts von seinen Machenschaften mitbekamen.

Bei Clestan sah die Sache anders aus. Er war im Grunde kein schlechter Kerl. Man konnte sogar sagen, dass er seine Aufgaben pflichtbewusst erfüllte. Sonst hätte Amanón wohl auch nicht zugelassen, dass er in der Grauen Legion einen so wichtigen Posten bekleidete. Trotzdem war er ehrgeizig bis in die Haarspitzen und kratzte seit Amanóns Verschwinden unaufhörlich am Thron des Kommandanten. Nur um seinen Aufstieg zu verhindern, hielt Norester weiterhin an der Verwaltung von Amanóns Amt fest, auch wenn das allmählich auf Kosten seiner Gesundheit ging.

»Wie Ihr selbst sagtet«, fuhr der Herzog von Lermian fort, »seid Ihr nur der stellvertretende Kommandant. Und dieses Amt wurde Euch von Derkel verliehen. Deshalb habt Ihr nicht das Recht, Euch zu widersetzen, wenn die Herzoge des Königreichs Lorelia einen neuen Kommandanten der Grauen Legion wählen wollen.«

»Das weiß ich selbst«, stieß Norester zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich verbringe den Großteil meiner Tage damit, dafür zu sorgen, dass unsere Gesetze befolgt werden. Alles, was ich verlange, ist, dass wir dem Mann, der so viel für das Königreich getan hat, mehr Zeit geben und ihm so den Respekt erweisen, den er verdient. Wir dürfen die Suche nach ihm noch nicht aufgeben. Meine Güte, Amanón Derkel, einer der Helden unseres Landes, schwebt wahrscheinlich in größter Gefahr! Schließlich ist er nicht mit der Kasse der Grauen Legion durchgebrannt, sodass man den Mantel des Schweigens über die Sache breiten müsste!«

»Pah!«, schnaubte der Herzog verächtlich.

Es klang fast, als verdächtige er Amanón tatsächlich einer Verfehlung. Norester musste stark an sich halten, um nicht auf der Stelle sein Rapier zu ziehen. Stattdessen blickte er herausfordernd in die Runde, um zu sehen, ob nicht vielleicht noch jemand die Unverschämtheit besaß, ins selbe Horn zu stoßen. Nach einer Dezille angespannten Schweigens beendete Herzog von Lermian die Verhandlung abrupt, und zwar so, wie er es von Anfang an geplant hatte.

»Die Zeit vergeht, und Ihr bringt immer wieder die gleichen Argumente vor«, sagte er abfällig. »Das Wohl der Legion und somit das Wohl des Königreichs sind wichtiger als Eure blinde Ergebenheit gegenüber einem Mann, der seinen Posten vor fast einem Mond verlassen hat. Das sind die Tatsachen, ob es Euch gefällt oder nicht. Deshalb übertrage ich nun kraft der mir von unserem Herrscher verliehenen Entscheidungsgewalt das Amt des Kommandanten der Grauen Legion Ritter Clestan, der seine Vorzüge eindrücklich unter Beweis gestellt hat. Der Beschluss gilt ab sofort.«

Norester senkte den Kopf und stieß einen langen Seufzer aus– gegen diese politischen Winkelzüge kam er nicht an. Das einzig Erfreuliche an dieser Entwicklung war, dass er sich nun endlich ein wenig ausruhen und mehr Zeit mit seiner Familie verbringen könnte. Mit seiner Amtsenthebung galt Amanón allerdings offiziell als tot.

Falls er und seine Familie tatsächlich noch lebten und sich irgendwo auf der bekannten Welt aufhielten, waren sie fortan auf sich allein gestellt.

In der Unterwelt des Karu litt ich am meisten unter der Einsamkeit. Da ich keine körperliche Gestalt hatte, sondern mein Dasein als Geist fristete, empfand ich weder Hunger noch Durst noch Müdigkeit. Auch schreckten mich die grässlichen Kreaturen nicht, die durch die Gänge streiften. Die meisten von ihnen nahmen mich nicht einmal wahr. Und die, die es doch taten, konnten mir nichts anhaben, selbst wenn sie es gewollt hätten. Sie strebten einzig und allein danach, mich zu verschlingen, um ihre Macht zu vergrößern– und dem verweigerte ich mich nach wie vor.

Mein körperloser Zustand hatte also auch Vorteile, aber dafür bezahlte ich einen hohen Preis. Allem Anschein nach war ich der Einzige, der unermüdlich durch die finsteren Gänge irrte. Natürlich traf ich gelegentlich auf Neuankömmlinge, Seelen, die noch ganz verstört waren von der gewaltsamen Trennung von ihrer irdischen Hülle. Doch sie alle verschmolzen kurz nach ihrer Ankunft mit einem Dämon.

Zu Beginn versuchte ich, mit den jüngst Verstorbenen in Verbindung zu treten, in der Hoffnung, etwas aus der irdischen Welt zu erfahren. Hatte Sombre doch noch in die Schlacht eingegriffen? Hatte er die Heilige Stadt dem Erdboden gleichgemacht und die Arkarier niedergemetzelt, die zu Iths Verteidigung angerückt waren? Hatte er die Erben vernichtet, die mir so feige und hinterhältig das Schwert ins Herz gestoßen hatten? Wenn die Seelen der Verstorbenen nur eine dieser Fragen hätten bejahen können, hätte mich das mit unermesslicher Freude erfüllt. Doch leider schienen sie mich in ihrer Panik nicht zu hören, denn niemals bekam ich eine Antwort. Bald gab ich den Versuch auf, sie anzusprechen. Und je tiefer ich ins Labyrinth vordrang, desto seltener begegnete ich einem dieser umherirrenden Geister. Ich musste mich damit abfinden: Ich würde allein bleiben. Zumindest, bis es mir gelänge, aus der Unterwelt zu entkommen.

Die Zeit verging, und irgendwann erkannte ich, was mir wahrhaftig fehlte. Nicht das sinnlose, nie enden wollende Geschwätz der Sterblichen, das mir nach einer Weile ohnehin auf die Nerven gefallen wäre. Nein, ich musste mir eingestehen, dass ich Sombres Gesellschaft vermisste. Es war nämlich noch gar nicht so lange her, dass ich mit dem Kind an meiner Seite durch eben diese Gänge gelaufen war. Der junge Dämon mit dem schwarzen Haar und den schwarzen Augen war damals zwar nicht sehr gesprächig gewesen; er lächelte fast nie und war auch nicht besonders anhänglich. Aber ich brauchte bloß in seine Augen zu schauen, und schon sah ich die Verheißung einer ruhmreichen Zukunft.

Diesmal musste ich mich der Prüfung allein stellen, und unweigerlich breitete sich der Zweifel wie Gift in mir aus. Ich war noch immer fest entschlossen, aus dem Karu zu entkommen, mich zu rächen und meinen rechtmäßigen Platz in der Welt der Menschen einzunehmen. Aber würde meine Willenskraft allein ausreichen, mir diesen Wunsch zu erfüllen?

Die Jahre vergingen in zermürbender Eintönigkeit, doch das Labyrinth entließ mich nicht aus seinen Fängen. Bald fasste ich den Plan, wieder einen Dämon großzuziehen. Ein Wesen, das ich unter meine Fittiche nehmen und nach meinem Ebenbild formen würde. Einen zweiten Sombre, der vielleicht sogar stärker als sein Vorgänger sein würde, vor allem aber treuer. Ich begann nach geeigneten Dämonenkindern Ausschau zu halten und unternahm ein paar Annäherungsversuche. Doch es war verlorene Liebesmüh. Die künftigen Ungeheuer sahen in mir nichts als eine jämmerliche Seele, die sie in sich aufnehmen wollten. Selbst jene, die weit genug entwickelt waren, um sich mit mir zu verständigen, hörten mir gar nicht erst zu. Sie wollten nichts weiter als meiner habhaft werden und mich verschlingen, und sobald sie merkten, dass ich mich ihnen verweigerte, packte sie die blanke Wut. Daher ließ ich meine Pläne fahren und begab mich wieder auf Wanderschaft. Und ich war einsamer denn je…

Ich konzentrierte mich abermals darauf, diesen abscheulichen Ort zu verlassen. Fortan sollte nichts anderes meine Gedanken beherrschen. Immer tiefer drang ich in das Labyrinth ein, in der Hoffnung, irgendwann auf die Höhlen zu stoßen, die sich in der Welt der Sterblichen befanden. Bei meiner ersten Flucht war ich auf eben diesem Weg aus dem Karu hinausgelangt– wohlgemerkt mithilfe von Sombre, der uns unbewusst die Richtung gewiesen hatte. Aber diesen Umstand versuchte ich zu ignorieren oder ihm zumindest keine Bedeutung beizumessen. Es musste doch möglich sein, die Unterwelt ohne die Hilfe eines Unsterblichen zu verlassen. Es musste einfach!

Ich glaubte unerschütterlich an meinen Erfolg, aber das Karu war unerbittlich und spielte mit mir Katz und Maus. Die Gänge veränderten sich in einem fort, und jede Besonderheit, die ich mir zur Orientierung merkte, wurde früher oder später von seiner schwarzen Magie zerstört. Manchmal nahm ich einen Weg, der bergab führte, und kam wenig später an einer Stelle heraus, die höher lag als der Ort, von dem ich aufgebrochen war. Das Karu folgte weder einer Ordnung noch der Vernunft. Es gehorchte allein den Gesetzen des Chaos. Eines Tages oder Nachts, zwanzig Jahre oder länger nach meiner Ankunft, gelangte ich schließlich ins Herz dieses verfluchten Labyrinths und stand vor der Höhle der Undinen, der bösartigen Schlangenwesen, die einst meinen Untergang prophezeit hatten.

Dort erwartete mich eine Überraschung: Sterbliche, echte Sterbliche, verwundbare Wesen aus Fleisch und Blut, boten dem hellsichtigen Dämon die Stirn.

Als ich mich ihnen näherte, wurde mir klar, dass sie meine Anwesenheit nicht bemerkten. Sie konnten mich weder sehen noch hören und zuckten nicht einmal mit der Wimper, als mein körperloser Geist durch ihr Fleisch fuhr. Das war eine schmerzhafte Erfahrung, denn die langen Jahre der Einsamkeit hatten mich beinahe vergessen lassen, dass ich ein Phantom war. Doch als ich unter den Sterblichen einen meiner ältesten Feinde erkannte, vergaß ich alles Leid, das ich ertragen hatte, und spürte eine Woge von Hass und Faszination in mir aufsteigen.

Die Gesetze des Karu erschienen mir plötzlich wesentlich weniger chaotisch. Ich war absichtlich hierhergeführt worden. Die Undinen, ja die Unterwelt selbst, wollten sich an denjenigen rächen, die sich erdreistet hatten, ihren Gesetzen zu trotzen. Von dem Augenblick an ließ ich die Sterblichen nicht mehr aus den Augen. Ich heftete mich an ihre Fersen, strich ständig um sie herum und beugte mich über ihre schlafenden Körper, während sie sich allein glaubten. Vor allem aber sog ich jedes Wort auf, das sie sprachen. So erfuhr ich Geheimnisse, die so unglaublich waren, dass mir bisweilen schwindelte. Die Kinder von Ji, wie ich sie bei mir nannte, hatten viele Entdeckungen gemacht und Dinge über die Pforten, das Jal und die Etheker herausgefunden, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Jedes ihrer Schicksale war faszinierend. Wie hätte ich ahnen können, dass Che’b’ree mir einen Sohn geschenkt hatte, der wild entschlossen war, mein Andenken in den Schmutz zu ziehen? Dass Sombre versucht hatte, ein Wesen nach seinem Ebenbild zu formen, genau wie ich es mit ihm getan hatte– ein Wesen, das den Namen Cael trug. Dass die Erben eine echte Göttin hervorgebracht hatten. Und dass sich der Erzfeind unter ihnen befand!

Ich war äußerst erregt und wollte endlich zur Tat schreiten, aber ich verzweifelte an meinem Unvermögen, aus dem Karu zu entkommen oder wenigstens meine Hände um den Hals meiner Feinde zu legen und zuzudrücken. Ach, hätte ich doch nur einen Körper gehabt!

Ich konnte nichts unternehmen, um die Erben daran zu hindern, zum Dara hinaufzusteigen und ihre Eltern zu finden. Selbst die schwache Hoffnung, dass besagter Cael im Karu bleiben würde, erfüllte sich nicht. Abermals blieb ich allein zurück, und mein einziger Begleiter war tiefe Enttäuschung.

Ich fürchte, in meiner Verzweiflung verlor ich für eine Weile den Verstand. Der Wahnsinn trieb mich in die Tiefen der Finsternis hinab, wo ich ein Geheul ausstieß, grauenvoller als die Schreie der abscheulichsten Ungeheuer des Karu.

In einem Zustand völliger Hoffnungslosigkeit dämmerte ich mehrere Dekanten lang vor mich hin; vielleicht waren es auch Tage. Als ich wieder bei Sinnen war, legte ich vor mir selbst den Schwur ab, niemals wieder einen Feind entwischen zu lassen. Nie wieder.

Daraufhin begann ich, mir einen neuen Körper zu erschaffen und das auszufüllen, was lange Zeit nichts als eine leere Hülle gewesen war. Ich wollte wieder Leben in meinen Beinen spüren, Stärke in meinen Armen und Kraft in meinen Händen, um endlich wieder in der Lage zu sein, jemandem das Genick zu brechen oder ihm bei lebendigem Leibe das Herz aus der Brust zu reißen, wenn es mich danach gelüstete.

Selbst wenn ich dazu ein Geschöpf aus Gwel werden musste.

Die Silhouette der drei Alten hob sich deutlich von der Abenddämmerung ab. Reglos standen sie da, Hand in Hand, am Rande einer Klippe, die steil ins Meer abfiel. Tief unten ragten bedrohlich die Riffe empor. In einiger Entfernung stand ein Dutzend jüngerer Frauen und wartete in ehrfurchtsvollem Schweigen, so wie seit fast einem Jahr jeden Abend. Immer spielte sich unweigerlich dieselbe Szene ab.

»Heute passiert nichts mehr«, verkündete die Älteste der drei.

»Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben«, sagte die Kleinste.

»Wir kommen morgen wieder«, murmelte die Dritte.

Erst nach diesen Worten gaben sie– einem Ritual folgend, das aus reiner Gewohnheit entstanden war– ihre Konzentration auf und spürten nach und nach wieder die Gebrechen und Schmerzen ihrer verbrauchten Körper. Nacheinander öffneten die drei die Augen. Rasch vergewisserten sie sich, dass keine von ihnen vor Erschöpfung in Ohnmacht fallen würde, und ließen einander dann los. Die Älteste griff nach ihrem Speer, den sie mittlerweile nur noch als Gehstock benutzte, während die anderen beiden ihre warmen Wolltücher enger um die gebeugten Schultern zogen. Am Meer war die Luft immer recht frisch, wenn die Sonne am Horizont versank, und sie hatten noch einen langen Rückweg vor sich.

Die jungen Frauen, die sie begleiteten, entzündeten Fackeln und Laternen. Längst hatten sie begriffen, dass das erhoffte Wunder auch diesmal ausgeblieben war. Die beste Läuferin verabschiedete sich und lief vor, um ihren Schwestern von dem erneuten Scheitern zu berichten. Auf diese Weise ersparte sie den drei Alten diese unangenehme Aufgabe; die Verantwortung, die sie trugen, war ohnehin schon schwer genug. Stattdessen würden sie nach ihrer Ankunft ihre steifen Glieder ausruhen und eine heiße Suppe trinken können. Anschließend würden sie sich schlafen legen und davon träumen, wie sich ihrer aller Leben verändern würde, wenn ihnen eines Tages endlich das Zeichen erschiene…

Doch zunächst mussten sie noch ein weiteres Ritual vollziehen, das letzte an diesem Tag. Müden Schrittes näherten sich die drei alten Frauen einem nahe gelegenen Hügelgrab. Dreiundzwanzig Jahre zuvor war es über den sterblichen Überresten einer Frau errichtet worden, deren Andenken bei allen lebendig war. Die drei Gestalten verharrten mehrere Dezillen lang in andächtigem Schweigen vor dem Grab, bevor sie sich von dem Steinhaufen abwandten und den Rückweg landeinwärts fortsetzten. Sofort kamen die jüngsten Frauen herbei, leuchteten ihnen den Weg und boten ihnen an, sie zu stützen. So marschierte die kleine Schar einen halben Dekant durch ein Gebiet, in dem es von giftigen Schlangen und nicht minder gefährlichen Insekten nur so wimmelte. Aus diesem Grund hatten die Frauen es vermieden, in der Nähe der Steilküste ein ständiges Lager zu errichten und dort darauf zu warten, dass ihre Gebete erhört würden. Nach etwa einer Dezime Marsch geschah plötzlich etwas Unerwartetes: Die Älteste blieb stehen und brach so mit dem gewohnten Ablauf, in dem sie seit langer Zeit gefangen waren.

»Ich kann nicht mehr«, sagte sie schnaufend. »Mein Herz tut mir weh. Morgen werde ich nicht mehr die Kraft haben herzukommen.«

»Aber sicher«, entgegnete die Zweite. »Nicht zum ersten Mal fällt dir der Rückweg schwer. Morgen wirst du uns allen wieder vorangehen – du wirst schon sehen.«

»Ich werde es sicher versuchen«, murmelte die Alte, »aber ich werde es nicht schaffen. Wenn ich auf dem Weg zusammenbreche, wird keine von euch in der Lage sein, mich ins Leben zurückzuholen. Ihr müsst euch an den Gedanken gewöhnen und eine Nachfolgerin für mich finden.«

Ihre beiden Schwestern wechselten traurige Blicke, während die jüngeren Frauen ihre Sorge hinter einer stoischen Maske verbargen. Es war niemals angenehm, wenn Tatsachen ausgesprochen wurden, die alle zu verdrängen suchten.

»Aber dann werden wir noch weniger Aussicht auf Erfolg haben«, klagte die Dritte. »Es gibt kaum noch Schwestern, die wissen, wie man sich in den Zustand der Entsinnung versetzt– oder das, was davon übrig ist. Die anderen beherrschen die Kunst noch weniger als wir.«

»Das weiß ich ja«, stöhnte die Alte. »Aber was soll ich denn tun? Ich werde nicht aufgeben, bis ich meinen letzten Atemzug tue. Aber ihr müsst euch überlegen, was danach ist. Ich will nicht, dass ihr nach meinem Tod all eure Hoffnungen begrabt. Ihr müsst alles daran setzen, dass unsere Schwestern ihr wohlverdientes Schicksal ereilt, ob ich noch auf dieser Welt bin oder nicht. Eines Tages wird die Göttin unseren Ruf erhören, uns antworten und sich wieder mit uns vereinen.«

»Für die Göttin«, riefen die beiden anderen.

»Für die Göttin«, wiederholten die Jüngeren einstimmig.

Danach setzten sie ihren Marsch schweigend fort. Auf dem restlichen Weg konzentrierte sich jede darauf, den tödlichen Fallen der Sümpfe des Lus’an auszuweichen. Nach einer Weile erreichten die Kriegerinnen im roten Gewand ihr Dorf– ganz in der Nähe von Zuïas Palast.

Das schwarze Gwel des Karu zu formen war leichter, als ich dachte, und ich ärgerte mich maßlos, dass ich es nicht schon früher versucht hatte. Dabei hatte ich zweimal endlose Jahre in diesem stinkenden Labyrinth verbracht, mit nichts anderem vor Augen als dem lehmartigen, sich ständig verändernden Stein. Ich kannte all seine Farbschattierungen, hatte jede seiner vielfältigen Beschaffenheiten ertastet und sogar davon gekostet. Nach meinem Wechsel in die Welt der Menschen hatte ich aus dem Schlamm die mächtigsten magischen Gegenstände geformt, die man sich vorstellen kann. Allen voran das Schwert, das Léti mir später ins Herz stieß.

Der Stoff hatte für mich nichts Rätselhaftes mehr. Ich musste nur herausfinden, wie man ihn beeinflusste. Auch hierfür bediente ich mich der Erfahrung, die ich auf meinen langen Wanderungen durch die Gänge des Karu erworben hatte. Zwar gab es an diesem Ort nur ein einziges Gesetz, und das war das Chaos, aber selbst dieses ließ sich bis zu einem gewissen Grad vorhersehen. Die Wände der Gänge verformten sich scheinbar willkürlich, aber auf eins konnte man sich verlassen: Ganz gleich, welchen Durchgang man auswählte, früher oder später würde er sich schließen. Das konnte eine Dezille dauern oder tausend Jahre.

Mit dieser Gewissheit schwebte ich in einen Durchgang, der mir geeignet erschien, und harrte dort aus. Einen Tag lang. Drei Tage. Eine Dekade. Wenn nötig, hätte ich ein ganzes Jahrhundert gewartet, aber ich hoffte, dass mir das Schicksal eine solche Prüfung ersparen würde.

Mein Wunsch sollte in Erfüllung gehen.

Als es geschah, war ich bereits von solchem Überdruss erfüllt, dass mein Geist völlig abgestumpft war. Der kleine Rest Verstand, der mir noch blieb, konzentrierte sich auf die Dinge, die ich bei der Begegnung mit den Erben von Ji erfahren hatte. Ich war so darin versunken, dass ich die einsetzende Veränderung zunächst gar nicht bemerkte. Doch plötzlich war ich hellwach.

Die körperlose Form meines linken Beins war bereits bis zum Knie vom Gwel umfangen. Sie war von dem schwarzen, stinkenden Schlamm eingefasst, der sich rasch zu Stein verhärtete, und nach einer Weile verschmolz sie mit ihm. Vermutlich hätte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch befreien können. Ich hätte mich meiner phantomhaften Gestalt bedienen können, um der Falle zu entkommen, aber ich tat nichts dergleichen. Im Gegenteil– ich bemühte mich, so ruhig wie möglich zu bleiben, um die Vollendung des Phänomens nicht durch eine unbedachte Bewegung zu gefährden. Schleichend und unaufhaltsam schloss sich das Gwel um mich und kroch schließlich in mich hinein.

Irgendwann war ich vollkommen in dem Stoff gefangen. Mittlerweile war das Gwel steinhart und eiskalt wie Fels. Ich steckte in undurchdringlicher Finsternis fest und hatte das Gefühl zu ersticken– es kam mir vor, als wäre das gesamte Universum im Nichts versunken.

Dies war der unangenehmste Teil meines Plans. Obwohl ich keinen Schmerz empfand, war mir, als würde ich von dem Gebirge über mir zermalmt und von riesigen Pranken aus Granit erwürgt. Als wäre ich für alle Zeiten im Schoß des Karu gefangen.

Nach einer Weile geriet ich doch in Panik. Vielleicht nutzte das Karu– weil ich mich der Verschmelzung mit den Dämonen verweigerte– diese Gelegenheit, um sich meiner zu entledigen. Auch wenn hier unten Chaos herrschte, gab es doch bestimmte Regeln, und ich hatte sie gebrochen. Offenbar konnte mich das Karu nicht vernichten, aber es konnte mich bis in alle Ewigkeit gefangen halten.

Aber ich konnte ohnehin nichts mehr daran ändern. Ich war das Wagnis eingegangen; nun hatte ich mein Schicksal nicht mehr in der Hand. Verbissen richtete ich all meine Gedanken auf mein Ziel, das mich in diese Lage gebracht hatte: die Aussicht, an meinen Feinden Rache zu nehmen und mir die Welt untertan zu machen.

Nach einer endlosen Zeit der Marter begann sich das Gwel, das mich umschloss, zu erwärmen. Meine Erleichterung war groß, aber gleichzeitig packte mich quälende Unruhe. Jetzt hing alles von meiner Geschicklichkeit ab. Wenn ich meine Kräfte überschätzte, war alles verloren.

Doch zum Glück erwies sich der Vorgang als verblüffend einfach. Das Gwel hatte mich so sehr durchdrungen, dass es fast ein Teil von mir selbst geworden war. Als das Karu abermals seine Gestalt veränderte und sich das Gwel zurückzog, gelang es mir mit bloßer Willenskraft, den Teil, der meine körperlose Form ausgefüllt hatte, zurückzuhalten. Der Erfolg ermutigte mich, nicht nachzulassen. Als ich dann endlich wieder einen Körper hatte, nutzte ich meine magischen Kräfte, um das Gwelom, in das ich mich verwandelt hatte, zu stärken, damit es nicht beim ersten Schlag eines Gegners zersprang. Schließlich wagte ich die ersten Schritte.

Sie waren ebenso zögerlich wie die eines Kleinkinds. Aber wie groß war meine Freude, wie unermesslich mein Triumph: Ich hatte abermals den Tod besiegt! Ich hatte wieder Füße, um über den Boden zu laufen, Arme, um Waffen zu schwingen, und einen Mund, um meinen Feinden ins Gesicht zu spucken, bevor ich sie niederstreckte. Das Karu hatte mir Leben geschenkt, und zwar auf nie da gewesene Weise. Halb war ich ein Geisteswesen, so wie die Götter und Dämonen, die einst im Jal herangewachsen waren, und halb ein Kind des Gebirges, das mich wie eine Mutter unter Schmerzen geboren hatte.

Zum vollkommenen Glück fehlte mir jetzt nur noch eins: ein Weg, der aus diesem verwünschten Labyrinth hinausführte. Kurze Zeit später war mir das Schicksal gnädig. An dem Tag, als das Jal und mit ihnen alle Götter und Dämonen aus der Welt verschwanden, wurde mir die Freiheit geschenkt.

Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, dem man seinen Herzenswunsch erfüllt. In meinen kühnsten Träumen hatte ich nicht zu hoffen gewagt, dass ich einmal mit ansehen würde, wie sich die Ungeheuer, die durch die Gänge und Höhlen meines Kerkers streiften, in Todesqualen winden, und wie das Labyrinth selbst seinem Untergang entgegengeht.

Im Karu herrschte größeres Chaos denn je. Die Unsterblichen lösten sich langsam auf und entließen die Seelen, von denen sie sich ernährt hatten, in die Freiheit. Die Unterwelt aus Gwel verschob und verformte sich ein letztes Mal, bevor sie für immer erstarrte.

Leider ging alles viel zu schnell. Ich hätte gern noch länger zugesehen, wie die Seelen ins Nichts entflohen und die Kraft der Götter und Dämonen dahinschwand, ohne dass sie etwas dagegen tun konnten. Doch nach kurzer Zeit war alles vorbei, und ichwareinsamer denn je in den finsteren, unterirdischen Gängen, die nun nichts Übernatürliches mehr hatten. Es herrschten vollkommene Stille und eisige Kälte, und dies war ein weiterer Beweis dafür, dass die Unterwelt mitsamt ihren fauligen Ausdünstungen zu Stein erstarrt war.

Ich wusste nicht, was die Umwälzung bewirkt hatte, ahnte aber, dass die Erben daran nicht ganz unschuldig waren. Das Verschwinden des Karu warf viele neue Fragen auf und eröffnete zugleich glänzende Aussichten. Hatte sich Sombre ebenfalls aufgelöst? Und wie wirkte sich die Vernichtung des Jal auf die Welt der Menschen aus, ihre Religionen und die Seelen der Verstorbenen? Welche Macht hatten meine Feinde beim Sieg über die Unsterblichen errungen?

Während ich zum millionsten Mal den Abstieg in die felsigen Tiefen unternahm, hatte ich viel Zeit, über all das nachzudenken, und über tausend andere, ähnliche Fragen. Das Labyrinth hatte die Macht verloren, seine Form zu verändern, und konnte mich nicht mehr in die Irre führen. Gänge und Höhlen verschlossen sich nicht mehr bei meinem Näherkommen oder hinter meinem Rücken. Nachdem ich mich eine halbe Ewigkeit durch die Dunkelheit getastet hatte und tausendmal gestürzt war, sah ich schließlich in der Ferne, was nur noch eine blasse Erinnerung gewesen war: Tageslicht!

Trotz der wilden Freude, die in mir aufstieg, war ich klug genug, nicht Hals über Kopf auf das Sonnenlicht zuzustürzen, denn die gleißende Helle hätte mir vermutlich den Verstand geraubt. Stattdessen ließ ich mir Zeit. Zum ersten Mal sah ich nun auch meinen Körper aus Gwel. Leider war er nur allzu gut gelungen. Er glich aufs Haar dem ausgemergelten, faltigen, altersschwachen Körper, den ich im Augenblick meines Todes bewohnt hatte.

Als letztes Geschöpf des Jal, dazu bestimmt, von den Sterblichen angebetet zu werden, schmerzte es mich, dass ich keine würdigere Gestalt abgab. In der Absicht, dem Abhilfe zu schaffen, beschwor ich meine magischen Kräfte herauf. Doch vergeblich. Die Magie, die ich kannte, existierte nicht mehr; vermutlich war sie zusammen mit dem Jal verschwunden. Auch die vier Elemente, die die Welt zuvor zusammengehalten hatten, gab es nicht mehr in ihrer alten Form. An ihre Stelle waren Energieströme getreten, deren Bedeutung ich erst noch erforschen musste.

Auf einen Schlag vergaß ich die Sorge um mein Aussehen. Die ersten Dekanten meiner neu gewonnenen Freiheit verbrachte ich damit, das Handwerk der Magie neu zu erlernen. Es ging leichter, als ich gedacht hatte. Natürlich halfen mir meine jahrzehntelange Erfahrung mit der alten Magie, mein langes Leben an der Seite eines Dämons und meine beiden Todeserlebnisse. Nach nur einem Tag hatte ich die wesentlichen Gesetzmäßigkeiten der neuen Magie begriffen, und ich nahm an, dass sich meine Kräfte in den kommenden Dekaden sprunghaft entwickeln würden.

Als das grelle Tageslicht endlich nachließ und die Dämmerung anbrach, näherte ich mich vorsichtig dem Ausgang. Wie lange hatte ich diesen Augenblick herbeigesehnt! Ich erwartete, wie beim ersten Mal im Königreich Wallatt herauszukommen oder auf der anderen Seite des Rideau, in der Nähe der Heiligen Stadt Ith. Daher war meine Überraschung groß, als ich mich auf einem kleinen Strand wiederfand und vor mir das große, weite Meer erblickte!

Nachdem ich ein paar Dezillen lang aufmerksam die Umgebung studiert und in Gedanken die Landkarte der bekannten Welt durchgegangen war, wusste ich, wo ich war. Ich befand mich im äußersten Süden des Rideau, dort, wo die Gebirgskette in das Sandmeer übergeht. Das Kap, das ich vor mir sah, musste jenes sein, welches das Mittenmeer vom Feuermeer trennte.

Aber so wenig, wie mich die stinkenden Gänge des Karu hatten bezwingen können, würde ich mich von dieser kargen, menschenleeren Gegend zermürben lassen. Ich hatte zwar wieder einen Körper, aber das Gwel kannte weder Hunger noch Durst noch Erschöpfung. Das Schicksal hatte für mich entschieden: Von diesem Fleckchen Erde aus würde ich mir ein neues Reich aufbauen.

Der alte Djemar schloss die Augen, holte tief Luft und biss die Zähne zusammen. Dann zog er mit aller Kraft. Das Seil war so straff gespannt, dass er sich fast die Haut aufriss, aber es bewegte sich keinen Zoll. Er stieß einen Fluch aus, lockerte den Griff und sah hilflos zu, wie sein Netz in den Tiefen des Meers verschwand, fortgerissen von einem der verdammten Riesenfische, die sich in diesen Gewässern tummelten. Der alte Fischer hatte den Übeltäter nicht einmal sehen können. Sicher war es wieder ein Talantenhai, die sah man in letzter Zeit häufig. Viel zu häufig. Sie schienen von Tag zu Tag mehr zu werden.

Djemar stand breitbeinig in der Mitte seines Boots und war auf einmal unendlich müde. Er fühlte sich wie ein Nichtsnutz, obwohl er alles getan hatte, um sein bestes Netz zu retten. Die Sache hätte auch schlimmer für ihn ausgehen können– immerhin lebte er noch. Denn er hatte schon Geschichten von Fischern gehört, die mitsamt ihren Booten in die Tiefe gezogen worden waren. Ihre Leichen waren niemals gefunden worden. Deshalb versuchte Djemar sich einzureden, dass er noch einmal Glück gehabt hatte.

Obwohl sein Fischkorb nun leer bleiben würde und er heute Abend mit knurrendem Magen zu Bett gehen musste.

Er seufzte tief, streckte sich auf den Planken aus, griff nach einer Flasche Mangoschnaps und genehmigte sich einen kräftigen Schluck. Dies war die erste Ruhepause, die er sich seit dem Morgen gönnte. Da er kein zweites Netz hatte, konnte er heute ohnehin nicht mehr arbeiten. Er war umsonst aufs Meer hinausgefahren. Ein vergeudeter Tag. Verdrossen trank er noch etwas von dem süßen Schnaps.

Als wollten die Götter ihn ärgern, trieb das Boot aufs Festland zu. Djemar, der soeben einen weiteren Schluck aus der Flasche genommen hatte, hätte ihn fast wieder ausgespuckt. Dort drüben war es gewesen… Dort, auf dem einsamen Strand, an den sich sonst keine Menschenseele verirrte, hatte er den Alten gefunden. Der spindeldürre Greis war splitterfasernackt gewesen und hatte sich mit irrem Blick umgesehen. Djemar hatte geglaubt, Piraten aus Yérim hätten ihn überfallen, ihm all sein Hab und Gut genommen und ihn an der erstbesten Stelle wieder ausgesetzt. Deshalb hatte er sich verpflichtet gefühlt, ihm zu helfen. Er hatte ihm in sein Boot geholfen und ihn auf seine Insel gebracht.

Seine Insel. Verdammt, verdammt, verdammt, fluchte der Fischer und genehmigte sich noch einen kräftigen Schluck. Früher, vor zwanzig Jahren, war das ein ruhiger Ort gewesen, an dem man gut leben und alt werden konnte. Damals war seine Heimat von ein paar Hundert friedlichen Leuten besiedelt gewesen, die von der Fischerei und dem Handel mit den Unteren Königreichen gelebt hatten.

Doch mittlerweile war die ganze Insel von dem Hexer, den Djemar mit auf die Insel gebracht hatte, unterjocht. Verdammt sollst du sein, wiederholte er, ohne zu wissen, ob er den Tyrannen meinte oder sich selbst.

Nun trieb eine Laune der Strömung das Boot auf seine Heimatinsel zu. Wie so oft in letzter Zeit dachte Djemar, dass es vielleicht besser wäre, gar nicht mehr dorthin zurückzukehren. Mittlerweile kam man dort allzu leicht ums Leben. Jeder neue Tag war eine Gnadenfrist, die der Hexer, der sich zum Herrn über die Insel aufgeschwungen hatte, und seine Bande von Mördern den Einwohnern gewährten. Allerdings war die Lebenserwartung der Söldner nicht viel höher als die der Fischer. Auf der Insel Raturuu fand man schneller den Tod, als man sich andernorts einen Schnupfen holte. Ob jemand lebte oder starb, hing ganz von der Laune des Hexers ab, und die war nicht vorhersehbar.

Das war nicht von Anfang an so gewesen. Der Hexer hatte seine Bösartigkeit erst nach und nach offenbart. Zunächst hatte er sich von den Inselbewohnern ferngehalten. Er bezog eine kleine Höhle an einem einsamen Strand und ernährte sich von den getrockneten Fischen, die Djemar ihm aus Gutmütigkeit brachte. Als jedoch unheimliche Geschichten die Runde machten, stellte Djemar seine Wohltätigkeit ein. In der Nähe der Höhle spielten sich seltsame Dinge ab. Häufig zuckten Blitze vom Himmel, und mitten in der Nacht stiegen Feuersäulen vom Boden auf. Die Inselbewohner wurden regelmäßig von grollendem Donner oder irrem Gelächter aus dem Schlaf gerissen. Es wurde der Vorschlag gemacht, den Fremden wieder dorthin zurückzubringen, wo man ihn gefunden hatte, und Djemar war einer der Ersten, der den Plan befürwortete.

Doch die Dorfbewohner bekamen keine Gelegenheit mehr, ihr Vorhaben umzusetzen. Noch bevor sie irgendetwas unternehmen konnten, verließ der Hexer– sei es aus Zufall oder weil er ahnte, was sie vorhatten– seine Höhle und gab ihnen eine finstere Darbietung seiner Kräfte. Zunächst erschlug er willkürlich ein paar Dorfbewohner mit dem Blitz und zielte dann auf die Männer, die ihm mit Waffen entgegentraten. Keiner von ihnen überlebte den Versuch, ihre Insel zu verteidigen. Der Alte war offenbar unverwundbar und mächtig wie ein Dämon!

Der Fischer ertränkte die Tränen, die ihm in die Augen stiegen, in einem weiteren Schluck Schnaps. Das Ungeheuer hatte immer weiter wahllos Menschen getötet, bis jemand in einer Sprache um Gnade flehte, die es verstand. Diesen armen Mann machte der Alte zu seinem Dolmetscher, wenn auch nur für wenige Tage. Unter anderem sollte er den verbliebenen Dorfbewohnern mitteilen, dass sich der Hexer zum Herrscher über die Insel und Kapitän aller Schiffe erklärt hatte, die vor ihr ankerten.

In den folgenden Dekaden versuchten mehrmals Gruppen von Dorfbewohnern, den Hexer fortzujagen. Sie alle bezahlten ihren Wagemut mit dem Leben. Der Tyrann hatte das größte Haus des Dorfs bezogen und eine Leibwache zusammengestellt, die er im Laufe der Zeit zu einer kleinen Armee ausbaute. Die Feiglinge, die sich dem Hexer unterwarfen, hofften, sich auf diese Weise vor seiner Willkür zu schützen. Außerdem ließen sie sich von der Verheißung locken, auf künftigen Eroberungsfeldzügen unermessliche Reichtümer zu erbeuten. Schnell verbreitete sich die Neuigkeit bis nach Yérim, und die meisten Piraten der Umgebung stellten sich in den Dienst des Ungeheuers. Innerhalb weniger Jahre gelang es dem Hexer, den Grundstein für ein mächtiges Reich zu legen. In seinem Machthunger träumte er davon, sich die gesamte bekannte Welt zu unterwerfen.

Bald ankerten vor Raturuu dreimal so viele Kriegsschiffe wie Fischerboote, und Söldner und Plünderer jeglicher Couleur zogen durch die Straßen des einzigen Dorfs, das es auf der Insel gab. Eines nicht mehr allzu fernen Tages würde der Dämon im Körper eines Greises mit der Eroberung der bekannten Welt beginnen. Wer sollte einen Mann aufhalten, dem das schärfste Schwert nichts anhaben konnte und der seine Feinde mit einem bloßen Augenzwinkern vom Blitz erschlagen ließ? Niemand! Bald würde er sich die Unteren und die Oberen Königreiche untertan machen und der Bevölkerung sein Zeichen auf die Stirn brennen, so wie er es schon bei den Männern getan hatte, die ihm Treue geschworen hatten.

Bei diesem Gedanken führte Djemar unwillkürlich eine zitternde Hand zur Stirn. Bisher war er von dem Schandmal verschont geblieben. Außerdem ließen ihn die finsteren Gesellen, die über die Insel streiften, mehr oder weniger in Ruhe. Vielleicht glaubten sie, er stünde unter dem Schutz des Admirals. Doch Djemar wusste genau, dass dem nicht so war. Seit er den Hexer am Strand gefunden hatte, hatte der nicht ein Wort der Dankbarkeit für seinen Retter übrig gehabt. Wahrscheinlich hatte er sein Gesicht längst vergessen, und wie seine Nachbarn und Freunde würde Djemar bald Opfer des Hasses werden, der im Herzen des Hexers kochte– und durch ein bloßes Fingerschnippen ermordet werden.

Der Fischer stürzte den Rest Mangoschnaps herunter und hätte sich fast an dem Schluchzer verschluckt, der ihm in der Kehle aufstieg. Er warf die leere Flasche ins Meer und ließ seinen Tränen freien Lauf. Djemar ertrug es nicht länger, auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod zu wandeln. Er wollte sich nicht jeden Morgen fragen müssen, ob dieser Tag sein letzter sein würde. Die Insel, die er einst so geliebt hatte, war zu einer Hölle geworden, und im Dorf würde bald keine unschuldige Seele mehr leben. Da konnte er seiner Heimat ebenso gut für immer den Rücken kehren.

Voller Verzweiflung griff er nach den Rudern und steuerte das Boot Richtung Westen auf die Unteren Königreiche zu, auch wenn er kaum eine Chance hatte, lebend dort anzukommen. Wenn ihn nicht der Durst, die Sonne oder die Erschöpfung umbrachten, würden ihm vermutlich die Piraten, die Stürme oder die ausgehungerten Haie den Garaus machen.

Verflucht seist du, murmelte er noch einmal und warf einen letzten Blick auf seine Insel, die nun die Insel des Hexers war.

Nachdem ich mir ein erstes Stückchen Land unterworfen hatte, begann ich wieder, an Rache zu denken. Doch das hatte keine Eile. Zwar hätte ich ein paar meiner frisch rekrutierten Getreuen losschicken können, damit sie meinen Erzfeinden den Hals durchschnitten, doch nach reiflicher Überlegung kam ich zu dem Schluss, dass mich das nicht befriedigen würde. Vorher wollte ich ihnen ihre Schwäche und Armseligkeit vor Augen führen und ihnen ein für alle Mal zu verstehen geben, dass ich sie letztlich doch besiegt hatte. Jahrzehntelang hatten sie auf meinem Grab getanzt und gesungen; jetzt wollte ich sie um Gnade betteln hören. Ich wollte, dass sie vor mir auf die Knie sanken und mich um einen schnellen Tod baten.

Wenn ich erst einmal einen Großteil der bekannten Welt unterjocht hatte, würde ich ihnen gegenübertreten. Ich dachte nur noch an eins: wie ich die Erben von Ji finden und mir mit ihnen die letzte, alles entscheidende Schlacht liefern würde. Diesmal würde ihnen der Sieg nicht wieder durch einen heimtückischen Schurkenstreich in den Schoß fallen. Aber um meine Rache in vollen Zügen auszukosten, musste ich mich in Geduld üben.

Dass ich nicht unmittelbar zur Tat schreiten konnte, verstärkte meine Entschlossenheit nur noch. Als Erstes versuchte ich, so viel wie möglich über die neuen Prinzipien der Magie herauszufinden. Zu diesem Zweck führte ich an den Inselbewohnern verschiedene Experimente durch, was außerdem den Vorteil hatte, dass sie mich fürchteten wie den Tod. Da ich die Welt schlecht im Alleingang erobern konnte, begab ich mich außerdem auf die Suche nach Gefolgsmännern, denen ich etwas von meiner Magie beibringen wollte. Zunächst versuchte ich, einigen Bauern, die nicht ganz so hohl waren wie der Rest, beizubringen, wie man die Energieströme manipulierte. Doch das war die reinste Zeitverschwendung, und ich beförderte meine Schüler recht schnell ins Jenseits. Das hatte zwei Vorteile: Zum einen hatten diese Nichtsnutze den Tod mehr als verdient, zum anderen stärkte jedes Leben, das ich auslöschte, meine Macht.

Der Zugewinn an Macht war zwar nur gering und nicht zu vergleichen mit der Lebenskraft, die ich aus Sombre geschöpft hatte, aber er war trotzdem nicht zu leugnen. Wo rührte dieses Phänomen her? Lag es an meinem Körper aus Gwel? An meinen langen Aufenthalten im Karu? An der Tatsache, dass ich das letzte Wesen war, das aus dem Karu in die Welt der Menschen übergewechselt war? Wahrscheinlich war es von allem etwas. Bald hörteich auf, mir über diese Frage den Kopf zu zerbrechen, und versuchte nur noch, meinen Nutzen daraus zu ziehen. Schließlich hatte ich schon immer ein Gott sein wollen! Ich empfand es als ausgleichende Gerechtigkeit, dass ich mich nun meinerseits von den Seelen meiner Opfer ernährte.

Ich nutzte jede Gelegenheit, um meine Macht zu mehren, und bekam niemals genug. Denn das berauschende Gefühl, wenn ich mir die Seele eines Toten einverleibte, wurde nach und nach immer schwächer, bis nur noch ein kurzer wohliger Schauer blieb. Andererseits spürte ich deutlich, wie meine magischen Kräfte wuchsen. Bald hatte ich den Eindruck, Teil eines höheren gemeinsamen Bewusstseins zu sein, das mich und noch ein paar andere außergewöhnliche Wesen verband.

Da dämmerte mir, dass nicht nur ich die Vernichtung des Jal überlebt hatte. Die Geister einiger Götter und Dämonen waren ebenfalls in die Welt der Sterblichen übergewechselt.

Ich näherte mich dem ersten derartigen Wesen, das ich ausmachen konnte, einem ramythischen Kind von sieben oder acht Jahren. In dem Augenblick, als ich es tötete, überkam mich eine solche Macht, dass ich taumelte wie ein Trunkenbold und fast zu Boden gegangen wäre.

In den folgenden Jahren versuchte ich, all dieser Wesen habhaft zu werden und sie zu töten. Ich hatte erkannt, dass sie die Wiedergeburten der alten Götter und Dämonen waren, und indem ich mir ihre Seele einverleibte, übernahm ich auch ihre Kräfte. Nachdem ich meine ersten wahren Anhänger rekrutiert hatte, gab ich ihnen den Auftrag, diese Wiedergeburten ausfindig zu machen und zu mir zu bringen. In der Zwischenzeit entwickelte ich meine magischen Kräfte weiter und studierte die ethekischen Manuskripte, die meine Männer auf ihren Raubzügen erbeuteten. Die Beherrschung dieser Sprache hatte ich von den Seelen übernommen, die ich verschlungen hatte. Nach einer Weile begann ich, die Stirn meiner Anhänger mit einem Mal zu versehen. Auf diese Weise konnte ich jederzeit Macht über sie ausüben und mich gleichzeitig ihrer Ergebenheit vergewissern. Wer sich weigerte, mein Mal zu empfangen, unterschrieb damit sein Todesurteil.

Vor wenigen Dekaden durchstreifte mein Geist wieder einmal die bekannte Welt auf der Suche nach den Wiedergeburten der einstigen Götter und Dämonen. Plötzlich stieß ich auf den mächtigen Usul. Usul, der Wissende. Das Schicksal war mir wohlgesinnt und brachte mir eine außerordentliche Opfergabe! Ich hatte die Insel längere Zeit nicht mehr verlassen, weil ich fieberhaft an meinen Eroberungsplänen gearbeitet hatte, aber um mir diese besonders kostbare Seele einzuverleiben, machte ich mich selbst auf den Weg.

Doch die Mühe erwies sich als unnötig. Der einstige Gott war aus seinem Gefängnis in Wallos entkommen und war längst auf dem Wege zu mir. Als wir uns begegneten, warf er sich mir zu Füßen und bot mir seine Hilfe an, wenn ich ihm gegenüber Gnade walten ließe, denn er hatte erkannt, wie sehr ich ihm und seinesgleichen überlegen war. Zum Schein ging ich auf sein Angebot ein und nutzte sein übermenschliches Wissen, um meine eigenen Wissenslücken zu schließen: So erfuhr ich, dass sich Sombre mit der einstigen Königin von Lorelia verbündet hatte, dass die beiden besiegt worden waren und die Erben von Ji das Jal mitsamt allen Göttern und Dämonen vernichtet hatten, allein indem sie es verleugneten. Usul erzählte mir noch vieles mehr, aber sein Gebrabbel war teilweise so verworren, dass ich nicht viel verstand. Seine Wiedergeburt war offenbar hochgradig geistesgestört. Vielleicht war der Gott aber auch schon immer wahnsinnig gewesen.

Allerdings war er noch so weit bei Verstand, dass er ahnte, was ich mit ihm vorhatte. In tiefster Nacht machte er sich auf meinem Schiff davon und entzog sich mir genauso, wie er auch meinem treulosen Sohn in Wallos entkommen war.

Ich machte mir nicht die Mühe, ihn zu verfolgen. Was hätte das genutzt, da er jeden meiner Schritte vorausahnen konnte? Außerdem gab es Wichtigeres zu erledigen. Im Fieberwahn hatte Usul vorhergesagt, dass sich meine Erzfeinde zusammentun, zur Insel Ji reisen und Sombres Grab öffnen würden.