Die Kehrseite des Himmels - Ljudmila Ulitzkaja - E-Book

Die Kehrseite des Himmels E-Book

Ljudmila Ulitzkaja

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10,99 €

Beschreibung

Ljudmila Ulitzkaja gibt mit überraschender Offenheit Auskunft über ihre persönliche Welt. Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Moskau, von den Menschen und Büchern, die sie liebt, von ihrer früheren Tätigkeit als Genetikerin und davon, wie sie zum Schreiben kam. Dabei schlägt sie einen Bogen von der Geschichte ihrer Vorfahren bis zum Tagebuch ihrer Krebserkrankung. Zentral für ihr aktuelles Werk sind Politik und Kultur in Russland und ihr kritisches Verhältnis zu den Entwicklungen unter Putin. So eröffnet Ulitzkaja dem Leser einen Horizont russischer Alltagserfahrung, der auch Fragen der Moral, Ethik und Religion umschließt.

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Seitenzahl: 300

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Hanser E-Book

Ljudmila Ulitzkaja

Die Kehrseite

des Himmels

Aus dem Russischen

von Ganna-Maria Braungardt

Carl Hanser Verlag

Die russische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

Священный мусор (Svjaščennyj musor) bei Astrel in Moskau. Sie wurde für die

deutsche Ausgabe von der Autorin gekürzt und vollständig durchgesehen.

ISBN 978-3-446-24844-1

© Ljudmila Ulitzkaja 2012

Alle Rechte der deutschen Ausgabe

© Carl Hanser Verlag München 2015

Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann, Leutkirch

Unser gesamtes lieferbares Programm

und viele andere Informationen finden Sie unter:

www.hanser-literaturverlage.de

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Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

Inhalt

Heiliger Kram

Alte Fotos

Das Ende der Kindheit

Beim Lesen der Gabe von Vladimir Nabokov

Der Mensch und seine Verbindungen

Kindheit: Mädchen und Jungen

Mein engster Kreis

Die Kunst des Nichtstuns

Mandelstam-Bronze

Eine Sekunde vor dem Aufwachen

Schlaflosigkeit

Eine Apologie der Lüge

Sag nein

Dankeswort an eine Ratte

Wenn Gott eine Frau wäre

Lilith, Medea und etwas Neues

Zu zweit sein, allein sein

Kultur und Politik

In der Metro

Die sechs Enkel von Jelena Mitrofanowna

Eingeschnürt

Schießplatz Butowo

Dubrowka-Theater – Beslan

Schluss mit der Toleranz

Niemand mag die Oligarchen

Braucht Russland einen Pinochet?

Leb wohl, Europa!

Heiligkeit

Neuheidentum von innen

Bruder Tod

Brust. Bauch.

   Präludium

   Anamnese

   Status praesens

   Cito!

   Aus dem Tagebuch

   Ein Kerem

   Hadassah

Abschied von Cogoleto

Nicht dazugehören

Anmerkungen der Übersetzerin

Heiliger Kram

Meine große Anhänglichkeit an Dinge – an ihre Geschichte, ihre Herkunft, ihre Geburt und ihren Tod – ließ mich in einem Karton alles sammeln, wovon ich mich schwer trennen konnte: eine Porzellanteeschale mit Sprung, in der mein Urgroßvater Rädchen und Sprungfedern von Uhren aufbewahrte, Reste eines chinesischen Teeservices, das mein erster Mann versehentlich samt Regal mit der Schulter zu Boden geworfen hatte, Großmutters Glacéhandschuhe (für Bälle!), die so klein waren, dass sie rissen, als eine pummelige Zwölfjährige sie anprobieren wollte, Urgroßmutters halb zerfleddertes Körbchen unbekannter Bestimmung, das stolze Abzeichen des Kalugaer Mädchengymnasiums der Madame Salowa und ein Stück Wachstuch aus der Entbindungsklinik mit dem Namen meines Cousins, der zehn Jahre nach mir zur Welt kam. All diese Sachen wollte ich irgendwann mal reparieren, restaurieren, kleben, flicken oder ihnen einfach einen Platz zuweisen. Dreißig Jahre lang habe ich sie von Wohnung zu Wohnung mitgeschleppt, bis mich bei einem meiner letzten Umzüge der Wunsch packte, aufzuräumen, mich von jeglichem Kram zu befreien, und ich all diese unnützen Kostbarkeiten auf den Müll warf. Für einen Augenblick schien mir, als hätte ich mich damit meiner Vergangenheit entledigt, als hätte sie mich nun nicht mehr im Würgegriff. Aber weit gefehlt: Ich erinnere mich an alle diese weggeworfenen Kleinigkeiten – an jedes einzelne Stück!

Diese Scherben und Überbleibsel der Vergangenheit waren eng mit immateriellen Dingen verbunden. Sie symbolisierten die wunderbaren Prinzipien und positiven Grundsätze, die Ideen und Vorstellungen, die ich übernahm und aus denen ich mir im Laufe meines Lebens ein Gebäude konstruierte, von dem ich manchmal sogar glaubte, es stehe nun auf festem Grund, aus meinen jahrelangen Bemühungen sei ein geschlossenes Weltbild erwachsen. Dieses Gerüst erwies sich als starr und unbequem wie eine mittelalterliche Ritterrüstung … Von Zeit zu Zeit beunruhigte mich das sehr – Gott sei Dank lenkten mich die alltäglichen Sorgen von der lästigen Suche nach einem höheren Sinn ab. Ich kann nicht behaupten, zu einem irgendwie relevanten Ergebnis gekommen zu sein. Ich neige dazu, Laborprotokolle über misslungene oder nur halb gelungene Experimente wegzuwerfen. Mein Karton ist wohl eher ein Modell, womöglich eine Metapher für das allgemeine Anhäufen von Gütern und die anschließende Befreiung davon.

Ich kann offenbar nichts wegwerfen. Das Bewusstsein hält an dem Plunder aus Glas, Metall, Erfahrungen und Gedanken, Wissen und Ahnungen hartnäckig fest. Was dabei wichtig und bedeutend ist und was ein Nebenprodukt der menschlichen Existenz, weiß ich nicht. Zumal der »Misthaufen« mitunter wertvoller ist als die »Perle«.

Mein Urgroßvater, ein kleiner Uhrmacher und lebenslanger Leser eines einzigen Buches, der Thora, achtete materielle Dinge nicht geringer als geistige: Er warf nie etwas weg, sei es aus Pappe oder aus Eisen, und brachte von der Straße mal einen krummen Nagel mit, mal ein rostiges Scharnier. Das alles legte er in Schachteln und schrieb darauf: 1-Zoll-Nägel, Türscharnier, Garnspule. Auf einer Schachtel entzifferten wir nach seinem Tod die Aufschrift: Ein Stück Schnur, das zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Aber warum hatte er es aufbewahrt? Man möchte sich doch von allem Überflüssigen, Unnötigen befreien …

»Eines Tages verliere ich Arme, Beine, Kopf, Alter, Geburts- und Sterbedatum, Nationalität und Beruf, eines Tages verliere ich meinen Namen, und es wird gut sein.« Diesen Gedanken habe ich selbst einmal notiert.

Alte Fotos

Aus biologischer Sicht wäre es viel exakter, den Stammbaum von der mütterlichen Linie herzuleiten. Streng genommen macht der mütterliche Anteil etwas mehr als die Hälfte aus! (Warum mehr als die Hälfte? Wegen der Gene in den Mitochondrien – den Organellen im Zytoplasma der Eizelle.) Dennoch leiten die meisten Kulturen den Stammbaum traditionell von einem männlichen Vorfahren ab, wobei sie von der fragwürdigen Annahme ausgehen, dass Frauen ihrem Mann immer treu seien.

Die Genetik hat mit der Molekulargenealogie, einem neuen Wissenschaftszweig, einen großen Sprung nach vorn gemacht. Im Ekklesiastes, einer Sammlung öder Banalitäten (in der jüdischen Tradition bekannt als Buch Kohelet, das König Salomo zugeschrieben wird), heißt es: »Wer sein Wissen mehrt, der mehrt seinen Schmerz.« Dem kann ich nicht zustimmen. Wissen, das auf dem Gebiet der Anthropologie (speziell auf dem der Genetik) gemehrt wird, weckt in mir Bewunderung und Zuversicht, der Ekklesiastes hingegen nichts als Langeweile.

Dennoch habe ich nicht vor, die Dienste eines Labors in Anspruch zu nehmen, das dank seiner Kenntnisse über die Struktur der Gene verblüffende Informationen über meine Ahnenreihe herausfinden kann. Mir genügt vollkommen, was ich über meine Vorfahren weiß.

Hier ein Teil meiner Familiengeschichte väterlicherseits. In meinem Schlafzimmer hängen zwei Fotos. Eins hat mir meine Cousine dritten Grades Olga Bulgakowa zum sechzigsten Geburtstag geschenkt. Es ist ein Abzug von einer Fotoplatte, von denen sie eine ganze Sammlung besitzt. Es zeigt unseren gemeinsamen Urgroßvater, den Uhrmacher Galperin. Er thront in einem Sessel in seiner Kiewer Werkstatt, im Jahr 1903. Er sieht aus wie ein Professor oder ein Senator. Offenkundig ein kultivierter Mann. Auf dem zweiten Foto – dieselbe Werkstatt im Jahr 1905, nach dem Pogrom. Zertrümmerte Möbel, umgekippte Tische, zerrissene Bücher. Die Bücher gehörten Michail, dem ältesten Bruder meiner Großmutter. Er studierte damals an der philologischen Fakultät der Kiewer Universität. Als der Schriftsteller Korolenko erfuhr, dass die Bücher des jüdischen Studenten beim Pogrom vernichtet wurden, schenkte er ihm 200 Bücher aus seiner eigenen Bibliothek. Diese Bücher wurden zum Grundstock für Michails Büchersammlung. Die Bibliothek war so wertvoll, dass sie vor Jahren sogar einmal unter Denkmalschutz stand. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich an die goldenen und ledernen Buchrücken in Michails Moskauer Wohnung in der Worotnikow-Gasse – dort wohnen noch heute seine Enkelin Olga Bulgakowa und ihr Mann Sascha Sitnikow, zusammen mit ihrer Tochter Natascha und ihrer Enkelin Alissa. Sie alle, bis auf die erst ein Jahr alte Alissa, sind Maler.

Meine Großmutter Maria Petrowna, die Tochter jenes Uhrmachers, heiratete meinen Großvater Jakow Ulitzki. Aus ihrer Verbindung ging 1916 mein Vater Jewgeni hervor. Über meinen Großvater Jakow wusste ich bis zum letzten Jahr nur sehr wenig: Großmutter hatte sich 1936 von ihm scheiden lassen, als er wieder einmal inhaftiert war. Mein Vater erwähnte seinen Namen fast nie. Vor einem Jahr dann entdeckte ich den Briefwechsel meiner Großeltern, der 1911 begann und 1954 endete, nach seiner Freilassung aus der letzten Haft. Dieser Briefwechsel spiegelt die traurige Geschichte einer Zeit, in der bei uns die einen saßen, die anderen sie bewachten und die Dritten in der verzweifelten und erniedrigenden Angst vor jedem Klingeln, Klopfen oder Klappen der Fahrstuhltür lebten – mit der ständigen Angst vor dem System, das Stalin, »das große Genie der Menschheit«, etabliert hatte. Dem Briefwechsel nach zu urteilen war Großvater klug, begabt und musikalisch und hat sein Schicksal mit Würde getragen.

Großmutter Maria Petrowna Galperina (später Ulitzkaja)

mit ihrem Bruder

Von Großvater Jakow gibt es zwei Fotos: Das erste, von 1911, zeigt einen jungen Mann als Freiwilligen in Uniform, das zweite den alten Mann, der 1954 aus der Verbannung zurückgekehrt ist. Da hatte er nur noch gut ein Jahr zu leben. Ich habe auch noch viele andere Familienfotos von meinem Vater geerbt: vorrevolutionäre Gesichter, ganz anders als die heutigen – bei einem Picknick, an einem Tisch mit einer tiefhängenden Lampe darüber; Geschwister und Freunde von Großmutter und Großvater: Rasnotschinzen1, Studenten mit revolutionären Ansichten und wilder Mähne, Idealisten und Romantiker. Ach, wie sehr hat sie das Leben anschließend gebeutelt! Ihre Namen sind nicht überliefert, nur wenige Fotos sind beschriftet. Die meisten wurden in Kiew aufgenommen. Dort sind fast alle diese Menschen auch für immer geblieben – in Babi Jar.

Großvater Jakow Ulitzki, 1913

Großvater Jakow Ulitzki, 1954

Die mütterliche Linie sind die Ginsburgs. Das älteste Familienfoto der Ginsburgs wurde Ende des 19. Jahrhunderts aufgenommen, als Fotos noch etwas Neues und Seltenes waren. Es zeigt einen alten Juden mit der traditionellen Jarmulke auf dem Kopf. Das ist unser Stammvater, Isaak Ginsburg, mein Ururgroßvater. Wer sein Vater war, ist nicht mehr bekannt. Von Isaak weiß ich, dass er zur russischen Armee eingezogen wurde und sich in fünfundzwanzig Jahren zum Unteroffizier hochgedient hat. Die Jarmulke bedeutet vermutlich, dass er, wie alle Fremdstämmigen, als Rekrut getauft wurde, nach dem Armeedienst aber zum Glauben der Väter zurückgekehrt ist. Es ist belegt, dass er an der Einnahme von Plewna durch die Armee Skobelews beteiligt war und dafür mit dem Georgskreuz ausgezeichnet wurde. Dieses Kreuz lag bei den Nadeln und Garnen in Großmutters Handarbeitskasten. Ich habe oft damit gespielt und es wohl beim Spiel auf dem Hof verbummelt. Nach seinem Armeedienst erhielt Ururgroßvater Isaak Privilegien: Er durfte außerhalb des jüdischen Ansiedlungsgebietes leben. Er ließ sich in Smolensk nieder. Dort heiratete er auch. Er zeugte unzählige Kinder, die meisten davon starben im Säuglingsalter. Die Kindersterblichkeit war damals in Russland sehr hoch. Einer der überlebenden Söhne wurde Uhrmacher. Mein Urgroßvater Chaim. Auch von ihm besitze ich ein Foto. Die Fotos meiner beiden Uhrmacher-Urgroßväter, Galperin und Ginsburg, hängen nun nebeneinander. Die Nachkommen des Kiewer Uhrmachers sind aus ihrem provinziellen Milieu ausgebrochen – Großmutter war in jungen Jahren Schauspielerin, ihr Bruder Literat. Ein Beruf, den es heute wohl nicht mehr gibt.

Urgroßvater Jefim Isaakowitsch Ginsburg

Großmutter Maria Petrowna blickte auf die Familie Ginsburg herab: geistlose Kleinbürger! Die ihrerseits betrachteten Maria Petrowna mit leiser Verwunderung, aber ebenfalls missbilligend: Boheme! Während des Krieges brachte mein Großvater Ginsburg (Uhrmachersohn und schon fast Jurist – wegen der Revolution konnte er nicht zu Ende studieren, er arbeitete als Geschäftsführer eines Artels oder einer kleinen Fabrik) seiner Schwiegermutter oft Hirse zur Erhaltung des Leibes. Die Hirse nahm sie, doch Achtung gewährte sie ihm nicht: Schacher-Macher2! Sie hatte schließlich geistige Interessen und er nicht. Auch gesessen hat er nicht aufgrund eines verhängnisvollen politischen Paragraphen, sondern wegen eines Wirtschaftsvergehens.

Großvater Ginsburg wurde Anfang 1941 entlassen, kehrte aus dem Fernen Osten zurück und fand Arbeit in einem Bauunternehmen in Moskau. Zufällig kam Großvater Ulitzki etwa zur selben Zeit frei, und für ihn wurden die folgenden sieben Jahre zu den fruchtbarsten seines Lebens: Er beschäftigte sich mit der Demographie Russlands, schrieb ein Buch und promovierte. 1948 wurde er erneut verhaftet, wegen angeblicher Verbindungen zum internationalen Zionismus in Gestalt von Solomon Michoels, für den er irgendwelche Referate geschrieben hatte. Übermäßig Gebildete wurden aus dem Verkehr gezogen, ebenso wie in den vorhergehenden Jahren Überschüsse an Getreide beschlagnahmt worden waren. Mit wem Großvater Ulitzki diese glücklichen sieben Jahre zwischen den Haftstrafen verlebte, habe ich erst vor kurzem erfahren.

Die Familie Ginsburg – bis auf Großvater, der in der Beschaffungsabteilung eines Moskauer Bauprojekts arbeitete – war ab Juli 1941 in der Evakuierung im Ural, in Baschkirien. Großvater schickte der Familie Pakete.

Aus den Vorkriegsbriefen von Großvater Ulitzki weiß ich, dass er seinerseits zumindest bis 1936, bis sich Großmutter von ihm scheiden ließ, aus der Verbannung im Altai Lebensmittelpakete an seine Frau und seinen Sohn schickte. Er hatte damals drei Arbeitsstellen: als Klavierspieler im Kino, als Fremdsprachenlehrer und als Buchhalter einer Butterfabrik in Bijsk.

Ich wurde in Baschkirien geboren, im Dorf Dawlekanowo. Meine Großmutter Jelena Ginsburg hatte eine Ziege angeschafft, die tatarische Nachbarin brachte ihr das Melken bei. Die Nachbarin melkte geschickt und mühelos, Großmutter aber fürchtete immer, der Ziege Schmerzen zuzufügen. Großmutter hatte ihre Nähmaschine mit in die Evakuierung genommen – die alte Singer-Maschine steht noch heute bei mir. Damals nähte Großmutter für das ganze Dorf und verdiente damit ein Zubrot. Sie lebten alle in einer Hütte: die Vermieterin, Großmutter, meine Mutter Marianna, Mutters jüngerer Bruder Viktor und Tante Sonja. Großmutter Jelena und Sonja liebten einander wie Schwestern, aber sie waren keine Schwestern, sondern Tante und Nichte. Allerdings war die Nichte zwei Jahre älter als ihre Tante. Das kommt in patriarchalischen Familien vor, wenn die Töchter mit dem Kinderkriegen anfangen, während ihre Mütter selber noch fruchtbar sind. Sie waren mit zwei Brüdern verheiratet, mit Boris und Juli Ginsburg. Als der Ältere saß, unterstützte der Jüngere dessen Familie, und als der Jüngere an die Front ging, kümmerte sich der Ältere um dessen Frau. Sonjas Sohn meldete sich in den ersten Kriegstagen als Freiwilliger, und ihr Mann, Großvaters Bruder Juli, war ebenfalls an der Front. Er war nicht mehr jung und diente als Sanitäter in einem Feldlazarett. In Dawlekanowo lebte außerdem noch mein Urgroßvater mit seiner Thora.

Großmutter Jelena Ginsburg und Großvater Boris Ginsburg

noch vor ihrer Hochzeit 1916

Die Familie kehrte Ende 1943 nach Moskau zurück. Seitdem lebe ich hier. Meine Ginsburgs liegen alle auf dem Deutschen Friedhof. Auch Ulitzkis gibt es keine weiteren mehr. Sie sind entweder gestorben oder haben andere Namen angenommen. Ich bin die Letzte in unserer Familie. Der innerfamiliäre ideologische Konflikt zwischen den kleinbürgerlichen Ameisen, die sich nur um ihr täglich Brot kümmern, und den Boheme-Libellen mit den höheren Interessen ist vorbei. Ich glaube, die Versöhnung habe ich bewirkt, als eher rationale Vertreterin der Boheme.

Ljudmila Ulitzkaja mit ihren Eltern

Marianna Ulitzkaja und Jewgeni Ulitzki

Meine Söhne tragen den Namen ihres Vaters, wie es heute üblich ist. Meine Cousins haben alle den russischen Namen ihrer Mutter angenommen, wie es damals gang und gäbe war. Alle Männer unserer Familie haben russische Frauen geheiratet. So bin ich nun die letzte Jüdin in einer assimilierten Familie. Auch der nationale Konflikt endet also wohl mit mir.

1 Intellektuelle aus den unteren sozialen Schichten

2 abfällig: Geschäftemacher (hebr.-jidd.)

Das Ende der Kindheit

Lesen ist wie eine Explosion. Die Welt wird größer, füllt sich mit neuem Wissen. Es steckt im Bücherschrank im Flur, in der Wohnung meiner Vorfahren mütterlicherseits, der Ginsburgs. Das Ich formiert sich auch aus der Summe der gelesenen Bücher.

Der blaue Lermontow und der weiße Puschkin, der orange Shakespeare, Don Quijote mit dem bunten Schutzumschlag über der akademischen Strenge und die Zeitschrift Saduschewnoje slowo – heute scheint mir, als stammten alle Bücher meiner Kindheit aus diesem Schrank. Später gab es in meinem Leben noch viele andere Schränke, aus denen ich Bücher nahm.

Die gemischte kleine Bibliothek meiner anderen Großmutter, Maria Petrowna, passte auf ein kleines Regal. Diese Bücher bekam man in keiner Bibliothek: mehrere Bände Freud, Andrej Belys Kotik Letajew, Gedichte von Mandelstam, Achmatowa, Zwetajewa, Bücher der großartigen Philosophen Lew Schestow und Michail Gerschenson, Muratows Italienbilder. Ach ja! Und ihr geliebter Hamsun! Das alles las ich als Halbwüchsige. Auf demselben Regal standen auch zwei Bücher, die meinem Großvater Jakow gehörten: Materialismus und Empiriokritizismus des Genossen Lenin, vollgekritzelt mit Randbemerkungen wie »Haha! Er versteht Marx nicht! NB! Ungebildet!«, und Aufruhr der Engel von Anatole France, in einem selbstgefertigten Einband und mit einer Notiz auf der letzten Seite: »Diesen Einband habe ich in der schlimmsten Zeit meines Aufenthalts in der Zelle Nr. 7 in der Lubjanka aus einem Aktendeckel und alten Socken gemacht.« Dazu ein Datum: März 1948. Jakow las Anatole France und unterrichtete Französisch – das hat mir ein Zellengenosse aus jener Zeit erzählt, Ilja Schmain. Insgesamt hat Großvater Jakow sechzehn Jahre in Gefängnissen und Lagern gesessen.

Großvater hat Großmutter im Lesen geschult. In vielen Briefen aus der Verbannung geht es um ihre aktuelle Lektüre. Dies zum Beispiel antwortetete mein Großvater auf einen begeisterten Brief seiner Frau über den Roman Wie der Stahl gehärtet wurde:

»N. Ostrowski ist ein Wunder an Willen, an Selbstaufopferung, sagen wir – ein Genie der Bewältigung von Unglück. Das ist das Beste an diesem Buch. Und nur dadurch fesselt es den Leser … Aber man kann doch nicht übersehen, dass es literarisch dürftig ist, schülerhaft schwach, und stilistisch eine Mischung aus Geschmacklosigkeit und Unbildung. Hin und wieder blitzt bei ihm literarisches Talent auf, einige Episoden sind stark und gut geschrieben, aber das ist nicht sein Verdienst, es ist das Leben, das so reich ist an Episoden. Er muss noch viel lernen … Das Stärkste an dem Buch ist das Autobiographische. Sein zweiter, ausgedachter Roman wird schwächer sein. Aber wie soll jemand auch gut schreiben können, der keine Zeit zum Lernen hatte. Als ein ebensolcher Anfänger, der Bäcker Gorki, zu schreiben begann, hatte er sich bereits eine ganze Bibliothek einverleibt. Er war bereits büchersüchtig. Zum Schriftsteller wird jemand entweder durch das Leben + Bücher oder nur durch Bücher, aber nie nur durch das Leben allein, ohne Bücher. Letztere sind komische Käuze, die vielleicht das Leben bereichern, nie aber die Literatur.«

Um Bücher, um Gelesenes dreht sich die Hälfte ihrer Briefe.

Meinen Urgroßvater mütterlicherseits, den alten Ginsburg, der 1861 geboren wurde, habe ich vor allem mit einem Buch in der Hand in Erinnerung. Mit einem einzigen, immer demselben Buch – der Thora. Er saß mit seinem Magenkrebs und einem Buch in der Hand in seinem Sessel; kaum ein Geruch ist für mich aufregender als der nach Ledereinband und altem Papier. Als ich viele Jahre später anfing, die Bibel zu lesen, hatte ich das vage Gefühl, all die Geschichten darin bereits zu kennen – mein Urgroßvater hatte sie mir schon erzählt. Ja, die Juden sind nun mal ein Büchervolk. Wer nicht schreibt, liest zumindest.

Während Urgroßvater das Buch der Bücher las, verschlang ich wahllos alles, was ich im Schrank fand. Um meine Erziehung kümmerte sich niemand besonders, so dass ich den Bücherschrank als meinen wichtigsten Erzieher betrachte.

Als ich herangewachsen war, erkannte ich, dass es ein ganzes Heer von Menschen gibt, die sich durch Lesen der Wirklichkeit entziehen. Der Mythos vom Leseland Russland, so denke ich heute, beruhte wohl auf diesen Menschen. Und es gab eine Literatur, die das von Falschheit, Grausamkeit und armseliger Ideologie durchdrungene Leben zu ersetzen vermochte: die große russische Literatur.

Lesen verlangt, genau wie Sex in seiner am meisten verbreiteten Form, nach zwei Partnern – dem Autor und dem Leser. Diese beiden brauchen einander. Jedes Mal, wenn wir zu einem Buch greifen, stellen wir uns auf neue süße, zuweilen auch schmerzliche Gefühle ein, und wenn wir sie nicht finden, legen wir das Buch enttäuscht beiseite. Durch das Lesen wachsen wir, wachsen mit der Zeit heran an das Beste, das sich mit Hilfe des Alphabets ausdrücken lässt.

Beim Lesen der Gabe von Vladimir Nabokov

Das unglaubliche Tempo der heutigen Welt, die enorme Beschleunigung lässt eine andere Physik vermuten als die, von der wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts wissen. Mit schwindelerregender, das Auge überfordernder Geschwindigkeit weiten sich alle Grenzen aus, auch die Grenzen des Bewusstseins.

Wo ist das langsame Werden geblieben – Regen, der sich lange sammelt, ein Frauenarm mit einem Grübchen am Ellbogen, der endlos Erdbeermus schlägt, Drüsen, die zwei Wochen lang geschwollen sind?

Vorbei ist die gemächliche russische Zeit. Auf Knopfdruck beregnet eine Sprühmaschine blitzschnell den Asphalt, ein Mixer schlägt in dreißig Sekunden Erdbeerpulver, künstliches Eiweiß von bester Qualität und Zuckerersatz zu einem kalorienfreien Cocktail, und geschwollene Drüsen geben nach einer Antibiotikum-Spritze sofort Ruhe.

Sämtliche menschlichen Probleme von Geburt bis Tod werden von Business-Managern effektiver gelöst als von zweifelhaften höheren Mächten – Parzen, Moiren, Erzengeln oder selbst der Jungfrau Maria, die oft um Hilfe bei technischen Fragen angerufen wird, mit denen sie rein gar nichts zu tun hat.

Im 20. Jahrhundert wurden tausendmal mehr wissenschaftliche Entdeckungen gemacht als im Jahrhundert davor. Die Informationsfülle, die die Menschheit angesammelt hat, kann selbst der genialste Kopf nicht mehr fassen.

Aber vergessen wir die Information – was geschieht mit der Sprache? Computervolapük: LOL, ROFL, AdAsdS …

Die Sprache erschafft die Welt, die Sprache beschreibt sie. Wir wissen, was wir mit Hilfe der Sprache ausdrücken können. Der Rest sind bedeutsame, aber – leider! – animalische Laute.

Der Fülle dessen, was mit der Sprache ausgedrückt werden kann und wird, ist riesig. Aber nicht endlos. Die Sprachen als Phänomen – oder als Wesen? – haben bessere und schlechtere Zeiten erlebt: Sie blühten auf, welkten und starben mitunter auch aus, wie Latein oder Altgriechisch.

In der russischen Literatur ereignete sich im vorigen Jahrhundert ein Wunder namens Vladimir Nabokov. Der Schriftsteller und Emigrant, der als junger Mann Russland verließ, hat im Alleingang einen Durchbruch in der russischen Sprache erreicht, wie er vor ihm allenfalls Puschkin gelang. Die russische Literatur hat viele Genies mit einer jeweils ganz eigenen gedanklichen und sprachlichen Welt hervorgebracht, Nabokov aber schuf zweifellos eine neue russische Literatur und bewirkte damit einen Umbruch, der den russischen Leser teilweise sogar schockierte: Mit beinahe alchemistischer Meisterschaft hat er unsere Literatur vom Beigeschmack krankhafter Religiosität, grundlosen Messianismus, leicht hysterischen sozialen Engagements und ewiger, mit Belehrungen gemischter Schuldgefühle befreit und eine nahezu kristallklare, ungetrübte »hohe« Literatur mit einer ganz unrussischen Distanz des Autors zu seinem Text geschaffen. Proklamationen der Liebe zum russischen Volk interessieren ihn nicht. Aber niemand brachte das russische Wort besser zum absoluten Klingen, zu kristallener Klarheit, zu einmaliger Verschmelzung von Sinn und Klang als er.

Was ist die grundlegende Eigenschaft eines literarischen Genies? Die Fähigkeit, die Grenzen des sprachlich Ausdrückbaren zu erweitern. Vor Nabokov war eine ganze Reihe von Phänomenen, Empfindungen und Details nie ausgesprochen worden. Nabokov fand neue Kombinationen alter Worte, die die Welt erweiterten. Das wirkte sich nicht nur auf die Sprache selbst aus, sondern auch auf die Menschen, ihre Erkenntnis des eigenen Ich und ihrer Umwelt.

Zu den vielen Arten, die Welt zu erkennen – sinnlich, intellektuell, wissenschaftlich, künstlerisch –, gehört auch die Sprache. Wie weit die Menschheit sich auch entfernen mag von ihren archaischen, mythologischen Wurzeln – die magische Formel »Am Anfang war das Wort« bleibt gültig. Und das Wort ist nach wie vor lebendig, es vibriert, wächst, entsteht und vergeht vor unseren Augen und zeigt mitunter ganz neue Facetten.

Vladimir Nabokovs Roman Die Gabe berührt eines der ältesten, homerischen Themen: Vertreibung und Heimkehr. Das holde Ithaka, zu dem es Odysseus zieht, entspricht dem holden Russland, nach dem sich Nabokovs Protagonist sehnt. Odysseus war kein Vertriebener, obgleich die Menschheit schon im Altertum Verbrecher mit Vertreibung bestrafte, alternativ zur einzigen ansonsten bekannten Strafe, der Hinrichtung.

Im 20. Jahrhundert wurde die Vertreibung zum Schicksal von Millionen Menschen, nicht nur von Russen, sondern auch von Chinesen, Tibetern, Juden, Deutschen, Tataren … Der Vertriebene Nabokov kehrte nicht in seine Heimat zurück, und das war auch unmöglich: Die Heimat, die er besang, war ausradiert. Doch er trug das ganze verlorene vorrevolutionäre Russland in seinem Herzen. Aus seiner Erinnerung ließ er das verschwundene Land wiederauferstehen, die glückliche Kindheit eines mit der Liebe seiner Eltern gesegneten und von Natur aus mit vielen Talenten beschenkten Jungen. Nur eine Muse blieb ihm vorenthalten: Er war nicht musikalisch. Seine Ohren waren taub für die Musik, aber seine wunderbare raffinierte Prosa war voll davon. In welch reichen musikalischen Nuancen schillert seine sinfonische Prosa, in der alle Stimmen der Welt erklingen: Regen und Licht, Bäume, Dackel und Libellen … Jeder Tropfen Nabokov’scher Prosa enthält eine enorme Konzentration von Zärtlichkeit, Liebe und Sehnsucht. Das Salz des Lebens, sein Blut und seinen Atem.

Doch zurück zum Thema Vertreibung. Die internationale Literaturkritik spricht einem anderen, von Vladimir Nabokov sehr verehrten Autor den Vorrang bei der Verarbeitung dieses Themas im 20. Jahrhundert zu: James Joyce mit seinem Roman Ulysses. Nabokov hat diesen Roman gründlich studiert.

Unter den zahlreichen Aufsätzen darüber habe ich keinen einzigen gefunden, der Ulysses mit Nabokovs Gabe verglichen hätte. Eine gewisse innere Parallelität der beiden Romane erschließt sich gewiss nicht auf den ersten Blick. Doch etwas anderes ist wesentlich – die Biographie der beiden großen Schriftsteller, denn diese verborgene Strömung hebt die Gedanken und Gefühle der Autoren aus dem Dunkel des Unausgesprochenen in die Realität der Literatur.

Die Handlung von Ulysses spielt am 16. Juni 1904, dem Tag, an dem James Joyce seine spätere Frau Nora Barnacle kennenlernte. Im selben Jahr verkündete er, ins Exil gehen zu wollen. Er verließ Irland, das ihn im Grunde nicht vertrieb, denn es nahm ihn gar nicht zur Kenntnis.

Die Handlung von Nabokovs Gabe spielt 1923 in Berlin, in dem Jahr, in dem der Vertriebene (Nabokovs Familie war aus einem Land emigriert, das in jenen Jahren blutig und vehement mit Aristokraten, Gutsherren und einfach nur wohlhabenden Menschen jeglicher Herkunft abrechnete) seine spätere Frau Véra Slonim kennenlernte.

Die Emigration der Nabokovs war kein Spaß; der junge Nabokov floh vor dem beinahe sicheren Tod aus Russland zunächst nach England, dann nach Deutschland, aus Deutschland nach Frankreich und aus Frankreich – wegen der realen Gefahr der Vernichtung im faschistisch besetzten Europa – in die Vereinigten Staaten.

Joyce’ Emigration war also verglichen mit der realen Lebensgefahr, der Nabokov und seine Familie ausgesetzt waren, eher spielerisch. Natürlich wurde Joyce in Irland lange Zeit nicht gedruckt, aber acht Jahre nach seiner freiwilligen Emigration kehrte er in die Heimat zurück, wo sein Buch Dubliners erscheinen sollte. Es war eine unglückliche Heimkehr – die Druckfahnen des Buches wurden vernichtet, und Joyce kehrte ungehindert nach Europa zurück.

Nabokov beschreibt die Rückkehr seines Protagonisten in die Heimat in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder. Sie ist lebensgefährlich. Traum, Albtraum, Heimsuchung und zugleich sehnlichster und unerfüllbarer Wunsch.

In manchen Nächten geh ich schlafen

und mein Bett trägt mich nach Russland,

und dann führt man mich zur Schlucht hin,

hin zur Schlucht, um mich zu töten.

Das ist die Eigenschaft der großen russischen Literatur, die sich am schwersten beschreiben lässt: Sie ist immer ernst gemeint. Selbst bei einem so spielerisch veranlagten Menschen wie Nabokov schöpft sie ihr Material aus tödlicher Tiefe. Darin liegt ihre Größe.

Nabokovs Arbeit mit dem Wort ging weit über die Grenzen künstlerischer Spielerei hinaus. Und gerade der Roman Die Gabe hat der Welt, zumindest der russischsprachigen, eine erstaunliche Erweiterung der Möglichkeiten der Sprache offenbart. Aber das liegt nicht allein an der Sprache: Seit Urzeiten erforscht der Mensch seine Beziehung zur Welt der Natur, als deren Teil er sich zeitweise betrachtet, um es dann zeitweise wieder zu vergessen. Die Wissenschaftseuphorie des 19. Jahrhunderts führte zu der Illusion, die Welt würde sich bald ganz dem schöpferischen Willen des Menschen unterordnen und eine neue Ära der Herrschaft des Menschen über die Materie würde anbrechen. Wissenschaftliche und künstlerische Erforschung der Welt standen in einem gewissen Widerspruch zueinander.

Vladimir Nabokov, der Wissenschaftler und Schriftsteller, war ein »zweiflügeliges« Wesen: Er beherrschte beide Instrumente perfekt, und darin lag seine Einzigartigkeit. Er erforschte die Natur liebevoll und uneigennützig, mit aller in seinem Beruf möglichen Exaktheit, und diese Exaktheit übertrug er auch auf die Literatur. Darin lag im Grunde die umwerfende Innovation des Schriftstellers Nabokov.

Lange Jahre befasste sich Nabokov mit einem der unnützesten Teilgebiete der Lepidopterologie, nämlich mit seltenen, für die Umwelt gänzlich unerheblichen Schmetterlingen. Nabokov machte keinerlei agrarwissenschaftliche, pharmakologische oder sonstige praktische Entdeckungen. Genau wie sein Vater, der Naturforscher und Politiker, betrachtete er die angewandte Entomologie voller Abscheu und verachtete den »Feldzug gegen die Heuschrecken oder den Klassenkampf gegen Gemüseschädlinge«. Deshalb galt er als Snob. Nabokov hat zwanzig Schmetterlingsarten entdeckt, beschrieben und gezeichnet und eine wunderbare Sammlung aus Hunderten Exemplaren geschaffen.

Was das mit dem Roman Die Gabe zu tun hat? Es gibt einen ganz unmittelbaren und zugleich rätselhaften Zusammenhang. 1938 plante der Verlag Petropolis eine Neuauflage des Romans Die Gabe mit zwei auf Nabokovs Wunsch beigefügten Anhängen: Der erste Anhang sollte die Erzählung Der Kreis und einen Essay des Protagonisten der Gabe Fjodor Godunow-Tscherdynzew über die wissenschaftlichen Arbeiten seines Vaters umfassen. Der zweite Anhang, Vaters Schmetterlinge, war eine hochinteressante Abhandlung zur Philosophie der Naturkunde, deren Originalität, Schärfe und gedankliche Tiefe bis heute beeindruckt. Und die bis heute gänzlich unbeachtet geblieben ist.

Dieser bemerkenswerte Essay, eine Selbstbeschreibung des Autors, zeigt die Parallelität von künstlerischer und wissenschaftlicher Weltsicht bei Nabokov. Er erinnert sich, wie ihm seine Mutter, als er von einer seiner langwierigen Kinderkrankheiten genas, den gerade erschienenen ersten Band Schuppenflügler des Russischen Reichs brachte. »Die Kostbarkeit des dunkelblauen Buches, das ich eifrig und vorsichtig aus der Pappe nahm, wurde für mich zur Offenbarung der Schönheit und Poesie der Erkenntnis.« (Hervorhebung L.U.)

Diese treffende Formulierung des Kerns seiner Entdeckung bekräftigte Nabokov in einem seiner letzten Interviews: »Natur, Wissenschaft und Kunst verschmelzen zu einem Ganzen«, sagte er darin. Und fügte hinzu: »Aber die Kunst ist das Primäre.«

Nabokovs letzter, unvollendeter Roman, um dessen Vernichtung er gebeten hatte, ist gegen den Willen des Autors erschienen, die von Nabokov geplante wichtige Ausgabe der Gabe mit den Ergänzungen liegt bis heute nicht vor. Ihre Zeit ist noch nicht gekommen.

Der Roman Die Gabe ist – trotz der großen positiven Resonanz darauf – noch in einer weiteren Hinsicht bislang nicht gewürdigt worden: Diesen russischen Roman hat ein Mann geschrieben, der von sich sagte: »Mein Kopf spricht Englisch, mein Herz Russisch, und mein Ohr bevorzugt das Französische.« Nabokov ist vielleicht ein Prototyp des Menschen der Zukunft, der die Metaphysik nicht nur einer, sondern gleich dreier Sprachen in sich trägt, die er perfekt beherrscht. Das ist bereits in der Gabe deutlich erkennbar und wurde in den folgenden Romanen erweitert und vervollkommnet.

Nabokov hatte keine Anhänger und Schüler, nur eine Vielzahl wenig erfolgreicher Nachahmer. Der einzige heutige Schriftsteller, der einen ähnlichen Weg geht, ist vermutlich Umberto Eco, der, wenngleich in etwas anderen Proportionen, ebenfalls die Begabung des Wissenschaftlers und die des Künstlers in sich trägt.

Vladimir Nabokov, der Aristokrat und Sportler, stellte sich allen Herausforderungen des Lebens mit großer Würde und mit Humor: Ein ganzer Chor aus verärgerten Zeitgenossen, Emigranten aller Wellen und Vertriebenen aller politischen Regimes warf ihm Arroganz, Snobismus, Kälte und andere Sünden vor. All diese vielfältigen Vorwürfe haben vermutlich eine einzige Ursache: Die Größe seiner Persönlichkeit war eine Beleidigung für die Spießer, und die Größe seiner Begabung als Schriftsteller war eine Beleidigung für die Mittelmäßigen.

Nabokov hatte wie kein Zweiter ein Gefühl für die Komik des Lebens, für die kleinen Scherze der Dinge, für die Grimassen dünkelhafter Dummheit und die Niederlagen patentierter Weisheit. Auch mit ihm, dem Liebling des Schicksals, hat das Leben oft Schabernack getrieben.

Vor zwei Jahren war ich in Montreux. Die letzte Zuflucht der Familie Nabokov war genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Schweizer Luxus ohne Phantasie, solide, aber schon ein wenig schäbig. Für 450 Euro konnte man in dem Appartement übernachten, das Nabokov einst bewohnt hatte. Allerdings haben die Besitzer die kleine Wohnung im oberen Stockwerk längst umgebaut und mehrere daraus gemacht. Unten, auf der Wiese zwischen Hotel und See, befindet sich ein Skulpturenpark: Bronzene Jazzmusiker blasen in ihre Instrumente und malträtieren ihre Gitarren und beleidigen damit die bronzenen Ohren des in einem bronzenen Sessel sitzenden Herrn Nabokov im vornehmen Dreiteiler – das Werk eines Kunsthandwerkers aus Russland.

Nabokov, der Autor zahlreicher literarischer Scharaden und Bilderrätsel, ein Großmeister des Streichs und ein Genie des Zufalls, lächelt jetzt vom Ufer der Lethe – die in seinem Fall wahrscheinlich den Namen des nordrussischen Flüsschens Oredesh trägt – über diesen simplen, aber geistreichen Scherz der Vorsehung, die ihn in eine Voliere mit dem Jazz sperrte, auf den er zu Lebzeiten mit Langeweile, Unverständnis und Verärgerung reagierte.

Und erst Nabokovs lebenslange Feindseligkeit gegen den »Wiener Schamanen«! Wie viel Sarkasmus, vernichtende Verachtung und Spötteleien erntete der Vater und Begründer der Psychoanalyse von dem scharfsinnigen Schriftsteller! Ein anderer an Sigmund Freuds Stelle hätte sich umgebracht! Doch der friedfertige Freud versuchte nicht einmal, sich zu verteidigen – vermutlich war ihm sogar der Name seines Beleidigers unbekannt. Die Jahre vergingen, und zahlreiche Anhänger des Psychoanalytikers studierten Nabokovs Romane und Erzählungen und fanden darin viele Musterbeispiele für Freuds Ideen. Die schreckliche Rache ist nicht ohne Witz: Die Geschichte von Humbert Humbert mit seiner Liebe zu Kindern könnte auch in einem Lehrbuch der Psychoanalyse stehen!

Und noch ein Detail dieser Art: 1972 wurde Vladimir Nabokov für den Nobelpreis vorgeschlagen. Das Empfehlungsschreiben stammte vom russischen Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn. Wahrhaftig »Gesang und Prosa, Eis und Gluten«.

Alles, was der eine verachtete – Patriotismus, Orthodoxie und Volkstümlichkeit in ihrer simplen Form –, vertrat der andere. Der Nobelpreisträger schrieb sogar einen gönnerhaft-tadelnden Brief an Nabokov, in dem er den Autor zwar lobte, ihn aber zugleich sanft rügte, dass er sein »großes Talent nicht in den Dienst unseres bitteren, unglücklichen Schicksals, unserer verzerrten und verheimlichten Geschichte« stelle.

Nabokov, der mit der englischen Kinderliteratur, der ersten und besten der Welt, lesen gelernt und Lewis Carrolls Alice im Wunderland ins Russische übersetzt hat (offen gestanden nicht sonderlich gut), Nabokov hat bestimmt seine Freude an all diesen herrlichen und verschmitzten Scherzen, die im Raum schweben und einem großen, wenngleich nicht nobelpreisgekrönten russischen Schriftsteller gelten. Aber auch Lew Tolstoi hat ja den Nobelpreis nicht bekommen.

Der Mensch und seine Verbindungen

Dieses Thema muss ich aufspüren wie ein Jäger seine Beute. Und wenn klar ist, wo sie sich verbergen könnte, das Jagdrevier mit Fähnchen markieren, damit die Beute nicht entwischt.

Die Beute ist womöglich eine Metapher. Eine Metapher im Stil von Jonathan Swift: Der schlafende Riese Gulliver ist mit tausend Fäden an eine Plattform gefesselt, die ins Ungewisse treibt. Über diese Fäden möchte ich gern nachdenken und reden. Übrigens sind sie verwandt mit den Fäden, die mythologische Schwestern zu Mustern aus Geburten, Toden und anderen Schicksalswendungen weben.

Das entstehende Geflecht ist unendlich: Manche Fäden reißen, andere werden eingewoben, doch in diesem mobilen Kontinuum ist jeder Faden mit den anderen verbunden. Betrachtet man einen einzelnen Punkt in dieser verworrenen Teppichstruktur, sieht man, dass seine Bewegung von der aller anderen abhängt, und zugleich scheint jeder Punkt ganz eigenständig zu existieren, das zumindest meint der aufmerksame Beobachter, der sich kurzzeitig von sich selbst löst und versucht, das Bild aus der Vogelperspektive zu betrachten.

Was sind das für Fäden? Was für Verflechtungen? Selbstredend gibt es darauf keine klare, eindeutige und befriedigende Antwort. Wir können nur staunen, bewundern, erschrecken und uns freuen, wenn es gelingt, wenigstens einige Fragmente dieses lebendigen Gewebes zu erfassen.

Erste Annäherung: Der Mensch als Phänomen der Natur. Wohl das einzige Wesen, das sich seiner Zugehörigkeit zur Natur bewusst ist und sich selbst unter verschiedenen Bedingungen erforschen kann. Forschungsobjekt und -instrument zugleich – darin liegt die Einzigartigkeit des Menschen in dem uns bekannten Universum. Der Mensch, ein Abkömmling der Erde, ist durch zahlreiche Fäden nicht nur mit dieser, sondern auch mit dem Himmel verbunden. Für viele Menschen auf der Erde ist der Himmel der Ort einer höheren Macht, für manche ist er eine astrologische Karte mit Tierkreiszeichen und Gestirnen, die das Schicksal des Einzelnen bestimmen, andere interessieren sich vor allem für die Luftfeuchtigkeit, die Windrichtung und den Ozongehalt zwanzig Kilometer über sich, wieder andere legen den Kopf in den Nacken, schauen ins Blau des Himmels und genießen dessen imaginäre Ruhe.

Ähnlich ist es mit der Erde: Sie wurde zur Gottheit erhoben, ihrer Fruchtbarkeit wegen verehrt, beackert und gegossen, sie wurde geschunden, geliebt und gehasst, mit Pulver und dem eigenen Blut getränkt, in ihr wurden Schätze und die Spuren von Verbrechen vergraben. Auf ihr wurde geboren und in ihr wurde begraben, sie nahm die Überreste auf, die Weichteile und Gebeine.

Aus der Erde wachsen Pflanzen. Und wieder entfaltet sich ein ganzer Fächer von Beziehungen zwischen dem Menschen und den grünen Kindern der Erde – von der Anbetung bis zur Vernichtung. Die Verflechtungen sind vielfältig: Der Mensch pflegt einen Baum, bewundert ihn, isst seine Frucht, legt seinen Samen in die Erde, verbrennt sein Holz, um seinen sterblichen Körper zu wärmen … Im Qigong nimmt der Mensch die Baumpose ein, wird zum Baum und schöpft aus diesem Zustand tiefgründige Erkenntnisse. Der Mensch rodet einen Wald und baut auf dessen Grab einen zwanzigspurigen Highway. Und das grüne Blatt tut weiter, was niemand sonst auf der Welt kann: Es verwandelt Sonnenenergie in lebendige organische Masse. Das ist der wahre ursprüngliche göttliche Lehm. Ohne Pflanzen gäbe es keine Tiere.