Die neue Praxis Dr. Norden Staffel 1 – Arztserie - Carmen von Lindenau - E-Book

Die neue Praxis Dr. Norden Staffel 1 – Arztserie E-Book

Carmen von Lindenau

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Beschreibung

Auf einer Brücke stehen einige Leute und gaffen und filmen. Ophelia entdeckt eine ohnmächtige Frau am Isarufer, die offenbar von der Brücke gesprungen oder gestürzt ist. Ohne zu zögern ruft sie Dr. Danny Norden zu Hilfe, der sich wenige Minuten später um die Ohnmächtige kümmert. Sie kommt schnell wieder zu sich, hat offenbar keine ernsten Verletzungen und gibt an, dass sie glaubt, von der Brücke gefallen zu sein. Sie widerspricht den Zeugen, die behaupten, sie wäre gesprungen. Ines muss drei Tage zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Dr. Danny Norden lernt Ines' Mann Werner kennen, der über Probleme mit Ines klagt. Ihre Depressionen, Vergesslichkeit und schlechte Laune machen ihm so schwer zu schaffen, dass er eine Auszeit von seiner Ehe nehmen will. Danny Norden und seine Freundin, die Psychologin Olivia, kommen zu dem Schluss, dass Ines – vielleicht auch Werner – psychologische Hilfe braucht. Kann Olivia Licht ins Dunkel bringen? Die neue Praxis Dr. Norden So war es nicht geplant, doch Dr. Danny Norden betrachtet es als Chance. Äußere Umstände zwingen ihn zu einem Neustart. Und diesen nimmt Danny tatkräftig in Angriff, auch, wenn er mit Abschied, Trennung, Wehmut verbunden ist. Dr. Danny Norden praktiziert jetzt in seiner neuen, modernen, bestens ausgestatteten Praxis. Mit Kompetenz, Feingefühl und Empathie geht er auf seine Patienten zu und schafft ein Klima, das die Genesung fördert: eben Dr. Danny Norden, wie er leibt und lebt, und er wird immer besser! In dieser Staffel enthalten: E-Book 1: Noch einmal von vorn E-Book 2: Der unheimliche Patient E-Book 3: Geht es auch ohne Medikamte? E-Book 4: Liebeskummer muss nicht sein E-Book 5: Verschiedene Welten E-Book 6: Der anonyme Lebensretter E-Book 7: Ich will stark sein für dich! E-Book 8: Diagnose Liebeskummer E-Book 9: Warum bist du gesprungen? E-Book 10: Zwei Patienten - eine Diagnose

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Seitenzahl: 1149

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Inhalt

E-Book 1-10

Noch einmal von vorn

Der unheimliche Patient

Geht es auch ohne Medikamente?

Liebeskummer muss nicht sein

Verschiedene Welten

Der anonyme Lebensretter

Ich will stark sein für dich!

Diagnose Liebeskummer

Warum bist du gesprungen?

Zwei Patienten – eine Diagnose

Die neue Praxis Dr. Norden – Staffel 1 –

E-Book 1-10

Carmen von Lindenau

Noch einmal von vorn

Dr. Danny Norden startet durch

Noch hatte der Wecker nicht geläutet. Danny musste erst in ein paar Minuten aufstehen. Er träumte gerade von der Floßfahrt auf der Isar, die er am Tag zuvor mit Freunden unternommen hatte, als er plötzlich ein lautes Brummen wahrnahm, das er zunächst in seinen Traum einbaute, bis ihn etwas Haariges an seinem Gesicht berührte und er erschrocken hochfuhr.

»Guten Morgen, Doc, nichts passiert.«

»Wer bist du, und wie bist du hier hereingekommen?« Danny setzte sich sofort auf, als er das Mädchen am Fußende seines Bettes stehen sah, das soeben mit ihm gesprochen hatte. Es hatte langes rotes Haar, trug ein moosgrünes Kleid zu schwarzen Leggins und war höchstens dreizehn oder vierzehn Jahre alt.

»Ich bin Ophelia, Ophelia Mai, ich wohne seit einer Woche im Haus nebenan, schön, dass wir uns endlich kennenlernen.« Sie kam um das Bett herum, setzte sich auf die Bettkante und reichte ihm die Hand. »Hereingekommen bin ich über den Balkon. Die Tür stand offen, und das Rankgitter an der Hauswand ist eine perfekte Aufstiegshilfe. Die allerdings auch von einem Einbrecher genutzt werden könnte. Nur mal so als kleiner Hinweis.«

»Danke, ich werde darüber nachdenken, es zu entfernen.«

»Warum gleich so radikal? Sie könnten auch dornige Rosen daran hochziehen. Das verhindert das Klettern und verschönert die Hauswand. Das Zimmer ist noch ein bisschen kahl, finden Sie nicht?« Ophelia ließ ihren Blick durch den großen Raum mit den schneeweiß gestrichenen Wänden gleiten.

Die Einrichtung beschränkte sich auf das blaue Boxspringbett, einen weißen Kleiderschrank und eine Fächerpalme im blauen Porzellankübel.

»Mag sein, dass noch etwas fehlt, aber findest du es nicht ein wenig unpassend, einen fremden Mann am frühen Morgen in seinem Schlafzimmer aufzusuchen?«, fragte Danny, der seine Beine angezogen hatte und darauf achtete, dass die Bettdecke nicht verrutschte.

»Darin sehe ich in diesem Fall kein Problem. Ich habe bisher nur Gutes über Sie gehört, Doc«, antwortete sie mit einem aufrichtigen Lächeln.

»Du weißt aber schon, dass man nicht alles glauben darf, was man so hört.«

»Die Informationen über Sie erschienen mir zuverlässig. Aber gut, überprüfen wir sie. Ich sage Ihnen, was ich über Sie gehört habe, und Sie sagen mir, ob es stimmt«, schlug Ophelia vor.

»Meinetwegen, was hast du gehört?«, fragte Danny.

»Es heißt, dass Sie dieses Haus von Fanny Moosinger geerbt haben, einer alten Dame, die vor Kurzem gestorben ist. Sie hatte keine Kinder und auch sonst keine Verwandten. Sie hat Sie als Erben bestimmt, weil Sie ihr vor fünf Jahren das Leben gerettet haben. Richtig oder falsch?«

»Ich habe ihr geholfen, als sie in Not war.«

»Also, richtig. Sie waren damals in demselben Restaurant wie Fanny zum Abendessen, als die arme Frau einen allergischen Schock erlitt. Sie drohte zu ersticken, was Sie mit einem Luftröhrenschnitt verhindert haben. Richtig oder falsch?«

»Richtig.«

»Fanny war derart von Ihnen beeindruckt, dass sie Sie in den letzten Jahren jedes Mal an diesem Tag ihrer Rettung, ihrem zweiten Geburtstag, wie sie sagte, in dieses Restaurant zum Essen einlud. Richtig oder falsch?«

»Richtig.«

»Ich habe auch gehört, dass dies schon ihre zweite Praxis ist. Die erste haben Sie aufgegeben, weil sie nach einer großen Enttäuschung einen Neuanfang brauchten. Richtig oder falsch?«

»Richtig, aber jetzt habe ich genug gehört.« Danny hatte keine Lust, an eine Zeit erinnert zu werden, die er vergessen wollte.

»Meine Mutter sagt, dass es sogar oft vorkommt, dass jemand seine Jugendliebe wiedersieht und sich aus seinem aktuellen Leben verabschiedet. Der einzig richtige Weg für den, der zurückbleibt, ist der komplette Neuanfang. Sie haben also erst einmal alles richtig gemacht. Meine Mutter würde Ihnen raten, das Neue größer als das Alte zu gestalten, dann werden Sie den Schmerz besiegen. Meine Mutter ist Psychologin. Sie kennt sich mit diesen Dingen aus.«

»Sicher tut sie das. Danke für die nützlichen Gartentipps und die Lebensberatung. Mich interessiert aber trotzdem der Grund, warum du in mein Schlafzimmer eingestiegen bist. Was ist das?!« Er sprang entsetzt aus dem Bett, als er in diesem Moment etwas Großes, Pelziges an seinen Beinen spürte.

»Da haben Sie Ihre Antwort. Das ist der Grund, warum ich hier bin«, entgegnete Ophelia kichernd, als eine rotgetigerte Katze unter der Bettdecke hervorkroch. »Das ist Ortrud. Sie fühlt sich von offenen Fenstern und Balkontüren magisch angezogen. Ich habe gesehen, wie sie über Ihren Balkon geklettert ist, und bin ihr gefolgt, damit sie bei Ihnen keinen Schaden anrichtet.«

Das war also das haarige Etwas, das ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Dieses Brummen, das er wahrgenommen hatte, war vermutlich das Schnurren der Katze gewesen. »Du hättest einfach an der Haustür klingeln können«, sagte er.

»Stimmt, aber so bleibt unsere erste Begegnung unvergesslich. Richtig oder falsch?«, fragte Ophelia und nahm Ortrud auf ihre Arme.

»An Selbstbewusstsein mangelt es dir offensichtlich nicht«, stellte Danny schmunzelnd fest.

»Richtig«, antwortete Ophelia. »Sie sehen übrigens wirklich gut aus, Doc«, sagte sie und richtete ihren Blick auf Danny, der mit verwuscheltem Haar und nacktem Oberkörper, nur mit einer weinroten langen Schlafhose bekleidet, vor ihr stand.

»Willst du mich in Verlegenheit bringen?«

»Aber nein, Doc, ich habe nur eine objektive Beobachtung in Worte gefasst. Bleiben Sie locker.«

»Ich gebe mir Mühe«, sagte Danny, und auf einmal mussten sie beide laut auflachen.

»Sehen Sie, jetzt haben wir uns beide locker gemacht. Wir werden gute Nachbarn werden, Doc, da bin ich absolut sicher. Wir sehen uns«, verabschiedete sich Ophelia, als Dannys Wecker läutete. »Einen schönen Tag noch.«

»Danke, dir auch, und nimm dieses Mal die Haustür«, bat er sie.

»Geht klar, Doc«, sagte das Mädchen und verließ mit Ortrud auf den Armen das Schlafzimmer.

Sie sehen sich ähnlich, dachte Danny. Ortrud hatte nicht nur rötliches Fell, sie hatte auch blaue Augen genau wie Ophelia, was ihm auf einmal derart merkwürdig vorkam, dass er die Möglichkeit in Betracht zog, dass er noch gar nicht wach war, sondern noch immer träumte.

Aber dann hörte er die Haustür klappern, und ein Blick hinunter in den Garten zeigte ihm, dass er nicht träumte. Ophelia und Ortrud, die durch eine Lücke in der Hecke auf das Nachbargrundstück huschten, waren Wirklichkeit. Ich werde mir die Hecke mal genauer ansehen müssen, dachte er, bevor er sich vom Fenster abwandte und ins Badezimmer ging.

*

Als er eine Viertelstunde später in weißer Jeans und weißem Poloshirt durch das helle Treppenhaus mit der knarrenden Holztreppe und dem Parkettboden in die Küche hinunterging, zog der Duft nach frischem Kaffee durch das Haus. Valentina war inzwischen eingetroffen. Sie stand in einer rotweiß gestreiften Schürze in der Küche und nahm die Pfanne mit den Rühreiern, die sie für Danny zubereitet hatte, vom Herd.

Danny fand noch immer, dass es eine gute Idee gewesen war, die Trennwand zwischen der ursprünglich recht kleinen Küche und dem größeren Esszimmer herauszunehmen. Er hatte nun einen lichtdurchfluteten Raum mit zwei großen Fenstern. Der restaurierte blaue Kachelofen war der Blickfang in diesem Zimmer mit den Küchenmöbeln aus weißem Holz und dem Esstisch mit den hellen Lederstühlen.

»Mei, Herr Doktor, Sie haben mich erschreckt!«, rief Valentina und fuhr überrascht herum.

»Das tut mir leid. Ist etwas mit Ihnen?«, fragte er, weil sie auf einmal ganz blass wurde. Bisher hatte er nicht den Eindruck gehabt, dass Valentina besonders schreckhaft war.

»Ich bin noch ein bissel durcheinander, wegen dieses Sportwagens, der mich beinahe überfahren hat.«

»Was genau ist passiert?«, hakte Danny nach und schaute ihr zu, wie sie das Bastkörbchen mit den knusprigen Brötchen, die sie auf dem Weg zu ihm beim Bäcker geholt hatte, auf den Tisch stellte.

»Mei, ich dacht wirklich, das war’s für mich. Ich komm aus dem Bäckerladen, will wie jeden Morgen die Straße überqueren, weit und breit ist auch kein Auto zu sehen, aber dann auf einmal, ich bin schon in der Mitte der Straße, da schießt so ein schwarzer Sportwagen mit heulendem Motor um die Ecke und rast direkt auf mich zu. Ich konnt gerad noch auf den Bürgersteig zurückspringen«, erzählte Valentina mit zitternder Stimme.

»Haben Sie sich etwas getan?«, fragte Danny besorgt.

»Glücklicherweise nicht, ich konnt sogar die Brötchentüte festhalten, die ich im Arm hielt. Eigentlich müssten Sie diesen Sportwagen gehört haben, er kam ja hier aus der Straße herausgeschossen.«

»Bewusst wahrgenommen habe ich ihn nicht, ich hatte allerdings auch Besuch«, antwortete er schmunzelnd und setzte sich an den Tisch.

»Geh, wer war denn da?«, hakte Valentina nach. Sie schob die Brille mit den dünnumrahmten Gläsern in ihr kurzes weißblondes Haar, bevor sie Danny den Teller mit den Rühreiern servierte.

»Zwei junge Damen aus der Nachbarschaft. Obwohl, wie alt diejenige ist, die es sich unter meiner Bettdecke gemütlich gemacht hatte, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht.«

»Unter Ihrer Bettdecke?«, wiederholte Valentina und sah Danny verblüfft an.

»Ja, schon«, entgegnete er und versuchte, ernst zu bleiben.

»Das heißt, Sie hatten gestern Abend Damenbesuch und die beiden sind geblieben. Aber gleich zwei, Herr Doktor? Und auch noch aus der Nachbarschaft, das wird Gerede geben«, seufzte sie, während sie ihm Kaffee einschenkte.

»Die beiden haben mich erst heute Morgen besucht. Sie sind über den Balkon eingestiegen«, sagte Danny und trank einen Schluck Kaffee.

»Also, Herr Doktor, jetzt möcht ich es aber schon genauer wissen«, bat Valentina und blieb vor ihm stehen.

»Nehmen Sie sich einen Kaffee und setzen Sie sich zum mir, dann erzähle ich Ihnen von diesem Besuch.« Es war schön, wenn Valentina morgens ein paar Minuten mit ihm am Tisch saß und sie sich über das aktuelle Weltgeschehen oder die kleinen Geschehnisse in der Nachbarschaft unterhielten.

Er mochte ihr mütterliches Wesen und war ihr dankbar, dass sie sein Angebot angenommen hatte, auch für ihn den Haushalt zu führen, so wie sie es jahrelang für Fanny getan hatte. Sie kam fünf Tage in der Woche am Vormittag, kümmerte sich um alle Arbeiten im Haushalt und kochte ihm ein Mittagessen, bevor sie wieder ging. Es war ein Arrangement, das Dannys Tagesablauf erleichterte.

»Die kleine Ophelia von nebenan war bei Ihnen fensterln? Ich glaub es nicht«, sagte Valentina und schüttelte fassungslos den Kopf, nachdem Danny sie über sein Erlebnis am Morgen aufgeklärt hatte. »Ich muss ihr allerdings recht geben, diese erste Begegnung werden Sie beide nicht vergessen«, fügte sie lachend hinzu.

»Ich hoffe, ihre Eltern sehen das ebenso entspannt, wenn sie erfahren, dass ihre Tochter heute Morgen in meinem Schlafzimmer war.«

»Sie wohnt mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter in dem Haus. Ihr Vater lebt in Norwegen mit seiner eigenen Familie. Ophelias Mutter hatte nur eine kurze Affäre mit ihm, sie wusste nicht, dass er verheiratet ist. Ophelias Großmutter ist übrigens auch Psychologin.«

»Gleich zwei Psychologinnen, o Gott«, seufzte Danny und fasste sich an den Kopf. Die Psychologen, die er kannte, wollte er alle nicht zum Freund haben. Dieses ständige Analysieren ging ihm auf die Nerven, und neulich hatte er das auch gegenüber Valentina erwähnt, als sie von einer Bekannten erzählte, die wegen ihres Alkoholkonsums einen Psychologen aufsuchte.

»Geh, Herr Doktor, die beiden Damen sind wirklich sehr nett. Ich habe ihnen einen Kuchen zum Einzug gebracht, und wir haben uns ein bissel unterhalten. Wir heißen unsere neuen Nachbarn immer mit einer Aufmerksamkeit willkommen. Das wissen Sie doch, Herr Doktor.«

»Ja, das weiß ich.« Danny erinnerte sich an die unzähligen Kuchen, die am Tag nach seinem Einzug in seiner Küche standen. Der Kuchen in seiner Tiefkühltruhe würde noch bis zum Ende des Jahres zum Kaffee am Sonntag reichen. »Von dem Einzug nebenan habe ich aber gar nichts mitbekommen«, wunderte er sich.

»Weil sie am letzten Wochenende, als die Umzugswagen kamen, in den Bergen waren, aber erwähnt hatte ich es schon, dass jemand da drüben eingezogen ist.«

»Das habe ich dann wohl überhört.«

»Mei, Herr Doktor, Sie haben doch auch ständig über so vieles nachzudenken. Jetzt wissen Sie ja, dass Sie neue Nachbarn haben«, entgegnete Valentina mit einem gütigen Lächeln.

»Sie sind zu nachsichtig mit mir, Valentina. Ich sollte schon besser zuhören.« Er nahm sich nicht viel Zeit für das, was um ihn herum vor sich ging, was vielleicht auch daran lag, dass die Praxis gleich von Anfang an besser lief, als er es erwartet hatte.

Das Haus, das er von Fanny geerbt hatte, lag in einer ruhigen Wohngegend mit Ein- und Zweifamilienhäusern inmitten von gepflegten Gärten. Ein paar Straßenzüge entfernt waren in den vergangenen Jahren zwei Neubaugebiete mit Mehrfamilienhäusern entstanden. Das hatte dazu geführt, dass die niedergelassenen Allgemeinmediziner überlastet waren und kaum noch neue Patienten aufnahmen, wie ihm Fanny bei ihrem letzten Treffen erzählte.

Bevor er sich entschlossen hatte, eine Praxis in Fannys Haus zu eröffnen, hatte er mit der Stadtverwaltung über die ärztliche Versorgung in dieser Gegend gesprochen. Da sie Fannys Einschätzung zustimmten, ließ er das Haus renovieren und richtete die Praxis ein. Das war jetzt vier Wochen her.

Zuerst kamen die Leute aus Neugierde, um sich den neuen Arzt anzusehen. Da die meisten, die wirklich einen ärztlichen Rat brauchten, wiederkamen, ging er davon aus, dass sie ihm vertrauten. Das war ein vielversprechender Anfang.

*

Nachdem er noch ein paar Minuten mit Valentina geplaudert hatte, ging er durch den schmalen Flur hinüber in den Anbau, in dem die Praxis untergebracht war. Fanny Moosinger und ihr Mann hatten dort vor vielen Jahren ihre Anwaltskanzlei eingerichtet. Die Anordnung der Räume eignete sich auch hervorragend für eine Arztpraxis. Er hatte einen Architekten mit der Renovierung und der Einrichtung beauftragt und war mit dem Ergebnis mehr als zufrieden.

Danny gefiel der Anblick des weiten Empfangsbereiches mit den weißen Wänden, den hellen Fliesen und dem modernen Tresen mit der eingebauten LED-Leiste, die den Boden beleuchtete, und der antiken Kommode aus Kirschbaumholz als Kontrast. Auch die Landschaftsbilder an den Wänden hatten einen Rahmen aus Kirschbaumholz und trugen dazu bei, dass der Raum nicht kalt wirkte. Der Wartebereich mit seinem Holzboden, den gelben Sesseln aus Kunstleder und den Grünpflanzen erinnerte an eine Hotellounge, was denjenigen, die sich gern vor einem Arztbesuch drückten, ein angenehmeres Gefühl vermittelte.

»Guten Morgen, Boss«, wurde er von Lydia begrüßt, die hinter dem Tresen stand und auf den Monitor ihres Computers schaute.

Lydia, Ende zwanzig, kinnlanges dunkelblondes Haar, sportliche Figur und stets mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, war die erste, die sich auf sein Stellenangebot in der Zeitung gemeldet hatte. Der Arzt, bei dem sie bis vor Kurzem noch angestellt war, hatte sich zur Ruhe gesetzt, und mit seinem Nachfolger kam sie nicht zurecht.

»Es gibt halt solche und solche, und er gehört zu den Letzteren«, hatte sie ihm gesagt, ohne ihm genau zu verraten, warum sie mit dem Mann nicht auskam.

Für ihn war Lydia ein Glücksgriff. Sie war nicht nur eine gute Arzthelferin, die auch das Abrechnungssystem perfekt beherrschte, sie war auch ein aktives Mitglied der Feuerwehr und ausgebildete Rettungssanitäterin. Sie war ein Geschenk für jede Arztpraxis, da sie Notfälle einschätzen und darauf reagieren konnte.

»Verzeihung, Herr Doktor«, entschuldigte sich Sophia, seine zweite Arzthelferin, eine zierliche junge Frau mit langem blondem Haar und grünbraunen Augen. Sie kam mit einem Stapel Becher für den Wasserspender aus dem Vorratsraum und hatte ihn beinahe umgerannt.

»Alles gut«, sagte er und strich ihr beruhigend über die Schulter.

Sophia war ein paar Jahre jünger als Lydia und hatte vor einiger Zeit ihre Ausbildung zur Krankenschwester abgeschlossen, danach aber nach einer Stelle ohne Schichtdienst gesucht, weil sie sich um ihre an Multiple Sklerose erkrankte Mutter kümmern wollte. Ihn hatte ihre Entschlossenheit beeindruckt, ihr Leben auf das ihrer Mutter einzustellen.

»Heute ist besonders viel los«, raunte Sophia ihm mit Blick auf das Wartezimmer zu, das nur durch eine Glaswand vom Empfangsbereich getrennt war.

»Hoffentlich keine Epidemie«, entgegnete er lächelnd, als er sah, dass es kaum noch einen freien Platz dort gab.

»Die bekommen wir auch in den Griff, wir sind doch das perfekte Team«, versicherte Lydia ihm. Sie hatte ihre Arme auf den Tresen gestützt, ihren Kopf in die Hände sinken lassen und beobachtete ihn und Sophia.

»Und ob wir das sind«, stimmte Sophia ihr zu, während sie die Becher in den Wasserspender stellte, der seinen Platz neben dem Eingang zum Wartebereich hatte.

»Dann weiterhin auf gute Teamarbeit«, sagte Danny lächelnd und ging zu seinem Sprechzimmer am Ende des Gangs.

Er hatte sich mit Absicht für zwei junge Mitarbeiterinnen entschieden, da er davon ausging, dass für sie das Angebot, nach Mallorca zu gehen, um in einer Arztpraxis, die sich nur für ein paar Stunden am Tag um die kleinen Unfälle der Touristen kümmerte, nicht so verlockend erschien wie für gewisse ältere Kolleginnen. Egal, die Dinge verändern sich, und das Neue muss eben wachsen, bis es groß genug ist, den Schmerz zu vertreiben. So ähnlich hatte es doch vor etwa einer Stunde ein selbstbewusstes kluges Mädchen formuliert.

Die erste Patientin an diesem Tag war Lieselotte Schmidtbauer, eine ältere Dame aus der Nachbarschaft, die über Kopfschmerzen klagte.

»Es stimmt wirklich, was sich die Leute über Ihre Praxis erzählen«, sagte sie, als sie auf dem Stuhl vor Dannys Schreibtisch Platz nahm.

»Und das wäre?« Da er heute schon von Ophelia gehört hatte, was man sich über ihn erzählte, war er gespannt, was Frau Schmidtbauer noch hinzufügen würde.

»Es heißt, Ihre Praxis sei modern und trotzdem gemütlich, sozusagen eine Wohlfühlpraxis«, erklärte sie ihm, was sie meinte, während sie ihren Blick durch den Raum schweifen ließ. Zuerst betrachtete sie die Lampe mit dem weißen Schirm, die mit einem biegsamen Stahlarm seitlich an dem weißen Schreibtisch befestigt war und sich in einem Halbbogen über die Tischplatte spannte. Danach nahm sie den Holzboden und die in dunkles Holz gerahmten Landschaftsbilder an den Wänden in Augenschein, und schließlich haftete ihr Blick auf der alten Standuhr aus Lindenholz, die er in einer Ecke des Raumes aufgestellt hatte. »Solange ich denken kann, stand dieses Prachtstück bei unserer Fanny, Gott hab sie selig, in der Diele«, stellte sie mit einem tiefen Seufzer fest. »Fanny glaubte, dass diese Uhr mystische Kräfte besitzt. Sie hat es dem Holz zugeschrieben, das von einer sechshundert Jahre alten Linde stammte, die in einer stürmischen Nacht aus dem Boden gerissen wurde.«

»Ich kenne diese Geschichte, und ich denke, falls sie diese Kräfte besitzt, dann ist das Sprechzimmer genau der richtige Ort, um sie zu entfalten.« Danny wusste, dass diese Uhr Fanny viel bedeutet hatte. Mit diesem Platz, an dem sie jeder sehen konnte, wäre Fanny sicher einverstanden gewesen.

»Fanny hat dem Richtigen ihr Haus vererbt«, sagte Frau Schmidtbauer und nickte zur Bekräftigung ihrer Feststellung mit dem Kopf.

»Vielen Dank, dass Sie das so sehen.«

»Wenn es nicht so wäre, dann wäre Ihr Wartezimmer leer«, erklärte sie ihm ganz offen.

»Dann sollte ich wohl gut aufpassen, dass ich das Vertrauen der Nachbarschaft nicht verliere.«

»Wer es einmal gewonnen hat, der verliert es nicht mehr so schnell«, versicherte sie ihm mit einem freundlichen Lächeln.

»Sie haben nicht nur Kopfschmerzen, ihr Nacken bereitet Ihnen auch Probleme, nehme ich an«, sagte Danny, als Frau Schmidtbauer ihren Kopf zur Seite neigte und sich den Nacken massierte.

»Ja, ganz schlimm tut es oft weh, und schwindlig wird mir dann auch.«

»Wie fühlt sich das an?« Er war aufgestanden, hatte sich hinter sie gestellt, ihren Kopf vorsichtig aufgerichtet und strich in Höhe des Haaransatzes sanft von beiden Seiten des Halses in Richtung der Wirbelsäule, ohne sie dabei zu berühren.

»Herr Doktor, Sie besitzen magische Hände. Mein Kopf fühlt sich plötzlich so viel leichter an«, flüsterte Lieselotte überrascht.

»Das hat nichts mit Magie zu tun. Ihre Nackenmuskeln sind unglaublich angespannt, werden sie gelockert, verschwindet der Schmerz. Ich denke, dass ein Physiotherapeut einiges für Sie tun kann. Um andere Ursachen für Ihre Beschwerden auszuschließen, werden wir aber vorab einige Tests machen«, sagte Danny und legte ihr die Manschette des Blutdruckgerätes um den Oberarm.

»Ich fühle mich bereits bestens bei Ihnen aufgehoben, Herr Doktor«, versicherte ihm Frau Schmidtbauer und betrachtete ihn mit einem bewundernden Lächeln. »Und vielleicht tut die Uhr doch ein bissel was dazu«, flüsterte sie und schaute auf die Standuhr, deren Pendel sich leise hin- und herbewegte.

*

Franziska fragte sich, wie lange sie sich noch mit diesen Krücken abplagen musste, die seit ihrer Knieoperation vor zwei Monaten ihre ständigen Begleiter waren. Dass ihre Wohnung im Dachgeschoss des Sechsfamilienhauses lag und sie jedes Mal fünf Treppen überwinden musste, machte ihr das Leben schwer. Die Arthroskopie, die ihr ein Orthopäde zur Abklärung ihrer Knieschmerzen nach einem Sturz beim Volleyballspielen mit Freundinnen am Isarufer vorschlug, blieb ohne Befund. Der Eingriff allerdings hatte Folgen, ihr Knie entzündete sich, und sie musste vier Wochen lang mit Antibiotika behandelt werden.

Sie war inzwischen seit einer Woche zu Hause, die Entzündung war ausgeheilt, aber bewegen konnte sie ihr Knie noch immer nicht richtig. Im Krankenhaus hatten ihr die Ärzte gesagt, sie müsse Geduld haben, da das Knie ein äußerst empfindliches Gelenk sei.

Da sie jemanden zur Nachbetreuung brauchte und ihr bisheriger Hausarzt in einem anderen Stadtteil war, hatte sie nach einem neuen ­gesucht. In der Nachbarschaft schwärmten sie alle von dem jungen Arzt, der vor vier Wochen seine Praxis nur fünfzehn Minuten von ihr entfernt eröffnet hatte. Sie hatte vorgestern dort angerufen und sofort einen Termin bekommen.

Wehmütig schaute sie auf das Schulgebäude, an dem sie an diesem Morgen auf dem Weg zur Praxis Norden vorbeikam. In dem prächtigen Altbau aus dem 19. Jahrhundert war seit 100 Jahren ein Gymnasium untergebracht. Zuerst konnten es nur Jungen besuchen, seit 50 Jahren war es auch für Mädchen geöffnet. Der Förderverein der Schule, der von ehemaligen inzwischen gut situierten Schülern gegründet wurde, hatte dafür gesorgt, dass das Gebäude renoviert wurde, was auch die Sanitärräume zur großen Freude aller miteinschloss.

»Guten Morgen, Frau Kern!«, riefen ihr zwei Mädchen zu, die die Steinstufen zum Eingang der Schule hinaufliefen.

»Guten Morgen!«, antwortete sie und winkte ihnen. Die beiden gingen in die sechste Klasse, in der sie Mathematik und Sport unterrichtete. Sie vermisste den Unterricht und die Kinder. Sie wollte endlich wieder etwas tun. Aber noch hatte sie kein Arzt gesundgeschrieben. Mit den Krücken wäre es ohnehin eine große Herausforderung, jeden Tag die vielen Stufen hinauf in die oberen Klassenräume zu überwinden. Einen Aufzug gab es in der Schule noch nicht.

In Gedanken versunken bog sie in die von Ahornbäumen gesäumte Straße ein, in der die Praxis des neuen Arztes lag, blieb aber zunächst auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Morgensonne strich durch die Äste der Bäume, die verwunschene Schatten auf das helle Pflaster der Bürgersteige warfen. Franziska schaute auf das Haus mit dem hellbeigen Anstrich und den Fenstern mit den grauen Holzläden am Ende der Straße. Vor ein paar Monaten hatte Fanny Moosinger noch dort gewohnt, die zu den Gründungsmitgliedern des Schulfördervereins gehörte.

Der Garten mit den duftenden Rosenbüschen und den Birken mit ihrem zartgrünen Laub sah noch immer so aus, als würde sich Fanny weiterhin liebevoll um ihn kümmern. Wie es hieß, hatte der junge Arzt, der allein in dem Haus wohnte, einen Gärtner für das Grundstück engagiert.

Der Lack gefällt mir, dachte sie. Sie sah dem grünen Auto nach, in das ein Mädchen mit langem hellrotem Haar auf der Beifahrerseite eingestiegen war und das die Hofeinfahrt neben dem Haus des neuen Arztes verließ. Bevor sie die Straße überquerte, vergewisserte sie sich, dass sich kein Auto näherte und ihr genügend Zeit blieb, auch mit den Krücken die andere Straßenseite zu erreichen. Die Straße war frei.

Sie setzte zuerst die Krücken auf die Fahrbahn und ging dann vorsichtig los. Sie hatte gerade zwei Schritte gemacht, als ein schwarzer Sportwagen aus einer Parklücke herausschoss und auf sie zuraste. Mit den Krücken gelang es ihr nicht mehr, zur Seite zu springen. Das Auto streifte sie, und sie stürzte zu Boden.

»Würden Sie bitte aussteigen!«, rief sie, als der Wagen anhielt. Das gibt es doch nicht, dachte sie, als der Fahrer, statt auszusteigen, wieder Gas gab und weiterfuhr.

»Können Sie sich bewegen?«, fragte der junge Mann besorgt, der aus dem Haus gegenüber der Praxis kam und sich neben sie hinhockte.

»Ja, ich denke, mir ist nicht viel passiert«, mutmaßte sie, während sie sich vorsichtig aufrichtete und ihre Arme und Beine bewegte, was ihr auch mühelos gelang.

»Machen Sie langsam. Durch den Schock und das Adrenalin, das er freigesetzt hat, spüren Sie im Moment möglicherweise noch keine Schmerzen.«

»Ich bin sicher, dass ich mich nicht ernsthaft verletzt habe. Das Auto war ja noch nicht sehr schnell. Helfen Sie mir bitte auf«, bat sie den jungen Mann.

»Aber sagen Sie es mir sofort, falls Sie Schmerzen spüren.

»Ja, mache ich«, versicherte sie ihm.

Er legte seine Arme unter ihre Achseln, verschränkte sie auf ihrem Rücken und hob sie vorsichtig hoch. »Ist Ihnen wirklich nichts passiert?«, wollte er wissen, als sie wieder stand und er ihr die Krücken reichte.

»Nein, es ist alles gut«, versicherte sie ihm, während sie sich auf eine Krücke gestützt den Staub von ihrer Jeans klopfte und das gelbe T-Shirt glattzog.

»Das war eindeutig Fahrerflucht. Konnten Sie sich das Nummernschild des Wagens merken?«, wollte er von ihr wissen.

»Nein, darauf habe ich gar nicht geachtet. Ich habe doch auch nicht damit gerechnet, dass er oder sie einfach weiterfährt.«

»Es war ein Mann. Ich habe ihn allerdings nur aus den Augenwinkeln heraus gesehen, weil er bereits wieder losfuhr, als ich aus dem Haus kam. Leider konnte ich das Nummernschild auch nicht erkennen«, gestand er ihr. »Sie sollten diesen Vorfall aber trotzdem der Polizei melden. Sie können mich gern als Zeugen nennen. Rufen Sie mich an, wenn Sie mich brauchen, am besten auf meinem Handy«, bot er ihr an und reichte ihr eine Visitenkarte.

»Vielen Dank, Herr Bergwald«, entgegnete sie, nachdem sie einen Blick auf die Karte geworfen hatte, um seinen Namen zu erfahren, die Karte aber dann gleich einsteckte.

»Wollen Sie in die Praxis Norden?«, fragte er sie.

»Ja, das hatte ich vor.«

»Ich bringe Sie hin, Frau?«

»Kern, Franziska Kern«, stellte sie sich ihm vor. »Aber Sie müssen mich nicht begleiten. Ich schaffe das allein«, versicherte sie ihm.

»Wenigstens bis zur Tür«, schlug er vor.

»Also gut, bis zur Tür«, erklärte sie sich einverstanden.

Als Franziska vor der Tür kurz aufstöhnte, stehenblieb und sich an die rechte Hüfte fasste, beschloss Lorenz Bergwald, bei ihr zu bleiben, bis er sicher sein konnte, dass sich jemand um sie kümmerte.

»Meinen ersten Besuch in dieser Praxis habe ich mir weniger dramatisch vorgestellt«, seufzte Franziska.

»Wie auch immer, ich zweifle nicht daran, dass Sie in dieser Praxis gut aufgehoben sind. Ich habe Doktor Norden neulich in der Cafeteria in der Klinik seiner Eltern getroffen, und wir haben uns länger unterhalten. Im Gegensatz zu vielen älteren Kollegen ist er auch offen für außergewöhnliche Behandlungsmethoden. Er gehört nicht zu diesen Ärzten, die einfach nur Pillen verschreiben und sich keine Zeit nehmen, mit ihren Patienten ein Gespräch zu führen.«

»Genau das habe ich auch von meinen Nachbarn gehört.«

»Über seinen Ruf kann sich Doktor Norden sicher nicht beklagen«, entgegnete Lorenz lächelnd. Er begleitete Franziska in die Praxis und ging mit ihr zum Empfangstresen. »Frau Kern wurde gerade vor der Praxis von einem Auto angefahren«, schilderte er Lydia, die am Tresen stand, was gerade passiert war.

»Der Fahrer ist einfach weitergefahren«, wunderte sie sich und sah Franziska mitfühlend an. »Kommen Sie bitte gleich mit mir, Frau Kern«, forderte Lydia sie auf, ihr zu folgen.

»Gute Besserung, ich warte dann auf Ihren Anruf«, verabschiedete sich Lorenz und nickte Franziska noch einmal aufmunternd zu, bevor er die Praxis verließ.

»Bin ich denn schon dran? Ich hatte erst in einer Viertelstunde einen Termin.« Franziska schaute in das noch halbvolle Wartezimmer.

»Sie wurden gerade angefahren, das ist ein Notfall. Es wäre verantwortungslos, wenn ich Sie warten ließe. Geht es?«, fragte Lydia nach, als Franziska nur langsam vorwärtskam, weil sie erneut ihre Hüfte spürte. »Der Herr Doktor ist gleich bei Ihnen, setzen Sie sich ruhig schon auf die Liege«, sagte sie, nachdem sie Franziska in den Raum mit dem Ultraschallgerät geführt hatte.

Franziska bedankte sich bei ihr für ihre Fürsorge, lehnte ihre Krücken an den Stuhl neben der Liege und setzte sich vorsichtig hin. Inzwischen hatte sie das Gefühl, dass die rechte Hälfte ihrer Hüfte komplett angeschwollen war. Lorenz hatte recht, kurz nach dem Unfall hatte das Adrenalin verhindert, dass sie die Schmerzen in ihrer ganzen Stärke wahrnehmen konnte.

»Da schau her, die Frau Lehrerin. Kaum da und schon hockt sie im Behandlungszimmer.« Die Mittsechzigerin im hellen Trachtenkostüm hatte sich einen Becher Wasser am Wasserspender im Empfangsbereich geholt und Franziska im Ultraschallzimmer entdeckt, dessen Tür offenstand.

»Ich habe mich nicht vorgedrängt, Frau Meier, ich hatte gerade einen Unfall«, verteidigte sich Franziska, als Gusti Meier sich mit dem Wasserbecher in der Hand im Türrahmen aufbaute.

»Freilich, schon wieder ein Unfall. So kommt man auch durchs Leben. Ein Unfall und eine Krankschreibung nach der anderen. Aber was soll es, Sie sind ja Beamtin und werden bezahlt, egal, ob Sie arbeiten oder nicht. Andererseits ist es auch ganz gut, wenn Sie nicht so bald an die Schule zurückkommen, dann können Sie nicht gleich wieder den nächsten Kindern die Zukunft zerstören.«

»Wieso denn die Zukunft zerstören? Falls Sie damit die sechs in Mathe und die fünf in Sport meinen, die ich Ihrem Enkel geben musste, habe ich ihm damit nicht die Zukunft zerstört. Er geht erst in die sechste Klasse.«

»Dank Ihnen, zum zweiten Mal. Wissen Sie eigentlich, wie demütigend das für ein Kind ist, die Klasse zu wiederholen, während die Freunde versetzt werden?«

»Ich hatte keine Wahl, seine Leistungen waren einfach nicht gut genug«, versuchte Franziska, Gusti Meier erneut klar zu machen, was sie ihr in den letzten Wochen bereits einige Male gesagt hatte.

»In unserer Familie sind alle Männer Buchhalter, auch Marius` Vater. Wieso sollte der Bub nicht rechnen können? Und dass der Marius kein Sporttalent ist, dafür kann er nichts, deshalb hätte es auch eine vier getan. Sie können den Bub einfach nicht leiden, das ist der Grund für die schlechten Noten.«

»Das stimmt nicht, Frau Meier.«

»Freilich stimmt’s, mein Sohn und meine Schwiegertochter sind davon überzeugt, dass Sie andere Kinder, die in beiden Fächern nicht mehr glänzen als unser Marius, besser bewertet haben, weil sie Ihnen lieber sind als unser Junge.«

»Meine Noten sind keine Sympathienoten.«

»Wer’s glaubt«, entgegnete Gusti Meier schnippisch.

»Darf ich mal vorbei?«, bat Danny, der nach Franziska sehen wollte und nicht an Gusti vorbeikam.

»Bitte sehr, Herr Doktor«, sagte sie und wich zur Seite.

»Wären Sie so freundlich und würden wieder ins Wartezimmer gehen?«, wandte sich Lydia an Gusti, die Danny neugierig nachschaute, bis er die Tür hinter sich schloss.

»Bin schon auf dem Weg«, entgegnete Gusti und ging zurück ins Wartezimmer. »Manche scheuen aber auch vor gar nichts zurück, um sich ein gemütliches Leben zu machen«, sagte sie und erzählte den anderen Patienten, von denen sie offensichtlich die meisten kannte, dass die Mathematiklehrerin aus dem Gymnasium einen Unfall nach dem anderen provoziere, um sich freie Zeit zu verschaffen.

Währenddessen erzählte Franziska Danny von dem Unfall, und nachdem er sie gründlich untersucht hatte, stellte er fest, dass sie sich eine Hüftprellung zugezogen hatte. An ihrem frisch operierten Knie konnte er keine neue Verletzung erkennen.

»Er hat mich wohl mit der Motorhaube an der Hüfte gestreift, und ich bin instinktiv auf die Seite gefallen, um meine Knie nicht zu belasten«, rekonstruierte Franziska den Unfallhergang.

»In Gefahrensituationen fehlt uns für eine vernünftige Überlegung die Zeit. Glücklicherweise können wir uns in diesen Momenten recht gut auf unsere Instinkte verlassen«, sagte Danny, der ihre Reaktion gut nachvollziehen konnte.

»Zum Nachdenken war wirklich keine Zeit mehr. Wäre dieses Auto allerdings nur ein oder zwei Sekunden später aus der Parklücke herausgeschossen, dann hätte es mich frontal erwischt, und ich hätte nicht die Spur einer Chance gehabt, mich zu retten.«

»So war es aber nicht, und Sie sollten sich diese Möglichkeit auch nicht ausmalen. Sie hatten Glück gehabt und wurden nicht schwer verletzt, das ist alles, was für Sie zählen sollte.«

»Sie haben recht, ich werde Ihren Rat befolgen«, stimmte Franziska Danny zu.

»Gute Idee«, antwortete er lächelnd. »Ich verschreibe Ihnen eine Salbe, die tragen Sie mehrmals täglich auf die schmerzenden Stellen auf. Mehr können Sie erst einmal nicht tun. Die Prellung heilt von allein«, versicherte er ihr.

»Wenn das alles ist, hatte ich wirklich unglaublich viel Glück«, stellte sie erleichtert fest.

»Das hatten Sie, ohne Zweifel«, stimmte Danny ihr zu. »Ursprünglich wollten Sie aber wegen Ihres Knies zu mir, wie mir Frau Seeger sagte.«

»Ja, das ist richtig. Mein Knie wurde vor sechs Wochen arthroskopisch untersucht. Während der Operation wurde ich mit Keimen infiziert und musste vier Wochen lang Antibiotika nehmen. Zu Orthopäden habe ich im Moment leider kein Vertrauen mehr, zumal sich herausgestellt hat, dass die Untersuchung ohne Befund war.«

»Weshalb wurde die Arthroskopie gemacht?«

»Ich bin während eines Volleyballspiels auf die Knie gefallen und hatte eine Zeit lang Schmerzen. Mein Hausarzt schickte mich zu einem Orthopäden, und der schlug diese Untersuchung vor.«

»Hat er sie selbst durchgeführt?«

»Ja, in der Klinik, in der er einige Belegbetten hat. Ich würde gern wissen, ob dieser Eingriff wirklich nötig war. Als mein neuer Hausarzt könnten Sie sich doch die Krankenakte ansehen.«

»Wenn Sie mir eine Vollmacht unterschreiben, besorge ich mir die Akte. Haben Sie vor, gegen das Krankenhaus oder den Orthopäden, wegen der Sache mit den Keimen, eine Klage einzureichen?«, fragte Danny, damit er gleich wusste, worauf das Ganze hinauslaufen sollte.

»Bisher noch nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich das tun werde. Ein Krankenhaus oder einen Arzt zu verklagen, stelle ich mir anstrengend vor.«

»Das heißt aber nicht, dass Patienten einfach alles hinnehmen müssen.«

»Zuerst will ich gesund werden, dann sehe ich weiter. Kann ich Ihnen die Vollmacht gleich ausstellen?«

»Ich sage Frau Seeger Bescheid, Sie wird sich darum kümmern. Sollten die Schmerzen stärker werden oder weitere Beschwerden auftreten, melden Sie sich, ansonsten hören Sie von mir, sobald mir Ihre Krankenakte vorliegt. Waren Sie schon bei einem Physiotherapeuten wegen Ihres Knies?«

»Nein, ich wollte mir aber in den nächsten Tagen einen Termin besorgen.«

»Ja, bitte, tun Sie das. Da die Entzündung inzwischen bekämpft wurde, spricht nichts dagegen.«

»Vielen Dank, Herr Doktor«, bedankte sich Franziska, als Danny ihr die Tür aufhielt.

Bevor Danny zurück in sein Sprechzimmer ging, bat er Lydia, Franziska ein Formular zur Erteilung der Vollmacht zu geben, und stellte ein Rezept für die Salbe aus, die sie gegen ihre Prellung nehmen sollte.

»Die nächste wäre Frau Meier«, sagte Sophia, die neben Lydia hinter dem Tresen stand und sich um die Reihenfolge der Patienten kümmerte, die zu Danny in die Sprechstunde wollten.

»Geben Sie mir eine Minute«, bat Danny seine zweite Sprechstundenhilfe. Gusti Meier kam jede Woche zweimal in die Praxis, obwohl sie kerngesund war. Sie gehörte zu den Patienten, die das Wartezimmer zum Nachrichtenaustausch missbrauchten.

»Und? Hat es geklappt mit der Verlängerung der Krankschreibung?«, fragte Gusti, als Sophia sie wenig später aufrief und sie Franziska am Tresen stehen sah.

»Einfach nicht hinhören«, raunte Lydia Franziska zu.

»Mache ich nicht.« Franziska wusste, dass sie Gusti nur noch mehr reizen würde, wenn sie auf sie reagierte.

»Also bitte, Frau Meier, wir achten hier auf Privatsphäre«, erklärte Lydia mit strenger Stimme, als Gusti im Vorbeigehen auf das Blatt schaute, das Franziska ausfüllte.

»Die Privatsphäre ist mir doch heilig«, sagte Gusti und streifte die junge Lehrerin mit einem herablassenden Blick. Sie wollte gerade weiter zum Sprechzimmer gehen, als die Tür zur Praxis aufgestoßen wurde und eine junge Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm hereinstürmte.

»Ich brauche Hilfe, meine Tochter bekommt keine Luft mehr!«, rief sie.

»Doktor Norden, kommen Sie, schnell!«, rief Lydia über den Gang, als sie sah, wie das kleine Mädchen in dem roten Kleidchen nach Luft rang.

Danny, dessen Tür zum Sprechzimmer offenstand, zögerte keinen Moment, als er Lydia rufen hörte, und eilte zum Empfang. »Hat sie etwas verschluckt?«, wollte er von der Mutter wissen.

»Ich weiß es nicht. Ich war in der Küche, und Anni hat in ihrem Kinderzimmer einen kleinen Bauernhof aus Holz aufgebaut, den sie gestern zu ihrem Geburtstag bekommen hat.«

»Du solltest dein Kind eben nicht ohne Aufsicht lassen, Ursel«, mischte sich Gusti ein, und die anderen Patienten, die aus dem Wartezimmer gekommen waren, als sie sahen, welche Aufregung draußen im Gang herrschte, nickten zustimmend.

»Nicht einmischen, Frau Meier«, forderte Lydia Gusti auf.

»Geben Sie mir Ihre Tochter«, forderte Danny Ursel Doldinger auf, die nur ein paar Häuser von der Praxis entfernt wohnte, nachdem er sich auf den Boden gekniet hatte.

»Anni, es wird alles wieder gut«, sprach Ursel tröstend auf die Kleine ein, die mittlerweile schon ganz rot anlief.

Danny nahm das Kind, stellte es vor sich hin und beugte es sanft nach vorn. Schließlich umfasste er den kleinen Körper zwischen Bauch und Brustbein und drückte ein paar Mal kräftig zu, bis die Kleine eine Spielfigur ausspuckte. »Sieh mal, ein Hahn«, sagte er, als das Kind wieder normal atmete, nachdem es ein paar Mal gehustet hatte.

»Der Hahn ist in meinen Mund geflogen«, erzählte Anni, nachdem Danny aufgestanden war und sie auf den Tresen gesetzt hatte.

»Da gehört er aber nicht hin.«

»Hm«, machte das Kind und nickte.

»Ich verstehe das gar nicht, sie weiß schon lange, dass sie Spielzeug nicht in den Mund nehmen soll, und jetzt ist sie drei geworden und fängt wieder damit an?«, zeigte sich Annis Mutter ratlos.

»Der Hahn sollte doch fliegen, Mami. Ich habe ihn dahin gesetzt und dann Wind gemacht.« Anni öffnete ihren Mund, deutete auf die Unterlippe, pustete zuerst und holte dann tief Luft.

»Ich denke, es ist Zeit für ihre erste Physikstunde, welche Folgen das Ein- und das Ausatmen haben können«, wandte sich Danny Ursel zu, die noch immer vor Aufregung zitterte.

»Ich werde ihr das noch heute erklären«, versicherte ihm Ursel.

»Bravo, Doktor!«, rief Gusti, und gemeinsam mit den anderen Patienten applaudierte sie Danny. »Das war doch dieser Griff, dieser Heimig-Griff, richtig?«

»Heimlich-Griff«, wurde sie von Franziska verbessert.

»Dass Sie es wieder besser wissen, war doch klar«, entgegnete Gusti beleidigt.

»Heimlich-Griff, benannt nach dem amerikanischen Arzt Henry J. Heimlich, der diesen Notfallgriff erfunden hat. Den Körper zwischen Bauchnabel und Brustbein umfassen, einige Male ruckartig zudrücken, bis das, was auch immer in der Luftröhre steckt, wieder herauskatapultiert wird«, klärte Lydia Gusti und die anderen auf. Seitdem sie Rettungssanitäterin bei der Feuerwehr war, hatte sie diesen Griff schon einige Male anwenden müssen.

»Kommen Sie bitte mit ins Sprechzimmer. Ich will mich davon überzeugen, dass Anni sich nicht verletzt hat«, bat Danny die junge Mutter, die ihre Tochter wieder auf den Arm nahm, nachdem sie den Spielzeughahn eingesteckt hatte.

»Willst du mir mit einer Taschenlampe in den Hals gucken?«, fragte Anni und sah Danny mit ihren großen braunen Augen an.

»Genau, das will ich machen, und dann erzähle ich dir, was ich sehe. In Ordnung?«

»Ja, können wir machen«, antwortete das Mädchen.

»Die Show ist zu Ende, nehmen Sie bitte wieder im Wartezimmer Platz«, bat Sophia die Patienten.

»Ich warte hier, eigentlich war ich ja schon dran«, weigerte sich Gusti, den Empfangsbereich zu verlassen.

»Meinetwegen, dann müssen Sie halt so lange stehen«, sagte Sophia und zuckte die Achseln, während sie einen kurzen Blick mit Lydia tauschte.

»Ich habe alles ausgefüllt, ich warte dann auf Ihren Anruf«, verabschiedete sich Franziska von Lydia, nachdem die kleine Anni mit ihrer Mutter ins Sprechzimmer gegangen war.

»Sie sollten diesen Kerl anzeigen«, riet ihr Lydia, die sie noch zur Tür begleitete, um sie für sie aufzuhalten.

»Aber ich habe doch nichts, womit die Polizei etwas anfangen könnte.«

»Manchmal hilft schon ein winziger Hinweis. Sollten Sie sich zu einer Anzeige entschließen, fragen Sie auf dem Revier nach meiner Mutter Thea Seeger. Für sie ist Fahrerflucht, auch wenn es nur um Sachschaden geht, alles andere als ein Kavaliersdelikt.«

»Falls ich zur Polizei gehe, werde ich mich an Ihre Mutter wenden. Vielen Dank für den Tipp und für die freundliche Aufnahme in Ihrer Praxis. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.« Franziska hatte jetzt nur noch einen Wunsch, nach Hause zu gehen und die Beine hochzulegen. Sie war von der Wahl ihres neuen Arztes restlos überzeugt. Nicht nur wegen der Art, wie er auf ihre Probleme eingegangen war, sie bewunderte auch die Ruhe, die er ausstrahlte, als die kleine Anni seine Hilfe brauchte.

Glücklicherweise hatte sich Anni nicht ernsthaft verletzt. Nachdem Ursel Doldinger sich herzlich bei Danny bedankt hatte, verließen sie und ihre Tochter die Praxis, und Gusti Meier war die nächste Patientin, die sein Sprechzimmer betrat.

»Was kann ich für Sie tun, Frau Meier?«, fragte Danny, als sie auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz genommen hatte.

»Ich muss mich erst einmal von dieser Aufregung um die kleine Anni erholen«, seufzte sie und atmete tief durch. »Und dann die Begegnung mit dieser Lehrerin. Diese Frau tut meiner Gesundheit nicht gut. Es ist halt so, dass manche Leute recht schnell neidisch werden, Herr Doktor, auf alles und jeden, wenn sie selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammen, so wie die gute Frau Kern. Einen kleinen Bauernhof im Allgäu haben die Eltern, der reicht gerade so zum Leben, wissen Sie. Wenn es so jemand dann mit Leuten wie uns, die es zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben, zu tun bekommt, dann setzt es halt manchmal aus«, lenkte sie das Gespräch auf Franziska.

»Warum sind Sie denn hier, Frau Meier?«, fragte Danny höflich nach und tat, als hätte er Gustis Vortrag über Franziska nicht gehört. Er hatte absolut keine Lust, sich während der Sprechstunde auf eine Auseinandersetzung mit dieser Frau einzulassen.

»Es ist wieder der Magen, er drückt halt recht oft. Vielleicht ist es ja doch etwas Schlimmes«, seufzte Gusti.

»Wir haben vor zwei Wochen eine Spiegelung gemacht, Frau Meier. Mit Ihrem Magen ist alles in Ordnung«, versicherte er ihr.

»Und warum drückt es dann immer so?«, fragte Gusti und sah ihn herausfordernd an. So als würde sie nur darauf warten, dass er keine Antwort darauf wusste.

»Vielleicht schlucken Sie beim Essen zu viel Luft.« So wie er sie einschätzte, war ihr aufgeregter Redefluss niemals zu bremsen, sicher auch nicht während des Essens.

»Und das heißt?«

»Holen Sie sich diesen Tee aus der Apotheke. Er wird Ihnen helfen«, sagte er und reichte ihr ein Rezept.

»Das ist ein Privatrezept«, wunderte sich Gusti.

»Diesen Tee kann ich leider nur Privatpatienten verschreiben.«

»Kein Problem, ich kann es mir leisten«, antwortete Gusti mit einem zufriedenen Lächeln. »Danke, Herr Doktor.«

»Gern, gute Besserung, Frau Meier«, sagte Danny und atmete erleichtert auf, als sie gegangen war. Dass dieser Tee von keiner Krankenkasse bezahlt wurde, musste sie nicht wissen.

»Sie ist mit Vorsicht zu genießen. Sie nimmt sich jeden vor, der ihr nicht passt«, sagte Lydia, die kurz zu ihm hereinschaute, nachdem Gusti außer Hörweite war.

»Wovon wir uns aber nicht provozieren lassen«, entgegnete Danny.

»Auf keinen Fall, Herr Doktor«, stimmte sie ihm lächelnd zu. »Allerdings finde ich, dass das, was Sie mit Frau Kern macht, bereits an Verleumdung grenzt. Vielleicht bitte ich meine Mutter, der guten Frau Meier mal die Rechtslage klar zu machen.«

»Das könnte eine gute Idee sein«, entgegnete Danny schmunzelnd.

*

Der Unfall vor der Praxis und die Rettung der kleinen Anni waren seit zwei Tagen beliebte Gesprächsthemen im Viertel. Valentina versicherte Danny, dass seine ohnehin schon große Beliebtheit durch dieses Ereignis noch enorm gestiegen war.

»Die Leute reden wirklich nur in den höchsten Tönen von Ihnen«, hatte sie ihm schon mehrfach versichert.

»Sie wissen aber schon, dass ich kein Wunder vollbracht habe. Jeder mit einer medizinischen Ausbildung hätte das tun können«, erinnerte er sie daran, was er ihr bereits erklärt hatte.

»Aber Sie waren es, der das Mädchen gerettet hat, und davon reden die Leute halt im Moment gern, auch im Supermarkt und beim Bäcker. Mir gefällt’s, wenn die Leute Sie mögen«, hatte sie ihm mit einem zufriedenen Lächeln gestanden.

Dass sie recht hatte, was seine Beliebtheit betraf, konnte er daran festmachen, dass schon am Tag nach dem Ereignis noch mehr Patienten als sonst seine Sprechstunde aufsuchten. Er hoffte allerdings, dass sich der Andrang wieder legte, und die Neugierigen, die ihn einfach nur einmal sehen wollten, zu ihren bisherigen Ärzten zurückkehrten. Er wollte es gern vermeiden, irgendwann verkünden zu müssen, dass er keine neuen Patienten mehr aufnehmen konnte, so wie es einige seiner Kollegen schon getan hatten.

Auch Ophelia hatte natürlich von dem Ereignis gehört und Danny verkündet, dass auch sie ihn als ihren neuen Hausarzt ausgewählt hatte. Sie kam jeden Morgen vor der Schule auf einen Sprung vorbei, blieb ein paar Minuten und nahm dann Ortrud mit, die es sich auf der Fensterbank in Dannys Esszimmer gemütlich machte, sobald Valentina morgens die Terrassentür öffnete. Danny war Ophelia dankbar, dass sie inzwischen den Weg durch die Haustür nahm und nicht mehr über seinen Balkon einstieg.

Ophelias Mutter und ihre Großmutter hatte er bisher noch nicht kennengelernt, was ihn aber nicht weiter störte.

Er legte keinen Wert auf eine enge Nachbarschaft. Hin und wieder ein freundlicher Gruß, ein paar unverbindliche Worte über die Hecke hinweg gewechselt erschienen ihm ausreichend. Erst recht bei diesen Nachbarinnen, die vermutlich schon die Bewohner der halben Straße im Vorbeigehen analysiert hatten.

*

Franziska hatte zwei Tage gewartet, bis sie sich dazu durchringen konnte, die Fahrerflucht anzuzeigen. Die Prellung, die sie sich zugezogen hatte, bereitete ihr zwar immer noch Schmerzen, aber die Salbe, die Doktor Norden ihr verschrieben hatte, linderte sie recht gut.

Sie hoffte, dass Lorenz Bergwald sie zum Polizeirevier begleiten würde, um sie als Augenzeuge des Unfalls zu unterstützen. Inzwischen hatte sie seine Visitenkarte schon einige Male in der Hand gehabt und wusste, dass ihm eine Praxis für Physiotherapie ganz in der Nähe gehörte. Als er ihr die Karte nach dem Unfall in die Hand drückte, hatte sie nur seinen Namen wahrgenommen, der fettgedruckt in der Mitte stand.

Es kostete sie allerdings ein bisschen Mut, ihren mitfühlenden Helfer anzurufen. Vermutlich rechnete er gar nicht mehr damit, dass sie sich melden würde. Sie kochte sich erst einmal einen Kaffee und setzte sich auf den Schaukelstuhl, der unter ihrem überdachten Balkon stand.

Um diese Uhrzeit lag der Spielplatz hinter dem Haus noch im Schatten einer mächtigen Kastanie, deren Laub an einigen Ästen bereits gelbe Verfärbungen zeigte, die Vorboten des Herbstes. Bis auf das Gezwitscher der Vögel war es noch ganz still. Erst am Nachmittag, wenn die Kinder aus dem Kindergarten oder der Schule kamen, ging es dort unten lebhaft zu.

Franziska schaute auf die beiden Apfelbäumchen, die in Kübeln auf ihrem Balkon wuchsen. Behutsam pflückte sie einen der duftenden roten Äpfel, roch eine Weile an ihm und aß ihn dann mit Genuss auf. Da sie zur Zeit fast den ganzen Tag zu Hause war, war sie dankbar für dieses kleine Paradies, wie sie ihren Balkon nannte. Um kurz nach zehn war sie endlich mutig genug und rief Lorenz auf seinem Handy an.

»Franziska Kern, guten Morgen, Herr Bergwald«, meldete sie sich, als er das Gespräch entgegennahm. »Sie hatten mir doch Ihre Hilfe angeboten.«

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er freundlich und hörte sich ihr Anliegen an. »Ich bin um die Mittagszeit bei einem Patienten in der Nähe des Polizeireviers. Wir könnten uns um halb eins vor dem Revier treffen«, schlug er schließlich vor.

»Sehr gern, Herr Bergwald, bis nachher«, sagte sie, bedankte sich bei ihm und beendete das Gespräch. Er hat nicht eine Sekunde gezögert, mich zu begleiten, dachte sie. Das bedeutete, sein Angebot, ihr zu helfen, war ernst gemeint.

*

In der Praxis Norden gab es an diesem Morgen keine besonderen Vorfälle. Es war ein ganz normaler Vormittag. Sophia hatte gegen zehn kurz gelüftet, so wie sie es an jedem Morgen tat, eine klare frische Luft zog durch die Räume. Die Sonne fiel durch die beiden Fenster des Wartezimmers, und das Licht fand seinen Weg durch die gläserne Wand in den Empfangsbereich.

Die Patienten im Wartezimmer blätterten in Zeitschriften, lasen in einem Buch oder unterhielten sich miteinander, wobei sie sich leicht zueinander hinbeugten, um die anderen nicht zu stören. Irgendwo weiter hinten am Ende des Ganges fiel eine Tür leise ins Schloss. Lydia Seeger, die hinter dem weißen Tresen saß und auf den Bildschirm ihres Computers schaute, hatte an diesem Morgen jede Patientin und jeden Patienten gefragt, ob sie oder er den Unfall, in den Franziska Kern verwickelt war, beobachtet hatte, aber niemand konnte ihr etwas dazu sagen.

Da einige Patienten nur ein paar Häuser entfernt wohnten und sonst über alles Bescheid wussten, was in der Nachbarschaft passierte, ging sie inzwischen davon aus, dass Franziska wohl leider auf den Zufall hoffen musste. Sollte der Fahrer dieses Wagens in der Nähe wohnen, würde aber früher oder später jemand auf ihn aufmerksam werden.

»Frau Weinfeld, bitte!«, rief Sophia die nächste Patientin auf, nachdem sie aus dem Raum mit dem Ultraschallgerät kam, das sie für die Untersuchung vorbereitet hatte.

»Bin schon da.« Frau Weinfeld, Ende fünfzig, ein wenig übergewichtig, kam lächelnd aus dem Wartezimmer und folgte Sophia. Nachdem sie sich auf die Liege gelegt hatte, schaute sie ein bisschen verängstigt auf den Monitor des Ultraschallgerätes, so als fürchtete sie sich vor dem, was gleich darauf zu sehen sein würde.

»Nicht schon vorher aufregen, wir sehen erst einmal nach, was Ihre Schmerzen verursacht. Vermutlich ist alles nur halb so schlimm«, beruhigte Danny Frau Weinfeld, der kurz darauf den Raum betrat und sich auf den Stuhl neben die Liege setzte.

»Aber die Schmerzen waren gestern Abend schon recht heftig«, entgegnete seine Patientin.

»Gleich werden wir mehr wissen«, versicherte ihr Danny und schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln.

Wie sich herausstellte, waren Gallensteine die Ursache für Frau Weinfelds Schmerzen. Noch waren sie aber klein genug, um sie mit einem minimalen Eingriff loszuwerden.

»Ich überweise Sie in die Klinik. Die Ärzte dort werden die Steine mit Hilfe eines Endoskops entfernen«, erklärte Danny ihr, was als nächstes passieren würde.

»Wie lange muss ich im Krankenhaus bleiben?«

»Zwei bis drei Tage.«

»Dann werde ich es so schnell wie möglich hinter mich bringen. Vielen Dank, Dr. Norden«, sagte Frau Weinfeld, während sie sich das Gel, das Danny für die Untersuchung mit dem Ultraschallkopf auf ihren Bauch aufgetragen hatte, mit Papiertüchern abwischte. »Übrigens, mir ist da noch etwas eingefallen, was diesen Unfall von Frau Kern betrifft«, sagte sie, als sie kurz darauf wieder angezogen von der Liege aufstand.

»Das wäre?«, fragte Danny.

»Es soll doch ein schwarzer Sportwagen gewesen sein. So ein Auto ist am Tag vor dem Unfall im Schritttempo durch diese Straße gefahren, so als würde der Fahrer nach einem bestimmten Haus suchen. Ich hatte gerade auf meinem Balkon die Blumen gegossen, als er hier vorbeikam«, gab Frau Weinfeld wieder, was sie beobachtet hatte.

»Konnten Sie das Nummernschild erkennen?«, fragte Danny.

»Nein, tut mir leid, vielleicht war es aber auch gar nicht der Wagen, der Frau Kern angefahren hat. Ich kenne mich mit diesen Automarken nicht gut aus«, gab sie zu.

»Trotzdem vielen Dank.«

»Sehr gern«, sagte Frau Weinfeld.

Danny begleitete sie noch zum Tresen und bat Lydia, ihr eine Überweisung in die Klinik auszustellen. Er erzählte ihr auch von Frau Weinfelds Beobachtung, und Lydia forderte sie freundlich auf, ihre Nachbarn zu fragen, ob noch jemand den Wagen gesehen hatte.

»Ich werde mich umhören«, versprach Frau Weinfeld, verabschiedete sich von Danny und Lydia und verließ die Praxis.

»Ich befürchte, je häufiger wir nach einem schwarzen Sportwagen fragen, umso mehr Leute werden sich irgendwann erinnern, so ein Auto gesehen zu haben, auch wenn es gar nicht wahr ist«, stellte Lydia mit einem tiefen Seufzer fest.

»Das ist das Problem mit Zeugenaussagen, sie sind selten objektiv. Aber der Tochter einer Polizistin muss ich das nicht erklären«, entgegnete er lächelnd.

»So ist es, Herr Doktor«, sagte Lydia und erwiderte sein Lächeln.

*

Franziska war in der Drogerie gewesen und hatte sich Ingwertee mit Kurkuma geholt, weil es hieß, dass diese Mischung die Bekämpfung von Entzündungen unterstützte, und das konnte, nach dem, was sie hinter sich hatte, nur von Vorteil für sie sein. Sie setzte sich auf den Rand des Brunnens in der Fußgängerzone und beobachtete das quirlige Treiben der Passanten, wie sie mit Tüten bepackt von einem Geschäft zum nächsten eilten und denen auswichen, die gemütlich von Schaufenster zu Schaufenster bummelten. Ein paar Kinder, die nach der vierten Stunde frei hatten und sich ein Eis in der Fußgängerzone kauften, wollten von ihr wissen, wann sie wieder in die Schule kommen würde.

»Ich hoffe, bald«, sagte sie. Es tat ihr gut, als die Kinder ihr versicherten, dass sie sich darauf freuten, weil der Unterrichtung des älteren Lehrers, der sie vertrat, schrecklich langweilig sei.

Nachdem die Kinder gegangen waren, lief sie auf ihre Krücken gestützt zur Bushaltestelle am Ende der Fußgängerzone. Dort konnte sie in den Bus steigen, der direkt vor dem Polizeirevier anhielt. Als sie ein paar Minuten später im Bus saß und auf die Straßen mit ihren gepflegten Häusern und Gärten schaute, wurde ihr bewusst, wie wohl sie sich hier fühlte. Sie mochte ihre Wohnung, und sie mochte ihre Kollegen und Kolleginnen in der Schule, und sie hoffte, dass sie bald wieder unterrichten konnte.

Dass ihr Knie vielleicht auf Dauer in seiner Bewegung eingeschränkt sein würde, darüber wollte sie nicht nachdenken. Es hätte bedeutet, dass sie nie wieder als Sportlehrerin arbeiten konnte, und das würde ihr wehtun. Sie liebte den Sportunterricht, weil sie den Kindern in diesen Stunden den Spaß an der Bewegung vermitteln konnte. Marius, Gusti Meiers Enkel, allerdings hatte an gar nichts Spaß, verweigerte sich trotzig jedem Vorschlag und erklärte, dass er schließlich ins Fitnessstudio ging und diesen ›Babykram‹ in der Schule nicht nötig hätte.

Lorenz wartete schon vor dem Polizeirevier, einem zweistöckigen Neubau, vor dem mehrere Streifenwagen parkten, als sie eine Viertelstunde später dort ausstieg. Der junge Mann in der hellen Jeans und dem dunkelgrauen Pullover wirkte auf sie wieder genauso sympathisch wie bei ihrer ersten Begegnung. Unwillkürlich schaute sie an sich herunter, sah auf die hellblauen Stiefeletten, die sie zu ihrer schwarzen Leinenhose und dem hellblauen langärmeligen T-Shirt trug.

Was soll das denn werden? Denke ich etwa daran, ihm zu gefallen?, wunderte sie sich über sich selbst. Von ihrem letzten festen Freund hatte sie sich vor zwei Jahren getrennt, als sie ihn mit ihrer besten Freundin im Bett erwischte. Und jetzt war ganz sicher nicht der richtige Zeitpunkt für eine neue Beziehung. Eine Frau, die auf Krücken herumhumpelte, konnte doch nur Mitleid erwarten. »Danke, dass Sie gekommen sind«, sagte sie, als Lorenz auf sie zukam.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte er und fing ihren Blick auf.

»Besser. Ich habe mir durch den Unfall eine Hüftprellung zugezogen, aber die Salbe, die Doktor Norden mir verschrieben hat, hilft mir, die Schmerzen auszuhalten«, erzählte sie ihm, wie sie sich im Moment fühlte.

»Ihr Knie hat nichts abbekommen?«

»Ich hoffe nicht, bisher hat es mir keine extra Schmerzen beschert.«

»Ich hoffe wirklich, dass sie diesen Kerl erwischen. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert, wenn solche Leute nachts auf der Landstraße einen Menschen überfahren.«

»Deshalb sind wir hier, damit die Polizei ihn für eine Weile aus dem Verkehr zieht. Falls sie ihn findet«, sagte Franziska.

»Was nicht leicht werden wird, ich weiß«, antwortete Lorenz und hielt ihr die Tür zum Polizeirevier auf.

Hinter einem langen Tresen standen zwei Polizistinnen und ein Polizist in Uniform. Sie bemühten sich, eine Gruppe Jugendlicher zu beruhigen, die ihnen etwas mitteilen wollten, dabei wild gestikulierten und sich mit lauten Zwischenrufen ständig gegenseitig unterbrachen.

Zwei andere Polizisten in Uniform brachten einen Mann in Handschellen durch den Hintereingang herein. Er war an beiden Armen tätowiert und grölte etwas von »Verwechslung und Amtsmissbrauch« während er begleitet von den beiden Beamten den Raum durchquerte.

»Mir wird gerade klar, dass ich bisher noch nie auf einem Polizeirevier war«, sagte Franziska.

»Nein, sicher nicht«, entgegnete Lorenz lächelnd. »Warten Sie, ich werde mich informieren, an wen wir uns in Ihrem Fall wenden müssen.«

»Fragen Sie nach Thea Seeger. Ihre Tochter ist eine der Sprechstundenhilfen in der Praxis Norden. Sie hat mir Ihre Mutter empfohlen.«

»Alles klar, ich bin gleich wieder bei Ihnen«, sagte er und ging zum Tresen. Nachdem er mit der Polizistin gesprochen hatte, kam er zurück. »Frau Seeger ist im Haus. Wir sollen hier auf sie warten«, teilte er ihr mit.

Es dauerte auch nicht lange, bis Thea Seeger, eine gutaussehende Frau Anfang fünfzig im dunklen Hosenanzug und mit hochgestecktem Haar, die breite Steintreppe herunterkam. Sie ging, ohne zu zögern, auf Franziska zu und stellte sich ihr und Lorenz vor. »Meine Kollegin sagte mir, dass Sie an Krücken gehen, deshalb habe ich uns ein Zimmer hier unten reserviert. Unser Aufzug streikt mal wieder«, entschuldigte sie sich und bat die beiden, ihr zu folgen.

Das Büro, in das Thea sie führte, lag neben dem Treppenaufgang. Es war klein und stickig, die Regale waren mit Aktenordnern vollgestopft, und auf dem Schreibtisch lag ein Stapel Akten neben dem Computermonitor. Nachdem Thea das Fenster geöffnet hatte und frische Luft hereinströmte, bat sie Franziska und Lorenz auf den beiden Stühlen vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen.

»Obwohl auch wir bereits das digitale Zeitalter erreicht haben, sind bisher immer noch die ausgedruckten Akten rechtsverbindlich, was sich allerdings in den nächsten Jahren ändern wird. Bis dahin müssen wir mit diesem Papierwust leben«, seufzte Thea.

Sie setzte sich hinter den Schreibtisch, schob die Akten zur Seite und schaltete den Computer ein. »Es geht also um eine Fahrerflucht. Schildern Sie mir doch bitte den Hergang. Zuerst Sie als Betroffene«, wandte sie sich zuerst Franziska zu. Nachdem Franziska ihre Aussage gemacht hatte, wollte Thea von Lorenz wissen, wie sich der Unfall aus seiner Sicht abgespielt hatte. »Das heißt, Sie gehen beide davon aus, dass am Steuer dieses Sportwagens ein Mann saß, können diesen Mann aber nicht beschreiben und haben auch das Nummernschild nicht gesehen«, fasste sie am Ende zusammen, was sie gehört hatte.

»Damit lässt sich nicht viel anfangen, ich weiß«, sagte Franziska.

»Bedauerlicherweise nicht. Ich könnte zwar eine Halterabfrage auf der Grundlage des Sportwagenmodells machen, aber da ich weiß, dass gerade von diesem Modell im Raum München einige hundert Fahrzeuge in Schwarz herumfahren, wird das eine langwierige Angelegenheit. Außerdem ist nicht gesagt, dass dieser Wagen überhaupt in der Stadt angemeldet wurde.«

»Dann sollte ich diesen Vorfall wohl einfach vergessen«, stellte Franziska entmutigt fest.

»Nein, das sollten Sie nicht. Ich werde die Anzeige nicht gleich zu den Akten legen, sondern meine Kollegen vom Streifendienst bitten, auf diese Sportwagenmodelle zu achten. Sollte ihnen jemand mit einem verdächtigen Fahrstil auffallen, könnten sie ihn sich näher ansehen.«

»Was könnten Sie tun, wenn ich ernsthaft verletzt wäre oder den Unfall nicht überlebt hätte?«, wollte Franziska wissen.

»Nicht viel mehr. Die Befragung der Anwohner, die uns noch zur Verfügung stünde, hat ja bereits meine Tochter übernommen.«

»Das wusste ich gar nicht«, entgegnete Franziska verwundert.

»Bisher ist auch noch nichts Brauchbares dabei herausgekommen. Tut mir wirklich leid. Aber wie gesagt, ich werde Ihre Anzeige nicht einfach so unter den Tisch fallen lassen«, versicherte ihr Thea.

»Ich danke Ihnen«, sagte Franziska, und sie und Lorenz verabschiedeten sich von Thea.

»Ich habe noch ein bisschen Zeit und könnte einen Kaffee vertragen. Würden Sie mich begleiten?«, fragte Lorenz, nachdem sie das Polizeirevier verlassen hatten.

»Sie wollen sich mit einer Heulsuse wie mir in der Öffentlichkeit zeigen?«, entgegnete Franziska, weil sie nicht sicher war, ob er es wirklich ernst meinte oder nur höflich sein wollte.

»Mein Auto steht dort drüben, gehen wir«, sagte er lächelnd, ohne auf ihren Einwand einzugehen.

*

Bald darauf saßen sie in einem kleinen Café mit Blick auf die Isar. Die runden Tische, die Korbstühle mit ihren blauen Samtkissen und der hausgemachte duftende Apfelkuchen sorgten für eine gemütliche Atmosphäre.

»Sobald ich die Krücken los bin, werde ich an einer dieser Floßfahrten teilnehmen.« Franziska schaute dem breiten Floß nach, das mit gut gelaunten Touristen besetzt auf dem Wasser vorbeizog.

»Verraten Sie mir, wie Sie zu diesen Krücken gekommen sind?«, fragte Lorenz und trank einen Schluck von dem Cappuccino, den sie sich beide bestellt hatten.

»Das ist eine längere Geschichte.«

»Ich möchte sie gern hören.«

»Also gut, alles begann mit leichten Knieschmerzen, die ich eine Weile ignoriert habe«, sagte sie und erzählte ihm von ihren Arztbesuchen, der Operation und den Komplikationen danach.

»Oft sind Muskelverspannungen die Ursache der Knieschmerzen. Wurde das bei Ihnen im Vorfeld abgeklärt?«, wollte Lorenz wissen, nachdem er Franziskas Leidensgeschichte gehört hatte.

»Die Ärzte, die ich aufgesucht habe, sprachen immer nur von Abnutzung oder Verschleiß.«

»So ist es meistens, leider. Gehen Sie schon zur Krankengymnastik?«

»Nein, aber ich habe es vor. Könnte ich denn zu Ihnen kommen? Nehmen Sie noch neue Patienten?«, fragte sie ihn, weil sie diese Gelegenheit einfach nutzen wollte. Sie hatte von Bekannten gehört, dass es inzwischen in dieser Gegend auch schon schwierig war, einen Termin bei einem Physiotherapeuten zu bekommen.