Die neue Praxis Dr. Norden Staffel 3 – Arztserie - Carmen von Lindenau - E-Book

Die neue Praxis Dr. Norden Staffel 3 – Arztserie E-Book

Carmen von Lindenau

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Beschreibung

Barbara ist seit ein paar Monaten mit Georg zusammen. Als er für ein paar Tage geschäftlich nach Kanada fliegt, wird ihr klar, dass sie am liebsten den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen möchte. Aber diesen Wunsch behält sie für sich. Noch weiß sie nicht, ob Georg bereit für eine feste Bindung ist. Kurz nach seiner Rückkehr aus Kanada bekommt Georg Fieber und Schüttelfrost. Barbara bringt ihn in die Praxis Dr. Norden. Alles deutet auf einen grippalen Infekt hin. Daniel verschreibt ihm etwas gegen das Fieber. Barbara verspricht, sich um Georg zu kümmern. Doch Georg geht es dann eher noch schlechter, er klagt über Übelkeit und hat keinen Appetit mehr. Daniel hängt ihn an einen Tropf und erzielt eine mildernde Wirkung. Doch trotz Barbaras Pflege geht es Georg bald wieder schlechter. Er klagt über Kopf- und Rückenschmerzen. Dann kommt auch noch Atemnot hinzu. Daniel kann die Symptome nicht einordnen und weist Georg in die Klinik ein. Er bekommt dort Antibiotika, die nicht helfen. Barbara weicht Georg nicht von der Seite. Daniel ist äußerst besorgt um ihn, da die Ursache für seine Beschwerden noch immer nicht gefunden wurde. Von einem Freund erhält er einen wertvollen Tipp über die Krankheit, die Georg ernsthaft bedroht.

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Seitenzahl: 1155

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Inhalt

Eva unter Verdacht

Frau ohne Erinnerung

Gefühle wie ein Feuersturm

Eine allzu perfekte Mutter

Die Krankheit aus Amerika

Alles nur Lug und Trug?

Der Heiratsschwindler

Karen in Not

Als Eila verschwand

Die Vergiftung

Die neue Praxis Dr. Norden – Staffel 3 –

E-Book 21-30

Carmen von Lindenau

Eva unter Verdacht

Die schöne Erzieherin ist sich keiner Schuld bewusst

Roman von von Lindenau, Carmen

Olivia und Daniel waren sich einig darüber, dass Oda und Vincent erst nach ihrem zweiten Geburtstag in den Kindergarten gehen sollten. Bis dahin würden sie sich regelmäßig mit Freunden treffen, die gleichaltrige Kinder hatten, um gemeinsam mit ihnen etwas zu unternehmen. Da Kindergartenplätze aber wie überall knapp waren, sahen sie sich bereits ein paar Wochen nach der Geburt der Zwillinge nach zwei Plätzen um. Von dem Kindergarten in ihrem Stadtviertel, der nur ein paar Minuten von ihnen entfernt war, hatten sie bisher nur Gutes gehört und hatten deshalb für den Donnerstagabend einen Gesprächstermin mit Gerda Michelmann, der Kindergartenleiterin, vereinbart.

Der Kindergarten war in einem renovierten Altbau am Waldrand untergebracht. Das Haus mit den zwei Stockwerken lag inmitten eines Gartens mit alten Kastanien und Ahornbäumen. Es gab einen Spielplatz mit Sandkasten, Rutsche und Klettergerüsten. Im Erdgeschoss waren die Räume für die Jüngeren, der erste Stock war für die Vorschulkinder eingerichtet.

»Von Montag bis Donnerstag haben wir von 7 bis 18 Uhr geöffnet, an den Freitagen bis 15 Uhr. Eltern, die länger arbeiten müssen, haben Vereinbarungen mit Verwandten oder Freunden getroffen, die ihre Kinder gegebenenfalls abholen. Natürlich nur nach vorheriger Absprache mit uns. Wir übergeben die Kinder niemals an einen Fremden«, versicherte Gerda Michelmann Olivia und Daniel, als sie auf dem Sofa in der Besucherecke ihres Büros saßen. »Das ist eine Liste unserer Angebote. Wir bieten Englischkurse, Musikunterricht, Theaterkurse und später Vorschulunterricht. Die sportliche Ausbildung überlassen wir allerdings den Turnvereinen, bei uns sollen sich die Kleinen einfach nur ganz ungezwungen bewegen, entweder im Garten oder bei schlechtem Wetter in unserem Toberaum im Keller. Ich könnte Sie jetzt durch die Räumlichkeiten führen, falls Sie das möchten«, schlug Gerda schließlich vor.

»Sehr gern«, erklärten sich Daniel und Olivia mit der Führung auch sofort einverstanden.

Das, was sie sahen, gefiel ihnen. Die Räume waren alle hell und freundlich eingerichtet, hatten große Fenster und schöne Dielenböden. Die Tische und Stühle waren aus hellem Holz, und es gab reichlich Spielzeug, Bücher und Malbücher. Die Küche, in der das Frühstück und das Mittagessen zubereitet wurde, und die Sanitärräume waren sauber und hell.

»Darf ich vorstellen, Eva Lindner, eine unserer Erzieherinnen. Sie hat heute den Spätdienst übernommen«, machte Gerda Olivia und Daniel mit einer jungen Frau bekannt, die mit fünf Kindern im Vorschulalter in einem der Räume im ersten Stock auf dem Boden saß und ihnen aus einem Buch vorlas.

»Wir kennen uns, hallo, Doktor Norden« begrüßte Eva den jungen Arzt, den sie sich vor einigen Monaten als Hausarzt ausgesucht hatte, nachdem ihr bisheriger in den Ruhestand gegangen war.

»Hallo, Frau Lindner«, entgegnete Daniel freundlich. Es scheint ihr nicht gut zu gehen, dachte er. Trotz des Make-ups, das sie aufgetragen hatte, konnte er die tiefen Augenringe erkennen, die die schlanke junge Frau mit dem dunklen kurzen Haar offensichtlich zu verbergen versuchte. Aber er würde sie sicher nicht vor ihrer Chefin darauf ansprechen.

»Ich hoffe, unser Angebot und unsere Räumlichkeiten konnten Sie davon überzeugen, dass Ihre Kinder sich hier wohlfühlen werden. Selbstverständlich legen wir auch großen Wert auf die Fortbildung unserer Erzieherinnen. Wir alle arbeiten hier ausschließlich zum Wohl der Kinder«, versicherte Gerda Olivia und Daniel, nachdem sie den Raum, in dem sich Eva mit den Kindern aufhielt, wieder verlassen hatten und die schöne alte Holztreppe, deren Stufen ein wenig knarrten, in das Erdgeschoss hinuntergingen.

»Wir danken Ihnen für Ihre Zeit, Frau Michelmann. Wir geben Ihnen in den nächsten Tagen Bescheid, wie wir uns entschieden haben«, sagte Olivia.

»Lassen Sie sich aber nicht allzu viel Zeit, unsere Plätze sind äußerst gefragt«, entgegnete Gerda, die ein wenig enttäuscht schien, dass sie nicht gleich eine Zusage erhielt.

»Wie meine Frau schon sagte, wir melden uns in den nächsten Tagen«, schloss sich Daniel Olivia an.

Sie bedankten sich noch einmal für die Führung und verabschiedeten sich von Gerda. Da der Kindergarten nur etwa zwanzig Minuten zu Fuß von ihrem Haus entfernt war, hatten sie ihren Besuch dort mit einem Spaziergang verbunden. Jetzt auf dem Rückweg wollten sie noch ein paar Einkäufe erledigen. Es war kurz vor sechs, und die Geschäfte in der Fußgängerzone hatten alle bis sieben Uhr geöffnet.

»Hattest du auch den Eindruck, dass es Frau Lindner nicht gut geht?«, wollte Daniel von Olivia wissen, nachdem sie den Kindergarten verlassen hatten.

»Sie sieht schon ein bisschen mitgenommen aus, das stimmt. Aber vielleicht war sie auch einfach nur müde. Sie wird sich schon bei dir melden, falls sie ein Problem hat.«

»Das hoffe ich.«

»Darüber musst du gar nicht nachdenken. Deine Patienten vertrauen dir, mein Schatz«, sagte Olivia lächelnd und küsste Daniel zärtlich auf die Wange. »Und überhaupt, viel Schlaf bekommen wir im Moment auch nicht. Ich möchte nicht wissen, wie wir beide im Moment auf andere wirken.«

»Wir sind glückliche Eltern, das ist es, was die Leute sehen, wenn sie uns begegnen.«

»Das ist es auch, wenn ich in den Spiegel sehe, aber so ganz vertreibt das die Müdigkeit nicht«, seufzte Olivia. »In ein paar Wochen sind diese unruhigen Nächte aber vorbei, dann schlafen die Zwillinge nachts durch.«

»Dann werden wir aber erst einmal weiterhin hochschießen, um uns davon zu überzeugen, dass es ihnen gutgeht.«

»Das kann durchaus sein«, stimmte Olivia ihm lächelnd zu.

»Hallo, Doktor Norden, Frau Doktor Norden-Mai«, wurden sie gleich darauf von einer Frau im bunten Sommerkleid begrüßt, die ihnen in der Fußgängerzone entgegenkam.

»Hallo, Frau Meier, wie geht es Ihnen?«, fragte Daniel die rundliche Mittvierzigerin, nachdem er und Olivia stehen geblieben waren.

»Mir und meinem Mann geht es wieder gut, was wir Ihnen beiden zu verdanken haben. Sie haben die Krankheit meines Ferdis erkannt. Ohne Ihre Hilfe wären wir vermutlich nicht mehr zusammen.«

»Genauso ist es«, stimmte ihr der große starke Mann in dem blauweiß karierten Hemd zu, der mit einer kleinen weißen Papiertüte aus der Apotheke kam. »Ich bin wirklich sehr froh, dass wir Sie als unseren Hausarzt gewählt haben, Herr Doktor. Wer weiß, ob ein anderer Arzt ebenso schnell diese Diagnose gestellt hätte.«

»Die Hauptsache, es geht Ihnen wieder gut«, sagte Daniel. Ferdi Meier hatte an einer Pilzerkrankung gelitten, deren Auswirkungen ihn als alkoholkrank erscheinen ließen. Daniel und Olivia hatten die seltene Krankheit erkannt, und Ferdis Frau, die schon glaubte, ihr Mann würde den Alkohol ihr vorziehen, hatte ihre Ehe nicht länger in Gefahr gesehen.

»Ich halte mich auch genau an Ihre Anweisungen. Ich habe mir gerade wieder die Tabletten geholt, die ich noch ein paar Wochen nehmen soll«, sagte Ferdi und deutete auf die weiße Papiertüte, bevor er sie in einer seiner Hosentaschen verschwinden ließ.

»Es sind nur ein paar Aufbaupräparate. Sobald die Packung zu Ende ist, machen wir noch einmal ein großes Blutbild. Sollten dann alle Werte im grünen Bereich sein, müssen Sie sie nicht mehr einnehmen«, sagte Daniel.

»In Ordnung, ich komme pünktlich vorbei.«

»Wissen Sie, Gusti, Ferdis Tante, sagt immer, dass es auch für uns, die Leute hier in diesem kleinen verträumten Stadtteil von München ein großes Glück ist, dass Sie beide sich gefunden haben. Manchmal haben körperliche Probleme seelische Ursachen, oder seelische entstehen auf Grund eines körperlichen Leidens. In jedem Fall sind wir bei Ihnen an der richtigen Adresse. Nicht wahr, mein Schatz, du stimmst mir doch gewiss zu?«, wandte sich Frau Meier ihrem Mann zu.

»So ist es, mein Herzblatt, aber jetzt wollen wir den Herrn Doktor und die Frau Doktor nicht länger aufhalten.«

»Du hast recht, junge Eltern sind immer ein bisschen in Eile«, stimmte seine Frau ihm lächelnd zu, und sie und Ferdi verabschiedeten sich von Olivia und Daniel.

»Ein glückliches Paar«, stellte Olivia fest und schaute den beiden nach.

»Wir sind auch ein glückliches Paar, denke ich zumindest«, sagte Daniel.

»Nein, das weißt du«, entgegnete Olivia lächelnd und hakte sich bei ihm unter.

*

Wie immer am frühen Abend herrschte in der Fußgängerzone reges Treiben. Bewohner des Stadtteils, die in der Innenstadt arbeiteten, wollten auf dem Heimweg noch etwas einkaufen und hatten es immer ein bisschen eilig, weil sie endlich nach Hause wollten. Auch einige, die nicht mehr im Berufsleben standen, gingen um diese Uhrzeit gern einkaufen. Manchmal störten sich die Eiligen daran, weil es ihnen an den Kassen dann nicht schnell genug ging.

»Ich mag den Trubel am Abend, da spüre ich das Leben. Es tut mir leid, wenn die jungen Leute sich dann von mir gestört fühlen, aber ich brauche einfach dieses Gefühl, noch dazuzugehören«, hatte eine der alten Damen, die Olivias Gesprächstherapien im Seniorenheim besuchten, einmal zu ihr gesagt.

An diesem warmen Frühsommerabend waren aber offensichtlich alle, die in der Fußgängerzone unterwegs waren, bestens gelaunt. Der Himmel war noch strahlend blau, die Sonne schien, und die Blumen in den Steinkübeln, die die Eingänge der Geschäfte flankierten, verbreiteten ihren verführerischen Duft.

»Hallo, Doktor Norden, Frau Doktor Norden-Mai!«, wurden Daniel und Olivia immer wieder freundlich begrüßt.

Inzwischen war es für die beiden so gut wie unmöglich, nicht erkannt zu werden, wenn sie in diesem Stadtteil mit seinem eher dörflichen Charakter unterwegs waren. Die meisten Einheimischen wohnten schon seit mehreren Generationen in denselben Häusern und kannten sich gut. Den jungen Arzt und seine Familie hatten sie inzwischen mit Freude in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Sie gehörten zu ihnen.

Als Daniel und Olivia die Drogerie betraten, wurden sie gleich wieder von einigen Kunden herzlich begrüßt, und alle erkundigten sich nach den Zwillingen. Sie versicherten ihnen, dass die beiden sich prächtig entwickelten, während sie an den Regalen vorbeigingen und alles in den Einkaufswagen luden, was auf ihrem Einkaufszettel stand.

»Da schau her, diese Seife nehm ich auch am liebsten«, sagte eine füllige Blondinne in Caprihosen und weit ausgeschnittenem T-Shirt, die zur selben Zeit wie Olivia und Daniel das Regal mit den Seifen und Shampoos erreichte und die gleiche Flüssigseife in ihren Einkaufswagen packte, wie die beiden.

»Wir wechseln hin und wieder die Marke, Frau Dornsberg. Wir probieren gern auch mal etwas Neues aus«, entgegnete Olivia lächelnd.

»Freilich, das mach ich auch. Wenn wir schon die Auswahl haben, dann sollten wir sie auch nutzen«, sagte Frau Dornsberg und nahm auch noch die Flüssigseife einer anderen Firma aus dem Regal, während sie Daniel und Olivia nachschaute: »Mei, so ein schönes Paar«, murmelte sie.

Nachdem Daniel und Olivia ihre Einkäufe in der Drogerie erledigt hatten, machten sie sich auf den Weg zur Bäckerei Listner am Ende der Fußgängerzone. Bevor sie die Bäckerei betraten, wurde Daniel von einem älteren Mann mit welligem Haar und freundlichen dunklen Augen angesprochen.

»Verzeihen Sie die Störung, Herr Doktor, Frau Doktor«, wandte er sich auch Olivia kurz zu, bevor er wieder Daniel anschaute und ihn um ein kurzes Gespräch bat.

»Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Kerner?«, fragte Daniel Gerold Kerner, einen seiner Patienten, der wegen seiner Arthrose bei ihm in Behandlung war, die er aber mit Sport ganz gut im Griff hatte. Daniel hoffte, der besorgte Blick seines Patienten bedeutete nicht, dass er befürchtete, ernsthaft krank zu sein.

»Lass dir Zeit«, sagte Olivia und ließ Daniel mit seinem Patienten allein. Falls Gerold Kerner ein medizinisches Problem mit Daniel besprechen wollte, war es ihm sicher lieber, wenn er mit ihm allein reden konnte.

»Gehen wir ein paar Schritte«, schlug Daniel vor. Den meisten Menschen fiel es leichter, über unangenehme Dinge zu sprechen, wenn sie sich bewegten.

*

Die Bäckerei mit ihren weißblauen Wandfliesen, den Regalen und dem Verkaufstresen aus dunklem Holz war ein beliebter Treffpunkt für die Nachbarschaft. Sie war schon seit über 100 Jahren im Besitz der Familie Listner. Das Flair der längst vergangenen Zeit war noch immer zu spüren. Einer der Gründe, warum ihre Kunden nicht nur zum Einkaufen kamen. Der andere war die Kaffeetheke. Die aus dunklem Holz angefertigte Theke war vor dem Fenster angebracht und erlaubte den Kunden, die noch auf einen Kaffee blieben, um ein wenig mit den Nachbarn zu plaudern, einen weiten Blick auf die Fußgängerzone.

Der Verkaufsraum der Bäckerei war nicht sehr groß, und die Kunden und Kundinnen standen eng beieinander, als Olivia hereinkam. Eleonore Listner, die Frau des Bäckers, eine rundliche Mittfünfzigerin, stand wie immer gut gelaunt hinter dem Tresen und plauderte mit ihren Kunden. Die ältere Dame, in dem eleganten dunklen Kostüm und den halblangen silbergrauen Haaren, die gerade an der Reihe war, konnte mit dieser Freundlichkeit aber offensichtlich nicht viel anfangen.

»Zwei Weißbrote, wie immer, was denn sonst?«, fuhr sie Frau Listner an, nachdem sie sie nach ihren Wünschen gefragt hatte.

»Verzeihung, Frau von Lenfeld, aber Ihr Sohn hat jetzt schon einige Male eines unserer dunklen Brote gekauft. Ich dachte, Sie würden auch gern einmal etwas Neues …

»Papperlapapp, ich will nichts Neues ausprobieren. Zwei Weißbrote, und gut ist es.«

»Geh, Agathe, warum bist du denn in letzter Zeit so grantig?«, mischte sich eine Frau im hellblauen Trachtenkostüm in das Gespräch ein.

»Ich bin nicht grantig, ich habe es nur eilig. So ist das, wenn man noch mitten im Leben steht, Edelgard. Nicht jeder kann es sich mit seiner Rente bequem machen«, sagte Agathe von Lenfeld und betrachtete Edelgard mit einem herablassenden Blick.

»Schlecht geht es dir mit eurem Juwelierladen wohl nicht, und so eingespannt bist du dort auch nicht mehr.«

»Schon vergessen, was uns erst kürzlich zugestoßen ist?«, fuhr Agathe Edelgard an.

»Falls du von dem Raub sprichst, das Collier, das euch gestohlen wurde, ist doch wieder aufgetaucht. Ein echter Schaden ist euch also nicht entstanden.«

»Aber wir hatten jede Menge Unannehmlichkeiten. Und ganz nebenbei kümmere ich mich auch noch um meinen Enkel. Das dürfte wohl jedem hier bekannt sein.«

»Mei, vielleicht wird dir diese Aufgabe schon bald abgenommen. Ist es nicht das, was dich gerad so ärgert?«, fragte Edelgard schmunzelnd.

»Jetzt spricht sie wohl von der neuen Liebe deines Sohnes, die dir doch so gar nicht in den Kram passt, wie es heißt«, mischte sich eine hagere Frau im beigen Dirndl ein, die genau wie die anderen Kunden in der Bäckerei diesem Gespräch zwischen Edelgard und Agathe aufmerksam zuhörte.

»Was mir nicht in den Kram passt, wie du es nennst, Walburga, das hat auch keinen Bestand. Und jetzt kümmert euch um euren eigenen Kram«, herrschte Agathe die beiden an.

»Wer ist diese Liebe eigentlich wirklich? Ich meine, man sieht deinen Sohn ja immer mal wieder mit einer Frau. In letzter Zeit allerdings recht häufig mit …«

»Halte dich mit deinen Vermutungen zurück, da wird nie etwas sein. Hast du das verstanden, meine Liebe?«

»Geh, jetzt flipp doch nicht gleich so aus. Ein bissel mehr Gelassenheit würde dir das Leben erleichtern, Agathe«, entgegnete Walburga, die ungefähr so alt wie Edelgard war. »Vielleicht solltest du mal zum Yoga gehen«, riet sie Agathe.

Aber Agathe hörte nicht mehr zu. Sie nahm die beiden Weißbrote entgegen, die Frau Listner ihr reichte, bezahlte sie und verließ grußlos den Laden.

»Wieso seid ihr sie so angegangen?«, fragte Frau Listner Edelgard und Walburga, nachdem die Tür hinter Agathe zugefallen war.

»Ihr Standesdünkel muss erschüttert werden, sonst macht sie ihrem armen Sohn das Leben noch zur Hölle. Er hat so lange gebraucht, um über den Tod seiner Frau hinwegzukommen und jetzt hat er sich endlich wieder verliebt …«

»… und ihr passt die Frau nicht, weil sie nicht aus einem alten Adelshaus stammt«, setzte Edelgard Walburgas Erklärung für ihr beider Verhalten fort.

»Genauso ist es«, murmelten auch einige der anderen Kundinnen, die vor Olivia in der Reihe standen.

»Kann’s jetzt weitergehen?«, fragte Frau Listner in die Runde.

»Freilich, ich hätt dann gern ein Krustenvollkorn und sechs Brötchen«, sagte Edelgard.

Olivia hatte den Eindruck, dass sie die einzige in der Bäckerei war, die nicht wusste, wer diese Frau war, in die sich der Juwelier Elmar von Lenfeld verliebt hatte. Ich werde mich nicht an den Spekulationen, was gut oder schlecht für den Mann ist, beteiligen, deshalb werde ich auch nicht weiter nachfragen, dachte sie.

»Darf es noch etwas sein, außer dem Brot und den Brötchen?«, fragte Frau Listner, nachdem sie alles zusammengepackt hatte, was Edelgard hatte haben wollen.

»Ich hätt gern noch zwei Stück von dem Erdbeerkuchen, damit werd ich meinen Mann nach dem Abendessen überraschen«, sagte Edelgard. »Also dann, einen schönen Abend noch«, verabschiedete sie sich, nachdem Frau Listner ihr auch den Kuchen gereicht hatte und sie ihre Einkäufe bezahlt hatte.

»Wer ist denn als nächstes an der Reihe?«, fragte Frau Listner in die Runde.

»Ich!«, rief eine junge Frau in Jeans und T-Shirt.

»Was darf es denn sein, Ela?«, fragte Frau Listner und wandte sich ihrer Kundin zu, während die anderen, die noch im Laden waren, einen Blick auf einen der Flyer warfen, die auf der Kaffeetheke lagen und über die Sonderangebote der nächsten Woche informierten.

»Ein Kürbiskernbrot für Sie, Frau Doktor?«, wollte Frau Listner wissen, als Olivia ein paar Minuten später an der Reihe war.

»Ja, bitte, ein Kürbiskernbrot und drei Stück Blaubeerkuchen«, antwortete Olivia.

»Sehr gern, drei Stück von dem frischgebackenen Blaubeerkuchen. Ich pack ein extra großes Stück für Ihre Ophelia ein. Ich weiß doch, dass sie diesen Kuchen besonders gern mag«, entgegnete Frau Listner.

»Er ist sogar ihr absoluter Lieblingskuchen«, versicherte Olivia Frau Listner, die dieses Kompliment mit einem überaus zufriedenen Lächeln quittierte.

»Grüßen Sie Ihre Tochter von mir«, bat Frau Listner, als Olivia den Laden wenig später verließ.

»Das mache ich«, sagte Olivia.

*

»Macht dir das, was Herr Kerner dir gesagt hat, Sorgen?«, fragte Olivia, weil ihr Daniel so nachdenklich erschien, als sie mit ihrem Einkauf aus der Bäckerei kam.

»Ein wenig schon«, gab Daniel zu.

»Willst du darüber sprechen?«, fragte Olivia, als sie gleich darauf die Fußgängerzone verließen und in die Straße einbogen, in der sie wohnten.

»Ja, das würde ich gern tun.«

»Um was geht es?«, fragte Olivia, die den Einkaufskorb mit dem Brot und dem Kuchen über ihren rechten Unterarm gehängt hatte, während Daniel die beiden Stofftaschen mit dem Einkauf aus der Drogerie nach Hause trug.

»Grüß Gott, Herr Doktor, Frau Doktor!«, rief eine pummelige Mitsechzigerin im hellen Trachtenkostüm, die aus einer Seitenstraße kam und sich ihnen anschloss.

»Wir reden später weiter«, raunte Daniel Olivia zu, bevor sie sich Gusti Meier, Ferdis Tante, zuwandten.

»Vielen Dank für Ihre Hilfe, in unserer Familie herrscht wieder Frieden«, sagte Gusti. »Wir hatten schon alle befürchtet, dass der Ferdi und seine Frau nicht mehr miteinander auskämen, aber jetzt ist er wieder gesund, und die zwei verstehen sich besser als zuvor.«

»Wir haben die beiden vorhin getroffen. Sie scheinen wirklich wieder glücklich miteinander zu sein«, stimmte Olivia Gusti zu.

»Mei, so geht’s halt, wenn ein guter Arzt und eine gute Psychologin in der Nachbarschaft wohnen, die sich Zeit für unsere Sorgen nehmen. Wie geht es dem Nachwuchs? Alles gesund und munter?«, erkundigte sich Gusti nach den Zwillingen.

»Oda und Vincent geht es gut«, versicherte ihr Olivia.

»Vermutlich herrscht gerade recht viel Trubel bei Ihnen. Solange die Kinder nachts nicht durchschlafen, ist es für alle ein bissel anstrengend. Ich kann mich noch gut an die ersten Monate nach der Geburt meines Sohnes erinnern, die waren so etwas von anstrengend«, seufzte Gusti. »Also dann, einen schönen Abend noch«, verabschiedete sie sich wenig später vor Daniels und Olivias Haus und eilte mit einem zufriedenen Lächeln davon.

»Es duftet nach Blaubeerkuchen«, stellte Ophelia fest, die Daniel und Olivia gleich darauf die Tür aufhielt.

»Gutes Näschen«, entgegnete Olivia lächelnd und drückte ihrer Tochter den eingepackten Kuchen in die Hand, den sie in der Bäckerei Listner gekauft hatte. »Wie war es? Haben deine Geschwister dich sehr in Anspruch genommen?«, fragte sie.

»Nein, gar nicht, sie sind absolut perfekte Babys. Seht selbst«, sagte Ophelia und führte die beiden ins Wohnzimmer.

Oda und Vincent lagen umgeben von Stofftieren auf der weichen grünen Decke, die Ophelia auf dem Boden ausgebreitet hatte. Sie trugen beide blaue Hosen, weiße T-Shirts und weiße Söckchen und sahen vollkommen zufrieden aus.

»Ich habe ihnen Tee zu trinken gegeben, und ich habe sie gewickelt, das hat alles super geklappt.«

»Danke, Schätzchen, du machst das wirklich großartig«, lobte Olivia ihre Tochter.

»Das stimmt, du bist eine wundervolle große Schwester«, sagte Daniel und streichelte Ophelia über das Haar.

»Ich gebe mir Mühe«, entgegnete sie und konnte nicht ganz verbergen, dass sie dieses Lob ein wenig stolz machte. »Wie war es im Kindergarten?«, fragte sie.

»Wir hatten einen guten Eindruck, wir werden die beiden wahrscheinlich dort anmelden. Und jetzt kümmere ich mich um das Abendessen«, sagte Olivia.

»Okay, dann gehe ich ein bisschen telefonieren. Bis nachher, ihr Süßen!«, rief Ophelia ihren Geschwistern zu und lief die Treppe hinauf zu ihrem Appartement im Dachgeschoss.

»Und ich werde ein wenig Zeit auf dem Boden verbringen.«

»Du wirst was?«, fragte Olivia und sah Daniel überrascht an.

»Ich bin gleich zurück, ich wasche mir nur die Hände«, antwortete er schmunzelnd.

»Das hast du also gemeint, damit machst du deinen Kindern eine große Freude«, stellte Olivia fest, als Daniel zurückkam und sich zu den Zwillingen auf die Decke legte. Das Lächeln der Babys verriet, dass sie ihren Vater erkannten.

Er hatte sich auf den Bauch gelegt, betrachtete die beiden einen Moment lang und küsste dann zuerst Vincent und danach Oda auf den Bauch. Danach nahm er eines der Stofftiere, einen Pinguin in die Hand, bewegte ihn über die Decke und erzählte den Kindern die Geschichte eines kleinen Pinguins, der gemeinsam mit seinen Eltern zum ersten Mal im Eismeer schwimmt. »Auch wir werden euch das Schwimmen beibringen, aber da wir keine Pinguinfamilie sind, wird das nicht ausreichen, um ein glückliches Leben zu führen, da gibt es noch viel mehr. Eure Mama und ich werden euch begleiten und euch alles beibringen, was ihr braucht. Darauf dürft ihr euch immer verlassen«, versicherte Daniel seinen Kindern, nachdem er ihnen die Geschichte von dem kleinen Pinguin erzählt hatte.

Olivia stand währenddessen in der Küche und bereitete die Toastscheiben zu, die sie für das Abendessen geplant hatte, dabei hörte sie zu, wie Daniel mit den Zwillingen sprach. Er liebt seine Kinder, diese Liebe spiegelt sich in jedem Wort wider, das er an sie richtet, dachte sie.

Als sie eine halbe Stunde später mit ihm und Ophelia am Tisch in der großen hellen Wohnküche saß, die Zwillinge in ihrem Stubenwagen lagen, den sie in die Küche geschoben hatten, und Ortrud, die rotgetigerte Katze, sich neben dem Stubenwagen auf dem Boden ausstreckte, spürte sie eine wohlige innerliche Wärme. Sie hatte einen wundervollen Mann, eine bildhübsche Tochter, die ihr mit ihrem roten Haar und den hellen blauen Augen unglaublich ähnelte, und da waren die Zwillinge, zwei gesunde schöne Babys, an die sich inzwischen sogar Ortrud gewöhnt hatte, was sie damit zum Ausdruck brachte, dass sie ihre Nähe suchte. Manchmal ist das Glück so groß, dass man es kaum fassen kann, dachte sie und betrachtete ihre Familie mit einem liebevollen Lächeln.

*

Nach dem Abendessen zog sich Ophelia in ihr Zimmer zurück, um mit Freunden zu skypen. Olivia und Daniel versorgten die Zwillinge. Als sie schliefen, setzten sie sich mit einem Glas Eistee auf die Terrasse.

»Was hältst du von Frau Michelmann?«, wollte Olivia von Daniel wissen.

»Sie macht einen ziemlich geschäftstüchtigen Eindruck.«

»Ja, auf mich auch, aber das sollte nicht unbedingt die hervorstechende Eigenschaft einer Kindergartenleiterin sein.«

»Nein, eigentlich nicht«, stimmte Daniel ihr zu. »Andererseits ist sie für die Leitung des Kindergartens zuständig und hat keine eigene Gruppe, so wie sie uns erzählt hat. Von den anderen Erzieherinnen hast du aber bisher nur Gutes gehört.«

»Stimmt, das spricht für diesen Kindergarten. Außerdem ist das Haus schön gelegen, so direkt am Wald, und der Garten gefällt mir auch.«

»Ich denke, wir sollten uns erst einmal nicht zu viele Gedanken um den Kindergarten machen. Oda und Vincent werden nicht dort einziehen, sie werden nur ein paar Stunden am Tag dort verbringen. Da sie zu zweit sein werden, müssen wir uns ohnehin weniger Gedanken machen als andere Eltern. Sie werden aufeinander aufpassen.«

»Du meinst, wir sollten die Plätze gleich reservieren lassen?«, fragte Olivia.

»Wir können auch noch ein paar Tage warten.«

»Ich denke, das sollten wir auch tun. Vielleicht sehe ich mir den Kindergarten auch mal am Vormittag an, wenn dort richtig Betrieb ist. Und jetzt erzähle mir von Herrn Kerners Problem«, bat Olivia.

»Herr Kerner selbst hat kein Problem. Es geht um Eva Lindner.«

»Die Erzieherin aus dem Kindergarten?«

»Richtig, sie ist eine seiner Mieterinnen und wohnt in dem Appartement neben ihm. Sie hat sich im letzten Jahr, als er die Grippe hatte, um ihn gekümmert. Seitdem sind sie befreundet.«

»Herrn Kerner gehört doch das Sechsfamilienhaus gegenüber des Kindergartens.«

»So ist es. Er war vorhin gerade auf dem Weg in die Fußgängerzone, als wir in den Kindergarten hineingingen. Er wollte von mir wissen, ob wir Eva gesehen haben und ob uns aufgefallen sei, dass es ihr nicht gut geht.«

»Was hast du gesagt?«

»Dass wir sie nur kurz gesehen haben, aber nicht näher mit ihr gesprochen haben.«

»Weiß er, warum es ihr nicht gut geht?«

»Er denkt, es hat mit ihrer Beziehung zu einem Mann zu tun. Seine Mutter scheint sie nicht zu mögen, das macht ihr wohl so schwer zu schaffen, dass es körperliche Auswirkungen hat.«

»Wie heißt der Mann, mit dem sie zusammen ist?«

»Das hat er nicht gesagt, und ich habe ihn auch nicht danach gefragt.«

»Ich habe da so eine Ahnung.«

»Ach ja? Wer ist es?«

»Ich denke, Eva ist mit Elmar von Lenfeld zusammen.«

»Wie kommst du darauf?«

»Ich habe in der Bäckerei etwas gehört.«

»Ich bin schon sehr gespannt«, sagte Daniel, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah Olivia an.

»Frau von Lenfeld sollte sich darüber bewusst sein, dass sie am Ende allein dastehen wird, sollte sie sich weiter gegen die Frau stellen, die ihr Sohn liebt«, stellte Olivia abschließend fest, nachdem sie Daniel von ihrem Erlebnis in der Bäckerei erzählt hatte.

»Falls du richtig liegst, und Eva ist die Frau, die mit Elmar zusammen ist, dann kann ich verstehen, dass ihr das große Sorgen macht. Frau von Lenfeld ist sicher nur schwer von ihrer Meinung abzubringen.«

»Das befürchte ich auch. Wie werden wir wohl reagieren, wenn sich unsere Kinder in jemanden verlieben, der uns möglicherweise gar nicht gefällt?«

»Wir werden demjenigen eine Chance geben, weil wir davon ausgehen, dass unsere Kinder sich niemanden aussuchen, der ihnen nicht guttut«, sagte Daniel.

»Das hoffen wir, davon ausgehen können wir nicht. Liebe kann blind machen, das weißt du doch«, entgegnete Olivia lächelnd.

»Gut, dann hoffe ich eben, dass Oda und Vincent sich an ihrer großen Schwester orientieren. Mit Leander hat sie eine gute Wahl getroffen.«

»Es könnten auch noch andere kommen. Leander ist ihr erster fester Freund.«

»Es könnte doch trotzdem die einzige große Liebe sein.«

»Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass es so ist.«

»Aber ich mag Leander.«

»Ich weiß«, sagte Olivia und küsste Daniel zärtlich auf die Wange. Auch wenn Daniel nicht Ophelias Vater war, war er stets so besorgt um sie, als wäre er es.

»Das Wichtigste ist, dass Ophelia uns beiden vertraut, dann wird sie uns auch erzählen, in wen sie sich gerade verliebt hat, und hoffentlich auch von all den anderen Dingen, die für sie wichtig sind.«

»Es wird keine großen Geheimnisse geben«, erklärte Ophelia, die unbemerkt von ihnen auf die Terrasse gekommen war.

»Aber kleine schon, nehme ich an?«, fragte Olivia.

»Ja, schon, ein paar Geheimisse wird es geben, aber ich verspreche euch, wenn es um etwas Ernstes geht, werde ich mit euch bestimmt darüber sprechen. Ich vertraue euch nämlich tatsächlich.«

»Ja, mein Schatz, ich weiß«, sagte Olivia und zog ihre Tochter liebevoll auf ihren Schoss.

»Solltest du irgendwann eine Dummheit begehen, dann kannst du uns jederzeit um Hilfe bitten. Wir werden dir wieder heraushelfen, egal, um was es geht«, versicherte Daniel dem Mädchen.

»Ich hoffe, ich werde mit euch sprechen, bevor ich eine Dummheit begehe.«

»Das würde mich sehr freuen, mein Schatz«, sagte Olivia und streichelte Ophelia liebevoll über das Haar.

»Okay, damit wäre die Vertrauensfrage geklärt. Ich lass euch wieder allein. Ich wollte mir eigentlich nur etwas zu trinken holen. Ich bin noch in einer Skype-Konferenz«, ließ Ophelia Daniel und ihre Mutter wissen.

»Wir mussten uns in ihrem Alter noch aus dem Haus bewegen, wenn wir Freunde sehen wollten, heute schalten sie einfach den Computer ein«, erinnerte sich Olivia an ihre eigene Jugend.

»Dafür können wir uns aber gleichzeitig mit Freunden in der ganzen Welt unterhalten und sie dabei auch noch sehen«, schilderte Ophelia die Vorteile des Internets. »Ich bin sehr froh, dass ich heute leben, und ich bin echt dankbar, dass die Menschheit sich in den letzten hundert Jahren so schnell weiterentwickelt hat.«

»Das hat sie ohne Zweifel getan. Vor hundert Jahren kannten die Menschen gerade das Telefon und nur wenige konnten darüber verfügen«, sagte Daniel.

»Und vor 200 Jahren sind die Leute noch mit Kutschen gefahren«, meldete sich Olivia zu Wort.

»Was bedeutet, wir leben in einer äußerst interessanten Zeit. Vielleicht werden wir noch die Möglichkeit bekommen, zum Mars zu fliegen. Ich meine, wir alle, oder wenigstens die Zwillinge und ich«, fügte Ophelia hinzu. »Bis später, Leute, ich muss jetzt wirklich wieder los und mit meinen Freunden in Kalifornien und Norwegen sprechen«, verabschiedete sie sich und huschte ins Haus.

»Würdest du gern zum Mars fliegen?«, fragte Daniel Olivia.

»Ja, schon, und würdest du mitkommen?«

»Ich würde verrückt werden, wenn ich ohne dich hierbleiben müsste. Aber bis es so weit ist, können wir uns die Sterne von der Erde aus ansehen. Das finde ich auch immer wieder interessant.«

»Die Venus scheint heute besonders hell«, stellte Olivia fest, als sie an den Horizont schaute und den Abendstern betrachtete, der als erster Stern am Nachthimmel aufleuchtete.

»Vielleicht ist die Luft heute besonders klar.«

»Ja, vielleicht. Was ist?«, fragte Olivia lächelnd und wandte sich Daniel zu, weil sie spürte, dass er sie ansah.

»Ich schaue mir gern den Sternenhimmel an, aber noch viel lieber sehe ich dich an«, sagte er leise und streichelte zärtlich über Olivias Wange.

»Ich habe es gern, wenn du mich ansiehst«, antwortete sie und hielt seinen Blick fest.

»Wollen wir schlafen gehen?«, fragte Daniel.

»Ja, bitte, lass uns schlafen gehen«, sagte sie.

*

»Wir sind heute Morgen schon wieder gut besetzt«, ließ Sophia, eine zierliche junge Frau mit blondem langem Haar, Daniel wissen, als er am nächsten Morgen in die Praxis kam.

Sophia und ihre Kollegin Lydia standen in ihrer Praxiskleidung, weiße Jeans und türkisfarbene T-Shirts, hinter dem weißen Tresen in der Empfangsdiele, nahmen Telefongespräche entgegen und trugen die eintreffenden Patienten in eine Liste ein, die Daniel auf dem Computer in seinem Sprechzimmer aufrufen konnte.

»Wir fangen am besten gleich an«, sagte Daniel. Er warf einen kurzen Blick in das Wartzimmer mit seinen gelben Sesseln und den hochgewachsenen Grünpflanzen, das nur durch eine Glaswand von der Empfangsdiele getrennt war. »Wann ist Frau Lindner an der Reihe?«, fragte er, als er Eva unter den Patienten entdeckte.

»Sie ist heute die erste Patientin«, antwortete ihm Lydia. »Ihr scheint es wirklich nicht gut zu gehen. Sie kann kaum aufrecht stehen. Sie sagt, es sei der Magen.«

»Ich werde mich gleich um sie kümmern.«

»Aber zuerst die Rezepte unterschreiben«, bat Lydia und legte einen Rezeptblock vor Daniel auf den Tresen. So musste sie ihn nicht wegen der Dauerrezepte, die ihre Patienten abholen wollten, während der Sprechstunde stören. »Gut, das war es, fangen wir an«, sagte Daniel, reichte Lydia den Rezeptblock und machte sich auf den Weg zu seinem Sprechzimmer.

»Guten Morgen, die Damen!«, rief Gusti Meier gut gelaunt, die kurz darauf die Praxis betrat.

»Guten Morgen, Frau Meier«, antworteten Lydia und Sophia mit einem freundlichen Lächeln.

»Falls Sie zum Herrn Doktor wollen, brauchen Sie heute ein wenig Geduld. Das Wartezimmer ist schon recht voll«, klärte Lydia Gusti auf.

»Ich möcht heut nur ein Rezept abholen. Die Blutdrucktabletten von meinem Mann gehen bald zu Ende«, sagte Gusti und legte das Versicherungskärtchen ihres Mannes auf den Tresen.

»Ich kümmere mich darum«, entgegnete Lydia und scannte das Kärtchen in ihre Datenbank ein.

»Geh, die Eva Lindner ist auch hier. Das Madl schaut aber schlecht aus«, stellte sie fest, als sie ins Wartezimmer schaute und Eva entdeckte, die in sich zusammengesunken in einem Sessel am Fenster saß.

»Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie viele Leute Sie kennen, Frau Meier«, sagte Lydia, als sie Gusti die Versicherungskarte und das ausgefüllte Rezept reichte.

»Ich komm halt viel herum und habe eine gesellige Natur. Ich find es schön, zu wissen, wer meine Nachbarn sind und wie es ihnen geht. Ich leb halt gern in einer großen Gemeinschaft, wo sich die Menschen umeinander kümmern.«

»So möchte wohl jeder gern leben«, stimmte Lydia ihr zu. »Leider funktioniert das in großen Städten meistens nicht.«

»Bei uns schon, weil wir so ein kleiner gemütlicher Teil einer Großstadt sind«, entgegnete Gusti. »Mei, so wie das Madl ausschaut, macht ihr ihre Situation mehr zu schaffen, als sie es vielleicht selbst glaubt«, mutmaßte Gusti, als sie sich wieder Eva zuwandte. »Nun gut, ich geh dann mal. Ein schönes Wochenende für euch beide«, verabschiedete sie sich und ging ebenso fröhlich, wie sie gekommen war, wieder davon.

»Was meint sie mit Eva Lindners Situation?«, fragte Lydia, während sie Gusti nachschaute.

»Keine Ahnung«, antwortete Sophia achselzuckend. »Aber genug geplaudert, ich werde dann mal mit den Blutentnahmen beginnen. Frau Grosser, bitte ins Labor«, rief sie ihre erste Patientin an diesem Morgen über den Lautsprecher auf und ging schon voraus ins Labor.

»Gehen Sie einfach durch, Frau von Arnsfeld erwartet Sie«, sagte Lydia, als Frau Grosser, eine Frau Mitte vierzig, die ein helles Sommerkleid und Turnschuhe trug, aus dem Wartezimmer kam und erst einmal am Tresen stehen blieb.

»Ist recht«, antwortete Frau Grosser und ging weiter.

Gleich darauf hörte Lydia, wie Daniel Eva Lindner durch den Lautsprecher im Wartezimmer aufrief, zu ihm zu kommen. In diesem Zustand kann sie den Tag im Kindergarten sicher nicht überstehen, dachte sie, als Eva sie kurz mit einem gequälten Lächeln ansah, als sie auf dem Weg zum Sprechzimmer am Tresen vorbeikam.

»Praxis Daniel Norden, wie kann ich Ihnen helfen?«, meldete sich Lydia, als das Telefon läutete und sie aus ihren Gedanken riss. »Wir sind heute schon ziemlich gut besucht. Wenn Sie heute noch zum Herrn Doktor wollen, dann müssen Sie Geduld mitbringen«, erklärte sie dem Patienten, der wissen wollte, ob er an diesem Vormittag noch vorbeikommen konnte. »Das könnte heute mal wieder länger dauern«, murmelte sie, nachdem sie aufgelegt hatte. Es gab so Tage, da wollte der Patientenstrom einfach nicht nachlassen, und heute schien so ein Tag zu sein.

*

»Was kann ich für Sie tun, Frau Lindner?«, fragte Daniel mit einfühlsamer Stimme, nachdem Eva auf einem der beiden Stühle vor seinem Schreibtisch Platz genommen hatte.

»Mir geht es seit einigen Tagen nicht gut, Herr Doktor. Ich habe ständig Kopfschmerzen, und seit gestern sind auch noch Magenschmerzen hinzugekommen.«

»Ist Ihnen übel?«

»Nein, da ist nur so ein Ziehen.«

»Haben Sie Fieber?«

»Nein, bisher nicht. Mit Fieber wäre ich auch nicht in den Kindergarten gegangen. Aber mit diesen Schmerzen kann ich mich auch nicht um die Kinder kümmern.«

»Dann sollten wir herausfinden, was Ihnen fehlt.«

»Ich hoffe, es ist nichts Ernstes. Herr Kerner, mein Vermieter und väterlicher Freund, hat mich gestern Abend zu einem Glas Wein eingeladen und mir eröffnet, dass er sich Sorgen um mich macht. Er hat mich gebeten, mich von Ihnen untersuchen zu lassen. Im Kindergarten haben mich auch schon einige Kinder gefragt, ob ich nicht gut schlafe. Daraus kann ich wohl schließen, dass ich wirklich krank aussehe.«

»Schlafen Sie denn tatsächlich schlecht?«, fragte Daniel und sah Eva aufmerksam an.

»Ich kann nur schwer einschlafen und wache nach zwei drei Stunden wieder auf. Mir geht einfach zu viel durch den Kopf.«

»Was belastet Sie denn?«, fragte Daniel, als er sah, wie Eva nervös am Saum der roten Bluse zupfte, die sie zu einer hellblauen Jeans trug, und schließlich ihre Hände ineinander verkrampfte. Offensichtlich kostete es sie Überwindung, über ihre Sorgen zu sprechen.

»Ich bin mit Elmar von Lenfeld zusammen, den ich sehr liebe, aber seine Mutter ist mit seiner Wahl nicht einverstanden. Sie straft mich mit Missachtung.«

»Das tut mir sehr leid. Was unternimmt Herr von Lenfeld dagegen?«, fragte Daniel. Olivia hatte also recht mit ihrer Vermutung, dass Eva und Elmar ein Paar waren.

»Elmar versucht ihr klarzumachen, dass es allein seine Entscheidung ist, in wen er sich verliebt. Aber das lässt sie nicht gelten, sie meint, er sei ihr etwas schuldig, und das ist für sie gleichbedeutend mit einer standesgemäßen Heirat.«

»Sie hat sich seit dem Tod seiner Frau vor zwei Jahren um ihren Enkel Anton gekümmert. Ist das die Rechnung, die sie aufmacht?«

»Richtig, sie betont aber auch ihre Unterstützung für den Juwelierladen, in der Zeit, als Elmar noch in einem seelischen Tief steckte, weil er den Tod seiner Frau nicht überwinden konnte.«

»Ich nehme an, dass Elmar von Lenfeld sich von seiner Mutter aber trotzdem nicht vorschreiben lassen wird, mit wem er sein Leben verbringt.«

»Er hat mir versichert, dass das nicht passieren wird. Aber Agathe macht es uns wirklich schwer. Sie geht mir aus dem Weg und tut so, als existierte diese Verbindung zwischen Elmar und mir nicht. Sie hat sich wohl eingeredet, dass ihr Sohn sich für eine Jugendfreundin, eine Frau aus ihren Kreisen, entscheiden würde, und jetzt ist sie enttäuscht.«

»Was ist mit Anton? Weiß er denn Bescheid?«

»Er weiß, dass sein Vater und ich befreundet sind. Wir haben auch schon einige Male etwas zu dritt unternommen. Aber ich denke nicht, dass ihm bewusst ist, was diese Beziehung wirklich bedeutet.«

»Hat sich denn sein Verhalten Ihnen gegenüber verändert?«

»Ich habe den Eindruck, dass er hin und wieder meine Nähe sucht, was darauf hindeutet, dass er möglicherweise etwas mehr weiß, als wir glauben.«

»Wenn er Ihre Nähe sucht, dann heißt das auch, dass er Sie mag.«

»Das sehe ich auch so, und Frau von Lenfeld hat das wohl auch schon bemerkt. Als sie Anton vorgestern vom Kindergarten abholte, sagte sie zu mir, dass ich das Kind beeinflusse und es gegen sie aufbrächte. Aber das mache ich nicht. Ich würde gegenüber Anton nie etwas Schlechtes über seine Großmutter sagen.«

»Wenn Elmar von Lenfeld sie liebt, dann wird er zu Ihnen stehen, egal, was seine Mutter sich einfallen lässt«, versicherte Daniel Eva, als er sah, dass sie mit den Tränen kämpfte. Es wunderte ihn nicht, dass sie in ihrer Lage unter Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Magenschmerzen litt.

»Elmars Frau stammte aus einer einflussreichen Bankiersfamilie. Sie war Agathe auch ohne Adelstitel willkommen. Die Frau, die sie sich nun als Stiefmutter für Anton wünscht, hat einen Adelstitel und ist die Erbin einer internationalen Juwelierkette. Wenn sie und Agathe von Lenfeld sich verbünden, dann bin ich nicht sicher, ob Elmar das aushält.«

»Darf ich Ihnen einen Rat geben?«, fragte Daniel.

»Aber ja, natürlich«, sagte Eva. Sie wischte ihre Tränen mit dem Handrücken trocken und sah Daniel an.

»Sie und Elmar von Lenfeld sollten sich eine kleine Auszeit nehmen. Machen Sie einen Ausflug in die Berge, das hilft den Kopf freizubekommen und neue Lösungen zu finden.«

»Das würde ich auch gern tun, aber Elmar hat im Moment so viel zu tun. Er wird kommenden Montag für eine Woche nach Südafrika fliegen, um sich mit Geschäftspartnern zu treffen.«

»Sagen Sie ihm, wie sehr sie unter der momentanen Situation leiden. Ich bin sicher, er wird sich diese Zeit nehmen, wenn ihm bewusst wird, was Sie gerade durchmachen.«

»Ich werde es ihm vorschlagen. Danke, dass Sie mir zugehört haben. Es geht mir danach schon ein bisschen besser.«

»Das freut mich, Frau Lindner. Ich gehe zwar davon aus, dass Ihre Beschwerden psychischer Natur sind, aber ich will sicher sein, dass Ihnen körperlich auch wirklich nichts fehlt. Nehmen Sie bitte auf der Untersuchungsliege Platz«, bat Daniel und deutete auf die weiße Liege, die neben der schönen alten Standuhr aus rotem Ahornholz stand.

Nachdem Daniel Evas Herz und Lunge abgehört, ihren Blutdruck überprüft, ihre Organe abgeklopft und in ihren Hals geschaut hatte, um mögliche Entzündungen auszuschließen, versicherte er ihr, dass er nichts finden konnte, was auf eine körperliche Krankheit hinwies. »Ich würde Ihnen aber gern noch Blut abnehmen, um ganz sicher zu sein, dass wir nichts übersehen«, sagte er, als Eva sich wieder auf einen Stuhl vor seinen Schreibtisch gesetzt hatte, während er das Ergebnis der Untersuchung in Ihr Patientenblatt eintrug. »Ich schreibe Ihnen ein pflanzliches Beruhigungsmittel auf, das Ihnen helfen wird, die Symptome zu lindern, die der Stress bei Ihnen verursacht. Sollten die Magenschmerzen in zwei drei Tagen aber nicht abnehmen, kommen Sie bitte noch einmal zu mir, dann machen wir einen Ultraschall«, bat er sie und griff zum Telefon, um Sophia im Labor Bescheid zu geben, dass Eva gleich zu ihr kommen würde.

»Erst einmal vielen Dank, Doktor Norden«, bedankte sich Eva, als sie das Rezept entgegengenommen hatte und Daniel sie zur Tür des Sprechzimmers begleitete.

»Morgen ab zehn Uhr können Sie das Ergebnis der Blutuntersuchung telefonisch abfragen. Passen Sie auf sich auf, Frau Lindner«, verabschiedete er sich von Eva und nickte ihr noch einmal aufmunternd zu, bevor er die Tür hinter ihr schloss. Hoffentlich hält Elmar von Lenfeld Eva nicht deswegen hin, weil er es nicht wirklich ernst mit ihr meint, dachte Daniel, als er zurück zu seinem Schreibtisch ging, um auf der aktuellen Patientenliste nachzusehen, wer als nächster an der Reihe war.

*

Eva hatte die Tabletten, die Daniel ihr verschrieben hatte, gleich in der Apotheke abgeholt und zwei davon eingenommen. Im Laufe des Vormittags ging es ihr dann auch zusehends besser. Es kostete sie nicht mehr so viel Anstrengung, mit den Kindern zu spielen wie in den letzten Tagen. Anton von Lenfeld gehörte an diesem Nachmittag zu den Kindern, die zuletzt abgeholt wurden. Die anderen Erzieherinnen waren schon gegangen, auch Gerda Michelmann hatte sich bereits verabschiedet. Eva wartete mit den Kindern im Garten, bis ihre Eltern sie abholten.

Sie saß auf einer Bank in der Sonne und behielt die Kinder im Auge, die durch den Sandkasten mit der Rutschbahn und dem Klettergerüst tobten. Ein sanfter Wind bewegte die Äste der beiden alten Kastanien, die den Sandkasten beschatteten. Eva hoffte, dass Elmar seinen Sohn abholen würde, dann hätte sie ihn gleich fragen können, ob er diesen Ausflug in die Berge möglich machen könnte, aber es war Agathe, die ihren Enkel abholte.

»Hallo, Oma!«, rief Anton und lief seiner Großmutter entgegen, als sie das Grundstück betrat.

»Na, mein Schatz, wie geht es Dir? Hattest du einen schönen Tag?«, fragte Agathe, die in ihrem dunklen Kostüm und dem grauen streng zurückgekämmten Haar unnahbar, wie immer, wirkte.

»Ja, es war schön. Wir haben Zoo gespielt. Wir waren alle Tiere. Ich war eine Eule«, erzählte Anton voller Stolz.

»Ihr wart Tiere? Wer denkt sich denn so etwas aus?«, fragte Agathe und schüttelte missbilligend den Kopf.

»Eva hat sich das ausgedacht, das war ein super schönes Spiel, Oma«, versicherte Anton seiner Großmutter.

»Welchen pädagogischen Zweck verfolgen Sie mit diesem Unsinn?«, wollte Agathe von Eva wissen, die von der Bank aufgestanden war und ihr ein paar Schritte entgegenkam.

»Das ist kein Unsinn, Frau von Lenfeld. Die Kinder versetzen sich in ein anderes Lebewesen und lernen, welche Bedürfnisse dieses Lebewesen hat«, erklärte ihr Eva den Sinn dieses Spiel.

»Mein Enkel ist vier Jahre alt, er muss erst einmal das Wesen eines Menschen begreifen, bevor er sich mit dem der Tiere befasst. Und wie siehst du eigentlich aus? Achtet hier niemand auf eure Kleidung?«, fragte sie, streifte Eva mit einem zurechtweisenden Blick, bevor sie sich zu Anton hinunterbeugte und das grüne T-Shirt, das er trug, in den Bund seiner roten Jeans stopfte. »Komm, gehen wir«, sagte sie und nahm den kleinen Jungen mit dem hellblonden Haar an die Hand.

»Ich will Eva noch auf Wiedersehen sagen«, erklärte der Junge.

»Es ist gut, Anton, komm jetzt, bitte!«, rief Agathe ungeduldig, als das Kind heftig Evas Hand schüttelte und sie dabei voller Bewunderung anschaute.

»Ich bin gern in deiner Gruppe, Eva«, sagte Anton, bevor er Evas Hand losließ und zu seiner Großmutter zurücklief.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ Agathe mit ihrem Enkel den Kindergarten. Sie wird mich niemals akzeptieren, dachte Eva und sofort krampfte sich ihr Magen wieder zusammen.

Eine Viertelstunde später waren alle Kinder abgeholt, und sie konnte sich auf den Heimweg machen. Das Haus, in dem sie seit zwei Jahren wohnte, war über hundert Jahre alt. Nach seiner Renovierung vor drei Jahren waren die ursprünglichen drei Vierzimmerwohnungen in sechs Zweizimmerwohnungen mit Balkon umgewandelt worden.

Eva hatte die Wohnung im ersten Stock gleich bei der ersten Besichtigung gefallen, da sie bereits ihren Vertrag als Erzieherin im Kindergarten gleich gegenüber in der Tasche hatte, war sie wirklich froh, dass Herr Kerner ihr die Wohnung vermietete.

Die großen Fenster in dem Treppenhaus mit den stuckverzierten Wänden und der Treppe aus hellem Kiefernholz sorgten für viel Licht. Eva fühlte sich stets sofort zu Hause und geborgen, sobald sie die Haustür aufschloss. Sie hatte gerade ihre Wohnung erreicht, als ihr Handy klingelte. Es war Elmar.

»Hallo, mein Schatz, wollen wir uns heute Abend in der Stadt treffen? Um acht am Stachus?«, fragte er.

»Du könntest auch zu mir kommen. Ich habe heute keine Lust, auszugehen. Ich koche etwas für uns«, schlug sie ihm vor.

»In Ordnung, dann bin ich um acht bei dir.«

»Bis dann«, sagte Eva. Sie wollte einen gemütlichen Abend mit ihm allein verbringen und ihm den Ausflug in die Berge vorschlagen.

Sie hatte noch gut zweieinhalb Stunden Zeit, bis Elmar da sein würde. Sie wollte die Zeit für die Hausarbeit nutzen. Zuerst ging sie ins Wohnzimmer, schüttelte die grünen Kissen auf, die auf dem gelben Ecksofa lagen, wischte mit dem Staublappen über die Bretter des weißen Bücherregals und den weißen Tisch vor dem Sofa. Danach ging sie ins Schlafzimmer, wischte auch dort Staub, auf dem Bettrahmen und dem Kleiderschrank. Als sie damit fertig war, kümmerte sie sich um die Küche. Der weiße Küchenblock mit der Arbeitsplatte aus dunklem Holz, der runde Tisch mit den vier bequemen Polsterstühlen, alles war sauber und aufgeräumt. Hier gab es nichts zu tun, da sie die Küche immer gleich putzte, nachdem sie sie benutzt hatte. Auch das kleine Bad mit den weißen Sanitärobjekten und den schwarzen Armaturen war wie immer aufgeräumt und sauber. Um ihren Wohnungsputz abzuschließen, saugte sie die Dielenböden in den beiden Zimmern und wischte die Bodenfliesen in Küche und Bad.

Nachdem sie die Hausarbeit erledigt hatte, stellte sie sich unter die Dusche, zog eines ihrer hübschen Sommerkleider an, das weiße mit dem Veilchenmuster, band sich eine Schürze um und ging die Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Elmar liebte deftige Kartoffelaufläufe, und den sollte er auch bekommen.

Als Elmar um Punkt acht an der Tür läutete, stand der mit würzigem Käse überbackene Auflauf und der grüne Salat, den es dazu gab, schon auf dem Tisch in der Küche.

»Hier duftet es köstlich«, stellte Elmar fest, als er Eva in die Küche folgte.

»Das hoffe ich doch, schließlich habe ich für dich gekocht«, sagte sie und küsste ihn zärtlich auf die Wange. »Setz dich, möchtest du ein Glas Bier?«

»Sehr gern«, sagte Elmar und setzte sich auf einen der beiden Stühle, während Eva eine Flasche Hefeweizen aus dem Kühlschrank nahm, sie öffnete und zwei Biergläser damit füllte.

»Anton hat mir heute gesagt, dass er gern in meiner Gruppe ist«, erzählte sie ihm lächelnd von Antons Kompliment.

»Er ist nicht nur gern in deiner Gruppe, er hat dich gern.«

»Wenn es so ist, dann wäre es doch schön, wenn du ihm endlich die Wahrheit sagen würdest. Deine Mutter war heute wieder total abweisend mir gegenüber, als sie Anton vom Kindergarten abgeholt hat. Das spürt er ganz sicher, und er wird sich fragen, warum das so ist.«

»Das Verhalten meiner Mutter tut mir leid, Eva. Ich hoffe, dass sie endlich einsieht, dass es sie nicht weiterbringt.«

»Das hoffe ich auch. Wie war dein Tag?«, fragte Eva und wechselte das Thema, nachdem sie die Gläser auf den Tisch gestellt hatte und sich auf den Stuhl gegenüber Elmar setzte.

»Seit dem Raub neulich kommen mehr Kunden zu uns, als zuvor. Einige fühlen sich offensichtlich von diesem Ereignis angezogen.«

»Der Ort des Verbrechens erscheint ihn eben interessant.«

»Glücklicherweise war es ein unblutiges Ereignis, ansonsten wären die Leute wohl unserem Geschäft eher ferngeblieben.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher. Die Menschen lieben Sensationen. Ich denke, sie wären erst recht gekommen, nur um ihren Freunden und Bekannten erzählen zu können, dass sie ein Schmuckstück bei dir gekauft haben.«

»So schätzt du deine Mitmenschen ein?«

»Ja, schon«, entgegnete Eva lächelnd. »Wir sind doch alle abenteuerlustig, und wenn wir selbst keine Abenteuer erleben, nehmen wir eben an den Abenteuern der anderen teil, auch wenn diese Teilnahme nur in unserer Vorstellung stattfindet. Apropos Abenteuer, wie wäre es, wenn wir am Sonntag einen Ausflug in die Berge machen?«

»Gibt es dafür einen bestimmten Anlass?«

»Brauchen wir den?«

»Nein, eigentlich nicht. Weißt du was, wir könnten schon am Samstagabend nach Geschäftsschluss losfahren und in einer Berghütte übernachten. Was hältst du davon?«

»Das wäre großartig«, stimmte Eva ihm sofort zu. »Was ist mit Anton, würde ihm so ein Ausflug gefallen? Wir könnten diesen Tag nutzen, um ihm die Wahrheit zu sagen.«

»Das würde sich anbieten. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es in einer fremden Umgebung leichter wäre, ihm von uns zu erzählen.«

»Weil seine Großmutter mal nicht in der Nähe wäre, die gleich wieder einhaken könnte, um ihn zu verunsichern.«

»Das wäre ein guter Grund, das gebe ich zu. Aber an diesem Wochenende kann Anton nicht mit uns kommen. Die Eltern seiner Mutter holen ihn morgen früh ab. Sie fahren zu Verwandten nach Zürich und wollen ihn mitnehmen. Er liebt seine Großeltern, und ich befürworte es, dass sie dafür sorgen, dass er den Kontakt zur Familie seiner Mutter nicht verliert.«

»Das solltest du auch weiterhin unterstützen. Wir werden den Ausflug mit Anton verschieben, aber wir beide fahren in die Berge.«

»Ja, unbedingt, ich freue mich auf diesen Ausflug mit dir«, versicherte ihr Elmar.

»Ehrlich gesagt, dachte ich, du würdest mich mit diesem Ausflug vertrösten, weil du doch deine Reise vorbereiten musst«, gab sie zu, wovon sie ausgegangen war.

»Meine Reisevorbereitungen sind abgeschlossen. Ich hatte sowieso geplant, das ganze Wochenende mit dir zu verbringen.«

»Wenn das so ist, dann sollten wir uns gleich nach dem Essen eine Hütte suchen, die wir noch auf die Schnelle über das Internet buchen können«, schlug Eva vor.

»So machen wir es«, sagte Elmar, und dann ließ er sich erst einmal den Auflauf schmecken, den Eva für ihn zubereitet hatte.

Nach dem Essen gingen sie auf den Balkon und setzten sich auf das Rattansofa mit dem elfenbeinfarbenen Polster. Eva schaltete den Laptop ein, der vor ihnen auf dem runden Tisch stand, und sie machten sich auf die Suche nach einer Berghütte, die sie noch kurzfristig buchen konnten.

*

Daniel hatte das Bedürfnis mit Olivia über Evas Besuch in seiner Praxis zu sprechen. In seiner Mittagspause hatte er, wegen der anstehenden Hausbesuche, keine Gelegenheit dazu gefunden. Am Abend hatte er dann gewartet, bis die Zwillinge schliefen und Ophelia mit ihrer Freundin Nicole, die bei ihr übernachtete, hinauf in ihr Zimmer gegangen war.

Er und Olivia setzten sich in die Hollywoodschaukel auf der Terrasse, tranken Eistee und beobachteten das Sperlingspärchen, das auf dem Ast einer Birke saß und fröhlich zwitscherte. Sie genossen beide für einen Augenblick die Ruhe, die sich um diese Uhrzeit immer in der Nachbarschaft einstellte.

»Eva Lindner war heute bei mir«, sagte Daniel, als die Sonne den Himmel in rotviolette Farben tauchte. »Du hattest recht, sie ist die Frau, in die sich Elmar von Lenfeld verliebt hat.«

»Ich bin wirklich gut oder?«, fragte Olivia schmunzelnd.

»Ja, mein Schatz, das bist du«, sagte Daniel. Er legte seinen Arm um sie und zog sie zärtlich an sich.

»Hat Herr Kerner Eva dazu gebracht, zu dir zu kommen?«, fragte Olivia und lehnte ihren Kopf an Daniels Schulter.

»Er hat ihr gesagt, dass er sich Sorgen um sie macht.«

»Wie geht es ihr?«

»Ich habe zwar noch eine Blutuntersuchung angeordnet, aber ich denke, dass sie körperlich gesund ist. Im Moment jedenfalls noch. Wie wir beide wissen, kann dauerhafter Stress irgendwann auch körperlich krank machen.«

»Hat sie sich über Elmars Mutter geäußert?«

»Ja, allerdings, Frau von Lenfeld macht ihr das Leben ausgesprochen schwer«, sagte Daniel und erzählte Olivia, was er von Eva erfahren hatte.

»Agathe wird nicht so schnell aufgeben, da stimme ich Eva zu. Elmar sollte seiner Mutter noch einmal nachdrücklich klar machen, dass er zu Eva steht.«

»Hoffen wir, dass er stark genug ist, sich seiner Mutter zu widersetzen.«

»Sollte er es nicht sein, dann hat seine Beziehung zu Eva leider keine Chance.«

»Ich befürchte, damit hast du recht«, stimmte Daniel Olivia zu. »Bleibt noch zu hoffen, dass Agathe ihren Enkel nicht gegen Eva aufbringt.«

»So ein Versuch könnte für sie schlecht ausgehen. Anton ist vier Jahre alt und kann noch nicht alles in die richtigen Worte fassen, aber er spürt die Zuneigung seines Vaters zu Eva. Sollte sich Agathe gegen Eva stellen, könnte er daraus schließen, dass sie sich auch gegen seinen Vater stellt.«

»Da Anton seinen Vater liebt und Eva zu seinen Vertrauenspersonen gehört, könnte Agathe das Nachsehen haben, das ist durchaus möglich«, stimmte Daniel Olivia zu.

»Die andere Möglichkeit, dass er sich von seinem Vater abwendet, wird Agathe hoffentlich nicht in Betracht ziehen. Aber jetzt sollten wir mal eine Weile unsere Patienten vergessen. Hast du Pläne für das Wochenende?«, fragte Olivia. Sie wussten beide, dass sie diese Auszeiten brauchten, um sich während ihrer Sprechzeiten mit ganzer Kraft ihren Patienten widmen zu können.

»Wie wäre es mit einem Ausflug an den Starnberger See? Ophelia könnte Nicole fragen, ob sie mitkommt, was für sie sicher interessanter wäre, als mit uns und den Zwillingen allein unterwegs zu sein.«

»Danke«, sagte Olivia und hauchte Daniel einen Kuss auf sein Kinn.

»Danke, für was?«, fragte er und betrachtete sie mit einem zärtlichen Blick.

»Dass du auch immer daran denkst, was für Ophelia das Beste ist.«

»Ophelia ist die Schwester meiner Kinder, wir sind eine Familie, auch wenn ich nicht ihr Vater bin, ich werde immer für sie da sein.«

»Ich weiß«, sagte Olivia und kuschelte sich zärtlich in die Arme ihres Mannes.

*

Eva war erst einmal erleichtert, als sie am Freitagmorgen in der Praxis Norden anrief und Lydia Seeger ihr versicherte, dass ihre Blutwerte in Ordnung waren. Ihre Hoffnung war, dass sie Elmar an diesem Wochenende noch einmal klar machen konnte, wie sehr sie unter den Anfeindungen seiner Mutter litt und dass sie das nicht länger ertragen wollte. Über die letzte Konsequenz, eine Trennung von Elmar, wollte sie noch nicht nachdenken. Sie und Elmar hatten eine Hütte im Allgäu gemietet, und sie vertraute darauf, dass alles gut wurde.

Wie jeden Samstag hatte Elmar den Juwelierladen um 16 Uhr geschlossen und war danach gleich zu ihr gekommen. Er hatte für diesen Ausflug sein Capriolet aus der Garage geholt, das er nur im Sommer fuhr.

Es war das erste Mal für Eva, dass sie in das metallicblaue Auto mit den cremefarbenen Sitzen stieg. Vielleicht der erste Hinweis darauf, dass nun alles anders wird, dachte sie, als sie sich auf dem Beifahrersitz zurücklehnte und an den Himmel schaute.

»Alles in Ordnung?«, fragte Elmar, der eine dunkle Sonnenbrille trug und sie kurz von der Seite anschaute, aber gleich wieder auf die von Bäumen gesäumte Straße schaute, auf der sie gerade unterwegs waren.

»Ja, es geht mir gut«, versicherte sie ihm. Sie hatte sich vorgenommen, das Thema Agathe erst am Abend anzusprechen. Sie wollte sich diese Fahrt mit Elmar nicht mit den Gedanken an Agathe verderben lassen.

»Mir geht es auch gut, und ich frage mich gerade, warum wir bisher noch nie übers Wochenende in die Berge gefahren sind, obwohl wir schon seit einem halben Jahr zusammen sind.«

»Es ist überhaupt unser erster Wochenendausflug«, erinnerte Eva ihn daran, dass sie bisher noch nie zusammen über Nacht wegfahren waren. Bisher hatten sie ihre gemeinsamen Nächte ausschließlich in ihrer Wohnung verbracht und waren hin und wieder zu einem Spaziergang an einen der Seen außerhalb von München gefahren.

»Ja, ich weiß, und es lag allein an mir. Anton ist nur selten über das ganze Wochenende bei seinen Großeltern. Hätte ich meine Mutter gefragt, ob sie sich über das ganze Wochenende um ihn kümmern würde …«

»Nein, nicht, Elmar, wir sprechen jetzt nicht über deine Mutter«, unterbrach sie ihn. »Ich will einfach nur die Freiheit genießen, die ich gerade spüre, wenn ich an den Himmel schaue, während die Bäume an mir vorbeifliegen. Es ist beinahe so, wie in einem Flugzeug zu sitzen, sobald es abgehoben hat, bleiben auch deine Sorgen auf der Erde zurück.«

»Dann sollten wir solche Ausflüge wohl häufiger unternehmen. Genieße die Fahrt, mein Schatz, ich werde dich sicher ans Ziel bringen.«

»Das weiß ich«, sagte Eva und schaute den duftigen Schäfchenwolken nach, die über sie hinwegglitten.

Schon bald hatten sie die ersten Ausläufer des Allgäus erreicht. Die mächtigen Gipfel der Alpen schienen immer weiter in Richtung Himmel zu wachsen, bis sie schließlich von den Bergen umgeben waren und nur noch den Himmel direkt über sich sehen konnten.

»In einer Viertelstunde müssten wir da sein«, sagte Elmar, nachdem sie eine Weile auf einer von dunklen Tannen gesäumten Straße gefahren waren und er schließlich in einen kurvigen Seitenweg einbog, der allmählich anstieg.

»Da ist sie!«, rief Eva, als die Kiefern und Tannen nach einer langgestreckten Kurve zur Seite wichen und ein herrliches Plateau mit einer Wiese vor ihnen lag.

Mitten auf dieser Wiese stand eine Hütte. Sie war aus dunklem Holz erbaut und hatte eine überdachte Veranda, auf der zwei Schaukelstühle standen. Neben der Eingangstür war Brennholz gestapelt, was vermuten ließ, dass es in der Hütte einen Ofen oder einen offenen Kamin gab.

»Der Ausblick ist wundervoll«, flüsterte Eva, nachdem Elmar das Auto vor der Hütte abgestellt hatte und sie beide ausgestiegen waren. Sie war beeindruckt von der Landschaft, die sich vor ihren Augen ausbreitete.

Die Berge, die sich gegen den Himmel streckten, die bewaldeten Hänge mit ihren zartgrünen Lichtungen, das Tal mit dem smaragdgrünen See, die weit verstreuten Gehöfte, mit ihren Äckern und Wiesen, auf denen braungefleckte Kühe grasten. Und in der Mitte des Tals ein Dorf mit einer Kirche, auf deren Turm sich ein funkelnder Wetterhahn drehte.

»Dieses Szenario erinnerte mich an die Modelleisenbahn, die ich als Kind hatte«, sagte Elmar, während er hinunter ins Tal schaute.

»Sah die Eisenbahn so aus?«, fragte Eva, als in diesem Moment ein ICE am Ende des Tals auftauchte und mit gedrosseltem Tempo auf das Dorf zufuhr, dort aber nicht anhielt, sondern weiterfuhr, und am Ende des Tals sein Tempo wieder anzog.

»Meine Eisenbahn gehörte noch zu den gemütlicheren Modellen, ein ICE war nicht dabei. Allerdings steht die Eisenbahn noch auf dem Dachboden, und ich denke, ich werde sie irgendwann Anton zeigen. Falls er sich dafür interessiert, werde ich sie entstauben und erneuern. Zu dieser Erneuerung könnte dann auch ein ICE gehören.«

»Wo wird diese Eisenbahn dann stehen?«, fragte Eva und wandte sich Elmar zu.

»Ich nehme an, du willst wissen, ob ich mit Anton auf Dauer in meinem Elternhaus bleiben möchte.«

»Hast du denn eine Antwort darauf?«

»Ich glaube schon, aber wollten wir nicht erst heute Abend über diese Dinge sprechen, die unsere Zukunft betreffen?«

»Du hast recht, das habe ich selbst vorgeschlagen. Wir sollten uns die Hütte ansehen«, sagte Eva und nahm Elmar an die Hand.

*

Den Schlüssel für die Hütte fanden sie unter dem grauen Stein, der neben dem Holzstapel lag, genau wie der Vermieter es ihnen per Mail geschrieben hatte. Die Hütte war sauber und gemütlich eingerichtet. Ein Tisch mit zwei rustikalen Holzbänken, zwei Betten, die Übereck standen, und ein Kamin, neben dem Brennholz gestapelt war. Es gab sogar Strom und einen Wasseranschluss für die Küche und das kleine Badezimmer mit seinen hellen Holzwänden und den lindgrünen Fliesen.

Sie stellten die Getränke und das Essen aus der Kühltasche, die Eva für sie gepackt hatte, in den Kühlschrank und den Vorratsschrank. Damit sie nicht zu viel Zeit mit Kochen zubringen mussten, hatte sie das Abendessen schon vorbereitet. In eine der verschließbaren Schüsseln war der angemachte Kartoffelsalat, in der anderen der in Scheiben geschnittene Braten, den sie entweder kalt essen oder zuvor im Backofen aufwärmen konnten.

»Wie wäre es mit einem Spaziergang vor dem Essen?«, fragte Eva, nachdem sie die Kühltasche geleert hatten.