Die Teton-Sioux - Michael Franzen - E-Book

Die Teton-Sioux E-Book

Michael Franzen

0,0
7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Teton-Sioux galten als das größte Reitervolk auf den zentralen Plains Nordamerikas und kämpften unter Red Cloud, Sitting Bull und Crazy Horse gegen die weißen Amerikaner, um ihr Land am Powder und ihre heiligen Black Hills zu verteidigen. In diesem Buch wird der letzte Freiheitskampf der Sioux beschrieben, so wie er sich von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hin abgespielt hatte.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Michael Franzen

Die Teton-Sioux

Ein Volk kämpft!

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Lewis und Clark

Die Dakota

Der Aufstand der Santee

Massaker am Sand Creek

Der Powder-River-Feldzug

Der Krieg des Red Cloud

Der Raub der Black Hills

Die Schlacht am Little Bighorn

Flucht und Vertreibung

Heimatlos

Die wildesten Reiter der Welt

Tanz der Geister

Bibliografie

Bereits erschienen

Impressum neobooks

Vorwort

Am 25. Juni 1876 kam es am Little Bighorn River, im schroffen Hügelland Südostmontanas, zu einer folgenschweren Auseinandersetzung zwischen der 7. US-Kavallerie und den Stämmen der Teton-Sioux, Cheyenne und Arapahoe, an deren Ende 14 Offiziere, 247 Kavalleristen, ein Assistenzarzt, fünf Zivilisten und drei Indianer-Kundschafter getötet sowie 53 weitere Soldaten verwundet wurden. Das prominenteste Opfer dieses Gefechts war der Lieutenant Colonel, Brevet Major General, George Armstrong Custer, der mit seinem Tod zugleich zu einer unsterblichen Berühmtheit emporstilisiert wurde.

War dieses Gefecht am Bighorn eher eine Fußnote in der Geschichte der großen weltpolitischen Schlachten, so bedeutete sie für die daran beteiligten Indianer einen letzten großen Sieg, aber auch einen Wendepunkt in ihrem Leben als freie Prärieindianer, denn gerade mal ein Jahr und zahlreiche Gefechte später war Custers Tod von der Armee gerächt worden, während die einstmals stolzen Krieger der Plains in den Reservaten des Weißen Mannes einem ungewissen Schicksal entgegensahen, wobei sie sich bemühten, sich ihre indianische Identität zu bewahren, um als Volk überleben zu können – ein Zustand, der bis in die heutige Zeit hinein anhält.

Dieses Buch will sich nachfolgend mit der Geschichte der Teton-Sioux beschäftigen, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur stärksten Reiternation auf den zentralen Plains Nordamerikas etablierten, wobei der letzte Freiheitskampf dieses Volkes chronologisch nachgezeichnet werden soll. Dazu möchte ich Sie, die Leser und Leserinnen dieser Zeilen, mit auf eine Reise in die Vergangenheit nehmen, die dort beginnt, wo die ersten Weißen sich anschickten, den Westen der Vereinigten Staaten zu erforschen.

Neumünster, im Februar 2020

– der Autor –

Lewis und Clark

Unter dem Druck von Napoleon Bonaparte (1769– 1821) musste Spanien im Geheimvertrag von San Ildefonso das im Jahr 1763 zugesprochene Französisch-Louisiana in Nordamerika an Frankreich zurückgeben. Im Gegenzug erhielt der Schwiegersohn des spanischen Königs, Karl IV. und damalige Herzog von Parma, das Königreich Etrurien zugesprochen, was in etwa der heutigen Toscana entsprach. Das Louisiana-Gebiet selbst verblieb zunächst unter spanischer Verwaltung.

Nach Abschluss des Vertrags, am 01. Oktober 1800, dessen Inhalt den Amerikanern erst Anfang 1802 bekannt wurde, mehrten sich die Gerüchte, dass der freie Warenverkehr auf dem Mississippi behindert werden könnte, eine Einschätzung, die am 18. Oktober 1802 zur bitteren Realität wurde, nachdem der spanische Statthalter von New Orleans eigenmächtig eine langjährige Vereinbarung aufgekündigt hatte, wonach amerikanische Schiffe ihre Ladung fortan nicht mehr in New Orleans löschen durften. Schnell wurde diese unerfreuliche Nachricht von Mund zu Mund, von Siedlung zu Siedlung und von Stadt zu Stadt weiter den Mississippi und seiner Nebenflüsse hinaufgetragen, bis sie schließlich in der Hauptstadt Washington ankam und dort Gehör bei Präsident Thomas Jefferson (1763–1826) fand, der als dritter US-Präsident ins Weiße Haus gewählt worden war, um die noch junge Nation in eine hoffnungsvolle Zukunft zu führen. Amerikas wirtschaftliche Interessen und damit verbunden die finanzielle Existenz von rund einer halben Million Siedler und Händler im Einzugsgebiet des Mississippi waren bedroht und bei manchen Kongressabgeordneten wurde die Forderung laut, die reguläre Armee von 3.000 auf 50.000 Mann zu erhöhen, um New Orleans mit Waffengewalt einzunehmen. Notfalls müssten sich die Vereinigten Staaten:

„(...) mit der englischen Flotte vermählen, um von New Orleans Besitz zu ergreifen“,

war ihre politische Forderung. Jefferson, der die politische Ansicht vertrat, dass es anderen Nationen nicht gestattet werden durfte, ihre Herrschaftsbereiche auf Nordamerika hin auszuweiten, war jedoch an einer friedlichen Lösung interessiert und so beauftragte er seinen Gesandten in Paris, Robert R. (Robert) Livingstone (1746–1813), mit der französischen Regierung in Verhandlung zu treten, um New Orleans eventuell käuflich zu erwerben oder auf Garantien zu bestehen, damit der Mississippi für den Schiffsverkehr offen blieb. Livingstones Verhandlungspartner waren Napoleons Finanzminister Francois Barbé-Marbois (1745–1837) sowie der französische Außenminister Charles Maurice Talleyrand (1754–1838).

Die Verhandlungen gingen zunächst nur schleppend voran. Napoleon forderte anfangs einen Kaufpreis von 100 Millionen Franc, doch zugleich stellte Talleyrand dem schwerhörigen Livingstone am 11. April 1803 auch die Frage, was die Amerikaner gegebenenfalls für das gesamte Louisiana-Gebiet zu zahlen bereit wären? Eine einmalige Offerte und Eile war geboten, derweil Jefferson zwischenzeitlich auch seinen Außenminister James Monroe (1758–1831) nach Paris entsandte, um den Verhandlungen so mehr Gewicht beizumessen. Die Forderung der Franzosen belief sich am Ende auf 80 Millionen Franc oder umgerechnet 15 Millionen US-Dollar, und noch bevor Monroe in Paris eintraf, hatte Livingstone die Vorverhandlungen bereits am 27. April abgeschlossen. Am Samstag, dem 30. April 1803, unterzeichneten die beiden Amerikaner und Barbé-Marbois den Vertrag, der als „Louisiana Purchase“ in die Geschichte einging, auch wenn Livingstone und Monroe ein hohes persönliches Risiko eingegangen waren, da sie Jeffersons Vorgabe von zwei Millionen Dollar bei weitem überschritten hatten. Der Vertrag selbst verdoppelte das Staatsgebiet der USA um satte 2,14 Millionen km², wenngleich die genauen Grenzen zu den Einflussgebieten Spaniens und Großbritanniens noch nicht ausgelotet waren. Sie reichten im Süden bis zum Golf. Im Osten markierte der Mississippi die Grenze; im Norden die heutigen Staaten Montana, Minnesota und North Dakota und im Westen Teile der heutigen US-Bundesstaaten Texas, New Mexiko, Colorado, Wyoming und Montana, wobei die westliche Grenze zu Neu-Spanien und dem Oregon-Gebiet nicht eindeutig bestimmt war und erst in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten endgültig festgelegt wurde.

Nachdem der Vertrag am 17. Oktober 1803 vom Senat ratifiziert worden war, ging man als Nächstes daran, das neue Gebiet aufzuteilen, wobei das heutige Louisiana als Orleans-Territorium und der restliche Teil als District of Louisiana deklariert wurde. Ferner fasste man den Beschluss, das neue Gebiet zu erforschen. Auch in dieser Hinsicht war Jefferson seinen Mitmenschen einen Schritt voraus, denn bereits Anfang 1803 hatte er den Kongress um die Finanzierung einer Expedition in den Westen gebeten, wobei er es für ratsam und erforderlich hielt, einen schiffbaren Wasserweg zum Pazifik zu finden, die Region zu kartografieren und die dort lebenden Indianerstämme zu studieren. Dieses Unternehmen, so schloss er weiter:

„(...) könnten intelligente Offiziere mit zehn oder zwölf ausgesuchten Männern meistern, um das Land bis zum westlichen Ozean hin zu erkunden.“

Die Kosten für solch eine transkontinentale Expedition veranschlagte er dabei auf gerade mal geringen 2.500 US-Dollar, wobei sich die tatsächlichen Kosten am Ende auf astronomisch hohe 38.722,25 US-Dollar beliefen, ohne dass man im Vorwege abzuschätzen vermochte, was sie am Ende für einen Nutzen bringen würde. Am 04. Juli 1803 ernannte Jefferson seinen Freund Meriwether Lewis zum Leiter seines „Corps of Discovery.“

Meriwether Lewis wurde am 18. August 1774 in der Ortschaft Ivy in Abermale County, Virginia, als zweites Kind seiner Eltern William Lewis und Lucy Meriwether Lewis geboren. Im Alter von zehn Jahren zog die Familie nach Georgia, doch als Meriwether 13 Jahre alt wurde, wurde er zurück nach Virginia geschickt, wo er von Privatlehrern unterrichtet wurde. Danach ging er zum Militär, wo er im August 1794 u. a. an der Unterdrückung der sogenannten „Whiskey-Rebellion“ beteiligt war, bei der die Siedler im Monongahela-Tal, im Westen Pennsylvanias, gegen die Alkoholsteuer der Bundesregierung „zu Felde zogen.“ Dabei führte mit George Washington zum einzigen Mal ein US-Präsident persönlich Truppen im Feld an. Am Ende wurde der Konflikt jedoch unblutig beigelegt und Lewis wurde im Jahr 1801 von Präsident Jefferson zu seinem Privatsekretär ernannt. Während dieser Zeit war er eng an der Planung der Forschungsexpedition beteiligt. So schickte Jefferson ihn nach Philadelphia, wo er in medizinischen Dingen, dem Zeichnen von Landkarten, dem Umgang mit nautischen Geräten sowie weiteren Fertigkeiten geschult wurde. In Pittsburgh gab Lewis den Bau eines Kielbootes und zwei Pirogen in Auftrag und erwählte daneben William Clark zum gleichberechtigten Partner seiner Expedition.

William Clark wurde als neuntes von zehn Kindern seiner Eltern, John Clark III. und Ann Rogers Clark, am 01. August 1770 in Ladysmith, Caroline County, Virginia, geboren und ging, wie schon sein Bruder George vor ihm, zur Armee, wo er 1792 zum Leutnant ernannt wurde. Unter US-General Anthony Wayne (1745–1796) nahm er u. a. an der Schlacht von Fallen Timbers teil, wobei auch Meriwether Lewis eine Zeit lang unter seinem Kommando diente. 1796 verließ Clark die Armee und verbrachte als Privatmann die nachfolgende Zeit mit Reisen sowie auf seinem Anwesen in Louisville, Kentucky. Dem Angebot von Lewis, ihn auf seiner Expedition zu begleiten, stimmte er sofort zu.

Bald darauf begannen die Offiziere, geeignete Kandidaten für die Expedition auszuwählen. Gesucht wurden unverheiratete, gesunde und ausdauernde Männer, die darüber hinaus auch gute Jäger waren. Neben den Zivilisten wurden auch Soldaten als Hilfskräfte angeheuert. Die spätere Begleitmannschaft der beiden Leutnants bestand schließlich aus 26 erfahrenen Grenzern wie auch Clarks schwarzer Diener, Benjamin York, der so in den Genuss einer für ihn abenteuerreichen Reise hin zum Pazifik kam. Zu diesen Männern gesellten sich ferner noch 17 Soldaten hinzu, die die Aufgabe hatten, die Disziplin an Bord der Boote aufrechtzuerhalten und eventuelle Gefahrensituationen, auf die man unterwegs traf, abzuwehren. Als schließlich alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, begann die lange Reise nach Westen. Mit einem 18 m langen Kielboot von geringem Tief-gang sowie zwei Pirogen, beladen mit Vorräten, Ge-schenken und Handelswaren für die Indianer, auf die man unterwegs treffen würde, sowie bewaffnet mit dem neuesten Gewehr „Modell 1803“, verließ die Expedition am 14. Mai 1804 ihren Liegeplatz Camp Dubois (Camp Wood), nördlich von St. Louis, und segelte den Missouri River hinauf.

Laut den Tagebuchaufzeichnungen war die Reise von Beginn an nicht einfach für die Teilnehmer. Der Sommer war extrem feucht und heiß in jenem Jahr, sodass Myriaden von Stechmücken den Fluss bevölkerten, die die Männer quälten und piesackten. Dunkle Gewitterwolken zogen auf und wahre Wolkenbrüche gingen auf die Männer nieder, die trotzdem frohen Mutes waren. So oft es möglich war, ging Lewis an Land, wo er die Pflanzen und Tiere studierte, während Clark die Mannschaft in den Booten kommandierte und Landkarten von dem Gebiet anfertigte. Am 25. Mai passierte die kleine Flottille die französische Siedlung La Charette, die zu jener Zeit letzte Niederlassung von Weißen am Missouri. Am 21. Juli erreichte die Expedition den Zusammenfluss des Platte in den Missouri River und am 03. August kam es nahe der heutigen Stadt Council Bluffs in Iowa zu einer Konferenz mit den Stämmen der Missoura, Omaha und Oto, die von gegenseitiger Freundschaft geprägt war. Lewis und Clark erfuhren dabei auch, dass sie demnächst durch das Gebiet der Teton-Sioux fahren würden, eine Indianergruppe, die den Missouri River nach Westen hin überschritten hatte und die als kriegerisch und gefährlich galt. Die Omaha als auch andere am Missouri beheimatete Stämme waren dabei von den Teton von ihrem Land vertrieben worden und hegten von nun an eine erbitterte Feindschaft zu ihnen. Die beiden Leutnants nahmen diese wichtige Information dankbar zur Kenntnis und am Ende der Beratungen übergaben sie den versammelten Häuptlingen noch einige bronzene Medaillen, auf deren Vorderseite das Konterfei des Präsidenten und auf deren Rückseite die amerikanische Fahne zusammen mit einem Adler abgebildet waren. Danach schied man in Freundschaft und die Expedition begann, weiter den Fluss hinaufzufahren.

Am 20. August beklagten die Männer ihren ersten Toten. Nicht etwa durch den Pfeil eines feindlich gesinnten Teton kam Sergeant Charles Floyd ums Leben, sondern der Grund seines irdischen Dahinscheidens war eine schlichte Blinddarmentzündung, die für ihn in der Wildnis am Ende tödlich verlief. Er wurde von den Männern der Expedition an Land gebracht und dort mit militärischen Ehren in fremder Erde beigesetzt. Um es gleich vorwegzunehmen, Sergeant Floyd blieb der einzige Tote der Expedition, was in Hinblick auf die Dauer und die Beschwerlichkeit der Reise zum Pazifik und wieder zurück in den Osten schon fast wie ein kleines Wunder anmutete.

Am 04. September erreichten Lewis und Clark die Mündung des Rapid Water River im heutigen Nebraska, in dessen Nähe das Volk der Ponca-Indianer beheimatet war. Ende September erreichte man das schon besagte Gebiet der Teton-Sioux und von diesem Zeitpunkt an herrschte eine erhöhte Wachsamkeit an Bord der Boote. Am 24. September gingen Lewis und Clark am Zusammenfluss des Teton- und Missouri Rivers vor Anker, um die Ankunft der Indianer entgegenzusehen, die die Flottille der Amerikaner bereits seit geraumer Zeit beobachtet hatten. Lange brauchten sich die Weißen nicht in Geduld zu üben, denn bereits am nächsten Tag erschienen an die 50 Sioux, angeführt von mehreren Häuptlingen und indianischen Würdenträgern am Liegeplatz. William Clark begrüßte die Häuptlinge, übergab ihnen einige der mitgeführten Geschenke und lud sie anschließend dazu ein, an Bord des Kielbootes zu kommen, um dort beiderseitige Verhandlungen bezüglich der Durchfahrtsrechte durch das Gebiet der Sioux zu führen. Allerdings verliefen diese Gespräche dann alles andere als erwünscht. Die Häuptlinge, allen voran Schwarzer Büffelstier (Tatanka Sapa) verhielten sich derart unkooperativ, dass Clark nach drei Stunden erst einmal genug von ihnen hatte und sie wieder zurück an Land bringen ließ. Dort angekommen, wollten die ihrerseits wütenden Sioux Clark nicht wieder zurück an Bord lassen, darüber hinaus forderte Black Buffalo auch noch eine der Pirogen samt Ladung als angemessenen Wegzoll, ein mehr als üppiger Preis, den Clark natürlich ablehnte. Schließlich drohte die brenzlige Situation zu eskalieren, wobei sich die Soldaten und die Sioux mit dem Säbel bzw. Pfeil und Bogen gegenüberstanden. Clark selber war die Ruhe selbst und ließ sich überhaupt nicht einschüchtern. Mit einem gezogenen Säbel in der Hand machte er den Sioux gegenüber glaubhaft, dass er:

„(…) an Bord mehr Medizin habe, als er benötige, um 20 Nationen, wie die derSioux, an einem Tage von der Erde zu vertilgen“,

womit er auf die schwenkbare Kanone am Bug des Kielbootes anspielte. Tatsächlich schien das Eindruck auf die Häuptlinge gemacht zu haben. Sie gaben ihre feindliche Haltung gegenüber den Weißen zunächst auf, woraufhin Clark wieder zurück an Bord ging. Die Segel wurden gesetzt und man fuhr weiter ein Stück den Missouri hinauf, um einen günstigeren Ankerplatz zu finden. Black Buffalo beharrte jedoch darauf, die Nacht an Bord des Kielbootes verbringen zu dürfen, sozusagen als kleines „Schmerzensgeld.“ Clark zögerte aus nachvollziehbaren Gründen heraus, doch Lewis, der etwas pragmatischer dachte, war der Meinung, den Häuptling über Nacht an Bord zu behalten, wäre vielleicht eine versöhnliche Geste. Clark blieb zwar weiterhin skeptisch und misstraute seinem indianischen Gast, doch am Ende ließ er sich von Lewis überzeugen und gab dem Ganzen seinen Segen. Und während Black Buffalo am Abend über diese merkwürdigen weißen Männer nachdachte und Lewis seine Tagebuchaufzeichnungen vervollständigte, bevor er sich auf sein Nachtlager bettete, hatte der nervöse Clark eine relativ unruhige Nacht vor sich. Am nächsten Morgen immerhin schien Black Buffalo sehr viel umgänglicher zu sein, während Lewis und Clark ein weiteres Stück den Fluss hinaufsegelten, und zwar bis zu einer Stelle, wo sich inzwischen eine große Anzahl Tetons versammelt hatte, um die Ankunft ihres Häuptlings und der fremdartigen weißen Männer abzuwarten. Nachdem die Flotte vor Anker gegangen war, wurden Lewis und Clark in das Tipi-Dorf der Indianer gebracht, wo man mehrere Hunde schlachtete, die gekocht als Festmahl zu Ehren der Weißen dargereicht wurden. Am Abend wurden sie mit indianischer Musik und Tanz unterhalten, bevor man wieder zurück an Bord ging, im Schlepptau zwei weitere Häuptlinge, die ebenfalls die Nacht über dort verbrachten. Ein erster Schritt, freundschaftliche Kontakte mit den Indianern zu knüpfen, war damit getan, auch wenn das bei dem kriegerischen Erscheinungsbild der Tetons eine höchst unsichere Sache zu sein schien. Am darauffolgenden Tag, dem 27. September, begab sich zunächst Lewis wieder in das Zeltdorf, um sich dort Notizen über das Lagerleben der Teton zu machen. Am Abend wurde seitens der Indianer ein großes Fest veranstaltet, bei dem diese ihren Sieg bei einem vorangegangenen Kriegszug gegen die Omaha feierten, bei dem ca. 75 gegnerischen Krieger getötet und weitere 25 Frauen und Kinder gefangen genommen worden waren. Als Mitternacht vorbei war, gingen die Weißen wieder zurück zum Fluss, um am nächsten Morgen Vorbereitungen für die Abreise zu treffen. Am 28. September drängten die beiden Offiziere zum Aufbruch und als man die Abschiedsworte am Flussufer wechselte, fiel Black Buffalo gerade noch rechtzeitig ein, dass die Sache mit dem Wegzoll ja noch nicht so richtig geklärt war. Während einige der Tetons dass Haltetau des Flussbootes festhielten, verhandelten beide Seiten verbissen miteinander, und zwar so lange, bis die beiden Lieutenants sich bereit dazu erklärten, den Häuptlingen zu den bereits geschenkten Waren auch noch eine Rolle Tabak zu überlassen, um den Frieden zu wahren. Die Teton gaben sich damit am Ende zufrieden und wandten sich in würdevoller Haltung wieder zurück in ihr Dorf. Lewis und Clark gaben nun den Befehl zum Segelsetzen und unter einer leichten Brise fuhren die Männer, erleichtert über den glücklichen Ausgang ihres zurückliegenden Abenteuers, weiter den Fluss hinauf. Damit endete das erste Zusammentreffen der Amerikaner mit den Teton-Sioux, jenem Volk, mit dem wir uns im weiteren Verlauf dieses Buches natürlich noch intensiver beschäftigen werden und von dem Lewis später in seinem Tagebuch schrieb, dass sie, (die Sioux):

„(...) die gemeinsten Schurken unter den Wilden seien.“

Nach dem Zusammentreffen mit den Tetons erreichte die Expedition am 07. Oktober 1804 das erste der Dörfer der am Missouri lebenden Arikara-Indianer (auch: Reeoder Recaree), die sich dereinst von den Pawnee abgespalten hatten und dabei stetig weiter nach dem Norden, nach Dakota, gewandert waren, wo sie schließlich sesshaft wurden. Durch ihre Tradition, zwei aufrechte Wapiti-Hörner in ihrem Haar zu tragen, waren sie im Englischen auch als „Elk People“ bekannt. Wie auch die Pawnee gehörten sie der Caddo-Sprachgruppe an und lebten in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Mandan, Hidatsa und nun auch den Teton-Sioux, mit denen sie aber lediglich eine tiefe Feindschaft verband. Der Expedition der Weißen gegenüber verhielten sie sich jedoch überaus freundschaftlich, wobei sie den Amerikanern großzügig noch etwas Mais u. a. Nahrungsmittel für ihre Weiterfahrt schenkten.

Das erste der Mandan-Dörfer erreichten Lewis und Clark am 24. Oktober. Dabei wurden sie von dem hellhäutigen Häuptling Shahaka, der bei den Weißen auch als „Big White“ bekannt war, freundlich empfangen. Er bot den Weißen in einem ersten Gespräch an, sich mit einem Teil der Wintervorräte der Mandan einzudecken, ein Geschenk, das Lewis und Clark mit Freuden entgegennahmen und nachfolgend von Dorf zu Dorf zogen, um sich mit den Nahrungsmitteln zu versorgen. Auch war es an der Zeit, sich nach einem geeigneten Platz für die Errichtung eines Winterlagers umzusehen, denn erste Eisschollen trieben bereits auf dem Missouri und machten eine Weiterfahrt auf dem Fluss unmöglich. Auch die Kleidung der Männer war zerschlissen und musste durch solche aus Tierfellen ersetzt werden. Am 02. November 1804 begannen die Männer Bäume zu fällen, um ihr erstes Winterquartier, 19 km vom heutigen Ort Washburn in North Dakota entfernt, zu errichten, welches bei seiner Fertigstellung Fort Mandan getauft wurde. Es hatte an der Frontseite eine Holzpalisade und seitlich jeweils rechts und links eine Reihe Blockhütten als Wohngebäude, die am hinteren Ende miteinander verbunden wurden, sodass Fort Mandan am Ende eine dreieckige Form aufwies. Während dieser Bauzeit traf dort, am 04. November, ein französisch-kanadischer Fallensteller namens Toussaint Charbonneau (1758–1843) ein, der bei Lewis und Clark nach einer Anstellung nachfragte. In seiner Begleitung befanden sich zwei Indianerfrauen, wovon die eine schwanger war. Charbonneau, der den Missouri-Fluss befuhr und Handel mit den dort ansässigen Indianerstämmen betrieb, beherrschte neben seiner französischen Muttersprache auch einige Indianerdialekte, konnte allerdings kein Wort Englisch. Jedoch konnte George Drouillard, der Dolmetscher der Expedition, französisch ins Englische übersetzen, womit Charbonneau am Ende schließlich engagiert wurde, auch wenn Lewis und Clark enttäuscht darüber waren, dass er die Sprache der Hidatsa, ein Volk, das ganz in der Nähe zu den Mandan beheimatet war, noch immer nicht beherrschte, obwohl er bereits 30 Jahre bei ihnen lebte.

Das schwangere 16-jährige Indianermädchen war die Tochter eines Häuptlings der nördlichen Shoshonie-Indianer und war einst als 12-jähriges Mädchen bei einem Kriegszug der Hidatsa von ihrem Stamm entführt worden, wobei sie später durch irgendeinen Kuhhandel in Charbonneaus Hände gefallen war. Ihr Name lautete: Tsi-ki-wa-wi oder Sacajawea, was übersetzt „Vogelfrau“ bedeutete; das andere Indianer-mädchen hieß „Otterfrau“.

Sacajawea fasste schnell Vertrauen zu den beiden Leutnants, insbesondere zu dem fröhlichen Clark, der ihr später den Kosenamen „Janey“ gab. Bei mehreren Gesprächen mit ihr erfuhren die beiden Männer dann auch, dass sie den Missouri nur bis zu einer bestimmten Stelle befahren könnten, danach bräuchten sie Pferde, um die Rocky Mountains nach Westen überqueren zu können. Pferde, die sie bei ihrem Volk, den Shoshonie, einhandeln könnten. Die beiden Weißen erkannten rasch, dass sich Sacajawea bei dem noch ausstehenden Pferdehandel bei ihrem Volk als noch weitaus nützlicher als ihr Ehemann Charbonneau erweisen könnte, der, wie Clark später in seinem Tagebuch notierte:

„(...) ein fauler Schurke zu sein schien.“

Am Ende konnten sie die Shoshonin schließlich dazu überreden, sich der Expedition der Weißen anzuschließen, auch wenn man ihren „faulen Ehemann“ sozusagen als „zweite Wahl“ mit auf die weitere Reise nehmen musste.

Am 24. Dezember waren die Bauarbeiten an Fort Mandan fertiggestellt und am 25. wurde das Sternenbanner gehisst, während Clark jedem der Männer im Verlauf des Tages drei Becher mit Branntwein ausschenken ließ. Am 11. Februar 1805 durfte sich Lewis als Geburtshelfer betätigen, denn Sacajawea bekam ihr Kind, und zwar ihr erstes, wie Clark später in seinem Tagebuch vermerkte. Es war ein Junge und wurde von Charbonneau auf den Namen Jean-Baptiste getauft. Von den Männern der Expedition bekam das lebhafte Kind jedoch den Spitznamen „Little Pomp“ bzw. „Pompey“ und es war bei jedem der Expeditionsteilnehmer beliebt.

Den Winter über ging es friedlich im Lager zu. Zusammen mit den Mandan ging man auf die Bisonjagd, wobei die Weißen aber lediglich die Büffelzungen verzehrten. Neue Kanus wurden angefertigt, Kleidungsstücke und Mokassins geschneidert und auch Feste wurden zusammen gefeiert, auf denen Peter Cruzatte die Geige spielte und York dazu tanzte, während die Indianer ihre Stammestänze aufführten. Als der Frühling anbrach und das Eis auf dem Missouri geschmolzen war, begann man Vorbereitungen zu treffen, um die zwangsweise unterbrochene Fahrt auf dem Fluss weiter fortzusetzen. Dieses geschah schließlich mit 33 Personen am 07. April, wobei das Kielboot mit einigen Männern zurückgelassen wurde. Es kehrte nach St. Louis zurück und mit an Bord befanden sich neun Kisten mit Fundstücken verschiedenster Art sowie angefertigte Landkarten, die für Präsident Jefferson bestimmt waren. Clark dazu in seinem Tagebuch:

„Fort Mandan, 07. April 1805

Heute um vier Uhr am Nachmittag fährt das Kielboot mit sechs Soldaten und einem Indianer, alle unter dem Kommando eines Korporals, der für die Weiterleitung unserer Berichte verantwortlich ist, in Begleitung eines Kanus mit zwei Franzosen von hier weg und flussabwärts nach St. Louis. Gleichzeitig beginnen wir, mit zwei Pirogen und sechs Kanus, die Reise flussaufwärts.“

O’Dell, „ABENTEUER AM MISSOURI“, S.78

Nach einer relativ ruhigen Fahrt den Missouri hinauf kam es am 14. Mai zu einem Unglück, als eine der Pirogen von einer Windböe erfasst wurde, während am Ruder der, wie Lewis später festhielt:

(...)„wohl furchtsamste Boots- und Rudermann der Welt“,

nämlich Charbonneau höchstpersönlich stand. Anstatt die Segel einzuholen und das Ruder in die Hand zu nehmen, fing er an zu beten, während die Piroge begann, sich bedenklich zur Seite zu neigen und voller Wasser zu laufen. Schließlich nahm Peter Cruzatte beherzt das Steuerruder in die Hand und sich kaum über Wasser haltend, schafften sie es gerade mal zurück an Land zu kommen, wo Charbonneau kurzerhand das „Steuermannspatent“ aberkannt wurde. Anzumerken wäre noch, dass Sacajawea sofort von Bord der Piroge sprang und einige wichtige Dinge, die in die Fluten des Flusses gespült wurden, durch ihr beherztes Eingreifen rettete; darunter befanden sich auch Clarks Tagebuch und Kompass. Andere Dinge, wie Schießpulver, Mehl, Medikamente sowie Handelswaren für die Indianer, waren hingegen unwiederbringbar verloren gegangen. Das galt auch für den Großteil des getrockneten Fleisches, sodass Lewis nachfolgend Gruppen von Männern auf der Jagd nach Wild an Land setzen musste, um die Verluste wieder auszugleichen.

„Ocean (sic) in view. Oh! the Joy.“ („Ozean in Sicht. Oh! Diese Freude“),

veranlasste. Allerdings wich dieser Freude schon bald wieder der harte Alltag, denn der nächste Winter stand vor der Tür und erneut musste man ein befestigtes Lager errichten, welches nach seiner Fertigstellung auf den Namen Fort Clatsop getauft wurde, benannt nach dem gleichnamigen Indianerstamm, der dort in Nachbarschaft zu den Weißen beheimatet war. Das Fort selbst war 50 Schritte im Quadrat groß, mit zwei gegenüberliegenden Kabinen. Der Raum zwischen den Kabinen diente als Exerzierplatz mit Toren an jedem Ende. Es steht noch heute an der Mündung des Columbia Rivers.

Zum nahenden Weihnachtsfest, dem 24. Dezember, war das Fort fertiggestellt und die Expedition feierte ihr zweites Weihnachten fern der Heimat und jeglicher Zivilisation, derweil Clark, in Ermangelung geistiger Getränke, den restlichen Tabak unter den Männern verteilen ließ. Den Winter über wurden neue Kleidungsstücke aus Hirschleder angefertigt, außerdem sammelten die Weißen Wurzeln und Knollen, schossen Wild, räucherten das Fleisch und trieben darüber hinaus regen Handel mit den Clatsop, bis sämtliche Handelsgüter aufgebraucht waren.

Als der Frühling 1806 ins Land ging, machte sich die Expedition am 23. März auf den Rückweg nach St. Louis, dem Ausgangspunkt ihrer Reise. In Kanus fuhren sie den Columbia flussaufwärts. Dabei versuchten einige Chinook-Indianer mehrfach, Ausrüstungsgegenstände der Weißen zu entwenden. Die Rocky Mountains konnten aufgrund der Schneeverhältnisse erst Ende Juni überquert werden. Mehrere Wochen lang verbrachten Lewis und Clark daher bei den Nez Perce, wobei man einige der Indianer als Führer über die Berge anheuerte. Am 03. Juli beschlossen beide Offiziere, sich nahe dem heutigen Missoula, Montana, zu trennen. Während Lewis mit einigen Männern den Marias River hinauffuhr, um die nördlichen Zuflüsse des Missouri zu erforschen, befuhr Clark zusammen mit seinen Leuten den Missouri weiter flussabwärts, über das Tree-Forks-Gebiet und die Great Falls hinweg, bis zur Mündung des Yellowstone River, wo sich die beiden Gruppen schließlich wieder vereinen wollten. Lewis selbst bekam im besagten Gebiet einige Schwierigkeiten. So kam es am 27. Juli zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit einigen Blackfoot-Indianern, die es auf die Waffen und Pferde der Weißen abgesehen hatten. Lewis und ein weiterer Expeditionsteilnehmer namens Ruben Felder (Reubin Field) konnten den Raub zwar verhindern, jedoch wurden zwei der Blackfeets dabei getötet, was – neben der Pelzhandels-Politik der American Fur Company – zu einer langjährigen Feindschaft mit den Amerikanern führte. Kurz darauf, am 11. August, wurde Lewis während eines Jagdausfluges aus Versehen, vermutlich von Pierre Cruzatte, angeschossen und dabei am Rücken verwundet, sodass er zeitweise auf einer Trage durch die Wildnis transportiert werden musste.