Dr. Norden Bestseller Staffel 3 – Arztroman - Patricia Vandenberg - E-Book
Beschreibung

-Staffel 3- Hier erhalten Sie weitere zehn Folgen in einer Ausgabe! Serienbeschreibung: Seit 1974 eilt die großartige Serie von Patricia Vandenberg von Spitzenwert zu Spitzenwert und ist dabei längst der meistgelesene Arztroman deutscher Sprache. Die Qualität dieser sympathischen Heldenfigur hat sich mit den Jahren durchgesetzt und ist als beliebteste Romanfigur überhaupt ein Vorbild in jeder Hinsicht. E-Book 21: Seine rätselhafte Kollegin E-Book 22: Ein Glück in Gefahr E-Book 23: Schwester Claudia - eine tapfere Frau E-Book 24: Tag für Manuela E-Book 25: Ein Stunde wird zur Ewigkeit E-Book 26: Ein falscher Kollege E-Book 27: Fee Norden in höchster Gefahr E-Book 28: Dieser Fall macht uns Sorgen E-Book 29: Marcella, die schöne Verführerin E-Book 30: So muss ich dich wiedersehen

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Inhaltsverzeichnis

E-Book 21 : Seine rätselhafte Kollegin

E-Book 22 : Ein Glück in Gefahr

E-Book 23 : Schwester Claudia – eine tapfere Frau

E-Book 24 : Tag für Manuela

E-Book 25 : Ein Stunde wird zur Ewigkeit

E-Book 26 : Ein falscher Kollege

E-Book 27 : Fee Norden in höchster Gefahr

E-Book 28 : Dieser Fall macht uns Sorgen

E-Book 29 : Marcella, die schöne Verführerin

E-Book 30: So muss ich dich wiedersehen

Dr. Norden Bestseller – 21 –

Seine rätselhafte Kollegin

Roman von Patricia Vandenberg

Dicht lag der Nebel über dem Flugplatz. Die riesige Düsenmaschine kreiste schon zwanzig Minuten über der Stadt. Ein anderer Platz hatte nicht angewiesen werden können, denn überall herrschte der gleiche dichte Nebel. In Rom war man bei strahlendem Sonnenschein abgeflogen, und nun das.

Die Besatzung wusste schon, dass mit Schwierigkeiten zu rechnen war. Die Passagiere wussten es nicht.

Der Winter neigte sich zwar dem Ende zu, aber es wurde sehr früh dunkel, und einige Minuten Verspätung musste man einkalkulieren. München war nicht Rom, wo der Frühling sich schon sehr deutlich bemerkbar machte.

»Wenn das nur gut geht«, murmelte die Stewardess Gwendolin, die von ihren Kollegen Wendy genannt wurde. Sie war ein apartes Mädchen mit tiefschwarzem Haar und leuchtend blauen Augen. Sie hatte sich oft gegen mehr oder minder eindeutige Anträge männlicher Fluggäste zu wehren, doch für Wendy gab es nur einen Mann, und der trug jetzt die Verantwortung für einhundertdreißig Menschen.

»Du wirst doch nicht nervös werden«, sagte die blonde Anja, die das fröhliche Pendant zu der sanften Gwendolin war. »Die Passagiere werden nämlich schon hektisch. Wir werden zu tun bekommen.«

Ja, es machte sich Nervosität breit. Die Stewardessen wurden mit Fragen bestürmt und gaben immer die gleiche beruhigende Antwort, dass man noch auf die Landeerlaubnis warten müsse.

Flugkapitän Holger Herwart fluchte leise vor sich hin.

»Lange können sie sich jetzt nicht mehr Zeit lassen«, sagte er. »In spätestens zehn Minuten müssen wir unten sein.«

»Aber wie«, brummte sein Kopilot Conny Dahm. »Adieu, Fränzi.«

»Halt die Goschen«, fauchte ihn Holger an. »Es ist nicht das erste Mal…« Er sprach nicht weiter, sondern lauschte angestrengt auf die Kommandos.

Unter den Fluggästen befand sich eine schlanke junge Frau, deren tief gebräuntes Gesicht verriet, dass sie aus noch weit südlicheren Gefilden als Rom kommen musste. Sie saß still, mit gefalteten Händen, ganz in sich versunken auf ihrem Platz und zeigte keinerlei Nervosität. Wie es in ihrem Innern aussah, hätte niemand ergründen können.

Vielleicht soll es so sein, dachte Miriam Perez. Vielleicht ist es für mich sogar besser so, wenn alles schnell zu Ende ist. Aber die anderen, dachte sie dann und hob den Kopf, als ein Schluchzen an ihr Ohr drang. Neben ihr saß ein junges Mädchen, höchstens sechzehn Jahre alt.

Sie war während des ganzen Fluges genauso still gewesen wie Miriam, und diese hatte das als sehr angenehm empfunden. Sie selbst war nicht von mitteilsamer Natur und mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Manche Menschen waren so geschwätzig, dass sie lästig werden konnten.

Jetzt aber siegte ihr Mitgefühl. Sie griff nach der Hand des Mädchens, die eiskalt und feucht war.

»Nicht aufregen«, sagte sie beruhigend. »Wir werden bald landen.«

»Ich fürchte mich so«, schluchzte das Mädchen. »Es geht schief. Ich werde Papi nie wiedersehen, und ich habe mich doch so auf ihn gefreut.«

»Sie werden Ihren Papi bestimmt wiedersehen«, sagte Miriam tröstend. Sie hatte im Augenblick vergessen, welche Gedanken sie eben noch gehegt hatte.

»Kann ich behilflich sein?«, fragte Wendy leise.

»Vielen Dank«, erwiderte Miriam. »Ich bin Ärztin. Ich kann mich um die junge Dame kümmern.«

Mit tränenfeuchten Augen blickte das Mädchen sie an. »Sie können ruhig du zu mir sagen. Ich bin erst fünfzehn.«

Miriam legte ihren Arm um das zarte Geschöpf und fühlte durch den dünnen Pullover nur Knochen und dann einen Arm, den sie fast mit der Hand umschließen konnte.

Jetzt machte sie sich Vorwürfe. Da bin ich nun schon so lange Ärztin, dachte sie. Eigentlich hätte ich merken müssen, dass da ein krankes Wesen neben mir sitzt. Aber sie war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, und nun in den Sekunden wirklicher Gefahr erst erwachten ihre Lebensgeister wieder.

»Ich heiße Carolin«, flüsterte das Mädchen. »Papi nennt mich Carry. Er wartet auf mich. Endlich darf ich zu ihm und nun …«

»Pssst«, machte Miriam. »Nicht so schwarz sehen, Kleines. Ich habe schon sehr viel stürmischere Flüge erlebt, und wie du siehst, lebe ich immer noch.« Aber wie, dachte sie für sich. Doch sofort dachte sie dann wieder nur an dieses noch halbe Kind an ihrer Seite, das sich jetzt angstvoll an sie klammerte.

»Nonna wollte mich nicht zu Papi lassen«, sagte Carry stockend. »Oh, sie hat immer so böse von ihm gesprochen, und bestimmt trifft mich ihr Fluch, dass ich ihn nie wiedersehen soll.«

»Kind«, sagte Miriam erschüttert, »denk nicht so was.«

Nonna nannte man in Italien die Großmutter, und für Miriam war ihre Großmutter der Mensch, den sie in liebevollster Erinnerung behalten hatte.

»Sie hat das Flugzeug verflucht«, flüsterte Carry. »Bestimmt hat sie das. Sie wird nie richtig tot sein, ihr Hass bleibt lebendig. Das hat sie selbst gesagt.«

»Meine Damen und Herren, Ladies und Gentlemen«, sagte da Wendys Stimme, »wir setzen jetzt zur Landung an. Wir bitten Sie, Ruhe zu bewahren. Wegen der Schlechtwetterlage haben wir keine guten Bedingungen. Ich bitte Sie, sich vornüberzukauern und die Gurte so fest wie möglich zu ziehen. Bitte, geraten Sie nicht in Panik. Unser Flugkapitän hat sehr viel Erfahrung und wird bemüht sein, alle Schwierigkeiten zu meistern.«

Totenstille herrschte eine Sekunde, dann hörte man Schluchzen, Gebete und Flüche durcheinander, und niemand wusste wohl selbst so recht, was er tat und sagte.

*

Jonas Henneke rannte wie ein gefangener Tiger in der Halle des Flughafens hin und her. Sein flächiges, markantes Gesicht war kreidebleich. Seine Hände zu Fäusten geballt, bohrten sich in die Manteltaschen. Carry, dachte er, Liebling, ich will dich behalten, ich will dich endlich wiedersehen, für mich allein. Es darf nichts geschehen. Herrgott, beschütze mein Kind. Lass es nicht zu, dass ein Unglück geschieht. Ich will Carry nicht verlieren, ich will ihr alle Liebe geben, die ich ihr bisher nicht geben konnte.

Und wie er dachten viele in dieser Halle an andere geliebte Menschen, die sehnsüchtig erwartet wurden.

Und auch anderswo waren Menschen in Sorge. Dr. Daniel Norden war im Schritt durch den Nebel heimgefahren. Man konnte kaum die Hand vor den Augen sehen. Als er aus seinem Wagen stieg, hörte er das dumpfe Motorengeräusch des Flugzeuges und blickte unwillkürlich zum Himmel, von dem man aber nichts sehen konnte. Undurchdringlich waren die Nebelschwaden.

Mein Gott, ging es ihm durch den Sinn, da wird doch kein Unglück geschehen. Wie soll sie denn herunterkommen bei diesem gemeinen Wetter?

Seine Frau Fee empfing ihn mit einem erleichterten Lächeln.

»Gott sei Dank, dass du heil da bist«, sagte sie, »und wie bin ich froh, dass vorgestern nicht solch ein scheußlicher Nebel war, als Katja und David aus London kamen.«

»Da oben kreist eine Maschine«, sagte Daniel Norden gedankenvoll. »Hoffentlich kann man sie an einen anderen Platz weiterleiten.«

»Vorhin sagten sie im Radio, dass die Flughäfen Frankfurt und Nürnberg auch gesperrt seien, und wahrscheinlich sieht es auf anderen Plätzen auch so aus«, sagte Fee. »Schrecklich! Ich möchte nicht wissen, was diese Leute für Angst ausstehen, die in solcher Maschine sitzen. Da kann man schon froh sein, wenn man sich nicht um einen Angehörigen sorgen muss.«

»Es ist einfach abscheulich, dass da aller technischer Fortschritt versagt und man nur auf den Allmächtigen die letzte Hoffnung setzen kann«, sagte Daniel. »Wollen wir hoffen, dass wir nicht eine Schreckensnachricht hören müssen, Liebes.«

Er ahnte nicht, dass in jenem Flugzeug eine Frau saß, die in diesem Augenblick an ihn dachte.

Du hast einmal zu mir gesagt, Daniel Norden, dachte Miriam Perez, solange Leben in einem Menschen ist, darf man die Hoffnung nicht aufgeben.

Sie hielt ihren Arm schützend über Carry. Sie dachte nicht an ihr eigenes Leben. Mit diesem hatte sie doch eigentlich schon abgeschlossen. Mit ihrem Körper wollte sie Carry schützen, die sich nach ihrem Vater sehnte und vor Angst bebte. Carry, die den Fluch der Nonna fürchtete und sich an Miriam klammerte, die doch vor wenigen Stunden noch eine Unbekannte für sie gewesen war. Miriam hatte in wenigen Minuten erfahren, dass Carry sich niemals in die liebevollen Arme einer Mutter hatte flüchten können, Carrys Mutter war kurz nach deren Geburt gestorben. Miriam hielt jetzt dieses junge Geschöpf fest an sich gepresst, ohne noch an sich oder irgendjemand zu denken, der ihr selbst nahegestanden hatte und hatte nur einen Gedanken, dass diese junge Carry ihren Vater wiedersehen müsse, nach dem sie sich sehnte, nach dem sie immer wieder rief. »Papi, Papi, liebster Papi.« Ein Kind voller Angst war sie, und doch hörte ihre Stimme nur Miriam, denn in dem Dröhnen der Maschinen und dem Geschrei angstvoller und auch in Hysterie ausbrechender Menschen ging diese zitternde Stimme unter.

Herr, betete Miriam im Stillen, beschütze dieses Kind. Nimm mein Leben für ihres. Mich wird niemand vermissen, und mir kann doch niemand helfen, auch nicht Daniel.

Nein, auch sie wurde sich nicht bewusst, welche Gedanken sie bewegten, als die Maschine nun hart aufsetzte und über die Landebahn holperte. Zusammengekauert hockten sie alle, bis die Maschine zum Stehen kam. So recht begreifen konnte es wohl keiner, dass sie nun aussteigen konnten, zitternd, bleich die meisten, doch manche schon wieder lächelnd, als hätten sie nicht auch gezweifelt und Angst gehabt.

»Na also«, brummte Holger Herwart, »nun kannst du dich mit deiner Fränzi amüsieren, Conny.«

Conny murmelte etwas Unverständliches, aber jetzt mussten auch sie beide zum Ausgang, um den schwankenden Passagieren zu helfen.

Holger warf Wendy nur einen kurzen Blick zu, fing ihr dankbares Lächeln auf und zwinkerte ihr aufmunternd zu.

Eine junge Frau fiel Holger um den Hals und küsste ihn spontan ab. »Danke, tausend Dank«, sagte sie bebend, und manche Hand mussten sie drücken, bevor einer nach dem anderen durch die Nebelschwaden auf das Gebäude zuwankte, dessen helle Beleuchtung nun gewiss machte, dass das Ziel ereicht war.

Miriam und Carry gingen zuletzt die Gangway hinab.

»Bleib bei mir, Miriam«, flüsterte Carry. So nahe waren sie sich in wenigen Minuten gekommen, dass ihr das Du ganz leicht von den blassen bebenden Lippen kam.

»Nun wirst du deinen Papi gleich wiedersehen«, sagte Miriam weich.

»Er muss dich kennenlernen. Ich will ihm sagen, wie du mir geholfen hast. Oh, ich danke dir so sehr.«

Gibt es das, fragte sich Miriam. Da saß man Stunden nebeneinander, ohne ein Wort miteinander zu sprechen, und nun war es, als würden sie sich eine Ewigkeit kennen. Aber waren diese Minuten der Angst nicht eine Ewigkeit gewesen? Und hatte sie nicht nur Angst um dieses Mädchen gehabt?

In der Halle fielen sich Menschen in die Arme, manche stumm, manche schluchzend, und manche mit erleichtertem Lachen. An sein Gepäck dachte kaum jemand. Und dann war da plötzlich ein großer breitschultriger Mann, der Carry an sich riss und ihr kleines bleiches Gesicht mit zärtlichen Küssen bedeckte.

»Mein Liebes, mein Kleines, Herrgott, ich danke dir, dass ich sie wiederhabe.«

Miriam hörte diese tiefe, erregte Stimme, sie sah den Mann, zu dem ein solcher Gefühlsausbruch gar nicht recht passen wollte. Hätte sie Jonas Henneke unter normalen Verhältnissen kennengelernt, hätte sie ihn als einen harten, nüchternen Mann eingeschätzt.

»Miriam hat mir so geholfen, Papi«, sagte Carry. »Ich wäre vor Angst gestorben, wenn sie nicht bei mir gewesen wäre.«

Graue glasklare Männeraugen blickten nun Miriam an, verwundert und ungläubig war ihr Ausdruck. Es war ein ganz eigenartiger Augenblick, als er geistesabwesend seinen Namen sagte, seltsam auch, dass er Miriam sofort im Gedächtnis blieb, obgleich dies ganz selten der Fall war.

»Ich danke Ihnen«, sagte er mit so ernstem Nachdruck, dass sie von einem unerklärlichen Gefühl erfasst wurde. Er sagte es so, als sei er überzeugt, dass sie Carry tatsächlich das Leben gerettet hatte.

»Der Dank gebührt unserem Piloten«, erwiderte sie stockend.

»Nicht allein«, sagte er leise. »Darf ich Ihren Namen erfahren?«

»Miriam Perez«, entgegnete sie.

»Miriam ist Ärztin«, warf Carry ein, und ihre Stimme klang jetzt schon ein bisschen sicherer. »Bitte, komm mit zu uns, Miriam.«

»Aber das geht doch nicht, Kleines«, sagte Miriam unsicher.

»Sie werden erwartet?«, fragte Jonas Henneke.

Nein, auf sie wartete niemand. Es gab keinen Menschen, der wusste, dass sie sich in dieser Maschine befunden hatte. Wäre diese nicht sicher gelandet…, sie konnte nicht zu Ende denken, denn Jonas sagte: »Ich bitte Sie sehr herzlich, unser Gast zu sein, falls München für Sie nur ein Zwischenaufenthalt sein sollte.«

Ein Zwischenaufenthalt? Guter Gott, dachte Miriam. Sie war am Ende, seelisch und auch finanziell. Es gab hier nur einen Menschen, mit dem sie noch einmal, ein einziges Mal, sprechen wollte, Dr. Daniel Norden.

Deshalb hatte sie für diesen Flug ihr letztes Geld geopfert, bis auf ein paar Dollar, die sie noch in ihrer Tasche hatte.

»Sag doch ja, Miriam«, bat Carry. »Wir konnten doch gar nicht richtig miteinander reden. Ich wagte nicht, dich anzusprechen, weil du so in Gedanken versunken warst.« Carry sah ihren Vater an. »Erst, als es mit der Landung nicht klappte und ich so schreckliche Angst bekam, dass wir abstürzen, hat Miriam mich getröstet.«

Was ist das für eine eigenartige Frau, dachte Jonas Henneke, aber nun hatte er sein Kind wieder, sah es lebend vor sich und fand seine Selbstsicherheit zurück.

»Dann werden wir uns jetzt mal um das Gepäck kümmern und im Schneckentempo heimfahren«, sagte er.

»Bitte, Miriam, sag ja«, bat Carry wieder.

»Unser Haus hat viel Platz«, schloss Jonas sich an.

Und ich brauche keine Pension zu suchen, dachte Miriam, der Tatsache bewusst, dass ihr restliches Geld ohnehin gerade für eine Übernachtung reichen würde.

»Sie sind sehr liebenswürdig«, sagte sie leise zu Jonas.

»Du hast mir doch so geholfen«, warf Carry ein. »Mein Herz hat schon fast ausgesetzt. Es ist nämlich nicht in Ordnung«, erklärte sie.

»Sie sind Ärztin«, sagte Jonas Henneke. »Sie spürten es wohl.«

Nein, hätte sie erwidern müssen. Denn sie hatte an Carrys Angst gedacht, nicht, dass sie ein krankes Herz haben könnte. Eher noch, dass sie unterernährt wäre. Was hatte sie eigentlich gedacht? Sie hatte geredet und Carry zugehört. Es war alles wie ein Traum gewesen, und sie hatte an ein Weiterleben doch gar nicht mehr geglaubt. Nur instinktiv hatte sie das Mädchen schützen wollen, das sich so vertrauensvoll an sie klammerte. Und sie hatte über Carry nachgedacht, die von ihrer Nonna sprach, als sei sie eine Hexe.

Ja, ich bin Ärztin, dachte sie, aber was für eine. Plötzlich waren die Depressionen wieder da, die verschwunden gewesen waren, als sie dieses angstvolle Kind trösten musste.

Sie war müde, unsagbar müde. Mechanisch griff sie nach ihrer abgeschabten Reisetasche, während Carry auf ihre Koffer deutete, die Jonas an sich nahm.

»Ist das ihr ganzes Gepäck?«, fragte Jonas leicht erstaunt.

Miriam nickte. Es ist alles, was ich noch besitze, hätte sie erwidern müssen. Sie sagte es nicht.

»Es ist schön, dass du mitkommst und Papi dich auch kennenlernt«, sagte Carry. »Wir sind richtige Freundinnen geworden, nicht wahr, Miriam?«

Sie war so naiv, so kindlich, dass es fast ergreifend war. Miriam hatte Mädchen ihres Alters kennengelernt, die schon eifrig Jagd auf Männer machten, die verdorben waren bis auf den Grund ihrer Seele. Sie hatte eines kennengelernt, das nicht viel älter war als Carry, und ihr den einzigen Mann weggenommen hatte, den sie liebte, zu lieben glaubte. Und nicht dies allein. Jenes Mädchen hatte ihr viel mehr angetan.

Jetzt ging sie an der Seite eines Mädchens, das ihr vor wenigen Stunden noch ganz fremd war, hinter einem Mann her, der zielbewusst auf einen hellen Wagen zusteuerte.

Wohin treibt das Schicksal mich jetzt?, fragte sich Miriam. Sie fuhren durch den Nebel, langsam und vorsichtig steuerte Jonas Henneke seinen Wagen. Miriam und Carry saßen auf dem Rücksitz. Unwillkürlich hatte Miriams Hand sich jetzt um das Handgelenk des Mädchens gelegt. Der Puls ging nun beschleunigt. Sie überlegte, an welcher Herzkrankheit Carry leiden könnte, und plötzlich wurde es ihr heiß und kalt, weil sie echte Angst um dieses Mädchen hatte, als würde es zu ihr gehören, als wäre es ihr Kind.

Ein eigentümliches Gefühl war das, da sie doch gemeint hatte, gar nichts mehr empfinden zu können.

»Abscheulich, dieses Wetter«, sagte Jonas. »Ausgerechnet heute.«

Er sprach abgehackt und mehr zu sich selbst und auch so, als denke er dabei an etwas anderes. Und Miriam ging es durch den Sinn, dass sie unter normalen Umständen wohl Carrys Bekanntschaft nie gemacht hätte. Sie wären sich am Ende der Reise so fremd gewesen wie am Anfang, denn Carry hätte ihre Scheu nicht ablegen können, und sie wäre weiter in Erinnerungen versunken geblieben.

»Geht es dir jetzt besser, Liebling?«, fragte Jonas seine Tochter.

»Wir sind ja zusammen«, erwiderte Carry leise. Sie lehnte den Kopf an Miriams Schulter.

»Etwas Gutes hätte alles, habe ich einmal in einem Buch gelesen«, sagte Carry. »Miriam hätte ich nicht anzusprechen gewagt, wenn nicht diese schreckliche Situation eingetreten wä­re.«

Nun sprach sie Miriams Gedanken aus.

»Warum eigentlich nicht?«, fragte Jonas.

»Weil sie sich gar nicht rührte. Ich dachte, sie würde schlafen«, sagte Carry. »Sie hatte immer die Augen geschlossen.«

»Ich hatte schon eine weite Reise hinter mir«, sagte Miriam. »Rom war nur Zwischenstation.«

»Woher bist du gekommen?«, fragte Carry zögernd, aber schon viel weniger scheu.

»Aus Beirut.«

»Ist das Leben für eine Europäerin dort nicht ziemlich schwierig?«, fragte Jonas.

»Ich war an einer Klinik tätig. Ich hatte meinen Beruf«, erklärte Miriam. »Eine Europäerin bin ich eigentlich auch nicht. Ich bin in Teheran aufgewachsen und habe nur in Deutschland studiert.«

»In München?«, fragte Jonas.

»Ja, in München«, erwiderte Miriam schleppend.

»Es gefiel Ihnen hier nicht?«, fragte Jonas.

»Doch, es gefiel mir sehr.«

Er spürte an ihrem Tonfall, dass sie nichts mehr sagen wollte. Jonas war ein guter Menschenkenner. Für ihn war Miriam bis jetzt ein unerforschtes Wesen, dem er Sympathie entgegenbrachte, weil sie sich seiner Tochter angenommen hatte. Sie müsste Mitte dreißig sein, dachte er. Jünger bestimmt nicht. Sie sieht auch so aus, als hätte sie eine schwere Zeit hinter sich. Die Bräune täuscht. Aber es konnte auch sein, dass die schwierige Landung nicht spurlos an ihr vorübergegangen war. Er hatte sich ja auch aufgeregt, obgleich er nicht zu jenen Menschen gehörte, die immer gleich das Schlimmste vermuten. Er ließ jetzt den Wagen ausrollen. Von Nebelschwaden verhüllt war auch das Haus, das sie dann betraten, aber er hatte, bevor er wegfuhr, alle Räume erhellt. Wärme hüllte sie ein. Eine gemütliche Diele im bäuerlichen Stil sah Miriam, als sie durch die Tür trat, die er aufgeschlossen hatte. Eine etwa sechzigjährige Frau erschien in der gegenüberliegenden Tür.

»Endlich«, sagte sie erleichtert. »Ich war schon bange.«

»Tante Hanne!«, rief Carry aus und fiel ihr um den Hals.

»Endlich bis du da, mein Kleines«, sagte die Frau zärtlich, und ihr herbes Gesicht wurde weich.

Sie musterte Miriam dann ganz kurz und forschend. Mit übersprudelnder Schnelligkeit wurde sie von Carry aufgeklärt, wie sie Miriam kennengelernt hatte, und Miriam erfuhr, dass Tante Hanne die Schwester von Jonas Hennekes Mutter war, die jetzt in seinem Haus lebte.

»Papi hat nichts davon geschrieben«, sagte Carry.

»Es sollte eine Überraschung für dich sein. Schließlich muss sich doch jemand um dich kümmern«, erwidert Jonas.

»Ich wäre doch wohl besser in ein Hotel gegangen«, sagte Miriam zögernd.

»Aber warum denn? Wir haben genug Platz«, sagte Hanne. Miriam bemerkte, dass Jonas sie darauf erstaunt ansah.

Es ergab sich alles wie von selbst. Ein gedeckter Tisch erwartete sie, und Köstlichkeiten, wie Miriam sie schon lange nicht mehr vorgesetzt bekommen hatte.

Ein silberner Leuchter mit drei Kerzen löste das helle Licht der Deckenlampe ab und ließ alle Gesichter entspannter erscheinen.

Carry sprach von der Angst, die sie ausgestanden und über die ihr Miriam hinweggeholfen hatte. Von der Nonna sprach sie nicht. Sie war müde. Man sah es ihr an. Gegessen hatte sie wie ein Spatz.

»Du musst jetzt mal richtig schlafen«, sagte Tante Hanne.

»Und wir trinken vielleicht noch ein Glas Wein, Frau Dr. Perez?«, schlug Jonas vor.

Miriam ließ sich treiben. Ihre Nerven waren jetzt bis zum Äußersten gespannt. Sie hätte, obgleich sie übermüdet war, nicht einschlafen können, und dann wären wieder die Depressionen gekommen, denen sie entfliehen wollte.

»Gern«, erwiderte sie. »Ich möchte mich sehr herzlich für Ihre Gastfreundschaft bedanken.«

»Ich bin froh, dass du mitgekommen bist, Miriam«, sagte Carry. »Wir dürfen uns doch nicht aus den Augen verlieren. Zum ersten Mal habe ich eine Freundin, eine richtige Freundin.« Sie bedachte wohl gar nicht, dass Miriam mehr als doppelt so alt wie sie war.

Heiße Zärtlichkeit durchflutete sie, als Carry ihr einen Gutenachtkuss auf die Wange drückte.

»Ich bin sehr froh, dass du deinen Papi wieder hast«, sagte sie leise.

»Ich auch, aber auch, dass wir uns kennenlernten, Miriam.« Man merkte, wie gern sie den Namen aussprach.

Dann war Miriam eine Zeit mit Jonas Henneke allein. Er räusperte sich, und auch sie kämpfte gegen verständliche Hemmungen an. Es passierte einem schließlich nicht jeden Tag, dass man sich auf solche Weise kennenlernte.

»Ich habe Ihnen sehr zu danken, Frau Dr. Perez«, sagte Jonas leise. »Ich hatte mir schon die bittersten Vorwürfe gemacht, dass ich meine Tochter nicht abgeholt habe, aber ich hatte gerade sehr wichtigen Auslandsbesuch, und sie sollte nicht noch einen einzigen Tag länger in Rom bleiben. Meine Tante ist nicht mit Pferdestärken in ein Flugzeug zu bringen, nun ja, das sind eigentlich keine Entschuldigungen.«

»Normalerweise dauert der Flug ja nicht lange«, sagte Miriam. »Wer hätte mit solchem Nebel rechnen können? Wir sind bei strahlendem Sonnenschein abgeflogen, und hier herrschten nach Auskunft doch auch gute Landebedingungen.«

»Der Nebel kam so plötzlich und überraschend. Das Wetter spielte in diesem Jahr sowieso verrückt. Den Sommer hatten wir im Herbst, und bis gestern war es strahlend schön. Richtiges klares Winterwetter. In Rom beginnt schon der Frühling, wie mir Carry am Telefon sagte.«

»Ich bin von einer Maschine in die andere gestiegen«, sagte Miriam geistesabwesend. »Carry war so still während des Fluges, dass ich sie gar nicht richtig wahrnahm. Jetzt tut es mir leid, dass ich mich nicht schon vorher ein bisschen um sie gekümmert habe.«

»Sie ist scheu, und Reisebekanntschaften können auch nachteilig sein«, sagte Jonas. »Ich mache auch keine, aber ich bin sehr froh, dass Sie sich Carrys angenommen haben. Sie hat ein Loch in der Herzscheidewand, von Geburt an.«

Miriams Kopf ruckte empor. Forschend, bestürzt blickte sie den Mann an. »Warum wurde sie nicht operiert?«, fragte sie. »Sie hätten doch wohl die finanziellen Möglichkeiten?«

Er hörte den Vorwurf aus ihrer Stimme. »Ich hatte kein Verfügungsrecht über meine Tochter«, sagte er rau. »Ich werde es Ihnen erklären, damit Sie mich nicht für einen nachlässigen Vater halten.«

»Das tue ich nicht. Wären Sie es, würde Carry Sie nicht so lieben.«

»Ja, es ist ein Wunder, dass sie mich trotz allem liebt«, sagte er verhalten. »Ihre Mutter war Italienerin. Unsere Ehe begann sehr glücklich, obgleich ihre Eltern von Anfang an dagegen waren, dass sie einen Deutschen heiratete. Als das Kind unterwegs war, ging es ihr nicht gut. Wir lebten in München, das Klima bekam ihr nicht.« Er machte eine kleine Pause. »Und ihr Wesen veränderte sich schlagartig. Sie hatte Heimweh. Sie wollte in Rom sein, aber ich konnte hier nicht alles stehen und liegen lassen.« Wieder versank er in Schweigen. Sie schwieg auch.

»Es ist alles so schwer erklärbar«, sagte Jonas.

»Sie sind mir keine Erklärung schuldig«, meinte Miriam darauf.

»Aber Sie sind Ärztin. Sie können nicht begreifen, dass ich für mein Kind nichts getan habe.«

Tante Hanne trat ein. Sie tat, als hätte sie nicht gehört, was er sagte. Sie stellte einen Weinkrug aus wundervollem rotem Kristall auf den Tisch und die Gläser dazu.

»Carry möchte dich noch einmal sehen, Jonas«, sagte sie mit ihrer warmen, angenehmen Stimme.

Er neigte leicht den Kopf. »Entschuldigen Sie mich bitte, Frau Doktor«, sagte er.

»Aber das ist doch selbstverständlich. Carry ist wichtiger.« Miriam lächelte leicht, doch dieses Lächeln erreichte ihre ernsten, nachdenklichen Augen nicht. Sie fühlte sich wieder von Tante Hanne gemustert, deren Nachnamen sie noch immer nicht wusste. Und so wusste sie auch nicht, wie sie die Ältere anreden sollte. Sie fragte stockend danach.

»Ach, sagen Sie nur Tante Hanne. Wozu große Umstände machen? Wichtig ist mir, dass Sie Jonas als Vater nicht falsch sehen. Er konnte gegen diesen Clan nicht an. Ich werde Ihnen diese Geschichte aus meiner Sicht erzählen, denn Sie werden hoffentlich einige Tage unser Gast bleiben. Für Jonas ist das alles zu schlimm, weil er in der für ihn wichtigsten Angelegenheit so machtlos war.«

Sie verstummte, als sie seine Schritte hörte, und wie ein kleines Mädchen legte sie den Finger auf die Lippen.

Jonas trat ein. »Ich soll Sie in Carrys Namen bitten, bei uns zu wohnen, solange Sie in München bleiben. Ich hoffe sehr, dass Sie uns diese Bitte nicht abschlagen, der ich mich anschließe.«

»Sie werden ja nicht nur für ein paar Stunden nach München gekommen sein«, sagte Tante Hanne. »Außerdem ist der Wetterbericht schlecht. Ich verstehe ja sowieso nicht, wie man sich in solch ein Ungeheuer setzen kann. Schon mit dem Auto ist es gefährlich genug. Wie denken Sie darüber, Miriam?«

»Ich fahre nicht mehr«, erwiderte Miriam kaum vernehmbar.

»Hatten Sie einen Unfall?«, fragte Jonas.

Unwillkürlich legte Miriam die Hand über ihre Augen, vor denen wieder ein grauenvolles Bild erschien.

Sie nickte nur und wandte sich ab. Sie war Tante Hanne dankbar, die ablenkend sagte, dass es nun an der Zeit wäre, den Wein zu trinken, da er sonst warm würde.

»Sie haben Verwandte in München?«, fragte Tante Hanne dann.

»Nein, eigentlich nur einen Bekannten aus der Studienzeit, Dr. Daniel Norden«, erwiderte Miriam.

»Dr. Norden? Ein sehr bekannter Arzt«, sagte Tante Hanne. »Ich kenne ihn durch Dr. Behnisch, der mich operiert hat.«

»Dieter Behnisch?«, fragte Miriam staunend. »Er ist auch in München?«

»Er hat eine Privatklinik«, erklärte Tante Hanne, »mit einem ausgezeichneten Ruf.«

»Wie merkwürdig«, murmelte Miriam. »Wir studierten zur gleichen Zeit. Es ist schon ziemlich lange her. Wie es so ist im Leben, hörten wir dann nichts mehr voneinander.«

»Nun können Sie sich Zeit lassen, alte Freundschaften wieder aufzufrischen«, meinte Tante Hanne. Sie warf Miriam einen schrägen Blick zu. »Allerdings werden Sie Ihre Studienkollegen als gesetzte Ehemänner wiederfinden.«

»Umso besser«, sagte sie mit einem Anflug von Humor. »Dann kommt keiner auf den Gedanken, dass ich hier auf Männerjagd gehen will.«

»So war es von mir auch nicht gemeint«, sagte Tante Hanne. »Ich habe ein besonderes Talent, mich manchmal missverständlich auszudrücken. Tatsächlich nahm ich an, dass auch Sie verheiratet sind.«

»Nein, das bin ich nicht«, erwiderte Miriam.

»Auf Ihr Wohl«, warf Jonas ein und hob sein Glas. Miriam trank in kleinen Schlucken. Es war ein ganz köstlicher Wein. Wohlig warm wurde es ihr nach dem dritten Schluck. Die Spannung ließ nach, und die Müdigkeit kam langsam.

»Es war ein aufregender Tag«, sagte Jonas. »Wir wollen Ihnen Ruhe gönnen. Hoffentlich werden Sie gut schlafen.«

»Sie werden Carry jetzt operieren lassen?«, fragte sie.

»So schnell wie möglich.«

»Von wem?«

»Von Professor Benten.«

»Nein!«, entfuhr es Miriam.

»Warum nicht?«, fragte Jonas bestürzt. »Er ist der prominenteste Herzspezialist.«

»Ja, der prominenteste«, sagte Miriam schleppend. »Ein glänzender Chirurg, ein Mensch ohne Seele.«

»Siehst du, das habe ich dir auch gesagt, Jonas«, warf Tante Hanne ein. »Ich lehne ihn auch gefühlsmäßig ab. Gut, dass ich Unterstützung bekomme.«

»Ich war zu impulsiv. Ich will mich nicht einmischen«, sagte Miriam leise. »Carry ist so überaus sensibel. Sie würde kein Vertrauen zu ihm haben. Das ist meine Meinung.«

»Wen würden Sie denn vorschlagen?«, fragte Jonas.

»Vielleicht könnte Dr. Norden da besser raten. Ich war acht Jahre nicht hier.«

Aber Benten kennt sie, dachte Jonas, doch er stellte keine Fragen. Er sah, dass Miriam sehr müde war, und zudem war ihre Miene jetzt sehr verschlossen.

»Wir werden noch Gelegenheit haben, uns darüber zu unterhalten«, sagte er ruhig. »Tante Hanne wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Ich wünsche Ihnen eine sehr gute Nacht.«

Er küsste ihr die Hand, und als sich ihre Augen für den Bruchteil einer Sekunde trafen, hatte sie das untrügliche Gefühl, einen Freund gefunden zu haben. Es beruhigte sie, dass er nicht erzürnt war über ihre Meinungsäußerung. Benten, ausgerechnet Benten, ging es ihr durch den Sinn, als sie dann in dem wunderschönen Gästezimmer, das auch im bäuerlichen Stil eingerichtet war, ihre müden Glieder in einem frisch duftenden Bett ausstreckte.

Mit einem festen, herzlichen Händedruck hatte Tante Hanne ihr ebenfalls eine gute Nacht und schöne Träume gewünscht.

Nur nicht träumen, waren Miriams letzte Gedanken, bevor sie einschlief, denn schöne Träume kannte sie schon lange nicht mehr. Ein herrlicher erquickender Schlaf war ihr in dieser Nacht vergönnt, nach der sie erholt erwachte.

Sollte es doch noch mal einen neuen Anfang geben? Sollte sie befreit werden von den Höllenqualen, die sie schon beinahe zum Irrsinn getrieben hatten? Konnte es möglich sein, dass sie vergessen durfte, was ihr das Leben wertlos gemacht hatte?

Es klopfte leise an der Tür, und dann kam Carry herein. Ihr zartes Gesichtchen war rosig überhaucht. Ihre Augen hatten die gleiche Farbe wie die ihres Vaters, wie sie erst jetzt bemerkte, denn gestern waren sie vom Weinen dunkel und glanzlos gewesen.

»Oh, Miriam, ich hatte Angst, dass du nicht mehr hier sein könntest«, hauchte Carry. »Hast du gut geschlafen?«

»So gut wie schon lange nicht mehr«, erwiderte Miriam wahrheitsgemäß.

»Ich auch, ohne böse Träume.«

Wir haben mancherlei gemeinsam, ging es Miriam durch den Sinn.

»Gefällt es dir bei uns?«, fragte Carry in ihrer kindlichen Art. »Ist das Haus nicht schön? So habe ich es mir auch immer vorgestellt.«

»Warst du denn niemals hier, Carry?«, fragte Miriam betroffen.

»Nein, es war doch nicht möglich. Nonna hätte es nie erlaubt. Sie durfte nur nicht verbieten, dass Papi mich besuchte, aber wenn ich nach Deutschland wollte, hätte ich doch einen Pass gebraucht. Sie hat verhindert, dass ich einen bekam, sie konnte das. Großvater hatte sehr viel Einfluss und sie nach seinem Tod auch.«

»Und warum ließen sie dich nicht zu deinem Vater?«, fragte Miriam nun doch wie unter einem Zwang.

»Sie hassten ihn«, stieß Carry hervor. »Sie hassten ihn, als wäre er schuld gewesen an Mamas Tod. Dabei war das doch eigentlich ich. Geliebt haben sie mich auch nicht. Sie wollten nur Papi kränken. Sie wollten ihn demütigen. Ich habe das nie verstanden. Mama und er haben sich doch geliebt. Aber was soll ich darüber reden? Nonna ist tot, und ich darf jetzt immer bei Papi bleiben. Hier werde ich vielleicht auch gesund. Meinst du, dass es möglich ist? Du bist doch Ärztin.«

»Sicher wirst du ganz gesund, Carry.«

»Nonna hat gesagt, dass die Ärzte Mama nicht helfen konnten, und mir können sie auch nicht helfen. Sie wollte wohl auch gar nicht, dass ich am Leben bleibe, wenn sie nicht mehr lebt.«

Eisig rann es Miriam den Rücken herunter. Wie viel haben wir eigentlich noch gemeinsam, dachte sie für sich. Auch in ihrem Leben hatte es einen Menschen gegeben, der sie nicht lebend wissen wollte, weil er sterben musste und weil ihm tatsächlich kein Arzt helfen konnte.

»Ich will nicht, dass du so ernst schaust«, sagte Carry. »Ich rede und rede und nur über die Vergangenheit, wo die Gegenwart doch so schön ist.«

»So kann man die Vergangenheit aber am besten bewältigen, mein Liebes«, sagte Miriam warm.

»Wirst du mir auch mal von deiner Vergangenheit erzählen, was du so erlebt hast?«

»Später einmal vielleicht«, sagte Miriam. »Ich bin um einiges älter als du, Carry, da hat man schon mehr erlebt und auch Dinge, an die man sich nicht gern erinnert.«

»Man kann sehr jung sein und doch schon alt, Miriam. Ich war noch niemals richtig Kind.« Wie ernsthaft und wehmütig das klang. »Hier wäre ich viel lieber gewesen. Tante Hanne ist auch sehr nett, nicht wahr? Einmal durfte ich mit ihr und Papi ein paar Tage in Ostia sein. Das konnte Nonna nicht verbieten. Papi hatte da auch jemanden kennengelernt, der ihm half. Einen Richter, einen ganz hohen, der dann auch Nonnas Testament angefochten hat. Aber jetzt wollen wir erst einmal frühstücken. Ich bin schrecklich unhöflich. Papi bleibt doch eigens unseretwegen ein paar Tage ganz daheim.«

»Deinetwegen, Carry«, sagte Miriam.

»Deinetwegen doch auch. Du bist ihm ein sehr lieber Gast, das hat er mir gesagt, und Tante Hanne ist sonst auch ziemlich heikel, aber dich mag sie.«

Sie war zauberhaft natürlich und zutraulich. Wie viel Gemüt musste sie besitzen, da es durch nichts zu zerstören war. Wie innig verbunden mussten Vater und Tochter innerlich sein, das Carry trotz ihres Leidens so glücklich lächeln konnte.

Es wurde Miriam leicht gemacht sich heimisch zu fühlen. Wie lange war es her, dass dies so gewesen war? Nur flüchtig dachte sie an eine kahle Zelle, in der sie das Fazit eines ruhelosen Lebens gezogen hatte, und einmal war sie doch mit aller Leidenschaft Ärztin geworden, aber es war, als wäre es in einem anderen Leben gewesen.

Tante Hanne verbreitete Gemütlichkeit und Ruhe, Carry ließ sich von ihr verwöhnen und aß mit großem Appetit die frischen Brötchen.

»Sie sollen sich bei uns nicht angebunden fühlen, Frau Dr. Perez«, sagte Jonas.

»Sag Miriam, Papi, Tante Hanne tut es doch auch«, warf Carry ein.

»Mir wäre eine weniger formelle Anrede auch lieber«, sagte Miriam rasch, denn jedes Mal gab es ihr einen Stich, wenn sie mit diesem Titel angesprochen wurde.

»Ich habe nichts dagegen«, sagte Jonas, »aber dann müssen Sie mich auch weniger förmlich anreden.«

»Nachher wird noch mit einem Glas Sekt darauf angestoßen«, sagte Tante Hanne munter. »So gefällt es mir, Kinder. Bei uns auf dem Lande haben wir nicht solche Umstände gemacht.

»Tante Hannes Mann war Gutsbesitzer«, sagte Carry erklärend.

»Bauer, ein richtiger Bauer war er, aber ein guter, und er hatte ein Herz wie Butter. Übrigens heiße ich auch Bauer, damit es gesagt sei, aber wir bleiben bei Tante Hanne.«

Miriams Gedanken wanderten. Schlicht und natürlich war auch Tante Hanne, obwohl sie gewiss eine gebildete Frau war mit einer angeborenen Vornehmheit und Herzensgüte. Auch Jonas Henneke, mochte er sein, was er wollte, denn über seinen Beruf hatte Miriam ja nichts erfahren, hatte diese schlichte Natürlichkeit in seinem Wesen. Wie hatte sich das wohl mit der vornehmen Familie, aus der seine Frau gekommen war, vertragen? Vertragen können, musste sie in Gedanken hinzufügen.

Schließlich musste diese Familie überaus einflussreich gewesen sein, wenn sie verhindern konnte, dass das Kind nach dem Tode der Mutter zum Vater kam.

Miriam wagte nicht, Jonas eingehender zu betrachten, aber der erste Eindruck war ohnehin imponierend genug gewesen. Er hatte einen Charakterkopf und auch jetzt, wohl der Mitte der vierziger Jahre nahe, ein blendend aussehender Mann.

Nein, nicht im eigentlichen Sinne blendend, berichtigte sich Miriam selbst, denn hinter blendendem Aussehen stand oftmals gar nichts. Jonas hatte ein ungeheuer ausdrucksvolles Gesicht, da ihm nun die Angst nicht mehr in den Augen stand und auf die Stirn geschrieben war.

»Benutzen Sie das Telefon, so oft Sie wollen, Miriam«, sagte er jetzt. »Aber machen Sie uns die Freude und lassen sich nicht von Ihren Freunden überreden, von uns weg zu ihnen zu ziehen. Carry wäre sehr traurig.«

»Du darfst es mir nicht antun, Miriam«, sagte Carry. »Oh, wenn du mich doch operieren könntest, es wäre wunderbar.«

Miriam fiel fast die Tasse aus der Hand. Ihr Herzschlag setzte momentan aus.

»Ich würde überhaupt keine Angst haben«, sagte Carry lächelnd.

»Es ist unmöglich, Carry, aber du brauchst keine Angst zu haben. Wir werden den allerbesten Arzt für dich finden, und du wirst ganz schnell ganz gesund werden.«

»Wie kommt das eigentlich, wenn man so ein Loch hat?«, fragte Carry.

Jonas’ Miene verdüsterte sich. Miriam sah es. »Es ist öfter der Fall, als man meint«, sagte sie rasch. »In dieser Hinsicht ist der Fortschritt in der Medizin so groß, dass solche Operationen tagtäglich, ich weiß nicht wie oft, in aller Welt ausgeführt werden. Ich werde Dr. Norden fragen, wen er für den besten Herzspezialisten hält.«

Das sagte sie sehr bestimmt. Jonas warf ihr einen langen, forschenden Blick zu.

»Hattest du nicht schon mit einem gesprochen, Papi?«, fragte Carry.

»Ja, das schon, aber ich verlasse mich auf Miriam«, erwiderte Jonas.

»Das ist mir auch lieber«, meinte Carry.

»Mir auch«, sagte Tante Hanne. »Von Ferndiagnosen halte ich schon gar nichts und vor allem nicht, wenn das Honorar schon vorher festgesetzt wird.«

Dafür erntete sie einen vorwurfsvollen Blick von Jonas.

»Ist denn so eine Operation sehr teuer?«, fragte Carry.

»Nicht der Rede wert«, erklärte Jonas rasch. »Ich mag Geld als Gesprächsthema überhaupt nicht. Reich mir doch bitte mal den Schinken, Tante Hanne.«

Miriam kam ihr zuvor. Unabsichtlich berührten sich ihre Hände, und fast war es so, als wolle Jonas Miriams Hand festhalten. Hilfeheischend war sein Blick, und sie wusste ihn zu deuten, denn sie wusste, was eine Operation bei Benten ungefähr kosten würde, wenn er schon selbst eine ausführte.

Ja, sie kannte Benten. Er hatte sich einmal intensiv um sie bemüht, aber sie hatte ihn nicht gemocht, obgleich sie sich jetzt sagen musste, dass er ihr nicht einmal so viel Unglück gebracht hätte wie ein anderer, der jetzt tot war und der auch ihren Tod gewünscht hatte.

»Fahr zur Hölle, Miriam«, tönte es in ihren Ohren, und ohne dass sie es spürte, wich alles Blut aus ihrem Gesicht. Aber da war ja noch die Bräune südlicher Sonne, die dies täuschend verdeckte, und doch hatte sie das Gefühl, dass Jonas es bemerkte.

»Greifen Sie zu, Miriam«, sagte er. »Es scheint so, als hätte nicht nur unsere Carry Untergewicht.«

»Und Miriam ist viel größer als ich«, sagte Carry. »Du bist wahnsinnig schlank. Findest du das nicht auch, Tante Hanne?«

»Viel zu dünn, aber wir werden sie schon aufpäppeln. Was kriegt man da auch schon zu essen, bei den Halbwilden.«

»Na, na, na«, sagte Jonas. »Libanon ist ein reiches Land. Haben Sie unter guten Bedingungen gearbeitet, Miriam?«

»Nein, das könnte ich nicht sagen.« Sie biss schnell in ihr Brötchen, um nicht mehr sagen zu müssen, und wie es schien, verstand Jonas sie auch ohne Worte. Er redete von etwas anderem, nämlich von seinen freien Tagen, die er sich genommen hatte und davon, dass er ihnen da ein bisschen die Umgebung zeigen wollte.

»Wenn es sich aufklärt«, sagte Tante Hanne, »sonst lohnt es sich ja nicht. Bei Nebel sieht alles grau in grau aus, und außerdem ist die Fahrerei gefährlich. Miriam wird sich auch gern mit ihren alten Freunden in Verbindung setzen wollen.«

Miriam warf ihr einen dankbaren Blick zu. »Ja, das möchte ich gern. Ich bitte um Verständnis dafür.«

»Das ist selbstverständlich«, sagte Jonas.

Jetzt ging es Miriam nicht mehr um sich selbst, sondern viel mehr um Carry, denn sie wusste sehr gut, dass eine solche Operation, der sich Carry unterziehen musste, möglichst im Kindesalter stattfinden sollte, bevor das Wachstum beendet war. So waren die Chancen für eine völlige Gesundung viel größer.

Aber nicht Benten, dachte sie wieder. Nein, er nicht. Es ging nicht allein darum, dass sie an seinem Können zweifelte. Für ihn war das eine Routinesache, die er sicher perfekt vollbringen würde. Aber Carry würde kein Zutrauen zu ihm haben, und sie selbst wollte ihm nicht begegnen. Jetzt schon stand es doch für sie fest, dass sie bei Carry sein wollte, um ihr Mut und Zuversicht zu geben.

Dann verspottete sie sich in Gedanken selbst. Es war fast zehn Jahre her, dass Benten sich für sie interessiert hatte, und sicher hatte er sie längst vergessen. Männer gaben sich keinen Reminiszenzen hin, vor allem dann nicht, wenn sie einen Korb bekommen hatten.

»Ich finde es einfach toll, dass Miriam Dr. Norden kennt«, sagte Tante Hanne in ihre Gedanken hinein. »Er ist so ein Arzt mit einem sagenhaften Können, und außerdem der Sohn von Friedrich Norden, der die Insel der Hoffnung verwirklicht hat.«

»Tatsächlich?«, fragte Miriam. »Daniel sprach damals über die Idee seines Vaters, ein Sanatorium zu gründen, das allen Leidenden offen stehen solle. Insel der Hoffnung«, fuhr sie gedankenvoll fort. »Daniel glaubte nicht so recht daran, dass die Idee zu verwirklichen sei.«

»Waren Sie sehr befreundet?«, fragte Jonas mit einem seltsamen Unterton.

»Wir verstanden uns gut. Er war sehr umschwärmt«, erwiderte Miriam. »Er sah blendend aus, und alles deutete darauf hin, dass er eine große Karriere machen würde. Er war besessen von seinem Beruf, wie ich auch, doch anscheinend war er erfolgreicher. Es freut mich, denn manch einer vermutete, dass er ein Modearzt werden würde.«

»Warum bist du in dieses ferne Land gegangen, Miriam?«, fragte Carry. »Du bist bestimmt eine gute Ärztin.«

»Geheimnisse nichts in mich hinein, Carry. Ich hatte auch meine Ideen, aber Großes habe ich nicht geleistet.«

Tante Hanne blickte auf. »Dr. Norden ist ein Arzt, der für alle da ist«, sagte sie. »Es scheint, dass Sie das auch wollten, Miriam. Aber Frauen haben es immer schwerer. Die vielgerühmte und heraufgespielte Gleichberechtigung findet noch nicht statt.«

»Zum Kummer von Tante Hanne«, warf Jonas ein.

»Eine Frau bleibt irgendwie doch immer eine Frau«, sagte Miriam nachdenklich.

»Aber manche verstehen es sehr gut, ihre Macht auf Grund von Beziehungen auszuspielen«, sagte Tante Hanne im verächtlichen Ton. »Und gewiss nicht immer zum Besten anderer.«

Auch diesmal wusste Miriam, wen sie meinte, auf wen sie da anspielte. Und Carry sprach es aus.

»Wie Nonna«, sagte sie. »Ich möchte nicht so sein, auch nicht emanzipiert. Ich möchte am liebsten noch mal ein kleines Mädchen sein.«

»Wir werden versuchen nachzuholen, was du vermisst hast, mein Liebes«, sagte Jonas. »Äußere deine Wünsche.«

»Jetzt wünsche ich mir nur, dass Miriam bei uns bleibt«, sagte Carry. »Ich habe es im Flugzeug gefühlt, dass sie mich schützen und für mich sterben wollte.«

Beklemmende Stille herrschte nach diesen Worten. Jonas und Tante Hanne sahen Miriam an.

»Sie hat sich über mich gelegt«, sagte Carry. »Ich spürte, wie ihr Herz schlug. Sie hat mich festgehalten, wie ich mir vorstelle, dass eine Mutter einen festhält. Ja, so habe ich es empfunden, und deshalb konnte mein Herz weiterschlagen. Verstehst du, was ich damit sagen will, Papi?«

»Ja, mein Kind«, erwiderte Jonas.

»Ich habe ganz spontan reagiert«, versuchte Miriam die Bedeutung dieser Worte abzuschwächen.

»Nein, du hast gewusst, wie groß meine Angst war«, sagte Carry. »Ich war dir ganz fremd, aber irgendetwas hat uns ganz nahe gebracht. Ich bin doch kein Kind mehr und mache mir auch meine Gedanken. Ich habe dich lieb, Miriam. Das darf ich doch sagen. Und ich habe gemeint, dass du mich auch lieb hast. War das falsch?«

Wieder herrschte Schweigen. Wieder wanderten die Blicke umher.

»Das gibt es doch«, sagte Carry. »Ich musste immer bei Nonna leben, aber ich habe immer Angst gehabt in ihrer Nähe. Bei Miriam hatte ich keine Angst. Es war genauso, als ob du bei mir wärst, Papi.«

»Carry dachte nur an Sie, Jonas«, sagte Miriam hastig. »Sie hatte Angst, Sie nicht wiederzusehen.«

»Und dann hatte ich Angst, dass du einfach weggehen könntest, zu fremden Menschen, die auf dich warten«, sagte Carry. »Jetzt habe ich überhaupt keine Angst mehr.«

Miriam nahm ihre kleine Hand. »Das ist schön, Carry. Du darfst keine Angst haben. Du musst jetzt nur daran glauben, dass du nach der Operation ganz gesund sein wirst. Du musst es dir immer wieder sagen, Kleines.«

»Du wirst mir alles genau erklären, Miriam?«, fragte das Mädchen. »Wenn du dabei bist, habe ich keine Angst.«

Miriam wagte nicht, Jonas anzusehen. Würde es ihn nicht unangenehm berühren, dass Carry ihr so unendlich viel Zutrauen entgegenbrachte, da er sie doch nun endlich und nach langem Kampf für sich haben wollte?

»Ich werde mich schnellstens mit Daniel Norden in Verbindung setzen«, sagte sie stockend.

»Ja, tun Sie das bitte«, sagte Jonas. »Ich wäre Ihnen dankbar.«

*

Die Telefonnummer der Praxis Dr. Norden war schnell gefunden, aber es kam die Antwort von einem Band, dass die Sprechstunde nachmittags sei. In besonders dringenden Fällen möchte bitte die Privatnummer angerufen werden. Miriam notierte sie automatisch.

Ausgerechnet sie hatte den Ausnahmefall erwischt, dass auch Loni Enderle nicht in der Praxis war, da sie dringend zum Zahnarzt gemusst hatte. Das war nun ein Gebiet, von dem Dr. Norden wahrhaftig nichts verstand, und er hatte ein Machtwort gesprochen, nachdem Loni sich zwei Tage mit Tabletten über die quälenden Schmerzen hinweggeholfen hatte.

Für Daniel war der Gang zum Zahnarzt auch ein Greuel. Zum Glück musste er ihn nur selten gehen, obgleich sein Kollege Dr. Schröder ein ganz ausgezeichneter Zahnarzt war. Für Loni jedenfalls war es höchste Zeit gewesen, und während sie von ihren Schmerzen befreit wurde, macht Daniel Norden dringende Krankenbesuche. Er hatte ein paar Schwerkranke zu betreuen, die er mehrmals täglich besuchen musste, um Spritzen und Infusionen zu verabreichen. Für Daniel war es immer deprimierend, so machtlos dastehen zu müssen und nichts anderes mehr tun zu können, als Schmerzen zu lindern, wo jede Hoffnung auf Heilung vergeblich war.

Auch er, wie andere Ärzte auch, stellte sich oftmals die Frage, ob es zu verantworten war, verlöschendes, gequältes Leben mit Medikamenten zu verlängern, denn am meisten hatten die Familien dieser Kranken zu leiden, die diesen schrecklichen Kampf mitansehen mussten.

Frau Kögler, die selbst nur noch ein Schatten ihrer selbst war, trug ihr Schicksal mit bewundernswerter Haltung. Sie pflegte ihren Mann aufopfernd. Sie versorgte ihren Haushalt und ihre drei Kinder. Schon dreimal war Franz Kögler wochenlang in den verschiedenen Kliniken gewesen bis dann erwiesen war, dass es keine Rettung mehr für ihn gab.

Vor mehr als einem Jahr war Franz Kögler zum ersten Mal zu Dr. Norden gekommen und nach allen vorhandenen Symptomen hatte Daniel richtig einen Tumor vermutet.

Er schickte den Patienten zur klinischen Untersuchung, doch der Chefarzt hatte seiner Diagnose widersprochen. Abnutzungserscheinungen wären es, hatte er gemeint, und Herr Kögler wurde zur Kur geschickt. Es ging ihm danach etwas besser, und Dr. Norden meinte, dass er sich ja auch geirrt haben könnte. Drei Wochen später wurde er wieder zu seinem Patienten gerufen, und diesmal fühlte er sich verpflichtet, Frau Kögler vorsichtig seine Ansichten mitzuteilen, da er hoffte, dass doch noch eine Operation rettend sein könnte.

Diesmal wurde Franz Kögler zu Dr. Behnisch gebracht, der seinen Freund Daniel bestätigte, dass es sich tatsächlich um Lungenkrebs handelte. Auch eine sofortige Operation konnte keine Heilung mehr bringen. Die Metastasen hatten sich schon ausgebreitet, fraßen sich durch den noch abwehrbereiten kräftigen Körper des Mannes, dessen Lebenswille ungebrochen war.

Wie hätte man es ihm sagen sollen, dass es ein vergeblicher Kampf sein würde. Er hätte es nicht begriffen. Er war ja Nichtraucher, er trank kaum, ab und zu mal ein Bier, mal ein Gläschen Wein. Er lebte solide, bewegte sich viel in frischer Luft, arbeitete in seinem geliebten Garten.

Das Wie, Warum und Woher musste rätselhaft bleiben.

»Verstehen werde ich es nie«, sagte Frau Kögler leise zu Dr. Norden. Tränen hatte sie schon lange nicht mehr. Leergebrannt waren ihre Augen. »Ich habe die Kinder zu meinen Eltern geschickt, Herr Doktor. Wie lange soll mein Mann sich denn noch so quälen?«

Ich muss jetzt an sie denken, dachte Dr. Norden. Die Kinder brauchen sie. Ihm ist nicht mehr zu helfen, aber Sterbehilfe leisten durfte er auch nicht.

»Wäre es nicht besser, wir würden Ihren Mann wieder in die Klinik bringen?«, fragte er.

»Nein. Die guten Jahre habe ich mit ihm gelebt, und wir waren glücklich. Jetzt will ich bei ihm sein bis zum letzten Atemzug. Ich halte schon durch, Herr Doktor.«

»Sie müssen auch mal schlafen, Frau Kögler«, sagte Dr. Norden behutsam.

»Ich lege mich jetzt ein bisschen hin«, erwiderte sie. »Ich weiß jetzt ja, wie lange die Spritze wirkt. Es geht jetzt, weil die Kinder nicht da sind. Sie verstehen es halt auch nicht, Herr Doktor. Wer soll es verstehen …«, ihre Stimme bebte.

»Uns Ärzten sind leider Grenzen gesetzt«, sagte Daniel heiser.

»Er war doch ein so guter Mensch«, sagte sie und merkte gar nicht, dass sie schon in der Vergangenheit sprach. »Wenn er jetzt einmal bei Bewusstsein ist, ist er so verändert.«

»Das bringt diese Krankheit mit sich. Leider. Es tut mir leid, dass ich Ihnen nichts Tröstliches sagen kann.«

Er wusste genau, was diese Frau nun schon Monate durchmachte, körperlich und seelisch.

»Sie müssen regelmäßig die Stärkungsmittel nehmen«, ermahnte er sie. »Ich habe Ihnen wieder etwas mitgebracht. Denken Sie an sich, an Ihre Kinder. Sie haben so nette Kinder.«

»Sie werden auch einmal aus dem Hause gehen und dann – nein, ich will nicht jammern«, sagte sie, den Kopf in den Nacken legend. »Ich danke Ihnen, dass Sie immer gleich kommen.«

Das war nun das Wenigste, was er tun konnte. Am Nachmittag würde er wieder hier sein, wieder eine Spritze geben. Wie oft noch?

*

Bei ihm daheim ging es fröhlicher zu. Der kleine Danny sorgte für Heiterkeit. Er war fix auf den Beinen und schwatzte nun auch schon alles nach, wenn manchmal auch nur seine Mami verstand, was er meinte. Aber Danny hatte schon einige Worte, die er sehr kategorisch aussprach. Mami, Papi, Lenni und Fon, womit er das Telefon meinte, und wenn es klingelte, meinte er immer, Opi oder Omi müssten es sein.

»Fon«, rief er, als es läutete. Fee war gerade auf die Terrasse gegangen, um sich zu überzeugen, ob man heute damit rechnen könnte, dass sich der Nebel lichtete.

»Omi?«, fragte Danny, als sie den Hörer aufnahm. Sie schüttelte den Kopf, als eine ihr fremde weibliche Stimme an ihr Ohr tönte.

Miriam Perez? Der Name kam ihr bekannt vor, aber sie wusste nicht sofort, in welche Zeit sie ihn einordnen sollte.

»Hier spricht Felicitas Norden«, sagte sie. »Mein Mann macht Krankenbesuche. Kann ich ihm etwas ausrichten?«

Darauf folgte eine Erklärung, der sie voller Spannung lauschte.

»Da wird Daniel sich freuen«, sagte sie. »Kommen Sie doch gegen zwölf Uhr zu uns, da wird er sicher daheim sein. In der Praxis hat er ja kaum Zeit. Aber nein, mir macht das gar nichts aus. Es wäre nett, wenn Sie mit uns essen würden.«

So ganz frei von Eifersucht war Fee noch immer nicht, wenn sich ab und zu ein weibliches Wesen in Erinnerung brachte, das eine Rolle in Daniels Vergangenheit gespielt haben mochte, aber ihre Devise war, jeder etwaigen Gefahr ins Auge zu blicken, und sie war schnell bereit, eine Einladung auszusprechen, um ihre Großzügigkeit zu beweisen. Nicht immer zur Freude ihres Mannes, wie sie schon öfter mit Genugtuung bemerken konnte, aber sie wusste dann wenigstens Bescheid, und die paar überaus Anhänglichen, die nicht wahrhaben wollten, dass Daniel ein glücklicher Ehemann war, blieben, eines Besseren belehrt, fern. Fee war sehr diplomatisch, und als Daniel dann kam und sie von Miriams Anruf berichtete, beobachtete sie ihn genau.

»Miriam? Das ist doch nicht möglich«, sagte er kopfschüttelnd. »Es ging doch das Gerücht, dass sie tödlich verunglückt sei.«

»Wann?«, fragte Fee aufmerksam.

»Schon vor Jahren, bevor wir heirateten, Fee. Guter Gott, jetzt interessiert es mich wirklich, wie dieses Gerücht aufkommen konnte. Dieter wird auch überrascht sein. Wir studierten zur gleichen Zeit. Soviel ich weiß, war sie zuletzt in Beirut.«

»Vielleicht ist sie weg von dort, weil da Unruhen sind«, meinte Fee. »Da geht es ja unheimlich zu. Man sollte es nicht für möglich halten, dass manche Menschen Kriege einfach provozieren müssen.«

»Gerangel hat es zu allen Zeiten gegeben«, sagte Daniel. »Jetzt erfahren wir nur alles. In früheren Zeiten gab es nicht so gute Nachrichtenübermittlungen. Hitzköpfe prallen überall aufeinander, in den Familien, am Arbeitsplatz. Wie sollte es dann unter den Völkern zu verhindern sein. Ich bin jetzt wirklich gespannt, Fee, was Miriam nach München zurückführt und was an jenem Gerücht wahr gewesen ist.«

Sie brauchten nicht lange zu warten. Ein bisschen erstaunt war Daniel jedoch, dass Miriam in einem Wagen vorfuhr, der von einem Chauffeur gesteuert wurde. Nicht etwa ein Taxi war es, sondern einer von jenen ganz kom­forta­blen Wagen, wie Generaldirektoren oder Minister sie zu benutzen pflegten.

Miriam war allerdings auch erstaunt gewesen, als Jonas diesen Wagen zu seinem Haus beordert hatte.

»Hermannke kann auf Sie warten, Miriam«, hatte er erklärt. »Er bekommt jetzt ohnehin ein paar freie Tage.«

Ihr war es richtig peinlich, so bei den Nordens vorzufahren, um Daniel dann ihre missliche Situation schildern zu müssen. Aber vorerst wurde sie herzlichst begrüßt, auch von Fee. Daniel stellte fest, dass Miriam sich sehr verändert hatte, wenn er das auch nicht laut sagte.

»Denk bloß nicht, dass ich eine Erbschaft gemacht habe, weil ich mit so einem feudalen Wagen vorfahre«, erklärte sie rasch. »Ich bin ganz unverhofft zu dieser Ehre gelangt.«

»Aber du willst doch nicht nur ein paar Minuten hierbleiben«, meinte Daniel. »Dazu gibt es doch wohl zu viel zu erzählen.«

»Allzu lange will ich deine kostbare Zeit nicht in Anspruch nehmen, Daniel, und ich hoffe, dass Sie keine falschen Schlüsse gezogen haben, als ich anrief, Frau Norden.«

»I wo«, erwiderte Fee, »Daniels Freunde sind auch meine Freunde.«

»Und du brauchst nicht so formell zu sein, Miriam. Das ist Fee.«

Danny kam auch und wollte guten Tag sagen. Lenni hatte schon den Tisch gedeckt.

»Daniel Norden als Ehemann und Vater«, sagte Miriam gedankenvoll. »Einer von uns, der tatsächlich das Große Los gezogen hat.«

Ihre Augen wurden feucht, als sie den kleinen Danny betrachtete, und ihm schien das nicht zu behagen, denn er ging freiwillig mit Lenni.

»Habe ich ihn erschreckt?«, fragte Miriam beklommen.

»Aber nein«, sagte Daniel. »Er hält jetzt seinen Mittagsschlaf.«

»Er spürt, wenn jemand Kummer hat«, baute Fee der anderen eine Brücke.

»Du hast eine schwere Zeit hinter dir, Miriam?«, fragte Daniel.

»Sieht man es mir an?«

»Ich will es nicht leugnen. Was können wir für dich tun?«

»Ich muss mich einmal mit einem Menschen aussprechen, der mich kennt«, sagte sie leise. Ein Schluchzen war in ihrer Stimme.

Es war kein Thema, das man beim Essen erörtern konnte, und so erzählte Miriam erst vom gestrigen Flug.

»Da habt ihr ja noch mal Glück gehabt«, sagte Daniel. »Ich hörte ein Flugzeug brummen, als ich heimkam und hatte Sorge, dass es heil herunterkommen würde.«

»Und unter solchen Umständen haben Sie eine Bekanntschaft gemacht, die Sie beglückt«, sagte Fee spontan.

Miriam nickte. »Gestern fühlte ich mich am Ende. Ich hatte nur noch den Wunsch, mit einem Freund zu sprechen, und mir war es gleichgültig, ob ich weiterleben würde. Aber dann war da Carry, und ihretwegen bin ich dann doch hergekommen. Carry hat ein Loch in der Herzscheidewand. Sie muss schnellstens operiert werden, und ich wollte dich fragen, welcher Arzt dafür infrage kommt. Aber sag bitte nicht Benten, Daniel.«

Daniels Augenbrauen schoben sich zusammen. »Er war damals hinter dir her«, sagte er. »Ich erinnere mich. Als Herzchirurg hat er einen guten Ruf, und mittlerweile hat er zwei Ehen hinter sich gebracht. Ich muss nachdenken, wer für diesen Fall infrage kommen könnte.«

»Semmelbrot«, sagte Fee, und Miriam sah sie konsterniert an.

»Er heißt so, dagegen kann man nichts machen«, sagte Fee erklärend, »aber er ist ein ausgezeichneter Herzspezialist. Natürlich ist Benten prominenter. Er tut ja auch viel für die Publicity. Aber Semmelbrot hat jetzt schon einen sehr guten Ruf, obgleich er noch jung ist. Du gibst mir doch recht, Daniel?«

»Wie immer, mein Schatz, aber dieser Herr Henneke möchte vielleicht einen bekannteren Arzt haben.«

»Er wird sich auf dein Urteil verlassen, Daniel«, sagte Miriam. Mit warmen Worten sprach sie von Jonas und auch von Tante Hanne, die von Dr. Behnisch operiert worden war.

»Von ihr hörte ich, dass Dieter auch verheiratet ist«, sagte sie.

»Den haben wir verkuppelt«, lächelte Daniel. »Mit unserer Kollegin Jenny Lenz. Sie verstehen sich prächtig. Darf ich mal indiskret fragen, was aus deiner Verlobung geworden ist, Miriam?«

Er wollte, dass sie endlich mal über sich sprach. Ihre Andeutung, dass ihr das Leben nichts mehr bedeutet hatte, hatte ihn aufhorchen lassen und bedrückte ihn nachhaltig.

»Nichts, außer schlimmen Erkenntnissen und ein paar Monaten Gefängnis als Draufgabe«, erwiderte sie bitter.

»Mein Gott, wieso das?«, fragte Daniel, während Fee Miriam bestürzt ansah.

»Wegen eines Unfalls, den man mir in die Schuhe schieben wollte«, sagte Miriam bitter.

Ein kurzes Schweigen trat ein. Daniel atmete schwer. »Hier ging vor Jahren das Gerücht, dass du bei einem Unfall ums Leben gekommen wärst«, sagte er dann.

»Fast«, sagte Miriam mühsam. »Ich habe über ein Jahr im Hospital zugebracht. Man war zuerst nicht sehr interessiert, mich am Leben zu halten. Anscheinend bin ich aber recht zäh. Mein Körper ist voller Narben. Vielleicht sprechen wir ein andermal darüber. Mir ist Carry jetzt wichtiger.«

»Es ist nur eine Formalität, sich mit Semmelbrot darüber zu unterhalten«, sagte Fee. »Warum mussten Sie ins Gefängnis, Miriam?«

»Richard war überaus beliebt. Ist die Kunde nicht bis hierher gedrungen, dass der bekannte, vielfach ausgezeichnete Bakteriologe Dr. Wording bei jenem Unfall zu Tode kam?« Sarkastisch und fast hart war jetzt ihre Stimme.

»Wir lesen so selten Zeitung«, sagte Daniel.

»Doch, ich kann mich jetzt erinnern«, warf Fee ein, »aber nur undeutlich. Wie man eben etwas liest über einen Menschen, der zwar einen bekannten Namen hat, den man aber nicht persönlich kennt. Und man vergisst es. War er mit Ihnen im Wagen?«

»Nein, er fuhr in seinem auf mich zu, und dies mit der Absicht, mich ins Jenseits zu befördern«, erklärte Miriam. »Es ist eine lange und unschöne Geschichte. Und sie klingt unwahr, wie mir immer wieder gesagt wurde. Immerhin fand sich dann nach Monaten doch ein Augenzeuge, der meine Schilderung bestätigte. Man muss bedenken, dass fast zwei Jahre vergangen waren, bevor es zu der Verhandlung kommen konnte, da man mich erst eingehend auf meinen Geisteszustand untersuchen musste, ob ich überhaupt verhandlungsfähig sei. Und ich muss sagen, dass ich tatsächlich fast verrückt war, weil ich nicht begreifen konnte, dass ein Mensch, mit dem man einmal verbunden war, so etwas tun konnte. Rick wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Er war am Ende, drogensüchtig und nur noch voller Hass, denn er wollte ja so gern leben. Er erinnerte sich meiner, die er schon Jahre vorher wegen eines ganz jungen Dinges verlassen hatte. Ich sollte ihm helfen, und ich versuchte es auch. Aber die Hilfe, die er wollte, konnte ich ihm nicht geben. Ich musste sie ihm verweigern. Ich beschaffte ihm nicht die Opiate, die er haben wollte. Er hasste mich, weil ich leben durfte, weil ich gesund war und Erfolg hatte. Sein Hass war maßlos, weil er von mir nicht bekam, was für mich doch erreichbar gewesen wäre. Ich riet ihm, eine Entziehungskur zu machen. Und das brachte ihn so in Wut, dass er sich in seinen Wagen setzte und mich verfolgte. Ich konnte ihm entkommen, aber plötzlich kam er aus einer Seitenstraße auf mich zu. Ich weiß nicht, ob ich diese Sekunden jemals vergessen werde. So, das wäre es. Nun bin ich es los. Es klingt unglaubhaft, nicht wahr?«

»Ich zweifle nicht daran, weil du es sagst, Miriam«, sagte Daniel leise, während Fee voller Erschütterung in Miriams aufgewühltes Gesicht blickte. »Du hast Entsetzliches durchgemacht.«

»Allein in der Zelle«, sagte Miriam monoton, »immer diesen Gedanken überlassen, von Feindseligkeit umgeben. Und dann hat man mich abgeschoben wie eine Verbrecherin. Ich werde meinen Beruf nicht mehr ausüben können. Ich bin auch finanziell am Ende. Es war wohl Irrsinn, dass ich mein letztes Geld verwendete, um nach München zu kommen, aber es sollte wohl so sein, Carrys wegen. Ich möchte, dass dieses junge Leben erhalten bleibt, dass sie gesund wird. Aber du verstehst wohl, dass ich nur mit einem Freund, der mich von früher kannte, über diese Geschichte sprechen konnte, Daniel.«

»Jetzt ist doch alles schon ein bisschen leichter«, sagte Daniel. »Und warum solltest du deinen Beruf nicht mehr ausüben?«

»Rick hatte viele einflussreiche Freunde. Mir fehlt es an dem Talent, mir Freunde zu schaffen. Ich habe zu viel da drunten bemängelt.«

»Das hat doch hier keine Gültigkeit! Hier hast du jedenfalls Freunde.«

»Danke, dass du es sagst, aber es gibt da Leute, die einen langen Arm haben, weitreichende Verbindungen, und es gibt auch in Europa Leute, die Dr. Richard Wordings Genialität überaus schätzen und seine Krankheit als Folge seiner aufsehenerregenden Versuche betrachten. Vielleicht begann sie auch dadurch, vielleicht bin ich nicht objektiv. Aber ich war schon lange mit ihm fertig, als er sich dann meiner erinnerte. Es ist schlimm, wenn man den wahren Charakter eines Menschen kennt, der einem einmal etwas bedeutete. Mein Gott, wie schnell die Zeit verrinnt. Der arme Hermannke wird hungrig sein.«

»Da mach dir keine Sorgen. Er sitzt bei Lenni und wird von ihr versorgt.«

»Was seid ihr lieb«, sagte Miriam bewegt. »Und ich komme euch nur mit meinen Sorgen.«

»Du wirst hoffentlich bald und recht oft wiederkommen«, sagte Daniel. »Ich muss jetzt leider in die Praxis, weil ich ein paar Patienten bestellt habe. Wir müssen über deine Geschichte noch sprechen und sie in Ordnung bringen, Miriam. Denk daran, was wir früher immer sagten: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.«