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Evan Miller liebt die Luft – weil sie Abstand schafft. Nate Hayes liebt sie – weil sie Kontrolle verspricht. Auf Nachtflügen über dem Atlantik teilen sie Cockpit, Routinen und diese stille Vertrautheit, die manchmal mehr sagt als jedes Wort. Evan spürt früh, dass hinter Nates Gelassenheit etwas Ungesagtes liegt. Nate spürt ebenso früh, dass Evan ihm zu nah kommt. Zwischen Kaffee, Turbulenzen und langen Wartezeiten wächst eine Nähe, die beide nicht geplant haben – und die im falschen Moment zur Wahrheit wird: mitten in einem medizinischen Notfall, während ein Gewitter sie durchschüttelt und Evan allein eine Landung schaffen muss, die alles entscheidet.
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2026
Simone Lilly
Clear Skies Ahead
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Impressum neobooks
Der Flughafen lag im Licht eines späten Abends, der nicht ganz Nacht sein wollte. Durch die Glasfronten flirrte das Blau der Rollbahn, gebrochen von dem blinkenden Rot entfernter Startlichter. Überall hallten Schritte, Stimmen, das Rascheln von Papier – und dennoch hatte dieser Ort etwas Einsames, als würde die Zeit hier nur zögerlich vergehen.Evan Miller wartete am Gate A17.Seine Uniform saß zu ordentlich, das Hemd zu neu. Er sah aus, als wollte er den Eindruck von Routine erwecken, doch die leichte Spannung in seiner Haltung verriet das Gegenteil. Es war sein erster Langstreckenflug als Copilot. New York nach London – die Nacht über dem Atlantik, stundenlang Himmel und Dunkelheit.Er blätterte durch die Wetterdaten auf dem Tablet, obwohl er sie längst kannte. Der Wind über Grönland, der Druckabfall in der oberen Troposphäre, die Flugroute A333 – alles war ihm vertraut, auswendig gelernt, doch er überprüfte es erneut, um den Herzschlag zu übertönen, der ein wenig zu schnell ging.Dann hörte er die Stimme.„Miller?“Sie war ruhig, tief, mit einer rauen Klarheit, die keinen Zweifel ließ.Evan hob den Kopf – und da stand Captain Nathan Hayes.Er war größer, als Evan erwartet hatte, der Mantel offen, die Uniformjacke locker getragen. In seinem Blick lag die Gelassenheit eines Mannes, der zu viele Flughäfen gesehen hatte, um noch überrascht zu sein. Er streckte ihm die Hand entgegen, fest, kontrolliert, wie jemand, der nichts dem Zufall überlässt.„Captain Hayes,“ sagte Evan und hoffte, seine Stimme klang unaufgeregt.„Willkommen auf dem Nachtflug,“ erwiderte Hayes, ohne zu lächeln. Nur die Augen schienen kurz aufzuleuchten, als prüften sie den Neuen. „Erster Langstreckenflug, richtig?“Evan nickte. „Ja, Sir. Ich bin gespannt.“„Hm. Das ist gut. Besser als nervös.“„Man kann beides sein,“ entgegnete Evan, und ein kaum merkliches Lächeln zuckte über Hayes’ Gesicht.„Dann sind Sie in der richtigen Branche.“Einen Moment lang herrschte Schweigen. Durch das Fenster schob sich ein anderes Flugzeug an ihnen vorbei, seine Lichter glitten lautlos über den Boden.„Wie sieht’s mit dem Wetter aus?“ fragte Hayes schließlich.„Klar über dem Atlantik, ein bisschen Wind über Island, aber nichts Ungewöhnliches.“„‚Nichts Ungewöhnliches‘ ist ein gefährliches Wort,“ meinte Hayes, während er einen kurzen Blick auf das Tablet warf. „Flugwetterberichte neigen dazu, höflich zu lügen.“Evan lachte leise. „Ich werde’s mir merken, Sir.“„Tun Sie das. Und nennen Sie mich Nathan, wenn wir im Cockpit sind. Ich halte’s nicht aus, wenn man mich jedes Mal ‚Sir‘ nennt.“Er wandte sich um, als hätte er den Satz schon hundertmal gesagt, und deutete mit einer beiläufigen Bewegung in Richtung der Brücke. „Dann mal los. Unsere fliegende Blechdose wartet.“Sie gingen nebeneinander über den Gang, begleitet vom gedämpften Brummen der Klimaanlage. Die Luft roch nach Metall, Kaffee und dem ungreifbaren Geruch von Aufbruch.Evan war sich bewusst, dass jeder seiner Schritte zu laut klang. Er war es gewohnt, sich sicher zu fühlen in der Technik, in Zahlen und Abläufen – doch hier, neben diesem Mann mit der ruhigen Stimme und dem unlesbaren Blick, schien alles neu.Vor der Flugzeugtür blieb Hayes kurz stehen. „Sie wissen, was ich an Nachtflügen mag?“Evan schüttelte den Kopf.„Niemand sieht einen klarer als das Dunkel draußen.“Dann trat er ein.Evan folgte ihm, und das metallene Schließen der Tür hinter ihnen klang wie der Anfang von etwas, das er noch nicht benennen konnte.
Im Cockpit herrschte dieses eigentümliche Halbdunkel, das nie ganz Nacht und nie ganz Tag war. Das schwache Licht der Anzeigen warf bläuliche Schatten auf die Metallflächen, und irgendwo im Hintergrund summte das elektrische Leben der Maschine.Evan stand einen Moment in der Tür und ließ den Blick schweifen.Nathan saß bereits auf dem linken Sitz, den Rücken gerade, die Hände ruhig. Er prüfte die Systeme, als wäre das Flugzeug ein vertrautes Tier, das er mit leisen Gesten beruhigte. Seine Bewegungen waren präzise, doch nie hastig – so, als existiere um ihn herum ein anderer, langsamerer Zeitfluss.Evan bemerkte Details, die ihm in der Halle entgangen waren.Das Haar – schwarz, dicht, vermutlich lockig, doch nach hinten geglättet, als wolle es ihm nicht immer gehorchen. Das Gesicht kantig, markant, ein Hauch von Müdigkeit um den Mund, wie von jemandem, der zu selten schläft. Die Augen dunkelbraun, beinahe schwarz, mit einer Tiefe, in der sich kein Ausdruck lange halten konnte. Und auf der linken Wange, knapp unterhalb des Wangenknochens, ein kleiner Leberfleck, kaum sichtbar, aber seltsam charakteristisch – als hätte er dort schon immer hingehört.Evan setzte sich und begann mit den Checklisten.„Fuel confirmed, hydraulics green, flight control check in progress.“ Seine Stimme klang sachlicher, als er sich fühlte.„Klingt, als hätten Sie das schon öfter gemacht,“ sagte Nathan, ohne aufzusehen.„Routine beruhigt.“„Oder betäubt.“Evan lächelte flüchtig. „Manchmal braucht man beides.“Nathan antwortete nicht, aber die Stille zwischen ihnen war nicht unangenehm. Nur dicht.Draußen hallten Schritte. Die Cockpittür öffnete sich, und eine junge Frau steckte den Kopf herein.„Captain Hayes? Die Passagiere beginnen zu boarden. Wir wollten nur kurz Hallo sagen.“Nathan drehte sich halb um. „Natürlich. Kommen Sie rein.“Sara war jung, vielleicht Mitte zwanzig, mit hellblondem Haar, das zu einem ordentlichen Knoten gesteckt war. Ihr Lächeln war breit, fast zu hell für das Cockpitlicht. Sie wirkte wie jemand, der jeden Tag beweisen wollte, dass er dazugehörte.„Sara Linwood,“ stellte sie sich vor. „Ich bin heute auf der Business Class. Freue mich, mit Ihnen zu fliegen, Captain.“„Ebenso,“ erwiderte Nathan höflich, und in seiner Stimme lag diese ruhige Freundlichkeit, die man schwer deuten konnte – weder Zuneigung noch Distanz, sondern etwas dazwischen.Evan nickte ihr zu. Sie musterte ihn flüchtig, und ihr Blick blieb kurz an seinem Rangabzeichen hängen. „Erster Langstreckenflug?“„Ja,“ sagte er.„Dann viel Erfolg,“ meinte sie mit einem Lächeln, das leicht zu lange anhielt, bevor sie wieder den Captain ansah. „Wenn Sie etwas brauchen, Captain, ich bin vorne gleich zur Stelle.“„Ich bin sicher, Sie sind das,“ sagte Nathan nur, und Sara verschwand, ein Hauch Parfum zurücklassend.Kaum war die Tür zu, öffnete sie sich erneut. Diesmal trat eine andere Frau ein – etwas älter, mit dunklem Haar, das sie nachlässig hochgesteckt hatte. Ihr Gesicht war schön auf eine unaufgeregte, gelebte Weise, die keine Mühe brauchte. Sie wirkte, als habe sie schon zu viele Flüge, zu viele Menschen und zu wenig Schlaf hinter sich.„Mathilda Crane,“ sagte sie. „Purserin. Ich leite die Kabine heute. Wenn irgendwer Ärger macht, bitte ich Sie, es selbst zu lösen – ich habe die Geduld einer müden Katze.“Evan grinste. „Das klingt… vertrauenerweckend.“Sie musterte ihn, als wolle sie seine Ironie prüfen, dann nickte sie knapp. „Wird schon. Sie sehen nicht nach Ärger aus.“Dann wandte sie sich an Nathan.„Captain.“„Mathilda,“ sagte er nur. Kurz. Fast neutral.Für einen Augenblick schien etwas zwischen ihnen zu flimmern – ein unausgesprochenes Wissen, das in der Luft hing und sofort wieder verschwand.Evan bemerkte es, konnte es aber nicht benennen. Vielleicht war es nur Gewohnheit. Vielleicht auch etwas anderes.„Ich geh wieder raus,“ sagte Mathilda und verschränkte die Arme. „Die Crew ist komplett, wir schließen gleich.“„Verstanden,“ antwortete Nathan.Als die Tür sich hinter ihr schloss, herrschte einen Moment Schweigen. Das Flugzeug vibrierte leise, als sei es ungeduldig, endlich in Bewegung zu kommen.„Sie ist… interessant,“ sagte Evan schließlich.„Mathilda?“ Nathan hob kaum merklich eine Augenbraue. „Das ist eine diplomatische Umschreibung.“„Dann sag ich’s so: Sie wirkt, als würde man mit ihr lieber fliegen als gegen sie.“„Das ist klug beobachtet.“Ein Hauch eines Lächelns zog über Nates Gesicht, so flüchtig, dass Evan sich nicht sicher war, ob er es sich eingebildet hatte.Er konzentrierte sich wieder auf die Checkliste, während Nathan den Funk überprüfte. Doch in den nächsten Minuten hörte er die Worte kaum, die sie sprachen.Das Summen der Anzeigen, das ferne Murmeln der Passagiere, Nates ruhige Stimme – all das vermischte sich zu einem seltsamen Rhythmus, der ihn gleichzeitig beruhigte und wachhielt.Und irgendwann, als draußen die Gangway abgekoppelt wurde und das Licht an der Cockpittür aufleuchtete, dachte Evan, dass kein Flug so unspektakulär beginnen sollte – und doch so verheißungsvoll klang.
Draußen war die Welt aus Licht und Bewegung geworden.Durch die Cockpitfenster sah man das flirrende Glühen der Rollbahn, das Aufblitzen von Positionsleuchten, das hektische Winken der Bodencrew. Die Nacht lag schwer über dem Flughafen, eine metallene Stille, durchbrochen von Motoren, die im Dunkel brummten wie schlaflose Tiere.Im Inneren herrschte Routine. Zahlen, Anzeigen, Kontrolllampen. Die vertrauten Rituale, die jedem Start vorausgingen.Nathan lehnte sich leicht zurück und sah nach draußen, während er den Funk im Blick behielt. „Noch keine Freigabe,“ murmelte er, eher zu sich selbst als zu Evan.Evan nickte. „Wir sind Nummer drei in der Reihe.“Es war einer dieser Übergangsmomente, in denen nichts geschah – das Flugzeug wartete, die Zeit dehnte sich, und zwischen den beiden Männern entstand eine Stille, die weder unangenehm noch leer war.Nathan wandte sich zu ihm. „Miller,“ sagte er, und der Tonfall war weich, fast beiläufig. „Ich frag jeden Neuen das Gleiche: Wo hast du beim Fliegen die meiste Unsicherheit?“Evan hob überrascht den Kopf. „Unsicherheit?“„Ja. Angst, Nervosität, Unbehagen – nenn’s, wie du willst. Jeder hat was. Und es ist mir lieber, ich weiß es vorher. Spart später Missverständnisse.“Er sprach ruhig, ohne Urteil, als sei die Frage so selbstverständlich wie ein weiterer Checkpunkt in der Liste.Evan überlegte kurz. „Beim Landeanflug,“ sagte er schließlich. „Wenn alles schnell gehen muss. Ich weiß, dass ich’s kann – aber ich denke zu viel. Und dann… na ja, dann macht’s mich nervös, dass ich nervös bin.“Nathan nickte langsam. „Das ist ehrlich. Und ziemlich menschlich.“Ein leichtes Lächeln huschte über seine Lippen. „Aber wissen Sie, das ist der Unterschied zwischen einem guten Piloten und einem gefährlichen: Der gute merkt, wenn er nervös ist. Der gefährliche merkt’s nicht.“Evan musste lachen. „Dann bin ich ja bestens qualifiziert.“„Offenbar.“Einen Moment sah Nathan ihn einfach an. Die Dunkelheit des Cockpits war weich, fast intim, das Licht der Anzeigen spiegelte sich in seinen Augen.„Und Sie?“ fragte Evan dann, ohne groß nachzudenken. „Was ist Ihre Unsicherheit?“Nathan blinzelte. „Meine?“„Ja. Damit ich mich auch einstellen kann.“Er lehnte sich zurück, die Hände lose auf den Knien. Ein kurzer, kaum merklicher Moment verging, in dem Nathan die Frage zu erwägen schien. Dann sagte er:„Meine Flugangst macht mir manchmal zu schaffen.“Evan sah ihn an. „Ihre was?“„Meine Flugangst,“ wiederholte Nathan todernst.Für einen Herzschlag glaubte Evan ihm. Die Stille zwischen ihnen war fast greifbar, und dann – ganz plötzlich – brach sie auf, als Nathan leise lachte. Ein tiefes, warmes Lachen, das den Raum füllte.„Entschuldigen Sie,“ sagte er, „das war zu verlockend.“Evan schüttelte den Kopf, musste selbst grinsen. „Sehr witzig.“„Ich versuch’s. Humor ist die Rettungsweste der Vernunft.“„Oder der Beweis, dass man zu viel Zeit im Himmel verbringt.“„Da mag was dran sein.“Für einen Moment war wieder Stille – aber diesmal eine andere. Eine, die von Gelassenheit durchzogen war. Draußen rollte ein anderes Flugzeug an ihnen vorbei, sein Licht streifte die beiden Männer, ließ ihre Gesichter kurz aufleuchten, ehe die Dunkelheit sie wieder verschluckte.„Sie dürfen übrigens Nate sagen,“ meinte er schließlich, ohne den Blick zu heben.„Danke,“ sagte Evan leise. „Ich hätte mich sonst weiter bemüht, höflich zu klingen.“„Bitte nicht,“ erwiderte Nate. „Höflichkeit ist überschätzt. Präzision reicht.“Sie warteten weiter, bis der Funk knackte und die Stimme des Towers sie aufrief.Nate griff zum Mikrofon, ruhig, sachlich, die Routine wieder voll da. Doch während er sprach, blieb in Evans Kopf dieser Moment hängen – der Sekundenbruchteil, in dem Nate ernst gewirkt hatte, als er von Angst gesprochen hatte.Vielleicht war es nur ein Scherz gewesen.Oder vielleicht war in der Ruhe dieses Mannes mehr Verstecktes, als er zeigen wollte.
Das Funkgerät knackte, und die Stimme des Towers drang sachlich und fern durch die Kopfhörer.„Flight 452, cleared for takeoff, runway two-two right. Winds calm, visibility good.“Nate bestätigte ruhig, ohne Hast. „Cleared for takeoff, two-two right, Flight 452.“Dann schob er die Mikrofontaste beiseite und sah hinaus.Vor ihnen lag die Startbahn – eine lange, glänzende Spur aus Licht und Dunkelheit. Die Positionsleuchten glühten, das Bodenpersonal war verschwunden, und für einen Moment schien alles still zu stehen.„Gut,“ sagte Nate. „Dann lassen wir’s fliegen.“Er legte die Hand auf die Schubhebel. Evan tat es ihm gleich, wie es die Routine verlangte. Doch während sie gemeinsam den Schub erhöhten, spürte Evan das Vibrieren durch den Sitz, das Wachsen der Kraft unter den Füßen, das tiefe, kehlig rollende Grollen der Triebwerke, das ihm jedes Mal den Atem nahm.Die Anzeigen liefen grün.Das Flugzeug beschleunigte.Nate sah konzentriert nach vorn, der Blick fest, ruhig, fast unbeweglich. Nur seine Hände bewegten sich – sicher, kontrolliert, fast elegant.Evan beobachtete ihn verstohlen, während der Druck in der Kabine zunahm, die Geschwindigkeit stieg, und die Nacht zu beiden Seiten zu flirren begann.„Eighty knots,“ sagte Evan.„Checked.“„V1.“„Rotate.“Das Wort fiel ruhig, fast beiläufig, und doch schien es etwas in Bewegung zu setzen, das größer war als das Flugzeug selbst.Evan zog leicht am Steuerhorn, und der Boden begann zu kippen. Die Lichter der Stadt verschwammen, die Nase hob sich, und in der nächsten Sekunde war alles anders: der Druck fiel ab, die Welt wurde leichter, und unter ihnen lag nichts als Dunkelheit.„Positive rate,“ sagte er.„Gear up,“ antwortete Nate, und der Hebel klickte leise.Das Geräusch des einfahrenden Fahrwerks war vertraut – und doch hatte es diesmal etwas Feierliches.Sie stiegen. Der Autopilot übernahm.Langsam wich das Grollen der Triebwerke dem gleichmäßigen Summen des Steigflugs.Evan atmete tief durch.Nate saß noch immer ruhig da, den Blick nach vorn gerichtet, als würde er in der Dunkelheit etwas erkennen, das kein anderer sah.„Schöner Start,“ sagte er schließlich.„Danke.“„Sie haben’s ruhig gemacht. Kein Zögern. Das ist selten beim ersten Mal.“Evan spürte, wie die Hitze in seinen Nacken stieg. „Ich hab mir Mühe gegeben, souverän zu wirken.“„Dann war’s überzeugend.“Ein Lächeln huschte über Nates Gesicht – nur kurz, kaum wahrnehmbar, aber echt.Sie flogen über den Ozean. Unter ihnen breitete sich das Schwarz der Nacht aus, endlos, ruhig, als hätten sie die Welt hinter sich gelassen. In der Ferne glommen winzige Punkte – andere Maschinen, andere Leben, die durch dieselbe Dunkelheit glitten.Evan lehnte sich zurück und beobachtete, wie Nate die Einstellungen am Autopiloten überprüfte. Es war reine Routine, und doch wirkte es, als vertraue er dem Himmel mehr als allem, was unten blieb.„Ich mag das,“ sagte Nate schließlich leise, fast zu sich selbst.„Was?“„Diesen Moment. Wenn der Boden verschwindet. Man weiß, dass man alles richtig gemacht hat – und trotzdem liegt die Kontrolle plötzlich woanders.“Evan schwieg. Er wusste, was er meinte, auch wenn er es nie so formuliert hätte.„Es gibt Menschen, die diesen Moment hassen,“ fuhr Nate fort. „Die fühlen sich, als würden sie fallen. Ich fühl mich dann… leichter.“Evan sah ihn an. „Vielleicht, weil Sie’s gewohnt sind, loszulassen.“Ein kurzer Blick, ruhig, aber prüfend. Dann nickte Nate kaum merklich. „Vielleicht.“Draußen lag die Nacht. Das Flugzeug stieg weiter, und im Cockpit herrschte eine Stille, die sich nicht leer anfühlte, sondern gefüllt – mit dem Summen der Geräte, dem Atem zweier Männer, die beide wussten, dass man hier oben anders dachte als unten.Evan sah wieder hinaus.Die Wolken unter ihnen schimmerten silbern im Mondlicht, das langsam über die Tragfläche wanderte.Er dachte, dass er diesen Moment nie vergessen würde – den ersten Start mit ihm, und die leise, fast unsichtbare Nähe, die sich in der Luft sammelte, ohne dass einer von ihnen sie benennen konnte.
Kapitel 5Die Nacht spannte sich über ihnen wie ein grenzenloses Tuch.Draußen glimmte der Horizont in einem fahlen Blau, das nicht mehr ganz Nacht, aber noch längst kein Morgen war. Unter ihnen lag der Atlantik – unsichtbar, schwarz, ein endloser Spiegel, der nur vom Licht der Sterne berührt wurde.Im Cockpit herrschte jene eigentümliche Ruhe, die nur auf Nachtflügen existierte. Kein Funk, keine Stimmen. Nur das leise Surren der Systeme, das gelegentliche Klicken eines Schalters und das gleichmäßige Atmen zweier Männer, die denselben Himmel teilten.Evan hatte die Füße leicht ausgestreckt, den Blick auf die Instrumente gerichtet, doch eigentlich beobachtete er Nate.Der saß ruhig, beinahe reglos, das Kinn leicht gesenkt, die Augen auf den Horizont gerichtet. In seinem Gesicht lag diese mühelose Konzentration, die keinen Anschein von Anstrengung zeigte – als wäre er Teil der Maschine selbst.„Mögen Sie Nachtflüge?“ fragte Evan leise, um die Stille zu brechen.„Mehr als Tagesflüge,“ antwortete Nate nach einem Moment. „Am Tag reden alle. Nachts hört man endlich wieder was.“„Was denn?“„Sich selbst.“Evan lächelte. „Und das ist angenehm?“Nate zog eine Augenbraue hoch. „Kommt drauf an, was man hört.“Er lehnte sich zurück, legte die Hände locker auf die Armlehnen. Das Licht der Anzeigen glitt über sein Profil, zeichnete Linien aus Schatten und blassem Blau über seine Wangenknochen.„Ich dachte früher,“ sagte er schließlich, „Nachtflüge wären einsam. Aber sie sind ehrlich. Tagsüber übersieht man viel. Nachts bleibt nur übrig, was man wirklich denkt.“Evan nickte. „Klingt… gefährlich.“„Ist es manchmal.“Sie schwiegen wieder. Das Geräusch der Triebwerke war ein sanftes, ununterbrochenes Brummen, ein Herzschlag aus Metall. Evan merkte, wie ihn die Gleichmäßigkeit des Tons langsam in eine Art Schwebezustand versetzte – wach, aber entrückt, als wäre er selbst zwischen den Welten hängen geblieben.„Wie lange fliegen Sie schon?“ fragte er schließlich.„Zivile Flüge? Acht Jahre. Davor Navy.“„Und davor?“„Davor…“ Nate lächelte flüchtig. „Davor war ich jung genug, um zu glauben, man könne mit Wünschen landen.“Evan lachte leise. „Hat’s funktioniert?“„Ein paar Mal. Dann nicht mehr.“Etwas in seiner Stimme ließ Evan kurz den Blick abwenden. Es war kein Schmerz, nicht direkt – eher eine Müdigkeit, die älter wirkte als sein Gesicht.„Und Sie?“ fragte Nate schließlich.„Ich?“„Sie fliegen erst seit zwei Jahren, richtig? Warum Pilot?“Evan zögerte. „Mein Vater war Pilot. Ich glaub, ich wollte herausfinden, was ihn so daran fasziniert hat, stundenlang in einem Metallrohr zu sitzen, umgeben von Fremden, und dabei glücklich zu wirken.“„Hat’s geholfen?“„Noch nicht,“ sagte Evan ehrlich. „Aber ich versteh, warum man’s versucht.“„Hm.“ Nate nickte langsam. „Manchmal fliegt man, weil man nirgendwo landen will.“Sie sahen sich kurz an.Nur für einen Atemzug – aber es reichte.Evan spürte, wie etwas in ihm unruhig wurde. Es war kein Verlangen, kein klarer Gedanke – eher ein leises Ziehen, ein Gefühl, das irgendwo zwischen Bewunderung und Unruhe schwebte.Er wandte den Blick wieder nach draußen. Der Himmel war schwarz, gesprenkelt von kaltem Sternenlicht. In der Ferne zog ein anderes Flugzeug vorbei, ein winziger Punkt, der kurz aufblitzte und wieder verschwand.„Ich frage mich manchmal,“ sagte er leise, „wie viele Menschen gleichzeitig über denselben Ozean fliegen, ohne zu wissen, dass sie alle denselben Himmel teilen.“„Zu viele,“ antwortete Nate. „Und doch fühlt’s sich immer an, als wär man allein hier oben.“„Stört Sie das?“„Nein.“ Er sah wieder hinaus. „Ich glaub, mir wär’s unangenehmer, wenn jemand zu nah käme.“Evan lächelte schwach. „Dann hab ich Glück, dass der Sitzabstand groß genug ist.“Nate sah ihn an, und für den Bruchteil eines Augenblicks huschte so etwas wie ein echtes Lächeln über seine Lippen – eines, das die Müdigkeit in seinem Gesicht brach.„Ja,“ sagte er leise. „Glück gehabt.“Draußen flammte das Nordlicht auf.Ein grünes, vibrierendes Leuchten über dem Horizont, das sich langsam in Wellen bewegte, lautlos und majestätisch. Beide schwiegen, als hätten Worte hier keinen Platz.
