Friscilla - Beginn der Apokalypse - Niklas Quast - E-Book

Friscilla - Beginn der Apokalypse E-Book

Niklas Quast

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Beschreibung

Eine einzige Kugel hat die Welt aus dem Gleichgewicht gebracht... Während die Gruppe auf dem Planeten Friscilla weilt und herauszufinden versucht, wie sie ihn wieder verlassen und zur Erde zurückkehren können, ist dort die Apokalypse ausgebrochen. Tief in den Eagle Mountains in Minnesota gibt es einen Ort, der sich "Zuflucht" nennt, und ebenjene für alle verspricht, die sich ins Innere wagen. Doch zu welchem Preis? Harte Zeiten stehen bevor - und das ist erst der Anfang!

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Seitenzahl: 569

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zum BUCH

Eine einzige Kugel hat die Welt aus dem Gleichgewicht gebracht…

Während die Gruppe auf dem Planeten Friscilla weilt und herauszufinden versucht, wie sie ihn wieder verlassen und zur Erde zurückkehren können, ist dort die Apokalypse ausgebrochen. Tief in den Eagle Mountains in Minnesota gibt es einen Ort, der sich „Zuflucht“ nennt, und ebenjene für alle verspricht, die sich ins Innere wagen. Doch zu welchem Preis? Harte Zeiten stehen bevor – und das ist erst der Anfang!

Zum AUTOR

Niklas Quast wurde am 7.3.2000 in Hamburg-Harburg geboren und wuchs im dörflichen Umland auf. Nachdem er eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann absolvierte, arbeitet er nun in einem Familienbetrieb und widmet sich nebenbei dem Schreiben.

Inhaltsverzeichnis

1 Kapitel

2 Kapitel

3 Kapitel

4 Kapitel

5 Kapitel

6 Kapitel

7 Kapitel

8 Kapitel

9 Kapitel

10 Kapitel

11 Kapitel

12 Kapitel

13 Kapitel

14 Kapitel

15 Kapitel

16 Kapitel

17 Kapitel

18 Kapitel

19 Kapitel

20 Kapitel

21 Kapitel

22 Kapitel

23 Kapitel

24 Kapitel

25 Kapitel

26 Kapitel

27 Kapitel

28 Kapitel

1 Alejandro Castro, Dienstag, 23. Mai 2017

In dem Moment, in dem der Schuss ertönte, stand die Welt für den Bruchteil einer Sekunde komplett still. Sie wollte sich einfach nicht weiterdrehen, während das pure Chaos in der Sonora-Wüste ausbrach. Alejandro steckte seine Waffe weg, gab seine Deckung auf und mischte sich unter den Pulk, der sich um den Hügel herum verstreut hatte. Er hatte sein Ziel bereits im Auge: Das Ufo befand sich nicht weit von ihm entfernt, er würde jedoch sein Tempo um einiges steigern müssen, um rechtzeitig dort anzukommen. Es gestaltete sich als schwierig, sich durch die aufgehetzte Masse zu schlagen, denn die Menschen strömten in alle möglichen Richtungen und hinderten ihn so daran, voranzukommen. Ich habe meine beiden Ziele getroffen. Miguel, den Anführer der Krieger Gottes, und das mächtigste Wesen. Im Nachhinein betrachtet, fühlte sich die Sache jedoch nicht so ganz gut durchdacht an. Ich habe das so gut durchgeplant, und jetzt scheitert das alles daran, dass ich mir den falschen Platz ausgesucht habe? Er versuchte, seine Gedanken irgendwie zu vertreiben, da er jetzt auf Teufel komm raus nicht den Fokus verlieren wollte. Wenn ich das Ufo nicht erwische, bricht die Hölle los. Getragen von diesem Gedanken wurde er schneller, er merkte jedoch schon nach wenigen Sekunden, dass er an die Grenzen seiner Kondition stieß. Ich bin wirklich unsportlich geworden. Und das nur, weil ich gesessen habe. Danke, Bruder. Er musste an Fernando denken, den Mann, durch dessen Adern dasselbe Blut floss, und der ihn verraten hatte. Seine gerechte Strafe hatte er erst vor wenigen Stunden in Form einer Kugel zwischen die Augen erhalten. Während er seinen Gedanken nachhing und den Hügel noch nicht komplett überquert hatte, sah er, wie grünes Licht die Umgebung erhellte. Nein! Kurz darauf stieg das Ufo bereits unter leisem Surren wenige Meter in die Höhe. Noch nicht alle, die versucht hatten, an Bord zu steigen, hatten das auch geschafft, und Alejandro nutzte diesen Moment, um gleich mehrere Kugeln abzufeuern. Seine Mission bestand in Anbetracht der geänderten Umstände nur noch darin, möglichst viel Chaos anzurichten. Eine Kugel traf auch tatsächlich sein ausgemachtes Ziel, woraufhin der tote Körper einer blonden Frau auf den Erdboden fiel. Er verschoss zwei weitere Kugeln, die jedoch an der Verkleidung des Ufos abprallten. Es nahm daraufhin an Geschwindigkeit auf, und war wenige Sekunden später gar nicht mehr zu sehen. Verzweifelt ließ er sich in den Sand sinken und schlug sich die Hände vor den Kopf. Ich wollte doch nur, dass es aufhört. Dieses Ufo hätte niemals vom Boden abheben dürfen! Er verfluchte sich dafür, dass sein Plan nicht aufgegangen war. Hoffentlich passiert jetzt nichts ganz, ganz schlimmes. Da die Gegend um ihn herum bis auf den Körper der Frau, die er vor wenigen Augenblicken getötet hatte, komplett verlassen war, warf er einen Blick auf sie. Das grüne Licht war mit dem Ufo verschwunden, jetzt gab es einzig und allein noch den Vollmond am Horizont, der Helligkeit spendete. Sie hat den Tod nicht verdient, im Gegensatz zu dem dreckigen Arschloch, welches mein Bruder war. Er war schon ein wenig erstaunt über den Gedanken – in seiner Vergangenheit war ihm jedes einzelne Menschenleben um ihn herum egal gewesen, und die Frau, die da jetzt so reglos vor ihm lag, hätte ihn nicht ansatzweise interessiert. Die Zeit hinter Gitter hat mich mehr verändert, als ich das selber zugeben wollen würde. Er nahm sich noch einen Moment lang Zeit, und genoss die Stille, die sich um ihn herum ausgebreitet hatte. Noch vor wenigen Minuten war, neben dem Ufo, eine gigantische Menschenmenge vor Ort gewesen, selbige hatte sich jetzt allerdings restlos aufgelöst. Er hob seinen Blick in Richtung Nachthimmel, in der verzweifelten Hoffnung, dort wieder das grüne Licht auftauchen zu sehen. Das passierte natürlich nicht, und irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, gab er es schließlich auch auf. Alles hatte mit dem Finnen begonnen. Er hat einfach nicht lockergelassen und war besessen davon gewesen, seine Freundin zu retten. Mika Koskinen. Der Name hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt, und er war sich sicher, dass er ihn niemals wieder vergessen können würde. Er war der Beginn des Unheils. Nur wegen ihm ist das Ganze so ausgeartet. Ich hätte ihm im Nachhinein niemals helfen dürfen. Er wusste selbst nicht, was ihn dazu getrieben hatte, alles, was er über diesen mysteriösen Ort wusste, preiszugeben. Ich habe zugelassen, dass er sich auf eine halsbrecherische Mission begibt, und damit viele Menschen mit ins Unheil reißt. Alleine der Gedanke daran, sich freiwillig entführen zu lassen, ist verdammt töricht und dumm. Genau dasselbe hatte er zwar auch vor einiger Zeit getan, doch hinter seinem Handeln hatte ein langer Plan gestanden. Er verspürte nicht die Kraft dazu, aufzustehen, tat das aber trotzdem. Bevor er den Platz verließ, schüttete er so viel Sand auf den Körper der toten Frau, dass sie zumindest auf den ersten Blick nicht mehr zu sehen war. Ich darf nicht zulassen, dass die Spuren des Mordes bis zu mir führen. Wobei... in ein paar Tagen hat die Welt vielleicht ganz andere Probleme. Ein Schuss hat die Apokalypse ausgelöst. Diesbezüglich war er sich absolut sicher, was an dem Umstand lag, dass er das Verhalten der Wesen lange beobachtet und katalogisiert hatte. Er hatte Buch geführt über alle möglichen Verhaltensweisen, hatte Stunden und Tage damit verbracht, die komplette Existenz der Kreaturen aufzuschlüsseln. Die Art und Weise ihres Handelns war oftmals gleich, das hatte er endgültig herausgefunden, als er sich selbst auf den Weg in Richtung des fremden Planeten begeben hatte. Letzten Endes ist das alles nur passiert, weil ich vor einiger Zeit diesen verdammten Spiegel gekauft habe. Manchmal gibt es schon kuriose Zufälle. Tief im Inneren wusste er, dass all diese Gedanken nur als Ablenkung dienten. Er wusste, dass der Krieg gegen die Wesen bevorstand, versuchte jedoch immer wieder, das zu verdrängen. Getrieben von dem Gedanken, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, sich auf alles vorzubereiten, stieg er den Hügel wieder hinauf. Von oben wirkte alles um ihn herum noch ein bisschen anders. Der Blick auf die Wüste musste am Tag wirklich atemberaubend sein, jetzt in der tiefen Nacht war davon nicht mehr viel zu sehen. Direkt neben sich entdeckte er die beiden toten Körper, die er aus der Ferne bereits gesehen hatte. Er ging neben dem Wesen auf die Knie, und verfluchte sich dafür, dass er keine Taschenlampe dabei hatte. Das wäre der perfekte Weg gewesen, etwas mehr über sie herauszufinden. In seiner Hosentasche befand sich einzig und allein ein Taschenmesser, welches er schließlich auch herausholte und aufklappte. Er konnte nicht besonders viel sehen, da das Licht auf der Spitze des Hügels von einigen Sträuchern und abgestorbenen Büschen abgeschirmt wurde. Er hielt einen Moment lang inne und betrachtete das tote Wesen näher. Die helle, aschfahle Haut glänzte im Mondlicht, und die schwarzen, toten Augen waren weit aufgerissen. Alejandro spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken jagte, als ihm klar wurde, was sich da gerade vor ihm befand. Ich habe die Wesen bislang immer nur aus der Ferne gesehen, so nah waren sie mir noch nie. Ein Kribbeln zuckte durch seinen gesamten Körper, bis hinauf in seine Fingerspitzen. Er überlegte kurz, und entschied sich dann dazu, einen ersten Schnitt zu setzen. Mit einem lauten Schmatzen glitt die Klinge des Taschenmessers durch die wabbelige Schädeldecke des Wesens. Alejandro hatte damit gerechnet, dass ihm eine Menge Blut entgegenspritzen würde, doch das war nicht der Fall - was ihn stutzig machte. Er musste einiges an Kraft aufwenden, um den Schnitt möglichst präzise zu setzen. Die Bedingungen waren natürlich nicht ideal, doch damit musste er sich jetzt abfinden. Er versuchte, jedes einzelne Bisschen Helligkeit mithilfe seines Blickes aus der Dunkelheit zu absorbieren, geriet mit diesem Vorhaben doch schnell an die Grenzen seiner Fähigkeiten. Die Haut ließ sich relativ leicht aufschneiden, was ihn ebenfalls verwunderte. Von einer Schädeldecke oder anderen Knochen fehlte jede Spur, was ihm sein Vorhaben zwar erleichterte, jedoch auch jede Menge Fragen aufwarf. Was sind das nur für Kreaturen? Kurze Zeit später hatte er einen kreisrunden Schnitt gesetzt, woraufhin er den Hautlappen angewidert hob und einen Blick ins Innere des Schädels warf. Er kniff seine Augen zusammen, und sog scharf die Luft ein, als ihm klar wurde, was sich da gerade vor ihm befand. Er hatte mit vielem gerechnet, doch definitiv nicht damit, dass er kein Gehirn, sondern eine Mischung aus Kabeln und Drähten vorfinden würde. Verwundert versuchte er vorsichtig, sich einen Weg durch das Wirrwarr zu bahnen, ohne dabei Gefahr zu laufen, einen Stromschlag zu bekommen. Nach wenigen Sekunden gab er das jedoch bereits auf, und schaute sich stattdessen den Übergang vom Kopf auf den Torso an. Der Hals bestand aus einem dicken Stück Draht, der am oberen Ende mit einer Klemme verschlossen war, die er mit seiner Hand aufdrehen konnte. Kurze Zeit später hatte er den Kopf von seiner ursprünglichen Position gelöst und hielt ihn in den Händen. Er war ziemlich schwer, jedoch noch zu tragen - Alejandro schätzte das Gewicht auf um die zwanzig Kilogramm. Er warf dem Rest des Körpers noch einen schnellen Blick zu, ehe er sich dazu entschied, aufzubrechen. Er verfluchte sich in diesem Moment dafür, dass er sein Auto ein paar Kilometer entfernt in einer Parkbucht abgestellt hatte. Hätte ich das mal gewusst… Er schüttelte frustriert den Kopf und begann direkt damit, sich an den Abstieg zu machen. Der Weg, der ihn den Hügel hinunterführte, war unbefestigt und daher ein großes Hindernis, welches er nur mit einem enormen Kraftaufwand bewältigen konnte. Er behandelte den Kopf in seinen Händen wie ein rohes Ei. Die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich etwas kaputt gehen könnte, wenn er diesen in den Sand fallen lassen würde, war zwar nicht besonders hoch, doch er wollte das Risiko gar nicht erst eingehen. Er atmete daher erleichtert auf, als er den Hügel überwunden hatte. Obwohl es mitten in der Nacht und relativ kühl war, schwitzte er extrem, was allerdings nur bedingt an der körperlichen Anstrengung lag. Eben ist alles schiefgelaufen, was auch nur hätte schieflaufen können. Doch immerhin habe ich jetzt etwas, womit ich meine Nachforschungen intensivieren kann. Obwohl sich in seinem Kopf seit dem misslungenen Ende seiner wichtigsten Mission eine alles übergreifende Negativität ausgebreitet hatte, verspürte er jetzt einen Funken Hoffnung. Er konnte es kaum erwarten, den abgetrennten Kopf des Wesens näher zu untersuchen - und dabei vielleicht sogar entscheidende, neue Erkenntnisse ans Tageslicht zu bringen.

Die vergangene Nacht war viel zu kurz gewesen, das merkte Alejandro jetzt, wo er, mit einer Kaffeetasse vor sich, am Küchentisch saß. Die Geschehnisse waren weiterhin so präsent, dass es sich fast so anfühlte, als hätte er gar nicht geschlafen. Das lag vermutlich daran, dass er es nach seiner Rückkehr bereits mit den ersten Arbeiten gestartet hatte. Er hatte den Kopf in seiner Werkstatt untersucht, hatte Stunden damit verbracht, verschiedenste Schrauben zu lösen und sich durch den Kabelsalat zu wühlen. Die Tatsache, dass er selbst um vier Uhr nachts nichts mehr herausgefunden hatte, hatte ihn schließlich ziemlich frustriert, und er hatte sich ohne weitere Umwege in sein Schlafzimmer begeben und dort tatsächlich abschalten können. Jetzt, bei einer Tasse Kaffee und einem Hauch frischer Luft, der durch das Küchenfenster wehte, fühlte sich das Ganze nicht mehr so ernüchternd an, wie in der Nacht – ganz im Gegenteil, er verspürte sogar eine große Menge an Motivation, seine Untersuchungen fortzusetzen. Hoffentlich habe ich genug Zeit. Es wäre jammerschade, wenn man mich jetzt wieder hinter Gitter stecken würde. Er hatte die Spuren, vom Mord an seinem Bruder bis hin zum Massaker während der Mitternachtsmesse, sorgfältig verwischt, doch wirklich zu einhundert Prozent konnte er sich nicht sicher sein, dass das Ganze nicht doch irgendwie auffliegen würde. Eigentlich bin ich denen immer einen Schritt voraus. Das dachte ich allerdings beim letzten Mal, als Fernando mich hinter Gitter gebracht hatte, auch. Ja, sein Bruder hatte definitiv seine gerechte Strafe erhalten, dessen war er sich sicher. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit einer Menge Genugtuung, verbunden mit dem Gedanken an Gerechtigkeit. Wir beide haben für unsere Taten bezahlt, und das heute Nacht in der Wüste ist einfach ausgeartet. Es war nicht beabsichtigt, dass es genau so läuft. Seine Gedanken drehten sich noch immer um das Ufo, welches während der Schießerei so viele Menschen betreten hatten, wie noch nie zuvor. Sie haben alle keine Ahnung, und werden vermutlich mitten in ihren Tod laufen. Ich hatte das verdammte Glück, dass ich diesen Spiegel besaß. Er erinnerte sich an den sehr intensiven Dialog mit Mika Koskinen zurück – am Ende ihres Gespräches hatte er dem Finnen den Spiegel überlassen, und damit vermutlich das alles, was jetzt passiert war, ins Rollen gebracht. Was habe ich mir nur dabei gedacht? War ich wirklich so gutmütig gewesen, dass ich gedacht hatte, dass ihm der Spiegel helfen können würde? Gewissermaßen war das ein Ansatz gewesen, verbunden damit, dass der Mann besessen davon gewesen war, seine entführte Freundin zu retten. Er nahm einen Schluck heißen Kaffee und ließ seine Gedanken weiter durch das Vakuum, welches in seinem Kopf entstanden war, schweben. Heute Nacht habe ich die Geschehnisse nicht verhindern können. Ich habe den nahenden Krieg damit ausgelöst, dass ich den Anführer erschossen habe, und das, weil ich einfach nur verhindern wollte, dass erneut eine Entführung stattfindet. Sein Plan war es gewesen, dass sowohl die Wesen, die zur Mitternachtsmesse gereist waren, als auch das Ufo auf der Erde bleiben sollten – damit es eben möglich war, Forschungen über die fremde Welt mit ihren geheimnisvollen Kreaturen anzustellen. Die Tatsache, dass der Kopf des Wesens wie der eines Roboters aussah und mit Kabeln, Drähten und Schrauben zusammengehalten wurde, hatte ihn schon stutzig gemacht. Und da dieses Rätsel darauf wartete, von ihm gelöst zu werden, ließ er die halbvolle Kaffeetasse auf dem Tisch stehen und begab sich mit einem kurzen Umweg über das Badezimmer in die Werkstatt. Es war ihm gar nicht bewusst gewesen, dass er ein derartiges Chaos hinterlassen hatte – das Licht brannte noch und der Tisch war voll mit verschiedensten Werkzeugen, die ihn zur Verzweiflung getrieben hatten. Er entschied sich zunächst dazu, wieder etwas Ordnung in sein Vorgehen zu bringen, und legte die Werkzeuge, bei denen er sich sicher war, dass er sie erst einmal nicht mehr benötigen würde, zurück in die Werkzeugkiste. Danach sah seine Werkbank bereits deutlich ordentlicher aus, und er machte sich daran, die Schrauben, die er vergangene Nacht gelöst hatte, wieder festzuziehen. Sein Ziel war es zunächst, den Kopf wieder in seinen Urzustand zu versetzen, und er ärgerte sich in dem Moment, in dem er damit begann, darüber, dass er in der Nacht komplett ohne Struktur an die Sache herangegangen war. Neue Erkenntnisse hatte er durch die geänderte Vorgehensweise zwar auch nicht gewonnen, doch er hatte das Gefühl, dass sich das schon bald ändern können würde. Da es in der Werkstatt ziemlich leise war, und sogar die Geräusche der Straße nicht bis in den kleinen Kellerraum hervordrangen, schaltete er das alte Radio an, welches sich auf der Kommode direkt neben dem Fenster befand. Anfangs rauschte es ein wenig, und es dauerte etwas, bis er die passende Frequenz gefunden hatte. Ich muss den Kopf komplett sezieren, bis ich irgendetwas gefunden habe. Es kann doch nicht sein, dass ich hier nur zwanzig Kilogramm Elektroschrott vor mir liegen habe. Nach ein paar weiteren Fehlversuchen, in denen er sich zwar durch die ersten paar Kabelschichten gekämpft hatte, jedoch nicht tiefer vorgedrungen war, hatte er etwas freigelegt, was sich von dem Rest abhob. Um besser an die Stelle zu kommen, schnitt er die Kabel auf und löste ein paar Schrauben. Kurze Zeit später hielt er einen würfelförmigen Kasten in der Hand, der auf eine seltsame Art und Weise vibrierte. Er hatte in etwa die Größe von einem Zauberwürfel, andere Ähnlichkeiten zu besagtem Gegenstand gab es aber nicht. Er wog den Würfel in seinen Händen hin und her, und betrachtete ihn mit Argusaugen. Verschraubt ist das Teil nicht, weshalb ich es nicht so einfach öffnen kann. Es wirkt auf eine ganz merkwürdige Art und Weise besonders. Vielleicht ist es das Zentrum von allem – das Gehirn. Alejandro spürte, wie ein Kribbeln durch seinen Körper ging. Der Würfel fühlte sich in seinen Händen plötzlich wie ein rohes Ei an, weshalb er ihn etwas abseits auf der Werkbank platzierte und den Kopf zunächst weiter betrachtete. Doch bis auf den Gegenstand, den er eben bereits gefunden hatte, gab es nichts interessantes mehr zu sehen. Da er nicht wusste, wie er den Würfel öffnen können würde, nahm er ihn in die Hand, verließ die Werkstatt und begab sich wieder in den oberen Teil des Hauses. Den Kopf kann ich in den nächsten Tagen irgendwann entsorgen. Wobei? Vielleicht brauche ich ihn ja noch für irgendetwas. Doch irgendwie glaubte er da nicht mehr dran, zumindest in diesem Moment fühlte es sich so an, als hätte er das Ziel seiner Mission erreicht. Ich muss ihn gut verwahren. Er überlegte kurz, und durchwühlte daraufhin seine Schränke. Er wusste, dass er noch einen kleinen Koffer mit einem Zahlenschloss besaß, und wollte diesen dafür nutzen, den vielleicht unfassbar wertvollen Würfel aufzubewahren – doch er wusste zunächst absolut nicht, wo er diesen hingelegt hatte. Da in den Zimmern ein ziemliches Chaos herrschte, hatte er auch keinen Ansatz, bis ihm schließlich etwas einfiel. Habe ich den nicht erst noch verschenken wollen? Ich hatte ihn eingepackt, da der Geburtstag dann allerdings ausgefallen ist, muss er noch im untersten Fach meiner Kommode liegen. Er begab sich ins Schlafzimmer, prüfte seinen Einfall, und atmete erleichtert auf, als er sah, dass er damit recht gehabt hatte. Mit zitternden Händen riss er das Geschenkpapier von dem Koffer, öffnete ihn, verstaute den Würfel darin, und sicherte das Ganze mit einer simplen Zahlenkombination. Mein Leben hat sich seit der Sache mit dem Spiegel wirklich komplett verändert. Unfassbar, wie sowas wirklich vom einen auf den anderen Tag passieren kann, durch Umstände, die einem noch so unbedeutend erscheinen. Bevor er sich wieder in die Realität begab, wollte er seine Gedanken noch ein wenig schweifen lassen. Was wäre wohl passiert, wenn ich nicht dem gefolgt wäre, was ich im Spiegelbild gesehen habe? Er konnte sich noch ganz genau an das erinnern, was er gefühlt hatte, es war immerhin erst wenige Wochen her gewesen, dass das passiert war. Im Grunde ist alles den Bach runtergegangen, als ich durch Zufall Mika Koskinen getroffen habe. Man kann ihm das alles, was passieren wird, sofern es denn passieren wird, anlasten. Nur ihm, niemand anderem. Anfangs war ihm der Mann noch sympathisch gewesen, doch mittlerweile hatte sich seine Gefühlslage ihm gegenüber komplett geändert. Er handelt gefährlich impulsiv, ja, ist besessen davon, seine Sache durchzuziehen. Schon in dem Moment, in dem Alejandro klar geworden war, dass sich dort, an diesem mysteriösen Ort, die Freundin von Mika befunden hatte, hatte er gewusst, dass sie nicht zu retten gewesen war. Dieser Ort ist böse, immerhin war ich selbst dort, wenn auch nur kurz. Es ist mir nur durch kluges Verhalten wieder gelungen, zu flüchten, und mein Leben stand mehr als nur auf der Kippe. Verdammt, vielleicht hatte ich auch einfach nur unverschämtes Glück. Er schüttelte den Kopf, und versuchte so, diese Gedanken wieder zu vertreiben. Er hatte keine Lust, sich weiter den Kopf zu zerbrechen, da die Dinge eben bereits passiert waren. Ich sollte mich stattdessen daran machen, herauszufinden, wer mir in Bezug auf den Würfel helfen könnte. Er dachte kurz nach, und kam tatsächlich auf eine Idee. Meine ganzen Kontakte waren vor der Zeit im Knast gewesen. Damals gab es doch noch diesen Mann, der mir seinen Namen nie verraten hatte, und der technisch gesehen extrem begabt gewesen war. Gut, er hat auch einige illegale Dinge getan, doch da bin ich nicht anders. Vielleicht ist er ja noch in dem Metier tätig und kann mir helfen. Er ließ sich das Ganze noch eine Weile durch den Kopf gehen, da diese Entscheidung mit einem enorm weiten Weg verbunden war, den er aber definitiv bereit war, zu gehen. Macht es Sinn, quer durchs Land zu fahren, um zu hoffen, am Ziel eine Person anzutreffen, die mir vielleicht helfen kann? Er musste den Koffer ein weiteres Mal öffnen, um sich den Würfel anzusehen. Doch je länger er das tat, desto sicherer wurde er, dass es ihm nicht gelingen würde, den Gegenstand zu öffnen. Von der Oberfläche gingen seltsame Spannungen aus, die seinen Körper elektrisierten. Seine Haut kribbelte, sobald er sie berührte, und er bekam eine Gänsehaut, gepaart mit dem dringenden Verlangen, mehr herausfinden zu wollen. Und diese Mischung verleitete ihn schließlich dazu, die verrückteste Entscheidung, die er jemals getroffen hatte, zu treffen. Kurze Zeit später saß er bereits in seinem Auto, und hatte das nächste Ziel fest im Auge: Minnesota.

Schon bald hatte er mit seinem alten Ford Fiesta die Waldstraße verlassen und die Autobahn befahren. Um diese Uhrzeit war hier noch nicht viel los, der Feierabendverkehr lag in weiter Ferne und die morgendliche Rush-Hour war längst vorbei. Er konnte sich daher tatsächlich ein wenig am Steuer entspannen, auch, wenn er wusste, dass er seine Augen trotzdem konzentriert in alle Richtungen offenhalten musste. Einige Zeit später hatte er schließlich die erste Baustelle erreicht, an der sich der Verkehr tatsächlich ein wenig staute. Er reihte sich hinten ein und ließ noch zwei weitere Autos, die von der anderen Spur kamen, vor, ehe er dem Tross folgte. Während er an den Arbeitern vorbeifuhr, empfand er tatsächlich ein wenig Mitleid für die Männer – es war draußen wirklich mal wieder sauheiß, noch dazu knallte die Sonne vom komplett wolkenlosen Himmel auf sie herunter. Der Asphalt vermochte bei diesen Temperaturen mit Sicherheit zu glühen, weshalb er um alles in der Welt nicht mit ihnen tauschen wollen würde. Als er schließlich einen Presslufthammer starten hörte, kurbelte er das Fenster, welches er zu Beginn der Baustelle erst heruntergekurbelt hatte, wieder hoch. Da es dann doch relativ still im Inneren war, schaltete er das Radio an und versuchte, eine passende Frequenz zu finden. Er hoffte, auf irgendeinen Kanal zu stoßen, der die Musik nicht andauernd mit Nachrichten oder Verkehrsmeldungen unterbrechen würde. Alles, was mich interessiert, sehe ich, wenn ich durch die Windschutzscheibe gucke. Hinter der Baustelle ist die Straße frei, die Autos werden sich bald schon wieder verteilen. Er wusste nicht, warum er nervös war, und schob es daher auf die Tatsache, dass er absolut keine Ahnung hatte, ob diese lange Fahrt überhaupt einen Sinn haben würde. Vielleicht habe ich ja ein einziges Mal Glück im Leben. Es darf einfach nicht sein, dass ich nach Minnesota fahre und dort keinen Erfolg habe. Andererseits wusste er nicht so wirklich, wo er denn ansetzen sollte, sobald er die Stadtgrenze überquert hatte. Je länger er darüber nachdachte, desto komplexer wurde das Ganze – und er merkte erst, dass er zu tief in seinen Gedanken hing, als ihn die laute Hupe eines LKWs aus ebenjenen riss. Er schaffte es gerade noch rechtzeitig, seine Spur zu verlassen und einen Unfall zu vermeiden.

Schweißüberströmt steuerte er den nächsten Rastplatz an und stellte das Auto dort ab. Seine Hände zitterten, und er war kaum in der Lage dazu, sich zu beruhigen. Er warf einen Blick auf das Navigationsgerät, und sah, dass er bereits gute dreihundert Kilometer gefahren war. Ein paar Sekunden später fühlte er sich schließlich wieder bereit dazu, den Motor zu starten, und steuerte das Auto in den Schatten von zwei parkenden LKWs. Er öffnete die Tür, stieg aus, und genoss die frische Luft, die ihm direkt entgegenströmte. Aus der Ferne vernahm er den Ton eines Martinshorns, welcher immer präsenter wurde. Er wollte sich davon jedoch nicht verunsichern lassen, denn es wäre schon ein ziemlich krasser Zufall, wenn ihm die Polizisten unerkannt über dreihundert Kilometer gefolgt wären, um ihn dann an einer Raststätte festzunehmen, die er selbst sogar noch angesteuert hatte. Noch dazu sollte denen wohl klar sein, dass ich in meiner alten Blechschüssel niemals auf eine Verfolgungsjagd oder dergleichen aus sein kann. Während er sich umsah und darauf wartete, dass sich die Situation um den nahenden Polizeiwagen bald aufklären würde, fiel ihm ein, dass er dringend ein wenig tanken musste. Sein Tank war zu Beginn der Fahrt bei Weitem nicht voll gewesen, und seine Karre war eben ein wahrer Benzinschlucker. Er dehnte den Moment an der frischen Luft noch eine Weile lang aus, und stieg kurz darauf wieder ins Auto, um eine der Zapfsäulen, die sich direkt neben der Raststätte befanden, anzusteuern. Irgendwie hatte er sich noch immer nicht so ganz beruhigt, seine Sicht war noch ein wenig verschwommen und das Adrenalin noch nicht gänzlich abgeebbt. Er füllte den Tank randvoll, schritt ins Innere des zugehörigen Shops, nahm sich dort ein paar Snacks mit und bezahlte die offene Rechnung. Sein Magen hatte sich in der Zwischenzeit gemeldet, und er wollte nun zumindest ein kleines Frühstück zu sich nehmen, um das Hungergefühl zunächst zu vertreiben. In dem Moment, in dem er das Gebäude wieder verließ, sah er, dass sich gleich mehrere Polizeiwägen auf dem Parkplatz der Raststätte befanden. Einer von ihnen parkte neben einem LKW, vor dem der Fahrer bereits mit den Beamten diskutierte, und der andere wartete an der Zapfsäule direkt neben seinem Ford auf ihn. Bin ich doch irgendwie auffällig geworden? Die Tatsache, dass die Polizisten ihm offenbar nicht ohne Grund gefolgt waren, sorgte dafür, dass er unruhig wurde. Er nahm sich ein paar Sekunden, um sich zu sammeln, und ging dann auf sein geparktes Fahrzeug zu, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Just in dem Moment, in dem er die Tür öffnete, hörte die bereits eine Stimme hinter sich.

»Sir?«

Alejandro hielt kurz inne und drehte sich dann langsam um.

»Ja, bitte?«

Er versuchte, sich nichts von seiner Nervosität anmerken zu lassen, was ihm in seinen eigenen Augen auch ganz gut gelang. In den vergangenen Jahren war er so oft mit der Polizei konfrontiert worden, weshalb es ihm eigentlich nicht schwerfiel, die altbekannte Maske aufzusetzen – auch, wenn er sich in der Vergangenheit zumeist auf einer anderen Seite befunden hatte.

»Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte.«

»Habe ich irgendetwas verbrochen?«

Er versuchte, überrascht zu klingen, was ihm auch nicht mal schwerfiel – denn er hatte wirklich keine Ahnung, was die Polizisten hier, etwa dreihundert Kilometer von seinem Zuhause entfernt, von ihm wollen könnten.

»Wenn Sie so fragen – nein. Wir führen eine routinemäßige Kontrolle aus, und uns ist aufgefallen, dass ihr Bremslicht hinten rechts defekt ist.«

Verdammt. Alejandro stöhnte auf. Das Ding war schon defekt, bevor ich überhaupt im Knast gelandet bin. Aufgefallen ist das jedoch nie. Er verfluchte sich dafür, dass er das nicht in Ordnung gebracht hatte – denn immerhin war ihm der Defekt bekannt gewesen.

»Moment.«

Jetzt wurde die Situation wirklich brenzlig, doch da die Polizisten direkt hinter seinem Kofferraum standen, hatte er wohl nochmal Glück gehabt. Er öffnete das Handschuhfach, schob die Schusswaffe ein Stück zur Seite und suchte nach dem Fahrzeugbrief, den er kurze Zeit später auch gefunden hatte. Seinen Führerschein musste er aus seinem Portemonnaie holen, und für einen Moment dachte er, es zuhause vergessen zu haben, bis ihm einfiel, dass er eben seine Tankrechnung noch beglichen hatte. Er fand es schließlich auf dem Beifahrersitz wieder, er musste es wohl dort abgelegt haben, als er ins Auto hatte einsteigen wollen. Verdächtiger kann ich mich eigentlich nicht verhalten. Verdammt, ich muss meine Nerven zusammenhalten. Er wusste, dass verdammt viel auf dem Spiel stand. Es musste ihm einfach gelingen, nach Minnesota zu kommen, um nach dem Mann zu suchen, der ihm schonmal geholfen hatte. Er reichte dem Polizisten, der sich ein wenig in den Vordergrund gedrängt hatte, schließlich besagten Führerschein. Der Mann, der vermutlich Mitte vierzig sein musste, musterte das Dokument deutlich länger, als er es eigentlich musste. Er schien die Daten von Alejandro genau unter die Lupe zu nehmen, ja, es wirkte sogar so, als würde er sich auf Krampf etwas aus den Fingern saugen wollen, um ihn auf der Stelle festzunehmen. Diese alt eingesessenen, weißen Bullenschweine sind halt auch heute immer noch verfickte Rassisten. Alejandro kratzte sich am Nacken, und als der Mann die Inspektion seines Führerscheines auch eine gefühlte Minute später noch nicht abgeschlossen hatte, meinte er: »Sir? Ich müsste langsam weiter, ich habe noch einen Termin.« Er versuchte, einen freundlichen Ton unter seine Stimme zu packen, vermutete aber, dass ihm das aufgrund der Ungeduld, die sich wie ein Parasit in seinem gesamten Körper ausgebreitet hatte, nicht gelang.

»Okay. Ich bitte Sie dennoch, den Defekt unmittelbar beheben zu lassen. Die nächste Werkstatt ist nur wenige Kilometer entfernt, Sie müssen dem Highway bis zur nächsten Ausfahrt folgen und dann in Richtung Stadt fahren.«

»Das werde ich tun.«

Alejandro spürte, wie eine Menge Last von seinen Schultern abfiel, als die beiden Polizisten tatsächlich zurück in den Streifenwagen stiegen und davonfuhren. Um sicher zu gehen und seine Fahrt direkt fortsetzen zu können, ohne aufgrund seines defekten Bremslichtes erneut aus dem Verkehr gezogen zu werden, wartete er noch eine Weile. Obwohl der Polizeiwagen längst in der Ferne verschwunden war, wollte er einfach kein Risiko eingehen. Er öffnete sogar noch eine Tüte Takis, nahm eine Handvoll heraus und stopfte sie sich in den Mund. Er wollte es zunächst dabei belassen, doch da er zuvor noch keinen Bissen an diesem Tag zu sich genommen hatte, hatte er kurz darauf bereits die gesamte Tüte geleert. Er startete den Motor, steuerte seinen Wagen wieder in Richtung Highway, und entspannte sich ein wenig, als er sich ohne Zwischenfälle auf der rechten Spur eingereiht hatte. Zum jetzigen Zeitpunkt war die Straße noch recht leer, er wusste jedoch, dass sich das in den kommenden Stunden definitiv ändern würde. So kam es schließlich auch, er musste sich durch den Feierabendverkehr kämpfen und erlebte sogar einen Unfall mit, den er gerade noch so umfahren konnte. Er sah Hubschrauber, Polizei- und Rettungswägen, und fühlte sich für kurze Zeit so, als würde er sich inmitten eines Actionfilms befinden. Das änderte sich auch erst wieder, als die Dämmerung einsetzte, und er spürte, wie er langsam müde wurde. Er schaffte es schließlich noch, zwei weitere Stunden zu fahren, ehe er ein Motel direkt in der Nähe einer Raststätte entdeckte. Riesengroße, rot beleuchtete Buchstaben verrieten ihm, dass dort noch ein Zimmer frei war, und innerhalb weniger Sekunden hatte er die Entscheidung getroffen, seinen Tag dort zu beenden. Er stellte den Ford Fiesta auf einem freien Parkplatz vor der Unterkunft ab, nahm seine Wertgegenstände, wozu auch der mysteriöse Würfel gehörte, an sich, und verschloss das Auto. Kurze Zeit später hatte er die Rezeption erreicht, an der ein Mann, der vermutlich Mitte zwanzig sein musste, Platz genommen hatte. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, befand er sich mitten in einer langweiligen und ermüdenden Schicht. Sein Blick hellte sich schließlich ein wenig auf, als er Alejandro erblickte.

»Guten Abend, Sir. Was kann ich für Sie tun?«

Seine Stimme klang freundlich und einladend.

»Guten Abend. Ich hätte gerne ein Zimmer für eine Nacht.«

»Ich schaue mal nach, was ich für Sie tun kann.«

Er blätterte durch ein Notizbuch, welches direkt vor ihm auf dem Schreibtisch lag, und sagte kurz darauf:

»Sie haben Glück. Wir haben noch ein Zimmer in der zweiten Etage frei.«

Es dauerte einen Moment, bis Alejandro den Schlüssel bekommen und alle organisatorischen Dinge abgewickelt hatte. Er ließ sich nicht anmerken, dass ihm das nicht wirklich hohe Tempo des Mannes gehörig auf die Nerven ging, nicht nur aus dem Grund, dass er müde war. Er fühlte sich auch ziemlich ausgelaugt von der Fahrt, er war es einfach nicht mehr gewöhnt, so viele Kilometer am Stück zurückzulegen. Endlich auf dem Zimmer angekommen, legte er sich auf das Bett und genoss den kurzen Moment der vollkommenen Ruhe. Ein paar Augenblicke später entschied er sich dazu, unter die Dusche zu steigen. Das warme Wasser, welches in einem Strahl auf ihn herabfloss, sorgte dafür, dass er richtig spüren konnte, wie der Dreck des Tages von seinem Körper gewaschen wurde. Er duschte länger als notwendig und befand sich schließlich einige Minuten später in ein Handtuch gehüllt auf einem kleinen Sessel, der sich vor einem Tisch direkt neben dem Bett befand. Da es noch relativ früh und seine Müdigkeit wieder ein Stück vergangen war, schaltete er den Fernseher an und zappte durch die verschiedenen Kanäle. Da er keine Lust auf Nachrichten oder etwaige Sportveranstaltungen hatte, ließ er eine Naturdokumentation laufen, bei der es um das Tierleben in der kenianischen Masai Mara ging. Während er den Zebras und Giraffen beeindruckt dabei zu sah, wie sie sich auf dem Bildschirm hin und her bewegten, bemerkte er etwas direkt über dem Fernsehgerät. Er stand auf, schaltete das Licht an und beäugte den Gegenstand näher. Es handelte sich um eine kleine Schatulle, auf der sich bereits eine dicke Staubschicht befand. Sie passte irgendwie nicht ins Bild des ansonsten sauberen Raumes, weshalb Alejandro sie öffnete und näher begutachtete. Als er das kleine Tütchen und deren Inhalt erblickte, war er sich auf der Stelle sicher, um was es sich handelte. Ihm wurde heiß und kalt zugleich und er spürte ein Kribbeln in sich aufsteigen, welches mit dem Gedanken der Klarheit, was er dort vor sich hatte, einherging. Finde ich hier wirklich eine Tüte mit LSD in einem verdammten Motelzimmer? Er konnte es gar nicht wirklich glauben, doch die kleine, bedruckte Pappe mit einem bunten Motiv darauf ließ keinen anderen Schluss zu. Das war wirklich eine verdammt schlimme Zeit. Ich bin froh, dass ich davon losgekommen bin. Obwohl alles in ihm danach schrie, die Schatulle wieder an ihren ursprünglichen Ort zurückzulegen, oder gar sie aus dem Fenster zu werfen, hielt er sie weiterhin in seinen Händen und wog sie hin und her. Ich habe mich verändert – oder? Früher hätte ich mir dieses Ding sicherlich schon in den Mund gesteckt und mich auf den Trip meines Lebens begeben. Jetzt zögere ich. Er versuchte, seinen Gedanken weiter in verschiedenste Richtungen zu spinnen. Warum zögere ich? Das letzte Mal, dass ich das Zeug eingenommen habe, habe ich es stundenlang wieder ausgekotzt. Wobei das allerdings auch definitiv eine Überdosis gewesen war. Er überlegte noch einen Moment, bis er schließlich eine Entscheidung getroffen hatte. Er nahm die kleine Tüte heraus und begab sich ins Badezimmer. Dort angekommen, öffnete er sie, kippte den Inhalt ins Toilettenbecken und betätigte die Spülung. Er sah dem kleinen, bunten Rechteck dabei zu, wie es von dem Wasser mitgerissen wurde und schließlich durch das Becken hindurch in der Kanalisation verschwand. Er verspürte gemischte Gefühle in seinem Körper aufsteigen, zu denen jedoch, zumindest in Teilen, auch ein gewisses Maß an Stolz gehörte. Habe ich damit meine Vergangenheit hinter mir gelassen? Seine Gedanken drifteten in Richtung der vergangenen Tage ab. Eigentlich nicht. Schließlich habe ich vor kurzer Zeit noch gemordet, was mir am Ende allerdings rein gar nichts gebracht hatte. Einzig und allein der Tod von Fernando fühlte sich weiterhin richtig an, und selbst der Gedanke daran verschaffte ihm eine schier unendliche Befriedigung. Dieser dreckige, skrupellose Bulle, der sich auch noch mein Bruder nennen durfte. Meine Güte, niemand wird dieses Arschloch wirklich vermissen, oder? Eigentlich ist es noch viel zu schnell gegangen. Für das, was er mir damals angetan hatte, die Tatsache, dass er mich, ohne mit der Wimper zu zucken, verknackt hatte, gibt es keine ansatzweise gerechte Strafe. Jetzt, in diesem Moment, in dem er sich wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert sah, fühlte sich das Motelzimmer wie ein Käfig an. Er fühlte sich elendig, ließ sich auf das Bett sinken, und schloss die Augen. Morgen wird ein besserer Tag. Ich muss es dringend schaffen, den restlichen Weg zurückzulegen und mein Ziel in Minnesota zu erreichen. Er nahm sich vor, ein wenig zu schlafen. Die Tatsache, dass er bereits auf der Matratze lag, kam ihm da sogar enorm entgegen. Er versuchte, zur Ruhe zu kommen, und war kurz davor, endgültig einzuschlafen und in die Traumwelt zu gleiten, als er ein lautes Geräusch, dem ein Schrei folgte, außerhalb des Motels vernahm. Kurze Zeit später war noch ein zweiter Schrei zu hören, der dann schließlich Alejandros Aufmerksamkeit vollkommen in Beschlag genommen hatte. Er schlug die Bettdecke wieder zurück, stand auf, und begab sich in Richtung des geöffneten Fensters. Die Stille, die nun herrschte, war fast schon beängstigend. Für einen Moment gab es nur den leichten Windhauch von außen, ehe erneut Geräusche zu hören waren. Dieses Mal handelte es sich nicht um laute Schreie, sondern um ein leises Wimmern. Die Alarmglocken in seinem Inneren begannen daraufhin endgültig, laut zu schellen. Obwohl er seinen Tag eigentlich bereits hatte beenden wollen, zog er sich an, verließ das Motel und begab sich in die Richtung, in die er die Geräusche vermutete. Es war komplett dunkel, nur in unregelmäßigen Abständen wurde die Umgebung durch gelbes Laternenlicht erhellt. Er wagte sich Meter für Meter weiter in die Richtung, in die ihn sein Bauchgefühl wies. Die Gegend um ihn herum war recht verwinkelt, weshalb es extrem schwer war, erahnen zu können, woher die Schreie denn nun gekommen waren. Er konnte sich sogar nicht mal mehr auf sein Gehör verlassen, da es komplett still war. Ab und zu war in der Ferne mal der Motor eines Autos zu hören, doch um diese Zeit schien zumindest die Gegend, in der er sich befand, zu schlafen. Ich sollte wieder zurück ins Zimmer. Es ist verrückt, hier durch die Nacht zu streunen. Was erwarte ich bitte, zu finden? Er hielt noch einen Moment lang inne, versuchte, auch nur das kleinste Geräusch aus der Stille herauszufiltern – doch das war komplett vergeblich. Ein paar Sekunden später hatte er seine Entscheidung gefällt, und sich zurück in Richtung des Motels begeben. Er wusste nicht, was er über das, was gerade passiert war, denken sollte – und vor allem, was er sich mit seiner Aktion erhofft hatte. Seine Gedanken kreisten mehr und mehr um das Thema und schienen ihn gar nicht mehr loslassen zu wollen, was ihm enormes Kopfzerbrechen bereitete. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch suchte er wieder sein Zimmer auf, schloss dort das Fenster und begab sich ins Bett. Er lag noch eine ganze Zeit lang wach, ehe er irgendwann eingeschlafen war.

2 Alejandro Castro, Mittwoch, 24. Mai 2017

Am nächsten Morgen fühlte er sich zumindest ein kleines Bisschen besser. Ohne viel Zeit im Zimmer zu verbringen, packte er seine Sachen zusammen, checkte aus und setzte sich in sein Auto. Das, was gestern Abend passiert war, ließ ihn gar nicht mehr los, weshalb er sich dazu entschied, ein wenig durch die Stadt zu fahren. Er war noch nicht wirklich in der Lage dazu, die nächste, enorm lange Fahrt hinter sich zu bringen, wusste jedoch auch, dass er das nicht mehr allzu weit hinauszögern konnte. Gerade, als er den Wagen in Richtung Highway steuern wollte, sah er etwas in einer Seitenstraße, unweit des Motels. Er zögerte kurz, und drehte dann um, um besagten Punkt anzusteuern. Es fühlte sich direkt an, als würde er eine neue Welt betreten. Das Tageslicht wurde zu beiden Seiten von den großen Häusern abgefangen, und die Gasse war gerade mal so breit, dass ein Fahrzeug hindurchpassen würde, und noch dazu ziemlich dreckig. An einer Hauswand zu seiner Rechten türmte sich Müll mit dem Emblem eines bekannten Fast Food Restaurants. Etwas tiefer entdeckte Alejandro rot weißes Absperrband, welches leicht im Wind flatterte. Er verlangsamte den Wagen auf Schritttempo, um unauffällig einen Blick in die Richtung zu werfen, in der was passiert sein musste. Direkt hinter der provisorischen Absperrung stand ein uniformierter Polizist. Alleine der Anblick des Mannes ließ nichts Gutes vermuten, Alejandro kurbelte dennoch das Fenster herunter und wandte sich an den Beamten.

»Entschuldigen Sie?«

Der Mann, der sein Fahrzeug schon die gesamte Zeit über betrachtet hatte und eine grimmige Miene im Gesicht trug, schritt langsam auf ihn zu.

»Was ist passiert?«

»Es ist hier in der vergangenen Nacht zu einem Verbrechen gekommen. Mehr darf ich Ihnen nicht verraten, und noch dazu muss ich Sie bitten, diesen Ort zu verlassen.«

Alejandro brauchte einen Moment, bis er sich gefangen hatte, verabschiedete sich dann bereits wieder von dem Mann und steuerte die Hauptstraße an, die ihn in Richtung Highway führen würde. Während er versuchte, sich voll und ganz auf den Verkehr zu konzentrieren, rasten ihm Gedanken durch den Kopf, die er zunächst nicht einordnen konnte. Warum schere ich mich plötzlich darum, was anderen Menschen passiert? Es beunruhigte ihn zutiefst, dass das, was in der vergangenen Nacht geschehen sein mochte, nicht mehr aus dem Kopf ging. Hat die Zeit hinter Gittern mich wirklich zu einem Menschen gemacht, der nicht mehr ohne nachzudenken seine Feinde beseitigt, sondern der sich Vorwürfe macht, dass er nicht rechtzeitig zur Hilfe eilen konnte? Er schüttelte den Kopf und schlug wütend auf das Lenkrad. Die Fahrbahn des Highways vor ihm war komplett leer, und er hoffte, dass er Minnesota erreicht haben würde, bevor der Feierabendverkehr beginnen würde. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings gering, wenn ich die freie Fahrbahn jetzt nicht ausnutze und aufs Gaspedal trete. Genau das tat er schließlich auch, und er spürte, wie das Adrenalin durch seine Adern rauschte, als sich die Tachonadel weit über die angezeigte Höchstgeschwindigkeit bewegte. Nur so verspürt man Freiheit. Weit und breit kein anderes Fahrzeug, keine anderen Menschen - pure Idylle. Er holte alles aus seinem Ford heraus und genoss den Anblick der vorbeiziehenden Landschaft. Obwohl er wusste, dass er, gerade bei dieser hohen Geschwindigkeit, seine Augen dauerhaft auf die Straße gerichtet halten musste, wandte er sich kurz ab und versuchte, am Radio eine brauchbare Frequenz zu finden. Als er schließlich den richtigen Sender eingestellt hatte, konnte er sich wieder voll und ganz auf die Fahrt konzentrieren.

Stunden zogen ins Land, und die Umgebung veränderte sich nur ab und zu mal. Mal wurden die Bäume weniger und das Land kahler, und mal führte ihn der Highway an Städten vorbei. Wolkenkratzer schossen weit in die Höhe, und er hatte früh sein Tempo regulieren müssen, da die Fahrbahn dann doch ein wenig voller geworden war. Er brachte sogar die Hauptverkehrszeit relativ gut hinter sich, und hatte am späten Abend schließlich Minnesota erreicht. Er hatte zwischendurch nur wenige Pausen eingelegt, weshalb er sich jetzt, wo er zumindest in die Nähe seines Zieles gekommen war, dazu entschied, sich eine Auszeit zu genehmigen. Er hatte den Highway mittlerweile verlassen und befand sich auf einer Landstraße, wo er seinen Wagen schließlich in einer Parkbucht abstellte. Er öffnete die Tür, und genoss die kühle Nachtluft, die ins Innere wehte. Sein Blick schweifte zur Uhr rüber, und er erschrak, als er sah, dass es schon nach elf war. Meine Güte. Der Tag ist gleich schon wieder vorbei. Er versuchte, sich eine Weile zu entspannen, und seine Gedanken zu ordnen. Jetzt muss ich mir als nächstes Ziel setzen, mir den mysteriösen Mann zu schnappen. Der Haken an diesem Gedanken war allerdings, dass er nicht wusste, wie er das anstellen sollte. Mir bleibt keine andere Wahl, als die Bar aufzusuchen, in der wir uns damals getroffen haben. Verdammt, das war ein richtiges Drecksloch. Die Luft verqualmt und zum Schneiden dick, und am gesamten Gebäude Spuren vom Zahn der Zeit. Ob es den Schuppen wohl noch gibt? Sicher war er sich da nicht, doch er wusste, dass er nun eine Anlaufstelle gefunden hatte, und setzte deshalb seinen Weg kurze Zeit später fort. Er konnte sich nur ganz vage an den Weg erinnern, den er damals gefahren war - und da sich die Umgebung natürlich in den vergangenen Jahren um einiges verändert hatte, fiel es ihm schwer, die Route zu rekonstruieren. Er wusste auf jeden Fall, dass er das Stadtzentrum von Minneapolis aufsuchen musste, weshalb er beschloss, den Schildern, die in besagte Richtung führten, zu folgen. In den anschließenden anderthalb Stunden musste er sehr mit sich kämpfen, und er überlegte mehrmals, ob er die Fahrt abbrechen sollte, tat das aber nicht und war froh, als er Minneapolis erreicht hatte. Schon seine ersten Blicke während der Fahrt hatten ihm das bestätigt, was er sich bereits gedacht hatte: es hatte sich sehr viel in den vergangenen Jahren verändert. Der Zahn der Zeit schien vor niemandem Halt gemacht zu haben - es gab zwar auch viele Neubauten, doch den Großteil an Gebäuden hatte es zur damaligen Zeit bereits gegeben. Dennoch fiel es Alejandro schwer, sich an die Einzelheiten zu erinnern, weshalb er seinen Ford zunächst relativ ziellos durch die Gassen steuerte. Es war mittlerweile bereits nach Mitternacht, und da heute ein Mittwoch war, war seine Aussicht auf Erfolg nicht besonders hoch. Obwohl die bunten Lichter der Stadt langsam vor seinen Augen verschwammen, wollte er noch nicht aufgeben. Er fühlte sich hundemüde und glaubte, nicht mehr lange wach bleiben zu können. Vielleicht sollte ich mir eine Unterkunft suchen und morgen mit meiner Mission fortfahren. Heute kann ich mich nicht mehr wirklich konzentrieren. Da er jedoch wusste, dass jeder Tag, besser gesagt jede Stunde entscheidend sein konnte, zwang er sich weiter dazu, wach zu bleiben, und setzte die Fahrt fort. Mittlerweile, er hatte mehrere Seitenstraßen durchquert und sich immer weiter vom Kern der Stadt entfernt, kam ihm die Gegend tatsächlich etwas bekannt vor. Er sah sich um, entdeckte ein kleines Casino zu seiner Linken, und warf seinen Blick dann in die andere Richtung. Hier ist es. Mit wild klopfendem Herzen verlangsamte er den Ford fast auf Schritttempo, und versuchte, Ausschau nach einer freien Parklücke zu halten. Diese hatte er relativ schnell gefunden, weshalb er seinen Wagen abstellte und ausstieg. Die Nachtluft, die ihn draußen empfing, war so kühl, dass er sogar zu frösteln begann. Warum habe ich mir keine Jacke mitgenommen? Ist doch klar, dass ich hier oben einen Temperatursturz erlebe. Er rieb sich über beide Arme und versuchte so, die Kälte ertragen zu können, was auch funktionierte. Auf den ersten Blick hatte die Bar, in der er damals den mysteriösen Mann getroffen hatte, einiges an Charme verloren. Die Leuchtreklame an der Außenfassade, die vor Jahren noch in vielen Farben gestrahlt und Leute verschiedenster Altersgruppen ins Innere gelockt hatte, war erloschen und hing windschief über dem ehemaligen Eingang. Die Fensterscheibe an der Front wurde von einem Riss geziert, der sich über die ganze Fläche zog und vermutlich von einem Stein stammte. Nichts ließ darauf schließen, dass in der Bar noch Betrieb herrschte, und diese Tatsache fühlte sich für Alejandro wie ein Schlag in die Magengrube an. Früher war hier mal der ultimative Treffpunkt für die dunklen Seelen der Stadt. Bin ich den Weg wirklich umsonst gefahren? Jetzt, wo sich die Enttäuschung schleichend in ihm breitmachte, spürte er, wie das Adrenalin langsam abebbte, was dafür sorgte, dass sich seine enorme Müdigkeit wieder an die Oberfläche kämpfte. Er schritt auf die ehemalige Bar zu, setzte sich auf eine Mauer ganz in der Nähe und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Die Erinnerungen an diesen Ort kamen nach und nach zurück, und er ließ sie gewähren und versuchte nicht, sie zu verdrängen. Vor seinem inneren Auge lief ein Film ab, der einer Zeitreise glich. Er konnte sich an viele einzelne Details erinnern und war überrascht darüber, wie gut sein Gedächtnis funktionierte. Während er weiter in Gedanken schwelgte, vernahm er Schritte hinter sich – und als dann schließlich auch noch eine Stimme folgte, zuckte er vor Schreck zusammen.

»Es ist unfassbar traurig, was aus diesem Ort geworden ist.«

Er drehte sich um, und sah den Mann an, der sich hinter ihm befand. Das kann doch kein Zufall sein. Oder? Es dauerte ein paar Sekunden, bis er das realisiert hatte, was gerade geschehen war. Seine Gedanken verknüpften sich nur langsam miteinander, und es verging eine gefühlte Ewigkeit, bis er schließlich die passenden Worte gefunden hatte.

»Wir haben uns schon einmal gesehen. Vor vielen Jahren.«

Sein Gegenüber, ein dunkelhäutiger Mann, hob seine rechte Augenbraue.

»Das kann durchaus sein, ich treffe tagtäglich viele verschiedene Menschen. Was führt dich hier her?«

»Ich brauche Antworten, und habe das Gefühl, dass du der Einzige bist, der sie mir geben kann.«

Alejandro konnte sich in diesem Moment einfach nicht besser ausdrücken, und hoffte daher, dass der Mann ihn auch so verstehen würde.

»Antworten können schnell zu weiteren Fragen führen. Was möchtest du wissen?«

Alejandro überlegte kurz, und entschied sich dann aus dem Bauch heraus, alles zu erzählen, was in den vergangenen Tagen passiert war. Der Mann hörte aufmerksam zu und unterbrach ihn kein einziges Mal. Es fühlte sich gut an, sich alles von der Seele reden zu können. Die Worte sprudelten nahezu aus ihm heraus, und er verspürte währenddessen mehrmals das Gefühl, den Faden zu verlieren. Es strengte ihn enorm an, gegen die Müdigkeit zu kämpfen, und er spürte eine Welle der Erleichterung über sich brechen, als er mit seiner Erzählung geendet hatte.

»Es ist wirklich interessant, dass du deswegen gerade mich aufsuchst. Ich meine, die Wahrscheinlichkeit, dass ich dir wirklich helfen kann, ist ja verdammt gering.«

Der Mann legte eine kurze Pause ein und sprach dann weiter.

»Doch in diesem Fall kann ich das tatsächlich.«

Alejandro wurde plötzlich hellhörig. Mit einer solchen Wendung hatte er nicht mehr gerechnet – nein, während der vergangenen Minuten und auch Stunden hatte er überlegt, auf welcher Grundlage er diese Reise überhaupt angetreten hatte. Dass es jetzt scheinbar doch einen Weg gab, an weitere Informationen zu kommen, da der Mann offenbar welche besaß, war durchaus als glückliche Fügung des Schicksals zu bezeichnen.

»Vorher muss ich mir allerdings das ansehen, was du mitgebracht hast. Wenn du mich in deinem Auto mitnimmst, könnten wir uns deine Entdeckung in meinem Labor anschauen.«

Alejandro zögerte, allerdings nur sehr kurz, und nickte schließlich.

»Wie weit müssen wir fahren?«

»Fünf Minuten.«

Eine längere Fahrt hätte er in seinem Zustand nicht mehr antreten können, doch besagte fünf Minuten traute er sich definitiv noch zu. Er begab sich zu seinem Auto und startete den Motor, als der mysteriöse Mann auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte. Während der kurzen Fahrt sprachen sie nicht viel miteinander, was vermutlich auch daran lag, dass Alejandro direkt nach dem Ausparken das Radio auf laut gestellt hatte. Die Lichter der Stadt verschwammen vor seinen Augen und die dunklen Gassen, die sich abseits der Hauptstraße befanden, wirkten wie die Schlünde gigantischer Monster. Die fünf Minuten zogen sich wie Kaugummi, und nachdem sie schließlich eine enge Seitenstraße passiert hatten und sich direkt neben dem Gelände einer heruntergekommenen, leerstehenden Autowerkstatt befanden, wies sein Beifahrer ihn dazu an, den Motor abzustellen. Alejandro tat das, öffnete die Tür, und trat ins Freie. Die Atmosphäre um ihn herum war absolut gespenstisch. Die Stadt scheint hier wirklich zu schlafen. Aus allen Richtungen drangen leise Geräusche an sein Ohr, meist handelte es sich allerdings um den Wind, der durch die Gassen fegte und an Außenrollos und Dielenbrettern rüttelte. Selbst der Zaun, der sich direkt neben ihm befand und die Seitenstraße vom Gelände der Autowerkstatt trennte, wackelte hin und her.

»Worauf wartest du? Komm mit.«

Erst, als die Worte des Mannes, der längst ausgestiegen war, zu ihm drangen, merkte er, dass er tief in seine Gedanken versunken war. Er hob seinen Kopf, und sah, dass sich sein Beifahrer bereits ein paar Schritte vom Fahrzeug entfernt und in Richtung der Autowerkstatt begeben hatte. Alejandro folgte ihm. Durch eine Lücke im Zaun gelangten sie schließlich auf das Gelände, auf dem sich an der hinteren Seite zwei Garagen befanden. Das Rolltor war von Moos und Dreck überzogen, und auch die verschmutzte und in die Jahre gekommene Außenfassade ließ darauf schließen, dass hier schon seit langer Zeit kein Auto mehr vorgefahren war. Der Mann verharrte vor der Garage, kramte einen Schlüssel aus seiner Hosentasche heraus und öffnete einen Kasten, in dem sich ein elektronisches Bedienfeld befand. Er tippte einen sechsstelligen Code ein, woraufhin sich die Garage langsam öffnete. Mit einem leisen Quietschen fuhr das Rolltor in die Höhe – und offenbarte langsam den beleuchteten Raum, der sich dahinter befand. Alejandro kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Von außen betrachtet hatte die Garage einen relativ unscheinbaren Anblick abgegeben, doch das hatte sich just in dem Moment geändert, in dem das Rolltor hochgefahren war. Er hätte den Raum allerdings nie als Labor bezeichnet, da das schlichtweg nicht zutraf. Die Art von technischem Equipment, die sich im Inneren befand, war ihm bislang absolut unbekannt. Als er seinen Blick schließlich weiter schweifen ließ, entdeckte er den Grund dafür, dass die Garage beleuchtet war. Hinter einer Glasscheibe, in unmittelbarer Nähe eines Tisches, befand sich ein Junge mit einem Overall und einer Schutzbrille auf der Nase. Eine Maske verdeckte den unteren Teil seines Gesichts, und die Tatsache, dass er seinen Blick fast schon starr auf den Tisch vor sich gerichtet hatte, verriet wohl, dass er gerade an etwas arbeitete. Ein paar Sekunden später hob er jedoch bereits seinen Kopf, verließ seine Position hinter der Glasscheibe und schritt auf Alejandro zu. Etwa zeitgleich klingelte das Telefon des Mannes, der sich weiterhin neben ihm befand.

»Bin gleich wieder da«, sagte dieser bloß knapp, verließ die Garage und trat nach draußen.

»Hey.«

Alejandro drehte sich zu dem Jungen um, der sich nun direkt vor ihm befand und ihm seine Hand entgegenstreckte. Er hatte Maske und Schutzbrille abgenommen, was Alejandro einen Blick in seine Augen ermöglichte. Das Lächeln, welches der Junge, der vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt sein mochte, im Gesicht trug, war fast schon ansteckend. Seine Zähne waren schneeweiß, jedoch hinter einer Zahnspange versteckt.

»Ich bin Finley, du kannst mich aber auch gerne Fin nennen. Ich arbeite hier für Ezra im Labor. Und wer bist du?«

Alejandro fühlte sich von der Freundlichkeit und Offenheit des Jungen ein wenig überrumpelt, und wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Immerhin hatte er jetzt mal den Namen seines Begleiters erfahren - wobei er einzig und allein mit dieser Tatsache natürlich auch nichts anfangen konnte.

»Ich bin Alejandro«, murmelte daher, und wollte zunächst noch etwas hinterherschieben, ließ das dann aber doch sein.

»Freut mich, Alejandro. Herzlich willkommen in unserem Labor.«

Alejandro schüttelte nun die Hand des Jungen und sah ihm dabei in die eisblauen, fast schon glänzenden Augen.

»Wie alt bist du?«

»Fünfzehn«, antwortete Finley und bestätigte damit das, was Alejandro sich bereits gedacht hatte.

»Fünfzehn Jahre? Damit bist du aber doch ein paar Jahre zu jung dazu, um diese Uhrzeit in einem Labor zu arbeiten.«

»Es macht mir viel Spaß und noch dazu bin ich dazu verpflichtet, diese Arbeit einzugehen - aufgrund meiner Begabung.«

»Was für eine Begabung hast du?«

»Ich bin hochintelligent. Das soll jetzt keineswegs selbstverliebt oder arrogant klingen, aber so sagen das eben die Zahlen. Mein IQ ist mit einhundertfünfunddreißig wohl deutlich über dem Durchschnitt, was sowohl Fluch, als auch Segen ist.«

Die Stimme des Jungen wurde mit seinen letzten Worten fast ein wenig traurig.

»Ich muss jetzt langsam wirklich nach Hause. Wenn du möchtest, können wir uns morgen früh treffen und über das sprechen, was hier vor sich geht.«

Alejandro war über die schnelle Wendung des Gespräches durchaus erstaunt. Er möchte mir direkt alles verraten? Das kann doch nicht nach Ezras Willen sein. Oder? So ganz konnte er sich das Verhalten des Jungen nicht erklären, er spürte aber, dass er ihm vertrauen konnte, und hörte diesbezüglich auf sein Bauchgefühl.

»Das können wir gerne machen.«

»Super. Um sieben Uhr im Caffetto Coffee House? Das befindet sich an der Lyndal Ave, etwas außerhalb vom Stadtkern.«

»Alles klar. Ich werde da sein.«

Alejandro wusste nicht, warum er direkt einwilligte, und schob das daher auf seinen derzeitigen Zustand. Da es schon weit nach Mitternacht war, würde er in dieser Nacht, wenn überhaupt, nur wenig Schlaf finden. Das war für ihn jedoch okay, da es momentan definitiv wichtigere Dinge gab - wozu eben auch das Gespräch mit dem Jungen zählte, der viel zu wissen schien. Alejandro beobachtete Finley dabei, wie dieser den Overall ablegte und sich eine dünne Jacke, die in der Nähe an einem Haken hing, überzog.

»Wir sehen uns dann in ein paar Stunden.«

Mit diesen Worten verließ Finley die Garage und trat hinaus. Von Ezra war weder etwas zu sehen, noch zu hören - was Alejandro vermuten ließ, dass dieser noch immer telefonierte, sich allerdings außer Hör- und Sichtweite befand. Diesen Umstand nutzte er dazu aus, sich näher in dem Labor umzusehen. Es zog ihn zunächst hinter die Glasscheibe, an den Ort, an dem sich Finley noch bis vor kurzer Zeit befunden hatte. Ein leicht süßlicher Duft, vermutlich eine Mischung aus Schweiß und Deo, lag dort noch immer in der Luft. Die Glasscheibe trennte eine Arbeitsfläche vom Rest der Garage, und auf selbiger war es zwar voll, jedoch keineswegs chaotisch. Alles schien hier auf eine gewisse Art und Weise geordnet zu sein, und die vielen Gerätschaften, die dort lagen, waren vor wenigen Minuten erst noch benutzt worden. Dennoch wurde Alejandro aus dem, was er dort gefunden hatte, nicht wirklich schlau. Gerade, als er seinen Rundgang fortsetzen wollte, hörte er, wie jemand durch das zur Hälfte heruntergelassene Rolltor ins Innere trat. Es handelte sich um Ezra. Alejandro zuckte zusammen, da er den Mann absolut nicht kommen gehört hatte - als er jedoch zur Kenntnis nahm, dass Ezra keine Anstalten machte, ihn von seinem Rundgang abzuhalten, entspannte er sich wieder ein bisschen.

»Dann kann ich dich jetzt wohl im Team willkommen heißen, was Finley ja bereits getan hat. Er ist ein toller Junge und erledigt seinen Job wirklich absolut gewissenhaft. Mein Name ist, wie du von ihm bereits erfahren hast, Ezra. Finley ist zeitgleich mein Laborant und Sekretär. Er kümmert sich um alles, was nebenbei anfällt, da er einfach ein unfassbar gutes Auge für die wesentlichen Dinge hat.«

»Danke, ich fühle mich wirklich geehrt«, murmelte Alejandro, der noch keine Ahnung hatte, was ihn nun erwarten würde.

»Aber der Junge ist erst fünfzehn. Er gehört auf die Schulbank.« »Er hat seinen Abschluss bereits hinter sich gebracht und war schon letztes Jahr bereit dazu, den ersten Schritt in die Welt der Arbeit zu setzen. Seitdem ist er bei mir, oder besser gesagt, bei der Regierung, angestellt.«

»Ihr arbeitet für die Regierung?«

Ezra nickte.

»Ja. Näheres dazu wird dir Finley morgen erklären. Oder besser gesagt: in vier Stunden. Ich kann dir für die heutige Nacht einen Platz auf der Couch anbieten, für morgen kannst du dann in aller Ruhe nach einer Unterkunft suchen.«

Seine Worte glichen einem Segen, weshalb Alejandro nickend zustimmte. Die Fahrt am heutigen Tage hatte ihn enorm geschlaucht, und er hatte schon vor Stunden das Bedürfnis verspürt, sich schlafen zu legen - das war in den vergangenen Minuten zwar ein wenig in den Hintergrund gerückt, jedoch dauerhaft präsent gewesen.

»Danke, ich würde das Angebot gerne annehmen.«

Er gähnte, und unterstrich damit seine Müdigkeit.

»Super. Ich hoffe, Finley kann dich am kommenden Morgen von uns, unseren Absichten und Zielen überzeugen.«

»Wie kommt es, dass ihr mich direkt im Team haben wollt?«, fragte Alejandro, den die Schnelligkeit des Ganzen ein wenig verunsichert hatte.

»Du hast mich mit deiner Geschichte voll und ganz überzeugt. Wir werden uns morgen das, was du mitgebracht hast, näher ansehen. Wenn es sich wirklich um das Gehirn eines der Wesen handelt, dann markiert diese Entdeckung den größten Fortschritt, den unsere Forschung seit Beginn gemacht hat.«

Alejandro nahm das einfach zur Kenntnis und nickte. Er hätte sich bestimmt noch stundenlang mit dem Mann unterhalten können, verschob das jedoch auf den kommenden Tag. Er würde die wenige Zeit, die ihm in dieser Nacht noch blieb, einzig und allein zum Schlafen nutzen, und er hoffte, dass Ezra ihn