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Eine junge Frau liegt erdrosselt auf dem Parkplatz in der Nähe des Oestricher Krans. Das Motiv für den Mord ist für Bianca Bonnét und Michael Verskoff ein großes Rätsel, denn man hat Sophia Wieselburger weder vergewaltigt noch wurde etwas gestohlen. Wer hat die bei allen Menschen beliebte Cafébesitzerin getötet? Weitere Morde geschehen, die anscheinend in keinem Zusammenhang stehen. Je mehr Einzelheiten ans Tageslicht kommen, desto verwirrender wird das Ganze und am Ende geraten Bianca, Michael und ihr neuer Kollege Benedikt selbst in große Gefahr. Werden sie den komplizierten Fall lösen können? Folgen Sie den Kommissaren in eine Welt aus Liebe, Hass und Tod.
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Seitenzahl: 301
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ute Dombrowski
Ganz für mich allein
Fall 3
Dieses ebook wurde erstellt bei
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Impressum neobooks
Ganz für mich allein
Ute Dombrowski
1. Auflage 2017
Copyright © 2017 Ute Dombrowski
Umschlag: Ute Dombrowski
Lektorat/Korrektorat Julia Dillenberger-Ochs
Satz: Ute Dombrowski
Verlag: Ute Dombrowski Niedertiefenbach
Druck: epubli
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und Selbstverlegers unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
„Und manche, so da lächeln, fürcht ich, tragen im Herzen tausend Unheil.“
William Shakespeare
Julius Cäsar, 4. Aufzug, 1. Szene, Octavius
Er sah die junge Frau auf der anderen Straßenseite den Gehweg betreten. Sie zog den Mantel vor ihrer Brust enger zusammen und schaute nach links und rechts. Dann lief sie los. Kurze Zeit später verließ sie die hell erleuchtete Hauptstraße und verschwand in der Dunkelheit der engen Gasse, die zum Rhein führte. Es war kurz vor Mitternacht. Er hatte lange dort gestanden und hoffte, dass sie endlich aus dem Haus kommen würde. Nun atmete er auf.
Er drückte sich mit der Schulter an der Mauer ab, wo er im Schatten des Torbogens gewartet hatte, zog sich die große Kapuze über das Gesicht und folgte der Frau schnellen Schrittes, ganz leise und unbemerkt. Seine Augen waren mit einer weißen Maske bedeckt. Leichter Nieselregen machte den Abend im Januar ungemütlich. Die Absätze der Frau klapperten laut auf dem Pflaster. Die Temperatur lag knapp über Null, ein unangenehmer Wind zerrte an ihrem Mantel.
Jetzt war sie stehengeblieben und sah sich ängstlich um, als hätte sie ein Geräusch wahrgenommen. Rasch presste sich der Mann mit der schwarzen Kleidung an die Mauer. Die Frau zuckte mit den Schultern, schüttelte den Kopf und lief weiter.
Als sie die Umrisse des alten Oestricher Krans vor sich sah, bog sie nach rechts auf den Parkplatz ab, wo sie auf ihr Auto zuging. Sie hatte es wie immer heute früh hier abgestellt, weil es der einzige Ort war, wo man kostenlos parken konnte. Im Ortskern nach einem Parkplatz zu suchen, war ihr auf die Nerven gegangen und so genoss sie bei schönem Wetter den kleinen Fußmarsch durch die romantischen Gassen des Ortes. Heute allerdings hätte sie das Auto gerne in der Nähe ihres kleinen Cafés gehabt.
Sie hatte noch aufgeräumt, nachdem Günther, der letzte Gast, den warmen Raum verlassen hatte.
„Bis morgen, Mädchen. Gute Nacht. Lass dich nicht wegfangen.“
„Ach was!“, hatte sie ihm hinterhergerufen und abgewinkt.
Sie holte das Geld aus der Kasse, rechnete ab und schloss alles im Tresor ein. Sie hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, das Geld nicht im Dunkeln zur Bank zu tragen, sondern tat das stets vor der Arbeit am kommenden Mittag.
Das kleine Café öffnete um zwölf Uhr und schloss meistens schon um acht. Heute hatte es einen Gitarristen gegeben, der wunderbare, melancholische Klänge durch den Raum schwingen ließ. Er war nach der fünften Tasse Cappuccino und drei Laugenbretzeln genauso schweigend gegangen wie er mit fliegenden Fingern völlig in sich gekehrt seiner Gitarre die Melodien entlockt hatte. Die eigenartige Stimmung hatte sich auch auf die Gäste übertragen, die ihr Café bis zum letzten Platz gefüllt hatten. Niemand hatte gesprochen, selbst die Tassen flüsterten nur leise mit Löffel und Teller. Nachdem die junge Frau die Tische abgeräumt und abgewischt hatte, setzte sie sich noch kurz an die kleine Theke und streckte die Füße aus.
Vor zwei Stunden war auch das Licht im gegenüberliegenden Taschenladen ausgegangen und die Inhaberin, die jetzt noch einmal nach dem Rechten sah, winkte ihr durch die Scheibe freundlich zu, als sie zu ihrem Auto eilte.
Zitternd durchsuchte sie ihre Handtasche nach dem Autoschlüssel, denn sie wollte schnell in ihre warme Stube im Weingut ihrer Eltern nach Eltville zurückfahren. Als er nirgends zu finden war, breiteten sich die Unruhe und das Unbehagen rasch in ihrem ganzen Körper aus.
Plötzlich legte sich eine Hand von hinten auf ihren Mund, irgendetwas drückte auf ihren Kehlkopf und ehe sie schreien konnte, wurde ihr die Luft abgeschnitten. Sie begann um sich zu schlagen, aber die Schlinge um ihren Hals zog sich unerbittlich enger.
Der Mann mit der weißen Maske hatte die Frau gegen das Auto geschoben und stemmte sich mit ganzer Kraft gegen sie. Ihre Abwehr wurde schwächer und als er spürte, wie sie in sich zusammensackte, ließ er sie vor ihrem Auto zu Boden sinken. Er zog noch eine Weile an dem Seil, das er extra für diesen Moment gekauft hatte, um sicher zu gehen, dass sie nicht wieder zu sich kommen würde.
Bevor er ging, fühlte er an ihrem Hals nach dem Puls. Nichts regte sich. Das Leben hatte die Frau verlassen. Der Mann atmete auf, zog sich die Maske vom Gesicht und steckte das Seil ein.
„Nummer eins“, flüsterte er erleichtert und eilte durch die Dunkelheit davon.
Michael Verskoff brummte ein mürrisches „Guten Morgen“ in die kleine Runde, die sich auf dem Parkplatz am Oestricher Kran eingefunden hatte. Die Kollegen hatten den Bereich weiträumig abgesperrt. Von der Bundesstraße am Rheinufer brandete der Lärm des Berufsverkehrs herüber. Blaulicht durchschnitt die Dunkelheit und wütend hupende Autofahrer fuhren am Parkplatz vorbei. Sie kamen jeden Morgen hierher und stellten ihre Fahrzeuge ab, um entweder im Ort zu arbeiten oder als Pendler umzusteigen. Heute war das nicht möglich.
„Was ist passiert?“, fragte Michael Jürgen von der Spurensicherung, der schweigend und routiniert seine Arbeit tat.
„Siehst du doch. Oder denkst du, die Dame hält hier ein Schläfchen? Wo ist denn deine Dame? Und vor allem, wo ist der junge Mitarbeiter?“
Michael achtete nicht weiter auf seinen Kollegen und trat an die Leiche heran. Die Frau war jung und hübsch, aber ihre schönen Gesichtszüge waren qualvoll verzerrt. Sie lag auf dem Rücken und man sah deutlich die Strangulationsmale am schlanken Hals. Sie trug einen hellen Mantel und elegante Schuhe. Ihre Handtasche stand neben ihr und der Inhalt war um sie herum verstreut.
Michael seufzte. Frauenhandtasche - eine eigene Welt, dachte er. Wenn er sah, was seine Freundin und Kollegin Bianca so alles in ihrer Handtasche mit sich herumtrug, hatte er schon oft den Kopf geschüttelt. Auf seine Frage, was sie mit dem ganzen Zeug wolle, hatte sie gegrinst und erklärt, dass das die Dinge seien, die eine Frau immer brauche.
„Ich habe keine Ahnung, wo Benedikt sich schon wieder herumtreibt. Sein Handy ist aus. Fehlt etwas?“, fragte er nach hinten.
Jürgen schüttelte den Kopf.
„Es ist alles da: Ausweis, Geld, alles. Es war kein Raubmord. Sie heißt Sophia Wieselburger, dreißig Jahre alt, wohnt in Eltville. Der Täter hat sie erdrosselt.“
„Du weißt also bereits, dass es ein Täter war. Na fein, hast du auch schon seine Adresse?“
„Mein lieber Kollege, wenn ich dich nicht so gut kennen würde, würde ich denken, dass du ein richtig fieser Typ bist, aber ich kombiniere mal: Bianca ist nicht da und du hast deshalb so schlechte Laune.“
Der Kommissar nickte und grinste. Er war unrasiert, die blonden, kurzen Haare standen in alle Richtungen, er hatte dasselbe Hemd an wie am Vortag und sich in den letzten zwei Tagen von Fastfood und Kaffee ernährt.
„Entschuldige, aber du hast recht. Bianca ist auf dem Lehrgang. Sie soll schließlich meine Vorgesetzte werden.“
„Wie geht es dir damit? Schon blöd, dass ihr wegen eurer Beziehung als Team auseinandergerissen werdet. Aber vielleicht ist es auch besser so.“
„Ich weiß nicht, was ich denken soll. Wir waren immer ein gutes Team und hatten viel Erfolg. Aber der Chef meint nun mal, dass es ordentlicher ist. Ich bin mir nicht sicher, ob es mir gefällt, wenn sie meine Chefin ist. Sie ist ziemlich streng.“
Die Männer lachten, was im Moment so gar nicht zur Situation passte und es entging ihnen nicht, dass die ältere Frau, die die Tote gefunden hatte, den Kopf schüttelte und ungehalten fragte, ob sie gehen dürfe.
Michael trat zu ihr und sagte neutral: „Natürlich dürfen Sie nicht gehen. Ich bin Kommissar Verskoff. Wer sind Sie und wie haben Sie die Tote gefunden?“
„Ich dachte immer, dass die Polizisten freundlich mit den Mitbürgern, die ihre Steuer zahlen, umgehen und ich hoffe, dass Sie eine unrühmliche Ausnahme sind. Ich bin Johanna Bilkrat. Ich stelle mein Auto hier ab, wenn ich zur Arbeit komme. Dann laufe ich das letzte Stück. Sie sehen ja, dass hier noch nicht viel los ist. Ich habe gleich gewusst, dass etwas nicht stimmt. Und da lag sie dann. Die arme Sophia. So eine nette Person.“
Sie maß Michael mit einem Blick, der deutlich sagte, dass er nicht zu den netten Personen zählte.
„Wo arbeiten Sie denn? Ich würde denken, sie …“
„… sind schon zu alt dafür? Unverschämt. Es geht sie zwar nichts an, aber ich habe keine riesige Beamtenpension und verdiene mir morgens etwas mit Putzen dazu. Ich reinige hier alle Arztpraxen.“
„Woher kennen Sie die Tote?“
„Sie betreibt ein kleines Café am Markt. Gestern war Musik dort.“
Michael wollte etwas sagen, aber er schüttelte den Kopf. Mit einem unfreundlichen Knurren schickte er die Frau, deren Daten Jürgen bereits notiert hatte, nach Hause. Wütend rauschte Johanna Bilkrat davon.
Der Spurensicherer hatte grinsend zugehört.
„Dann hoffe ich, dass Bianca bald zurück ist. Du bist sehr unsensibel.“
„Ich gehe mal und suche das Café.“
Michael machte sich auf den Weg. Jürgen hatte recht, aber er fühlte sich sehr einsam und irgendwie unvollständig, wenn Bianca und er nicht zusammen sein konnten. Noch drei Tage, dachte er und lächelte.
Das Café mit dem klangvollen Namen „Sophias Melodie“ lag an einem kleinen Marktplatz, der zum Parkplatz umfunktioniert worden war. Schon um diese unfreundliche Uhrzeit war alles voller Autos. Sicher gehörten sie den Anwohnern und Geschäftsleuten, die hier in den kleinen Orten im Rheingau vom Tourismus und der Winzerkultur lebten. Vor dem Taschenladen gegenüber saß eine Frau auf einer Bank und rauchte. Neben ihr auf dem kleinen Tisch stand eine Tasse Kaffee. Sie hatte eine unförmige Strickjacke um sich geschlungen und schaute müde unter dem wirren blonden Haar hervor. Argwöhnisch beäugte sie Michael, der versuchte, durch die Scheiben des Cafés ins Innere zu sehen.
„Was machen Sie da?“
Michael drehte sich um und kam zu ihr herüber. Er grüßte kurz und setzte sich auf den freien Platz. Nachdem er in die Innentasche seiner Jacke gefasst hatte, präsentierte er der Frau seinen Dienstausweis.
„Ach du Schande, Kripo. Ist etwas passiert?“
„Sie sind?“
„Dorothee Enzmacher. Ich bin die Besitzerin des Taschenladens. Jetzt sagen Sie schon! Was ist denn los?“
Michael fröstelte und fragte sachlich: „Kennen Sie die Besitzerin des Cafés?“
„Sophia? Ja, natürlich kenne ich sie. Wir sind Nachbarn und fast schon Freundinnen. Oh nein!“
Sie schwieg und sah den Kommissar ängstlich an. Ein leichtes Zittern durchlief ihren Körper.
„Was ist passiert?“, flüsterte sie nun voller Entsetzen.
„Frau Wieselburger ist heute Nacht Opfer eines Verbrechens geworden. Wir haben sie tot aufgefunden, auf dem Parkplatz am Rhein.“
Die Frau hatte zu weinen begonnen und schüttelte immer wieder den Kopf.
„Oh nein“, murmelte sie, „ich habe ihr ständig gesagt, dass sie hier einen Parkplatz anmieten soll, damit sie im Dunkeln nicht mehr durch die Gegend laufen muss. Oh, wie fruchtbar! Wer tut so etwas? Sie ist ein Engel und hat doch keine Reichtümer! Nicht einmal die Einnahmen hatte sie dabei. Die bringt sie immer erst mittags zur Bank.“
„Es wurde wahrscheinlich nichts gestohlen, also muss es einen anderen Grund geben.“
„Aber … aber … sie wurde doch hoffentlich nicht noch … ähm … missbraucht?“
„Darüber darf ich Ihnen nichts sagen. Ich hätte noch einige Fragen, aber können wir nicht irgendwo hineingehen?“
Dorothee stand auf und nahm Michael mit in das warme Geschäft. Dort ging sie in den hinteren Bereich, wo sich anscheinend die Werkstatt befand, schaltete das Licht ein und brachte ihm unaufgefordert eine Tasse Kaffee mit. Michael hatte sich auf einen Sessel gesetzt und ließ seine Blicke an einem Bücherregal entlangwandern. Es war schon eine Ewigkeit her, dass er mal ein Buch gelesen hatte, so lange, dass er sich nicht mal mehr an den Titel erinnerte. Außerdem fragte er sich, was ein Bücherregal in einem Taschengeschäft zu suchen hatte.
Dorothee folgte seinem Blick und setzte sich auf den breiten Rand des Regals. Ein Lächeln saß in ihren Augenwinkeln.
„Ich liebe Bücher. Sie enthalten mehr Leben als die Realität. Sie öffnen neue Welten und bringen mich an den Rand menschlicher Abgründe. Ich lese oft hier und auch so manche Kundin, wenn sie darauf wartet, dass ich ihre Tasche repariere. Lesen Sie?“
Michael schüttelte den Kopf und nippte an dem heißen, schwarzen Getränk. Sogleich fühlte er sich wohlig warm.
„Frau Enzmacher, wer könnte einen Grund haben, Frau Wieselburger zu töten? Hatte sie Feinde? Neider? Ex-Männer?“
„Niemand hatte einen Grund! Sophia ist eine ganz liebe Person. Sie ist immer nett und freundlich und wenn einer zu wenig Geld hatte, hat sie ihm auch schon mal einen Kaffee ausgegeben. Ich sage doch: Sie ist ein Engel.“
Sie schwiegen eine Weile. Dann schluchzte Dorothee plötzlich los.
„Ihre armen Eltern! Sie lebt bei ihnen auf dem Weingut und kümmert sich rührend um die beiden. Wissen die schon Bescheid?“
Michael schüttelte den Kopf.
„Ich fahre gleich zu ihnen. Hatte Sophia einen Freund? Oder einen Mann?“
„Ich glaube, im Moment ist sie alleine. Irgendwann hatte sie mal einen Freund, einen richtig hübschen mit toller Ausstrahlung. Er saß manchmal bei ihr im Café und hat sie oft abgeholt, aber eines Tages kam er nicht mehr. Das ist schon ein oder zwei Jahre her.“
„Danke, Frau Enzmacher, auch für den Kaffee. Den hatte ich echt nötig. Hier ist meine Karte. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich bitte an, auch wenn es Ihnen unwichtig scheint. Eine Frage noch: Sind Sophias Eltern gesund und fit?“
„Sie werden es verkraften, das meinen Sie doch, oder?“
Michael nickte und verabschiedete sich. Jürgen war noch beim Sichern der Spuren, ein weiterer Streifenwagen stand an der Straße und sperrte den Bereich jetzt komplett ab. Es wurde langsam hell und Michael schaute den Rücklichtern des Leichenwagens, der eben fortgefahren war, hinterher.
Bianca Bonnét gähnte herzhaft, als sie das Haus verließ. Es war später Nachmittag und die Dunkelheit lauerte zwischen den Autos auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude der Polizeischule. Als ihr Vorgesetzter sie vor einem halben Jahr in sein Büro gerufen und ihr verkündet hatte, dass sie wegen ihrer Beziehung besser nicht mehr mit Michael arbeiten sollte, dachte sie, er würde sie versetzen. Ihre Überraschung war groß, als er sie als seine zukünftige Nachfolgerin auf einen mehrteiligen Lehrgang schickte.
Am Abend war Bianca beim Essen damit herausgerückt und Michael hatte sie angestarrt.
„Du wirst meine Chefin?“
Bianca hatte genickt und sich auf die Unterlippe gebissen.
„Okay“, hatte Michael nach einer Weile gesagt. „Schön, ich glaube, du kannst das.“
In seinem Kopf war ein Gedanke aufgekommen, der sich gut anfühlte: Wenn Bianca im Büro saß, wäre sie nicht mehr den Belastungen und Gefahren der Straße ausgesetzt. Er fühlte eine tiefe Liebe zu ihr, die aber immer mit einer unbestimmten Angst einherging.
„Ich mag gar nicht im Büro hocken!“, hörte er wie aus weiter Ferne Biancas Stimme. „Ich will lieber im Außendienst Fälle lösen und nicht irgendwelchen Schreibkram erledigen.“
„Schatz, du wirst sicher manchmal mit rauskommen. Aber sieh es doch mal so: Wenn sie dich versetzen würden, könnten wir uns kaum sehen, denn niemand würde auf unser Leben Rücksicht nehmen, schon gar nicht der Dienstplan. Wer weiß, wofür es gut ist.“
Bianca hatte sich daraufhin beruhigt in die Arbeit gestürzt. Viele von Michaels Kollegen hatten gestichelt und irgendwann war ihm die Idee gekommen, dass er sich bald Biancas Anweisungen unterwerfen musste, auch wenn sie ihm nicht in den Kram passten. Seit Nele weg war, wehte ein scharfer Wind, denn die Polizei und die Staatsanwaltschaft mussten ihren guten Ruf wiederherstellen. Es hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, dass die schöne Staatsanwältin die Rächerin der Schwachen gewesen war. Viele Leute hatten applaudiert, aber man hatte auch die Nase gerümpft und gefragt, wie es sein könne, dass die, die das Recht vertraten, sich nicht an die Regeln hielten.
Nele saß nun im Gefängnis und würde nie wieder herauskommen. Bianca seufzte, sie konnte die Beweggründe gut nachvollziehen, aber sie mussten sich nun mal ans Gesetz halten, da konnte man nicht einfach losgehen und morden. Sie hatte sich vorgenommen, sich in ihrer baldigen Position als Leiterin der Dienststelle noch mehr anzustrengen, Verbrechen zu bekämpfen. Mit Michael wusste sie einen fähigen und unermüdlichen Kommissar hinter sich.
Jetzt war Bianca am Auto angekommen und rief ihn an.
„Hallo, mein Liebster, ich sitze hinter dem Steuer und komme gleich heim. Hast du mich vermisst?“
„Süße, du fehlst mir so sehr! Wie gut, dass der Kram bald vorbei ist. Ich bin kein Mensch ohne dich. Komm schnell, ich habe gekocht. Ich liebe dich.“
„Ich dich auch.“
Sie legte auf, startete den Motor und schaltete das Licht ein. Während ihr Blick die Ausfahrt suchte, klopfte es an die Scheibe ihres Wagens. Erschrocken wandte Bianca den Kopf zur Seite und schaute in die sanften Augen eines gutaussehenden Mannes. Sie ließ die Scheibe einen Zentimeter hinunter.
„Ja bitte?“
„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken, aber bei Ihnen brennt nur eine Rückleuchte.“
„Oh danke, das muss neu sein. Ich werde mich morgen sofort darum kümmern.“
„Nichts zu danken“, sagte der Mann mit einem gewinnenden Lächeln und verschwand in der Dunkelheit.
Bianca atmete auf und fuhr heim zu Michael, der sie schon sehnsüchtig erwartete. An der Tür küsste er sie innig und nahm ihr den Mantel ab.
„Wie wars?“
„Paragraphen werden mich durch meine Träume verfolgen. Ansonsten ging es. Wieder eine Woche rum, noch dreimal, mein Süßer, dann ist es vorbei.“
„Es ist immer schrecklich, wenn du einmal im Monat für eine ganze Woche weg bist.“
„Jetzt bin ich ja zuhause. Und du musst morgen mal nach meinem Rücklicht sehen. Ich hatte eben beinahe einen Herzinfarkt. Ich wollte gerade noch schauen, wo der Ausgang von diesem riesigen Parkplatz ist, da klopft ein Typ an meine Scheibe. So im Dunkeln war das sehr unangenehm. Man weiß ja, was da alles passieren kann.“
„Ja, wir arbeiten gerade an einem Fall, wo eine Frau auf dem Parkplatz in Oestrich erdrosselt wurde.“
Bianca lief es eiskalt über den Rücken, wenn sie an den Schrecken von vorhin dachte und ließ sich von Michael alles über den Fall berichten.
„Sie wurde nicht ausgeraubt und auch nicht missbraucht?“
„Nein, irgendwer hat diese nette junge Frau aus einem anderen Grund ermordet. Wir stehen noch ganz am Anfang. Die Eltern sind zusammengebrochen vor Schmerz. Es war schlimm. Wie sagt man den Eltern, dass ihr einziges Kind tot ist? Erwürgt von einem bösen Menschen …“
„Es gibt kein Rezept für so etwas. Das tut mir sehr leid, Michael. Ich wünschte, ich wäre bei dir gewesen.“
„Werde du mal eine gute Chefin, das reicht mir schon.“
Er küsste sie zärtlich und zog sie nach dem Essen auf die Couch, wo sie sich liebten. Bianca fühlte sich in Michaels Armen sicher und gab sich ihm ganz und gar hin.
Am nächsten Morgen saßen sie im Büro mit Jürgen und Michaels neuem Partner zusammen, um den Fall zu besprechen. Bilder des Opfers lagen auf dem Tisch und Jürgen hatte eben zusammengefasst, was er an Spuren gefunden hatte.
„Ich denke, die hatte was mit einem heißen Kerl, hat ihn abserviert, der war sauer und hat sich gerächt. Oder ein Ex ist aufgetaucht und hat sie erwischt und umgelegt.“
Bianca sah zu Benedikt Mayfardt, dem neuen Partner von Michael. Der blonde, sportliche Mann hatte vor zwei Wochen seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert, aber vom Erwachsensein war er noch weit entfernt. Allerdings hatte er einen guten Spürsinn und Michael hatte sein anfängliches Entsetzen über das spätpubertäre Verhalten seines neuen Kollegen abstellen können. Seine blauen Augen leuchteten stets und Bianca hatte so eine Ahnung, dass dieser schöne Mann wusste, wovon er sprach. Ständig redete er über die Damen, die sich ihm ganz zwanglos hingegeben hatten.
„Dann sei froh, dass du nicht der Typ warst, mit dem sie ihn betrogen hat“, sagte Bianca lachend.
„Warum?“, fragte Benedikt naiv.
Nun lachten auch Michael und Jürgen los, aber der junge Mann stand auf der Leitung.
„Na, wir haben ja noch keine männliche Leiche gefunden, die dazu gehört, also kann unser Kollege noch nicht ruhig schlafen“, brummte Jürgen gemütlich.
„So eine hübsche Frau“, sagte Bianca nachdenklich. „Wenn sie nicht ausgeraubt wurde, dann hat Benedikt vielleicht recht. Eine Beziehungstat. Wo wollt ihr anfangen?“
Michael plante: „Benedikt kann mal schauen, ob ihre Familie etwas über die Ex-Freunde weiß, ich rede nochmal mit der Frau vom Taschenladen und höre mich im Ort um. Man kannte sie dort recht gut. Vielleicht finde ich jemanden, der etwas beobachtet hat.“
Sie erhoben sich, die Männer verließen das Haus und Bianca meldete sich beim Chef, um sich mit Bürokram ärgern zu lassen.
An der Tür sagte Jürgen leise zu Michael: „Schade, dass sie nicht mehr mitmischt. Ich habe immer ihren siebten Sinn bewundert. Und unser Kleiner kann sie nicht ersetzen.“
Fabienne nahm die rote Rose, die vor ihrer Tür lag und warf sie in die Mülltonne. Ein leises Stöhnen drang durch ihre sanft geschwungenen, sinnlichen Lippen. Er hatte es schon wieder getan. Hörte das denn niemals auf? Seit Jahren verfolgte sie dieser Irre, schenkte ihr Blumen oder Pralinen, fotografierte sie heimlich oder lud sie ganz offensiv zum Essen ein, außerdem hatte er stündlich angerufen und brachte das Leben von Fabienne aus dem Gleichgewicht.
Vor einem Jahr hatte sie mit der Hilfe von Bianca ein Annäherungsverbot erwirkt, aber das schien ihm herzlich egal zu sein. Sicher hockte er gerade wieder irgendwo in einem Busch oder im Auto und ließ sie nicht aus den Augen.
Fabienne Chubrieux war eine aufregend schöne Frau. Sie tat alles dafür, um nicht aufzufallen, kleidete sich in matten Farben, band die langen kastanienbraunen Haare stets zu einem Knoten zusammen, schminkte sich nicht und bewegte sich leichtfüßig, fast tänzerisch. Es war ihr ganz und gar nicht bewusst, dass sie gerade deshalb den Menschen, die ihren Weg kreuzten, besonders ins Auge fiel. Ihre Natürlichkeit und Anmut waren etwas Besonderes und jeder, der einen Blick in ihre meerblauen Augen werfen durfte, fühlte sich magisch angezogen.
Schnell öffnete sie die Haustür und trat ein, danach drehte sie den Schlüssel im Schloss und atmete auf. Es war eine Weile ruhig gewesen und sie hatte schon begonnen sich sicher zu fühlen, aber nun war die Angst zurückgekommen. Missmutig ließ sie die Rollläden herunter und setzte sich mit angezogenen Füßen auf ihren Lieblingssessel.
Der Mann, der sie Tag für Tag belauerte, hatte angegeben, in sie verliebt zu sein. Fabienne wusste sogar, wer er war: Lars Grückbelt. Schon der Name war furchtbar. Er war fünfunddreißig Jahre alt und arbeitete als Lehrer in Geisenheim, wo er Weinbau-Technik unterrichtete. Sie waren sich bei einer Ausstellung in Wiesbaden begegnet und er war ihr sofort unsympathisch gewesen. Zuerst hatte er nur auf sie eingeredet, später hatte er versucht sie anzufassen und zu umarmen. Fabienne hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass er keinerlei Chancen bei ihr hatte.
Es war zu spät gewesen: Für Lars wurde Fabienne zum Nabel der Welt und das Ziel seines Lebens wurde es, ausdauernd und aufdringlich um sie zu werben. Gerade, als es besonders schrecklich war und sie ihre alte Freundin und Psychologin Cordelia Bückler aufsuchte, um sich beraten zu lassen, wie sie jemals wieder zur Ruhe kommen konnte, begegnete ihr Bianca Bonnét.
Cordelia hatte sie einander vorgestellt und erklärte, dass sie das schon seit längerer Zeit geplant hatte, denn auch Fabienne verfügte über einen siebten Sinn. Sie war wie Bianca hochsensibel und konnte Dinge spüren, ehe sie passierten, und sie konnte Stimmungen sofort erfassen. Die beiden Frauen hatten sich auf Anhieb gemocht und eine tiefe Freundschaft war entstanden. Bianca hatte sie bei ihrer Auseinandersetzung mit Lars unterstützt. Alles landete vor Gericht und dem Stalker wurde ein Annäherungsverbot ausgesprochen. Ihre neuen Geheimnummern hatte er immer direkt herausgefunden, aber das gab Fabienne später auf, denn sie war Künstlerin und stand in der Öffentlichkeit, da musste sie erreichbar sein.
Sie nahm ihr Handy und wählte Biancas Nummer. Diese meldete sich fröhlich.
„Hallo, meine Schöne! Ich bin vom Lehrgang zurück. Wie gut, dass du anrufst, wir müssen dringend mal wieder ausgehen.“
„Bianca, ich freue mich, aber nach Ausgehen ist mir nicht zumute. Als ich eben heimkam, lag schon wieder eine Rose vor der Tür. Ich bin bescheuert, weil ich Rosen hasse, oder? Sie können ja nichts dafür.“
„Oh, das tu mir leid. Bist du sicher, dass sie von ihm ist?“
„Von wem sonst sollte sie sein? Nur dieser Irre legt mir Rosen vor die Tür.“
„Es ist gut, dass du mir das gesagt hast. Ich werde mit Michael mal bei ihm vorbeischauen und ihm ein paar Takte erzählen. So ein dämlicher Typ! Aber ausgehen lenkt doch wunderbar ab, meine Süße. Komm, sei nicht so, nur zu einem netten Winzer, ein Glas Wein und dann reden.“
Fabienne gab nach und versprach, in einer Stunde bei Bianca zu sein. Sie lief ins Bad, zog sich danach um und ging durch die innere Tür in die Garage zu ihrem Auto. Sie setzte sich hinein, startete den Motor und fuhr mit der Fernbedienung das Rolltor nach oben, um dann rasant wegzufahren. Den schwarzen Wagen, der ihr einen Augenblick später folgte, nahm sie nicht wahr. Pünktlich klingelte sie an Biancas Tür und wurde herzlich empfangen.
Die Frauen machten sich auf in den Rheingau und ließen sich in einer kuscheligen Winzerstube nieder. Ein Kaminfeuer strahlte eine angenehme Wärme aus und die Wirtin brachte ihnen Wein und eine Schale Salzgebäck.
„Er hatte sich eine Weile zurückgehalten. Aber heute muss er an meiner Tür gewesen sein.“
„Vielleicht war er im Urlaub oder auf einer Dienstreise.“
„Na prima, er kann gerne eine Weltreise unternehmen.“
Die Frauen lachten und Bianca wechselte geschickt das Thema. Die Sache mit Lars war lange genug Hauptgesprächsstoff gewesen, aber es war zu belastend, immer und immer wieder die Frage nach dem WARUM zu erörtern. Lars liebte Fabienne und er bildete sich ein, dass sie ihn auch lieben müsse. Punkt. Wenn man ihm diese wahnsinnige Liebe herausschneiden könnte, hätte Bianca gerne die Rechnung für die Operation bezahlt.
Sie sprachen über Fabiennes nächste Ausstellung und über Biancas Lehrgang. Die junge Künstlerin entspannte sich sichtbar und so reagierte sie freundlich, als sie auf dem Weg zur Toilette mit einem attraktiven Mann zusammenstieß: Sie lachte ihn an und sein Herz machte einen Sprung.
„Na so ein Zufall“, sagte er danach zu Bianca, die allein am Tisch zurückgeblieben war und auf ihrem Handy tippte.
Sie sah auf und wusste sofort, dass es der Mann vom Parkplatz war, der sie auf das defekte Licht aufmerksam gemacht hatte.
„Die Welt ist manchmal sehr klein“, erwiderte sie höflich.
„Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?“
„Nein danke, das ist nicht nötig, meine Freundin ist nochmal auf der Toilette und danach brechen wir auf.“
„Schade. Dann warten wir eben auf den nächsten Zufall.“
Er drehte sich einfach um und ging davon. Bianca blickte ihm nach und fühlte sich unbehaglich. Irgendwas an diesem Mann war falsch, obwohl er sehr gut aussah und einen netten Eindruck machte.
„Wer war das denn?“, fragte Fabienne und starrte ihm fasziniert hinterher. „Kennst du ihn?“
„Keine Ahnung, wer er ist, aber wir sind uns letztens nach dem Lehrgang auf dem Parkplatz begegnet, wo er mich auf eine defekte Rückleuchte aufmerksam gemacht hat.“
„Schade“, seufzte Fabienne, „so ein schöner Mann. Aber du brauchst ja keinen anderen Mann, du hast Michael. Ich würde mich sehr gerne verlieben, aber dieser bescheuerte Lars hat mir alles verdorben.“
„Soll ich ihn wieder an den Tisch rufen?“, fragte Bianca lachend.
Fabienne winkte ab, dann zogen sie sich an und verließen die Weinstube. Draußen startete der schwarze Wagen und folgte ihnen bis zu Fabiennes Haus.
„Gute Nacht, schließ alles gut ab. Oder soll ich noch mitkommen?“
„Nein, lass mal, ich haue ihm eine rein, wenn er irgendwo herumlungert. Ich bin gerade in Stimmung. Gute Nacht.“
„Haben Sie schon Hinweise auf den Täter?“, fragte Dr. Hans-Martin Rosenschuh, der neue Staatsanwalt.
„Nein“, erklärte Michael und zuckte mit den Schultern.
„Und wann gedenken Sie mir ein paar Hinweise zu präsentieren?“
„Wenn ich welche habe“, knurrte der Kommissar.
Er mochte den Staatsanwalt nicht, denn der benahm sich eher wie ein Beamter vom Ordnungsamt. Ständig zitierte er Paragraphen oder Verordnungen. Anscheinend kannte er sie alle auswendig.
„Herr Verskoff, ich bitte mir ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit aus! Eine junge Frau ist tot und Sie brummen hier nur herum. Was wissen wir denn schon?“
Michael fasste das Wenige zusammen, was sie ermittelt hatten und beobachtete, wie das Gesicht seines Gegenübers immer düsterer wurde.
„Hatte sie nun einen Freund oder nicht?“, fragte Hans-Martin Rosenschuh aufgebracht.
„Benedikt hat die Eltern ausgefragt und ja, sie hatte vor über einem Jahr einen Freund, aber anscheinend war das eine ganz geheime Sache. Vielleicht war er verheiratet und die Tote wollte ihn nicht in Schwierigkeiten bringen.“
„Na gut, nein, natürlich nicht gut. Es ist bereits eine Woche her und Sie haben nichts, aber auch gar nichts. Der Chef hätte Sie vielleicht doch besser versetzen sollen.“
Mit einem süffisanten Lächeln drehte er sich um und verließ das Büro. Michael nahm die Akte und warf sie ihm hinterher. Der blaue Ordner klatschte gegen die Tür und fiel wie ein Stein zu Boden. Der Inhalt ergoss sich über den grauen Teppich. Michael seufzte, erhob sich und sammelte die Unterlagen wieder ein. Dann rief er Bianca an und erzählte ihr vom Auftritt des Staatsanwaltes.
„Mein armer Schatz, das tut mir leid. Es ist Mittag, komm, wir fahren irgendwo essen und überlegen, wer die junge Dame getötet haben könnte.“
Michael lächelte nun wieder, griff nach seiner Jacke und traf sich am Auto mit Bianca. Er schaute sich um, fühlte sich unbeobachtet und küsste sie liebevoll.
„So ein Arsch. Ich will Nele zurückhaben. Was bildet der sich ein? Denkt der, wir sitzen nur rum und drehen Däumchen?“
„Ja, genau das denkt er und im Falle von Benedikt hat er vielleicht recht? Wo ist der Typ schon wieder?“
„Ich habe keine Ahnung. Aber wenn er sich mal wieder blicken lässt, frage ich ihn.“
Lachend stiegen sie ein, fuhren an den Rhein und bestellten sich ein üppiges Mittagessen. Danach küsste Michael Bianca abermals und sie liefen ein Stück an Rheinufer entlang. Auf einer Bank setzten sie sich und unterhielten sich über den Fall. Gerade schaute die Sonne zwischen den Wolken hervor. Bianca sehnte sich nach dem Frühling und schmiegte sich an Michael.
„Dorothee hat gesagt, dass sie manchmal ein sehr attraktiver Mann abgeholt hat. Ob das der war, mit dem sie zusammen war? Wir vermuten, dass er verheiratet war.“
„Hm“, sagte Bianca, „wenn ich einen verheirateten Liebhaber hätte, würde ich ihm nicht erlauben, mich auf der Arbeit zu besuchen. Und dieser Mann würde sich mit mir auch nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Vielleicht gibt es einen zweiten Mann. Oder sie hat ihn aus einem anderen Grund nicht den Eltern und der Freundin vorgestellt. Gibt es eine Beschreibung?“
„Dunkle kurze Haare, braune oder blaue Augen, gepflegter Dreitagebart, sportlich und schlank, gut gekleidet. Aber so sehen viele Männer aus. Dorothee hat ihn nur aus der Ferne gesehen.“
Bianca lachte jetzt und sagte: „Deine Dorothee muss ich mir bei Gelegenheit mal ansehen. Sie scheint dich ja mächtig beeindruckt zu haben.“
„Süße, du bist doch nicht etwa eifersüchtig? Dorothee hat mir unaufgefordert einen Kaffee gemacht und dann versuchte sie mich zum Lesen zu bewegen, obwohl ihr Laden kein Buchladen ist. Sie liebt Bücher und flüchtet mit ihnen in ferne Welten. Ich glaube, ich wäre ihr als Mann viel zu real. Du musst keine Sorge haben, aber ich stelle sie dir gerne mal vor. Du kannst dann in ihre Seele schauen und findest heraus, was sie vorhat.“
„Ich bin gespannt. Aber eines ist richtig: Die Beschreibung passt auf viele Männer. Gerade der Bart ist aktuell absolut in Mode.“
„Soll ich meinen wieder wachsen lassen?“
„Nein, ich mag dich so, wie du bist. Glatt und sanft.“
Sie küsste Michael zärtlich auf die Wange. Dann fiel ihr etwas ein.
„Der Typ, der mich wegen des Lichtes angesprochen hatte, sah auch so aus. Wir haben ihn gestern Abend in der Winzerstube getroffen und er hat Fabienne gut gefallen. Wollen wir sie verkuppeln?“
„Ich glaube nicht, dass sich deine Freundin verkuppeln lässt. Aber dieser Mann … ähm … was hat er da gemacht?“
„Jetzt bist du eifersüchtig? Ich weiß nicht, was er dort gemacht hat, wir haben ihn erst entdeckt, als wir gehen wollten.“
„Wir sind dann wohl quitt: Dorothee gegen den schönen Unbekannten.“
Nach ihrer Rückkehr ins Büro saß dort Benedikt am Computer und starrte auf den Bildschirm.
„Kommt mal her, schnell!“, rief er, ohne seinen Blick von den Bildern zu lösen.
Bianca und Michael gingen um den Schreibtisch herum und sahen Benedikt über die Schulter. Er hatte ein Programm aufgerufen, mit dem man Phantombilder erstellen konnte. Bianca blickte in das Gesicht des schönen Unbekannten, auch wenn es vereinzelte Fehler enthielt. Sie war zusammengezuckt.
„Wer ist das?“
„Das ist der, der Sophia am Café abgeholt hat. Ich war in jedem Laden und habe an jeder verdammten Haustür geklingelt. Tatsächlich hat ihn ein älterer Herr genauer gesehen. Der Opa saß direkt an der Tür und als dieser Mann hereinkam, lächelte Sophia nach seinen Angaben total verliebt. Opa dachte sich: Die müssen ein Paar sein. Soll ich ihn herholen lassen oder willst du hin?“
„Er hat doch nicht rumgesessen und Däumchen gedreht, sondern gearbeitet“, sagte Bianca. „Erstaunlich.“
Michael lachte und sah dabei Benedikt an, der wieder einmal gar nichts verstand. Der junge Mann war in seiner Naivität kaum zu toppen und verschwand manchmal stundenlang, aber merkwürdigerweise tauchte er immer mit handfesten Ergebnissen wieder auf.
„Gut gemacht!“, lobte Michael. „Ich möchte, dass wir zusammen nochmal dorthin fahren. Was denkst du, ob er es war?“
„Ob er was war? Der Sophia umgebracht hat? Solange wir das Motiv nicht kennen, ist alles reine Spekulation. Also dann, Chefin, wir sind weg!“
Bianca lachte schallend über den eifrigen, frechen Kerl und winkte ihnen nach. Auf der Treppe nach oben traf sie Jürgen.
„Was gibt es Neues von der Chef-Front?“
„In drei Wochen ist der vorletzte Lehrgang. Ich bin froh, wenn das vorbei ist und ich euch endlich herumkommandieren kann.“
„Liebe Kollegin, ich kann mir keinen besseren Kommandeur vorstellen. Komm mal mit in mein Büro, dann bekommst du einen Kaffee und wir reden über den Fall.“
Bianca folgte Jürgen und setzte sich mit ihm an den Schreibtisch. Er kochte frischen Kaffee und kramte aus der Schublade eine Tafel Schokolade hervor. Diese zerbrach er in kleine Stückchen und ließ sie auf einen Teller rieseln. Bianca stieg der Duft in die Nase und sie überlegte, wie lange sie keine Schokolade mehr gegessen hatte.
„Das tut jetzt gut, danke! Hat der Täter DNA hinterlassen oder vielleicht ein einzelnes Haar?“
„Schön wäre es, aber es war windig. Ein Haar hätte der Wind mitgenommen. Es gibt einen winzigen Fussel aus schwarzer Baumwolle. Mehr nicht. Er hat eine Jacke oder Handschuhe oder einen Pullover oder eine …“
„Hör auf! Mist, Baumwolle trägt heute jeder. Aber dieses einfache Material passt nicht zu dem Mann, der vielleicht ihr Freund war. Benedikt hat ein Phantombild angefertigt“, erklärte Bianca. „Der ist richtig gut.“
„Ich dachte erst, er ist ein Komödiant, der nur einen auf Polizist macht, aber ich glaube, er tut nur so albern, damit ihm keiner in sein schlaues Köpfchen schauen kann. Einen Verdächtigen würde sein Verhalten auf jeden Fall dazu bringen, ihn zu unterschätzen.“
„Damit hast du sicher recht. Danke für den Kaffee und den Fussel.“
Sie lief hinüber in ihr Büro und rief Michael an, um ihm von Jürgens Entdeckung zu berichten.
Er steckte die weiße Maske in die Jackentasche und lächelte seinem Spiegelbild zu. Dann drehte er sich um und verließ das Haus. Mit seinem schwarzen Auto machte er sich auf den Weg nach Kiedrich, wo er nahe einer Einfamilienhaussiedlung in den Weinbergen anhielt.
