Gilde der Jäger - Engelsmacht - Nalini Singh - E-Book

Gilde der Jäger - Engelsmacht E-Book

Nalini Singh

4,9
8,99 €

Beschreibung

Naasir sehnt sich nach einer Gefährtin, einer Frau, die ihn so liebt, wie er ist: wild und ungezähmt. Von Raphael, dem Erzengel von New York, erhält er einen Auftrag: Naasir soll die Gelehrte Andromeda bei ihrer Suche nach Alexander, einem der Uralten, unterstützen und sie beschützen. Schon bei ihrer ersten Begegnung ist Naasir hingerissen von dem Engel, doch Andromeda hat ein Keuschheitsgelübde abgelegt, das sie nur unter einer Bedingung brechen wird. Bevor Naasir ihr Geheimnis ergründen kann, wird die Gelehrte entführt ...

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Inhalt

Titel

Über dieses Buch

Prolog

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Epilog

Über die Autorin

Die Romane von Nalini Singh bei LYX

Impressum

NALINI SINGH

Engelsmacht

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Dorothee Danzmann

Über dieses Buch

Nach sechshundert Jahren fühlt sich Naasir, einer von Raphaels Sieben, bereit für eine Gefährtin. Er ist auf der Suche nach der Frau, die ihn so liebt, wie er ist: wild und ungezähmt; die versteht, was er ist, und all seine Facetten akzeptiert. Nach sieben Monaten erfolgloser Jagd ist Naasir zurück in New York, rastlos und einsam. Gerade rechtzeitig, denn in Raphaels Reich brodelt es gewaltig. Zhou Lijuan, Erzengel von China, die in der gewaltigen Schlacht von New York vernichtend geschlagen wurde, sinnt auf Rache. Aufgrund einer Prophezeiung will sie den Erzengel Alexander finden und töten. Raphael muss nun alles daran setzen, den Uralten,der sich vor vielen Jahrhunderten in den Schlaf zurückgezogen hat, vor ihr aufzuspüren. Der Herrscher von New York beauftragt Naasir mit der Suche. Unterstützt wird dieser von Andromeda, Hüterin der Engelsgeschichte und Lehrerin der Jugend, die spezialisiert ist auf schlafende Uralte. Naasir soll sie auf der Suche begleiten und beschützen. Schon bei ihrer ersten Begegnung ist Naasir hingerissen von dem Engel, doch Andromeda hat ein Keuschheitsgelübde abgelegt und ist nicht willens, dieses zu brechen. Da wird sie von Lis Schergen entführt und Naasir nimmt ihre Spur auf – angetrieben von dem Wunsch, seine zukünftige Gefährtin zu retten …

Prolog

Zhou Lijuan ließ die große Metallscheibe nicht aus den Augen, die ihrem Thron gegenüber an der Wand hing und die ihr vor langer, langer Zeit ein Bewunderer geschenkt hatte. Sie war ein Kunstwerk, und aus diesem Grund hielt Lijuan sie in Ehren, auch wenn sich das Bild ihres damaligen Verehrers schon längst im Nebel ihrer jahrtausendealten Erinnerungen aufgelöst hatte. Diese Scheibe mit ihrem seidigen Glanz und den kunstvollen Verzierungen am Rand hatte etwas Besonderes, etwas, das sie ansprach, zu ihr zu sprechen schien.

Zhou Lijuan fand dieses Kunstwerk immer noch faszinierend, obwohl es jetzt schon Tausende von Jahren an derselben Stelle im Innersten ihrer Festung, im Thronsaal, hing. In der Scheibe konnte man sich ebenso gut betrachten wie in einem Spiegel, aber sie war nicht annähernd so zerbrechlich – vielleicht war das der Grund. Das Metall würde vielleicht mit der Zeit den einen oder anderen Kratzer abbekommen, aber es würde nie in tausend Stücke zerspringen. Es hatte den Ehrgeiz und die Disziplin der jungen Erzengelfrau Lijuan gespiegelt, später dann die Weisheit und Macht der älter gewordenen. Heute zeigte ihr die Scheibe die durch den Krieg angerichteten Verheerungen.

Draußen in der Welt hielten gar manche sie immer noch für tot, und solange sie ihr Territorium nicht anrührten, ließ Lijuan sie gern in diesem Irrglauben. Ihre Generäle hatten ein scharfes Auge auf die Unversehrtheit ihrer Grenzen, doch Lijuan ging eigentlich davon aus, dass noch nicht einmal Michaela überheblich genug war, eine Invasion zu wagen. Alle fürchteten sie.

Gut so.

Sie sollten sich vor ihr fürchten. Aber damit das auch weiterhin der Fall war, durfte erst einmal niemand die Frau dort im Metallspiegel sehen. Noch nicht. Auch wenn sie bereits wieder die schneeweißen Haare hatte, die alle Welt kannte. Zhou Lijuan war mit nachtschwarzem Haar zur Welt gekommen, aber dieses Schwarz verblasste mit der Zeit immer mehr, als entzögen Lijuans wachsende Macht und Stärke der Farbe ihre Kraft. Und als sie tausend Jahre alt geworden war, hatte ihre Mutter sie angesehen und verkündet, ihr Haar sei jetzt »weiß wie Schnee«.

An diese Bemerkung erinnerte sich Lijuan noch ganz genau, und wenn sie sich sehr anstrengte, gelang es ihr manchmal sogar, sich das Gesicht der Frau ins Gedächtnis zurückzurufen, die sie geboren hatte. Sie erinnerte sich allerdings hauptsächlich deswegen daran, weil sie wusste, dass sie ihre auffallenden Gesichtszüge von ihrer Mutter geerbt hatte. Heute zeigten sich in der Metallscheibe fast schon dramatisch fein gemeißelte Wangenknochen, die von innen gegen eine hauchdünne Haut drückten, die aussah, als würde sie bei der geringsten Berührung zerreißen. Unter der Haut verliefen dünne blaue Adern, in denen gut sichtbar das Blut pulsierte, aber als Erstes wären wohl jedem Betrachter die roten Blutgefäße um die perlmuttartigen Iriden auffallen.

Es sah so aus, als schwämmen sie in Blut.

Das sah nicht nur so aus, es war auch so: Raphael hatte sie schwer verletzt. Sie war voller Zorn gewesen, und dieser Zorn war geblieben und hatte tief in ihrem Innern ein kaltes, ständig präsentes Eigenleben entwickelt. Niemand durfte Zhou Lijuan verletzen, und sie würde den jungen Emporkömmling in New York schon noch für diese Beleidigung büßen lassen, sie würde ihn auslöschen! Aber zuerst sollte er zusehen müssen, wie sie seine menschliche Gefährtin zu einer Sklavin machte. Und um das tun zu können, musste sie Geduld haben, musste warten, bis sie ganz geheilt, wieder ganz hergestellt war.

Nicht alles an ihr regenerierte sich wie erwartet, nicht alles wurde wieder so, wie es gewesen war, bevor Raphael versucht hatte, sie von der Erde zu tilgen.

Mit schwachen, vor Anstrengung zitternden Muskeln hob sie die rechte Hand, um ihre Nägel zu betrachten. Sie waren in einem glänzenden Rubinrot nachgewachsen und bogen sich über die Fingerkuppen wie die Krallen eines sehr großen Raubvogels. Auch Lijuans Schneidezähne hatten sich verändert, denn sie waren im Gegensatz zu den anderen Zähnen in ihrem Mund, die rein weiß schimmerten, scharlachrot geworden.

Das wirkte seltsam, aber schön. Ganz, wie es einer Göttin zustand.

Nur funktionierten diese Schneidezähne noch nicht. Lijuan hatte versucht, die glühende Lebenskraft treuer Untertanen in sich aufzunehmen, die sich gern opfern wollten, damit ihre Gottheit schneller und unter weniger Schmerzen heilte. Doch ihre Zähne schienen noch nicht voll entwickelt zu sein, obwohl sie durchaus einen starken Eindruck machten. Noch drangen diese Zähne nicht durch menschliche Haut, und wenn Lijuan ein Messer nahm, um den entscheidenden Schnitt zu tun, schaffte sie es lediglich, ein bisschen Blut zu saugen. Doch das nutzte ihr nichts, da sie die ganze Lebenskraft der Person brauchte, die sich opfern wollte.

Dazu kamen unglaubliche Schmerzen. Ihre Nervenenden schienen zu brennen, immer, in jeder einzelnen Sekunde jedes einzelnen Tages.

Die Knochen taten ihr weh.

Ihre Flügel hielten sie nicht in der Luft.

Nur ihr Verstand funktionierte einwandfrei.

Sie legte ihre voll wiederhergestellte rechte Hand auf die Armlehne ihres Thrones aus Jade, der von sämtlichen Engeln, die ihn je zu Gesicht bekommen hatten, seiner reichen Träume und Albträume darstellenden Verzierungen wegen als wahre Kostbarkeit betrachtet wurde, und konzentrierte sich auf den Engel, der zu ihren Füßen kniete. Er berührte den Boden mit der Stirn und hatte die Flügel anmutig auf dem Rücken zusammengefaltet. Lijuan hätte nicht sagen können, wie lange er dort schon so kniete. Auch konnte sie seine Gestalt nicht ganz klar erkennen.

Ihre blutenden Augen gehorchten nicht immer so, wie sie sollten.

»Sprich!«, befahl sie. Ihre Stimme musste sich den Weg durch eine übel zugerichtete Kehle suchen und kam als rauer Flüsterton heraus, in dem unzählige Schreie widerhallten.

Der Mann vor ihr hob den Kopf. Ah, es war der Schreiber! Sie erkannte ihn an den gelben Haaren, die ihm bis auf die Schulter fielen. Er richtete sich auf, legte die Hände auf die Schenkel, hielt beim Reden den Kopf aber weiterhin respektvoll gesenkt.

»Meine Arbeit am Text der Prophezeiung ist beendet, Sire.«

Lijuan pulsierte das Blut in den Adern, all ihre Sinne erwachten zu neuer Schärfe. Jetzt erinnerte sie sich wieder an die Aufgabe, die sie dem Engel in den Monaten vor der Schlacht um New York übertragen hatte, erinnerte sich sogar daran, die Prophezeiung, von der er sprach, als junge Engelsfrau selbst in einer alten Schriftrolle gelesen zu haben. Damals hatte ihr der Text nichts bedeutet. Sie hatte eine Ewigkeit nicht mehr daran gedacht, bis ihr die neuen Kräfte gewachsen waren und eine Stimme tief aus ihrer Erinnerung sie gemahnt hatte, die Schriftrolle mit der Prophezeiung ernst zu nehmen, sie sei von großer Bedeutung.

Ihre Gelehrten und Agenten hatten fast ein Jahr gebraucht, um den uralten Text aufzuspüren. Seitdem waren ihr seine Worte nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Im Gegenteil: Sie meldeten sich immer wieder von Neuem, wie ein Trommelschlag, der sich einfach nicht abstellen ließ.

Erzengel der Dunkelheit, Göttin der Albträume. Geist ohne Schatten.

Steh auf, erhebe dich, erhebe dich in deine Herrschaft des Todes.

Denn dein Ende wird kommen.

Dein Ende wird kommen.

Durch die Hand des Neuen und des Alten.

Ein Erzengel, geküsst von der Sterblichkeit.

Ein Schläfer mit silbernen Flügeln, der erwacht, ohne seinen Schlaf geschlafen zu haben.

Der zerbrochene Traum mit Augen aus Feuer.

Zerschlagen. Zerschlagen. Zerschlagen.

»Sprich!«, befahl sie dem Schreiber erneut.

Die Stimme des Schreibers drang kristallklar an ihr Ohr. »Ich habe die Ursprünge der Prophezeiung bis hin zum Erzengel Kassandra zurückverfolgt.«

Unwillkürlich schloss sich Lijuans Hand immer fester um die Armlehne ihres Thronsessels, bis sich die feinen Schnitzereien aus Jade tief in ihre Haut gedrückt hatten. Die feinen Härchen in ihrem Nacken reagierten auf eine durch und durch urzeitliche Art und Weise und richteten sich auf. »Bist du sicher?« Kassandra schlief schon unendlich lange, sie war inzwischen mehr Mythos als konkrete Erinnerung, eine Uralte selbst für die Uralten. Aber in einem waren sich alle einig, in den Legenden um sie: Als Kassandra aufstieg und Erzengel wurde, erhielt sie die große und schreckliche Gabe, in die Zukunft sehen zu können.

Die Legenden berichteten weiterhin, dass sie den Schlaf gewählt hatte, als es ihr auch dann nicht gelungen war, ihren Visionen Einhalt zu gebieten, nachdem sie sich eigenhändig die Augen ausgerissen hatte. Die Augen wuchsen innerhalb eines Tages nach, und Kassandra war eine Stunde nach der Heilung einfach verschwunden, ohne auch nur das blutverschmierte Kleid zu wechseln. Die meisten ihrer Prophezeiungen waren im Laufe der Zeit verloren gegangen, und die wenigen, die man noch kannte und die niedergeschrieben worden waren, wurden oft nicht beachtet, sondern als Kritzeleien eines unbekannten Fantasten abgetan.

»Raphael ist der von der Sterblichkeit Geküsste.« Lijuan verstand bis heute nicht, wie ein derart geschwächter Erzengel sie letztlich so dramatisch und fast tödlich hatte stürzen lassen können, aber sie würde auf keinen Fall noch einmal den Fehler machen, ihn zu unterschätzen.

»Ich weiß nicht, wer mit dem zerbrochenen Traum mit Augen aus Feuer gemeint sein könnte«, sagte der Schreiber, »aber bei dem Schläfer mit silbernen Schwingen kann es sich gewiss nur um eine Person handeln.«

Lijuans Hand krallte sich wie wild um die Armlehne, ihr Rückgrat geriet in heftige Zuckungen. Das lag an ihren Flügeln, die gleich nach ihrem Verstand und der Wirbelsäule nachgewachsen waren, weil sich der Heilungsprozess bei Engeln danach richtete, was jeweils als Nächstes wichtig war. Sie waren jedoch noch sehr schwach und tendierten zu unbeherrschten Krämpfen, unter denen der ganze Oberkörper zuckte. Das wiederum behinderte die Heilung anderer, noch stark versehrter Körperteile.

Sie atmete tief ein und aus, durch all die wilden, ungezügelten Gefühle hindurch, die sie bestürmten, und sprach den Namen des Schläfers aus, der sterben musste. »Alexander.«

1

Naasir war jetzt seit sieben Monaten auf der Jagd. Es war wirklich schon sieben Monate her, seit er Ashwini erzählt hatte, er sei jetzt bereit, nach einer Gefährtin Ausschau zu halten. Sieben Monate! Und immer noch hatte sie sich nicht gezeigt, sie, die zu ihm gehörte. Wusste sie denn nicht, dass er auf der Suche nach ihr war?

Er saß hoch oben auf einem Balkon des Turms. Der Balkon hatte kein Geländer, und Naasir knurrte. Langsam wurde er ungehalten.

Ein gerade vorbeifliegender Kämpfer der Legion wandte den Kopf, um ihm einen fragenden Blick zuzuwerfen. Naasir starrte zurück, schnappte fauchend mit den Zähnen und freute sich, als der Mann mit den Fledermausschwingen daraufhin seine Flugrichtung änderte und das neu geschaffene Heim der Legion ansteuerte, ein Haus, das Naasir gut gefiel, obwohl es Wände hatte und Wände eigentlich nicht so sein Fall waren. Die Legion residierte jetzt in einem eigens für sie zu einem riesigen Gewächshaus umgebauten Wolkenkratzer, aus dem einige Fenster entfernt worden waren, um mehr Platz für Balkone zu schaffen, während die Innenwände, wo immer es möglich gewesen war, durch Glasscheiben ersetzt worden waren. In der Mitte war ein Flugtunnel entstanden, der Flügeln ausreichend Platz bot.

Jetzt, da es kühler wurde und der Herbst die Bäume im Central Park in ein Meer aus roten, orangefarbenen und gelben Flammen verwandelt hatte, kamen auch die raffinierten »durchsichtigen« Vorhänge zum Einsatz, mit denen die Zugänge zum Legionshaus von den mit dem Umbau beauftragten Ingenieuren ausgestattet worden waren. Wie Illium Naasir erklärt hatte, bestanden diese Vorhänge aus einem Hightech-Material, das es den Legionären erlaubte, nach Belieben ein und aus zu fliegen, während im Innern des Hauses trotzdem eine gleichmäßige Temperatur gehalten wurde. Flog ein Legionär durch einen dieser Vorhänge, so schloss sich dieser gleich hinter ihm automatisch. So war ständig dafür gesorgt, dass die Wärme im Haus blieb.

Naasir, der jetzt seit zwei Wochen wieder in New York lebte, hatte sich kurz nach seiner Rückkehr ins Legionshaus geschlichen und war ziemlich beeindruckt gewesen. Was von den Decken und Fußböden im Innern so belassen worden war wie vordem, ragte in einer ungewöhnlichen Anordnung in den freien Raum, mit oft erheblichen Abständen zwischen den einzelnen festen Bauteilen. Naasir hatte besonders das üppige Grün im Haus bewundert: Die Ranken, die man an den Seiten emporgezogen hatte und die bereits anfingen, festen Halt zu finden, und die kleinen Bäume, die ihre Wurzeln vorsichtig in der Erde ausstreckten, während rings um sie üppig blühende Blumen wuchsen. Naasir hatte es trotz der ungewöhnlichen Bauweise des Hauses geschafft, sich ganz bis nach oben vorzuarbeiten, ohne dass ein einziger Legionär seine Anwesenheit in seinem Heim mitbekommen hätte.

Wahrscheinlich war Handschwinge, der Anführer der Legion, nicht gerade erfreut gewesen, Naasir auf dem Glasdach des Hauses auftauchen zu sehen, aber er war Raphael treu ergeben, und Naasir war einer von Raphaels Sieben. Deshalb bestand zwischen den beiden Männern ein gewisser, wenn auch von vorsichtiger Wachsamkeit geprägter Waffenstillstand. Naasir juckte beim bloßen Gedanken an die Legion jedes Mal die Haut, und seine Muskeln spannten sich an, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.

Sie waren so alt und so anders – er musste oft gegen den Drang angehen, sie einfach zu beißen.

Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Andersartigkeit hatte er manchmal das Gefühl, als seien ihm die Kämpfer, die sich auf federlosen Flügeln durch die Luft bewegten, ähnlicher als alle anderen Wesen auf der ganzen weiten Welt. Naasir mochte keine Flügel haben, aber anders war er auch. Nur dass es Siebenhundertsiebenundsiebzig Legionäre gab, während Naasir allein war.

Du bist wütend auf uns, weil wir viele sind, doch tief in deinem Innern ist dir bewusst, dass du einer von uns bist. Jämmerlich jung im Vergleich zu unserer eine Ewigkeit dauernden Existenz, aber mit einer uns ähnlichen ganz ursprünglichen Verbindung zum Leben und zur Natur.

So sah es der Anführer der Legion, er hatte es Naasir vor nicht allzu langer Zeit mit feierlicher Miene erklärt, und Naasir hatte gespürt, dass der Mann glaubte, was er sagte. Falls man in diesem Fall von »Mann« sprechen durfte … Wie dem auch sei, der Anführer der Legion ahnte nicht, wie wenig Naasir mit der ursprünglichen Natur gemein hatte. Nicht die Natur hatte Naasir erschaffen, nicht die Erde ihn geboren: Er verdankte seine Existenz einem Monster.

Einem Monster, dem er den Brustkorb aufgerissen hatte, um sein Herz und seine Leber zu fressen.

Hier saß er nun, zeigte Zähne und musterte den Balkon, der sich zwei Stockwerke tiefer links von ihm befand. Anders als der, auf dem Naasir saß, und auch anders als die meisten Balkone dieses Gebäudes verfügte der unter ihm über ein Geländer. Naasir dürfe nicht einfach von hier oben auf die Straße hinunterspringen, hatte Dmitri ihm erklärt, denn wenn er das täte, würde man ihn unten so platt wie einen Pfannkuchen vom Pflaster kratzen müssen. Aber der Sprung hinüber zu dem Balkon mit dem Geländer war überhaupt nicht weit, und der Wind hier oben, wenn auch frisch, würde ihn schon nicht gleich über die Kante schieben. Kaum eine Sekunde, nachdem er den anderen Balkon wahrgenommen hatte, spannte Naasir die Muskeln an und sprang.

Die kalte Luft schnitt ihm ins Gesicht, presste sein T-Shirt an seinen Oberkörper, bis es dort zu kleben schien, brannte in seinen Augen. Aber dann spürte er festen Boden unter den Füßen und schaffte es, den Aufprall mit dem ganzen Körper aufzufangen, weil er ganz bewusst in der kauernden Haltung einer springenden Katze gelandet war. Allerdings musste er feststellen, dass der Wind ihn doch weiter vom Haus weggedrückt hatte als angenommen: Nur wenige Zentimeter trennten ihn von dem Geländer. Gut, dass er nicht dort oben gelandet war! Sonst müsste er sich jetzt verzweifelt irgendwo festklammern, um nicht zu fallen.

Das war wieder einmal knapp gewesen. Naasir konnte darüber nur grinsen, aber dann hörte er jemanden eiligen Schrittes über den Balkon auf ihn zukommen und wusste auch, ohne sich umzudrehen, wer es war. Honors Duft war ihm so vertraut wie sein eigener. Rasch richtete er sich auf und wandte sich zu ihr um. Honors Wangen waren unter dem zarten Hauch Gold kreidebleich, ihre grünen Augen wirkten riesig.

»Naasir!« Jetzt war sie bei ihm, fuhr ihm hektisch mit beiden Händen über Schultern und Arme. »Hast du dir wehgetan?«

»Nein.« Langsam dämmerte Naasir, dass es jetzt Ärger geben könnte. »Das war doch nur ein kurzer Sprung.«

»Ein kurzer Sprung?« Honor packte ihn mit einer Hand am Oberarm, als fürchte sie immer noch, er könne vom Balkon fallen. Die andere Hand hatte sie auf ihr Herz gepresst. »Du hast mich eben zu Tode erschreckt!«

Ganz langsam, um ihr bloß nicht noch mehr Angst einzujagen, schloss er die Arme um sie und barg sein Gesicht in ihren Haaren. »Verrate mich bloß nicht an Dmitri!«, flüsterte er leise.

»Du bist Naasir, du bist eine Person, du bist jemand!«, hatte der tödlich mächtige Vampir Dmitri damals vor vielen Jahren dem wilden, kleinen Kind Naasir erklärt, das wieder einmal im Spiel sein Leben riskiert hatte. »Wenn du stirbst, verliere ich einen Teil von mir. Einen Teil, den ich nie wiederbekommen kann.«

Dieser Augenblick hatte sich Naasir tief ins Gedächtnis gebrannt, er würde ihn nie vergessen. Er hatte bis dahin nicht gewusst, nicht wirklich verstanden, dass ihn jemand als reale Person sah. Als eine Person, die man vermisste, wenn es sie nicht mehr gab, die ein Recht auf Liebe, Wertschätzung und Fürsorge besaß. Er hatte an jenem lange zurückliegenden Tag in Dmitris Augen nicht nur Schmerz gesehen, sondern auch Zorn. Schmerz bei der Vorstellung von einer Welt ohne Naasir, Zorn darüber, dass sich der Kleine wieder einmal in Gefahr gebracht hatte. Beides, dieser Schmerz und der heftige Zorn, hatten den Jungen, der er gewesen war, grundlegend und dauerhaft verändert.

In vielerlei Hinsicht stellte dieser Augenblick seine eigentliche Geburt dar: die Geburt von Naasir als Person.

Selbst heute noch, als Erwachsener, gefiel Naasir der Gedanke nicht, dass Dmitri Angst um ihn haben oder wütend auf ihn sein könnte. Auch Honor sollte nicht leiden, weil er zu viel riskiert hatte, denn Honor war Dmitris Gefährtin und gehörte daher jetzt auch zu Naasirs Familie. Außerdem behandelte sie ihn so, als sei sie für ihn zuständig: Sie kümmerte sich um ihn, sie verwöhnte ihn, und sie berührte ihn so, wie man sich innerhalb einer Familie berührte. Sie kommandierte ihn auch herum. All das hätte seltsam sein müssen, war es aber nicht. Naasir fiel es überhaupt nicht schwer, Honors Befehlen zu folgen, obwohl er der weitaus Gefährlichere von beiden war.

Vielleicht, weil sie zu Dmitri gehörte – vielleicht aber auch, weil sie es fertigbrachte, dass er sich sicher und behütet fühlte. Auch das war seltsam, und er verstand nicht, wieso es so war. Wenn er mit Honor zusammen war und mit jedem Atemzug ihren zarten Duft einsog, fühlte er sich so, wie sich in seiner Fantasie ein Junges in der tröstenden, wärmenden Nähe seiner Mutter fühlen musste. Honor kümmerte sich um ihn und schaffte das, ohne dass sich bei ihm Widerspruchsgeist regte.

Jetzt lachte sie ein wenig zittrig, während sie ihm den Rücken streichelte. »Ich verrate dich schon nicht!«, versprach sie. »Aber du darfst nicht immer wieder solche Sachen machen!« Sie schob ihn von sich, bis sie ihm in die Augen sehen konnte, ihre eigenen Augen waren so klar und rein wie Edelsteine. »Was soll ich denn nur tun, wenn du dich verletzt?«

Er sah sie mit hängendem Kopf durch dichte Wimpern hindurch an. Diese Wimpern waren silbern, wie auch das fransig geschnittene Haar. Silbern mit einem metallenen Glanz. Eindeutig nicht die Haare und Wimpern eines Menschen – mehr als alles sonst kennzeichnete Naasir dieser Silberschimmer als anders. »Es tut mir leid«, sagte er leise. »Manchmal vergesse ich, wie ein Mensch zu denken.«

Kopfschüttelnd nahm Honor sein Gesicht in beide Hände. »Du bist genau richtig, so, wie du bist«, flüsterte sie mit solcher Liebe, dass es ihm vorkam wie eine Umarmung. »Ich möchte nur nicht, dass dir etwas zustößt.«

Da brachte er endlich ein Lächeln zustande, denn jetzt wusste er, sie hatte ihm den Schrecken vergeben, den er ihr eingejagt hatte. Er hob sie hoch und drückte sie fest an sich. Sie ließ sich lachend herumwirbeln, über sich den wolkenlosen, tiefblauen Himmel, und als er sie wieder auf die Füße stellte, mahnte sie: »Sei pünktlich zum Essen bei uns. Ich habe Montgomery um das Rezept für das Würzfleisch gebeten, das du so gern isst.«

Naasir gelobte Pünktlichkeit und trat durch die Balkontür in die Wohnung. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er auf dem Balkon vor Honors Arbeitszimmer gelandet war. Ganz kurz dachte er daran, sich auf einem Sessel zusammenzurollen, der von der Sonne beschienen in einer Zimmerecke stand, um eine Runde zu schlafen, als sein Bewusstsein von einer donnernden Welle berührt wurde und er meinte, prickelnd frisches Wasser zu schmecken: So war es, wenn sein Erzengel mit ihm Kontakt aufnahm.

Naasir, ich muss mit dir reden.

Ich bin schon unterwegs, Sire. Er verabschiedete sich von Honor, indem er kurz die Wange an ihrer rieb, was sie lächelnd zuließ, und lief in den Raum, von dem aus Raphael sein Territorium verwaltete. Sämtliche Zimmer hier im Turm, der sich wie ein Speer in den Himmel von Manhattan bohrte, dienten dem einen oder anderen speziellen Zweck. Und über diesem Stockwerk, dem letzten mit den Arbeitsräumen, befanden sich die privaten Suiten.

Auch Naasir hatte eine Privatsuite im Turm, wohnte aber lieber bei Honor und Dmitri.

Warum allein sein, wenn er mit seiner Familie zusammen sein konnte?

Im Zimmer des Erzengels wartete nur Raphael auf ihn, was Naasir ein wenig enttäuschte. Er hatte damit gerechnet, auch Elena anzutreffen, denn er begegnete der Gemahlin seines Erzengels gern. Besonders liebte er es, im Trainingskampf gegen sie anzutreten, ein Vergnügen, das er sich seit seiner Rückkehr aus Amanat auch schon ein paarmal gegönnt hätte. Sein Exil in der Stadt von Raphaels Mutter Caliane hatte ziemlich lange gedauert. Sie hatten seine Hilfe dort dringend gebraucht.

Inzwischen befanden sich Calianes Streitkräfte wieder in einem besseren Zustand, denn immer mehr Leute, die sich an ihre Regierungszeit erinnerten, kehrten zurück, um der Uralten erneut Treue zu geloben. Daher war es nicht mehr notwendig, einen von Raphaels Sieben zum Schutz der Stadt dort zu haben. Allerdings half der Sire seiner Mutter auch weiterhin dabei, sich an die moderne Welt zu gewöhnen.

»Sire.«

Raphael stand an seinem Schreibtisch, die Flügel wurden von einem Sonnenstrahl so getroffen, dass die Federn funkelten, weißgolden und so metallen wie Naasirs Haar. Der Erzengel sah sich gerade eine Sammlung scharfer Klingen aus poliertem Vulkangestein an, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen. Naasir kannte seinen Sire jetzt schon einige Jahrhunderte und gehörte zu dessen engsten Vertrauten. Trotzdem überkam ihn in Gegenwart der mächtigen, zu großen Gewaltakten fähigen Kraft, die dieser verkörperte, stets so etwas wie Ehrfurcht. Das war wie ein Schlag in den Magen, die instinktive, ganz und gar ursprüngliche Reaktion eines Wesens, dem es eigentlich nicht bestimmt gewesen war, einem Erzengel so nahe zu sein.

»Hast du dich ausgeruht?« Raphael sah auf. Seine Augen waren so durchdringend blau, dass Naasir als Kind geglaubt hatte, sie seien aus echten Edelsteinen.

Wie oft hatte er sich damals völlig fasziniert an Raphael herangeschlichen, weil er diese Augen berühren wollte, und es war dem Erzengel hoch anzurechnen, dass er den Jungen mit viel Geduld und ohne ihn zu verschrecken oder ihm wehzutun dazu gebracht hatte, diese Bemühungen einzustellen. Erst als Erwachsener hatte Naasir verstanden, wie tolerant und großzügig sich Raphael ihm gegenüber verhalten hatte.

Der Sire hatte immer schon Macht verkörpert und Respekt eingefordert, auch bevor er zum Erzengel wurde.

»Danke, ich habe mich ausgeruht«, sagte Naasir jetzt als Antwort auf Raphaels Frage. »Und ich freue mich sehr, wieder hier zu sein.« Die Arbeit in Amanat hatte ihm nichts ausgemacht, er mochte und respektierte den Partner, den man ihm bei dieser Aufgabe zur Seite gestellt hatte, und es hatte Spaß gemacht, sich immer mal wieder auf Lijuans Gebiet zu schleichen und nachzusehen, wie es um die Befindlichkeit der dortigen Bevölkerung bestellt war. Aber die Stadt von Raphaels Mutter lag einfach zu weit von den Aufenthaltsorten der restlichen Familie entfernt.

Sechs Monate lang hatte Naasir dort ausgeharrt, und wenn Venom, Raphael, Janvier und Ashwini in dieser Zeit nicht manchmal zu Besuch gekommen wären, wer weiß – vielleicht hätte er dort wieder zu seinen wilden Wurzeln zurückgefunden. Aber die Freunde waren gekommen, und Janvier und Ashwini hatte er sogar überreden können, eine Woche länger als geplant zu bleiben. Er hatte die Zeit mit den beiden sehr genossen, denn in ihnen besaß er Kameraden, die wussten, wie er tickte. »Ich würde ungern wieder von hier fortgehen müssen«, sagte er jetzt zu Raphael, dem Engel, der ihn damals gefunden hatte und dem er seitdem die Treue hielt.

Naasir war an jenem Tag noch sehr klein gewesen, ein winziger Junge, der vor dem aufgerissenen Brustkorb des uralten Engels hockte, der ihn erschaffen hatte, um sich dessen Herz und Leber einzuverleiben. Wie er ausgesehen hatte! Ein blutverschmiertes kleines Monster. Aber statt ihn zu töten, hatte Raphael den Jungen hochgehoben, den kleinen, wild um sich schlagenden Körper fest an sich gedrückt und ganz ruhig gesagt: »Hör auf damit. Dieses Fleisch möchtest du in Wirklichkeit gar nicht essen.«

Naasir hatte die Worte damals noch nicht verstanden, denn der, der ihn erschaffen hatte, hatte nie mit ihm gesprochen wie mit einem Menschen. Aber er hatte gespürt, was sie bedeuteten, der Ton war zu ihm durchgedrungen. Er war ruhig geworden und hatte stillgehalten, als Raphael mit ihm hoch bis zu den Wolken aufstieg und ihn in seine Festung brachte, in sein Heim in der Zuflucht der Engel. Seit jenem Tag hatte Naasir nicht ein einziges Mal das Bedürfnis verspürt, Raphael zu provozieren oder herauszufordern, der ihn aus dem Eis und allem Bösen darin davongetragen hatte.

Raphael war der Alpha seiner Familie. Dmitri sein Stellvertreter.

Naasir war ein Welpe gewesen, aber das war er jetzt schon lange nicht mehr.

Raphael kam um den Schreibtisch herum zu ihm herüber, ganz der stolze, starke Krieger, dessen Flügel auch dann nicht den Boden berührten, wenn er gar nicht bewusst an sie dachte. »Ich weiß, du möchtest in New York bleiben.« Aufmerksam ruhte der Blick der unglaublich blauen Augen auf Naasir, ein Blick, der schon fast schmerzhaft war. »Nur bist du für diese Umgebung nicht geschaffen, und irgendwann wirst du dich aufbäumen und die zivilisierte Haut abschütteln wollen, die die Stadt dich zu tragen zwingt.«

Naasirs Hände ballten sich ganz ohne sein Zutun zu Fäusten, und in seiner Brust grummelte es. Wie gern hätte er Raphael jetzt wütend angeknurrt, ihm versichert, er sei sehr wohl in der Lage, in der Stadt zu leben, aber die Lüge wollte ihm nicht über die Lippen. Denn es wäre eine Lüge, rebellierte seine Natur doch jetzt schon gegen die viel zu kleinen Räume hier, sehnte sich nach offenen Weiten, wo man rennen und klettern und auf Entdeckungstour gehen konnte. »Meine Familie ist hier«, sagte er leise. »Ich möchte keine Aufgabe, bei der ich allein bin.«

»Du hast auch in der Zuflucht Vertraute um dich.«

Naasir horchte auf. »Ich soll in die Zuflucht reisen?« Honor würde zwar nicht dort sein, dafür jedoch Jessamy. Naasirs Beziehung zu Jessamy war anders als die zu Honor, aber er liebte die Historikerin und Lehrerin ebenso, wie er Honor liebte. Auch Venom und Galen waren zurzeit in den Bergen der Zuflucht stationiert.

»Zunächst ja«, sagte Raphael. »Dein neuer Auftrag nimmt dort seinen Anfang. Dann musst du die Zuflucht und deine Freunde allerdings für eine Weile verlassen. Aber ich glaube, die Arbeit wird dir trotzdem gefallen.«

Wenn der Sire das so sah. Naasir wartete gespannt. Auch Raphael verstand ihn.

»Ich möchte, dass du herausfindest, wo Alexander schläft.«

Bitte? Wenn ein Engel oder Erzengel sich entschied, sich aus dem Leben zurückzuziehen, um zu schlafen, dann war sein Schlafplatz tabu. Alle achteten diese Regel, selbst Naasir, der sonst nicht viel von Vorschriften hielt. »Wollen Sie ihn töten?« Wenn Raphael Alexander töten musste, dann würde Naasir ihm dabei helfen. Denn Raphael roch nicht nach verdorbenem Fleisch und hatte auch nie danach gerochen. Einmal, ehe Elena in sein Leben trat, hatte der Sire angefangen, beunruhigend nach Eis und Kälte zu riechen, doch jetzt nicht mehr.

Jetzt roch Raphael nur noch nach sich selbst und ein bisschen nach Elena.

Auch Naasir wollte ein bisschen nach seiner Gefährtin riechen! Warum versteckte sie sich vor ihm?

»Nein, ich habe nicht vor, Alexander zu töten.« Raphaels Stimme klang eisig. »Jason ist letzten Monat häufig im Territorium von Lijuan gewesen.«

Lijuan! Naasir zischte wütend. Dieser Erzengel bestand aus durch und durch verfaultem Fleisch. Als Kind hatte Naasir einmal gedacht, er würde sie gern töten und fressen wollen. Jetzt würde er sie noch nicht einmal mehr anfassen, wenn er am Verhungern war. Ihren Tod wollte er allerdings immer noch. »Dann ist sie tatsächlich noch am Leben?«

»Jason hat sie nicht direkt sehen können, aber alle Zeichen deuten darauf hin.« Raphael dehnte mit ernster Miene den rechten Flügel, um ihn dann wieder eng an den Körper zu legen. Das weiße Feuer, das an den Federn leckte, wirkte wie eine vom Sonnenlicht erschaffene Illusion.

Engelsflügel hatten Naasir schon von klein auf fasziniert. Er hatte Raphael gleich bei ihrer ersten Begegnung eine große, goldene Feder ausgerissen und voller Besitzerstolz fest in der Faust gehalten. Damals hatte er noch nicht gewusst, dass er die Flügel eines Engels nicht so ohne Weiteres berühren durfte. Solche Berührungen waren intime Gesten, die man sich nur unter Freunden und Geliebten gestattete. Inzwischen wusste Naasir darüber Bescheid, aber manchmal konnte er es immer noch nicht lassen und fasste einen Flügel an, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten.

Allerdings nur bei Freunden und engen Vertrauten. Nur bei Leuten, die ihn nicht gleich anstarrten, als hätte er etwas Schreckliches verbrochen. Gerade gestern erst hatte er nach dem Training mit Elena im Gras gelegen, und sie hatte einen ihrer Flügel auf seiner Brust ausgebreitet, damit er dessen glatte Schönheit so viel streicheln konnte, wie er mochte. Elena hatte aber auch außergewöhnliche Flügel. Da mischten sich Schwarz, Indigo und Mitternachtsblau und die Farben des Sonnenaufgangs mit weißem Gold – am liebsten hätte er von jeder Farbe eine Feder gehabt, doch das war nicht möglich, da die Farbtöne nahtlos ineinander verschmolzen.

Dann war Elena neben ihm im Gras einfach so eingeschlafen.

Was hätte er tun sollen? Sie wecken und daran erinnern, dass er gefährlich war? Dabei würde er ihr doch nie etwas tun, und so hatte er sie einfach schlafen lassen und mit ihren Federn gespielt. Auch Raphaels Flügel faszinierten ihn immer wieder, nur widerstand er in diesem Fall der Versuchung, als der Erzengel sich jetzt umdrehte, um auf den Balkon hinauszutreten. Vielleicht verursachte dieses unberechenbare Wildfeuer ja doch die eine oder andere Verbrennung. Naasir war sich da einfach nicht sicher.

So folgte er dem Sire, ohne ihn zu berühren, und setzte sich draußen, wie er es am liebsten tat, auf die Balkonkante. Von hier aus konnte er wunderbar den Strom der gelben Taxis verfolgen, der weit unten dem geraden Band der Straße folgte. Viel roch man hier oben nicht, nur ein wenig den Fluss und die grünen, wuchernden, lebenden Dinge im Heim der Legion. Diese Gerüche steckten ihn an, er wollte sich strecken können, wollte frei sein, rennen, wie man hier einfach nicht rennen konnte, noch nicht einmal im Central Park. »Dann sucht Lijuan nach Alexander?«, fragte er.

»Jason ist sich da nicht sicher, hat aber beobachtet, wie Suchtrupps Lijuans Zitadelle verließen. Er ist einem davon gefolgt, und als sie für die Nacht Rast machten und einer aus der Gruppe ein bisschen zu viel getrunken hatte, konnte er diesen Mann damit prahlen hören, sie fahndeten nach Alexander.«

»Er ist aber nicht wie Lijuan, oder?« Naasir war erst zweihundert Jahre alt gewesen, als Alexander den Schlaf wählte. Er erinnerte sich nicht mehr in Einzelheiten an den uralten Engel mit dem Goldhaar und den silbernen Flügeln. Doch als er noch ein Junge gewesen war, daran erinnerte er sich schwach, war einmal ein mächtiges Wesen vor ihm in die Hocke gegangen und hatte ihn aus silbernen Augen angeschaut, die seinen eigenen Augen ähnlicher gewesen waren als alle anderen, die er seitdem zu Gesicht bekommen hatte. »Ich glaube, er hat mir einmal eine seiner Federn geschenkt. Ich wollte sie so gern haben, weil sie aussahen wie meine Haare.«

Warum das so war, warum seine außergewöhnlichen Haare wie ein Echo von Alexanders Flügeln wirkten, hatte er damals noch nicht verstanden.

»Ach ja? Ich kann mir gut vorstellen, dass er so etwas getan hat.« Raphaels Ton ließ sich nicht einschätzen. »Er war nie grausam und gefühllos, schon gar nicht Kindern gegenüber. Und dich hat er im Auge behalten, bis du erwachsen warst.«

Naasir runzelte die Stirn. Er hätte sich gern genauer an seine Begegnung mit dem Uralten erinnert, aber er war damals einfach noch zu jung gewesen. »War er denn ein guter Anführer?«

»Ja, sogar ein großer«, erklärte Raphael leise. In diesem Satz schwang so viel mit, Naasir konnte all die verschiedenen Ebenen unmöglich entschlüsseln. »Er war außerdem noch ein teuflisch mächtiger Erzengel, der die alte Art der neuen Art vorzog und mich als Emporkömmling betrachtete. Er hätte deswegen fast einen Krieg mit mir angezettelt, entschied sich dann aber für den Schlaf und gegen Gewalt.«

Raphaels Flügel raschelten leise, als er sich neben Naasir stellte. Die Kraft, die er ausstrahlte, brannte Naasir auf der Haut, doch war diese nach all den Jahrhunderten, die Naasir an der Seite seines Sires verbracht hatte, daran gewöhnt.

»Da Alexander früher mir gegenüber fast aggressiv geworden wäre, mag Lijuan ihn jetzt vielleicht eher auf ihrer Seite sehen«, fuhr Raphael fort. »Aber wir dürfen ihre Wahnvorstellungen nicht vergessen. Sie hält sich für eine Göttin. Deshalb ist es viel wahrscheinlicher, dass sie jeden umbringen möchte, der die Macht und Stärke haben könnte, sich ihr entgegenzustellen.«

»Wäre Alexander denn dazu in der Lage?« So langsam erwachten bei Naasir die Jagdinstinkte. »Ist er mächtig und stark genug?« Möglicherweise hatten sie dann ja Erfolg und Lijuan schaffte keine weitere Wiederauferstehung, sondern blieb tot.

»Das lässt sich nicht so ohne Weiteres sagen. Als er sich vor vierhundert Jahren zum Schlafen zurückzog, war er stärker als sie, aber Lijuans Kraft nahm in diesen Jahren überproportional zu, während Alexander sozusagen im Koma lag.«

Wenn Engel diese spezielle Art des Schlafes wählten, veränderten sie sich während der Ruhephase nicht, soweit waren die Fakten Naasir bekannt. Das interessierte ihn jedoch im Augenblick weniger. »Wenn ich jemanden aufspüren soll, brauche ich dessen Duftnote, und Alexander ist schon zu lange nicht mehr auf dieser Welt.« An Geistern scheiterte selbst Naasirs Spürsinn.

Was ihn ärgerte, denn es gefiel ihm gar nicht, eine Beute nicht aufspüren zu können. Aber so war es nun einmal.

Wie bei seiner Gefährtin. Die konnte er auch nicht aufspüren, sie versteckte sich vor ihm!

»Du bekommst Unterstützung«, erklärte Raphael, ehe er einen Moment lang schwieg, um einen Engelskrieger zu beobachten, der oben am Himmel ein paar schwierige und sehr interessante Flugmanöver durchführte, während er sich gleichzeitig im Schießen mit der Armbrust übte. »Jessamy unterrichtet eine Gelehrte, die sich auf die Erforschung schlafender Erzengel spezialisiert hat. Deine Aufgabe ist es, für ihre Sicherheit zu sorgen und dir die von ihr vorgeschlagenen Orte anzusehen.«

Naasir runzelte die Stirn. »Wissen auch andere von ihrem Spezialgebiet?«

»Ja.« Mit Raphaels Ton hätte man Wasser gefrieren lassen können. »Selbst Lijuan ist eigentlich kaum zuzutrauen, die Entführung eines Engels aus der Zuflucht anzuordnen, aber so, wie sie in letzter Zeit geradezu notorisch ein Engelstabu nach dem anderen brach, habe ich Galen und Venom damit beauftragt, ein Auge auf Andromeda zu haben.«

»Ich werde auf sie aufpassen.« Wenn es darauf ankam, war Naasir ein vorzüglicher Wachhund.

»Gleichzeitig musst du sie genau beobachten«, fuhr Raphael fort. »Sie ist Charisemnons Enkelin.«

Naasir bleckte unwillkürlich die Zähne. Charisemnon war für den schrecklichen Sturz der Engel verantwortlich, der so viele verletzt und getötet hatte. Außerdem verdankte die Welt ihm auch noch eine tödlich verlaufende, hoch ansteckende Vampirkrankheit. »Warum arbeiten wir dann mit ihr zusammen?«

»Andromeda ist durch und durch Gelehrte, versicherte mir Jessamy«, sagte Raphael. »Eine von der Sorte, die lieber alle Bindungen zur Familie durchtrennt, als sich vom Studium abhalten zu lassen. Sie hat seit ihrem Eintreffen in der Zuflucht keinen Kontakt mehr zu ihren Leuten und findet die Vorstellung unerträglich, dass ein Schläfer ermordet werden könnte. Galen stimmt Jessamy in ihrer Einschätzung zu, denn er sieht die Gelehrte genauso.«

Naasir nickte zufrieden. »Galen hat scharfe Instinkte.« Jessamy war klug, hatte aber ein zu gutes Herz. »Ich werde ganz sicher merken, wenn die Gelehrte lügt.« Sterblich oder unsterblich, alle Lügner strömten einen ganz eigenen, unverwechselbaren, sauren Geruch aus. »Wenn Lijuans Leute allerdings bisher erfolglos blieben, haben Galen und Jessamy ja vielleicht recht, was ihre Einschätzung der Frau betrifft.«

»Das sehe ich auch so. Charisemnon steht Lijuan sehr nahe. Wenn er wüsste, wo Alexander schläft, dann hätte er ihr das längst gesagt. Wir sollten dieser jungen Gelehrten erst einmal vertrauen und ihr Gelegenheit geben, sich zu beweisen.«

»Und wer wird auf sie achtgeben, wenn ich die Orte ausspähe, die ihrer Meinung nach infrage kommen?«

»Du nimmst sie einfach mit.«

»Bitte?« Naasir starrte Raphael fassungslos an.

Blinzelte.

»Ich kann doch keine Historikerin mit mir herumschleppen!«, zischte er schließlich aufgebracht. »Ich werde ihr nur Schaden zufügen!« Er hatte Jessamy als Junge einmal den Arm gebrochen, weil er vor Freude, sie zu sehen, von einem hohen Regal auf sie heruntergesprungen war. Sie hatte natürlich gewusst, dass er es nicht mit Absicht getan hatte, und ihm sofort versichert, er solle sich bloß keine Sorgen machen, da sie ganz schnell wieder heilen werde, aber er hatte den Schrei nie vergessen können, den sie vor Überraschung und Schmerz ausgestoßen hatte. Und auch das grauenhafte Knacken, mit dem ihre Knochen gebrochen waren, hallte immer noch in seinem Kopf nach, wenn er an den Vorfall dachte.

»Es ist deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass das nicht passiert, Naasir.« Eine Böe kam auf und wehte Raphael die tiefschwarzen Haare ins Gesicht. »Andromeda ist unsere größte Chance. Mit ihr an unserer Seite schaffen wir es vielleicht, als Erste bei Alexander zu sein. Wir dürfen nicht vergessen, wie alt Lijuan ist und wie alt auch ein paar der Gelehrten an ihrem Hof sind. Sie könnte Zugang zu Informationen haben, die ihr einen Vorsprung verschaffen.«

Naasir richtete seinen Blick wieder auf den Stahl, das Glas und das glitzernde Wasser der unter ihm liegenden Stadt. Als er sprach, gab er sich große Mühe, wie ein Mensch zu klingen. Das gelang ihm allerdings nicht ganz. »Und wie soll ich meine Gefährtin finden, wenn ich mit einer anderen Frau herumziehe?«

»Du hast sechshundert Jahre ohne Gefährtin gelebt.« Der Erzengel klang belustigt. »Was macht dich auf einmal so ungeduldig?«

»Es ist an der Zeit. Deswegen bin ich ungeduldig.« Naasir lebte nach dem Rhythmus in seinem Blut und in seiner Seele, und dieser Rhythmus schlug zurzeit nur einen Beat. »Ist die Gelehrte wild und interessant?«, erkundigte er sich hoffnungsvoll, denn wie sein Sire beurteilte auch er Leute nicht nach ihrer Abstammung, sondern nach ihren Taten.

»Nicht nach deiner Definition. Andromeda hat wohl ein Keuschheitsgelübde abgelegt, sagt man.«

Naasir stöhnte. »Ich sollte mich vom Balkon stürzen! Einfach so, mitten in den Verkehr hinein. Das tut bestimmt weniger weh als die Folter, die ich in nächster Zeit ertragen muss.«

Naasir mochte Sex, mochte es, den warmen, weichen Körper von Frauen zu berühren, liebte es, in ihre enge, feuchte Scheide zu stoßen, während sie laut seinen Namen riefen. Doch seit der Nacht, in der er beschlossen hatte, nach seiner Gefährtin zu fahnden, hatte er mit keiner Frau mehr geschlafen. Das Keuschheitsgelübde der Gelehrten frustrierte ihn also nicht, weil er etwa vorgehabt hätte, sie zu verführen – nein, er war frustriert, weil das Gelübde bestätigte, dass sie nicht die Gefährtin war, nach der er suchte. Und nun würde er wer weiß wie lange mit ihr herumziehen müssen.

Eine ihm bestimmte Gefährtin würde auf keinen Fall so etwas Lächerliches wie ein Keuschheitsgelübde ablegen. »Warum hat sie denn Keuschheit gelobt?«, erkundigte er sich vorsichtig. »Ist sie sehr seltsam?« Die Welt der Engel war nicht gerade für ihren Mangel an sexuellen Exzessen bekannt.

Raphael warf den Kopf in den Nacken und lachte das laute, herzliche Lachen, das Naasir lange Zeit vermisst hatte – bis Elena in das Leben des Sire getreten war. Genau das wollte Naasir auch, eine Gefährtin, die ihn zum Lachen brachte, die ihn herausforderte. Und die es wild mit ihm trieb, immer und immer wieder. Irgendwelche dämlichen Keuschheitsgelübde kamen da nicht infrage.

»Es gibt sie durchaus, diese seltsamen keuschen Wesen«, sagte Raphael schließlich. »Manche Gelehrte meinen eben, das Ausschalten körperlicher Ablenkungen schärfe den Geist.«

»In dem Fall bleibt mein Geist lieber ungeschärft.« Naasir stand auf und sah seinen Erzengel an. »Ich mache mich gleich auf, Sire.« Damit verpasste er zwar das Abendessen bei Honor und Dmitri, aber das würden die beiden schon verstehen und ihn, wenn er zurückkam, wie immer an ihrem Tisch willkommen heißen.

Raphael schüttelte den Kopf, und wieder fegte eine Böe die pechschwarzen Haare wie einen Vorhang vor das unglaubliche Blau seiner Augen. »Aber nicht heute Nacht, Naasir. Die heutige Nacht verbringst du mit deiner Familie in New York.«

2

Naasir hasste das Reisen im Metallbauch eines Flugzeugs, aber wenn man keine Flügel besaß, war das nun einmal für einen Großteil der Strecke bis zur Zuflucht die schnellste Methode. Während des Fluges lief er die ganze Zeit unruhig in der Kabine auf und ab und drängte sich nach der Landung sofort durch die noch nicht einmal ganz geöffnete Tür. Draußen schien ihm die Sonne voll ins Gesicht, und der Wind küsste ihn auf beide Wangen – so liebte er es.

Zum ersten Mal seit Stunden konnte er wieder tief durchatmen. Er schüttelte sich, damit sich seine Haut wieder so arrangierte, wie es sich gehörte, und fing geschickt die Reisetasche auf, die ihm der Pilot aus dem Flugzeug zuwarf. Naasir hatte ihn und den Kopiloten während des Flugs schier in den Wahnsinn getrieben. Jetzt grinste er und salutierte fröhlich vor den beiden, was der Pilot mit einem breiten Lächeln beantwortete. Der Vampir kannte Naasir. Er ließ noch einmal die Fangzähne aufblitzen, winkte und verschwand wieder in seinem Cockpit.

Naasir schwang sich immer noch lachend die Reisetasche über die Schulter und rannte im Dauerlauf zu dem privaten Parkhaus, das sein Motorrad beherbergte. Weit in der Ferne ragten Berge auf, deren Spitzen sich in den Wolken verbargen, aber diese Berge gehörten nicht zur Zuflucht. Noch war Naasir sehr weit von seinem eigentlichen Ziel entfernt. In der Nähe der Engelszuflucht gab es nichts, was auch nur annähernd an die Zivilisation erinnerte.

Wer als nicht zugangsberechtigter Vampir oder Sterblicher zufällig das Gebiet der Zuflucht betrat, vergaß den Besuch schnell wieder, denn die Erinnerung daran wurde stillschweigend entfernt, ohne dass er etwas davon mitbekommen hätte. Allerdings war auch die Landschaft um die einzelnen Festungen herum so unwirtlich, dass nur wenige sich überhaupt bis dorthin wagten, und die mächtigen Engel, die dauerhaft in der Zuflucht lebten, waren durchaus in der Lage, die Zugangsmöglichkeiten zu diesem sicheren Hafen ihrer Gattung in tiefen Nebel zu hüllen.

Und falls ein ehrgeiziger Kletterer es einfach nicht lassen konnte und sich doch zu weit in die Berge hinaufwagte, fand er sich schnell in einer unglaublich zerklüfteten, eisigen Umgebung wieder, in der Knochenbrüche unausweichlich waren. Wer sich ein zweites Mal hierher aufmachte, überlebte die Reise dann nicht mehr. Mit der Sicherheit des Ortes, in dessen Schutz ihre Jungen aufwuchsen, gingen die Engel keine Risiken ein.

In der Garage nickte Naasir nur kurz dem diensthabenden Mechaniker zu, um sich danach sofort seinem Motorrad zuzuwenden.

»Sie ist bereit, kann gleich losfahren«, versicherte ihm der Mechaniker, ein Vampir, im örtlichen Dialekt, wobei er liebevoll die metallicblaue Seitenverkleidung der Maschine tätschelte. »Ich beneide Sie um die Spritztour, das Wetter ist genau richtig.«

Janvier und Naasir fuhren Motorrad, seitdem diese Maschinen richtig schnell und aufregend geworden waren. Anfangs waren beide mehr als einmal gestürzt, aber Naasir hatte selbst in seinen allerersten Anfängertagen nie einen Helm getragen. Heute setzte er sich einen auf, denn Ashwini war unglaublich wütend geworden, als sie ihn das letzte Mal ohne Helm hatte fahren sehen. Sie hatte sich so aufgeregt, dass er sich bei ihr entschuldigt hatte und sofort losgezogen war, um sich einen zu kaufen.

Ashwini war Janviers Gefährtin, eine Jägerin. Sie hatte vor knapp einem Jahr Bruder und Schwester verloren und war danach so lange so traurig gewesen, dass Naasir das bloße Zusehen wehgetan hatte. Wenn es nach ihm ging, würde sie nie wieder derart traurig sein müssen, erst recht nicht dadurch, dass er sich bei einem Unfall so schwere Verletzungen zuzog, dass ihm auch seine Unsterblichkeit nichts nutzen würde. Naasir wusste im Gegensatz zu den Sterblichen genau, dass niemand ganz und gar unsterblich war.

Es sei denn, man hieß Lijuan.

Der Erzengel von China hatte die hässliche Angewohnheit, immer wieder von den Toten aufzuerstehen.

Während er den Helm aufsetzte und seine Maschine startete, dachte er wieder einmal darüber nach, wie man Lijuan so töten könnte, damit sie nicht nur starb, sondern auch tot blieb. Das Motorrad erwachte mit einem samtweichen Röhren zum Leben. Naasir verstaute seine Sachen, verabschiedete sich mit hochgerecktem Daumen von dem Mechaniker und machte sich auf den Weg. Er hatte im Flugzeug ein bisschen Fleisch gegessen und Blut aus der Flasche getrunken, und das musste für den Rest der Reise reichen. Die Maschine würde später Benzin brauchen, weshalb er, Janvier und ein paar andere, die so reisten wie sie, an mehreren unauffälligen Stellen Vorräte gelagert hatten.

Doch erst einmal konnte er sorglos über die Bergwege brettern und den gewaltigen Druck des Windes auf seiner Brust spüren. Auf halbem Weg drohte dieser jedoch, ihn von der Maschine in eine tiefe Schlucht zu drängen, eine Herausforderung, die ihn die Zähne blecken ließ. Er beugte sich tiefer über den Lenker und fuhr weiter. Kurze Zeit später, als er langsamer geworden war, um einen besonders schönen Ausblick zu bewundern, sah er ein Schild, das vor Tigern warnte.

Das erinnerte ihn an Elenas Versuche, mehr über seine Abstammung zu erfahren.

Er lachte so heftig, dass er fast vom Motorrad gefallen wäre, jagte die Maschine hoch und raste weiter. Auch als das harte, klare Sonnenlicht immer länger werdenden Schatten wich und es langsam tiefschwarze Nacht wurde, hielt er nicht an. Seine Nachtsicht war genauso gut wie sein normales Sehvermögen. Er stoppte nur, wenn es nötig wurde, ein Benzinversteck aufzusuchen, und fuhr nach dem Tanken sofort weiter. Irgendwann würde er jagen müssen, aber wenn sich keine Beute auftreiben ließ, war das auch nicht weiter schlimm. Verhungern würde er schon nicht, in seinem Alter verbrannte der Körper Energie nicht mehr so schnell wie bei einem jungen Vampir.

Nicht dass er ein Vampir gewesen wäre, aber so bezeichneten ihn die meisten Leute nun einmal. Elena nicht, die fand, er sei ein »Tigerwesen«, und ahnte noch nicht einmal, wie nahe sie der Wahrheit damit kam. Naasir neckte die Gemahlin des Sire zu gern und ließ sie weiter raten, was er denn nun in Wirklichkeit war. Raphael spielte mit und machte auch ein Geheimnis aus Naasirs Herkunft, und das freute Naasir fast noch mehr als das Spiel selbst.

Denn eigentlich hatte Naasir seinen Sire vorher noch nie spielen sehen. Jedenfalls nicht so.

Heimliche Regeln, die zwischen Gefährten gelten.

Wie die Geheimnisse, die er mit seiner Gefährtin teilen würde. Wenn er sie erst einmal gefunden und angeknurrt hatte, weil sie sich so lange vor ihm versteckt gehalten hatte. Vielleicht würde er aber auch nicht knurren, vielleicht würde er sie beißen.

So fuhr er durch die Nacht und durch den nächsten Tag, in Gedanken bei der Gefährtin, die sich ihm auf so ärgerliche Weise entzog. Er ruhte sich nur aus, wenn die Sonne allzu heiß schien und es auf dem Motorrad ungemütlich wurde. Dann suchte er sich einen Baum, machte es sich auf einem Ast bequem und begab sich in einen Zustand, in dem er keine Knochen im Leib zu haben schien. So hatte er immer geruht, auch als Kind schon. Dmitri hatte ihn einmal so entdeckt und ihm von unten aus zugerufen, was um alles in der Welt er da treibe.

»Ich habe geschlafen!«, hatte der kleine Naasir wütend gefaucht, sehr ungehalten darüber, dass man sein Schläfchen gestört hatte.

Dmitri, nur mit einer Hose aus reißfestem schwarzem Stoff und Stiefeln bekleidet, den nackten Oberkörper schweißgebadet, weil er gerade vom Training mit Raphael kam, hatte kritisch die Brauen zusammengezogen. »Hast du denn keine Angst, du könntest runterfallen?«

»Nein. Deswegen schlafe ich ja so.« Naasir hatte mit Armen und Beinen gerudert, die rechts und links von seinem lang ausgestreckten Körper vom Ast baumelten. Der Körper selbst bewegte sich nicht.

»Wenn das so ist, wünsche ich dir, wohl zu ruhen.«

Naasir ruhte auch jetzt wieder prima auf seinem Ast, und als er aufwachte, suchte er sich frisches Wasser und trank. Das war nicht so gut wie Blut, reichte ihm im Moment aber völlig. Er fuhr weiter, den ganzen Nachmittag hindurch, bis er vor einer Garage angekommen war, die man in einer seitlich in einen Berg gehauenen Höhle untergebracht hatte und die so gut versteckt lag, dass niemand sie finden konnte, wenn er nichts von ihrer Existenz wusste.

Naasir legte die Hand flach auf den Schließmechanismus der Eingangstür, rollte dann die Maschine in den stillen, leeren Raum und parkte sie neben einer Reihe ziemlich mitgenommen wirkender Geländewagen und Motorräder, die er allesamt gut kannte. Der Berg hatte sich hinter ihm gleich wieder geschlossen, und da Naasir kein Licht aktiviert hatte, lag die Garage in nachtschwarzer Dunkelheit da. Er nahm den Helm ab und hängte ihn an den Lenker seines Motorrades, damit andere wussten, dass er ihm gehörte, schnallte die Reisetasche vom Gepäckträger, fuhr sich kurz mit fünf Fingern durch das zerzauste Haar und ging weiter in den hinteren Teil des höhlenartigen Raumes.

Seine Reise führte ihn jetzt eine ziemliche Strecke weit in einen Tunnel hinein. Naasir gefiel das überhaupt nicht, aber immerhin war der Tunnel breit.

Er biss die Zähne zusammen und fing an zu laufen, um diesen unterirdischen Weg möglichst schnell hinter sich zu bringen. Wenn man den Unterlagen glauben wollte, die Jessamy ihm einmal herausgesucht hatte, war der Tunnel etwa eine Meile lang. Das war für jemanden wie Naasir eigentlich keine Entfernung, aber er hasste ganz einfach das Gefühl des Eingesperrtseins.

Sobald er wieder an der frischen Luft war, streckte er sich und lief mit weit ausholenden Schritten im Dauerlauf weiter, wobei seine Lungen sich ausdehnen mussten, um mit der zunehmend dünner werdenden Luft fertig zu werden. Der Zugang zur Zuflucht führte durch Eis und Schnee. Beides war Naasir zuwider, und so war er froh, dass die Zuflucht selbst stets schneefrei blieb. Wie das geschah und warum, wusste niemand mehr so richtig, aber es war nun einmal so.

Als Naasir noch sehr jung gewesen war, hatte er immer wieder wissen wollen, wie das denn sein könne, und Raphael hatte ihm von den Vorfahren erzählt, die der Legende nach unter der Zuflucht schliefen. »Das waren die Allerersten unserer Art«, hatte er erzählt, während der kleine Naasir zwischen seinen muskulösen Armen stand, denn er lernte gerade, mit der Armbrust umzugehen. »Wir reden hier von einer Zeit, in der es noch keine schriftlichen Aufzeichnungen gab, von den Vorfahren, die den uns bekannten Uralten vorausgehen, so alt, dass sie fast schon eine eigene Spezies darstellen.«

Der Legende zufolge sorgte der Einfluss der schlafenden Vorfahren für das weitgehend milde Wetter in der Zuflucht, das nur manchmal von Jahreszeiten mit Eis und Schnee gestört wurde. »Wenn es Winter wird«, hatte Raphael damals geheimnisvoll geflüstert, »dann hat einer der Vorfahren gerade einen Traum und ist abgelenkt. So hat es mir zumindest meine Mutter erklärt, als ich klein war.«

Niemand wusste, ob diese Legende einen wahren Kern hatte, aber eins ließ sich nicht übersehen: Die physikalischen Bedingungen in der Zuflucht waren irgendwie anders. Kein so hoch in den Bergen gelegenes Gebiet hätte vor den eisigen Fühlern der Temperaturen unter null sicher sein dürfen.

Naasirs geheimer Horst lag außerhalb der eigentlichen Zuflucht, war jedoch von Aodhan fürsorglich mit einer Heizung ausgestattet worden. Es gab sogar eine Fußbodenheizung, die immer für eine Temperatur sorgte, die Naasir als angenehm empfand. Die Anlage wurde von ein paar versteckt in einiger Entfernung vom Horst aufgebauten Sonnenkollektoren gespeist. So konnte niemand durch Zufall auf Naasirs Behausung stoßen.

Heute versuchte er, so lange es ging, die kälteren Höhenlagen zu meiden.

Als das nicht mehr möglich war, wusch er sich an einem eiskalten Gletscherbach, was auch kein reines Vergnügen war, trocknete sich mit zusammengebissenen Zähnen ab und zog sich andere Kleidung an, zuoberst einen schwarzen Kaschmirpullover, den er in New York erstanden hatte. Darunter trug er ein dunkelgraues Hemd mit Nieten, das Honor für ihn besorgt hatte, und das er grundsätzlich nie in die Jeans steckte. Über den Kaschmirpullover kam dann noch eine nicht mehr ganz taufrische Lederjacke, die Janvier ihm vor etwa zehn Jahren geschenkt hatte.

Dicke Socken, die abgetragenen, wunderbar eingelaufenen Stiefel mit den speziell für das Laufen auf Eis gedachten Sohlen, und er war fertig.

Nichts davon brauchte er eigentlich, er würde auf keinen Fall erfrieren, dazu war sein Blut viel zu heiß. Aber es ging ja schließlich nicht nur darum, nicht zu erfrieren, oder? Frieren reichte Naasir vollauf, er hasste es zu frieren. Hoffentlich war seine Gefährtin niemand, die es gern kalt hatte und womöglich noch in einer Gegend wohnen wollte, in der es Schnee, aber keine Hitze gab, um die Härte der kalten Jahreszeit auszugleichen. Schrecklich! Er würde sie überreden müssen, in eine Klimazone irgendwo dazwischen zu ziehen, wo es kalt war, nur nicht gleich unter null. Sollte sie nicht mitkommen wollen, würde er dennoch bei ihr bleiben. Natürlich würde er bei ihr bleiben.

Wenn er sie je fand!

Er verstaute gerade seine getragene Kleidung, als er auf dem Boden der Reisetasche etwas aufblitzen sah. Er tastete danach, zog daran, und das glitzernde Ding entpuppte sich als dickes Namensarmband aus blank poliertem Metall. Bewundernd musterte er seinen Namenszug auf dem abgeflachten Teil des Schmuckstücks und riss die kleine Karte ab, die an das Armband gebunden war.

Sei vorsichtig und denk daran, dir den Schal umzubinden. Ich habe deine Socken gegen dickere getauscht und vorne in die Seitentasche Handschuhe gesteckt.XXHonor.

Lächelnd streifte er sich das Armband über, verstaute die Karte sorgsam in einer Innentasche seiner Lederjacke und zog wunderschöne, gefütterte, schwarze Lederhandschuhe aus der Seitentasche der Reisetasche. Dankbar bewegte er die Zehen in den dicken Socken, schlang sich seinen dunkelgrünen Schal um den Hals und warf sich sein Gepäck erneut über die Schulter. »Versprochen!«, sagte er laut. »Ich bin bestimmt vorsichtig. Meine Gefährtin wartet auf mich.«

Fast meinte er, Honors Lachen zu hören. Was hatte sie ihn gefragt, als er das letzte Mal behauptet hatte, seine Gefährtin warte irgendwo auf ihn? »Und was tust du, wenn sie sauer auf dich ist, weil du sie so lange hast warten lassen?«

Diese Frage hatte Naasir eine Weile ganz schön aus der Bahn geworfen. Er war nie auf die Idee gekommen, seine Gefährtin könnte schon länger leben als er und gewartet haben, bis er für sie bereit wäre, und nicht umgekehrt. Das kam vor. Honor war jünger als Dmitri, aber bei Jessamy und Galen war Jessamy die Ältere.

»Dann werde ich ihr den Hof machen«, hatte er geantwortet, nachdem er Honors Frage überdacht hatte. »Ich werde sie davon überzeugen, dass ich ihres Wartens wert bin.«

Daran, wie er seiner Gefährtin den Hof machen würde, dachte er während der verbleibenden Stunden seiner Reise in die Zuflucht, und diese Gedanken ließen ihn fast die beißende Kälte und die Gefahr vergessen, die das Eis darstellte. Auch die zerklüfteten Felsen rings umher grüßten ihn nicht wie drohend aufragende Gefahren, sondern eher wie vertraute Gegner. Anders als die unglücklichen Kletterer, die überhaupt nie so weit kamen wie er, weil sie sich vorher schon unzählige Knochen gebrochen hatten, wusste Naasir, wie man sich zwischen diesen natürlich gewachsenen Zähnen aus Stein bewegte, die die Festung der Engel bewachten. Er brauchte noch nicht einmal langsam zu gehen, er konnte auch weiterhin seinen Weg schnell fortsetzen, denn seine Füße bewegten sich dank der bequemen Stiefel sicher auf den Gletscherflecken und Eisdecken, über die er lieber lief als durch den hohen Schnee. Und seine Augen erkannten blitzschnell jede Gefahr.

Die Sonne wollte gerade hinter dem Horizont verschwinden, als sich die Schatten großer Flügel auf ihn legten. Naasir sah auf. Dunkelgraue, mit weißen Streifen durchsetzte Flügel, dazu rote Haare, die der Sonnenuntergang scharlachrot aufleuchten ließ: Das war Galen. Naasir winkte ihm zu, der Engel erwiderte den Gruß, indem er kurz den rechten Flügel senkte. Dann drehte er am Himmel noch eine Runde, ehe er nicht weit von Naasir entfernt landete.

»Hast du nach mir Ausschau gehalten?« Naasir brauchte nicht lange, um zu dem breitschultrigen Mann aufzuschließen.

»Ich hatte fest damit gerechnet, bis zu den Bergausläufern fliegen zu müssen.« Der Waffenmeister umarmte Naasir herzlich und klopfte ihm so fest auf den Rücken, dass Naasir fast das Gleichgewicht verloren hätte. So stark war Galen. »Du liegst bestimmt zwei Stunden unter deiner Bestzeit vom letzten Mal.«

»Ich bin schneller geworden.« Naasir wuchs in einer Weise, die selbst Keir nicht verstand, und der Heiler verstand eine Menge. Inzwischen ging man generell von der Annahme aus, dass Naasir selbst zwar voll ausgewachsen sein mochte, seine Fähigkeiten und Gaben sich aber wohl noch nicht zu ihrer endgültigen Form in ihm entwickelt hatten.

Du bist der Einzige deiner Art, der lange genug überlebt hat, um erwachsen zu werden. Man weiß einfach nicht, wie du dich entwickeln wirst, es gibt keine Richtwerte. Man kann nicht sagen, wie stark du letztlich sein wirst. So hatte Keir versucht, es Naasir zu erklären.

»Wenn du mal Zeit hast, sollten wir stoppen, wie viel schneller du genau geworden bist«, sagte Galen. »Willst du den ganzen Weg laufen?«

»Ja.« Naasir hatte sich zwar als Kind gern von Engeln tragen lassen, aber jetzt galt das nicht mehr, jetzt wünschte er sich Boden unter die Füße. Er mochte sich noch nicht einmal in einen der Körbe setzen, in denen die Krieger Gäste transportierten, die keine Flügel besaßen. »Sag Jessamy, zum Essen bin ich da.«

Galen strahlte, sein Lächeln reichte bis in die außergewöhnlich hellgrünen Augen. »Sie hält schon seit Sonnenaufgang nach dir Ausschau.«

Naasir war gerührt. Er wartete, bis Galen abgehoben und dabei mit einem mächtigen Flügelschlag jede Menge Schnee aufgewirbelt hatte, und rannte wieder los. Er lief jetzt noch schneller als zuvor, so schnell, dass jeder zufällige Beobachter ihn bloß als vorüberhuschenden Schatten wahrgenommen hätte. Eine Stunde später flogen immer mehr Engel über ihn hinweg, denn der Flugverkehr hatte zugenommen, bis er in der Ferne das Rauschen vieler Starts und Landungen hörte, dazu noch die Stimmen und das Lachen von Leuten, die ihren täglichen Geschäften nachgingen, die ihr Leben hier lebten.

Der Himmel war inzwischen schwarz geworden. Er wirkte ganz samten, und nur wenige frühe Sterne zeigten sich, als Naasir ziemlich abrupt keinen Schnee mehr unter den Füßen spürte und warme Luft ihm um die eiskalt gewordenen Wangen strich.

Ohne stehen zu bleiben, steuerte er auf das Haus von Jessamy und Galen zu, das hoch oben auf einer Klippe stand.

Im Hof fing ihn ein Vampir mit giftgrünen, geschlitzten Augen ab, dem die dunkelbraunen, fast schwarzen Haare bis zum Halsausschnitt seines T-Shirts reichten. »Naasir!« Es folgte eine stürmische Umarmung.