H. C. Hollister 66 - H.C. Hollister - E-Book

H. C. Hollister 66 E-Book

H. C. Hollister

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Beschreibung

Wenn ein Mann steckbrieflich verfolgt wird, wenn auf seine Ergreifung - lebendig oder tot - sogar eine Belohnung ausgesetzt ist, dann muss er ein Verbrecher oder Bandit sein. Nur merkwürdig, dass sich niemand findet, der sich bei "Narbengesicht" Stewart diese Kopfprämie verdienen will; denn als gesuchter Desperado kehrt Dan Stewart auf die Weide am Big Sandy Creek zurück.
Sein Erscheinen lässt längst erloschene Leidenschaften erneut aufflammen und treibt den Kampf zwischen Jesse Stewart, seinem Bruder, und Malcolm McReady einer jähen, tödlichen Entscheidung entgegen. Und dabei ist es ein scheinbar aussichtsloses Spiel, in welches sich der geheimnisvolle Desperado mit seinen Chips einkauft ...

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Seitenzahl: 159

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

SEIN ANDERES GESICHT

Vorschau

Impressum

SEIN ANDERES GESICHT

Wenn ein Mann steckbrieflich verfolgt wird, wenn auf seine Ergreifung – lebendig oder tot – sogar eine Belohnung ausgesetzt ist, dann muss er ein Verbrecher oder Bandit sein. Nur merkwürdig, dass sich niemand findet, der sich bei »Narbengesicht« Stewart diese Kopfprämie verdienen will; denn als gesuchter Desperado kehrt Dan Stewart auf die Weide am Big Sandy Creek zurück.

Sein Erscheinen lässt längst erloschene Leidenschaften erneut aufflammen und treibt den Kampf zwischen Jesse Stewart, seinem Bruder, und Malcolm McReady einer jähen, tödlichen Entscheidung entgegen. Und dabei ist es ein scheinbar aussichtsloses Spiel, in welches sich der geheimnisvolle Desperado mit seinen Chips einkauft ...

Gegen den emporquellenden Staub haben sich die Männer ihre Halstücher vor Mund und Nase gebunden – fünf vermummte Reiter, die ihre kleine Herde nach Süden treiben. Nur einer macht davon eine Ausnahme: Jesse Stewart. Er hat selbst den Point übernommen, die Spitze der dahintrottenden Herde, und überlässt es diesmal seinen vier Weidereitern, sich am Drag – das ist das breite Ende der Herde – durch den dichten Staub zu kämpfen.

Diesmal – das bedeutet, dass Jesse Stewart es nicht immer so hält. Im Gegenteil, er gehört zu jenem Typ von Männern, der niemals von seinen Leuten eine Arbeit erwartet, die er nicht jederzeit selbst auf sich nehmen würde. Es gibt keine Arbeit auf dieser Weide am Big Sandy Creek, die ihm zu schwer oder mühselig wäre.

Sechzig Meilen bis La Junta, sechzig Meilen bis zur Bahnlinie – hundertachtzig Mastrinder auf dem Trail – bei glühender Junihitze. Und sie haben an diesem Vormittag erst wenige Meilen zurückgelegt und noch nicht einmal die Heimatweide hinter sich gelassen. Im Osten, zur linken Hand, begleitet sie die zerhackte Kammlinie der Piñon Hills, und unmittelbar vor ihnen, den Horizont in einem weiten Bogen umspannend, liegt die Horseshoe Range – eine Bergkette, die ihren Namen nicht von ungefähr erhalten hat, denn sie hat aus der Vogelperspektive tatsächlich die Form eines gigantischen Hufeisens. Diese Kette ist das erste und letzte Hindernis auf dem Trail zum Arkansas River hinab. Dahinter folgen über schier endlose Meilen die öden Sandflächen der Snake Flats mit ihren wenigen trüb schillernden Wasserlöchern, die gerade ausreichen, um einer kleinen Herde über diese Durststrecken hinwegzuhelfen. Weiter im Westen gibt es gar kein Wasser. Dort wäre ein Treiben vollends unmöglich, und deshalb führt Jesse Stewart seine Herde in gerader Linie dem Skylight Canyon entgegen. Es ist die einzige für Rinder gangbare Passage nach Süden, quer durch die bizarren Schroffen der Horseshoe Range.

Er reitet einen starkknochigen Fuchswallach, der seinen eigenen Körpermaßen angepasst ist. Denn Jesse Stewart ist ein großer Mann, das lässt sich nicht einmal übersehen, wenn er wie jetzt zusammengesunken im Sattel sitzt. Seine Fäuste sind stark und schwielig, breitflächig und kantig sein Gesicht. Er könnte fast als Symbol der Ruhe und Gelassenheit gelten, wenn nicht immer wieder in seinen Augen ein unsicheres Flackern und eine verborgene Unruhe zu entdecken wären – besonders dann, wenn er sein Ziel, den Skylight Canyon, oder die wehende Staubfahne ins Auge fasst, welche die Herde ständig begleitet.

Manchmal wendet er sich auch im Sattel zurück und schaut sich nach dem Jungen um, welcher auf der windzugewandten Seite der Herde, unbelästigt vom Staub, zwei Packpferde und die kleine Remuda der Reservepferde treibt. Dann erhält Jesse Stewarts Gesicht sekundenlang einen weicheren, aber trotzdem immer noch besorgten Ausdruck. Percy, der Junge bei der Remuda, ist erst zwölf Jahre alt, dabei jedoch für sein Alter sehr gut entwickelt. Wie könnte es schon anders sein bei Jesse Stewarts Sohn! Es ist das erste Treiben, das er mitmacht – ein Kind noch, und trotzdem ersetzt er auf diesem Trail eine vollwertige Arbeitskraft. Die Stirrup Ranch hat es nötig. Voller Bitterkeit gesteht Jesse Stewart sich ein, dass dies einer seiner Gründe war, Percys Bitten nachzugeben und ihm die Teilnahme am Treiben als Pferdejunge zu gestatten.

Immer dichter rücken die Hänge jetzt heran und scheinen damit für das Auge auch immer höher emporzuragen.

Eine Faust scheint in Jesse Stewarts Magen zu wühlen. Hier kommt – vielleicht – eine Entscheidung auf ihn zu, der er lange ausgewichen ist – viel zu lange. Seit einem halben Jahr wird bereits von dem Pfostengatter am Eingang des Skylight Canyons geredet. Ein fremdes Gatter auf seinem Weideland. Mag sein Besitzanspruch sich auch nur auf ungeschriebenes Squatterrecht begründen – der Skylight Canyon gehört seit mehr als zwanzig Jahren zur Weide der Stirrup Ranch. Erst seit ein paar Monaten ist dieser Anspruch nicht mehr unbestritten. Und sein Gegner heißt Malcolm McReady.

Wird es zur Auseinandersetzung kommen, wenn die kleine Herde der Stirrup Ranch freien Durchzug über ihre eigene Weide fordert?

Als dicht hinter ihm der Hufschlag eines galoppierenden Pferdes erklingt, reißt Jesse den Kopf zur Seite. Gus Skymore drängt seinen zähen Pinto dicht heran und zerrt sich das Halstuch von seinem lederhäutigen, verwitterten Gesicht. Der Schweiß hat tiefe Rinnen in die Staubschicht gegraben. Aus entzündeten Augen blinzelt der alte Weidereiter herüber, nickt dann mit dem Kopf zum Gatter hinüber, das nur noch zweihundert Yards entfernt ist, und krächzt misstönend:

»Boss, wir müssen es aufmachen. Und wenn die Treibgasse nicht breit genug ist, dann nehmen wir ein paar von diesen verdammten Pfosten ans Lasso und reißen sie aus dem Boden. Dieser großspurige Malcolm McReady soll sich nur nicht einbilden, dass wir ...«

Gus Skymore verstummt, als sein Blick auf das Gesicht seines Bosses fällt.

Bei Jesse Stewart reicht es nur zu einem verbissenen Nicken, bei dem man nicht weiß, ob diese Verbissenheit aus Zorn oder Furcht hervorgeht.

»Yeah«, stößt er endlich nach einem Schlucken heiser hervor, »wir reiten. Wir können nicht erst warten, bis die Rinder mit den Nasen an das Gatter stoßen.«

Dann legt er seinem Fuchs ungewöhnlich hart die Schenkel an und treibt ihn in verhaltenen Galopp.

Die Treibgasse befindet sich in der Mitte. Zwischen drei Pfosten sind hier die Querbalken und Stangen nur lose eingehängt, sodass sie jederzeit herauszunehmen sind und dann einen Durchlass von etwa fünfzehn bis zwanzig Yards freilassen. Für eine kleine Herde wie die der Stirrup Ranch reicht das aus.

Jesse bringt seinen Wallach zum Stehen. »Los, weg mit dem Zeug, damit es gar nicht erst eine Stockung gibt!«, knurrt er gepresst. Schon ist Gus Skymore im Begriff, aus dem Sattel zu rutschen, und der Rancher hält nach dem gemächlich herantrottenden Leitstier Ausschau, als er an der rechten Seite der Canyonmündung die Bewegung in den Büschen wahrnimmt.

Selbst mit aller Kraft seiner Beherrschung kann Jesse Stewart nicht verhindern, dass er zusammenzuckt wie unter einem Peitschenhieb. Denn es ist Sling Terrigan, der da am Gatter entlanggejagt kommt, gefolgt von Horace Crimp. Schlimmer hätte es gar nicht kommen können. Diese beiden Burschen aus Malcolm McReadys Double-M-Mannschaft sind das pure Gift. Revolverhelden dieser Art sind jedem Weidereiter überlegen.

Jesse, dem der Ruf eines schnellen und sicheren Revolverschützen vorausgeht, hat sogar einen ganz besonderen Grund, Sling Terrigan zu fürchten. Die jähe Erinnerung presst seinen Atem.

»Verdammt«, murmelt auch Gus Skymore betroffen und setzt sich wieder im Sattel zurecht. »Dass es ausgerechnet diese Revolverschwinger sein müssen!«

Sling Terrigans Apfelschimmel ist aufgezäumt wie ein Zirkuspferd. Der Bursche reitet den widerspenstigen Hengst auf Martingal und Kandare, beides Mittel, um notfalls auch den stärksten Gaul in die Knie zu zwingen. Sling Terrigan jedoch trägt zusätzlich noch schwere, silberne Radsporen, sogenannte Chihuahua-Sporen, deren scharfe Zacken einen Durchmesser von annähernd drei Zoll aufweisen. Die blinkenden Chollars an seinem Lederzeug zeigen zudem mit hinreichender Deutlichkeit, dass dieser Mann nicht auf den Monatslohn eines Weidereiters angewiesen ist.

Er selbst ist ein hagerer, knochiger Bursche von mehr als sechs Fuß Größe, mit fahler, aschfarbener Löwenmähne und ebensolchem Schnurrbart, dessen melancholisch über die Mundwinkel herabhängenden Enden ihm das grämliche Aussehen eines alternden Jagdhundes verleihen. Wie eine breite, grausame Kerbe wirkt sein Mund in diesem unbewegten Gesicht. Am meisten aber beeindruckt der starre Blick seiner wässrigen, etwas hervorquellenden Augen.

Auf der anderen Seite des Gatters reißt er mit hartem Griff seinen Hengst zurück.

»Hallo, Stewart«, sagt er mit lächerlich dünner Stimme und zeigt ein verkniffenes Grinsen. »Auf dem Trail?«

Jesse fährt sich mit der Zungenspitze über seine ausgedörrten Lippen. Die Pause, die dadurch entsteht, ist von Unbehagen und knisternder Spannung erfüllt.

»Mister, du musst ein Hellseher sein«, schnauft Gus Skymore – in dem sicheren Empfinden dafür, dass jede weitere Sekunde nur Zeugnis von der Verwirrung und Unsicherheit seines Bosses ablegt. Und obgleich sein Sarkasmus keinerlei Wirkung erzielt, fährt er fort: »Dass du die Rinder schon entdeckt hast! Weißt du, wir reiten spazieren, und da nehmen wir die Kühe mit, damit sie auch ein bisschen Bewegung haben. Macht ihr es auf der Double-M-Ranch nicht so?«

Horace Crimp, ein kleiner, knorriger Bursche, zieht die Mundwinkel herab und bleckt in einem bösen Grinsen die Zähne.

»Du bist ein Spötter, Skymore«, kichert er blechern. »Auf der Double-M-Ranch gibt es noch andere Arbeit, als Kühe an der Leine zu führen. Beispielsweise haben wir dafür zu sorgen, dass unsere Weidegrenzen von fremden Kuhtreibern respektiert werden. Aber das ist kein schlechter Job, wenn man etwas davon versteht.«

»Schluss mit der Tändelei, Terrigan«, murmelt Jesse rau. »Dies hier ist Stirrup-Weide. Nach Squatterrecht gehört der Skylight Canyon schon seit mehr als zwanzig Jahren zur Stirrup Ranch. Niemand kann uns ...«

»Squatterrecht? Was ist das?«, schneidet Sling Terrigan ihm im gedehnten Tonfall des Texaners das Wort ab.

Jesse Stewart schluckt.

»Hören Sie auf damit, Mann! Wir öffnen jetzt das Gatter und treiben hindurch – das ist alles. Das ist kein Grund, irgendwelchen Verdruss anzufangen.«

»Meinen Sie? Dann versuchen Sie es doch, Stewart«, murmelt der Revolverheld gelangweilt. »Dann können wir uns nämlich ersparen, noch länger über Ihr angebliches Recht zu diskutieren. Aber eins überlegen Sie sich vorher: dass die Stewarts seit zwanzig Jahren stolz und großspurig über diese Weide geritten sind, ist für uns weiß Gott kein Grund, das auch noch länger hinzunehmen. Haben Sie in letzter Zeit Rinder auf dieser Weide gehabt? – Nein? – Dann war sie also frei, und Malcolm McReady hat sie sich mit vollem Recht genommen. Sie befinden sich mit Ihren Kühen auf der Knife-Weide, Mister! Wir sind keine Unmenschen, sonst würden wir schon das zum Anlass nehmen, Sie zurechtzustutzen. Hier am Gatter allerdings hört unsere Geduld auf. Lassen Sie Ihre Kuhtreiber nur absteigen, wenn Sie wollen, dass es rau wird!«

Gus Skymore lässt ein heiseres Stöhnen hören. Im selben Augenblick prasselt von hinten der Hufschlag der anderen Stirrup-Reiter heran. Sam Clanton, Tim Snyder und Allan Pembroke zerren sich die Halstücher von den Gesichtern. Wie staubüberpuderte Teufel bilden sie neben ihrem Boss eine grimmige Reihe.

»Terrigan«, krächzt Jesse Stewart mit schwankender Stimme, »treiben Sie es nicht bis zum äußersten! Wir wollen keinen Streit anzetteln, aber – aber wir lassen uns nicht auf den Zehen herumtrampeln.«

»Da! Daddy!«, ruft in diesem Moment eine schrille Jungenstimme, und von seiner kleinen Remuda her kommt Percy herangaloppiert. Geschmeidig und sicher sitzt er auf seinem zottigen Pinto, schwenkt den Hut und lenkt sein Pferd in halsbrecherischem Tempo von der Seite heran. Mit geübtem Griff pariert er es durch. Da ruft Gus Skymore ihm entgegen:

»Junge! O Hölle, Percy, bleib hier weg! Das ist nichts für dich!«

Percy lässt die Warnung unbeachtet. Auch ohne sie hat er sein Pony bereits etwa zwanzig Schritte vor der Gruppe zum Stehen gebracht, wischt sich jetzt mit einer atemlosen Bewegung das wild flatternde Haar aus der Stirn und keucht:

»Zahle es ihm heim, Dad! Yeah, zeige ihm, dass du ihn jederzeit schlagen kannst – und auch ihr, Jungs!«

»Percy, geh weg hier!«, ächzt nun auch Jesse Stewart. »Du weißt, was ich deiner Mutter habe versprechen müssen. Zurück zur Remuda, Junge, sofort!«

Percys Blicke sind in flammendem Zorn und einem fast gierig zu nennendem Ausdruck auf die beiden Revolverhelden jenseits des Gatters gerichtet. Sie verharren auch bei den Burschen, als er sein Pferd ein Stück rückwärts gehen lässt und wiederum mit überschnappender Stimme keucht:

»Das ist unsere Weide, Dad! Das ist Stirrup-Weide! Was haben diese Strolche mit ihrem Gatter hier zu suchen?! Wir lassen uns nicht den Weg versperren – von niemandem, nicht wahr, Dad?«

Die Augen können kaum der Bewegung von Sling Terrigans Hand folgen, als er mit tödlich glattem Zug seinen protzigen Buntline-Colt in Anschlag bringt. Aber noch ist diese Geste nicht ernst gemeint. Offenbar wollte er damit nur den Männern seine Überlegenheit demonstrieren.

»Yeah, so ist das«, murmelt er mit einem trockenen Nicken. »Den Rest könnt ihr euch sicher allein ausrechnen. Natürlich müssen Sie durch den Skylight Canyon, Stewart. Denn wenn Sie um die Horseshoe Range herumtreiben, würden Sie im Westen die Hälfte Ihrer Rinder auf den Durststrecken verlieren, und im Osten – nun, was Sie noch heil über die Piñon Hills bringen, das würde Ihnen wahrscheinlich im Treibsand des Sandy Creeks verrecken. Aber wir sind keine Unmenschen – freien Durchzug für die Stirrup-Herde ...« Er legt eine Pause ein, um die Überraschung seiner Gegner zu genießen, und setzt dann mit gespieltem Bedauern hinzu: »Nur müssten wir natürlich für die Nutzung unserer Weide und unseres Canyons einen kleinen Wegzoll erheben. Malcolm McReady hat sich schon Gedanken darüber gemacht. Er meint, zwei Dollar pro Kuhschwanz seien ein angemessener Betrag, wenn man berücksichtigt, was Ihnen auf den anderen Strecken alles zustoßen könnte. Für Sie wäre es immer noch erheblich billiger. Überlegen Sie sich den Vorschlag, Mister!«

Der Anblick von Sling Terrigans Gesicht, das in einem kalten Grinsen erstarrt ist, beschwört das Bild einer anderen Szene vor Jesse Stewarts geistigen Auge herauf. Ja, in diesen Sekunden erlebt er das Geschehen noch einmal. Wie ein Kaleidoskop spiegelt seine Erinnerung in raschem Wechsel die Bilder wider.

✰✰✰

Noch sitzt er selbst auf dem Bock des Wagens und schlingt die Leinen um den Bremshebel, als Moira bereits abgesessen ist und den Gehsteigstufen vor dem Store entgegenstrebt. Die Hauptstraße von Great Bend liegt in grellem Sonnenlicht. Es ist die Zeit der Stille bei der größten Mittagshitze, und er hat ganz bewusst diese Stunde für seine Fahrt zur Stadt gewählt. Zu deutlich waren die Anspielungen gewesen, welche Malcolm McReadys Revolverhelden in der Stadt hatten fallen lassen. Und er, Jesse Stewart, hatte keine Lust verspürt, die Krise heraufzubeschwören.

Unvermittelt hört er Moiras spitzen, erstickten Schrei. Er fährt auf dem Bock herum und sieht den großen, hageren Burschen, der Moira mit einem hämischen Grinsen am Arm gepackt hält und dabei leicht schwankend auf den Beinen steht, als ob er betrunken sei. Ja, und in Jesse Stewarts Erinnerung nimmt dieses Grinsen einen ganz ähnlichen Ausdruck an wie jetzt.

»Hände weg, Terrigan!«, hört er sich selbst schreien. »Oh, verdammt, du sollst ...«

»Du großmäuliger Drei-Kühe-Rancher!«, grölt Sling Terrigan zurück. »Kein Mann hat eine hübsche Frau für sich allein gepachtet, wenn Sling Terrigan ins Spiel kommt! Los, verschwinde, du traurige Schießbudenfigur, sonst mache ich dir Beine!«

Sling Terrigan ist allein. Schwankend ist er aus dem kühlen Schatten der Verandaüberdachung aufgetaucht. Mit seltsam unsicheren, tappenden Schritten springt er jetzt auch zur Seite und lässt die Hand auf den Revolverkolben fallen.

»Jesse – nicht!«, ruft Moiras Stimme durch die roten Nebelschleier, die plötzlich vor Jesse Stewarts Augen aufwallen. Aber es ist bereits zu spät.

In jeder Einzelheit sieht er jetzt das Bild wieder vor sich, als ob er nicht selbst einer der Akteure, sondern ein unbeteiligter Zuschauer der Szene gewesen wäre. Es ist ein anderer Jesse Stewart, der sich in wildem Jähzorn herumwirft und vom Bock des Wagens herabschnellt.

Die Mündung seines Colts ist noch nicht einmal aus dem Halfter freigekommen, als Jesse bereits die im grellen Sonnenlicht seltsam dunkle, orangenfarbene Flamme entgegenzuckt.

Merkwürdig, wie viele Empfindungen und Erkenntnisse sich innerhalb einer einzigen Sekunde im Hirn eines Menschen ballen können! Denn er erkennt, dass die vorgetäuschte Trunkenheit nichts weiter als eine Falle war, vielleicht auch eine Rechtfertigung für später. Und er, oder vielmehr dieser andere Jesse Stewart, den er so deutlich vor sich sieht, ist blindlings in diese Falle hineingestolpert. Keinem anderen Zweck diente diese Herausforderung, die Belästigung Moiras durch diesen hageren Revolverhelden.

Aber der Mann, der dann den schmetternden Schlag an seiner Hüfte verspürt, der davon zurückgeworfen wird und mit einem Ächzen zu Boden sinkt, das ist jetzt kein anderer mehr. Das ist er selbst, der alte Jesse Stewart. Jetzt ist nur noch Sling Terrigan im Bild, wie er die Zähne bleckt, mit langen Sprüngen vom Gehsteig herabgefegt kommt und die Distanz von zwanzig Yards durchmisst. Deutlich ist der dünne Rauchfaden zu erkennen, der sich aus dem Lauf seines versilberten Buntline-Colts kräuselt.

Die Bewegungen eines Mannes, dem eine fünfundvierziger Kugel in der Hüfte steckt, sind von zeitlupenhafter Langsamkeit. Wie in einem Alptraum sieht Jesse Stewart sich selbst, wie er mit letzter Kraft die Waffe hebt und sie zitternd nach oben richtet – dem heranstürmenden Sling Terrigan entgegen. Wie aus weiter Ferne hört er einen erstickten, verzweifelten Schrei Moiras, sieht den herabsausenden Revolverlauf und besitzt doch nicht die Kraft, dem erbarmungslosen Hieb auszuweichen. Ein kaltes, selbst im höllischen Revolverkampf noch beherrschtes Grinsen blitzt ihm entgegen, er glaubt den Atem des Mannes im Gesicht zu spüren – und dann folgt der betäubende Schlag, der sein Bewusstsein auslöscht und ihn in einen finsteren, bodenlosen Schacht stürzen lässt.

✰✰✰

Sekunden nur haben diese lebenden Bilder aus Jesse Stewarts Erinnerung in Anspruch genommen, aber als er aus diesem Alptraum aufwacht, ist er in Schweiß gebadet. Ohne sich dessen bewusst zu sein, presst er die Linke auf jene Stelle an seiner Hüfte, an der Doc Millaney ihm die Kugel herausgeschnitten hat.

Und das dünne Grinsen ist immer noch da – mitleidlos, kalt, teuflisch, als ob Sling Terrigan die entnervende Wirkung genau einkalkuliert hätte.

Diesmal jedoch gehört das Grinsen nicht einem Alptraum und der Vergangenheit an, sondern es ist Wirklichkeit, Gegenwart und Drohung zugleich. Der Revolverheld scheint zu ahnen, was Jesses instinktive Bewegung zur Hüfte zu bedeuten hat.

»Wollen Sie's wirklich noch einmal versuchen, Stewart?«, klingt seine dünne Kastratenstimme, die im Vergleich zu seiner Größe lächerlich wirkt. »Dann hören Sie nur auf diese Narren! Was kann es ihnen schon ausmachen, wenn ich Sie zuerst aus dem Sattel hole? Dass ich auf diese kurze Distanz diesmal besser treffen werde, können Sie sich wohl ohnehin ausrechnen – oder? Los, warum fangen Sie nicht endlich an, Mister?!«

Das Ende kommt rasch – und kläglich. Jesse Stewarts Hand beginnt plötzlich zu zittern. Er spreizt die Finger und wischt die schweißfeuchte Handfläche an seinem Hemd ab. Ein paarmal fährt er unschlüssig damit über seine Rippengegend, dann schnauft er mit einem ärgerlichen, gekünstelten Auflachen, das in der Erregung rau und heiser klingt:

»Nein, Terrigan – das wird Malcolm McReady nicht erleben, dass ein Stewart an ihn Wegzoll zahlt! Aber ich tue ihm auch nicht den Gefallen, meine Jungs hier in einem sinnlosen Kampf aufzureiben. Die werden noch an anderer Stelle und bei besserer Gelegenheit gebraucht. Sagen Sie McReady, dass ich noch lange nicht aufgebe. Sagen Sie ihm, er soll sich nicht zu diesem Irrtum verleiten lassen, nur weil ich mir selbst den richtigen Zeitpunkt vorbehalte und mich nicht in eine raue Sache hineinjagen lasse ...«

Jesse muss schlucken; er tut es mit einer heftigen Kopfbewegung, und allein diese kleine Geste macht mehr als alles andere deutlich, wie verkrampft er vor sich selbst, vor der Mannschaft und vor den beiden Revolverschwingern nach einer Rechtfertigung und einer halbwegs glaubhaften Ausrede für seinen Rückzug sucht.