Hilfe, ich heirate! – oder: Ordnung ist nur das halbe Leben - Emma Flint - E-Book

Hilfe, ich heirate! – oder: Ordnung ist nur das halbe Leben E-Book

Emma Flint

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Beschreibung

Kann mir mal jemand meine Eltern abnehmen? Gäbe es ein Handbuch für ein Bilderbuchleben, hätte Moni wohl alles richtig gemacht: Sie hat einen vielversprechenden neuen Job als Finanzspezialistin und wird schon bald ihren Freund Jens heiraten. Aber warum meinen ihre Eltern, sich dann immer noch ständig in alles einmischen zu müssen? Doch nicht nur sie rauben ihr den letzten Nerv, auch Jens scheint etwas zu verbergen – und das bringt Moni bald so durcheinander, dass ihr Liebesleben plötzlich genauso auf dem Spiel steht wie ihr Job. Eine weitere Ablenkung ist der süße Lennart, der ganz ungebeten in ihr Leben getreten ist … und an den sie natürlich jeden Gedanken konsequent vermeidet! Zum Glück hat Moni zwei gute Freundinnen, die ihr garantiert helfen werden, das Chaos im Zaum zu halten – wenn sie es nicht schlimmer machen …  Eine spritzige RomCom für Fans von Anne Barns und Sophie Kinsella.

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Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

Gäbe es ein Handbuch für ein Bilderbuchleben, hätte Moni wohl alles richtig gemacht: Sie hat einen vielversprechenden neuen Job als Finanzspezialistin und wird schon bald ihren Freund Jens heiraten. Aber warum meinen ihre Eltern, sich dann immer noch ständig in alles einmischen zu müssen? Doch nicht nur sie rauben ihr den letzten Nerv, auch Jens scheint etwas zu verbergen – und das bringt Moni bald so durcheinander, dass ihr Liebesleben plötzlich genauso auf dem Spiel steht wie ihr Job. Eine weitere Ablenkung ist der süße Lennart, der ganz ungebeten in ihr Leben getreten ist … und an den sie natürlich jeden Gedanken konsequent vermeidet! Zum Glück hat Moni zwei gute Freundinnen, die ihr garantiert helfen werden, das Chaos im Zaum zu halten – wenn sie es nicht schlimmer machen …

eBook-Neuausgabe Oktober 2025

Dieses Buch erschien bereits 2013 unter dem Titel »Ordnung ist nur das halbe Leben« im Wilhelm Heyne Verlag.

Copyright © der Originalausgabe 2013 by Wilhelm Heyne Verlag, München

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: A&K Buchcover, Duisburg, unter Verwendung eines Bildmotives von depositphotos/BiancoBlue, depositphotos/Forgem, depositphotos/QtraxDzn, depositphotos/[email protected]

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ma)

 

ISBN 978-3-69076-114-7

 

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Emma Flint

Hilfe, ich heirate!

Roman

 

Kapitel 1

 

Der ganze Schlamassel mit meinen Eltern begann am Tag meiner Geburt. Es hatte lange nicht geklappt bei ihnen mit dem Kinderkriegen, und der Arzt hatte ihnen zu einem Tapetenwechsel geraten. Da sie es schon bei einem romantischen Wochenende in Paris, mehrfach in ihrem Dauerurlaubsort an der Costa Brava und zigmal zu Hause probiert hatten, wagten sie einen radikalen Tapetenwechsel und reisten auf den Selbstfindungssubkontinent, nach Indien. Berauscht von den Farben, den Menschenmassen und dem Duft nach Curry, Abgasen und Müll, vergaßen sie allen Stress und zeugten mich nach einer ausgiebigen Shoppingtour auf den seidenen Laken des Maharashtra Garden Resort. An diesem Tag wurde der Grundstein gelegt für eine Sammlung bizarrer Souvenirs – und für mich.

Überwältigt von ihren Gefühlen der Dankbarkeit, ließen sie sich bei meiner Geburt dazu hinreißen, mich nach dem Zeugungsort und dem Zeugungstag zu nennen. Mit anderen Worten: Sie brachten es tatsächlich fertig, mich auf den Namen Puna Monday Steckelbach zu taufen. Mein kleiner Bruder dagegen hatte mehr Glück. Der hieß Hannes. Warum der nicht nach seinen Zeugungsdaten benannt worden war, wollte ich von meinen Eltern wissen, kurz nachdem ich über die Vorgänge aufgeklärt worden war, die zur Entstehung von neuem Leben führten – also mit fünf.

»Nee, Puna«, sagte meine Mutter, »Köln-Porz Donnerstag klingt ja fürchterlich. Das kann man einem Kind nicht antun.«

Ich trug also einen Hippienamen, obwohl meine Eltern noch nicht mal Hippies waren. Was für eine unsinnige Aktion! Aber ich arrangierte mich mit meinem Namen. Seit der Grundschule erwähnte ich ihn nie wieder. Ich nannte mich Moni. Wenn ich erst mit Jens verheiratet wäre, wäre mein Name perfekt: Moni Hill. Mit meinen Eltern kam ich gut klar. Vor allem wenn ich nichts mit ihnen zu tun hatte.

 

Eine Zeit lang war es auch tatsächlich prima zwischen uns gelaufen, und zwar genau genommen seit ich nach dem Abitur ausgezogen war bis letztes Jahr im Juni. Da machte Jens, mit dem ich seit acht Jahren zusammen war, mir an meinem achtundzwanzigsten Geburtstag einen Heiratsantrag. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund fassten das meine Eltern als Aufforderung auf, wieder mit dem anzufangen, was sie am besten konnten: sich in mein Leben einzumischen. Das hatten sie schon immer gerne gemacht. Von Anfang an.

Das betraf mein Aussehen:

»Kurze Haare sind für Kinder am praktischsten.« – Ich sah mit meinem ausrasierten Nacken aus, als ob ich Jagd auf den Vietcong machen wollte.

Das betraf meine Kleidung:

»Kinder müssen fröhlich angezogen sein.« – Die schrillen Outfits von Lady Gaga waren nichts gegen die Farbenpracht meiner Klamotten.

Das betraf mein Spielzeug:

»Die Natur macht die schönsten Spielsachen.« – Meine Eltern waren der Überzeugung, dass Wasser, Sand, Matsch, Stöcke und Steine als Beschäftigungsobjekte völlig ausreichten. Was für ein Blödsinn! Es ist doch allgemein bekannt, dass Eltern überhaupt keinen Schimmer davon haben, was Kinder brauchen und was nicht. Für mich gab es jedenfalls nichts Sinnvolleres als den Princess-Coralie-Schminkkopf samt Kosmetikkoffer und die Barbie-Hochzeitskutsche. Aber was bekam ich, wenn meine Eltern doch mal in einen Spielzeugladen gingen? Fantasie und Enttäuschung anregendes Pädagogenspielzeug aus unlackiertem Kiefernholz. Bah!

Auch in meine Freizeitbeschäftigungen mischten sie sich ein. »Es gibt nichts Besseres für Kinder, als draußen zu spielen«, behaupteten sie und sahen überhaupt nicht ein, dass meine Anwesenheit in meinem Zimmer zwingend erforderlich war, weil meine Barbie Kimberley, die mir Tante Marianne unter den missbilligenden Blicken meiner Eltern geschenkt hatte, gerade eine harte Zeit im Internat durchlebte. Sie schickten mich vor die Tür. Immer. »Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung«, sagten sie ungerührt, wenn ich wegen Platzregen oder Graupelschauern um Gnade bat.

Meinem Bruder machte auch das fürchterlichste Wetter nichts aus; er streifte liebend gerne herum, auf der Suche nach Tierkadavern oder knotigen Ästen oder Wurzeln, die aussahen wie Monster. Bei seiner schlammüberströmten Rückkehr wurde er von meinen Eltern für seine Funde immer über den grünen Klee gelobt, ganz so als wäre er ein abgerichteter Hund, der seinem Herrchen die Jagdbeute vor die Füße legte.

Natürlich wollte ich auch gelobt werden. Also begab ich mich ebenfalls auf die Pirsch. Von platt gefahrenen Fröschen und Mäuseleichen hielt ich mich natürlich fern. Ich wollte etwas richtig Tolles finden. Als ich auf dem Damm im Gras ein echtes Markstück entdeckte, wusste ich, dass meine Stunde gekommen war. Meine Eltern hatten recht gehabt. Im Freien spielen war das Allerbeste! Ich müsste einfach nur lange genug draußen sein, dann würde ich auf einen echten Schatz stoßen, meine Eltern würden sich gar nicht mehr einkriegen vor Freude über ihre schlaue Tochter, und ich würde mir all die schönen Spielsachen kaufen können, die ich schon immer haben wollte. Wenn das nicht genial war!

Anfangs suchte ich den Schatz im Sandkasten, entdeckte aber nur die klumpigen Hinterlassenschaften unserer Katzen. Dann lief ich jeden Tag mit auf den Boden gehefteten Augen den Radweg oder den Damm entlang und stürzte mich auf alles, was blinkte. Dabei fand ich aber nur Stanniolpapier aus Zigarettenschachteln, Dosenverschlüsse und anderen Müll. Also verlagerte ich meine Suche auf die Wiese hinter unserem Haus. Es war eine Streuobstwiese, ungefähr zwei Fußballfelder groß, die auf den ersten Blick idyllisch aussah, sich aber bei genauerem Hinsehen als feindliches Terrain entpuppte. Die Schatzsuche war überaus beschwerlich. Überall krabbelte und summte es. Man lief Gefahr, von Wespen, Bienen oder Mücken gestochen zu werden, die harten Gräser schnitten einem in die Hand, Disteln und Brombeeren schlitzten einem Beine und Arme auf, und Brennnesseln taten ihr Übriges. Außerdem war der Boden sowieso zu hart, als dass ich mit dem großen Spaten meines Vaters etwas hätte ausrichten können. Ich kam nicht mal knöcheltief in die Erde rein.

Frustriert von der Widerspenstigkeit der Erdkruste und genervt von dem zänkischen Dickicht am Boden kletterte ich auf einen Apfelbaum. Der Ausblick war schön, auch wenn ich leider von oben ebenfalls keinen Hinweis auf einen Schatz entdeckte. Das Blödeste aber war, dass ich alleine nicht wieder runterkam. Mein Bruder und meine Kusine Anja, die ein Jahr jünger war als ich, sahen mich, lachten und fingen dann an zu singen: »Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ’ne kleine Wanze.« Dann liefen sie davon, um auf Engels Weide ein paar sonnengetrocknete Kuhfladen zu holen, mit denen sie mich beschmeißen konnten. Ich brüllte um Hilfe.

Unser Nachbar, Herr Engels, rettete mich schließlich. Das war mir auch lieber, als wenn meine Eltern gekommen wären. Sie hätten es vermutlich als sportliche Herausforderung und moralische Lehre gesehen, mich alleine runterklettern zu lassen.

»Wer alleine hochkommt, muss auch alleine runterkommen«, sagten sie gerne, genau wie: »Ein paar Schrammen sind das sicherste Zeichen, dass man ein Abenteuer erlebt hat.«

Sollten sie doch selbst Abenteuer erleben! Machten sie natürlich nicht. Sie saßen gemütlich in ihren Sesseln und tranken Tee. Als mir das eines Tages bewusst wurde, wurde ich stutzig. Ich ließ mir nichts anmerken, aber der Samen des Zweifels an den Aussagen meiner Eltern war gesät.

Trotzdem gab ich noch nicht auf. Der Schatz wartete irgendwo auf mich; ich wusste es. Doch dann kam der Tag, an dem ich von einer Wespe gestochen wurde und mein Fuß anschwoll wie eine Apfelsine. Meine Eltern meinten, das sei reiner Zufall. Diese Wespe habe vorher von einer mit Pestiziden besprühten Blüte genascht, nur deswegen sei es möglich, dass mein Körper so reagiere.

Aber Tante Marianne sagte: »Nein, das Kind ist allergisch, und es ist lebensgefährlich, es draußen rumlaufen zu lassen.«

Meine Mutter hielt dagegen, dass meine ungewöhnliche Reaktion vielleicht auch nur von den Weichmachern in dem fiesen Plastikspielzeug komme, das mir Tante Marianne gekauft und das mich schon vergiftet habe.

Da ich Sorge hatte, dass meine Eltern mir meine schönsten Spielsachen wegnehmen würden, beruhigte ich alle und behauptete, der Stich sei überhaupt nicht schlimm und niemand solle sich Sorgen machen, es sei bestimmt wirklich nur Zufall gewesen.

Aber als mir Tante Marianne unter vier Augen sagte, ich könne jederzeit nachmittags zu ihr kommen und in Anjas Zimmer mit ihren Spielsachen spielen, die diese ja aus unerfindlichen Gründen sowieso nicht benutzte, da war ich unheimlich erleichtert. Anjas Spielzeugsammlung war legendär. Sie hatte all das, was ich mir immer erträumt hatte: ein großes Puppenhaus, Pferde samt Kutsche von Barbie und ein Set Putzgeräte mit Besen, Mini-Wischmopp und einem süßen kleinen Plastikstaubsauger, der sogar die typischen Geräusche machte. Aber Anja machte sich nichts aus dem ganzen Zeug, sondern spielte lieber freiwillig draußen.

Also gewöhnte ich mir an, meinen Eltern zu sagen, dass ich draußen spielen würde, um dann ein paar Straßen weiter zu meiner Tante zu laufen. Die freute sich, dass sie mit mir wenigstens »ein Mädchen« im Haus hatte. Wir sangen Lieder, kochten zusammen, und zur Belohnung für streifenfreies Putzen des Spiegels in der Diele bekam ich ein Dolomiti, bei dem die Kühlkette einwandfrei eingehalten worden war. Anders als bei uns zu Hause, wo Tiefkühlware gerne mal zwanzig Minuten rumstand, bevor sie ins Eisfach gesteckt wurde.

Tante Marianne schenkte mir auch die fast ungetragenen Kleider meiner Kusine, die Anja nicht mehr passten (sie war zwar ein Jahr jünger, aber schon immer ein ganzes Stück größer als ich) und die wirklich geschmackvoll waren im Gegensatz zu den bunten Fetzen, die meine Eltern für mich aussuchten. Zum ersten Mal verstand ich den Sinn des Satzes »Kleider machen Leute«, den Tante Marianne zu sagen pflegte. Ich wurde plötzlich viel weniger gehänselt in der Schule als vorher. Und Tante Marianne überzeugte ihre Schwester – meine Mutter – in einem großen Streit, dass ich mir die Haare wachsen lassen durfte.

Da es typisch war für meine Eltern, ihre Vorschriften als Vorschläge zu tarnen, behauptete meine Mutter hinterher, sie habe mir nie verboten, meine Haare wachsen zu lassen, sie habe nur das Beste für mich und mein feines, dünnes Haar gewollt, das einfach nicht geeignet sei für eine Langhaarfrisur. Mit zehneinhalb konnte ich zum ersten Mal eine Haarspange benutzen, die Sinn machte, und mit zwölf konnte ich mir endlich einen Pferdeschwanz binden. Es sah zwar nicht besonders gut aus – dafür war mein Haar tatsächlich etwas zu fein und dünn, aber ich betrachtete es dennoch als Erfolg. Nur die schnippischen Bemerkungen meiner Mutter nervten. Sie bemängelte zum Beispiel die Dauer des Trocknens nach dem Waschen und zwang mir eine Mütze auf, oder sie behauptete, dass es immer ziepe, wenn man lange Haare kämmt.

»Wenn mir Tante Marianne die Haare kämmt, ziept es nicht«, konterte ich, und daraufhin weigerte sich meine Mutter, mir fortan bei der Haarpflege zu helfen. Und das verbuchte ich dann wirklich als Erfolg, auch wenn ich nicht umhinkam, weiterhin ihre mäkelnden Blicke zu ertragen.

 

Als ich zu Hause auszog, reduzierten sich naturgemäß die Gelegenheiten für ungebetene Ratschläge und sinnlose Empfehlungen drastisch, und ich hoffte deswegen fälschlicherweise, meine Eltern hätten eingesehen, dass ich erwachsen war und mein eigenes Leben lebte. Doch seit dem Heiratsantrag drängten sie sich wieder monumental in den Vordergrund und setzten damit alles aufs Spiel, was mir wichtig war: meinen Mann und meinen Job.

Auf ihren oberpeinlichen Fernsehauftritt im letzten Sommer, der unsere Verlobungsfeier zu einer Katastrophe werden ließ, komme ich später. Zunächst möchte ich von dem Vorfall berichten, der dazu führte, dass mein neuer Job bei der Höveler & Wulf Vermögensverwaltungs-AG nach gerade überstandener Probezeit plötzlich wieder in Gefahr war.

Es passierte am Freitag, den 2. März. Mein Verlobter (ich liebe dieses Wort!) verbrachte die Mittagspause mit mir, anstatt wie sonst üblich mit seinem Chef. Auf dem Weg zu unserem Café nahm ich Jens’ kräftige Hand und freute mich im Stillen, dass unsere Arbeitsplätze beide am Kölner Neumarkt lagen. An diesem Tag war ich nämlich ziemlich nervös, weil ich nachmittags eine Konzeptpräsentation für einen neuen potenziellen Mandanten aus der Abteilung Superreich machen musste. Ich hatte mir extra einen neuen Hosenanzug von Betty Barclay gekauft, der fast so schön war wie der von Valentino, der bei meinem Bewerbungsgespräch einen unschlagbaren Eindruck hinterlassen hatte. Trotzdem wollte ich mir für meinen Vortrag noch ein paar Tipps von Jens geben lassen, der bei so was total cool und souverän war.

»Bitte«, sagte er und hielt mir die Tür zum Café auf. Er war ein echter Gentleman und sah sehr gut aus. Mit dunkelbraunen, dichten kurzen Haaren, die er akkurat zur Seite kämmte, graugrünen Augen hinter einer eckigen Hornbrille, einer eher kurzen Nase und einem Mund, dessen Winkel nach oben zeigten, sodass er immer ein bisschen aussah, als würde er lächeln. Er war einen Meter zweiundachtzig groß und damit perfekt für mich, um mit meinen eins achtundsechzig zu ihm aufzuschauen. Er trug meistens Anzüge in Grautönen, was gut mit seinen Augen harmonierte und ihm eine noch vertrauenswürdigere Ausstrahlung gab. Wir bestellten Milchkaffee und Vollkornbrötchen mit Putenbrust und Salat.

»Also, worauf muss ich gleich besonders achten?«, fragte ich, dabei wusste ich eigentlich schon, dass ich vor allem langsam und deutlich reden und mich an mein Konzept halten sollte, aber auch auf Zwischenfragen gefasst sein musste.

»Bei dir klingt es immer so einfach«, sagte ich, nachdem Jens seine Ausführungen abgeschlossen hatte.

Er lachte geschmeichelt. »Ist es ja auch.«

»Für dich vielleicht«, stöhnte ich.

»Immerhin siehst du in dem Ding da ganz passabel aus.« Er deutete auf meinen neuen Hosenanzug.

»Danke! Jetzt muss ich gleich nur noch eine Schicht Make-up auftragen, um hektische rote Flecken zu überdecken.«

»Dabei fällt mir was ein«, wechselte Jens plötzlich das Thema. »Guck mal hier. Was habe ich da?«

»Wo?«

»Na, hier!« Er zeigte auf seinen Hals. Ich sah nichts und beugte mich deswegen näher zu ihm.

»Nicht so auffällig«, zischte er leise. Ich setzte mich wieder aufrecht. »Da, siehst du nicht diesen Fleck?« Er zeigte auf einen winzigen Punkt über seinem Kragen.

»Doch, jetzt sehe ich ihn. Undeutlich, aber ich sehe ihn.«

»Der ist neu, oder?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Vielleicht hast du ihn auch schon länger, und er ist dir nur nicht aufgefallen.«

»Oh Gott«, stöhnte er. »Meinst du wirklich?«

»Ich weiß es nicht!«

»Aber was könnte das sein?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Geh zum Hautarzt, wenn du dir Sorgen machst.«

»Ja, ich glaube, das muss ich dann wohl machen.« Er seufzte, als stünde er schon mit einem Bein im Grab.

»Komm, Hase. Das wird schon nichts Schlimmes sein.« Ich tätschelte beruhigend seinen Arm.

Immerhin führte sein Anfall von Unsicherheit dazu, dass ich mich plötzlich souveräner fühlte. So konnte der Supermandant kommen! Als wir aus dem Café gingen, betrachtete ich Jens’ Hals noch mal von Nahem. Dann fing ich an zu lachen.

»Was ist?«, herrschte er mich an.

»Süßer, das ist Filzstift. Ein kleiner Punkt von einem schwarzen Rollerpoint.«

»Echt jetzt?«

Ich nickte und sagte geschäftsmäßig: »Ich verschreibe Ihnen Wasser und Seife, dann sind Sie geheilt.«

»Danke, Frau Doktor!« Er lächelte erleichtert. »Ich wusste, dass Sie die Beste sind in Ihrem Fachgebiet.«

»Stets gerne zu Diensten, Herr Hill.«

Wir küssten uns kurz. »Meine Eltern haben gesagt, dass sie heute Mittag hier in der Nähe wären«, sagte ich. »Sie wollten Banjo mitbringen.«

»Oha«, machte Jens.

Banjo war mein Jack-Russell-Terrier, für den ich aufgrund der langen Arbeitszeiten unter der Woche nicht genügend Zeit hatte, was mir ein schrecklich schlechtes Gewissen bereitete. Aber da Jens sich von vornherein geweigert hatte, sich um meinen Hund zu kümmern (dies und »weder Hundehaare noch Hundegeruch in der Wohnung« waren seine Bedingung für eine gemeinsame Wohnung gewesen), blieb mir nichts anderes übrig, als meine Eltern zu fragen, ob sie Banjo während der Woche bei sich aufnehmen. Am Wochenende kam er zu uns, und wegen meines peniblen Hygieneplans hatte Jens auch nichts zu beanstanden. Für meine Eltern war es zum Glück kein Problem, ein Haustier mehr aufzunehmen. Erstens bot der ehemalige Bauernhof genug Platz, und zweitens arbeiteten beide überwiegend von zu Hause aus.

Mein Vater war staatlich geprüfter Restaurator und restaurierte für das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum antike Statuen und Möbel in seinem Atelier, das in der ehemaligen Scheune untergebracht war. Meine Mutter arbeitete als freie Journalistin für diverse Frauenzeitschriften, wobei ich die Bezeichnung »Journalistin« immer etwas übertrieben fand, da sie hauptsächlich Seitensprungs- und Krankheitsdramen der Kategorie »Mein Leben, mein Schicksal« schrieb, deren Wahrheitsgehalt niemand überprüfte und die sich auch in einem Groschenroman gut gemacht hätten.

Sie freuten sich, dass sie auf Banjo aufpassen durften, aber noch mehr begrüßten sie die Tatsache, dass ich jetzt zweimal die Woche vorbeikommen musste, um sonntagabends Banjo zu bringen und freitagabends wieder abzuholen. Bei der Gelegenheit konnten sie mir die neuesten Entwicklungen in meinem Leben aus der Nase ziehen und Ratschläge mit auf den Weg geben wie, dass ich auf keinen Fall mehr Margarine essen dürfe, weil die gehärteten Pflanzenfette darin total ungesund seien, oder dass ich keine schwarze Kleidung mehr kaufen könne, weil da laut einem Fernsehbericht unheimlich viele Giftstoffe drinsteckten, oder dass ich beim Kauf von Dielen immer auf irgendein Zertifikat zum Schutz der Regenwälder achten solle. Sie liebten es nämlich, die Welt mit ihren Weisheiten und ihrem neu gewonnenen Halbwissen zu beglücken. Aber all das nahm ich auf mich für meinen Hund, der dort totale Verwöhnung (futtertechnisch) und einen sehr großen Freiraum (auslauftechnisch) genoss und sehr vergnügt schien. Aber ich vermisste ihn natürlich sehr, und deswegen hätte ich ihn gerne an diesem Tag gesehen.

»Wartest du noch einen Moment mit mir?«, fragte ich meinen Verlobten.

»Nein, Möhrchen, ich muss los«, sagte Jens.

Ich schaute auf die Uhr. »Aber du hast doch noch zehn Minuten Pause.«

»Ich muss noch was vorbereiten«, sagte er, küsste mich auf die Stirn und eilte Richtung Saldo-Bank, in der er Leiter der Kundenbetreuung war. »Und lass dich nicht ärgern!«, rief er mir noch zu.

Ich musste lächeln. Er war so süß! Und ich konnte wirklich verstehen, dass er meinen Eltern lieber aus dem Weg ging. Das hätte ich auch gemacht, wenn sie nicht meine Eltern gewesen wären.

Weil ich ebenfalls noch ein paar Minuten Zeit hatte bis zu dem Termin mit unserem neuen möglichen Mandanten, hielt ich Ausschau nach meinem Hund. Es wäre schön gewesen, kurz sein niedliches Gesicht mit den lustigen Augen zu sehen und sein struppiges braun-weißes Fell zu streicheln. Doch ich konnte ihn nirgends erblicken. Nun denn, das wäre auch wirklich ein Zufall gewesen, dachte ich und wandte mich zum Gehen.

Da hörte ich plötzlich merkwürdige Geräusche, die ich nach ein paar Sekunden als Trillerpfeifen, Rasseln und Trommeln identifizierte. Eine Gruppe Demonstranten war am anderen Ende des Platzes aufgetaucht und kam in meine Richtung. Wogegen sie protestierten, konnte ich nicht erkennen, es war mir auch herzlich egal. Ich wollte schon zu meinem Büro eilen, da erregte eine Person in der ersten Reihe meine Aufmerksamkeit. Sie trug einen roten Poncho. War das etwa – meine Mutter?

In ihrem letzten Urlaub in Bolivien hatte sie sich (wie immer) in die landestypische Kleidung verliebt. Dass sie jedes Mal mit folkloristischen Gewändern aus der Ferne zurückkehrte, hatte zwei Gründe: Erstens wiesen diese meist recht abenteuerliche Kolorierungen auf, und meine Mutter fand farbenprächtige Kleidung eben nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene angemessen. Und zweitens fiel sie damit natürlich auf wie der sprichwörtliche bunte Hund, was wiederum bei Anwesenden zu Fragen führte wie: »Wie um alles in der Welt kann man nur so rumlaufen?« Oder – und das war eher das, was die Leute laut fragten: »Wo bekommt man denn solche Kostüme?« Und das war dann der perfekte Auftakt für einen detaillierten Reisebericht, den meine Eltern wie nach einem einstudierten Skript vorbrachten und beliebig oft reproduzieren konnten, einschließlich der eingestreuten Lacher meiner Mutter über die Pointen, die mein Vater mit seiner Laientheaterstimme vorbrachte. Die Reise nach Indien, auf der ich gezeugt wurde, hatte damals auf meine Eltern wie ein Aphrodisiakum gewirkt, auch was die Liebe zu exotischen Ländern anging.

»Wenn wir Indien geschafft haben, schaffen wir alles«, pflegten sie zu prahlen, als ob sie damals auf eigene Faust einen tollkühnen Survivaltrip durch die finstersten Gebiete des Subkontinents gemacht hätten und nicht eine geführte Gruppenreise im klimatisierten Bus. Jedenfalls waren sie der Auffassung, dass sie die ganze Welt bereisen müssten und sich auch überall zurechtfänden, solange es nur ein »Minimum an Infrastruktur« gäbe. Damit meinten sie eine Fünf-Sterne-Anlage, die sie nur zu organisierten Trips zu verlassen brauchten. Denn auch wenn sie zu Hause nicht gerade Wert auf Hygiene legten (weil sie Besseres zu tun hatte, als dauernd zu putzen, wie meine Mutter immer sagte), bevorzugten sie in der Fremde das Sicherheitsgefühl, das ihnen ein luxuriöses Ambiente mit Annehmlichkeiten wie Reinigungspersonal, Zimmerservice und hauseigener Cocktailbar vermittelte. Aber am meisten genossen sie ihren Urlaub sowieso zu Hause – dort, wo die bewundernden Blicke und neugierigen Fragen von Nachbarn, Freunden und Verwandten auf sie warteten und sie ihre extravaganten Reisen jedes Mal in aller Ausführlichkeit schildern konnten.

Bei der letzten Reise hatte meine Mutter einen knallroten Poncho aus Alpakawolle und einen dieser runden, schwarzen Hüte gekauft, wie sie die Frauen in den Anden trugen. Er stand meiner Mutter nicht schlecht, vor allem verdeckte er ihre neue auberginefarbene Fransenfrisur, die sie sich in einem übereilten Entschluss von ihrem Friseur hatte aufschwatzen lassen.

Auch mein Vater war auf den Hut gekommen und hatte sich ein Indiana-Jones-Modell zugelegt, das er gerne mit seiner geliebten Lederjacke kombinierte. Immerhin verkniff er es sich, mit einer Peitsche rumzufuchteln. Mit seinen grau melierten kinnlangen Haaren, die er mit etwas Gel zurückkämmte, und seinem Bartensemble, bestehend aus einem gezwirbelten dunklen Schnurrbart und einem weißen Kinnbärtchen, sah er ein bisschen aus wie ein spanischer Edelmann. Allerdings hatte er sich in letzter Zeit etwas gehen lassen und einen ziemlich runden Bauch bekommen. Da er ansonsten immer noch recht schlank war, sah es jetzt so aus, als klammerte sich unter seinem Hemd ein dicker Koalabär an seiner Taille fest.

Eine zierliche Frau im roten Poncho und ein großer beleibter Mann mit Hut – das konnten nur meine Eltern sein. Banjo entdeckte ich nun auch, der – zu meiner Erleichterung – an der Leine vor ihnen her lief. Jetzt konnte ich auch die Plakate lesen und entzifferte folgende Forderung auf dem Spruchband, das vornweg getragen wurde: Keine neue Landebahn. Das Plakat, das mein Vater trug, hatte die Aufschrift: Natur statt Beton!

Meine Eltern auf einer Demo! Das war ja mal wieder ganz was Neues. Aber Überraschungen aller Art waren ihre Spezialdisziplin. Sie machten gerne aus allem ein Geheimnis, um dann ganz plötzlich mit einem neuen Hobby, einem neuen Outfit oder irgendeiner anderen wahnwitzigen Idee um die Ecke zu kommen und sich an den verwunderten Mienen ihrer Familie, Freunde und Bekannte zu ergötzen. Jetzt protestierten sie also gegen den geplanten Flughafenausbau.

Der Flughafenausbau!

Plötzlich wurde mir heiß. Sie dürfen mich hier nicht sehen, schoss es mir durch den Kopf. Oder anders gesagt: Ich durfte auf keinen Fall in dieser Situation mit meinen Eltern gesehen werden! Das würde sich gar nicht gut machen – weder bei unserer empfindlichen Klientel noch bei unserem reizbaren Chef. Zum Glück waren sie noch weit genug weg auf dem Platz, jenseits der dreispurigen Straße. Ich würde es schaffen, in mein Büro zu verschwinden, ohne dass ein zufällig vorbeischlendernder Kollege die verhängnisvolle Verbindung zwischen mir und den Demonstranten entdecken und weitertratschen konnte.

Ich drehte mich um, um zu unserem Bürogebäude zu hasten, da trat ausgerechnet mein Chef aus einem Straßencafé. Er kniff wegen der Sonne die Augen zusammen, und ich dachte, ich könnte noch unbemerkt vorbeischlüpfen, da rief er schon: »Hallo, Moni!«

Ich zwang mich stehen zu bleiben, obwohl alles in mir schrie: Lauf!

Zacharias Höveler kam auf mich zu, leicht gebräunt und federnden Schrittes, ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen. Die Sonnenstrahlen reflektierten sich in seiner Armani-Sonnenbrille, die er in seinem kurzen, braunen Haar stecken hatte wie ein Krönchen. Er trug einen dunkelblauen Maßanzug. Das silberne Dreieck des akkurat gefalteten Einstecktuchs schimmerte auf seiner Brust wie ein Orden der Eleganz.

Neben ihm ging ein großer, schlanker Mann mit aschblondem, kurzem Haar, deutlich lässiger gekleidet mit Jeans, kariertem Hemd und Cordjackett und mit dem entspannten Gesichtsausdruck eines Menschen, der bei niemandem einen guten Eindruck erwecken musste, da sein Bankkonto dies schon für ihn erledigte.

»Moni, darf ich Ihnen unseren neuen Mandanten vorstellen, Herrn Gunther Bogert«, sagte Höveler mit dieser Stimme voll jovialen Selbstbewusstseins, das man haben muss, um Leute dazu zu bringen, ihr Vermögen in unsere Hände zu legen.

Das war er also. Der neue Supermandant, den mein Chef schon seit Wochen umgarnte. Gunther Bogert, der schwerreiche Besitzer der Hotelkette Bogerts Best. Und Hauptinvestor des Flughafenausbaus.

Ich gab ihm die Hand. »Schön, dass Sie Höveler & Wulf Ihr Vertrauen schenken«, sagte ich nervös.

»Noch habe ich mich nicht entschieden«, erwiderte Bogert, ohne eine Miene zu verziehen. »Muss erst sehen, ob Sie mein Vertrauen verdienen.«

In diesem Moment schwollen die Trillerpfeifen und Rasseln der Demonstranten zu einem Dröhnen an. Die Männer bemerkten jetzt auch den Protestzug, der sich anschickte, die dreispurige Straße zu überqueren, um auf den Bürgersteig zu gelangen – auf dem wir standen.

»Das gibt es doch gar nicht!«, rief mein Chef erstaunt, als er gewahr wurde, wogegen hier protestiert wurde.

»Das ist ja ein Zufall«, kommentierte Bogert trocken.

In zwei Minuten würden sie uns erreicht haben. Mir brach der Schweiß aus. Wenn herauskäme, dass meine Eltern hier und jetzt gegen den Flughafenausbau protestierten, wo ausgerechnet heute Nachmittag der Hauptinvestor Gunther Bogert anwesend war, weil er bei uns einen Termin hatte, würde ich natürlich sofort unter Verdacht geraten, ihnen einen Tipp gegeben zu haben.

»Ja, was für ein Zufall«, sagte ich schrill.

»Was für Spinner!« Mein Chef verzog angewidert das Gesicht.

»Genau! Können diese Spinner nicht woanders ihre kleine Parade abhalten?«, rief ich.

Eine Frau im langen Wollrock mit fettigen Haaren, die mit ihren beiden kleinen Kindern mit bunten Strickmützen neben uns stand, warf mir einen mürrischen Blick zu. Als sich unsere Blicke trafen, schaute sie nicht sofort weg. Das irritierte mich. Kannte ich sie? War sie vielleicht eine ehemalige Schulkameradin? Ach, es war so blöd, wenn man entfernt bekannte Leute irgendwo anders traf als normalerweise. Da musste man immer überlegen, wer das jetzt war. Wie letztens, als ich meine Nachbarin im Supermarkt nicht auf Anhieb erkannt und deswegen nicht gegrüßt hatte und sie mich seitdem ignorierte wie eine Aussätzige.

Damit ich nicht wieder in einen Fettnapf trat, nickte ich der Frau knapp zu und wandte mich dann wieder an meinen Chef und Gunther Bogert. »Kommen Sie«, sagte ich. »Lassen Sie uns ins Büro gehen – das brauchen Sie sich doch nicht anzutun.«

»Nee«, knurrte Bogert. »Das guck ich mir an. Ist immer gut, seine Feinde zu kennen.«

Ich schluckte. Was sollte ich bloß tun? Meine Eltern würden mir garantiert zuwinken oder, noch schlimmer, mich vielleicht sogar mit meinem Taufnamen rufen, weil sie äußerst lernresistent waren, was das anging. Ich hatte ihnen zwar schon hundertmal gesagt, dass sie mich Moni nennen sollten, aber der Name, der in meinem Pass stand und der sie an einen Augenblick der höchsten Verzückung erinnerte, rutschte ihnen immer wieder raus. Und zwar in den unmöglichsten Situationen.

Wie zum Beispiel damals, 1993, sechste Klasse. Vor Beginn der weiterführenden Schule hatte ich – aus Schaden wird man klug – in einem langen Brief die Schulleiterin des Gymnasiums angefleht, dass kein Lehrer jemals meinen Taufnamen erwähnen sollte, da ich in der Grundschule genug darunter gelitten hätte. Das Lehrerkollegium schien ein Einsehen zu haben und hielt sich daran. Ich war Moni – und ich war glücklich damit.

Dann kam das Schulfest. Ich hoffte, ich könnte den Besuch meiner Eltern vermeiden, weil sie sich gerade in einer äußerst merkwürdigen Phase befanden, die mit ihren bevorstehenden vierzigsten Geburtstagen zu tun zu haben schienen. Jedenfalls hatten sich beide zu einer äußerst hirnverbrannten Aktion hinreißen lassen und sich Tätowierungen zugelegt: eine Rose (Schulter, meine Mutter) und einen springenden Tiger (Brust, mein Vater), die sie in diesem Sommer gerne mit entsprechend knapper Bekleidung vorgezeigt hatten. Ich schämte mich sehr für dieses ungebührliche Verhalten und fragte mich, warum es keine gesetzlich vorgeschriebene Frist für Eltern gab, bis wann sie erwachsen geworden sein mussten.

Als sie beim Schulfest auftauchten, hatte ich gerade mit einigen anderen den Stand zum Thema »NRW zur Zeit der Römer« aufgebaut. Zunächst war ich von ihrem Erscheinungsbild positiv überrascht. Denn zum Glück präsentierten sie nicht ihren frisch erworbenen Körperschmuck, sondern den Grunge-Look, der auch Gartenarbeits-Look genannt werden könnte. In ihren Jeans und den bunten Holzfällerhemden sahen sie jedenfalls zu meiner großen Erleichterung weder übergeschnappt noch exzentrisch aus, sondern dankenswerterweise einfach nur ein wenig ungepflegt. Ich wollte mich gerade freuen, ihnen unser Projekt erklären zu dürfen, da riefen sie: »Puna Monday, da habt ihr euch aber Mühe gegeben!«

Ich werde das belustigte Funkeln in den Augen meiner Klassenkameraden niemals vergessen. Die normale Moni war verschwunden, jetzt war ich nur noch die verrückte Puna Monday, das gefundene Fressen für alle Aasgeier. Heulend rannte ich raus und setzte nie wieder einen Fuß in diese Schule.

Und so ähnlich würde es mir heute ergehen, wenn rauskäme, dass ich einen Hippienamen trug und mit diesen Umweltschützern unter einer Decke steckte. Das wäre nicht gut. Überhaupt gar kein bisschen gut. Bei unserer Klientel war ein makelloser Ruf entscheidend. Bei dem leisesten Verdacht auf eine linke oder grüne Gesinnung oder andere Befindlichkeitsstörungen würden die Leute mir nicht das Wertvollste anvertrauen, was sie im Leben besaßen: ihr Geld.

Die Demonstration steuerte jetzt genau auf uns zu. Meine Mutter und mein Vater in der ersten Reihe. Etwas hinter ihnen entdeckte ich ein Schild, auf dem stand: Boykottiert Bogerts Best. Der Weg zu unserem Büro war bereits abgeschnitten. Ich ging hinter dem groß gewachsenen Bogert in Deckung und überlegte fieberhaft.

»Hey«, sagte Höveler. »Dieses verrückte Pärchen da vorne kenne ich! Die wohnen in dem Ort, wo ich jetzt wohne. Das ist der Puff-Louie mit seiner Frau.«

Ein Schauder lief mir über den Rücken.

»Puff-Louie!«, lachte Bogert.

»Witzig, was? Wie der richtig heißt, weiß ich überhaupt nicht«, stellte Höveler fest. »Bei uns im Ort wird er einfach nur Puff-Louie genannt.«

Mein Vater hatte den Spitznamen Puff-Louie?

»Wie ist der denn zu dem Namen gekommen?«, fragte Bogert.

»Der war letztes Jahr im Fernsehen, in so einer Schmuddelsendung«, sagte Höveler und betrachtete meinen Vater mit einem verächtlich-neugierigen Blick.

»Sie meinen doch den mit dem Hut, oder?«, fragte Bogert.

»Ja«, antwortete Höveler, »den mit dem Hut und dem Hund.«

Oh mein Gott! Banjo. Natürlich! Er würde mich riechen, auch wenn ich mich hier hinter Bogert versteckte. Er würde mich bemerken, auf mich zurennen und meine Eltern mitziehen. Und dann: Gute Nacht, Moni, zukünftige Hill, Wertpapierspezialistin, Guten Tag, Puna Monday Steckelbach, Tochter von Puff-Louie, dem grünen Protestler!

Ich musste hier weg! Aber wie?

»Da wir ja sowieso warten müssen, bis der Spuk vorbei ist, wäre es doch eine gute Gelegenheit, Frau Steckelbach, wenn Sie Herrn Bogert schon mal eine kleine Kostprobe geben würden, was Sie ihm anzubieten hätten.« Mein Chef nickte mir aufmunternd zu.

Verflixt und zugenäht. Was ich ihm anzubieten hätte? Keine Ahnung! Jedenfalls nicht jetzt. Die Demonstranten waren nur noch gute zwanzig Meter von uns entfernt. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass die Frau mit den fettigen Haaren und den zwei Kindern mich immer noch argwöhnisch beobachtete. Ich dachte gerade darüber nach, was sie wohl von mir wollte, und bemerkte zu spät, dass Bogert einen halben Schritt zur Seite trat und damit meine Deckung öffnete. Dann ging alles ganz schnell. Meine Mutter sah mich. Sie stieß meinen Vater an. Jetzt hatten mich beide entdeckt. Ich drehte mich ab.

»Moni?«, erinnerte mich mein Chef an seine Anweisung.

»Aber«, stammelte ich, »wir müssen hier weg. Was ist, wenn die Demonstranten Herrn Bogert erkennen?«

Noch fünfzehn Meter. Meine Mutter winkte in unsere Richtung.

Mein Chef schaute verwirrt. »Meint die mich?«

Mein Vater ließ Banjos Leine los.

»Das wird nicht passieren«, sagte Herr Bogert gelassen. »Ich lasse mich nie fotografieren, und deswegen kennt mich auch keiner.«

»Darauf können wir uns nicht verlassen!«, rief ich panisch. »Schnell, Herr Bogert!« Ich packte ihn am Arm. »Hier entlang!«

Der biestige Fettkopf mit den zwei Kindern kreischte: »Was? Das ist Bogert? Hey, habt ihr das alle gehört? Das ist Gunther Bogert, der Mann, der die Natur zerstört!«

Sie holte ein iPhone aus dem wollenen Rock, und noch bevor Bogert flüchten konnte, hatte sie ihn fotografiert.

Kapitel 2

 

Es dauerte keine zwei Stunden, da war das Bild online. Die Frau hatte genau in dem Moment geknipst, in dem ich Bogert durch einen Ruck aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Die ganze Selbstgefälligkeit war aus seinem Gesicht gewichen, das ebenso schief in der Luft hing wie er. Er sah verblüfft aus, so als ob ihn die Existenz von Problemen, die nicht mit Geld zu lösen waren, völlig überraschte.

Das Einzige, was mich etwas beruhigte, war, dass wenigstens ich anonym bleiben würde. Von mir war zum Glück nur der Mantelärmel auf dem Foto zu sehen, wie ich auf der Facebook-Seite des Bürgervereins feststellen konnte. Auch auf YouTube war bereits ein Video von der Demo hochgeladen worden, in das das Foto von Bogert hineingeschnitten und mit düsterer Musik unterlegt worden war. In der Kombination wirkte er wie das größte Schwein des Universums. Mist.

Wieso lebten die Naturschutzheinis von heute nicht mehr hinter dem Mond? Wenn sie erst umständlich Flugblätter hätten drucken und verteilen müssen, wäre mein Fehler vielleicht nicht ganz so monströs gewesen. Aber so war es eine Katastrophe! Kaum verwunderlich, dass Höveler & Wulf nicht das Vertrauen von Gunther Bogert hatte gewinnen können. Er war abgesprungen, der Superdeal geplatzt. Mein Chef war mehr als sauer.

»Was war nur mit Ihnen los?«, brüllte Höveler mich an, als ich mit schwitzenden Händen vor seinem Schreibtisch stand. »Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?«

Er machte eine Pause und funkelte mich finster an. Ich betrachtete den Bonsai auf seinem Schreibtisch, eine faszinierende Miniatureiche, bestimmt schon dreißig Jahre alt, aber nicht höher als eine Tulpe. Da Höveler nichts weiter sagte, fasste ich das als Aufforderung auf, mich doch zu seiner Frage zu äußern. Doch gerade als ich den Mund aufmachte, um ihm zu versichern, dass ich natürlich noch bei Trost sei, schrie er weiter: »Und warum sind Sie weggerannt, als wäre der Teufel hinter Ihnen her?«

Der zweite Geschäftsführer, Matthias Wulf, hatte sich zu ihm gesellt. Er stand in seinem steingrauen Anzug neben dem Chefsessel von Höveler und schaute mich an. Er war einer, der nicht schrie, sondern nur starrte. Die ganze Enttäuschung der Welt hatte sich in seine fleischigen Gesichtszüge gemeißelt und sie zu einer feisten Maske der stummen Anklage werden lassen.

Nun, auf diese Frage fiel mir wenigstens schnell eine vernünftige Antwort ein. »Da war dieser Hund«, stammelte ich.

»Ein Hund?«, fragte Wulf.

Ich nickte bestätigend. »Ja, und er wollte mich beißen.«

Höveler war für einen Moment so fassungslos, dass er sogar vergaß, zu schreien. »Sie sind vor diesem kleinen Hund weggerannt? Diesem Puna?«

»Äh. Ja«, sagte ich und guckte verschüchtert auf meine Schuhe. Jedenfalls hoffte ich, dass ich einen verschüchterten Eindruck machte, der seine Wut ein wenig abmildern würde. Ich meine, wenn es vorher schon ungünstig gewesen wäre, meine Blutsverwandtschaft zu den Demonstranten zu offenbaren, war es nach Enttarnung von Gunther Bogert schlichtweg unmöglich gewesen. Das hätte wie Vorsatz ausgesehen! Wie ein perfider Plan, um seine Person bloßzustellen und ihn der Rache der Fluglärmgeschädigten und Vogelschützer preiszugeben. Ich wäre völlig unten durch gewesen. Also hatte ich das Logischste gemacht, was man hätte machen können. Ich hatte mich umgedreht und war gerannt. Die Rufe meiner Eltern nach mir hatte ich ignoriert. Da Banjo das natürlich als Spiel aufgefasst hatte, war er mitgelaufen.

»Der Hund hieß Puna?« Diese Information brachte sogar Matthias Wulf dazu, sein Schweigen zu brechen.

Höveler nickte, ohne mich aus den Augen zu lassen.

»Was für ein blödsinniger Name.« Matthias Wulf schüttelte den Kopf. »Ich hasse Hunde«, fügte er hinzu, bevor er wieder in seiner mahnenden Pose erstarrte.

»Und wo waren Sie danach so lange?«, schrie Höveler. Ich biss mir auf die Lippen und suchte fieberhaft nach einer überzeugenden Ausrede. »Ich ...«

Ich war zu meiner Freundin Ellen gerannt, die nicht weit weg wohnte und noch in Elternzeit war, und hatte sie gebeten, ausnahmsweise auf Banjo aufzupassen und ihn später zu meinen Eltern zurückzubringen. Da ich völlig aufgelöst war, hatte sie zugesagt.

»Ich – äh, habe mich geschämt«, sagte ich und wurde knallrot. Ich senkte noch ein bisschen mehr den Kopf zum Zeichen, dass ich meinen Fehler voller Demut einsah.

Höveler sog geräuschvoll die Luft ein. Vermutlich ging ihm jetzt ein Licht auf, dass er mir doch nur wegen des Valentino-Outfits den Job gegeben hatte.

»Das sollten Sie auch«, brüllte Höveler mit sich überschlagender Stimme. »Aber wenn Sie sich das nächste Mal schämen, dann tun Sie es wenigstens nicht während Ihrer Arbeitszeit!«

»Ja, Herr Höveler.«

»Nur weil Sie die Probezeit überstanden haben, heißt das nämlich nicht, dass Sie sich hier solche Fehler leisten können. Wissen Sie, was uns heute durch die Lappen gegangen ist durch Ihr unprofessionelles Verhalten?«

Ich nickte und sagte kleinlaut: »Ich mach es wieder gut.«

»Das müssen Sie auch!«, tobte Höveler. »Und jetzt gehen Sie in Ihr Büro, und verschaffen Sie unseren verbliebenen Kunden einen Haufen Geld!«

Matthias Wulf schüttelte mitleidig den Kopf, was mich fast noch mehr zermürbte als die Schreierei von Höveler.

 

Ich trat auf den Flur, Kopf knallrot, Achselhöhlen verschwitzt, Gehirn geschreddert. Mein Kollege Ilja stand vor dem Sideboard im Empfangsraum und blätterte scheinbar interessiert einen Firmenprospekt durch. Als er die Bürotür von Höveler hörte, legte er ihn zurück und schlenderte gelassen auf mich zu, dabei schlenkerte er wie immer seine gigantische Breitling-Uhr, die am rechten Handgelenk hing wie eine Handschelle.

»Ah, Steckelbach. Da hast du dir ja ein Ding geleistet. Alle Achtung, gute Arbeit.« Sein breiter Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Man könnte fast meinen, du arbeitest mit den Gegnern des Flughafenausbaus zusammen.«

Er beugte sich näher zu mir, und ich konnte sein Rasierwasser riechen, das mir immer leichte Übelkeit verursachte.

»Schade, Steckelbach. Ich hatte nämlich echt gute Pläne für Bogert. Wegen dir geht mir sehr viel Kohle durch die Lappen. Sehr viel.« Er lachte bitter, drehte sich um, und ließ mich verstört stehen.

Mist. Auch wenn ich gegen ein bisschen Konkurrenz unter Kollegen nichts hatte, wollte ich aber niemanden zum Feind haben. Schon gar nicht Ilja. Ilja Jansen kümmerte sich für unsere Kunden um Immobilien, Beteiligungen und Grundstücksspekulationen. Als ich hier angefangen hatte, war er mir sympathisch gewesen. Zugegebenermaßen vor allem weil er mich ein bisschen an George Clooney erinnerte, aber viel jünger war. Nicht dass ich mich für andere Männer interessierte – ich hatte ja meinen Jens und war verlobt. Aber auch eine Verlobte ist nicht blind. Ilja war Mitte dreißig, hatte dunkelbraune Augen und schwarze Haare mit ein paar grauen Strähnen an den Schläfen und trug meistens schwarze Anzüge mit schwarzen Hemden. Bei meinem Jens sah diese Kombination sehr morbide aus und erinnerte an einen übereifrigen Leichenbestatter. Aber Ilja stand das – und er wusste das auch. Er war sehr freundlich auf mich zugegangen und hatte mich mit seiner selbstsicheren Ausstrahlung gleich für sich eingenommen. Doch als ich nicht auf seine Einladungen für den Feierabend einging, bekam seine nette Fassade die ersten Risse. Und als ich einige gute Deals an der Rohstoffbörse abschloss, die dem Chef sehr positiv aufgefallen waren, erkannte er auf einmal doch, dass ich nicht nur ein dekoratives Element war.

Bei Höveler & Wulf gab es jedes Jahr einen Bonus für den Mitarbeiter, der für unsere Kunden die meisten Gewinne verbuchen konnte. Ilja hatte ihn in den vergangenen zwei Jahren bekommen. Aber natürlich hatte ich vor, diesen selbst einmal einzustreichen und Jens mit einer Reise auf die Malediven zu überraschen. Bisher lag ich auch ganz gut im Rennen – auf Platz drei.

Ich ging in mein Büro, das ich mir mit Sören teilte, einem sehr talentierten Trader, der sich auf den Handel mit Devisen spezialisiert hatte. Da ich davon ausging, dass mein Fehlschlag mit Gunther Bogert schon die Runde gemacht hatte, erwartete ich auch von ihm eine blöde Bemerkung.

»Hey, Sören«, sagte ich und blieb einen Moment stehen, um die Verbalattacke aufrecht hinnehmen zu können.

Aber er hing nur wie immer wie hypnotisiert vor seinen vier Bildschirmen und stopfte mit der Linken Marshmallows in sich rein, während er mit der Rechten die Maus bediente. »Ah, Moni. Wie war die Mittagspause?«

Die war eigentlich schon zweieinhalb Stunden vorbei, aber das sagte ich nicht. Ich war einfach erleichtert, dass er mich nicht fertigmachte, weil ich in der Mittagspause unsere Firma mal eben um ein Million-Dollar-Baby gebracht hatte.

»Gut«, antwortete ich erleichtert. »Heute ist echt schönes Wetter.«

»Nieselregen und fünf Grad würde ich nicht schön nennen«, murmelte Sören.

»Hä? Es sind angenehme achtzehn Grad und Sonnenschein.«

»In London?«

»Nicht in London. Draußen!«

»Ach so.« Sören wandte den Blick zu dem Smartphone, das stets neben ihm lag. Er blätterte ein bisschen, bis er auf die Seite mit der aktuellen Wetterlage stieß. »Echt. Stimmt. Cool!« Dann fixierte er wieder die blinkenden Charts auf seinen Monitoren.

Ich wischte erst einmal Schreibtisch und Tastatur mit einem desinfizierenden Tuch ab, weil mich das beruhigte, und überlegte, was ich anstellen müsste, um das wieder geradezubiegen. Dass ich meinen Fehler wiedergutmachen würde, das war sonnenklar. Das war schon immer meine Devise gewesen: Fehler sind dazu da, um sie wieder auszubügeln. Ich müsste dringend ein paar gute Deals abschließen. Heute würde das aber wohl nichts mehr werden.

Ich hatte die wichtigsten Termine verpasst, die neuesten Zahlen der US-Rohöllagerbestände, die Prognose zur brasilianischen Weizenernte und die Pressekonferenz der Grain-Corp Ltd zu den australischen Getreidepreisen. So analysierte ich ein paar Charts, traute mich aber nach dieser Aufregung nicht, Kundengelder zu riskieren. Lieber nichts gewinnen als viel verlieren, lautete nämlich meine Devise. Heute hatte ich definitiv bereits so einiges verloren. Und wenn ich Pech hätte, würde ich bald noch mehr verlieren. Nämlich meinen Job.

 

Drei Stunden später taumelte ich aus dem Büro raus und fuhr mit der Bahn nach Hause – zu meinem Jens, der meistens eine Stunde früher als ich nach Hause kam. Schon als ich die Tür zu unserer Wohnung aufschloss, ging es mir besser.

Dieser Duft! Ich hatte am Wochenende unsere Sitzmöbel mit einem Antigeruchsspray behandelt und fand wirklich, dass das Raumklima angenehmer war. Es hatte so was Blumiges mit einer leichten Zitrusnote, wirklich toll. Jens und ich liebten es sauber. Von Hausmitteln wie Essig und Backpulver und Zitronensaft zum Putzen hielten wir beide gar nichts. Bunte Flaschen mit großen Reinigungsversprechen mussten es sein. Manchmal gingen wir sogar gemeinsam in den Drogeriemarkt und schnupperten an Scheuermilchflaschen, Fettlösern und Duschkabinensprays wie an Parfümflakons. Immer wenn es eine neue Duftrichtung gab, probierten wir sie aus. Wir mochten Orangen- und Pfirsichduft bei Spülmitteln, aber besonders angetan hatte es uns ein Badreiniger mit dem Geruch von wildem Lavendel, mit dem ich jeden zweiten Tag das Badezimmer und jeden Sonntag, wenn Banjo wieder weg war, alle Böden schrubbte, damit Jens nur ja keinen Grund hatte, sich über unseren vierbeinigen Wochenendgast zu beschweren. Dass Jens so ordnungsliebend war, hatte mich gleich an ihm fasziniert.

Ich hatte ihn mit neunzehn kennengelernt, als ich im Jahr 2001 bei der Saldo-Bank die Lehre zur Bankkauffrau angefangen hatte. Jens war fünf Jahre älter als ich und wirkte in allem überzeugend. Er half mir, mich zurechtzufinden, erklärte mir die Feinheiten der Kundenbetreuung und entjungferte mich in der Silvesternacht, am noch taufrischen 1. Januar 2002. Er war genau das, wovon ich immer geträumt hatte: ein Mann, der mit beiden Beinen auf dem Boden stand und statt Flausen eine ausgetüftelte Karriereplanung im Kopf hatte. Seinen Haushalt hatte er auch fest im Griff. Er lebte in einem Appartement mit Pantry-Küche, einem Schlafsofa, das er jeden Morgen zusammenklappte, und mit gebügelten und sauber aufgestapelten Handtüchern im Bad. Ich war begeistert!

Ich hatte auch gerade meine erste eigene Wohnung bezogen, die nur unwesentlich größer war als Jens’, aber über einen Balkon und – was mir sehr wichtig gewesen war – eine Duschwand statt eines klebrigen, vergilbten Duschvorhangs wie zu Hause verfügte. Es war so wunderbar, nicht mehr in dem verfilzten Haus meiner Eltern wohnen zu müssen! Meine ersten Anschaffungen waren ein Dutzend Tupperdosen, Frischhaltefolie, eine ganze Batterie Putzmittel sowie ein leistungsstarker Staubsauger gewesen. Von dem Geld, das ich vom Zeitungaustragen und Babysitten eisern gespart hatte, kaufte ich mir preiswerte Möbel. Tante Marianne schenkte mir eine gebrauchte Waschmaschine und einen Herd. Es war nicht viel, aber es war meins.

Endlich konnte ich es so sauber haben, wie ich wollte! Meine Eltern hatten neben ihrer nachlässigen Raumhygiene einen recht sorglosen Umgang mit Lebensmitteln an den Tag gelegt und hielten das hermetische Abdecken von Essensresten für überbewertet, was zu einem wenig appetitlichen Anblick im Kühlschrank führte. Wenn ich ihn nicht regelmäßig ausgemistet hätte, hätte man dort stets Kartoffelgratin von vorletzter Woche, Wurstreste vom vergangenen Herbst oder Marmeladereste aus meiner Grundschulzeit finden können. Wenn ich von meinen Eltern eine verantwortungsbewusste Vorratshaltung einforderte, erwiesen sie sich als beratungsresistent.

Meine Mutter sagte immer nur: »Ja, es ist unglaublich! Nirgends vergeht die Zeit schneller als in der Vorratskammer. Das war der Grund für Einstein, sich der Relativitätstheorie zu widmen!« Sie sagte das so, als wäre es ein geradezu genialer Schachzug, das Zeug vergammeln zu lassen.

Die zweite echte Plage im Haus meiner Eltern – neben den Katzenhaaren, dem Geruch von dem Hasenstall und meinem Bruder – waren die Motten, die sich meine Eltern mit einem ihrer Souvenirs, einem afrikanischen Wandteppich, eingefangen hatten. Sie hatten sich sehr schnell im Wohnzimmerteppich breitgemacht, da meine Mutter sich weigerte, sie mit chemischen Mitteln zu bekämpfen.

»Dann bin ich zwar die Motten los, aber wer weiß, was das Gift mit mir macht«, sagte sie. »Außerdem tun die ja nichts.«

Kein Wunder also, dass ich eine eigene Wohnung herbeigesehnt hatte. Und ich genoss es sehr! Ich genoss es, mich auf mein Sofa zu kuscheln, und staunte beim Aufstehen jedes Mal über die Sauberkeit meiner Kleidung, die nicht mit Katzenhaaren übersät war. Und ich genoss es, das Waschbecken zu wischen und es beim nächsten Gang auf die Toilette immer noch sauber vorzufinden, weil zwischenzeitlich niemand dort seine Malpinsel ausgewaschen oder sich selbst die Haare geschnitten hatte. Und zu meiner neuen Wohnung und meiner neuen Arbeit bekam ich also auch noch – endlich! – einen Freund. Und dieser Freund würde bald – endlich! – mein Ehemann werden.

 

»Hallo, Schatz«, rief ich.

»Hallo, Möhrchen«, antwortete er aus dem Wohnzimmer.

Ich hängte meinen Mantel auf, stellte meine Schuhe in das Schuhregal, nicht ohne vorher einmal mit einem bereitliegenden weichen Lappen über das schwarze Leder zu wischen, legte meine Tasche in die oberste Schublade der Kommode in der Diele, dann ging ich mir die Hände waschen – nach dem Bahnfahren immer besonders wichtig – und anschließend ins Wohnzimmer.

Jens saß vor dem Fernseher. Er hatte schon seine Arbeitsklamotten – Anzug, Hemd, Krawatte – getauscht gegen eine Chinohose und einen dunkelblauen Sweater, was mir gut an ihm gefiel, auch wenn ein Hemd seinen Bauch, den er in den letzten Jahren angesetzt hatte, etwas mehr kaschierte. Mein süßer Knuddelbär! Als ich mich neben ihn setzte und meinen Kopf an seine Schulter lehnte, merkte ich erst, wie mich dieser ganze Tag mitgenommen hatte. Ich stöhnte leise.

Jens bemerkte sofort, dass was nicht stimmte. »Was ist los, Möhrchen?«, fragte er und legte den Arm um mich. »Lief die Präsentation nicht gut?«

»Es gab keine Präsentation.«

»Was? Wieso nicht?«

Ich fing an zu schluchzen.

»Aber was ist denn?«

»Meine Eltern ...«

»Was haben die schon wieder gemacht?«

»Sie haben demonstriert. Gegen den Flughafenausbau.«

»Wie kommen die denn auf diese schwachsinnige Idee?«

»Na ja, das wäre ja noch in Ordnung gewesen, wenn wir nicht diesen Termin gehabt hätten. Mit dem Hauptinvestor des Flughafenausbaus. Gunther Bogert.«

»Bogert war da?«

»Ja, er war da. Und dann ...« Ich brauchte einige Anläufe, um Jens die ganze Geschichte zwischen meinen Schluchzern zu erzählen.

»Und das Schlimmste ist«, heulte ich, »dass ich noch nicht mal meinen Eltern alleine die Schuld geben kann. Ich habe echt Mist gebaut!« Ich warf mich in seinen Arm.

»Wie hat dein Chef deinen Vater noch mal genannt?«, fragte Jens ungläubig.

»Das ist doch jetzt egal!«

Ich heulte auf, um ihm meine Misere deutlich zu machen, und endlich sagte er mit sanfter Stimme: »Ach, Möhrchen, das ist einfach dumm gelaufen.« Dann setzte er spitz hinzu: »Wie immer, wenn deine Eltern mitmischen.« Er streichelte mir über die Wange. »Du konntest doch nichts dafür.«

»Erzähl das mal meinem Chef.«

»Ist er sauer?«

»Das kann man wohl sagen.«

»Hat er dir irgendwie gedroht oder so?«

»Na ja«, schniefte ich. »Er hat schon gesagt, dass ich mir einen solchen Fehler nicht leisten kann.«

»Hat er dich gefeuert?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Na, da hast du aber Glück gehabt«, stellte Jens fest. »Wenn ich dein Chef wäre, wärst du so gut wie erledigt.« Ich schaute ihn verdutzt an, aber er schob schnell hinterher: »Aber er wäre ja verrückt, wenn er dich gehen lassen würde.«

Ich schnäuzte mich in ein Taschentuch. »Ich muss es halt irgendwie wiedergutmachen. Aber ich weiß überhaupt nicht, wie ...«

»Dir wird schon was einfallen. Was gibt es eigentlich zum Abendessen?«

Ich kochte uns Spaghetti aglio, olio e peperoncini – nur ohne Knoblauch, wegen der Kunden, und mit nur einem halben Peperoncino, weil Jens nichts Scharfes mochte. Er trank sein Glas Wein dazu, während ich Wasser nahm. Als mein Handy klingelte, ignorierte ich es.

Später hörte ich die Mailbox ab. Es war Ellen, die wissen wollte, was los gewesen war. Dann riefen noch meine Eltern an, was ich an der Nummer auf dem Display erkannte, aber ich ging wiederum nicht dran. Ich hatte heute keine Kraft mehr, ihnen alles zu erklären. Außerdem würden wir uns am nächsten Tag sowieso wieder sehen, bei der Trauung meiner Kusine Anja, die Daniel, den Vater ihrer Tochter Mia, heiraten würde. Diese Vorstellung gefiel mir überhaupt nicht. Meine Eltern waren nur in sehr geringer Dosierung zu ertragen.

»Ich habe ja überhaupt keine Lust, zu der Hochzeit zu gehen«, maulte ich.

»Super Idee! Dann lassen wir es«, sagte Jens und hielt die Hand hoch, um mit mir abzuklatschen.

»Jens!«, rief ich entrüstet. »Wie kommst du denn auf die Idee? Wir können doch nicht absagen!«

»Warum nicht?«

»Weil wir schon zugesagt haben. Und es eine Sitzordnung gibt. Und ich ein neues Kleid habe.«

»Schon wieder?«, fragte er, aber ich ging nicht darauf ein.

»Und weil ich endlich mal mit dir tanzen will.«

»Du weißt doch, ich werde nur ein einziges Mal mit dir tanzen. Und zwar auf unserer Hochzeit.«

»Das ist der Grund, warum ich dich überhaupt heirate«, scherzte ich.

»Ich weiß«, sagte er und lächelte.

Ich hegte natürlich die Hoffnung, dass er dabei Gefallen am Tanzen finden und seine kindische Haltung aufgeben würde. Dabei verdrängte ich immer den Gedanken, dass ich auch gehofft hatte, dass er Banjo lieb gewinnen würde, wenn er ihn besser kennengelernt hätte.

»Bin mal gespannt, was dein Vater sagt, wenn er von dem Spitznamen erfährt«, sagte Jens.

»Bist du verrückt?«, rief ich. »Das werden wir natürlich niemandem verraten! Ich habe Tante Marianne versprochen, dass es keine Katastrophen gibt.«

»Da hast du ja wohl überhaupt keinen Einfluss drauf«, stellte Jens fest. Das stimmte leider.

Kapitel 3

 

Die Trauung könnte man im Nachhinein als »Vier Desaster und ein Hochzeitsfall« betiteln. Das erste Desaster ereignete sich, noch bevor alles losging, und war das überflüssigste von allen. Ich stritt mit Jens.

Es war folgendermaßen: Mein Verlobter war einer der Männer, die sich wirklich gut pflegten. Er duschte und rasierte sich täglich, benutzte Conditioner und föhnte sich mit Liebe zum Detail die Haare, die unheimlich dick waren und immer in einem exakten Seitenscheitel liegen mussten, der nachher wegen der Fülle seiner Haare zwar kaum auffiel und nur eine Art schmale Schlucht bildete, der aber für sein Wohlbefinden entscheidend war. An diesem Morgen jedoch übertrieb er es mit der Reinlichkeit. Wenn auch nur mit seiner eigenen und nicht mit der des Badezimmers. Aber dazu später. Er duschte nicht kürzer als eine Ewigkeit. Ich saß im Bademantel in der Küche und hörte das Wasser rauschen. Um die Zeit zu nutzen, holte ich meine Nagelfeile aus meiner Handtasche und machte mich an die Maniküre. Vor meiner eigenen Hochzeit würde ich vielleicht wirklich mal zu einer professionellen Nagelpflege gehen.

Wir würden am 21. Juli heiraten, einen Tag vor meinem neunundzwanzigsten Geburtstag. Was ich ziemlich perfekt fand, weil ich immer geplant hatte, vor meinem dreißigsten verheiratet zu sein. Nächste Woche würden wir die offiziellen Einladungen rausschicken.

Und es war mir total egal, dass meine Eltern meinten, ich sei zu jung und vor allem zu unerfahren zum Heiraten. Das glaubten sie nämlich allen Ernstes – ist das zu fassen? Als wir ihnen unsere Heiratspläne verkündeten, gratulierten sie uns zuerst. Nicht überschwänglich, aber das waren sie ja nie, wenn es nicht um ihren eigenen Kram ging. Doch als ich sie kurz danach noch einmal alleine besuchte, um meinen Hund zu bringen, sagte meine Mutter mir klipp und klar: »Du kannst doch nicht den ersten Mann heiraten, mit dem du zusammen bist! Tob dich erst mal aus. Stoß dir die Hörner ab!«

Ich glotzte sie konsterniert an und sagte dann: »Papa war doch auch dein erster Freund, und du hast ihn geheiratet. Und du findest doch auch nicht, dass du was verpasst hast, oder?«

Daraufhin verdrehte sie nur die Augen.

Und ich wurde sauer. »Ja, Jens ist der erste Mann, mit dem ich geschlafen habe, und ich weiß überhaupt nicht, was dagegen einzuwenden ist, diesen Mann auch zu heiraten. Ich finde es absolut romantisch und toll, sein ganzes Leben nur einen Mann zu lieben.«

Meine Mutter sah mich ganz ruhig an und meinte dann nach einer bedeutungsschwangeren Pause: »Ist in Ordnung. Es ist ja dein Leben. Du musst wissen, was du tust.« Dazu verzog sie den Mund, als hätte sie Zitronensaft geschluckt, und ich haute stinksauer ab.