Under Fire - Tom Clancy - E-Book

Under Fire E-Book

Tom Clancy

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Beschreibung

Staatsstreich für die Demokratie – der neue große Fall für Jack Ryan

Jack Ryan junior hält sich in Teheran auf, um den Iran unter seiner inzwischen gemäßigten Regierung zu erkunden. Er trifft dort einen alten Freund, der ihm eine rätselhafte Botschaft übermittelt und tags darauf spurlos verschwindet. Jack macht sich auf die Suche nach ihm und gerät dadurch immer mehr in ein Verwirrspiel zwischen CIA, MI6 und russischen Geheimdienstagenten. Die Spur führt in die Republik Dagestan. War sein Freund in die Umsturzpläne des Landes verstrickt, das sich aus der russischen Föderation lösen möchte? Und hat sich die Lage in dem Land wirklich so verschärft, dass ein Krieg unausweichlich wird?

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Seitenzahl: 691

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TOM

CLANCY

UND

GRANT BLACKWOOD

UNDER FIRE

THRILLER

Aus dem Amerikanischen von Karlheinz Dürr

Zum Buch

Jack Ryan junior hält sich in Teheran auf, um den Iran unter seiner inzwischen gemäßigten Regierung zu erkunden. Er trifft dort einen alten Freund, der ihm eine rätselhafte Botschaft übermittelt und tags darauf spurlos verschwindet. Jack macht sich auf die Suche nach ihm und gerät immer mehr in ein Verwirrspiel zwischen CIA, MI6 und russischen Geheimdienstagenten. Die Spur führt in die Republik Dagestan. War sein Freund in die Umsturzpläne des Landes verstrickt, das sich aus der russischen Föderation lösen möchte? Und hat sich die Lage in dem Land wirklich so verschärft, dass ein Krieg unausweichlich wird?

Die Autoren

Tom Clancy hatte mit seinem ersten Thriller, Jagd auf Roter Oktober, auf Anhieb internationalen Erfolg. Der Meister des Techno-Thrillers stand seitdem mit allen seinen großen Büchern an der Spitze der internationalen Bestsellerlisten. Tom Clancy starb im Oktober 2013.

Grant Blackwood ist ein amerikanischer Thrillerautor und diente in der United States Navy. Mit Tom Clancy hat er zuvor bereits Dead or Alive verfasst.

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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Under Fire

bei G.P. Putnam’s Sons, New York.

Redaktion: Werner Wahls

Copyright © 2015 by The Estate of Thomas L. Clancy, Jr.; Rubicon, Inc.; Jack Ryan Enterprises, Ltd.; Jack Ryan Limited Partnerships

Copyright © 2017 der deutschen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung von Motiven von shutterstock (phiseksit,

Dmitriy Razinkov, ffly)

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

ISBN: 978-3-641-20538-6V002

www.heyne.de

1

Teheran, Iran

Gehe sorgsam mit deiner Zeit um. Du kriegst sie nie mehr zurück.

Von allen Lektionen, die er von seinem Vater gelernt hatte, war diese bei Jack Ryan junior besonders gut hängen geblieben. Und das wollte etwas heißen, da er diesen Rat als Teenager bekommen hatte, zu einer Zeit also, wo er kaum etwas anderes als Mädchen und Football im Kopf gehabt hatte. Muss man sich bloß mal vorstellen, dachte Jack.

Jetzt gerade vertrieb er sich mit einer Runde »Beobachter beobachten« die Zeit, ein Spiel, das ihm John Clark beigebracht hatte. Jack war zum Mittagessen verabredet; seine Verabredung verspätete sich, womit er aber gerechnet hatte. Die Örtlichkeit machte das Spiel noch ein wenig interessanter: Das Chai Bar Café lag in einer ruhigen Nebenstraße von Teheran, im Garten einer renovierten historischen Stadtvilla. Die schmiedeeisernen kleinen Tische ringsum waren alle besetzt, größtenteils mit Paaren und kleinen Gruppen. Zwischen Topfpflanzen und herabhängenden Weinranken hindurch konnte er Teile einer in gedeckten Farben aufgetragenen Mauerbemalung, ein kunstvolles Blumenmuster, erkennen. Sonnenstrahlen drangen durch das Blätterdach und warfen ein unregelmäßiges Fleckenmuster über den Garten. Der größte Teil der gedämpften Gespräche ringsum wurde arabisch oder persisch geführt, aber Jack fing auch immer wieder ein paar Brocken Französisch oder Italienisch auf.

Die Spielregeln für »Beobachter beobachten« waren recht einfach: Der Spieler befand sich im Feldeinsatz für Hendley Associates, auch Campus genannt. Er wurde beschattet. Aber von wem? Wie konnte man ein Augenpaar entdecken, das einem ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit widmete, wenn man mit den Feinheiten des alltäglichen Umgangs der Iraner miteinander nicht vertraut war? Wie entdeckte man jemand, dessen Verhaltensweise ein bisschen vom normalen Verhalten der Umgebung abwich? Mit diesen Fragen im Kopf studierte Jack die Gesichter und die Körpersprache der anderen Gäste und versuchte zu unterscheiden, ob das Geplänkel zwischen den Paaren oder Gruppen an diesem oder jenem Tisch harmlos und normal oder eben irgendwie gekünstelt wirkte.

Nichts, dachte er, nachdem er die Situation eine Weile beobachtet hatte. Keiner der Gäste im Café löste bei ihm auch nur den geringsten Alarm aus. Im wirklichen Leben war das ein gutes Zeichen; für sein Spiel war es nicht so gut.

Wenn Hendley Associates, alias der Campus, tatsächlich das wäre, was die Firma zu sein vorgab, nämlich eine international agierende kommerzielle Finanzmaklerfirma, wäre Jacks Spiel nichts weiter gewesen als ein fantasievoller Zeitvertreib. Aber die wahren Ziele und die Mission des Campus gingen viel tiefer: Der Campus operierte in den grauesten Bereichen der Spionagewelt und der Terrorismusabwehr – ein inoffizieller Geheimdienst, der direkt dem Präsidenten der Vereinigten Staaten unterstellt war. Wenn man die CIA mit einer Bazooka vergleichen wollte, dann wäre der Campus vielleicht so etwas wie ein Stilett.

»Verzeihung, Sir. Wünschen Sie noch einen Kaffee?«

Jack blickte auf. Die Kellnerin war eine zierliche junge Frau Anfang zwanzig. Sie trug eine dunkel gerahmte Brille, und ihr Haar war vollständig von einem hellblauen Kopftuch verhüllt. Sie sprach Englisch mit schwerem Akzent.

Aber sie trug keinen Niqab. Vielleicht waren die gemäßigten Reformpläne des neuen iranischen Präsidenten Kamran Farahani doch mehr als nur ein Lippenbekenntnis. Noch vor einem Jahr hätte man in einem Café wie diesem jederzeit mit einer Polizeirazzia rechnen müssen, denn die letzte Regierung hatte derartige Lokale als Brutstätten jugendlicher Subversion angesehen.

Jack blickte auf seine leere Tasse. Neben der Version von Kaffee, die hier ausgeschenkt wurde, wirkte sogar der Dark Roast im Starbucks wie ein wässriger Tee.

»Nein danke, zwei reichen mir. Mein Gast wird hoffentlich bald …«

Und wie auf ein Stichwort sah Jack über die Schulter der Kellnerin hinweg einen Mann mit wildem, schwarzem Lockenhaar in den Hof eilen, der sich suchend umblickte. Dieser Haarschopf war unverwechselbar.

»Da ist er auch schon«, sagte Jack zu der Kellnerin und winkte den Mann zu seinem Tisch. »Geben Sie uns noch ein paar Minuten, ja?«

»Selbstverständlich, Sir.«

Der Mann kam herbei; Jack schob den Stuhl zurück, dessen eiserne Füße über das Kopfsteinpflaster scharrten. Sie schüttelten sich die Hände, gefolgt von einer flüchtigen, aber herzlichen Umarmung, und setzten sich.

»Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe, Jack.«

»Bin ich doch längst gewohnt. Lunch mit einem pünktlichen Seth Gregory? Nicht auszudenken.«

So war es schon auf der Highschool gewesen. Wenn ein Film am Abend um halb acht begann, musste man Seth auf 7.00 Uhr bestellen.

»Ja, ja, schon klar. Meine einzige Schwäche. Wenn man alle anderen nicht mitzählt … Wie ist der Kaffee?«

»Der Löffel bleibt drin stecken.«

»Dann wachsen dir endlich ein paar Haare auf der Brust.«

»Wie läuft’s denn so bei dir, Seth?«

»Wie geschmiert, Kumpel, wie geschmiert.«

Jack grinste. Das war schon immer Seths Standardantwort auf derartige Fragen gewesen. Übersetzung: Mir geht’s besser als die Polizei erlaubt.

»Freut mich zu hören.«

»War schon mal hier, ich weiß, was ich will. Das Ash-e Goje farangi – das ist ein Tomateneintopf mit Hackfleisch, Zwiebeln, Erbsen und Gewürzen –, einfach köstlich. Ah … immer noch kein Alkohol auf der Karte, sehe ich gerade.«

»Das dauert vielleicht noch ein bisschen. Farahani kann der alten Garde nicht zu schnell zu viel zumuten.«

Die Kellnerin kam zurück. Beide bestellten den Eintopf. »Und ein paar Barbari-Fladen«, fügte Seth hinzu. Die Kellnerin nahm ihnen die Speisekarten ab und verschwand.

Seth stützte die Ellbogen auf den Tisch und tätschelte Jacks Hand. »Na, Jack, gut siehst du aus! Hast mir gefehlt. Wie geht’s dir denn so?«

»Ging mir nie besser.«

»Echte Überraschung, dein Anruf.«

»Dachte, wir könnten mal zum Lunch gehen, wenn du nächstes Mal wieder in den Staaten bist. Ich hatte keine Ahnung, dass du dich in dieser Gegend herumtreibst.«

Seth zuckte die Achseln und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wie geht’s der Familie? Olivia? Und El Presidente … Il Duce?«

»Allen geht’s gut.«

Jack musste unwillkürlich lächeln, nicht nur, weil Seth zu den wenigen Leuten gehörte, die Sally bei ihrem richtigen Namen nannten, oder weil er sich beharrlich weigerte, den korrekten Titel von Jacks Vater in den Mund zu nehmen, sondern weil die hektische und fast überschäumende Nachfrage typisch für Seth war. Sein Freund war nicht nur die Verkörperung eines geselligen Menschen, sondern litt auch an ADHS – wobei die Betonung auf dem zweiten Teil der Bezeichnung lag, der Hyperaktivitätsstörung. Die Störung hatte Seth in der Schule große Schwierigkeiten bereitet; Jack war so etwas wie sein inoffizieller Nachhilfelehrer gewesen.

Schon immer hatte Jack unter Seths geselliger Oberfläche eine latente Traurigkeit wahrgenommen. Obwohl er ihn seit ihrer gemeinsamen Zeit an der St. Matthew’s Academy kannte, hatte Jack immer gespürt, dass es etwas an Seth gab, was er nicht nur vor aller Welt, sondern sogar vor Jack verborgen hielt. Jack selbst hatte in St. Matthew’s nur wenige Freunde gefunden, denn die meisten seiner Kameraden gingen ihm aus dem Weg – entweder, weil sie ihn für den arroganten, verwöhnten Sprössling des damaligen CIA-Großkopfs Jack Ryan hielten, oder weil sie sich von den angeblich vornehmen Kreisen abschrecken ließen, in denen der »Spion-Sohn« verkehrte. Natürlich stimmte keines der beiden Szenarios, und Jack hatte sich während des ersten Jahrs in St. Matthew’s große Mühe gegeben, das auch zu beweisen, aber es hatte nicht viel genutzt. Nur Seth hatte Jack so akzeptiert, wie er war – ein schlaksiger Teenager, der wie alle anderen einfach nur seinen Weg ins Leben suchte. Wenn er sich jetzt an diese Zeit zurückerinnerte, war sich Jack bewusst, dass Seth ihn davor bewahrt hatte, sich in sich selbst zurückzuziehen und damit zu isolieren. Seth war es scheißegal, wer Jacks Vater war, wo er wohnte oder ob er bei großartigen Staatsbanketten neben den Kindern ausländischer Könige oder Staatsoberhäupter saß. Tatsächlich hatte Seth nach solchen Gelegenheiten meist nur wissen wollen, ob auch ein paar superscharfe Girls dabei gewesen waren, die Jack angebaggert und anschließend in einem supergeheimen Raum im CIA-Gebäude in Langley vernascht hatten.

Jack hatte immer bedauert, dass er Seth nie gesagt hatte, wie viel ihm diese Freundschaft bedeutete. Vielleicht ergab sich jetzt eine Gelegenheit dazu. Aber bevor er auch nur nach den richtigen Worten suchen konnte, machte Seth mit seiner Schnellfeuer-Befragung weiter. Manchmal fühlte sich Jack bei den Gesprächen mit Seth wie im Auge eines Tornados.

»Was geht bei Olivia ab?«

»Sally?« Jack lächelte. »Das weißt du noch gar nicht? Sie ist Astronautin geworden.«

»Was? Sehr witzig, Jack. Immer noch der alte Scherzkeks, der allen auf den Keks geht, wie?«

Jack lachte. »Mann, sagst du das immer noch? Einer deiner ältesten Sprüche, war nicht mal komisch, als wir noch fünfzehn waren.«

»Im Gegenteil, er war so was von komisch, du willst es nur nicht zugeben. Also: Sally?«

»Hat gerade ihre Zeit als Assistenzärztin im Johns Hopkins hinter sich.«

»Versagerin, deine Schwester. Und du? Immer noch bei dieser Firma … diesen Finanzhaien?«

»Hendley Associates, ja.«

»Genau. Und scheffelst tonnenweise Kohle?«

»Geht so«, antwortete Jack. Aber die wahre Antwort hätte ja lauten müssen. Zwar dienten die Investment- und Finanzmakler-Aktivitäten von Hendley Associates nur als Tarnung für den Campus, aber Jack und seine Kollegen agierten dennoch auch real auf den globalen Finanzmärkten und hatten tatsächlich Hunderte Millionen Dollar gemacht. Nur ein kleiner Bruchteil des Gewinns wurde für ihre Gehälter verwendet; der Rest diente der Finanzierung der verdeckt operierenden geheimdienstlichen Organisation.

Seth war noch nicht fertig. »Und wie geht’s …«

Jack lachte und hob abwehrend die Hände. »Das reicht, Seth. Du kannst einen wirklich fertigmachen. Jetzt bist du dran, erzähl mir mal ein bisschen von dir selbst.«

»Bin immer noch im Consultinggeschäft. Seit achtzehn Monaten hat mich Shell unter Vertrag. Bis vor acht Monaten war ich in Baku stationiert, dann schickten sie mich hierher.«

Nach der Highschool hatte sich Seth ein Gus-Archie-Stipendium für ein Studium an der Fakultät für Ingenieurwissenschaft der Universität Illinois in Urbana-Champaign verschaffen können. Und jetzt setzte er, offenbar mit Erfolg, seine Ausbildung in Big Money um.

»Gefällt mir eigentlich ganz gut hier in Teheran. Zu meinem Apartment sind es von hier aus nur ungefähr fünfzehn Minuten zu Fuß. Super-Wohnung.«

»Worauf bist du spezialisiert?«

»Ich habe größtenteils mit Ölförderanlagen und Raffinerien zu tun. Netter Job. Die meiste Zeit verbringe ich in Zentralasien.«

»Brenzlige Gegend«, kommentierte Jack. Vor allem die beiden »Stans«, aus denen der Emir, alias Saif Rahman Yasin, stammte, dachte Jack.

Dass er mit dazu beitragen konnte, diesen Hundesohn zu schnappen, hatte ihm nicht nur immense Befriedigung verschafft, sondern war auch Jacks erster Ausflug in die Welt der Feldoperationen gewesen.

Seth fuhr fort: »Wir erhalten ein gutes Training und jede Menge Sicherheitsleistungen, wenn wir sie brauchen – Blackwater-Typen, die meisten waren früher bei den Special Forces. Nette Burschen. Würde sie aber nicht gern auf dem falschen Fuß erwischen.«

Das würde wohl kein Schurke, der jemals Besuch von den Navy SEALs oder der Army Delta Force erhalten hat, dachte Jack.

»Na, wie ist es, kannst du einem alten Freund nicht ein paar Tipps für eine clevere Investition geben?«, fragte Jack.

»Nein«, gab Seth zurück. »Du würdest sie sowieso nicht befolgen, wie ich dich kenne. Du drehst keine krummen Dinger, Jack, und das weißt du auch.«

Jack zuckte die Achseln. »Das mag wohl stimmen. Außerdem habe ich einen gesunden Respekt vor unserer Börsenaufsicht.«

Die Kellnerin brachte die Gerichte; eine Weile aßen sie schweigend. Jack hielt sich dabei an Seths Anweisungen – kleine Stücke Barbari-Fladen wurden in den Eintopf getunkt und dann gegessen. Es schmeckte köstlich und war sehr sättigend.

»Hat mir sehr leidgetan, als ich von deinem Vater gehört habe«, sagte Jack.

»Ja. Ich hab deine Beileidskarte bekommen, danke. Tut mir leid, dass ich dich nicht gleich benachrichtigt habe.«

»Wie wird deine Mutter damit fertig?«

»Ist ja jetzt schon drei Jahre her. Aber wenn man sie sieht, könnte man denken, er sei erst letzte Woche gestorben.«

»Verständlich.« Seths Vater Paul war unerwartet an einem Schlaganfall gestorben. Seths Mutter hatte ihn tot in seinem Arbeitszimmer aufgefunden; anscheinend hatte sie sich noch immer nicht von dem Schock erholt.

»Ja, Mann, ich habe keine Ahnung, wie ich ihr helfen kann«, gestand Seth bedrückt. »Meine Schwester Bethany – du erinnerst dich noch an sie? – wohnt in Georgia, nur eine Autostunde Richtung Norden. Sie hat Mutter zum Arzt gebracht, der ihr dann irgendein Medikament verschrieb – Lamictal heißt es, glaube ich.«

»Hm.« Jack nickte. »Wird gegen Stimmungsschwankungen und depressive Störungen eingesetzt.« Er hatte eigentlich erwartet, dass Seth in seiner sprunghaften Art das Thema wechseln würde, und war daher überrascht, dass sein Freund so bereitwillig von diesen eher familiären Angelegenheiten erzählte. »Wie lange nimmt sie es schon?«

»Seit ein paar Wochen.«

»Na, dann wird es wohl bald zu wirken anfangen.«

Seth grinste. »Hat schon sein Gutes, zwei Ärztinnen in der Familie zu haben, stimmt’s?«

»Jep. Wissens-Osmose, nehme ich an.«

Seth tunkte ein Fladenstück in den Tomateneintopf und schob es in den Mund. »Hm … Und was führt dich nach Teheran?«

»Markterkundung. Die iranischen Märkte öffnen sich allmählich wieder. Wenn Farahani seinen Reformkurs beibehält, wird es hier bald einen Riesenboom geben. Und Hendley will darauf vorbereitet sein.«

Das stimmte zwar und war teilweise auch der Grund für Jacks Iranreise, dennoch war er hauptsächlich hier, um geheimdienstliche Informationen zu sammeln. Zwar bekam man auch einen guten Einblick, indem man die vielen neuen Medienkanäle durchforstete, die wie Pilze aus dem Boden schossen, aber es gab dennoch keinen Ersatz für das, was John Clark, Hendleys neu ernannter Operationsleiter, »Mark One Eyeball Inspection« nannte. Das sei ein Navy-Begriff, hatte Clark erklärt: »Selbst sehen, Fußarbeit auf der Straße, mit Leuten reden. Immer noch das beste Werkzeug im Arsenal des Spions.« Bisher hatte Jack nichts in Erfahrung gebracht, das darauf hindeutete, dass der neue Präsident etwas anderes war, als er zu sein vorgab – der erste wirklich gemäßigte Präsident, der seit der Revolution von 1979 ins Amt gekommen war. Aber über die Frage, wie lange er durchhalten würde, konnte man nur spekulieren.

Jack wollte auch Seths Meinung hören. »Du bist schon eine Weile hier im Land. Wie ist deine Einschätzung?«

»Himmel, Jack, ich hab keine Ahnung. Ich kam nach der Wahl zum ersten Mal in den Iran. Aber eins kann ich dir sagen: Alle waren immer sehr höflich zu mir. Die alten Graubärte schauen mich manchmal ein wenig böse an, aber das war’s auch schon. Niemand hat mich bisher ›imperialistischen Satan‹ genannt, wenn dir das was sagt.«

Sagt mir was, dachte Jack. Ajatollah Khomeini hatte die Vereinigten Staaten einmal als »Großen Satan« bezeichnet. Bevor der jetzige Präsident Farahani an die Macht kam, hätte sich ein »Betreuer« an Seth angehängt, sobald er sich nur auf die Straße wagte. Und das wäre sogar noch das Best-Case-Szenario gewesen. Aber man hörte auch keine Berichte mehr über Polizeischikane gegenüber der Bevölkerung im Stil der SAVAK, der gefürchteten Geheimpolizei des Schahs. Dass Seth – ausgerechnet ein Amerikaner! – unbehelligt auf die Straße gehen konnte, war ein Zeichen, dass das iranische Volk bei Farahanis Reformen mitzog.

Wunder über Wunder, dachte Jack.

Sie unterhielten sich noch eine halbe Stunde, tranken dabei ein halbes Dutzend Tassen Pfefferminztee, der aus einem silbernen Samowar von der Größe einer Regentonne stammte, bis Seth schließlich auf die Uhr blickte. »Verdammt. Ich muss los, Jack, sorry.«

Er stand auf. Auch Jack erhob sich und streckte ihm die Hand hin. Seth schüttelte sie herzlich und tat dabei etwas, was er höchst selten tat: Er hielt Jacks Blick fest. »Hat wirklich gutgetan, dich wiederzusehen, Kumpel. Und das meine ich aufrichtig.«

»Ja, fand ich auch, Seth.« Jack zögerte. »Ist alles okay bei dir?«

»Ja, sicher, warum fragst du? Hör mal, mein Apartment ist nur ungefähr eine Viertelstunde von hier entfernt.« Seth nannte ihm die Adresse. »Liegt direkt am Niavaran-Park. Wenn du wieder mal nach Teheran kommst und ein Bett brauchst, kannst du es gern benutzen. Nimm einfach den Schlüssel. Im Tiefkühlfach findest du Steaks.«

»Danke, Mann, das ist wirklich …«

»Gute Reise, Jack.«

Seth wandte sich abrupt um und verschwand durch den von Weinreben überwachsenen Torbogen. Eine junge, attraktive Frau, die hinter dem Torbogen gestanden hatte, konnte nur knapp zurückweichen, aber Seth schien sie nicht einmal zu bemerken.

Welcher Schlüssel, wunderte sich Jack. Er setzte sich wieder und griff nach der Tasse. Direkt daneben lag ein Schlüssel aus Bronze.

»Was zum Teufel war das denn?«, murmelte er verblüfft vor sich hin.

Edinburgh, Schottland

Um den Job vorzubereiten, hielt sich Helen schon seit ein paar Tagen in Schottland auf, im Gegensatz zu den drei anderen Mitgliedern ihres Teams, die gerade erst eingetroffen waren. Sie hatte sich daher schon ein wenig an den dichten Verkehr gewöhnt, der hier herrschte. Lichter blinkten überall, und lautes Stimmengewirr drang durch die halb geöffneten Fenster des Wagens.

Jegor bremste scharf ab, als ein junges Paar, offensichtlich betrunken, direkt vor dem Ford Transit auf die Straße taumelte. Der Wagen neigte sich tief nach vorn und kam heftig schaukelnd gerade noch rechtzeitig zum Stillstand. Die Frau zeigte Jegor beide Mittelfinger und schrie: »Wanker!«

Helen sah, wie wütend Jegor war, aber er biss die Zähne zusammen und gab keine Antwort, sondern wartete, bis die beiden auf der anderen Straßenseite waren. Dann fuhr er langsam weiter. Auf beiden Seiten schlurften oder taumelten ähnlich betrunkene Jugendliche die Gehwege entlang. Auf Helens Seite flog die Tür eines Pubs auf; eine Gruppe von Betrunkenen drängelte auf den Gehweg hinaus, begleitet von laut pulsierender Tanzmusik.

»Was ist ein Wanker?«, fragte Jegor, der die sprachlichen Feinheiten der britischen Gosse noch nicht kannte.

Helen unterdrückte ein Grinsen. Jemand, der dringend eine Freundin braucht, dachte sie. Laut sagte sie: »Erklär ich dir ein anderes Mal.«

»Das ist der reine Wahnsinn hier. Was sind diese … Läden?«

»Pubs und Bars«, antwortete Helen.

»Alle?«

»Viele. Aber das ist nur in diesem Bezirk so. Wir sind hier in der Rose Street. Bei den Studenten die beliebteste Pub-Straße.«

»Dann sind die Leute hier Studenten von der Universität?«

»Die meisten.«

»Wie können sie dann am Morgen wieder weitermachen?«, fragte Jegor. »Müssen sie nicht zu Vorlesungen und Seminaren und so?«

Helen musste lächeln. Jegor war ein Pragmatiker; dass das Verhalten der Studenten unmoralisch war, interessierte ihn weniger als die Frage, ob sie trotz des Alkoholkonsums ihr Studium ordnungsgemäß fortsetzen konnten.

»Kaffee, nehme ich an, und andere Aufputschmittel«, meinte sie mit einem Achselzucken.

Roma und Olik, die beiden anderen Teammitglieder auf dem Rücksitz, pressten die Gesichter fest gegen die Seitenfenster und starrten mit großen Augen in die für sie fremde Welt hinaus. Dort, wo sie herkamen, würde man ins Gefängnis wandern, wenn man sich in der Öffentlichkeit so aufführte. Oder noch härter bestraft werden.

Roma und Olik waren in einer sehr beschützten Umgebung aufgewachsen, dachte Helen, aber natürlich waren sie Männer. Ihr Staunen war vermutlich zum größten Teil dem Meer von nackter weiblicher Haut zuzuschreiben, das vor ihren Augen vorbeiwogte. Ganz zu schweigen von den Intimitäten, die viele Paare mitten auf der Straße austauschten. Knutschen nannte man das wohl. Zu Hause bekam man solche Vertraulichkeiten niemals zu sehen; sie fanden grundsätzlich nur im Schlafzimmer eines Ehepaares statt.

Olik beugte sich über die Mittelkonsole zwischen den Vordersitzen und fragte: »Hast du nicht gesagt, dass das eine wichtige Schule ist?«

»Es ist eine der angesehensten Universitäten der Welt«, antwortete Helen.

Ein paar Sekunden lang herrschte Schweigen. »Wie kommt man da rein?«

Helen lachte. Jegor sagte grinsend: »Krieg dich nur wieder ein, Olik.«

Aber Roma murrte. »Huren, nichts als Huren. Jede Einzelne. Sie gehören ausgepeitscht.«

Romas Kommentar überraschte Helen nicht. Von den drei Männern in Helens Team war Roma der Einzige, der Probleme damit hatte, sich ihrer Führung unterzuordnen. Roma war erst in letzter Sekunde ins Team gekommen, sie hielt ihn für einen fanatischen Eiferer. Aber der Job hier musste ohne Leidenschaft erledigt werden, und das war es, was Roma nicht begriff. Sie beschloss, den Mann immer im Auge zu behalten; früher oder später würde sie ihn in die Schranken weisen müssen.

Sie fuhren noch ein paar Augenblicke weiter und bogen dann in die Castle Street ein. Hier waren vereinzelt Cafés zu finden, die großen Kaffeehausketten angehörten und sich eher an ein stilleres Publikum richteten, das dem »Fleischmarkt« nichts abgewinnen konnte, wie Helen wusste. Ist Fleischmarkt jetzt der richtige Ausdruck, fragte sie sich. Sie nahm sich vor, das Wort nachzuschlagen. Sie musste unter allen Umständen vermeiden aufzufallen, nur weil sie solche Wörter nicht kannte.

»Mein Kontakt sagt, ihr Lieblingspub sei The Little Stable«, sagte sie.

»Stable – wie ein Stall für Pferde?«, fragte Olik.

»Eher wie ein Stall für Studenten«, antwortete Helen. »Das ist es, Jegor, das Lokal dort vorne links.«

»Schon gesehen. Olik, Roma, schaut genau hin, ob ihr Auto irgendwo geparkt ist. Ein roter Mini Cooper mit weißen Streifen auf der Motorhaube.«

»Wie kann sie sich so ein Auto leisten?«, wollte Roma wissen.

Ein Geschenk von Daddy, dachte Helen, behielt es aber für sich. »Das braucht uns nicht zu interessieren. Haltet einfach die Augen offen.«

Jegor fuhr langsamer. Kurz darauf begann hinter dem Transit ein ungeduldiges Hupkonzert.

»Fahr ein bisschen schneller, Jegor«, befahl Helen.

Er drückte stärker auf das Gaspedal, aber nicht sehr. Auf keinen Fall durften sie jetzt in eine Polizeikontrolle geraten.

»Langsam … ich glaube, wir sind gerade an ihrem Auto vorbeigefahren«, meldete Olik ein paar Sekunden später. »Steht auf der rechten Seite.«

Helen blickte in den Seitenspiegel. »Ja, das ist es. Fahr weiter, Jegor.«

Jegor gab Gas und bog in die Frederick Street ein, wo er eine Parkbucht fand. Er schob die Automatik in Parkposition, schaltete den Motor aus und warf einen Blick auf die Uhr. »Und was jetzt?«

»Jetzt warten wir«, antwortete Helen.

Jetzt kommt der Job endlich ins Rollen.

2

Parsian Azadi Hotel, Teheran

Jack schreckte aus dem Schlaf hoch und setzte sich aufrecht. Nur jemand an der Tür, Jack, entspann dich. Sosehr ihm die Feldeinsätze zusagten, vor allem die Momente, in denen der Adrenalinspiegel in die Höhe schoss, so sehr hasste er es, dass dabei das Unterbewusstsein ständig in Alarmbereitschaft war und beim geringsten Anlass von null auf hundert schoss.

Er atmete tief aus, rollte die Schultern, massierte den Nacken. Mit Hotelkissen stand er meistens auf dem Kriegsfuß.

Es klopfte noch einmal, ein höfliches, aber beharrliches Klopfen. Jack blickte zur Uhr auf dem Nachttisch: 6.00 Uhr morgens. Er rollte sich aus dem Bett, warf den Bademantel über und ging zur Tür.

»Wer ist da?«

Keine Antwort, aber erneutes Klopfen.

»Wer ist da?«, wiederholte er, ein wenig lauter. Es gab keinen Türspion. War das nicht Sicherheitsvorschrift? Zumindest in den Staaten war es das, oder nicht?

»Mr. Jack Ryan?« Eine Männerstimme, dem Akzent nach Engländer.

Jack gab keine Antwort.

»Mr. Ryan, mein Name ist Raymond Wellesley. Kann ich Sie kurz sprechen? Dauert nur ein paar Minuten.«

»Worum geht’s, Mr. Wellesley?«

»Um Ihren Freund Seth Gregory.«

Das ließ Jack aufhorchen.

Wellesley fuhr fort: »Wir sollten die Angelegenheit besser unter vier Augen besprechen.«

Entspann dich, Jack. Wenn es irgendwie zufällig über Nacht einen Staatsstreich gegeben hätte, könnten die Typen vor der Tür durchaus zur SAVAK gehören – wenn der gefürchtete Geheimdienst des Schahs plötzlich wieder aus der Versenkung aufgetaucht wäre. In diesem Fall wäre er ohnehin geliefert, ob er nun die Tür öffnete oder nicht. Aber solche Besucher hätten wohl nicht so höflich angeklopft.

Jack schob den Sicherheitsriegel zurück und öffnete die Tür. Vor ihm stand ein mittelgroßer Mann mittleren Alters mit braunem, schütterem Haar. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, dunkelblau, britischer Schnitt. Savile Row, schätzte Jack.

»Mr. Jack Ryan, richtig?«

»Ja. Kommen Sie rein.«

Wellesley trat ein und schlenderte durch Jacks Suite zur Sitzlandschaft vor der Balkonfensterfront. Vorsichtig ließ er sich in einen Clubsessel sinken und blickte sich kritisch um, als wollte er die Sauberkeit des Zimmers begutachten.

Jack schloss die Tür, blieb aber vor der Sitzgruppe stehen.

»Bitte verzeihen Sie die frühe Störung«, sagte Wellesley. »Aber die Sache ist ziemlich dringend, fürchte ich. Ach so, tut mir leid … vielleicht sollte ich mich erst mal ausweisen?«

»Ja, das sollten Sie«, sagte Jack. Irgendetwas sagte ihm, dass Wellesley ihm eine nichtssagende Visitenkarte übergeben würde.

Er täuschte sich nicht. Auf der Karte stand:

RAYMOND L. WELLESLEY

FOREIGN & COMMONWEALTH OFFICE

KING CHARLES STREET

LONDON SW 1A 2AH

UNITED KINGDOM

[email protected]

+44 20 7946 0690

Zwar sollte die britische Botschaft in Teheran erst in einigen Monaten wiedereröffnet werden, aber Jack hatte ohnehin nicht den Eindruck, dass ihm Wellesley seine Adresse in Teheran verraten würde. Die Visitenkarte sagte Jack daher rein gar nichts; sie bestärkte ihn nur in der Vermutung, dass der Mann wahrscheinlich kein Mitarbeiter des FCO war.

Jack schob die Karte in die Tasche des Bademantels. »Sie erwähnten Seth Gregory. Ist alles okay mit ihm?«

»Seltsames Wort, okay. Lässt jede denkbare Interpretation zu, nicht wahr?«

Wellesleys Akzent war nicht einfach nur britisch, wie Jack jetzt erkannte, sondern das, was er für Received Pronunciation hielt – die britische Standardsprache, oft auch BBC-Englisch genannt. Keine regionale Zuordnung möglich, vollkommen neutral. Ein Akzent, den Jack während der ersten Amtszeit seines Vaters bei unzähligen Begegnungen mit britischen Diplomaten im Weißen Haus kennengelernt hatte. BBC-Englisch war auch der Standardakzent unter höherrangigen Personen im Secret Intelligence Service, dem SIS, eine »Old Boy«-Tradition, die unter früheren Schülern teurer Internate gepflegt wurde und sich seit dem Ersten Weltkrieg nicht groß verändert hatte.

Wellesley fuhr fort: »Ob bei Mr. Gregory alles ›okay‹ ist? Eigentlich hatte ich gehofft, dass Sie mir das sagen könnten.«

Jack spürte, dass sein Herzschlag kurz aussetzte. Was zum Henker soll das heißen?

Laut sagte er: »Beantworten Sie doch erst einmal meine Frage, Mr. Wellesley.«

»Soweit wir wissen, ist Ihr Freund am Leben und es geht ihm gut. Sie haben sich gestern zum Lunch mit ihm getroffen, nicht wahr?«

»Richtig.«

»Wissen Sie, wo er sich jetzt aufhält?«

»Nein, weiß ich nicht.«

»Worüber haben Sie beim Lunch gesprochen?«

»Wie sehr ich mich über einen Besuch vom FCO im Morgengrauen freuen würde. Und schon sind Sie da.«

»Ich empfehle Ihnen, meine Frage ernst zu nehmen, Mr. Ryan. Wir betrachten dies als höfliches Entgegenkommen, das wir nicht jedem gewähren würden.«

Die Botschaft war klar, oder jedenfalls glaubte Jack zu wissen, wie sie gemeint war: Wenn er nicht der Jack Ryan wäre, würde dieses Gespräch vermutlich weniger herzlich verlaufen.

Jack ging um einen Clubsessel herum und setzte sich Wellesley gegenüber.

»Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«, fragte er.

»Nein danke, ich kann nicht lange bleiben.«

»Mr. Wellesley, Seth ist ein Freund von mir. Wir kennen uns seit der Highschool. Ich bin geschäftlich hier und habe mich mit ihm zum Lunch verabredet. Ein bisschen plaudern, uns auf den neuesten Stand bringen.«

»Worüber haben Sie gesprochen?«

»Familie, alte Zeiten, Irans neue Regierung und ein bisschen über die Arbeit.«

»Was macht er beruflich?«

»Er ist Ingenieur bei Shell.«

»Das hat er Ihnen erzählt?«

»Ja, das ist es, was er mir gesagt hat. Haben Sie einen Grund, etwas anderes zu vermuten?«

»Darüber kann ich nicht sprechen.«

»Warum suchen Sie nach ihm?«

»Auch darüber darf ich nichts sagen. Aber wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns helfen würden, ihn zu finden.«

»Aufrichtigkeit wäre mir lieber als Dankbarkeit«, sagte Jack kühl. »Geben Sie mir eine bessere Vorstellung davon, was hier eigentlich vorgeht, dann schaue ich, was ich tun kann.«

Raymond Wellesley schürzte nachdenklich die Lippen und starrte ein paar Sekunden lang ins Leere. »Na gut. Aber nicht hier. Hätten Sie heute Nachmittag Zeit?«

Will er damit andeuten, dass mein Zimmer verwanzt ist?, fragte sich Jack. Das kam ihm unwahrscheinlich vor, aber das hieß nicht viel: Er hatte schon frühzeitig gelernt, das Mögliche nicht mit dem Wahrscheinlichen zu verwechseln.

»Das kann ich einrichten.«

Wellesley stand auf und zog eine weitere Visitenkarte aus der Brusttasche des Jacketts. Mit einem silbernen Kugelschreiber schrieb er etwas auf die Rückseite der Karte und reichte sie Jack.

»Wir treffen uns dort um vierzehn Uhr.«

Wie ihm Ding Chavez, Hendleys Leitender Außenagent, unermüdlich eingetrichtert hatte, kam Jack eine Stunde früher an der angegebenen Adresse an. Er stieg aus dem Taxi und machte sich mit der näheren Umgebung vertraut. Man musste immer vorher eine Exit-Strategie auskundschaften – oder, um in Dings Jargon zu sprechen, den er von den Special Forces mitgebracht hatte, einen GTFO – Get the Fuck Out.

Er befand sich hier im vornehmen Zaferānieh-Bezirk im Norden Teherans. Jack hatte sich im Internet über den Stadtteil informiert; demnach wohnten hier vor allem reiche Iraner und Millionäre aus dem Ausland. Alleebäume säumten die Straßen, hinter den Gehwegen reihten sich die Fassaden von Apartmenthäusern im Pahlavi-Stil, der sich in den Sechzigerjahren verbreitet hatte, eine Mischung aus traditionellen persischen und modernen europäischen Elementen.

Es hatte leicht zu regnen begonnen, und Jack war froh, dass er dem Rat der Concierge im Hotel gefolgt war und einen Schirm mitgenommen hatte. Die meisten der wenigen Passanten waren Europäer in lässigen Sportjacken und -hosen, die ihm höflich-nichtssagend zulächelten. Die Einheimischen waren beiderlei Geschlechts; die Frauen trugen keine Kopftücher, manche Männer nickten ihm einfach nur zu. Niemand lächelte; sie verhielten sich weder freundlich noch unfreundlich. Ein gutes Zeichen, fand Jack. Er hatte seine Kleidung absichtlich so gewählt, dass er nicht auffiel.

Zehn Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt ging er zur Adresse zurück, ein Apartmenthaus mit Granitsäulen an der Straßenseite und sauber getrimmten Hecken. Er stieg die Stufen zum fliesenbelegten Eingangsfoyer hinauf und entdeckte dort eine Gegensprechanlage. Nachdem er auf den mit VII gekennzeichneten Knopf gedrückt hatte, meldete sich eine Stimme: »Kommen Sie herauf, Mr. Ryan.«

War das nur gut geraten oder Weitblick, dachte Jack. Nehmen wir mal an, es war Weitblick.

Die innere Tür des Foyers summte leise. Jack schob sie auf und folgte einem Teppichläufer zum Lift, einem altmodischen Fahrstuhl mit Schiebegitter, der ihn zum siebten Stock hinaufbrachte. Als er die Kabinentür öffnete, ging direkt gegenüber eine Wohnungstür auf.

Raymond Wellesley stand im Türrahmen. »Den Pünktlichen belohnt das Leben«, sagte er. »Ganz nach meinem Geschmack. Kommen Sie rein.«

Jack folgte Wellesley in den kurzen Flur, der in ein geräumiges Wohnzimmer führte. Hätte Jack den Raum beschreiben müssen, wäre ihm nur das Wort »grau« eingefallen: die gesamte Möblierung und Dekoration waren weder britisch noch persisch, weder völlig farblos noch lebhaft. Die perfekte sichere Wohnung, die man sofort wieder vergessen würde, wahrscheinlich samt Möbeln gemietet, dachte Jack.

Er blieb an der Tür stehen und blickte sich um. Links führten zwei weitere Flure ab, vermutlich zu den Schlafzimmern, rechts befand sich eine Nische mit einer Minibar. Vor den Fenstern standen eine Couch und zwei Ohrensessel, daneben stand ein zweiter Mann. Er war mittelgroß, hatte dunkles, kurz geschnittenes Haar und einen Vollbart. Sein Gesicht war tief gebräunt, als würde er mehr Zeit im Freien als in einem Büro verbringen.

Wellesley stellte ihn vor. »Jack, ich darf Sie mit Matthew Spellman bekannt machen.«

Spellman kam um die Couch herum und streckte Jack die Hand entgegen. »Matt genügt.«

»Jack Ryan.«

»Kaffee, Mr. Ryan?«, fragte Wellesley.

»Gern, danke.«

Sie setzten sich. Jack wählte einen der Ohrensessel, Spellman setzte sich auf die Couch gegenüber. Wellesley goss Jack eine Tasse Kaffee aus einer Kanne ein, die auf dem niedrigen Couchtisch zwischen ihnen stand, und setzte sich dann neben Spellman auf die Couch.

Jack hob die Tasse zu einer Art Toast. »Auf die anglo-amerikanische Zusammenarbeit.«

»Hoffen wir’s«, antwortete Wellesley.

Schon beim ersten Zusammentreffen hatte Jack vermutet, dass Wellesley zum SIS gehörte, dem britischen Secret Intelligence Service; in Spellman vermutete er jedoch einen CIA-Agenten. Was immer Seth getan hatte, er hatte es jedenfalls geschafft, die Aufmerksamkeit – oder gar den Verdacht – zweier mächtiger Geheimdienste zu erregen. Jack wäre nur allzu gern ein wenig härter aufgetreten, um Antworten auf seine Fragen zu fordern, wusste aber, dass ihm das nicht viel bringen würde; noch nicht. Außerdem würde er durch aggressives Verhalten ihr Interesse an ihm nur noch weiter anstacheln. Es war wohl besser, sich vorerst der Vorgehensweise seiner Gastgeber anzupassen.

»Um Missverständnisse auszuräumen«, begann Spellman. »Wir wissen, wer Sie sind.«

»Und wer bin ich?«

»Der Sohn von Präsident Ryan.«

»Spielt das denn hier eine Rolle?«

»Bitte, Mr. Ryan«, sagte Wellesley. »Wir sind keine Gangster. Weshalb sind Sie hier im Iran?«

»Markterkundung. Ich arbeite für Hendley Associates. Wir bieten …«

»Wir wissen, was Hendley macht. Also noch mal: Warum sind Sie hier im Iran?«

»Das hab ich Ihnen doch gesagt! Markterkundung. Präsident Farahanis gemäßigte Politik könnte das Land für ausländische Investoren interessant machen. Und wenn das eintritt, wollen wir einen Schritt voraus sein.«

»Klingt vernünftig. Verdammt, vielleicht sollte ich mir von Ihnen ein paar Anlagetipps geben lassen«, sagte Spellman lachend.

»Wie lange planen Sie in Teheran zu bleiben?« Jetzt war wieder Wellesley dran.

Guter Cop, böser Cop, dachte Jack. Hollywood hatte daraus zwar ein reichlich abgegriffenes Klischee gemacht, aber es war trotzdem eine erprobte und erfolgreiche Technik. Spellman und Wellesley führten ihm eine abgemilderte Version vor – der leutselige Cop und der leicht gereizte britische Bobby.

»Ist noch offen«, antwortete er.

»Wie gut kennen Sie Seth Gregory?«, fuhr Wellesley fort.

»Wir sind gute Freunde, schon seit der Highschool.«

»Wann hatten Sie zuletzt Kontakt?«, fragte Spellman.

Sie pflügen absichtlich das gepflügte Feld noch mal um, dachte Jack. »Gestern, beim Lunch. Aber das wissen Sie bereits.«

Wellesley schüttelte leicht den Kopf. »Davor, meint er.«

Die Befragung ging noch zehn Minuten so weiter. Wellesley wollte immer mehr über die Art der Beziehung zwischen Jack und Seth wissen. Er spielte gewissermaßen von einer Grundlinie aus und suchte immer wieder nach widersprüchlichen oder nicht stimmigen Antworten. Spellman hingegen schwieg meistens, von ein paar humorvollen Bemerkungen abgesehen, die er nur ins Gespräch warf, um Jack bei Laune zu halten. Ansonsten nippte er seinen Kaffee und studierte Jacks Gesicht.

Schließlich fragte er: »Wissen Sie, wo er jetzt ist?«

»Waren Sie schon in seinem Apartment?«

»Natürlich«, antwortete Wellesley. »Sie auch?«

»Ich weiß nicht mal, wo es ist.«

»Pardis Condos, in der Nähe des Niayesh Expressway.«

Jacks Erinnerung an den Stadtplan Teherans war noch recht lückenhaft. Trotzdem war ihm klar, dass die Niayesh-Stadtautobahn meilenweit vom Niavaran-Park entfernt war, wo sich, wie Seth behauptet hatte, sein Apartment befand. Was zum Teufel ging hier vor?

Jack schüttelte den Kopf. »Nein, ich war noch nie dort.«

»Aber ich, nach unserem Gespräch heute Morgen«, sagte Wellesley. »Er ist nicht dort. Tatsächlich sieht es so aus, als wäre er schon seit einiger Zeit nicht mehr dort gewesen.«

»Er ist beruflich viel unterwegs.«

»Auch das wissen wir«, sagte Wellesley, jetzt in leicht gereiztem Ton.

Seine Verärgerung kam Jack echt vor. Vielleicht war das ein Punkt, an dem Jack später den Hebel ansetzen konnte.

»Haben Sie sich gestern mit ihm auch über seine Arbeit unterhalten?«, fragte Spellman.

»Nur beiläufig. Er arbeitet für Shell.«

Jack beobachtete ihre Gesichter genau, aber beide schauten nur ausdruckslos zurück. Schließlich sagte er: »Hören Sie, ich habe wirklich keine Ahnung, was Sie von mir hören wollen. Sie beide wissen offenbar viel mehr als ich über das, was mit Seth los ist. Wollen Sie mir nicht endlich erklären, was hier vor sich geht? Geben Sie mir wenigstens einen Hinweis!«

Wellesley stieß einen langen Seufzer aus. Spellman stellte die Tasse auf den Couchtisch und beugte sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt, die Hände gefaltet. »Wir glauben, dass sich Seth in Schwierigkeiten manövriert hat. Wir wollen ihm helfen.«

»Hören Sie, ich weiß nicht mal, wer Sie sind, aber ich habe genug von John le Carré gelesen, um mir ein paar Dinge zusammenreimen zu können. Sie müssen mir nicht all ihre Geheimnisse verraten, aber wenn Seth in Schwierigkeiten steckt, muss ich wissen, was los ist.«

»Nein, müssen Sie nicht«, antwortete Wellesley. »Ich schlage vor, Sie …«

Spellman hob die Hand und schnitt damit seinem Kollegen das Wort ab. »Warte mal einen Moment, Raymond. Okay, Jack, das ist nur fair. Ich hänge mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster. Aber schlagen Sie mir nicht den Kopf ab, okay? Ich habe Frau und Kinder.« Er grinste Jack ein bisschen einfältig an.

Jack stellte fest, dass er Spellman bis zu einem gewissen Grad mochte – was dieser vermutlich beabsichtigt hatte.

»Ich versuche mich zu beherrschen, Matt.«

»Wir haben seit ungefähr einem Jahr eine Operation laufen. Seth hat sie für uns geleitet, aber sie hat nichts mit dem Iran zu tun. Es geht um etwas anderes. Nachdem Sie sich mit ihm getroffen hatten, waren wir hier mit ihm verabredet. Er sollte uns über die neuesten Entwicklungen informieren. Als er nicht auftauchte, checkten wir sein Apartment. Dort hat er sich seit einiger Zeit nicht mehr blicken lassen. Der Hausmeister sagte, er habe schon seit fast einem Monat Seths Briefkasten geleert.« Spellman zögerte und warf Wellesley einen fragenden Blick zu, der ihm knapp zunickte. »Und er hat ein wenig Geld mitgenommen – oder genauer: unsere operativen Finanzmittel. Wir glauben, dass er das Land verlassen hat.«

Verdammt, dachte Jack. Spellman spielte ihm nichts vor; Seth befand sich offenbar in großen Schwierigkeiten. War sein alter Highschool-Kumpel wirklich, was er zu sein vorgab? Zu viele Fragen.

Fast hätte er vergessen, die nächstliegende Frage zu stellen, die Frage, die sie garantiert nicht beantworten würden, die aber ein ahnungsloser Zivilist mit Sicherheit stellen würde: »Sie haben von einer ›Operation‹ geredet – was meinen Sie damit? Welche Art von Operation? Und wozu?«

Spellman schenkte ihm noch einmal sein entwaffnendes Lächeln. »Tut mir leid, aber das darf ich Ihnen nicht sagen. Im Moment muss es reichen, wenn ich sage, dass wir zu den Good Guys gehören.«

»Sie machen wohl Witze, wie? Das kann doch nicht wahr sein!«

»Das ist absolut wahr, Mr. Ryan«, versicherte Wellesley. »Sie werden zugeben müssen, dass es für Ihren Freund unter den gegebenen Umständen nicht sehr gut aussieht. Aber natürlich kann das alles auch ein riesiges Missverständnis sein …«

»Falsche Schlussfolgerungen«, warf Spellman ein.

»… und deshalb ist es sehr wichtig, dass wir Mr. Gregory finden.«

»He, klar, das hab ich schon verstanden!«, sagte Jack. »Aber ich habe nichts als seine Handynummer und eine E-Mail-Adresse, und ich denke mal, dass Sie die auch schon haben.«

»Wie lauten sie?«, fragte Spellman und überprüfte die Angaben, die Jack ihm diktierte. »Ja, die haben wir.«

»Ich glaube nicht, dass Seth das ist, was Sie vermuten. Ein Verräter, Spion.«

»Leute können sich ändern«, antwortete Spellman.

»Das ist jedenfalls nicht der Seth, den ich kenne.«

»Den Spruch mit dem Apfelbaum kennen Sie doch, nehme ich an?«, fragte Wellesley.

»Was? Dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, meinen Sie? Was zum Teufel soll das nun wieder heißen? Meinen Sie damit etwa Seths Dad? Der arbeitete im Landwirtschaftsministerium, um Himmels willen!«

»Jaja, natürlich«, winkte Wellesley verächtlich ab.

Jack stand abrupt auf. »Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß. Wenn ich etwas von ihm höre, werde ich ihm sagen, dass er Sie kontaktieren soll. Aber fürs Protokoll: Ich glaube, Sie irren sich.«

Auch Spellman und Wellesley erhoben sich. Der Amerikaner sagte: »Warten Sie, Jack …«

»Nein. Wir sind hier fertig.« Jack ging zur Tür.

Wellesley rief ihm nach: »Mr. Ryan.«

Jack drehte sich um.

»Wenn Sie uns belogen haben oder wenn Sie versuchen, Ihren Freund hinter unserem Rücken zu kontaktieren, werden wir davon erfahren. Und wenn das passiert, wird Ihnen auch Ihr Herr Vater nicht viel helfen können.«

»Drohen Sie mir?«

Genau das war es, was der SIS-Mann gerade getan hatte, wie Jack vollkommen klar war, und er war nicht einmal sonderlich überrascht, wenn er bedachte, was Seth vorgeworfen wurde. Aber die natürliche Reaktion der öffentlichen Person Jack Ryan junior, Präsidentensohn und erfolgreicher Finanzanalytiker, würde selbstverständlich eine Mischung aus Wut und Furcht sein. Gib ihnen, was sie erwarten, Jack.

»Ich habe Ihnen gesagt, was ich weiß. Seth und ich haben uns zum Lunch getroffen. Dauer ungefähr eine Stunde. Ende der Geschichte.«

Spellman hob beide Hände in gespielter Ergebenheit und kam um die Couch herum. »He, Jack, wahrscheinlich haben Sie recht. Wir müssen ihn einfach erst mal finden, das ist alles. Sie sind sein Freund und wollen ihn vermutlich in Schutz nehmen. Mir geht es ähnlich. Aber Sie wollen ganz sicher nicht in diese Sache hineingezogen werden. Rufen Sie uns einfach an, wenn Sie etwas von ihm hören. Oder schicken Sie eine kurze Mail an die Adresse auf Raymonds Karte. Aber versuchen Sie nicht selbst, ihn aufzuspüren, Jack, okay?«

Raymond Wellesley nickte. »Ein sehr guter Ratschlag, wirklich.«

Als Jack wieder auf die Straße trat, atmete er erst einmal kräftig durch, bevor er sich auf den Rückweg machte. Unterwegs versuchte er, die Informationen zu verarbeiten, die er soeben bekommen hatte. Die frische Frühlingsluft half, sie strich angenehm kühl über sein Gesicht.

Verdammter Mist, dachte er. Kann nicht sein. Unmöglich. Passt überhaupt nicht zu Seth. Spellmans Warnung, sich nicht in die Sache hineinziehen zu lassen, hatte Jack schon fast wieder vergessen. Seth nicht helfen? Undenkbar. Die Frage war vielmehr: Wo zum Henker sollte er zu suchen anfangen?

James Jesus Angleton, der CIA-Spionjäger im Kalten Krieg, mochte ein Spinner oder vielleicht sogar richtig wahnsinnig gewesen sein, hatte es aber völlig richtig erkannt, als er behauptete, die bekannte Zeile von T. S. Eliot über die »Wilderness of Mirrors« lasse sich treffend auf die Welt der Geheimdienste und Spionage anwenden, mit all ihren Vorspiegelungen, Verdrehungen und Fehlinformationen. Die Tatsache, dass sich Jack tatsächlich noch an Eliots Gedicht »Gerontion« erinnerte, war womöglich seiner katholischen Schulerziehung zuzuschreiben … oder ihr vorzuwerfen.

Jacks nächster Gedankengang über die Begegnung hätte sogar einem Angleton alle Ehre gemacht: Sind Raymond Wellesley und Matthew Spellman überhaupt die, für die sie sich ausgeben? Und wenn nicht, wer sind sie dann? Und wenn ja, was …

Stopp, befahl er sich. Solche Fragenspiralen führten höchstens dazu, dass er wie Alice im Wunderland in das nächstbeste Kaninchenloch stürzte und sich in fantastischen Spekulationen verirrte. Er brauchte Fakten. Und er brauchte eine Grundlage, auf der er aufbauen konnte.

Erstens: Stelle fest, mit wem du es zu tun hast.

Zweitens: Finde Seth, bevor Wellesley und Spellman ihn aufspüren.

3

Wenn er Spellman und Wellesley nicht wochenlang nachspionieren wollte, um irgendwann Profile der beiden Männer anlegen zu können, gab es für Jack nur eine Möglichkeit, ihren Hintergrund zu durchleuchten: Er musste die Ressourcen des Campus anzapfen. Aber da es kein Portal zu Hendleys Daten-Goldmine gab, in das er sich aus der Ferne einloggen konnte, musste er jemand um einen Gefallen bitten.

Etwa zwanzig Minuten später, nachdem er das Apartment in Zaferānieh verlassen hatte, kam die Geschichte langsam ins Rollen.

Nachdem er sich den restlichen Nachmittag die Zeit vertrieben hatte, aß er im Hotelrestaurant ein Lamm-Koresh als frühes Abendessen, gefolgt von zwei Espressos, dann machte er sich auf den Weg. Zwei Blocks weiter südlich winkte er ein Taxi heran und ließ sich zum Niavaran-Park fahren.

Die Sonne ging gerade unter, als ihn das Taxi am Südeingang des Parks absetzte. Der Weg in den Park war von Bäumen und Laternen gesäumt. Jack ging in nördlicher Richtung durch den Park; unterwegs hörte er immer wieder Gelächter und ab und zu trieben Musikfetzen herüber, die wie persischer Pop klangen. Der Park, der jetzt öffentlich zugänglich war, gehörte früher zum Palast des letzten Schahs, Mohammad Reza Pahlavi. Auf dem Gelände befanden sich jetzt auch eine öffentliche Bibliothek und eine kleine Rollschuhbahn; der Park galt mittlerweile unter Jugendlichen als beliebter Platz zum Abhängen. Jack widerstand der Versuchung, sich das Spektakel näher anzuschauen. Er ging auf der Pasdaran-Allee zur weiter nördlich verlaufenden Pour-Ebtehaj-Straße. Von hier aus musste er nur noch fünf Minuten Richtung Osten gehen, um zu Seths Apartment zu gelangen – zu der Wohnung, von der Spellman und Wellesley offenbar nichts wussten.

Die Apartmenthäuser in dieser Gegend waren in den Fünfzigerjahren erbaut worden, alte, aber gepflegte Häuser aus braunem Sandstein mit frisch gestrichenen weißen Fenstern. Die Rasenstreifen entlang der Gehwege waren gemäht und gut gepflegt. Der Eingang zu Seths Apartment befand sich in der Mitte eines Häuserblocks. Jack ging zum anderen Ende, wo er ein Café entdeckte. Er setzte sich an einen Tisch am Fenster und bestellte eine Tasse Tee.

Und begann die Observation.

Zwanzig Minuten später vibrierte das Smartphone in Jacks Tasche. Bisher hatte er nur drei Personen aus dem Haus kommen sehen, zwei hatten ihre Hunde Gassi geführt, die dritte Person war losgerannt, um einen Bus an der nächsten Straßenecke zu erwischen. Das Display zeigte Gavins Namen.

Gavin Bierys offizieller Titel beim Campus lautete »Leiter der Abteilung für Informationstechnologie«, aber er war auch ein unvergleichlicher Informationsdieb und begnadeter Hacker. Er hatte keine Sekunde gezögert, als Jack ihn bat, eine inoffizielle Suche nach Informationen über Spellman und Wellesley durchzuführen. Seth Gregory hatte Jack dabei nicht erwähnt.

»He, Gavin, was gibt’s?«

»Schneeregen und Matsch, das gibt’s.« Gavin war kein Outdoor-Typ. Das Wetter interessierte ihn nicht, eigentlich interessierte ihn gar nichts, was nicht mit Computern zu tun hatte.

»Das tut mir leid. Und was hast du für mich?«

»Raymond Lamont Wellesley und Matthew Spellman sehen beide legitim aus. Beide haben richtig nette Scheintitel, aber das war zu erwarten. Wellesley gehört zum britischen Außenministerium, aber nirgends wird erwähnt, in welcher Abteilung oder Division er arbeitet. Spellman gehört zum US-Außenministerium, Abteilung für Politische Angelegenheiten, Referat für Europäische und Eurasische Angelegenheiten.« Gavin räusperte sich. »Aber als ich anfing, ein wenig tiefer zu graben, stieß ich auf ein paar Details, die förmlich nach Legendierung rochen«, fuhr er fort. Im Sprachgebrauch der Nachrichtendienste wurden damit Maßnahmen bezeichnet, durch die sich die wahre Identität von verdeckt arbeitenden Agenten verschleiern ließ. »Aber ich grabe weiter.«

»Keine roten Fähnchen?«

»Bisher jedenfalls nicht. Aber ich mache ja auch keinen großen Lärm. Hm … bist du in Schwierigkeiten, Jack?«

»Vielleicht bin ich nur übervorsichtig. Wahrscheinlich ist nichts dran. Danke, Gavin.« Jack beendete das Gespräch.

Er blieb noch weitere zwanzig Minuten vor seiner Tasse sitzen, bis er sich einigermaßen sicher war, dass niemand das Gebäude beobachtete, zahlte, überquerte die Straße und stieg die wenigen Stufen zur Haustür hinauf. Die Tür war nicht verschlossen und führte in einen Vorraum. Im Gegensatz zum Äußeren des Gebäudes herrschte im Innern reiner persischer Stil vor: blau-weißes Fliesenmosaik auf dem Fußboden und makellose weiße Wände. Ein paar Augenblicke blieb er bewegungslos stehen und lauschte, dann stieg er die Treppen zum dritten Stock hinauf. Der Flur war menschenleer; auf beiden Seiten befanden sich vier Wohnungstüren, aber Jack hörte keinerlei Geräusche durch die Türen dringen. Ein leichter Schauder lief ihm über den Rücken, eine vage Unruhe. Im Flur eines amerikanischen Apartmenthauses würde man zumindest leise Geräusche hören – Stimmen, einen Fernseher, Musik. Völlig andere Kultur, dachte er. Er ging an Seths Apartmenttür vorbei, die die Nummer 406 trug, blieb vor dem Notausgang stehen und lauschte wieder. Wenn er auf dem Weg hierher beschattet worden war, hatten seine Verfolger zwei Möglichkeiten: Sie konnten auf der Straße warten, bis Jack wieder aus dem Haus kam, oder sie folgten ihm ins Gebäude. Jack setzte sich auf den Fenstersims direkt neben der Tür, den Rücken gegen ein Raffrollo gelehnt, und wartete.

Beeil dich und warte. Ein Spruch, den er sowohl von Clark als auch von Ding viele Male gehört hatte. Für bestimmte militärische Aufgaben und in der Welt der Spione war Geduld eine unverzichtbare Tugend.

Jack wartete zehn Minuten lang, dann noch einmal fünf Minuten als Sicherheitspuffer. Schließlich ging er zu Seths Wohnungstür zurück, presste das Ohr ein paar Sekunden lang an die Tür, schob den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür langsam und geräuschlos. Er trat ein und schob sofort den Sicherheitsriegel vor, der mit leisem Klicken einschnappte. In der Wohnung war es dunkel, vom Mondlicht abgesehen, das durch zwei Fenster an der gegenüberliegenden Wand fiel.

Verdammt, Handschuhe, dachte Jack. Hätte welche mitbringen sollen.

Aus den linken Augenwinkeln sah er eine Bewegung, eine schattenhafte Gestalt kam aus dem Seitenflur. Jack wirbelte auf dem Absatz herum, um sich dem Angriff zu stellen. Blitzschnell verarbeitete sein Gehirn die Informationen über den bevorstehenden Angriff: wahrscheinlich keine Waffe, sonst würde der Mann nicht versuchen, den Abstand möglichst schnell zu überwinden; er hielt Arme und Hände dicht am Körper, also wahrscheinlich auch weder Klinge noch stumpfer Gegenstand. Ein blinder Angriff, der Jack verriet, dass der Mann von Jacks Ankunft wahrscheinlich kalt erwischt worden war.

Jacks Gehirn schaltete auf Autopilot. Er ließ den Mann noch ein paar Schritte herankommen, tauchte nach links weg, aus der direkten Angriffslinie, wirbelte noch einmal auf dem Absatz herum, wobei er den ganzen Körper mitdrehte, und rammte dem vorbeistürzenden Mann den Ellbogen an den Hinterkopf. Der Schlag war hart, aber doch nicht hart genug. Der Mann drehte sich um, jetzt bereits in Kampfstellung, und versetzte Jack einen Fußtritt im Stil eines Thaiboxers. Sein Schienbein kollidierte hart mit Jacks linkem Oberschenkel. Jacks Oberschenkelmuskel fühlte sich fast sofort taub an. Der Tritt war perfekt ausgeführt worden, keinesfalls eine verzweifelte Reaktion, wie Jack jetzt klar wurde; sein Angreifer war gut trainiert.

Jack taumelte zurück, versuchte, das Gleichgewicht wiederzufinden, indem er das Gewicht auf das nicht getroffene Bein verlagerte, aber der Mann griff sofort wieder an und trieb ihn zu den Fenstern. Ein Rücken voller Glasscherben würde den Kampf definitiv beenden. Er wich seitwärts aus, geriet halb ins Stolpern, doch dann trat er plötzlich einen Schritt vor, tauchte unter einem rechten Haken weg und ließ die eigene Faust mit voller Wucht in die Rippen des Angreifers krachen. Der Mann taumelte zur Seite. Jacks Schenkel war wie abgestorben. Diesen Kampf konnte er nicht gewinnen, solange er auf beiden Beinen kämpfen musste.

Er stieß sich mit dem rechten Fuß ab und prallte gegen den Mann. Zusammen stürzten sie zu Boden, der Mann kam unter Jack zu liegen. Doch der Angreifer schaffte es, sich auf den Rücken zu wälzen, Jacks Hüfte mit beiden Beinen zu umfassen und Jacks Kopf auf seine Brust hinunterzuziehen. Scheiße. Der Mann hatte auch Brasilianisches Jiu-Jitsu drauf. Wenn sich Jack nicht schnell aus der Umklammerung befreien konnte, würde ihn der Typ zweifellos mit einem Würgegriff von hinten erwürgen. Jack hätte im Stehen verloren, jetzt verlor er auch auf dem Boden. Unternimm was, Jack.

Der Mann rammte Jack den Ellbogen gegen die Schläfe. Grelle Lichtpunkte blitzten hinter Jacks Augen auf. Er spürte, wie er seitwärts geschwungen wurde, sah, wie sich ein schwarzer Schatten über seine Augen legte. Er wusste, dass er gleich noch weitere Schläge einstecken musste, und schützte den Kopf mit den Unterarmen, sodass er die Schläge abfangen und selbst zu Atem kommen konnte. Er riss sich zurück, brach aus der Umklammerung und warf sich plötzlich wieder nach unten. Seine Stirn krachte gegen den Wangenknochen des Angreifers; Jack hörte ein leises Knacken. Der Mann stieß Jacks Arm hoch und zielte mit einem Handflächenschlag auf Jacks Kinn. Jack spürte, wie sich die Finger des Angreifers immer näher an seine Augen schoben. Er riss den Kopf seitwärts und brach damit den Griff des Gegners auf.

Nicht aufgeben, dachte Jack. Mach ihn fertig, bevor du bewusstlos wirst.

Mühsam riss er erneut den Kopf hoch, stieß ihn wieder hinunter, dann noch einmal. Bevor sich der Angreifer von den Stößen erholen konnte, griff Jack blind nach unten, packte die Ohren des Gegners, riss seinen Kopf hoch und schmetterte ihn auf das Parkett zurück. Das wiederholte er noch zweimal, bis der Mann schlaff wurde.

Keuchend rollte er sich von dem Angreifer herunter und kroch seitwärts von ihm weg, um sich aus dem Klammergriff der Beine zu befreien. Er streckte den Kopf vor, bis er den Flur entlangblicken konnte, aus dem ihn der Mann angegriffen hatte. Glücklicherweise war niemand anderes zu sehen; einen weiteren Kampf hätte Jack nicht durchgestanden. Sein Kopf pochte vor Schmerzen, und er hörte das Blut in den Ohren rauschen.

Halb bewusstlos, nur noch vom Überlebensinstinkt getrieben, kroch Jack wieder zu dem Mann zurück, wälzte ihn auf den Bauch und presste das linke Knie in seinen Nacken. Der Mann rührte sich nicht und gab keinen Laut von sich. Das Hartholzparkett war blutverschmiert. Er legte die Hand an den Hals des Angreifers und tastete nach der Halsschlagader. Sie pochte gleichmäßig und stark.

Gut, dachte Jack. Zwar hatte er schon getötet, wenn es unumgänglich war, hatte sich dabei aber alles andere als gut gefühlt. Es löste in ihm ein Gefühl größter Unruhe aus – was ein gutes Zeichen war, wie ihm John Clark erklärt hatte: »Wenn es dich überhaupt nicht mehr berührt, entweder direkt oder später, wenn du mit deinen Gedanken allein bist, hast du ein Problem.« Dieses Eingeständnis von einem Mann wie Clark hatte Jack überrascht; er hatte sogar überlegt, ob Hendleys Operationsleiter in seinen »Goldenen Jahren« ein bisschen weicher und nachdenklicher geworden sei. Aber natürlich war »Goldene Jahre« kein Ausdruck, den er in Clarks Gegenwart jemals in den Mund nehmen würde.

Jetzt erst spürte Jack, dass sein linker Schenkel unkontrollierbar zu zucken begonnen hatte. Er setzte sich auf den Boden, schob sich rückwärts bis zur Wand und massierte den Oberschenkelmuskel, bis das Zittern endlich nachließ. Verdammt, einen derartigen Kick hatte er noch nie einstecken müssen. Noch ein Tritt dieser Art, und er wäre erledigt gewesen. Höchste Zeit, ein bisschen Muay-Thai-Training zu betreiben, dachte Jack geistesabwesend.

Konzentrier dich, Jack. Hatte der Angreifer überrascht gewirkt, als Jack auftauchte, oder hatte er auf der Lauer gelegen? Es gab eine Möglichkeit, das herauszufinden. Jack kroch wieder hinüber und durchsuchte ihn gründlich. In der Gesäßtasche steckte eine Geldbörse; Jack zog sie heraus und schob sie sich in den Hosenbund. An der rechten Hüfte trug der Mann ein gepolstertes Holster, darin steckte eine 9-Millimeter-Halbautomatik. Jack warf das Magazin aus, sah, dass es noch voll war, zog den Schlitten zurück und entdeckte eine Patrone im Patronenlager.

Überraschung, dachte er. Wenn das ein geplanter Anschlag gewesen wäre, hätte der Mann mit gezogener Pistole auf der Lauer gelegen. Auf jeden Fall hätte er Zeit genug gehabt, Jack zu überwältigen. Deshalb war es wahrscheinlicher, dass der Mann kurz in Panik geraten war. Verdammt viel Glück gehabt, Jack.

»Wer zum Teufel bist du?«, murmelte er dem Bewusstlosen zu. Eine Frage, die später zu klären sein würde.

Er zog die 9-Millimeter aus dem Holster und schob sie in die Seitentasche seiner Jacke.

Dann stemmte er sich mühsam hoch, humpelte zur Fensterfront, zog die Vorhänge vor und schaltete die Deckenbeleuchtung ein. Abgesehen von einer Stehlampe in einer Ecke war der Raum völlig leer. Jack zog den Stecker der Stehlampe, riss das Kabel aus dem Lampensockel und fesselte damit den Angreifer.

Schließlich ging er zur Kochnische an der Schmalseite des Raums und schaltete die Beleuchtung der Dunstabzugshaube ein. Auf der Arbeitsplatte stand ein Wasserglas; er füllte es, trank es gierig aus, trank noch ein zweites Glas leer. Seine Hände zitterten heftig. Er stellte das Glas wieder weg und ballte und öffnete abwechselnd die Fäuste, bis sie wieder ruhig wurden.

Schließlich öffnete er den Gefrierschrank, der so gut wie leer war. Er nahm eine Packung tiefgefrorener Karotten heraus, presste sie auf den pochenden Oberschenkel und humpelte durch den Flur zum Bad. In der Dusche lag ein Stück Seife, ein Handtuch hing am Haken, und auf dem Rand des Waschbeckens lagen eine Zahnbürste und eine angebrochene Tube Zahncreme, das war schon alles. In einem kleinen Medikamentenschrank an der Wand fand er eine kleine Flasche mit Tabletten, die er für die iranische Version von Ibuprofen hielt. Er spülte vier Tabletten hinunter, dann inspizierte er sein Gesicht im Spiegel. Auf der Stirn leuchtete hellrot ein Fleck von der Größe eines halben Dollars, und die rechte Wange zwar zerkratzt und angeschwollen. Er hätte viel schlimmer aussehen können, das war ihm klar. Er drehte den Wasserhahn auf, spritzte sich mit beiden Händen Wasser ins Gesicht und wischte es mit dem Handtuch trocken.

Am Ende des Flurs befand sich eine weitere Tür; sie führte in ein Schlafzimmer, das ebenfalls spärlich möbliert war: ein Feldbett, ein faltbarer Campingstuhl und ein kleiner Campingtisch, an dem eine kleine Lampe mit Flexarm festgeklemmt war. Vor dem einzigen Fenster hingen schwarze Vorhänge, deren Ränder mit silbernem Klebeband an der Wand festgeklebt waren, sodass der Raum fast vollständig abgedunkelt war. Nur in der Mitte fiel ein schmaler Lichtstreifen herein. In einer Ecke entdeckte Jack einen kleinen Bodensafe mit geschlossener Tür, ungefähr dreißig Zentimeter breit und sechzig Zentimeter hoch.

»Gemütliche Bleibe, Seth«, flüsterte Jack vor sich hin. »Was zum Teufel hast du vor?«

Warum hatte sein Freund seine eigentliche Wohnung aufgegeben, um in diesem spartanisch ausgestatteten Fluchtloch zu wohnen? Denn laut Spellman hatte sich Seths Post ja seit fast einem Monat in der anderen Wohnung angesammelt. Wenn man davon ausging, dass Seth zu diesem Zeitpunkt hierher umgezogen war, musste es dafür einen Auslöser gegeben haben. Was hatte ihn dazu bewogen? Und warum hatte ihm Seth den Schlüssel zu dieser Wohnung gegeben? Ganz gewiss nicht als Alternative zu einem bequemen Hotelzimmer. Nein: Seth hatte gewollt, dass Jack hierherkam, er sollte hier irgendetwas finden – und dieses Etwas befand sich höchstwahrscheinlich im Safe.

Jack ging hinüber und kniete vor dem Safe nieder. Er versuchte, die Tür aufzuziehen. Sie war verschlossen.

Wie aus dem Unterbewusstsein sprangen ihm plötzlich Seths rätselhafte Abschiedsworte wieder in den Sinn: »Steaks sind im Tiefkühlfach.«

»Schlauer Junge«, murmelte Jack.

Er trat aus dem Schlafzimmer in den Flur.

Und erstarrte.

Am anderen Flurende stand ein Mann, das Gesicht von einer Balaklava verhüllt. Er hielt eine Pistole auf Jacks Brust gerichtet.

»Kein Ton, sonst lege ich Sie um.«

Dem Akzent nach war der Mann Amerikaner. Die Sturmhaube ließ nur die Augen frei. Sehr leise, der Bastard, dachte Jack. Hatte er es hier mit einem von Spellmans oder Wellesleys Männern zu tun? Wenn nicht, war die Begegnung hier ein echt unglaublicher Zufall.

Der Mann hatte einen Schalldämpfer von der Größe einer Coladose auf die Halbautomatik geschraubt. Mit einem so großen Dämpfer würde ein Schuss leiser sein als ein auf dem Boden aufschlagendes Taschenbuch. Jacks Herzschlag beschleunigte sich.

»Hände hoch«, befahl der Mann.

Gehorsam hob Jack die Hände.

Die Karottenpackung klatschte auf den Boden.

»Haben Sie den Mann dort drin getötet?«, wollte Balaklava wissen.

»Nicht ganz.«

»Aber ganz schön zugerichtet. Blut überall.«

»Er oder ich. Ihr Freund?«

»Klappe. Ich frage, Sie antworten.«

Ob die beiden Männer Partner waren, würde ihm dieser Typ sicherlich nicht verraten.

»Sie haben seine Pistole, richtig? Drehen Sie sich um und ziehen Sie sie heraus – zwei Finger am Griff, immer hübsch langsam, wenn ich bitten darf. Legen Sie die Waffe auf den Boden.«

Jack wandte sich von dem Mann ab, und während er die Waffe herauszog, zog er den Bauch ein wenig ein. Als er sich bückte, schob er die Geldbörse ein wenig tiefer in den Hosenbund, dann kniete er nieder und legte die Pistole auf den Boden, wobei er die Börse noch ein wenig tiefer schob. Er hoffte, dass sie nun nicht mehr zu sehen war.

»Drehen Sie sich um und kicken Sie die Pistole zu mir herüber«, befahl Balaklava.

Jack befolgte die Anweisung. Die 9-Millimeter kreiselte über den Holzboden und kam einen halben Meter vor den Füßen des Mannes zur Ruhe. Ohne die eigene Waffe auch nur einen Fingerbreit von ihrem Ziel abzuwenden, bückte sich der Mann, hob die Waffe auf und schob sie in den Hosenbund.

Ich lebe noch,