Im Licht des Todes - J.D. Robb - E-Book
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Im Licht des Todes E-Book

J.D. Robb

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Beschreibung

In ihrem 42. Fall muss Eve Dallas sich ihren eigenen Dämonen stellen und in einem atemberaubenden Wettlauf einen Mörder aufhalten …

Gerade als Dennis Mira seinen Cousin Edward mit dem Verkauf des Hauses, das ihrem Großvater gehörte, konfrontieren will, bekommt er einen Schock: Edward steht vor ihm, zerschrammt und blutig ... und dann wird alles schwarz. Als Dennis wieder zu sich kommt, ist Edward verschwunden. Eve Dallas wird mit den Ermittlungen betraut und ist fest entschlossen, die Geheimnisse von Edward Mira aufzudecken und herauszufinden, welche Feinde er sich in seiner langen Karriere als Anwalt, Richter und Senator gemacht haben könnte. Sie will Licht in die schmutzigen Geschäfte und dunklen Motive hinter dem Verschwinden eines mächtigen Mannes, den Familienstreit um eine Multimillionen-Dollar-Immobilie und damit in einen Fall bringen, den niemand kommen sah …

J. D. Robb übertrifft sich mit jedem Band ihrer SPIEGEL-Bestsellerserie erneut: Verpassen Sie nicht die anderen Fälle von Eve Dallas! Alle Roman sind unabhängig voneinander lesbar.

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Seitenzahl: 662

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Buch

Gerade als Dennis Mira seinen Cousin Edward mit dem Verkauf des Hauses, das ihrem Großvater gehörte, konfrontieren will, bekommt er einen Schock: Edward sitzt vor ihm, zerschrammt und blutig … und dann wird alles schwarz. Als Dennis wieder zu sich kommt, ist Edward verschwunden. Eve Dallas wird mit den Ermittlungen betraut und ist fest entschlossen, die Geheimnisse von Edward Mira aufzudecken und herauszufinden, welche Feinde er sich in seiner langen Karriere als Anwalt, Richter und Senator gemacht haben könnte. Sie will Licht in die schmutzigen Geschäfte und dunklen Motive hinter dem Verschwinden eines mächtigen Mannes, den Familienstreit um eine Multimillionen-Dollar-Immobilie und damit in einen Fall bringen, den niemand kommen sah …

Autorin

J. D. Robb ist das Pseudonym der international höchst erfolgreichen Autorin Nora Roberts, einer der meistgelesenen Autorinnen der Welt. Unter dem Namen J. D. Robb veröffentlicht sie seit Jahren erfolgreich Kriminalromane.

Liste lieferbarer Titel

Rendezvous mit einem Mörder · Tödliche Küsse · Eine mörderische Hochzeit · Bis in den Tod · Der Kuss des Killers · Mord ist ihre Leidenschaft · Liebesnacht mit einem Mörder · Der Tod ist mein · Ein feuriger Verehrer · Spiel mit dem Mörder · Sündige Rache · Symphonie des Todes · Das Lächeln des Killers · Einladung zum Mord · Tödliche Unschuld · Der Hauch des Bösen · Das Herz des Mörders · Im Tod vereint · Tanz mit dem Tod · In den Armen der Nacht · Stich ins Herz · Stirb, Schätzchen, stirb · In Liebe und Tod · Sanft kommt der Tod · Mörderische Sehnsucht · Ein sündiges Alibi · Im Namen des Todes · Tödliche Verehrung · Süßer Ruf des Todes · Sündiges Spiel · Mörderische Hingabe · Verrat aus Leidenschaft · In Rache entflammt · Tödlicher Ruhm · Verführerische Täuschung · Aus süßer Berechnung · Zum Tod verführt · Das Böse im Herzen · So tödlich wie die Liebe · Geliebt von einem Feind · Der liebevolle Mörder

Mörderspiele. Drei Fälle für Eve Dallas · Mörderstunde. Drei Fälle für Eve Dallas · Mörderlied. Vier Fälle für Eve Dallas

Nora Roberts ist J. D. Robb.

Ein gefährliches Geschenk

J. D. Robb

Im Licht des Todes

Roman

Deutsch von Uta Hege

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Brotherhood in Death« bei Berkley Books, an imprint of Penguin Random House LLC, New York.

Dieser Roman ist im Juni 2021 bei Weltbild erschienen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © der Originalausgabe 2016 by Nora Roberts

Published by Arrangement with Eleanor Wilder

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarischen Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright © 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Blanvalet Verlag, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Regine Kirtschig

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotiv: plainpicture/Frank Lothar Lange

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

LH · Herstellung: sam

ISBN: 978-3-641-26470-3V001

www.blanvalet.de

Prolog

Aus Loyalität dem Toten gegenüber fuhr er durch den Eisregen statt auf direktem Weg nach Hause erst noch nach SoHo. Er war erschöpft und hätte gern daheim ein Feuer im Kamin entfacht, die Füße hochgelegt und es sich mit einem guten Buch und einem Gläschen Whiskey auf der Couch bequem gemacht, bis seine Frau nach Hause kam.

Stattdessen schlitterte er jetzt in einem Taxi, in dem es nach überreifer Paprika und Moschus roch, über die schneebedeckte Straße und versuchte, sich gedanklich für den Streit zu wappnen, der unausweichlich war.

Er wunderte sich manchmal über Leute, die sich offenkundig gerne stritten, denn er selber hasste Streit, und alle, die ihn kannten, wussten, dass er stets versuchte, Auseinandersetzungen möglichst aus dem Weg zu gehen.

Dieses Mal jedoch käme es zwischen ihm und seinem Vetter Edward garantiert zu einem Streit.

Schade, dachte er und starrte durch das Fenster des Taxis in den Eisregen hinaus. Die Eispartikel klatschten wie gereizte Schlangen auf die Scheibe.

Früher hatten er und Edward sich so nahegestanden wie zwei Brüder. Damals hatten sie zusammen die Welt erkundet und Geheimnisse und hochfliegende Träume ausgetauscht. Doch schließlich hatten die Zeit und die verschiedenen Wege, die sie jeweils eingeschlagen hatten, sie so voneinander entfremdet, dass er nicht mehr wusste, was für eine Art Mensch aus dem Cousin geworden war. Er kannte ihn nicht mehr, er verstand ihn nicht mehr, und obwohl ihn das betrübte, musste er sich eingestehen, dass Edward ihm inzwischen richtiggehend unsympathisch war.

Dessen ungeachtet hatten sie dieselben Großeltern, weil ihre Väter Brüder waren. Sie waren Familie, und er hoffte, dass er diese Blutsbande und die gemeinsamen Erinnerungen nutzen könnte, um am Ende einen Kompromiss zu schließen.

Auch wenn die Person, zu der sein Vetter sich entwickelt hatte, offensichtlich nichts von Kompromissen hielt. Wenn Edward etwas wollte, gab er für gewöhnlich niemals auch nur eine Handbreit nach.

Sonst hätte er wohl kaum einen Makler einbestellt, der sich das wunderschöne Sandsteinhaus ansehen sollte, das die Großeltern ihnen beiden hinterlassen hatten.

Er hätte nicht einmal etwas von dem Termin erfahren, wenn sich die zweite Assistentin seines Vetters – oder welchen Titel diese junge Frau auch immer hatte – nicht verplappert hätte, als er bei Edward in der Firma angerufen hatte, weil er ihn sprechen wollte.

Im Grunde war er ein eher ausgeglichener Mensch, der nicht zu Wutausbrüchen neigte, heute Abend aber war er außer sich vor Zorn. Er war so wütend, dass er Edward eine Szene machen würde, selbst wenn der verdammte Makler in der Nähe war.

Das halbe Anwesen, so nannte Edward das Haus inzwischen, hatte schließlich er geerbt, es könnte also nur an einen Makler übergeben werden, wenn er damit einverstanden war.

Doch seine Zustimmung bekäme Edward nicht, denn das würde dem ausdrücklichen Wunsch ihres Großvaters entgegenstehen.

Für einen Augenblick saß er in Gedanken wieder im Arbeitszimmer seines Großvaters mit den warmen Farben, den Regalen voller Bücher, die nach teurem Leder rochen, wunderbaren alten Fotos und Erinnerungen an eine Zeit, die längst vergangen, doch für ihn noch immer faszinierend war.

Er spürte die einst große, starke, doch inzwischen schwache Hand des alten Herrn und hörte seine Stimme, die schon lange nicht mehr wie Kanonendonner hallte, sondern etwas zittrig klang.

Dies ist nicht nur ein Haus oder ein Heim. Obwohl es auch als solches kostbar ist. Es hat eine Geschichte und sich einen Platz in dieser Welt verdient. Es ist euer Vermächtnis, und ich gehe davon aus, dass du und Edward die Geschichte dieses Hauses und dieses Vermächtnis in Ehren halten werdet, wenn ich einmal nicht mehr bin.

Das würde er auf jeden Fall tun, nahm er sich vor, während das Taxi endlich hielt. Wenn es gut lief, könnte er Edward daran erinnern, was der Wunsch des Großvaters gewesen war. Wenn es schlecht lief, fände er auf alle Fälle einen Weg, um Edward dessen Hälfte des Hauses abzukaufen, denn wenn es dem Typen nur um Geld ging, könnte er ihn damit auf jeden Fall zufriedenstellen.

Er gab dem Fahrer ein zu hohes Trinkgeld, weil das Wetter wirklich grässlich war. Vielleicht kurbelte der Mann deshalb das Fenster herunter, um ihm hinterherzurufen, dass er seine Aktentasche mitnehmen sollte, die noch auf der Rückbank lag.

»Danke.« Eilig machte er noch einmal kehrt, um sie zu holen. »Mir gehen gerade viel zu viele Dinge durch den Kopf.«

Er schnappte sich die Aktentasche, bahnte sich einen Weg am Rand des stark vereisten Bürgersteigs entlang, trat durch das kleine gusseiserne Tor und ging zum Haus. Der Weg bis dorthin war vom Schnee befreit und ordentlich gestreut, weil er persönlich einen Jungen aus der Nachbarschaft dafür bezahlte, dass er diese Arbeit erledigte.

Er nahm dieselbe Handvoll Stufen wie als kleiner Junge, Teenie, junger und inzwischen nicht mehr wirklich junger Mann.

Vielleicht vergaß er seine Aktentasche, doch den Zugangscode zu diesem Haus vergäße er nie. Dann legte er die Hand aufs Handlesegerät und zog seine Schlüsselkarte durch den Schlitz.

Er schob die schwere Holztür auf und spürte die Veränderung im Haus wie einen Stich ins Herz.

Es duftete nicht länger nach den frischen Blumen, die seine Großmutter mit liebevoller Sorgfalt in der hübschen Vase auf dem Holztisch in der Eingangshalle angeordnet hatte. Es lungerte kein alter Hund mehr in dem Korb neben der Tür herum, um ihn bei seiner Ankunft freudig zu begrüßen, ein Teil der Möbel und der Bilder standen oder hingen heute in den Häusern anderer Menschen, um sie zu erfreuen.

Darüber war er froh, weil das der ausdrückliche Wunsch des Großvaters gewesen war.

Obwohl das Haus inzwischen leer stand, zahlte er der Tochter einer langjährigen Angestellten seiner Großeltern etwas dafür, dass sie einmal in der Woche saubermachte, was sie dem Geruch der Möbelpolitur, der sich in den Geruch des Leerstands mischte, nach auch tat.

»Zeit, dass wieder Leben in das Haus kommt«, murmelte er vor sich hin und stellte die Aktentasche ab.

Als er plötzlich Stimmen hörte, fragte er sich, ob sie vielleicht Teil seiner Erinnerungen waren. Dann aber fiel ihm wieder ein, aus welchem Grund er hergekommen war. Bestimmt sprach Edward bereits mit dem Makler über Größe, Lage und den Marktwert ihres alten Heims.

Edward dachte dabei anders als er selbst nicht einen Augenblick an die Familienessen an dem großen Tisch, die Brombeertörtchen, die sie heimlich aus der Küche hatten mitgehen lassen, und den Augenblick, in dem er voller Stolz an einem sonnenhellen Samstagnachmittag zum ersten Mal mit der von ihm geliebten Frau zu seinen Großeltern gekommen war.

Er zwang sich, aus dem Nebel der Erinnerungen wiederaufzutauchen, und lief in Richtung der Stimmen, die er hörte. Mit Gefühlen bräuchte er dem Vetter nicht zu kommen, aber falls es nicht genügte, ihn an das dem Großvater gegebene Versprechen zu erinnern, reichte es ja vielleicht aus, ihm deutlich zu verstehen zu geben, dass er nur zur Hälfte Eigentümer dieses Hauses war.

Falls das noch nicht reichte, gäbe er ihm einfach Geld.

Jedenfalls hatte er nicht vor, sich heimlich an die beiden Männer anzuschleichen, also rief er laut den Namen des Cousins.

Die Stimmen brachen ab, und wieder wogte Zorn in seinem Innern auf. Dachten sie, sie könnten sich vor ihm verstecken? Er ging weiter und hielt sich an seinem Ärger wie an einer Waffe fest. Dann bog er in den Raum, an den er schon im Taxi gedacht hatte, und sah Edward, der wie früher immer der Großvater im Schreibtischsessel saß.

Vor Panik waren Edwards Augen groß wie Untertassen, selbst das violett verfärbte, das bereits stark zugeschwollen war, aus seinem Mundwinkel rann Blut, und als er etwas sagen wollte, waren auch seine Zähne rot verfärbt.

Statt verärgert rannte er entsetzt und voller Sorge auf ihn zu.

»Edward.«

Er verspürte einen explosionsartigen Schmerz am Hinterkopf, verlor das Gleichgewicht, und während er kopfüber auf den alten Eichenboden krachte und ihm schwarz vor Augen wurde, hörte er den Vetter schreien.

1

Nach einem langen, anstrengenden Tag erst vor Gericht und dann im Büro mit irgendwelchem lästigen Papierkram freute sich Eve Dallas, Lieutenant der New Yorker Polizei, auf einen ruhigen Abend in Gesellschaft ihres Ehemanns und ihres Katers, mit ein, zwei Gläsern Rotwein und, falls Roarke nicht zu viel Arbeit mit nach Hause brächte, vielleicht mit einem Film.

Sie selbst – Gott sei’s getrommelt und gepfiffen – brachte heute Abend keine Arbeit mit.

Sie könnte ihre Wunschliste ruhig noch verlängern, dachte sie, während sie nach dem Schal, den sie von ihrer Partnerin zu Weihnachten gestrickt bekommen hatte, fasste. Um ein paar Bahnen und um anschließenden Sex im hauseigenen Pool. Egal, wie viele Räder Roarke vielleicht noch drehen müsste, fände er dafür bestimmt Zeit.

In einer anderen Tasche des langen Ledermantels fand sie ihre lächerliche, mit einer Glitzerschneeflocke verzierte Mütze. Um sich vor dem verfluchten Eisregen zu schützen, setzte sie sie auf. Sie hatte ihre Partnerin schon heimgeschickt, zwei ihrer Detectives liefen draußen durch die Kälte und verfolgten eine, wie sie hofften, heiße Spur. Wenn sie sie bräuchten, würden sie sie kontaktieren, aber für gewöhnlich kamen sie auch gut allein zurecht.

Ein weiterer ihrer Männer hatte gerade erst die Prüfung zum Detective abgelegt und bekäme morgen früh in einem offiziellen Rahmen seine Marke überreicht.

Bis dahin aber hätte sie erst einmal frei.

Spaghetti bolognese, dachte sie. Die wären genau das Richtige für einen kalten Januarabend, wenn man aus der widerlichen Kälte und dem Eisregen nach Hause kam. Wenn sie sich beeilte und vor Roarke nach Hause käme, könnte sie das Essen vorbereiten, eine Flasche Rotwein dazu holen und den Tisch mit Kerzen schmücken. Entweder direkt neben dem Pool oder vielleicht im Esszimmer mit dem prächtigen Kamin, in dem ein heimeliges Feuer prasseln würde, während sie beim Essen saßen.

Sie könnte auch noch zwei Salate für sie besorgen und zwei der schicken Vorspeisen, auf die er so versessen war.

Während draußen Eisregen und Minusgrade herrschten, würden sie essen und …

»Eve.«

Sie sah sich um und stellte fest, dass Mira, die Seelenklempnerin und Profilerin der New Yorker Polizei, von einem Gleitband sprang und mit wehendem blauem Mantel auf sie zugelaufen kam.

»Gott sei Dank. Sie sind noch hier.«

»Ich wollte gerade gehen. Was gibt’s? Was ist passiert?«

»Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich … Dennis …«

Instinktiv griff Eve sich an die Mütze, die sie von dem fürsorglichen Dennis Mira aufgesetzt bekommen hatte, als sie während eines eisigen Dezembertags im Jahr 2060 wieder einmal ohne Kopfbedeckung herumgelaufen war.

»Ist er verletzt?«

»Ich glaube nicht.« Die für gewöhnlich unerschütterliche Charlotte Mira rang die Hände. »Er war nicht ganz klar und furchtbar aufgeregt. Sein Cousin … Er meinte, sein Cousin wäre verletzt worden und sei plötzlich verschwunden. Er hat mich ausdrücklich gebeten, Sie hinzuzuziehen. Es tut mir leid, dass ich Sie einfach überfalle, aber …«

»Kein Problem. Wo ist Ihr Mann? Zu Hause?« Eve lief los und steuerte den Lift an.

»Nein, er ist im Haus seiner Großeltern in SoHo.«

»Kommen Sie mit.« Sie führte Mira in den Fahrstuhl, der bereits mit anderen Cops gefüllt war. »Ich werde dafür sorgen, dass man Sie nach Hause bringt. Wer ist dieser Cousin?«

»Ah, Edward, Edward Mira. Ex-Senator Edward Mira.«

»Für den habe ich nicht gestimmt.«

»Ich auch nicht. Geben Sie mir einen Augenblick, um mich zu sammeln und Dennis Bescheid zu geben, dass wir kommen, ja?«

Während Mira sich sortierte und ihr Handy aus der Tasche fischte, dachte Eve über den Vetter des von ihr geschätzten Dennis Mira nach. Sie kannte sich mit Politik nicht wirklich aus und interessierte sich auch nicht dafür, aber von Senator Edward Mira hatte sie ein ungefähres Bild im Kopf. Sie hätte nie gedacht, dass dieser aufgeblasene Hardliner mit seinen wie mit dem Lineal gezogenen schwarzen Brauen, dem kurz geschorenen schwarzen Haar und dem zwar harten, aber alles andere als hässlichen Gesicht ein näherer Verwandter des unglaublich süßen, immer leicht verwirrten Dennis Mira war.

Aber schließlich suchte man sich die Familie nicht aus.

Oder galt das vielleicht eher für politische Verbündete?

Egal.

In der Tiefgarage lief sie schnurstracks zu dem alles andere als ansehnlichen Wagen, den ihr Mann extra für sie entwickelt hatte. Mit ihren langen Beinen und robusten Stiefeln war die schlanke, hochgewachsene Polizistin mit dem kurz geschnittenen braunen Haar, auf dem sie eine Wollmütze mit Glitzerflocke trug, die sie spontan von einem liebenswerten Mann, für den sie eine harmlose, doch intensive Schwäche hatte, eines kalten Wintertags geschenkt bekommen hatte, deutlich schneller als die Psychologin, die mit ihren kürzeren Beinen und den eleganten, hochhackigen Stiefeln immer noch durch die Garage lief, als sie sich schon hinter das Lenkrad des Wagens schwang.

»Adresse?«, fragte sie, als Mira in den schicken Stiefeln und dem eleganten Wintermantel endlich angekommen war.

Sie gab das Ziel in das Navi ihres Wagens ein, fuhr aus der Lücke, schoss aus der Garage und schaltete Blaulicht und Sirene ein.

»Oh, das ist nicht …«, setzte Mira an. Bevor sie jedoch ihren Satz beenden konnte, schaute Eve sie reglos von der Seite an. »Danke. Vielen Dank. Er sagt, ich soll mir keine Sorgen machen, aber …«

»… trotzdem tun Sie das.«

Der Wagen sah schrottreif aus, Eve aber überholte damit mühelos die Autos, deren Fahrer offenbar der Ansicht waren, dass das Heulen der Sirene ein nett gemeinter Vorschlag sei, sie an sich vorbeizulassen, und als sie in der Vertikale über ein paar andere Fahrzeuge hinwegsprang, klammerte sich Mira einfach an den Griff über der Tür und kniff die Augen zu.

»Erzählen Sie mir, worum genau es geht. Wissen Sie, warum die beiden sich im Haus ihrer Großeltern getroffen haben und ob dort vielleicht noch irgendwelche anderen Leute waren oder sind?«

»Die Großmutter der beiden starb vor ungefähr vier Jahren, danach verlor Bradley, so hieß Dennis’ Großvater, die Lebenslust. Er regelte noch seine Angelegenheiten, dann starb er ebenfalls. Obwohl die Dinge, so wie ich ihn kannte, auch schon vorher längst geregelt waren. Er hinterließ das Haus zu gleichen Teilen Dennis und Edward, die die beiden ältesten seiner Enkelkinder sind. Der Maxibus …«

Eve riss den Wagen hoch und schoss in derart hohem Tempo um die nächste Kurve, als wären sie hinter einem Massenmörder her. »... ist hinter uns. Fahren Sie fort.«

»Ich weiß, dass es wegen des Hauses irgendwann zum Streit zwischen den beiden kam. Edward möchte es verkaufen, aber Dennis möchte es behalten, denn so wollte Bradley es.«

»Und er kann nur verkaufen, wenn er dafür Mr. Miras Unterschrift bekommt.«

»So sieht es aus. Ich weiß nicht, was er heute in dem Haus gewollt hat, denn er hatte an der Uni einen vollen Tag, weil er dort einen kranken Kollegen vertritt. Ich hätte fragen sollen, warum er gerade heute hingefahren ist.«

»Schon gut.« Eve parkte in der zweiten Reihe, und sofort ertönte in der bisher ruhigen, baumbestandenen Straße ein erbostes Hupkonzert. Ohne darauf einzugehen, schaltete sie abermals das Blaulicht ein. »Das fragen wir ihn einfach jetzt.«

Die Psychologin war schon ausgestiegen, um auf ihren wackeligen, dünnen Absätzen über den stark vereisten Bürgersteig zum Haus zu eilen, fluchend rannte Eve ihr hinterher und packte sie am Arm.

»Wenn Sie in diesen Dingern rennen, landen Sie am Ende in der Notaufnahme. Schönes Haus«, stellte sie anerkennend fest, und als sie durch das Tor auf den geräumten Weg zur Haustür traten, ließ sie Mira wieder los. »In dieser Gegend ist das sicher locker fünf bis sechs Millionen wert. Was meinen Sie?«

»Wahrscheinlich schon. Mit diesen Dingen kennt sich Dennis besser aus als ich.«

»Ach ja?«

Mira schaffte es zu lächeln, während sie die Stufen Richtung Haustür nahm. »Es ist wichtig, so etwas zu wissen, und er weiß, was wichtig ist. Ich kann mich an den Zugangscode nicht mehr erinnern.« Hektisch drückte sie den Klingelknopf und schlug zur Vorsicht auch noch mit dem Messingklopfer an das Holz der Tür.

Als Dennis mit zerzaustem grauem Haar und verbeulter beigefarbener Strickjacke den beiden Frauen öffnete, ergriff sie seine Hände und stieß aus: »Oh, Dennis. Du bist doch verletzt. Warum hast du mir das nicht schon am Telefon gesagt?« Sie legte eine Hand unter sein Kinn, drehte behutsam seinen Kopf zur Seite und sah sich die Schürfwunde an der Schläfe an. »Du hast dich absichtlich so gedreht, dass es bei deinem Anruf auf dem Bildschirm nicht zu sehen war.«

»Also bitte, Charlie. Mir geht’s gut. Ich wollte dich nicht aufregen. Jetzt kommt erst mal rein ins Warme. Danke, dass Sie mitgekommen sind, Eve. Ich bin in Sorge wegen Edward, denn ich habe schon das ganze Haus durchsucht, aber er ist nicht da.«

»Bei Ihrer Ankunft war er hier?«, hakte sie nach.

»Oh ja. Im Arbeitszimmer. Er sah wirklich übel aus. Er hat aus dem Mund geblutet, und eins seiner Augen war stark angeschwollen. Am besten zeige ich Ihnen erst einmal, wo das Arbeitszimmer ist.«

Als er sich zum Gehen wandte, stieß seine geplagte Gattin einen gleichermaßen resignierten wie frustrierten Seufzer aus. »Du blutest selbst am Kopf, Dennis.« Und als er leise zischte, während sie die Schwellung vorsichtig berührte, fügte sie hinzu: »Du kommst jetzt erst mal mit ins Wohnzimmer und setzt dich hin.«

»Charlie, Edward …«

»Edward überlässt du Eve«, erklärte sie und führte ihn in einen großen Raum, der entweder extrem minimalistisch eingerichtet oder irgendwann um einen Teil des Mobiliars erleichtert worden war. Die Möbelstücke, die dort noch standen, sahen angenehm verwohnt, bequem und fröhlich aus.

Achtlos warf die Psychologin ihren Mantel auf die Seite und tauchte mit einer Hand in die Tiefen ihrer Tasche. Als sie nach kurzem Suchen einen Erste-Hilfe-Kasten fand, erkannte Eve zum ersten Mal, dass viele Frauen vielleicht aus durchaus gutem Grund mit Taschen durch die Gegend liefen, die so groß wie ausgewachsene Wasserbüffel waren.

»Ich werde deine Wunden erst einmal reinigen und Eve dann bitten, uns zum nächsten Krankenhaus zu fahren, damit du deinen Schädel röntgen lassen kannst.«

»Also bitte, Schätzchen.« Wieder zischte er, als Mira die Wunde vorsichtig mit Alkohol betupfte, streckte aber gleichzeitig den Arm nach hinten aus und tätschelte ihr sanft das Bein. »Ich brauche keinen anderen Arzt und muss mich auch nicht röntgen lassen, denn ich habe schließlich dich. Das ist nur eine kleine Beule, weiter nichts. Ich bin so klar, wie ich nur sein kann.«

Als Mira lachte, sah er Eve mit einem durchtriebenen, aber gleichzeitig auch süßen Lächeln an.

»Mir ist weder schlecht noch schwindlig, und ich sehe auch nicht doppelt. Abgesehen von leichtem Kopfweh geht’s mir wirklich gut«, versicherte er seiner Frau.

»Falls du, wenn wir gleich nach Hause kommen und ich dich dort eingehend untersuche …«

Ehe Mira den Satz beenden konnte, hätte Eve beinah verlegen aufgelacht, denn Dennis wackelte vergnügt mit seinen wilden Brauen und hatte dabei ein verruchtes Grinsen im Gesicht.

»Dennis.« Seufzend rahmte Mira sein Gesicht mit beiden Händen ein und gab ihm einen so sanften, liebevollen Kuss, dass Eve, so schnell es ging, in eine andere Richtung sah.

»Ah, vielleicht könnten Sie mir einfach sagen, wie ich dieses Arbeitszimmer finde, wo Sie Ihren Cousin zum letzten Mal gesehen haben.«

»Ich bringe Sie gleich hin.«

»Du bleibst hier sitzen und benimmst dich anständig, bis ich mit dir fertig bin«, wies Mira Dennis an. »Das Zimmer hinten links, Eve. Jede Menge Holz, ein großer Schreibtisch, ein Schreibtischsessel und Regale voller Bücher.«

»Kein Problem. Das finde ich.«

Auf dem Weg nach hinten sah sie, dass auch in den anderen Räumen Bilder an den Wänden und diverse Möbelstücke fehlten, sie registrierte einen Stapel Umzugskisten, der in einem davon abgesehen vollkommen leeren Zimmer stand. Nirgends lag auch nur das allerkleinste Staubkorn, und es duftete unmerklich nach Zitrone, als hätte jemand frische Blütenblätter mit der Hand zerdrückt.

Sie fand das Arbeitszimmer, in dem auf den ersten Blick noch alles so wie früher war.

Es war aufgeräumt, mit schweren, maskulinen Holzmöbeln eingerichtet und geschmackvoll in den dunklen Tönen von Burgunder und Waldgrün gehalten, in den Regalen standen Fotos der Familie in schweren Silberrahmen und blank polierte Dankestafeln von verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen für die jahrelange Arbeit und die finanzielle Unterstützung, die vom alten Mira und von dessen Frau geleistet worden waren.

Auf dem Schreibtisch lag eine kaffeebraune Lederunterlage neben Stift- und Zettelhalter aus demselben Material, auf der ein schicker, kleiner Laptop stand.

Neben dem Kamin mit seinem breiten Sims stand ein Getränkewagen, der bestimmt antik, ziemlich wertvoll und mit zwei noch halb vollen Kristallkaraffen ausgestattet war. Whiskey und Brandy, las sie von den Silberetiketten ab, die an dünnen Silberketten um die Hälse der Karaffen hingen.

Der dicke Teppich auf dem glänzenden Parkett war dem inzwischen leicht verblichenen Muster nach wahrscheinlich alt und wertvoll wie die Bar, die Karaffen und die Taschenuhr, die unter einer Glashaube vor Staub und Schmutzpartikeln sicher war.

Nirgendwo im Zimmer gab es Spuren eines Kampfs und keinen Hinweis darauf, dass etwas gestohlen worden war. Doch als sie in die Hocke ging, entdeckte Eve am Rand des Teppichs ein paar Tropfen frischen Bluts.

Sie richtete sich wieder auf, ging langsam durch den Raum und achtete darauf, nichts zu berühren. Allmählich sah sie … ja, vielleicht … so könnte es gewesen sein.

Sie ging wieder zurück zur Tür des Wohnzimmers und sah von dort aus zu, wie Mira Salbe auf der Schläfe ihres Ehemanns verstrich.

»Gehen Sie bitte noch nicht in den Raum«, bat sie die beiden. »Ich hole schnell meinen Untersuchungsbeutel aus dem Kofferraum.«

»Oh, draußen ist es wirklich widerlich. Lassen Sie mich das machen«, bot Dennis ihr an.

»Schon gut«, erklärte sie, als er versuchte aufzustehen. »Bin sofort wieder da.«

Sie lief noch einmal durch den Eisregen zu ihrem Wagen, schnappte sich den Untersuchungsbeutel, sah sich auf dem Weg zurück die Nachbarhäuser an und schrieb eine schnelle Textnachricht an Roarke.

Wurde aufgehalten. Sage dir, worum es geht, wenn ich nach Hause komme.

Mit diesen knappen Sätzen hatte sie aus ihrer Sicht eine der vielen Regeln, die in einer Ehe galten, hinlänglich befolgt.

Zufrieden kehrte sie ins Haus zurück, legte den Untersuchungsbeutel auf den Tisch und legte Mantel, Schal und Mütze ab. »Am besten erst einmal der Reihe nach. Haben Sie versucht, Ihren Cousin nach seinem Verschwinden zu erreichen?«

»Ja, natürlich. Gleich, sofort. Als er nicht ans Handy ging, habe ich bei ihm zu Hause angerufen, aber dort nur seine Frau erreicht. Da ich sie nicht erschrecken wollte, habe ich ihr nicht erzählt, was vorgefallen ist. Sie hat gesagt, er wäre nicht zu Hause und es würde bei ihm sicher ziemlich spät. Ich weiß nicht, ob sie was von seinem Termin hier wusste, doch falls ja, hat sie es nicht erwähnt.«

»Termin?«

»Oje, Entschuldigung. Ich habe dir noch nichts davon erzählt.« Er blickte seine Frau mit dem immer etwas abwesenden Lächeln an. »Ich habe heute Nachmittag versucht, Edward zu erreichen, um zu sehen, ob wir uns nicht vielleicht einfach noch einmal zusammensetzen könnten, um die Differenzen wegen dieses Hauses beizulegen. Seine Assistentin war bei meinem Anruf offenbar etwas gestresst, sonst hätte sie nämlich ganz sicher nicht erwähnt, dass er einen Termin mit einem Makler hat, der sich das Haus ansehen soll. Das … tja nun, das hat mich furchtbar aufgeregt. Er hätte mich nicht derart hintergehen sollen.«

Eve nickte, öffnete den Untersuchungsbeutel und zog das Versiegelungsspray daraus hervor. »Sie haben sich also über ihn geärgert.«

»Eve«, fing Mira an, doch Dennis tätschelte ihr sanft die Hand.

»Es ist das Beste, wenn ich völlig ehrlich bin, Charlie. Ich war tatsächlich außer mir. Er ging nicht an sein Handy, also bin ich nach dem letzten Kurs hierhergefahren. Der Verkehr war, noch dazu bei diesem Wetter, mal wieder einfach grauenhaft. Sie sollten wirklich was dagegen tun.«

»Auf jeden Fall«, pflichtete Eve ihm bei und sah ihn fragend an. »Wann sind Sie hier angekommen, Mr. Mira?«

»Oje, das weiß ich gar nicht so genau. Lassen Sie mich überlegen. Der letzte Kurs dürfte halb fünf vorbei gewesen sein. Danach hatten mein Assistent und einige Studenten ein paar Fragen, was mich ein bisschen aufgehalten hat. Dann musste ich auch noch mein Zeug zusammenpacken, also schätze ich, dass ich so gegen fünf dort rausgekommen bin. Wie lange die Taxifahrt hierher gedauert hat, weiß ich natürlich auch nicht so genau.« Er schaute Eve mit einem süßen, etwas wirren Lächeln an, doch seinen sonst verträumten grünen Augen war die Sorge überdeutlich anzusehen.

»Das reicht«, erklärte Eve, da es ihm offenbar zu schaffen machte, nicht zu wissen, wann genau er angekommen war. »Das Haus ist gut gesichert. War bei Ihrer Ankunft die Alarmanlage eingeschaltet?«

»Ja. Aber ich habe eine Schlüsselkarte und den Zugangscode. Auch mein Handabdruck ist registriert.«

»Es gibt hier eine Kamera.«

»Oh ja!« Anscheinend munterte ihn der Gedanke auf. »Natürlich gibt’s hier eine Überwachungskamera. Das heißt, dass meine Ankunft und auch die von Edward aufgezeichnet worden sind. Darauf hätte ich schon viel früher kommen sollen.«

»Warum sehen wir uns die Aufnahmen nicht einmal an? Wissen Sie, wo wir sie finden?«

»Ja, natürlich. Kommen Sie mit. Warum bin ich da nicht von selber draufgekommen?« Er stand auf und schüttelte den Kopf. »Ich hätte mir die Aufzeichnungen nur anzusehen brauchen, um zu wissen, wann Edward das Haus betreten und wieder verlassen hat. Sie haben mir sehr geholfen, Eve.«

»Sie wurden angegriffen, Mr. Mira.«

Er blieb stehen und blinzelte verwirrt. »Ich glaube, Sie haben recht. Das ist sehr ärgerlich. Wer könnte einen Grund haben, so was zu tun?«

»Versuchen wir, es rauszufinden.«

Dennis führte sie nach hinten, wo die große, hochmoderne Küche lag, deren altmodischer Touch hervorragend zu dem Gebäude passte.

Es sah alles … urgemütlich und ein bisschen wie im Haus der Miras aus.

»Es gibt Monitore in verschiedenen Räumen.« Dennis führte sie in einen an die Küche angrenzenden Raum. »So konnten meine Großeltern oder das Personal problemlos nachsehen, wer vor der Tür steht, wenn es geklingelt hat. Aber der Hauptbildschirm ist hier.«

Er sah sich leicht benommen um. »Ich fürchte, mit komplexen elektronischen Geräten kenne ich mich nicht so aus.«

»Ich auch nicht.« Trotzdem sah auch Eve sich suchend um. »Aber ich kann Ihnen verraten, dass jemand den ganzen Klumpatsch mitgenommen hat … alle Disketten und das Laufwerk oder was auch immer man für diese Dinger braucht.«

»Oje.«

»Das können Sie laut sagen. Wer hat sonst noch Zugang zu dem Haus?«

»Außer Edward und mir? Die Frau, die es in Schuss hält und hier nach dem Rechten sieht. Ihre Mutter war jahrzehntelang für meine Eltern tätig, und sie hilft uns schon seit Jahren aus. Sie würde nie …«

»Verstehe, aber trotzdem brauche ich den Namen, damit ich mit ihr sprechen kann.«

»Ist es in Ordnung, wenn ich einen Tee aufbrühe?«, wollte Dr. Mira wissen.

»Sicher, kein Problem. Mr. Mira, können Sie mir genau erzählen, wie die ganze Sache abgelaufen ist? Das Taxi hat sie vor der Haustür abgesetzt?«

»Genau. Direkt hier vor der Tür. Ich Schussel hatte meine Aktentasche liegen lassen, der Fahrer hat mir hinterhergerufen. Aber ich war eben wütend und vor allem ziemlich aufgeregt. Dann bin ich reingegangen, ohne erst zu klingeln. Es ist für mich zwar immer wieder schön, aber gleichzeitig auch schwer hierherzukommen, denn die Erinnerungen sind stark und wunderbar, doch es ist traurig zu wissen, dass es niemals mehr so wird wie früher. Ich habe meine Aktentasche auf den Tisch im Flur gestellt, und dann hörte ich Stimmen.«

»Mehr als eine?«, vergewisserte sich Eve.

»Tja nun … ich glaube schon. Ich dachte, dass es Edward und der Makler wären, den er eingeladen hat. Ich dachte, dass die beiden miteinander reden würden, und weil ich sie nicht erschrecken wollte, habe ich gerufen. Dann bin ich nach hinten durchgegangen, und als ich durch die Tür des Arbeitszimmers trat, sah ich, dass mein Cousin im Schreibtischsessel saß. Er hat geblutet, und eins seiner Augen war stark angeschwollen. Er hatte Angst. Das habe ich gesehen und einen Schritt auf ihn zugemacht, weil ich ihm helfen wollte. Aber dann muss mir von hinten jemand auf den Kopf geschlagen haben. So etwas ist mir noch nie passiert, aber so muss es gewesen sein.«

»Sie wurden ohnmächtig.«

»Die Schwellung passt zu einem Schlag mit einem schweren Gegenstand gegen den Hinterkopf.« Mira brachte Dennis einen Becher heißen Tee und sorgte dafür, dass er ihn in beiden Händen hielt. »Mit der rechten Schläfe ist er bei dem Sturz auf das Parkett geknallt.«

»Ich bezweifle nicht, dass es so war.«

»Ich weiß.« Seufzend beugte sich die Psychologin vor und küsste sanft die Wunde neben Dennis’ Stirn. »Ich weiß.«

»Als ich dann wieder zu mir kam, war ich erst einmal ziemlich desorientiert und sehr verwirrt. Edward war verschwunden, dabei hätte er mich niemals einfach auf dem Boden liegen lassen, obwohl unsere Beziehung schon seit Jahren nicht mehr die beste ist. Ich habe ihn gerufen … denke ich … und überall nach ihm gesucht. Ich fürchte, dass ich eine Zeitlang immer noch etwas verwirrt durchs Haus gewandert bin, bevor mir klar wurde, dass ihm bestimmt etwas Schlimmes zugestoßen ist. Dann habe ich Charlotte angerufen, damit sie sich keine Sorgen macht, und sie gebeten, mit Ihnen herzukommen und der Sache nachzugehen.«

Als Eve den sanften Blick seiner verträumten Augen sah, hätte sie ihm liebend gerne ebenfalls die Stirn geküsst. Und schämte sich zutiefst für diesen Wunsch.

»Inzwischen ist mir klar, dass ich einfach den Notruf hätte wählen sollen, statt Sie mit dieser Sache zu behelligen.«

»Sie haben genau das Richtige getan«, erklärte Eve und sah ihn fragend an. »Schaffen Sie es, sich noch einmal im Arbeitszimmer umzuschauen? Um zu sehen, ob dort irgendetwas verändert wurde oder etwas fehlt.«

»Auf jeden Fall.«

Eve sprühte sich ihre Hände und die Stiefel ein und lief entschlossen wieder los. »Am besten fassen Sie nichts an. Sie waren bereits in diesem Zimmer und im ganzen Haus, deswegen macht es keinen Sinn mehr, Ihre Hände zu versiegeln. Aber trotzdem sollten Sie versuchen, möglichst nichts hier drinnen zu berühren.«

In der Tür des Raums blieb sie kurz stehen. »Sie haben gesagt, dass Ihr Cousin im Schreibtischsessel saß. Hinter dem Tisch.«

»Ja, genau … das heißt, der Stuhl stand vor dem Tisch.« Er runzelte die Stirn. »Weshalb stand er davor? Aber ja, er saß im Schreibtischstuhl, nicht hinter, sondern vor dem Tisch. Der Stuhl stand auf dem Teppich.«

»Alles klar.« Das stimmte mit den Dingen, die sie gesehen hatte, überein. »Moment.«

Sie nahm verschiedene Gegenstände aus dem Untersuchungsbeutel, ging neben dem Teppich in die Hocke, tupfte etwas Blut vom Boden auf, versiegelte die Probe, wischte einen Teil des Teppichs ab, gab ein paar Tropfen einer anderen Flüssigkeit in eine kleine Flasche und stand nickend wieder auf. »Auf dem Parkett ist Blut. Zwar hat jemand versucht, es aufzuwischen, aber er hat ein paar Tropfen übersehen.«

Sie beugte sich nach vorn und schnupperte. »Man riecht es noch.« Sie setzte eine Mikrobrille auf und beugte sich noch weiter vor. »Wenn man genau hinschaut, kann man es auch sehen. Genauso wie das schwache Muster dort im Teppich, wo der Sessel hin und her gerollt wurde und wo jemand Schweres in dem Sessel saß.«

»Edward.«

»So sieht’s aus. Noch einen Augenblick.« Sie trat hinter den Tisch und schaute sich den Sessel aus der Nähe an.

»Sie haben etwas übersehen. Nur einen kleinen Tropfen, hier.« Sie tupfte ihn vorsichtig ab, ließ aber noch genug für die Kollegen von der Spurensicherung zurück. »War er gefesselt, Mr. Mira?«

»Ich …« Er schloss unglücklich die Augen. »Ich glaube nicht. Ich glaube nicht, dass er gefesselt war. Es tut mir leid. Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich stand völlig neben mir.«

»Okay. Er hatte also ein geschwollenes Auge und blutete aus dem Mund. Das heißt, er wurde angegriffen, in den Stuhl gesetzt und vor den Tisch gerollt. Vor lauter Angst hat er sich nicht gewehrt. Vielleicht hatte der Angreifer ein Messer, einen Stunner, irgendeine Waffe in der Hand oder hat ihm einfach gedroht, ihm nochmals wehzutun.«

Sie lief noch einmal durch den Raum. »Stimmen. Das heißt, sie haben gesprochen. Also wollte irgendjemand irgendetwas von ihm. Aber bevor er es bekommt oder die Sache bis zum Ende durchziehen kann, erscheinen plötzlich Sie. Sie rufen, also bleibt dem Täter Zeit, Ihrem Cousin zu sagen, dass er die Klappe halten soll, und selbst auf Tauchstation zu gehen. Falls der Täter einen Stunner hatte, hat er ihn nicht eingesetzt. Es dauert mehrere Sekunden, wenn man jemanden damit unschädlich machen will, vielleicht hätten Sie ihn dann vorher noch gesehen. Also ist er von hinten auf Sie losgegangen. Aber er hat Sie weder umgebracht noch mitgenommen. Weil Sie nicht wichtig sind. Sie waren einfach lästig, weiter nichts. Trotzdem macht der Täter sich die Mühe, aufzuräumen und den Sessel wieder an den Platz hinter dem Tisch zu stellen. Warum?«

»Die Wissenschaft und Kunst der Dinge, die Sie tun, ist wirklich faszinierend.«

»Was?«

»Das, was Sie tun, ist eine Wissenschaft und gleichzeitig auch eine Kunst«, erklärte Dennis ihr. »Ihr Scharfblick ist besonders ausgefeilt und Ihnen angeboren, denke ich. Tut mir leid, ich schweife ab.« Er lächelte. »Sie haben gefragt, warum. Ich nehme an, das kann ich Ihnen sagen. Falls der Täter Edward kennt, kennt er vielleicht auch mich. Manche Leute würden sicher sagen, als geborener Schussel sei ich wahrscheinlich nur gestolpert, hätte mir dabei den Kopf angestoßen und mir alles andere einfach eingebildet.«

»Dann sind diese Leute dumm«, erklärte Eve, und Dennis lächelte sie dankbar an. »Wurde hier irgendetwas verändert, Mr. Mira, oder fehlt etwas?«

»Wir haben den Raum im Grunde nicht verändert, seit mein Großvater gestorben ist. In seinem Testament hat er die Sachen, die hierstehen, unter mir, meinen Kindern und verschiedenen anderen Leuten aufgeteilt, aber wir haben uns darauf geeinigt, zunächst alles so zu lassen, wie es war. Es ist noch alles da. Ich glaube nicht, dass irgendetwas verändert wurde oder dass etwas fehlt.«

»Okay. Sie kamen also herein und haben ihn gesehen. Vor Schreck sind Sie erstarrt, das wäre jeder andere auch. Sie haben nur auf Ihren Cousin geschaut und wollten ihm dann helfen.«

Sie ging zur Tür, blieb kurz dort stehen, betrat den Raum und sah sich um.

Vielleicht die Schale aus poliertem Stein? Sie nahm sie in die Hand, runzelte die Stirn und stellte sie dann wieder ins Regal. Wog eine der Metalltafeln in ihrer Hand, schüttelte den Kopf und legte die Finger um den Rüssel eines Elefanten, der aus leuchtend blauem und grünem Glas gegossen war. Das Ding war schwer, erkannte sie, der geschwungene Rüssel lag gut in der Hand.

»Dr. Mira?«

Wie zuvor Eve sah auch die Ärztin sich das Tier genauer an. »Ja, ja, die Beine. Dennis Platzwunde rührt ganz bestimmt von einem dieser Beine her.«

Eve tupfte sorgfältig die Elefantenbeine ab, und Mira wandte sich an ihren Mann. »Ich schwöre dir, ich werde mich in meinem ganzen Leben nie mehr über deinen Dickschädel beschweren.«

»Die Beine wurden abgewischt, aber ein bisschen Blut habe ich trotzdem noch entdeckt. Der Angreifer stellt sich hinter die Tür und schnappt sich dieses Ding. Dann kommen Sie rein und, zack, geht er von hinten damit auf Sie los. Der oder die Täter … sicher waren sie mindestens zu zweit, denn während einer sich um Ihren Cousin gekümmert hat, hat der andere Sie aus dem Verkehr gezogen und im Anschluss aufgeräumt. Also holt einer von den Kerlen den Teppichreiniger, macht sauber und geht die Disketten und das Laufwerk holen. Dann nehmen sie Edward mit und lassen Sie zurück. Am besten sehe ich mich auch noch im Rest des Hauses um, damit wir ganz sicher sind, dass sie ihn nicht in einen Wäscheschrank gestopft haben oder so … Entschuldigung.«

»Schon gut.«

»Außerdem bestelle ich die Spurensicherung, die sich noch einmal alles ansehen soll. Ich kann auch die Vermisstenstelle kontaktieren und dafür sorgen, dass man Edward sucht.«

»Könnten Sie …«

»Wären Sie bereit, die Leitung dieses Falls zu übernehmen?« Mira drückte Dennis’ Hand. »Dann würden wir beide uns besser fühlen.«

»Sicher, kein Problem. Warum gehen Sie beide nicht ins Wohnzimmer zurück, während ich die Angelegenheit ins Rollen bringe?«

Eve tütete den Elefanten zur genauen Untersuchung ein, kontaktierte die Kollegen von der Spurensicherung und ließ ein paar Beamte kommen, um sich in der Nachbarschaft des Hauses umzuhören. Jemand war ins Haus gekommen, offenbar auf Einladung von Edward Mira. Also riefe sie am besten diesen Makler an. Und jemand hatte das Haus verlassen und Dennis’ Cousin dabei getragen oder ihn gezwungen mitzugehen.

Die Täter hatten ein Transportmittel gebraucht.

Kein Einbruch, dachte sie, und kein normales Kidnapping, denn weshalb hätten sie ihn dann schon hier im Haus zusammenschlagen sollen? Sie hatten ihn verhört und sicher deshalb den verdammten Schreibtischsessel mitten in den Raum gestellt.

Irgendjemand wollte irgendetwas von Edward Mira. Die Chancen stünden gut, dass er am Leben bliebe, bis der andere bekam, was er wollte.

Sie ging ins Wohnzimmer zurück. Die Miras hatten dort ein Feuer im Kamin entfacht, saßen zusammen auf der Couch und tranken Tee.

Eve nahm auf dem Couchtisch ihnen gegenüber Platz, weil sie den beiden so am nächsten war.

»Ich brauche ein paar Infos«, fing sie an. »Der Makler – haben Sie einen Namen und eine Adresse?«

»Nein. Es tut mir leid. Die Assistentin hat den Namen nicht erwähnt, und ich war viel zu aufgeregt, um sie danach zu fragen.«

»Kein Problem, ich hole mir den Namen in seinem Büro. Die Adresse haben Sie doch bestimmt?«

»Er hat sein politisches Mandat abgegeben und stattdessen eine Denkfabrik gegründet, die er selber leitet«, setzte Mira an. »Die Büros von diesem Thinktank sind im Chrysler Building.«

»Eine sehr gute Adresse.«

»Es ist Edward furchtbar wichtig, etwas darzustellen«, warf Dennis ein. »Der Sitz der Organisation, des Mira Institute, erstreckt sich über zwei Etagen, dazu hat der Verein noch eine Wohnung in East Washington, die Edward und den anderen Führungskräften zur Verfügung steht.«

»Auch die Adresse brauche ich, und natürlich seine Privatadresse«, meinte Eve. »Wenn wir hier fertig sind, fahre ich erst einmal zu seiner Frau. Wie sieht die Beziehung zwischen den beiden aus?«

Seufzend wandte Dennis sich an seine Frau.

»Das übernehme ich«, bot sie ihm an. »Mandy sieht die Dinge realistisch und genießt das Leben, das sie führt. Sie hat sich stark für Edwards Wahlkampf engagiert, jetzt engagiert sie sich im selben Maß beim Spendensammeln und in einer Reihe Wohltätigkeitskomitees. Die Tatsache, dass Edward sie schon oft betrogen hat, sieht sie als Teil des Deals und als nicht wirklich wichtig an, denn wenigstens ist er diskret. Das ist sie auch, wenn sie die Dienste irgendwelcher Herren in Anspruch nimmt. Natürlich sind ihre Kinder längst erwachsen. Obwohl sie öffentlich das Spiel der Eltern weiter mitspielen, gehen sie zu den beiden und dem Leben, das sie führen, ansonsten möglichst auf Distanz.«

»Die Menschen sind nun mal verschieden, Charlie«, murmelte ihr Mann.

»Das ist mir klar. Als Psychologin denke ich, dass Mandy niemals etwas täte, um ihr Leben aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie würde Edward niemals wehtun, auf ihre Art hat sie ihn wirklich gern. Er seinerseits ist ihr auf seine Weise dankbar, weil sie ihn karrieremäßig immer unterstützt hat, und vor allem ist er stolz auf das gesellschaftliche Ansehen, das sie genießt.«

»Er hat doch sicher Feinde.«

»Sogar jede Menge. Was bei einem Politiker nicht anders zu erwarten ist.«

»Und persönlich?«

»Wenn er will, kann er durchaus charmant sein, denn auch das gehört zur Politik einfach dazu. Vor allem bildet er sich ein, dass seine Meinung, ob öffentlich oder auch privat, immer die einzig wahre ist, das führt gelegentlich zu Spannungen«, fuhr Mira fort. »Wie in Bezug auf dieses Haus. Edward hat beschlossen, dass man es verkaufen sollte, also leitet er alles dazu in die Wege.«

»Da irrt er sich«, erklärte Dennis ruhig. »Das Haus wird nicht verkauft. Doch das ist jetzt nicht wichtig. Jemand hat ihm etwas angetan, wobei von Lösegeld bisher noch nicht die Rede war.« Er wandte sich an Eve. »Auch Sie haben Lösegeld bisher noch nicht erwähnt.«

»Darüber rede ich mit seiner Frau. Mr. Mira, Sie sollen wissen, dass ich Ihnen alles glaube, was Sie mir erzählt haben. Ich glaube keinen Augenblick, dass sie jemals etwas tun würden, um Edward oder einem anderen Menschen wehzutun.«

»Danke.«

»Trotzdem muss ich Ihnen die Fragen stellen, die ich Ihnen jetzt stellen werde, wenn ich meine Arbeit richtig machen will. Und wenn ich meinen Job nicht richtig mache, kann ich Ihnen keine Hilfe sein.«

»Verstehe. Sie müssen mich fragen, wann ich ihn zum letzten Mal gesehen habe und wie unsere Beziehung ist. Ob es mir so wichtig ist, das Haus für die Familie zu bewahren, dass ich jemanden dafür bezahlen würde, Edward Angst zu machen.«

Nickend stellte er seinen halb leeren Becher auf den Tisch. »Wir haben uns an Weihnachten gesehen. Es tut mir leid, dass ich das sagen muss, doch das war eine reine Pflichtübung. Charlotte und ich waren bei ihm zu einer Cocktailparty eingeladen. Wann war das noch mal genau, Charlie?«

»Am zweiundzwanzigsten Dezember. Aber wir waren höchstens eine Stunde dort, weil Edward Dennis wieder einmal Druck gemacht hat, damit er mit dem Verkauf des Hauses einverstanden ist.«

»Ich wollte mich nicht mit ihm streiten, also sind wir früh gegangen. Kurz nach dem Jahreswechsel hat er mir dann eine Mail geschickt und mir noch einmal seine Gründe für einen Verkauf und die von ihm geplante Vorgehensweise dargelegt.«

»Davon hast du mir bisher nichts erzählt, Dennis.«

»Weil du an Weihnachten so wütend auf ihn warst.« Abermals nahm Dennis Miras Hand. »Außerdem stand nichts Neues in der Mail. Ich habe keine Lust, den Streit in unser Heim zu tragen, also habe ich nur kurz zurückgeschrieben, dass ich anderer Meinung bin und mein Versprechen gegenüber unserem Großvater auf alle Fälle halten will. Dass er sich darauf postwendend gemeldet hat, hat mir gezeigt, wie wütend er deswegen war. Normalerweise tut er gerne so, als ob er zu beschäftigt wäre, um sofort zurückzuschreiben, aber diesmal hat er prompt geantwortet, dass ich jetzt endlich zur Vernunft kommen soll, bevor er sich gezwungen sieht, rechtliche Schritte einzuleiten, weil ich mich auch weiter wie ein rührseliger alter Narr gebärden will. Und … er hat behauptet, dass es ein Versprechen nie gegeben hätte und ich einfach irgendetwas durcheinanderbringen würde, wie es mir so oft passiert.«

»Der blöde Kerl soll bleiben, wo der Pfeffer wächst!«

»Charlie …«

»Nein. Zur Hölle mit dem Kerl. So ein kaltherziges Schwein. Das ist mein Ernst, Dennis.« Miras Augen blitzten, und vor lauter Wut bekam sie einen roten Kopf. »Wenn Sie jemanden suchen, der ihm wehtun will, Eve, er sitzt hier direkt vor Ihnen.«

»Hören Sie auf«, bat Eve sie kühl. »Die elektronischen Ermittler sollen sich diese E-Mails ansehen. Danach hatten Sie keinen Kontakt mehr zu Ihrem Cousin?«

»Nein. Auf diesen letzten Schrieb habe ich nicht mehr reagiert. Es ist grausam, so etwas zu sagen, und es ist gelogen, denn wir haben uns einmal etwas versprochen.« Dennis waren das Verblüffen und die Trauer mindestens so deutlich anzusehen wie Mira die Empörung und der Zorn. »Erst heute habe ich noch einmal versucht, ihn zu erreichen, aber er ging einfach nicht ans Telefon.«

»Okay.« Da Dennis Mira einfach eine ungewohnte, weiche Seite in Eve anrührte, legte sie ihm aufmunternd die Hand aufs Knie. »Sie bringen niemals Sachen durcheinander, wenn sie wichtig sind. Ich werde herausfinden, was all das zu bedeuten hat. Versprochen.«

Dankbar für das Läuten derTürklingel, stand sie auf. »Das ist bestimmt für mich. Während sich die SpuSi um das Arbeitszimmer kümmert, sehe ich mich selbst im Rest des Hauses um. Außerdem werden die Kollegen von der Trachtengruppe bei den Nachbarn fragen, ob von ihnen vielleicht jemand etwas gesehen hat, einer der Beamten fährt Sie beide heim.« Mit diesen Worten hielt sie ihm ihr Handy hin.

»Könnten Sie wohl all die Namen und Kontaktdaten, um die ich Sie gebeten habe, in das Ding hier eingeben?«

»Das sollte lieber Charlie machen. Wenn’s um elektronische Geräte geht, bin ich ein hoffnungsloser Fall.«

»Ich auch.« Sie drückte seiner Frau das Handy in die Hand und sagte ihm noch einmal zu: »Wir klären diese Angelegenheit.«

Auch er stand auf. »Sie sind eine unglaublich kluge Frau und ein unglaublich nettes Mädchen. Danke«, sagte er und hauchte einen Kuss auf ihre Wange, der auf ihrer Haut ein leichtes Kribbeln hinterließ, da er offenbar vergessen hatte, sich am Morgen zu rasieren.

Noch während sich das Kribbeln einen Weg in Richtung ihres Herzens bahnte, stapfte Eve zur Tür und machte den Kollegen auf.

2

Eve verabschiedete die Miras, sprach mit den Beamten, die sich in der Nachbarschaft umhören sollten, und den Leuten von der Spurensicherung und wollte dann die Treppe nehmen, um sich in der oberen Etage umzusehen. Dann aber nahm sie auf der ersten Stufe Platz und …

… kontaktierte ihren Mann.

»Es tut mir leid«, begann sie das Gespräch.

»Das braucht es nicht«, gab Roarke zurück, und wieder einmal kam es ihr, als sie ihn auf dem Bildschirm sah, so vor, als hätten eines Tages Götter, Engel, Bildhauer und Dichter sich zusammengesetzt, weil sie etwas Perfektes schaffen wollten. Was ihnen mit diesem wundervoll geschwungenen Mund, den wilden leuchtend blauen Augen, prominenten Wangenknochen und der Mähne seidig weicher schwarzer Haare, die das Ganze einrahmten, eindeutig gelungen war.

»Du hast mal wieder auf den letzten Drücker einen Fall hereinbekommen«, fuhr er fort, und sein perfektes Aussehen wurde durch den Nebel Irlands, der durch seine Stimme wogte, komplettiert.

»So in etwa«, stimmte sie ihm zu. »Wobei es keine oder jedenfalls noch keine Leiche gibt. Dennis Mira wurde angegriffen.«

»Was?« Das ihr alleine vorbehaltene Lächeln, das in seinen Augen stand, verschwand. »Ist er verletzt? In welche Klinik haben sie ihn gebracht? Ich fahre sofort los und treffe dich im Krankenhaus.«

»Es geht ihm gut. Ich habe ihn und Charlotte gerade heimgeschickt. Er hat von hinten einen Schlag gegen den Kopf bekommen und sich beim Sturz die Schläfe aufgeschürft. Wahrscheinlich hat er von dem Schlag eine leichte Gehirnerschütterung, aber Mira kümmert sich um ihn.«

»Wo bist du?«

»Noch im Haus seines Großvaters. Von Mr. Miras Großvater. Das heißt, es hat mal seinem Großvater gehört. Seit dessen Tod gehört es zur Hälfte Mr. Mira und zur anderen Hälfte seinem Cousin Ex-Senator Edward Mira, der auch angegriffen wurde und seither verschwunden ist. Ich muss mich hier noch umsehen, weil ich sichergehen will, dass er nicht tot in irgendeinem Schrank liegt oder so, auf dem Weg nach Hause muss ich dann noch mit ein paar Leuten reden, ich weiß nicht, wann ich damit …«

»Gib mir die Adresse von dem Haus.«

»Es liegt in SoHo, Roarke. Du brauchst bei diesem Mistwetter nicht extra herzukommen.«

»Ich komme sogar ganz bestimmt. Wenn ich die Adresse nicht von dir bekomme, finde ich sie eben selber raus.«

Sie gab ihm die Adresse durch und sah sich in der oberen Etage um, bis er erschien. Und sie sich eingestand, dass sie sich durchaus freute, ihn und auch den Go-Cup heißen Kaffees, den sie von ihm in die Hand gedrückt bekam, zu sehen.

»Ich wollte Abendessen für uns beide machen.«

Die wundervoll geschwungenen Lippen lächelten und streiften ihren Mund. »Ach ja?«

»Ich schwöre. Auf der Wache brennt gerade nichts an, ich war auf dem Weg und dachte, dass ich vielleicht endlich mal vor dir zu Hause wäre und dann Wein, Kerzen und Spaghetti vorbereiten könnte, bis du kommst.«

»Bereits das Vorhaben ist wirklich lobenswert.«

»Doch dann kam plötzlich Mira angerannt. Normalerweise ist sie unerschütterlich, aber vorhin war sie vollkommen aufgelöst. Mr. Mira hat sie angerufen, als er wieder zu sich kam, und sie gebeten, mich zu informieren. Er wurde unten überfallen, im Arbeitszimmer seines Großvaters.«

»Natürlich wollte er, dass sie dich informiert. Er ist schließlich ein kluger Mann.«

»Es könnte sein, dass Edward nicht mehr lebt. Die Einzelheiten kriegst du gleich, aber vorher sag mir noch als Mann, der auf der ganzen Welt und selbst auf irgendwelchen anderen Planeten Immobilien hat, was du für dieses Haus bezahlen würdest.«

»Um das genau zu wissen, müsste ich es mir sorgfältiger ansehen, aber auf den ersten Blick scheint es sehr gut in Schuss zu sein. Wahrscheinlich stammt es aus den 1930ern. Um die 550 Quadratmeter. In dieser Gegend. Zehn. Wenn ich verkaufen würde, wollte ich auf alle Fälle fünfzehn haben.«

»Millionen?«

»Ja.«

»Das ist viel Geld.«

»Gefällt es dir? Will Dennis es verkaufen?«

»Nein … ich meine, sicher, es ist ein sehr schönes Haus, aber wir haben schon eins, mit dem ich rundherum zufrieden bin. Und nein, er will es nicht verkaufen, anscheinend ist genau das das Problem.«

Während sie ihm die Details erzählte, sahen sie sich weiter um, und ihr war klar, dass ihm nicht die kleinste Kleinigkeit verborgen blieb, als er den Blick über die wunderschönen alten Möbel, irgendwelche Holzarbeiten oder Stuckrosetten wandern ließ.

»Wenn ich es richtig inszenieren würde, könnte ich dafür wahrscheinlich sogar zwanzig kriegen«, überlegte er. »Aber zurück zu deinem Fall. Du weißt, dass der Senator ein totaler Schwachkopf ist, zumindest kommt er mir so vor.«

»Nach allem, was mir Mira über ihn erzählt und Mr. Mira nicht erzählt hat, stimme ich dir zu. Aber es wäre trotzdem nett, wenn wir ihn lebend finden.«

»Allerdings.«

Sie führte Roarke ins Arbeitszimmer, wo es leicht nach Spurensicherungspulver und nach Chemikalien roch.

»Ich kannte Bradley Mira, wenn auch nur flüchtig.«

»Ach.«

»Vor allem kannte ich den Ruf des Mannes. Er war allseits respektiert, und die Leute haben ihn bewundert. Hast du ihn schon überprüft?«

»Er war Staatsanwalt hier in New York – vor deiner und vor meiner Zeit. Ich glaube, die Familie hatte auch schon vorher einiges an Geld, er hat das Vermögen noch vermehrt. Am Ende war er Richter, doch wenn ich mich recht entsinne, ging er vor inzwischen fünfzehn, zwanzig Jahren in Pension. Wie all die Dankestafeln zeigen, hat er sich nach seiner Pensionierung sehr für andere Menschen engagiert, die kein solches Glück wie er im Leben hatten. Er war tatsächlich ein bewundernswerter und nach allem, was man mir erzählt hat, anständiger, produktiver Mensch.

Auf jeden Fall hat Mr. Mira ihn geliebt. Das kam bei allem, was er mir erzählt hat, immer wieder durch. Zwanzig Millionen?«

Forschend sah sich Roarke mit seinen wilden, klugen, blauen Auge um. »Mit dem passenden Käufer? Unbedingt.«

»Die Hälfte dieser Summe ist ein durchaus guter Grund, um sich nach einem solchen Käufer umzusehen. Ich muss mit diesem Makler reden, ich hoffe, Edward Mira oder vielleicht seine Assistentin hat sich irgendwo den Namen von dem Kerl notiert. Aber vorher spreche ich noch mit der Frau, die dieses Haus in Ordnung hält, und mit der Ehefrau von Edward. Das Haus, in dem die Putzfrau wohnt, liegt direkt auf dem Weg zum Haus der Ehefrau.«

»Warum lässt du mich nicht fahren und überprüfst die Damen unterwegs?«

»Das klingt nach einem guten Plan. Aber lass mich erst noch sehen, ob die Befragung der direkten Nachbarn irgendwas ergeben hat.«

Sila Robarts und ihr langjähriger Ehemann wohnten nicht weit entfernt im ersten Stockwerk eines alten Stadthauses. Sie hatte eine Reinigungsfirma – Mrs. Propper –, und ihr Gatte führte einen Hausmeisterbetrieb, der etwas machomäßig Die geschickten Kerle hieß.

Gemeinsam hatten sie zwei Kinder großgezogen, die in ihre Unternehmen eingestiegen waren, zwei Enkel sowie eine Enkelin.

»Das Haus hier gehört ihnen.« Als Roarke den Wagen parkte, nickte Eve in Richtung eines weißen Backsteinbaus. »Im Erdgeschoss sind ihre Unternehmen untergebracht, und oben wohnen sie.« Sie drückte auf die Klingel für die Wohnung, und nach zwei Sekunden fragte eine etwas ungehaltene Frauenstimme: »Ja?«

»Polizei, Mrs. Robarts. Wir müssen kurz mit Ihnen sprechen.«

»Was zum Teufel wollen Sie von mir? Zeigen Sie mir erst einmal Ihren Ausweis. Halten Sie ihn vor die Kamera.«

Eve hielt ihre Marke vor die Linse, und erschreckt fragte die Frau: »Was ist passiert? Ist was mit einem meiner Kinder?«

»Nein, Ma’am. Wir müssen nur mit Ihnen sprechen. Dennis Mira hat uns Ihren Namen und Ihre Adresse gegeben.«

»Mr. Dennis? Geht’s ihm gut? Was hat das alles … ach, verdammt.« Sie ließ die beiden ein.

Links des Flurs führten zwei Türen zu Silas Unternehmen, rechts zu dem von ihrem Mann. Am Ende war noch eine Tür mit einem Schild privat, die ebenfalls geöffnet wurde. Sie nahmen die Treppe in den ersten Stock.

»Wer sind Sie?«, nahm sie eine Frau mit dunkelbraunem, wirr zu einem Knoten aufgestecktem Haar und Augen in beinah derselben Farbe in Empfang. »Sind Sie sich sicher, dass es Mr. Dennis gut geht?«

»Wir sind von der Polizei«, erklärte Eve noch einmal und wies sich abermals mit ihrer Marke aus. »Lieutenant Dallas.«

»Dallas? Dallas?« Ihre schokoladenbraunen Augen wurden kugelrund. »Roarke und Dallas? Oh mein Gott. Ich habe mir das Hörbuch angehört und auch den Film gesehen. Mel! Komm her, Mel! Mit den Miras ist was Schreckliches passiert!«

»Beruhigen Sie sich, Mrs. Robarts. Dennis Mira und seiner Frau geht’s gut.«

»Aber Sie sind Mordermittlerin.« Während aus dem hinteren Bereich der Wohnung eilig Schritte näher kamen, zupfte Sila aufgeregt am Kragen eines Sweatshirts mit dem Logo ihres Unternehmens. »Das weiß ich aus dem Film. Und Miss Charlotte arbeitet mit Ihnen zusammen.«

»Was ist mit ihnen passiert?« Der Mann, der in den Flur gelaufen kam, bewegte sich für jemanden von seiner Größe und Statur erstaunlich schnell. Er brachte sicher 120 Kilo auf die Waage und war über 1,90 Meter groß. »Hatten sie einen Unfall?«

»Ich glaube, dass man sie ermordet hat!«

»Was? Was sagst du da?« Der Hüne packte seine Frau und sah so aus, als bräche auch er selbst im nächsten Augenblick in lautes Jammern aus. »Oh mein Gott. Mein Gott. Wie …«

»Ruhe!«, übertönte Eve das schreckliche, hysterische Geschrei. »Den Miras geht es beiden gut. Wahrscheinlich sitzen sie gerade beim Abendessen und genehmigen sich dazu ein, zwei möglichst große Gläser Wein. Jetzt beruhigen Sie sich endlich und setzen sich hin, verdammt noch mal!«

Tränen kullerten aus schokoladenbraunen Augen. »Geht’s den beiden wirklich gut? Versprechen Sie mir das?«

»Wenn dieser Wahnsinn aufhört, unterschreibe ich sogar mit meinem eigenen Blut.«

»In Ordnung, tut mir leid.« Die Frau fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. »Tut mir leid, Mel.«

»Was zum Teufel hat das alles zu bedeuten, Sila?«

»Das sind Roarke und Dallas.«

»Roarke und Dallas? Dann ist jemand tot.«

»Es sterben täglich jede Menge Leute«, stimmte Eve ihm zu. »Aber die beiden Miras gehören heute nicht dazu.«

»Ich habe einfach einen fürchterlichen Schreck bekommen, das ist alles«, schniefte Sila. »Sie haben mir einen fürchterlichen Schrecken eingejagt. Die zwei sind für uns wie Familie.«

»Das sind sie für mich auch.«

»Mr. Dennis lobt Sie immer in den höchsten Tönen. Er kam vorbei, als ich im großen Haus geputzt habe. Bei der Arbeit habe ich das Buch gehört. Das Buch über den Icove-Fall. Ich habe ihn gefragt, ob er Sie kennen würde, weil ich wusste, dass Miss Charlotte Sie bei Ihrer Arbeit oft berät, und er hat mir erzählt, dass Sie eine hervorragende Polizistin, einfühlsam und wirklich mutig wären. Ich liebe diesen Mann.«

»Okay.« Das konnte Eve verstehen. »Es geht ihm gut.«

»Ich hole dir jetzt erst mal ein Glas Wein«, bot Mel der Gattin an und wandte sich an Eve und Roarke. »Wenn Sie möchten, bringe ich Ihnen beiden auch einen mit.«

»Vielen Dank, aber ich bin im Dienst.«

»Ich nicht«, erklärte Roarke ihm gut gelaunt. »Ich hätte tatsächlich gerne ein Glas Wein.«

»Ich kann Ihnen auch gern was anderes bringen, Miss Dallas. Kaffee oder Tee? Wir haben auch Pepsi.«

»Pepsi?« Sila sah ihn aus noch feuchten, jetzt aber zusammengekniffenen Augen an. »Melville Robarts, wolltest du nicht auf das süße Zeug verzichten?«

Der Hüne zog den Kopf ein wie ein kleiner Junge, den man mit den Fingern in der Keksdose erwischt hatte. »Ich dachte, dass vielleicht noch ein, zwei Dosen irgendwo herumstehen.«

»Ich nehme gerne eine Pepsi«, sagte Eve und hoffte, dass das Thema damit abgeschlossen war. »Bitte nennen Sie mich Lieutenant und nicht Miss. Sie arbeiten für Dennis Mira«, wandte sie sich an die Frau. »Er sagt, Sie putzen ab und zu das Haus seines Großvaters.«

»Das stimmt. Am besten setzen wir uns, wie Sie schon vorgeschlagen haben, erst einmal hin.«

Sila führte Eve und Roarke in das behagliche und blitzsaubere Wohnzimmer, wo sie in einen leuchtend blauen hochlehnigen Sessel sank.

»Seit ich denken kann, hat meine Mama für den Richter und Miss Gwen geputzt, und als ich älter wurde, bin ich manchmal mitgegangen. Dann ging Miss Gwen urplötzlich von uns, das hat dem armen Mann das Herz gebrochen, weshalb er nur ein Jahr später ebenfalls gestorben ist. Sie fehlen meiner Mama und mir selber immer noch.«

»Mir auch.« Mel kam zurück und stellte ein Tablett mit einem Glas voll eisgekühlter Pepsi und drei Gläsern Rotwein auf den Tisch. »Wenn im Haus etwas kaputt war, habe ich es repariert. So habe ich auch Sila kennen gelernt. Wir waren damals gerade sechzehn, es war Liebe auf den ersten Blick. Gibt es Probleme, Miss, ich meine, Lieutenant Dallas?«

»Allerdings«, erklärte Eve und fügte abermals hinzu: »Den Miras geht es gut, aber am frühen Abend wurde Mr. Mira überfallen, und zwar im Haus seines Großvaters.«

»Er wurde überfallen? Im großen Haus?« Jetzt blickte Sila Eve aus zusammengekniffenen, dunklen Augen an. »Der Senator hat ihn angegriffen, stimmt’s? Er konnte Mr. Dennis nicht mit Worten überzeugen, also ist er auf ihn losgegangen. Senator Edward Mira. Er ist der Cousin von Mr. Dennis, obwohl niemand je auf den Gedanken kommen würde, dass dasselbe Blut durch ihre Adern fließt. Die beiden sind so verschieden wie die Wüste und der Ozean.«

»Wie kommen Sie darauf, dass Edward Mira Mr. Mira angegriffen hat?«

»Weil immer alles nach der Vorstellung dieses Mannes gehen soll. Der Kerl ist ein Tyrann. Wenn Sie mich fragen, war er das immer schon. Ich halte nichts von ihm und seiner arroganten Frau. Aber sie haben nette Kinder. Ihre Kinder sind sehr nett, und deren Kinder wiederum sind süß wie Kirschkuchen. Haben Sie ihn festgenommen?«

»Nein. Statt Mr. Mira anzugreifen, ist er selber angegriffen worden, seither fehlt jede Spur von ihm.«

»Ich verstehe nicht.«