Im Sonnenwinkel Staffel 1 – Familienroman - Patricia Vandenberg - E-Book

Im Sonnenwinkel Staffel 1 – Familienroman E-Book

Patricia Vandenberg

5,0
21,99 €

Beschreibung

Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. E-Book 1: Mutti - der Engel vom Sonnenwinkel E-Book 2: Sie blieben allein zurück E-Book 3: Das Kind vom Herrenhaus E-Book 4: Ein neues Leben mit Dorothee E-Book 5: Geliebter Lausbub Hannes E-Book 6: Kein Platz für Susanne E-Book 7: Wir gehören zusammen E-Book 8: Hochzeit im Sonnenwinkel E-Book 9: Das Findelkind von der Felsenburg E-Book 10: Er wusste nichts von seinem Kind

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1411




Inhaltsverzeichnis

E-Book 1 : Mutti – der Engel vom Sonnenwinkel

E-Book 2 : Sie blieben allein zurück

E-Book 3 : Das Kind vom Herrenhaus

E-Book 4 : Ein neues Leben mit Dorothee

E-Book 5 : Geliebter Lausbub Hannes

E-Book 6 : Kein Platz für Susanne

E-Book 7 : Wir gehören zusammen

E-Book 8 : Hochzeit im Sonnenwinkel

E-Book 9 : Das Findelkind von der Felsenburg

E-Book 10: Er wusste nichts von seinem Kind

Im Sonnenwinkel –1 –

Mutti – der Engel vom Sonnenwinkel

Hier werden Freud und Leid gemeinsam getragen

Roman von Patricia Vandenberg

»Wann sind wir denn nun endlich da, Mami?«, fragte Hannes seine Mutter recht missmutig.

Inge Auerbach seufzte vernehmlich in sich hinein. Sie hatte auch nicht gedacht, dass sich die Fahrt so lang hinziehen würde. Schon gegen fünf Uhr morgens waren sie aufgebrochen, und sie hatte aus dem schweren Wagen herausgeholt, was nur möglich war in Anbetracht ihrer drei Kinder, die sie im Wagen hatte.

»Es wird bestimmt schön im Sonnenwinkel«, zwitscherte Pamelas Stimmchen hoffnungsvoll. Die Vierjährige, die ein Adoptivkind war, was die Familie Auerbach längst vergessen hatte, legte ihr dunkles Köpfchen an die Schulter der achtzehnjährigen Schwester Henrike. »Papi hat doch gesagt, dass es schön dort ist«, betonte sie noch mal.

»Wir werden es ja sehen, Bambi«, erwiderte die hübsche Henrike nachgiebig. Wie alle anderen liebte sie die kleine Schwester zärtlich. Aus der Bambina, wie sie das Baby genannt hatten, als es knapp einjährig nach dem plötzlichen Tod der Eltern zu ihnen kam, war Bambi geworden, ein bezauberndes, liebenswertes Kind, das zu ihnen gehörte, als wäre es nie anders gewesen.

»Schön oder nicht schön«, meldete sich Hannes wieder, der Zwölfjährige, »mein Magen knurrt.«

»Wir könnten doch in Hohenborn essen«, schlug Henrike vor, »einen Gasthof wird es in dem Nest doch wenigstens geben?«, meinte sie skeptisch.

Weiß man’s?, dachte Inge Auerbach für sich. Ihrem Mann war schon zuzutrauen, dass er sich dort verkriechen wollte, wo sich die Füchse gute Nacht sagten. Sie hatte das neue Haus und den neuen Ort, in dem sie künftig leben würden, auch noch nicht gesehen, ihr Mann hatte sie mit der Nachricht, ein Haus im Sonnenwinkel gekauft zu haben, um endlich in Ruhe arbeiten zu können, überrascht. In zweiundzwanzig sehr glücklichen Ehejahren hatte sie gelernt, seine Marotten hinzunehmen. Es hatte sich gelohnt, und der Gedanke daran stimmte sie sogleich wieder heiter.

»Das wird Hohenborn sein!«, rief Henrike aus. Malerisch und leicht hügelig erstreckte sich die kleine Stadt am Südufer des Sternsees. Bambi klatschte vergnügt in die Hände.

»Und nun sehe ich den schönen blauen See«, sagte sie begeistert zu Henrike.

Henrike fand zwar, dass er alles andere als blau wäre, aber sie enthielt sich einer kritischen Bemerkung, um Bambi nicht zu enttäuschen. Mit diesem Kind hätten wir in die ödeste Wüste gehen können, Bambi hätte es dennoch schön gefunden, wenn wir nur alle beisammen wären, dachte Henrike gerührt, während sie Bambi an sich drückte.

Inge Auerbach hielt auf dem Marktplatz an. Das Städtchen gefiel ihr. Sie blickte sich um und deutete auf ein großes, modernes Gebäude. Ein frohes Lächeln lag auf ihrem Gesicht.

»Und das wird eure zukünftige Schule sein«, wandte sie sich an die beiden Älteren.

»Hubertus-Gymnasium«, brummte Hannes, die hellen Lettern studierend.

»Es ist aber ein ganz tolles Schulhaus«, stellte Bambi fest.

Hannes rümpfte die Nase. »Wenn du erst mal da rein musst, wirst du es auch nicht mehr toll finden. Alles Fassade«, knurrte er.

»Vertreten wir uns ein bisschen die Beine«, schlug Frau Inge vor. »Ich kaufe dann schnell etwas ein. Nun sind es ja nur noch fünfzehn Kilometer.«

»Lassen wir uns überraschen«, ließ Henrike sich vernehmen und blickte zum Himmel. Sie nahm Bambi bei der Hand, gewohnt, immer sorgfältig auf die Kleine aufzupassen. Inge strebte der schmalen Geschäftsstraße zu. Hannes’ Magen knurrte ganz laut.

»Wenn Papi da mal nicht wieder einen großen Bock geschossen hat«, stieß er zwischen den Zähnen hervor. »Er hat schon solche Schnapsideen.«

»Gibt es hier große Böcke?«, fragte Bambi. »Papi schießt aber nicht. Und Schnaps trinkt er auch nicht so gern. Lieber Wein oder Bier.«

»Bist halt unser Tschapperl«, meinte Hannes gutmütig. »Magst ’nen Kaugummi?«

»Mami hat das nicht so gern. Es stinkt ihr«, erklärte Bambi eifrig. »Ich finde es aber sehr hübsch. Schau mal, der schöne große Hund.«

Ein junger Mann führte ihn. Ein bildschöner Collie war es, den Bambi gar zu gern gestreichelt hätte, aber Henrike hielt sie zurück.

»Er beißt nicht«, sagte der junge Mann mit einem netten Lächeln und sah dabei die hübsche Henrike an. Sie setzte sogleich ihre reservierteste Miene auf, was ihn aber nicht hinderte, sich noch einmal nach ihr umzudrehen. Immerhin war sie ein sehr erfreulicher Anblick in ihrem schicken dunkelblauen Hosenanzug mit dem weißen Pulli. Ein graziles Mädchen mit honigblondem Haar und geheimnisvollen grüngrauen Augen, die von einem Kranz dichter schwarzer Wimpern umgeben waren.

»Eine Eroberung hast du schon gemacht«, registrierte Hannes gleichmütig. Er war es gewohnt, dass man seiner Schwester nachschaute.

»Schreib’s dir nur auf«, konterte Henrike, »damit dir nur ja keiner entgeht, mir ist es nämlich egal. Ich bleibe Percy treu.«

»Du darfst Ricky nicht ärgern«, raunte ihm Bambi zu. »Sie hat doch heute Geburtstag.« Schmeichelnd drückte sie ihre Wange an die Hand des Mädchens. »Wir feiern bestimmt noch ganz schön«, fuhr sie fort. »Papi hat sich sicher eine große Überraschung ausgedacht.«

»Wenn er denn meinen Geburtstag mal nicht vergessen hat, der zerstreute Herr Professor«, scherzte Henrike.

Da kam Inge Auerbach auch schon wieder zurück. »Billiger als in Paris und London ist es hier auf jeden Fall«, lächelte sie. »Und die Geschäfte sind auch recht annehmbar. Also weiter. Die Würstchen könnt ihr unterwegs futtern.«

»Richtig schön ländlich«, meinte Henrike beiläufig. »Na, dann auf zu dem geheimnisvollen Sonnenwinkel! Leider hat sich die Sonne jedoch verkrochen.«

Wir werden uns eingewöhnen, wie wir uns überall eingewöhnt haben, redete sich Inge Auerbach Mut zu. Aber mit jedem Kilometer rutschte ihr Herz tiefer. Ab und zu mal ein Haus, versteckt im Wald oder inmitten riesiger Gärten.

»Pferdchen!«, jauchzte Bambi auf. Sie sprangen auf einer großen Weide herum.

»Und Kühe«, fügte Hannes hinzu. »Zutrauen würde ich es Papi schon, dass er gleich einen Bauernhof gekauft hat.«

Es war schade, dass es so düster geworden war, denn vor ihnen breitete sich nun eine zauberhafte, unberührte Landschaft aus. Wald und Wiesen, und da tauchten auch endlich ein paar Häuser auf.

Sechs waren es, vier kleinere und zwei große. Eines davon hatte ein Walmdach und recht beträchtliche Ausmaße. Es hatte auch die schönste Lage, dicht beim See, und ein dunkel gebeizter Zaun umgab das weitläufige Grundstück. Es sah wunderhübsch aus, so richtig heimatlich.

»Das wird es sein!«, rief Inge Auerbach überrascht und glücklich aus. »Dies ist der Sonnenwinkel!« Niemand von ihnen ahnte, wie schicksalhaft der bezaubernde Sonnenwinkel für sie alle werden würde.

Inge ließ den Wagen ausrollen. Hannes sprang als Erster hinaus. »Da steht unser Name!«, brüllte er los. »Tatsächlich, Mami hatte recht. Menschenskind, Papi muss im Lotto gewonnen haben. Das ist ja eine tolle Hütte.«

Es war ein himmlisches Haus. Augenblicklich vertraute Inge ihrem Mann restlos. Sein Entschluss, hier ein Haus zu kaufen, war schon recht. Tief atmete sie die reine Luft ein und blickte sich um. Die Gartentür war zugeschlossen, die Garage ebenfalls. Ihre glatte Stirn legte sich in Falten. Wo um Himmels willen steckte denn nur Werner? Und wo waren die Möbelwagen?

»Vielleicht macht Papi ein Nickerchen«, vermutete Hannes. »Ich steig mal über den Zaun.«

Bambi stand mit gefalteten Händen da. »Das ist das allerschönste Haus, was ich gesehen habe«, flüsterte sie.

»Rein können wir nicht«, erklärte Hannes schulterzuckend. »Hoffentlich hat sich Papi nicht im Tag geirrt.«

Möglich war bei ihm alles, aber das wohl doch nicht. Schließlich hatten sie noch gestern miteinander telefoniert, außerdem war Henrikes Geburtstag. Den hatte er wirklich noch nie vergessen.

»Schauen wir uns ein bisschen um«, lenkte Inge ein, damit keine allzu große Ungeduld aufkam. »Wahrscheinlich hat er nicht damit gerechnet, dass wir schon mittags hier sind.«

Bambi hatte eine Antenne für kritische Stimmungen. »Guck mal, da ist ein Schloss!«, rief sie aus.

»Das ist ’ne Burg«, stellte Hannes fest. »’ne richtige Raubritterburg.« Sein Interesse war bereits geweckt.

Die Burg war weiter entfernt, als es den Anschein hatte. Ein schmaler Wiesenweg führte bergan. Vor einer Holztafel blieb Hannes, der ihnen vorausgeeilt war, stehen.

»Nun hört mal zu und staunt!«, rief er lauthals. »Wir werden hier doch nicht so mutterseelenallein sein. Hier steht: Hier entsteht die Siedlung Erlenried. Zum Verkauf stehen dreißig Einfamilienhäuser. Auskünfte erteilt der Architekt Carlo Heimberg.«

»Nun halt mal die Luft an«, fiel ihm Henrike ins Wort. »Dreißig Häuser, ich sehe aber auch nicht ein einziges. Das wird auch so ein Schwindel sein.«

»Was nicht ist, kann ja noch werden«, meinte ihre Mutter begütigend. »Hier haben noch mehr Häuser Platz. Und wo Häuser gebaut werden, entstehen auch Läden.«

Eine schlanke junge Dame im schicken Trachtenkostüm trat aus dem Park, der sich zu Füßen der Burg, die die Auerbachs eben entdeckt hatten, ausdehnte. Kastanienbraunes Haar umgab ein ovales, klassisch geschnittenes Gesicht, in dem helle graue Augen leuchteten. Ihre Haltung war sehr selbstbewusst, doch um ihren Mund lag ein heiteres Lächeln, als sie näher kam.

»Interessieren Sie sich für die neue Siedlung?«, fragte sie freundlich. »Mein Name ist Alexandra von Rieding.«

»Inge Auerbach«, stellte sich diese vor. »Meine Kinder Henrike, Hannes und Bambi. Uns interessiert die Umgebung. Mein Mann kauft das Haus dort unten.«

»Dann werden wir ja Nachbarn«, meinte Alexandra von Rieding erfreut. »Ein bisschen entfernt zwar, aber man freut sich ja über nette Leute in der Nähe.«

»Papis Auto!«, brüllte Hannes los und setzte sich in Bewegung.

»Na, Gott sei Dank«, murmelte Henrike.

»Entschuldigen Sie bitte, Frau von Rieding«, sagte Inge rasch, »aber wir werden uns ja sicher bei Gelegenheit noch treffen.«

»Bestimmt. Ich wünsche Ihnen einen guten Einstand.« Leicht strich sie Bambi über das Köpfchen. »Und dich werden wir ja hoffentlich recht oft bei uns sehen. Wir haben Kinder sehr gern.«

»Sie ist sehr nett, nicht wahr, Mami?«, flüsterte Bambi, als sie sich nun eilends auf den Rückweg begaben. Henrike und Hannes waren schon bei ihrem Vater angelangt. Er hatte das Gartentor aufgeschlossen. Weit breitete er seine Arme aus und umfing seine Frau und Bambi gleichzeitig.

»Herzlich willkommen in unserem neuen Heim, meine Lieben«, sagte er mit dunkler Stimme.

»Bin ja so froh, dass dir nichts passiert ist«, wisperte Bambi.

»Und wo hast du gesteckt?«, fragte Henrike.

»Das wird drinnen erzählt«, antwortete er lächelnd. »Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe.«

Es war vergessen, als sie in die Diele traten, die mit wunderschönen Bauernmöbeln ausgestattet war.

»Guter Gott, es ist ja alles aufgeräumt!«, rief Inge aus.

»Alles nicht, aber doch das Wichtigste, damit wir den Geburtstag unserer Henrike feiern können«, erwiderte Werner Auerbach. »Mein liebes Kind, meine kleine, große Ricky, tausend gute Wünsche.« Er küsste sie zärtlich, und aller Unwillen war aus Henrikes reizendem Gesicht verschwunden.

»Danke, Papi«, sagte sie im zärtlichen Ton, der verriet, wie innig sie mit ihrem Vater verbunden war.

»Das Geschenk kommt später, deswegen musste ich noch mal weg«, meinte er geheimnisvoll.

Ihr neues Heim war ein Traumhaus. Fassungslos stand Inge Auerbach in dem großzügigen Wohnraum, der mit ihren Möbeln und Teppichen schon fast komplett eingerichtet war. Nur die Bilder fehlten noch und einige Kleinigkeiten.

»Da hast du ja schwer geschuftet, Papi«, staunte Hannes. »Wo du doch sonst zwei linke Hände hast.«

»Du respektloser Bengel!« Der Hausherr lachte. »Nun, Ingelein, mein Liebes, habe ich dir zu viel versprochen?«

»Viel zu wenig.« Tränen standen in ihren Augen, als sie weiterging. »Es ist ein schönes Haus, ein wunderbares Heim für uns und unsere Kinder. War es nicht irrsinnig teuer, Werner?«, fragte sie dann besorgt.

»Nicht teurer, als wir es uns leisten können«, beruhigte er sie.

Es kann gar nicht wahr sein, dachte Inge später, als sie das Essen zubereitete. Ich träume! Aber sie träumte nicht. Sie befand sich in der Traumküche, die sie sich schon immer gewünscht hatte. Auf einem vollautomatischen Herd brutzelten die Schnitzel, aus dem Wasserhahn kam warmes Wasser, eine Geschirrspülmaschine war vorhanden, und neben dem Kühlschrank auch eine Tiefkühltruhe, gefüllt natürlich.

Es war ein Paradies, und schon jetzt war sie entschlossen, sich niemals daraus vertreiben zu lassen.

Professor Werner Auerbach war indessen mit seinen Kindern auf die Terrasse gegangen, die ihnen ein fassungsloses Staunen entlockte.

Sie war überdacht und hatte einen offenen Kamin. Ein kleiner Springbrunnen erzeugte lustige Fontänen, die ins Becken zurückplätscherten.

»Zwick mich doch mal, Papi«, flüsterte Bambi.

»Aber warum denn, Schätzchen?«

»Damit ich weiß, dass ich nicht träume«, raunte sie.

»Du träumst nicht, Bambi.« Er hob sie empor und drückte sie an sich. »Wenn es auch ein bisschen abgelegen ist, aber ein schöneres Haus konnte ich weit und breit nicht finden.«

*

»Ich möchte nur wissen, wie wir in die Schule kommen sollen«, meinte Hannes, als sie gesättigt waren.

Werner Auerbach zwinkerte vergnügt mit den Augen. »Das wird sich finden.« Lauschend hob er den Kopf. »Gleich werdet ihr es sehen«, meinte er verschmitzt.

Er eilte hinaus, und alle folgten ihm. Zwei Autos standen vor dem Haus. Ein neues Kabriolett und ein Volkswagen. Zwei junge Männer entstiegen ihnen.

»Guten Tag, Herr Professor«, sagte der eine, »sind wir pünktlich?«

»Auf die Minute«, versicherte Werner Auerbach. »Meine liebe Ricky, dein Geburtstagsgeschenk, damit ihr in die Schule fahren könnt.«

»Ein Volkswagen?«, rief sie staunend.

»Das Kabriolett, gnädige Frau«, sagte der junge Mann höflich.

Werner ist größenwahnsinnig geworden, dachte Inge. Henrike fiel ihrem Vater stürmisch um den Hals.

»Du bist ein Schatz!«, jauchzte sie. »Tausend Dank, Papi!«

»Menschenskind«, staunte Hannes und stemmte die Arme in die Hüften. »Das schlägt dem Fass den Boden aus.«

»Welchem Fass?«, fragte Bambi erstaunt.

Noch ein weiterer Wagen näherte sich, und als Inge Auerbach ihn erkannte, war alles andere für sie plötzlich unwichtig.

»Jörg«, rief sie jubelnd aus, »mein Junge!«

Groß, schlank, dunkel, ganz das jüngere Ebenbild seines Vaters, sprang er heraus und umarmte seine Mutter.

»Mamutschka«, sagte er innig, »bin ich froh, dich wiederzusehen. Lass dich anschauen, du – schönste aller Mütter.«

»Schau lieber das Haus an«, erwiderte sie verlegen.

»Du bist mir wichtiger«, sagte er leise. »Du weißt ja nicht, wie lang ein halbes Jahr werden kann.«

Inge Auerbach musste die aufsteigenden Tränen unterdrücken. Das fehlte gerade noch, dass sie rührselig wurde an diesem Tag, aber ihren Ältesten hatte sie mindestens ebenso schmerzlich vermisst wie er sie. Zwischen Mutter und Sohn bestand ein selten inniges Verhältnis.

»Jetzt sind wir ja viel näher, mein Junge«, sagte sie weich. »Aber nun schau dir doch an, welche Überraschung Vater uns bereitet hat. Dies ist unser neues Haus – unsere neue Heimat! Ich liebe sie jetzt schon sehr.«

Jörg legte seinen Arm um ihre Schultern und blickte zum Haus. »Sind wir unter die Großkapitalisten gegangen?«, fragte er verwundert. »Das ist ja fantastisch. Und das?«, fragte er dann und deutete auf das Kabriolett.

»Das ist das Zuckerl für Henrike, damit sie sich mit der einsamen Gegend abfindet«, flüsterte ihm seine Mutter zu. »Sie ist nicht zufrieden mit Vaters Wahl.«

»Potztausend, kann ich da nur sagen«, stellte er neidlos fest. »Mein Muckerl ist mir zwar lieber, aber eine so hübsche junge Dame braucht natürlich ein attraktives Fahrzeug. Da werde ich ja mit meinem bescheidenen Geschenk keine Furore machen.«

Doch so war Henrike nun auch wieder nicht. Zu der Freude über das Wiedersehen mit dem Bruder kam auch die über das reizende Geschenk. Eine lustige Stoffpuppe hatte er ihr mitgebracht. Henrike hatte eine besondere Vorliebe dafür, und die Hälfte des Kofferraums von Inges Wagen war mit den verschiedensten ausgefüllt, da sie diese niemals der Spedition anvertraut hätte.

Jörg hatte seine Geschwister herzlich begrüßt, Bambi gleich auf die Schulter genommen, auf denen sie begeistert hockte, und nun inspizierte er das Haus.

»Machen wir uns gleich an die Arbeit, Paps?«, fragte er, als er das Tohuwabohu in den einzelnen Schlafräumen zur Kenntnis genommen hatte.

»Du kannst doch hoffentlich übers Wochenende bleiben«, meinte Werner Auerbach.

»Mit deinem Einverständnis schon«, erwiderte Jörg. »Ich versäume aber zwei Vorlesungen.«

»Genehmigt«, erklärte sein Vater lächelnd. »Dann werden wir nur die Betten aufstellen und im Übrigen den Tag genießen.«

»Und den Abend«, pflichtete Jörg bei. »Henrikes Geburtstag muss ja gebührend gefeiert werden.«

Sie waren rundherum eine glückliche Familie, die Auerbachs, aber bei diesen Eltern war es kein Wunder.

Womit habe ich so viel Glück nur verdient?, fragte sich Inge Auerbach am Abend dieses Tages.

Vier Kinder und ein überaus glücklicher Ehemann hätten ihr die Antwort gegeben, hätten sie gewusst, was ihr durch den Sinn ging. Sie war eine Mutter – voller Liebe und Toleranz für ihre Kinder, eine Ehefrau, die nur eines wünschte: Ihren Mann glücklich zu sehen. Sie war der strahlende, stets ausgeglichene Mittelpunkt einer glücklichen Familie – die die Mutter über alles liebte.

»Glaubst du, dass die dreißig Häuser wirklich gebaut werden, Papi?«, fragte Henrike.

»Wahrscheinlich noch mehr«, erwiderte er, »wenn dieses Paradies erst mal entdeckt ist. Aber begeistert bin ich davon nicht, ich möchte den Sonnenwinkel für uns allein haben.«

»Pssst«, machte Inge, »Bambi ist eingeschlafen.«

Werner Auerbach hob das Kind empor und brachte es zu Bett. Bambi wurde nicht mal munter, als Inge sie entkleidete. War es ein Wunder? Das kleine Mädchen hatte einen langen aufregenden Tag hinter sich, dessen Bedeutung dem sensiblen kleinen Ding wohl bewusst war. Ihr neues Heim war schließlich zu erobern, und auch die kleine Bambi fühlte instinktiv, dass dies eine Heimat für immer bleiben würde, dass sie hier ein neues, aufregendes Leben führen würden …

*

Es wurde spät, bis alle ins Bett kamen. Die Schlafzimmer waren vollgepfropft mit Möbelstücken, Kisten und Koffern, aber die Betten standen.

»Wo sollen wir nur mit allen Schränken hin«, seufzte Inge, denn in diesem Haus war alles großzügig mit Einbauschränken ausgestattet.

»Zerbrich dir nicht den Kopf, mein Mädchen. Wir haben ja auch noch einen großen Keller. So richtig schön müde bin ich jetzt.«

Argwöhnisch sah sie ihn an. Sie kannte ihn zu gut und ahnte, dass er unbequemen Fragen ausweichen wollte. Aber sie ließ sich nicht beirren, sonst hätte sie nicht ruhig schlafen können.

»Wie können wir das Haus verkraften, Werner?«, fragte sie eindringlich. »Werden wir nicht von Hypotheken erdrückt?«

»Aber nicht die Spur, Liebes!«

Inge begriff ihren Mann nicht mehr. Von finanziellen Dingen wollte er sonst absolut nichts wissen, er verstand mit Geld überhaupt nicht umzugehen. Seine Initiative, sein spontaner Entschluss, dieses Haus hier im Sonnenwinkel zu kaufen, waren ihr unheimlich, so froh sie auch jetzt darüber war. Aber schließlich – sie waren nicht reich!

»Heraus mit der Sprache«, sagte sie streng. »Ich will jetzt wissen, wie das Haus finanziert wird. Selbst in dieser entlegenen Gegend muss es eine Stange Geld gekostet haben. Oder ist ein Haken dabei?«

»Was du denkst!«, brummte er. »Der Bauherr war ein Makler, schwerreich, aber leider herzkrank. Er konnte nicht mehr einziehen, und weil die Erben um das Vermögen stritten, haben sie verkauft. Sehr günstig, mein Herz.«

»Ich will Zahlen hören«, forderte sie energisch.

»Dreihundertfünfzigtausend«, beantwortete er widerstrebend Inges Frage.

»Dreihundertfünfzigtausend«, stotterte Inge entsetzt. »Bist du übergeschnappt?«

»Ist doch alles nicht so schlimm, du Angsthase. Ich habe die beiden Grundstücke verkauft, die ich von Tante Ida geerbt habe.«

Ungläubig betrachtete Inge ihren Mann. »Dieses Ackerland? Dafür kannst du lange nicht so viel bekommen haben. Das liegt doch völlig uninteressant.«

»Siehst du, mein Schatz, wir hatten eben beide keine Ahnung«, meinte er lächelnd. »Ich habe ja auch gedacht, dass es nicht viel wert ist, aber immerhin waren es zehn Hektar, und eine Baugesellschaft war ganz wild darauf. Was gestern noch Ackerland, ist morgen bereits ein Ort. So wie hier. Ich wusste wirklich nicht, was ich dafür verlangen sollte, aber dann haben sie mir ein Angebot gemacht, das mich stutzig machte. Ganz blöd bin ich doch nicht. Wenn die so viel bieten, dachte ich, wird es ihnen noch mehr wert sein. Und als ich zögerte, boten sie tatsächlich mehr. Wenn du jetzt schön bequem liegst, sage ich dir, was ich bekommen habe.«

»Ich liege bequem«, murmelte Inge.

»Na schön, aber nun schnapp nicht gleich über. Eine Million!«

Inge stieß einen spitzen Schrei aus. »Allmächtiger! Wenn das Tante Ida wüsste!«

»Riesig freuen würde sie sich«, brummte er. »Mitnehmen konnte sie es ja nicht. Ich hoffe, Ingelein, es wird dir das Leben in der Einsamkeit erleichtern, dass wir völlig sorgenfrei sind.«

»Eine schöne, wundervolle Einsamkeit in einer bezaubernden Landschaft«, flüsterte sie glücklich. »Du kannst unbelastet arbeiten, endlich deine Pläne verwirklichen. Die erste Million ist die schwerste, sagt Jörg doch immer. Und die hast du schon geschafft. Wenn sie nur nicht wieder hops geht, wie damals bei den Eltern.«

»Sei ganz beruhigt, mein Schatz. Ich habe den größten Teil schon angelegt, da droben in dieser neuen Siedlung Erlenried, die hier gebaut werden soll.«

Inge hielt den Atem an. »Du meinst, dass es eine sichere Anlage ist?«, fragte sie skeptisch.

»Aber sicher doch. Dieser Carlo Heimberg ist ein tüchtiger Mann. Außerdem beteiligt sich auch ein Industrieller. Münster heißt er. Und stell dir doch mal vor, wie viele Familien da zu einem Heim kommen, die nicht so viel Glück haben wie wir und schwer sparen müssen. Wenn der Gewinn dann auch nicht so groß ist, wie mancher Spekulant wohl dabei herausschlagen wollte, es ist eine gute Sache, vielleicht haben wir zur Belohnung Glück mit unseren Nachbarn, und unsere Kinder bekommen nette Freunde. Besonders für Ricky würde ich das begrüßen.«

Hoffentlich geht’s gut, dachte Inge, aber sie wollte nicht widersprechen.

Sie war trotz dieser Bedenken sehr zufrieden mit ihrem Mann. Er hatte das Herz auf dem rechten Fleck, und wenigstens war ihm das Geld nicht zu Kopf gestiegen.

»Aber sag den Kindern nichts«, murmelte Werner Auerbach noch. »Sie sollen mit den Füßen auf dem Boden bleiben. Übrigens dachte ich auch daran, dass deine Eltern später herziehen könnten, wenn es ihnen gefällt. In eines der Erlenried-Häuser, die nun bald gebaut werden.«

»Du bist doch der allerbeste Mann«, hauchte sie, aber das hörte er schon nicht mehr. Er war eingeschlafen, und auch Inge fielen die Augen zu.

*

Im Herrenhaus Erlenhof, das ganz in der Nähe des neuen auerbach­schen Hauses lag, kam man an diesem Abend auch spät ins Bett. Marianne von Rieding und ihre Tochter Alexandra hatten Besuch von Carlo Heimberg bekommen.

Eigentlich war es sein Verdienst, dass Mutter und Tochter hier übersiedelt waren. Marianne von Rieding war mehr als überrascht gewesen, als sie erfuhr, dass sie und ihre Tochter Sandra von ihrem Schwiegervater als Erbin eingesetzt worden waren. Sie hatte regelrecht Angst bekommen, diesen riesigen Besitz zu übernehmen, denn Barvermögen war gar nicht vorhanden. Der Unterhalt dieses schönen, aber alten Herrenhauses, der dazugehörenden Depen­dance und der Ländereien hatte Unsummen gekostet. Der alte Baron Rieding war ein Sonderling und Eigenbrötler gewesen, er hatte sich nicht entschließen können, auch nur einen Teil seines Besitzes zu verkaufen, zu dem zu allem Übel noch die Felsenburg gehörte, eine malerische Burgruine, die sehr geheimnisumwittert und romantisch aussah.

Sandra, talentierte Innenarchitektin im Atelier Carlo Heimbergs, hatte ganz plötzlich ihr Herz für dieses bezaubernde Fleckchen Erde und auch für dieses Haus entdeckt. Sie hatte ihren Chef und väterlichen Freund um Rat gefragt, und alles andere war dann eigentlich sein Werk gewesen.

Zu dritt saßen sie gemütlich vor dem Kamin, in dem ein lustiges, behagliches Feuer flackerte. Das prächtige Ölgemälde Albrecht von Riedings hing darüber. Streng blickte der alte Herr auf sie herab, und Frau Marianne war es, als würde sie von seinen durchdringenden Augen durchbohrt.

»Mir ist das alles ein bisschen unheimlich«, murmelte sie.

»Weil du noch immer Respekt vor deinem gestrengen Schwiegervater hast«, wurde sie von ihrer Tochter Sandra geneckt.

Sandra hatte ihren Großvater Albrecht von Rieding nie kennengelernt. Er war zutiefst gekränkt gewesen, dass aus der Ehe seines einzigen Sohnes kein männlicher Erbe hervorgegangen war, und hatte kein Interesse daran gezeigt, seine Enkelin zu sehen. Auch seine Schwiegertochter war für ihn uninteressant geworden, als sein Sohn starb. Bis zu seinem Tode hatte er sich um die beiden nicht gekümmert. Daher war es nicht verwunderlich, dass Marianne von Rieding von dieser Erbschaft maßlos überrascht worden war.

»Mir kommt es so vor, als lache er sich ins Fäustchen, was wir nun wohl anfangen werden«, murmelte sie, »als ahne er, dass wir es nicht schaffen, seinen geliebten Besitz zu erhalten.«

Sandra lachte leise. »Falls sein Geist noch in der Felsenburg herumwandern sollte, wird er sich wundern, was hier alles passieren wird. Übrigens habe ich heute einen Teil der Familie Auerbach kennengelernt. Eine reizende Frau und nette Kinder, und gerade die beiden jüngeren scheinen mir rechte Schelme zu sein!«, lachte sie.

»Über Auerbach wollte ich gerade mit Ihnen sprechen, Sandra«, sagte Carlo Heimberg, ein gut aussehender Mann schwer schätzbaren Alters. Sein graues Haar mochte täuschen, denn sein Gesicht war noch recht jugendlich. »Er beteiligt sich nämlich an unsrem Projekt.«

Sandra pfiff durch die Zähne. »Donner und Doria, das scheinen ja reiche Leute zu sein. Arrogant sind sie jedenfalls nicht. Verdient ein Professor so viel, dass er sich das leisten kann? Wieso zieht er sich eigentlich in die ländliche Einsamkeit zurück?«

»So viel mir bekannt ist, arbeitet er an der Entwicklung moderner Verkehrsmittel. Ein überaus kluger Mann. Von Geschäften hat er zwar keine Ahnung, aber anscheinend eine glückliche Hand. Das Haus im Sonnenwinkel ist bedeutend mehr wert, als er bezahlen musste, aber ich gönne es ihm. Doch nun zur Sache. Felix Münster hat sich wieder mit mir in Verbindung gesetzt. Es würde mich interessieren, warum er auf dieses Haus hier so versessen ist. Übermorgen will er Sie persönlich aufsuchen, wenn es Ihnen recht ist.«

»Wir verkaufen nicht«, erwiderte Sandra kurz.

Marianne von Rieding seufzte schwer.

»Meinst du nicht, dass uns wirklich alles über den Kopf wachsen wird?«

»Nicht die Spur«, erwiderte Sandra munter. »Eines Tages würden wir uns ohrfeigen, wenn wir das aufgeben würden.«

Carlo Heimberg nickte dazu. »Man muss manchmal etwas riskieren. Seien Sie nicht so skeptisch, Frau von Rieding. Was kann denn schon schiefgehen? Die Städte platzen aus allen Nähten. Wohin sollen die vielen Menschen? Grund und Boden werden immer teurer. Wir liegen sehr günstig. Nächste Woche wird mit dem Bau der Siedlung begonnen, und wenn erst mal die Fundamente stehen, wird schon genügend Interesse bestehen.«

»Und wie ist es mit dem Arzt, einer Apotheke und so weiter?«, gab Marianne von Rieding zu bedenken.

»Sei doch optimistisch, Mutti«, munterte Sandra ihre Mutter auf. »Wer wagt, gewinnt.«

Davon war die Ältere nicht so schnell zu überzeugen, und sie konnte sich über die Tochter, die doch mitten im Großstadttrubel aufgewachsen war, nur wundern.

Mein lieber Schwiegervater, dachte sie, ich glaube, du hast dein Enkelkind, das »nur« ein Mädchen ist, unterschätzt. Sie hat ebenso viel Tatkraft wie ein Mann. Und als sie zu seinem Bild hinaufschaute, war es ihr fast so, als blitzten seine Augen spöttisch.

Sandra schien ihre Gedanken zu ahnen. Sie stellte sich vor das Bild und lächelte. »Ich werde es dir schon beweisen, Großvater, dass man nicht unbedingt ein Mann sein muss, um einen Besitz zu erhalten! Unser Name wird eines Tages aussterben, aber Erlenried wird blühen und gedeihen, und das ist eigentlich das Schönste, was wir dir tun können.«

Marianne von Rieding sah ihre Tochter gedankenvoll an. Irgendwie war Sandra in diesem Augenblick jenem unbeugsamen Mann auf dem Bild sehr ähnlich.

*

Mit Feuereifer gingen die Auerbachs am nächsten Tag an die Arbeit, ihr Haus in Ordnung zu bringen. Zuerst kamen die Kinderzimmer an die Reihe, die in der ausgebauten Mansarde lagen, durch die schrägen Wände besonders anheimelnd. Bambi und Hannes hatten je einen Schlafraum und ein großes Spielzimmer gemeinsam. Auch ein Gästezimmer und ein Bad waren vorhanden.

Bald standen die Regale, und Bambi begann ihre Bilderbücher und Spielsachen einzuräumen. Es war rührend, wie sie jede einzelne Puppe und jedes Stofftierchen begrüßte. Inge Auerbach nahm sich die Zeit, ein wenig zu lauschen.

»Nun seid ihr aber froh, dass ihr nicht mehr in den Kisten zu sein braucht«, meinte Bambi liebevoll. »Das war ja auch so schrecklich dunkel. Aber hier ist es schön. Komm, mein Ingelein, ich bringe dich gleich in den Garten, damit du frische Luft hast.«

Inge war ihre Lieblingspuppe, und natürlich hatte sie den gleichen Namen wie die Mami. Sie sah schon recht mitgenommen aus, war sie doch bereits drei Jahre in Bambis Besitz. Aber nicht die schönste Puppe hätte ihr den Rang ablaufen können.

»Und dein wehes Ärmchen müssen wir auch gleich wieder frisch verbinden«, fuhr Bambi fürsorglich fort. »Ich darf Mami jetzt nur nicht stören. Sie hat ja so schrecklich viel zu tun. Wenn ich doch nur größer wäre und ihr helfen könnte.«

Inge Auerbach verschwand lieber, bevor Bambi merkte, dass sie belauscht wurde. Ein zärtliches Lächeln lag über ihrem Gesicht.

Wie viel Freude hatte ihnen dieses Kind schon gemacht! Damals, vor mehr als drei Jahren, war es kein leichter Entschluss für sie gewesen, die Kleine zu sich zu nehmen, damals waren ihre Kinder endlich aus dem Gröbsten heraus, und sie hatte etwas mehr Zeit für ihren Mann.

Bambis Vater war ein junger Mitarbeiter von Werner Auerbach gewesen, der auf einer Urlaubsreise mit seiner jungen Frau tödlich verunglückt war, während das Baby Pamela mit leichten Verletzungen davonkam. Unverschuldet hatten sie ihr Leben lassen müssen, und das kleine Mädchen war als Waise zurückgeblieben. Werner hatte die Idee gehabt, es zu adoptieren. Inge hatte zuerst widersprechen wollen, aber schon bald waren alle Bedenken verschwunden. Sie liebten Bambi wie ein eigenes Kind, und selbst der damals schon achtzehnjährige Jörg hatte nicht die geringsten Einwendungen gemacht. Heute konnte sich niemand mehr ein Leben ohne Bambi vorstellen.

Inge war in der Diele, als Bambi mit ihrer Ingepuppe vorsichtig die Treppe herabstieg.

»Ach, wir werden wohl das Ärmchen neu verbinden müssen«, sagte sie beiläufig. Dankbar strahlten die Kinderaugen sie an.

»Du bist so lieb, Mami. Du weißt immer das Richtige. Ich wollte dich nur nicht stören.«

»Den Verbandkasten haben wir ja bei der Hand«, lächelte Inge. »Komm, ich helfe dir.«

»Verbinden kann ich sie schon allein«, erklärte Bambi. »Warum das Ärmchen auch gar nicht wieder heil werden will? Ich weiß es wirklich nicht. Ich mache doch alles.«

»Vielleicht sollten wir sie mal zum Puppendoktor bringen«, schlug Inge vor, aber Bambi schüttelte den Kopf. »Nein, nein, dann ist sie nur traurig, weil sie fort muss. Ich wäre auch traurig.« Ganz fest drückte sie ihre Ingepuppe an sich.

Kopfschüttelnd betrachtete Werner Auerbach die Zeremonie, als Inge den Verbandkasten herbeigeholt hatte.

»Andere Frauen würden durchdrehen bei diesem Trubel«, meinte er später, als Bambi in den Garten gegangen war, »aber du hast sogar Zeit für eine Puppe.«

»Das ist auch wichtig«, lächelte sie. »Kinder, die ihre Puppen lieben, werden gute Mütter.«

»Na, damit hat es ja Gott sei Dank noch ein bisschen Zeit«, seufzte er. »Was soll ich mit der Wäsche machen?«

»Das mache lieber ich. Dann weiß ich wenigstens, wo ich alles finde. Geh ein bisschen hinaus, Werner. Ganz erschöpft siehst du aus. Nun mach schon!«, drängte sie, als er zögerte. »Schaut euch ein bisschen um. Wir brauchen ja nicht alles an einem Tag zu schaffen.«

Bambi freute sich, als er sich zu ihr gesellte, und gleich war auch Hannes zur Stelle. Und wie auf Kommando brach die Sonne aus den Wolken hervor.

»Von hier aus kann man auch die Burg sehen«, rief Bambi aufgeregt aus. »Was ist das für eine Burg, Papi?«

»Die Felsenburg, der Stammsitz der Barone Rieding. Sie sind ein ganz altes Geschlecht.«

»Wie alt ist die Felsenburg, Papi?«

»Etwa sechshundert Jahre.«

»Sechshundert Jahre?«, wiederholte Hannes staunend. »Da hat es hier auch schon Menschen gegeben?«

»Wahrscheinlich mehr als jetzt. Dann kam der dreißigjährige Krieg, und viele sind geflohen. Man sagt, dass manche ihr Hab und Gut in die Felsenburg gebracht haben, um es vor dem Feind zu schützen.«

»Auch Schätze?«, fragte Hannes neugierig. »Toll, dann können wir mal graben, vielleicht finden wir den Schatz der Felsenburg.«

Seine Fantasie war, wie immer, wenn es um Abenteuer ging, angeregt. Sein Vater dämpfte seine Unternehmungslust. »Ich glaube kaum, dass heute noch Schätze darin verborgen sind. Es ist ja nur noch eine Ruine. Im vorigen Jahrhundert wurde das jetzige Herrenhaus gebaut.«

»Wohnt die hübsche junge Dame dort?«, fragte nun Bambi.

»Wir haben nämlich schon eine kennengelernt, die Rieding heißt«, erklärte Hannes. »Dann gibt es immer noch welche.«

»Frau von Rieding und ihre Tochter sind die letzten. Es gibt keinen männlichen Nachkommen mehr. Das Geschlecht wird aussterben.«

»Warum?«, fragte Bambi.

»Weil die Frauen doch immer den Namen vom Mann kriegen«, erklärte ihr Hannes. »Ich finde das richtig blöd. Es könnte ruhig anders sein, wenn die Frauen einen schöneren Namen haben.«

»Ich möchte immer Auerbach heißen«, sagte Bambi entschlossen. »Nie anders.«

Dafür drückte Werner Auerbach sie zärtlich an sich.

*

Henrike hatte ihr Zimmer mit ungewohnter Ausdauer bereits recht wohnlich gemacht. Der Plattenspieler konnte angestellt werden. Das war das Wichtigste.

»Schrecklich, deine Musik!«, stöhnte ihr »großer Bruder« Jörg, der eben zu ihr hereinschaute.

»Gib mir lieber ’nen Schluck Bier, anstatt zu meckern«, forderte sie ihren Bruder auf.

»Seit wann trinkst du Bier?«, fragte er erstaunt.

»Seit Milch fern und unerreichbar ist«, spottete sie, »hier können wir nicht mal schnell um die Ecke laufen und welche holen.«

»Es wird sich alles einpendeln«, meinte er begütigend. »Wir haben ja eine Tiefkühltruhe.«

Sie lehnte sich bequem in ihren Sessel zurück. »Verschnauf dich auch ein bisschen, Bruderherz. Ob es sich mit der Schule auch einpendeln wird? Ich sehe schwarz. Ein Jahr vor dem Abitur, mir wird schon ganz komisch. Andere Pauker und vielleicht grässliche Klassenkameraden, die einen als Eindringling betrachten, oje!«

»Du brauchst doch nichts zu fürchten. Vielleicht ist es hier sogar leichter. An kleinen Schulen geht es meistens besser.«

»Wenn ich euren Optimismus nur teilen könnte«, seufzte sie. »Jedenfalls bin ich auch noch ein Stück weiter von Percy entfernt.«

Er lächelte nachsichtig. »Immer noch die große Liebe?«, spottete er.

»Was heißt große Liebe? Ist doch alles relativ. Aber mit ihm kann man wenigstens reden.«

»Und er wird einmal ein Lord sein«, meinte er anzüglich.

»Pöh – du wirst doch nicht glauben, dass ich darauf aus bin«, sagte sie herablassend.

»Na, Lady Merriman klingt ganz hübsch, aber nimm es nur nicht zu ernst, Ricky. Du wirst noch viele kennenlernen.«

»In diesem Kaff? Du hast in München wenigstens Abwechslung, aber hier wird man versauern, fürchte ich. Zugegeben, das Haus ist schön, aber sonst …«

»Man gewöhnt sich an alles.«

Sie nahm noch einen Schluck Bier. Einen sehr langen. Jörg drohte lachend mit dem Finger. »Pass auf, entweder bekommst du einen Schwips, oder du wirst müde.«

Beides trat ein. Zuerst hatte sie ein ganz komisches Gefühl, dann wurden ihre Glieder bleiern schwer. Und als Inge zum Mittagessen rief, war sie eingeschlafen.

»Lass sie schlafen«, beruhigte Jörg seine Mutter. »Bier hat auch Kalorien.«

»Darf ich mal kosten?«, fragte Bambi.

»Das fehlte noch. Bier macht dumm«, erwiderte Jörg.

Sie sah ihn schelmisch an. »Warum trinkst du es dann?«

»Weil ich schon erwachsen bin, du Frechdachs.«

»Wenn ich aber ganz großen Durst habe, darf ich dann mal nippen?«, fragte sie schüchtern.

»Einer muss unbedingt Milch holen«, erinnerte sich Inge.

»Das kann Ricky tun, wenn sie ausgeschlafen hat«, sagte Jörg. »Dann kann sie gleich ihren Wagen einweihen.«

»Und sich ein wenig umschauen, damit es ihr nicht zu langweilig wird«, warf Werner Auerbach ein. »Unsere junge Dame ist wohl noch nicht so hundertprozentig be­geistert von unserem Sonnenwinkel!«

Henrike war recht angetan von dem Vorschlag, als sie ausgeschlafen bei den anderen erschien. Von guten Ratschlägen und Ermahnungen begleitet, startete sie.

Henrike fuhr vorsichtig, die Mahnungen der Eltern noch im Ohr. Gar so übel war das Städtchen bei Sonnenschein nicht. Hübsche Straßen und anscheinend auch ganz hübsche Geschäfte gab es hier. Sie parkte auf dem Marktplatz, um sich erst einmal zu orientieren.

Die verlockende Auslage einer Konditorei zog sie an. Eine gute Tasse Kaffee und ein Stück Schokoladentorte könnte eigentlich nicht schaden, dachte sie, und den Daheimgebliebenen konnte sie welche mitnehmen.

Sie fand einen freien Tisch und ließ sich graziös nieder. Sie spürte, wie sie beobachtet wurde, aber das machte ihr nichts aus, ganz im Gegenteil. Henrike war nicht frei von weiblicher Eitelkeit, und sie wusste recht gut, dass sie einen reizvollen Anblick bot.

Unauffällig ließ sie ihren Blick umherschweifen. Ganz nette Leute, gestand sie sich ein. Sehr gemischt, aber doch auch ein paar recht ansehnliche Damen und sogar zwei gut aussehende junge Männer.

Ein weiterer kam zur Tür herein und steuerte geradewegs auf ihren Tisch zu. Sie konnte schlecht nein sagen, und so ließ er sich nieder. Er schien gut bekannt zu sein und wurde bevorzugt bedient, was Henrike leicht erbitterte, denn die alte Dame am Nebentisch hatte ihre Bestellung vorher aufgegeben.

Henrike bekam das Kribbeln, als sie merkte, dass er sie ungeniert musterte. Sie legte ihre Geldbörse schon neben sich, um gleich zu zahlen, wenn die Bedienung kam.

»Gestatten Sie mir, dass ich Sie einlade, gnädiges Frau?«, fragte er.

»Nein, ich gestatte nicht«, erwiderte sie ungehalten.

Er ließ nicht locker. »Sie sind fremd hier? Nur zu Besuch oder zugezogen?«

»Das ist meine Angelegenheit«, erklärte sie eisig. Die Bedienung, die an den Tisch trat, warf ihr einen eigenartigen Blick zu.

»Kann ich noch etwas für Sie tun, Herr von Rosch?«, fragte sie den jungen Mann.

»Ich möchte zahlen«, sagte Henrike gereizt. Sie tat es und hastete überstürzt hinaus, aber der Herr von Rosch folgte ihr auf dem Fuße.

»Warum so abweisend?«, fragte er anzüglich.

Henrike rang nach Worten. Eine solche Unverfrorenheit war ihr noch nicht begegnet. Jetzt griff er sogar nach ihrem Arm.

Sie wehrte ihn heftig ab. »Lassen Sie mich in Ruhe!«, fauchte sie.

Da trat aus einem Haus ein junger Mann mit einem bildschönen Collie, der ihnen, und besonders Bambi, am Tag ihrer Ankunft in Hohenborn schon aufgefallen war. Eigentlich sah sie nur den Hund, für den Mann hatte sie keine Augen.

»Kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte der jedoch in einem Ton, der sie aufhorchen ließ, und sie bemerkte, dass er ihren aufdringlichen Verfolger mit einem verächtlichen Blick musterte.

»Nett, Sie zu treffen«, sagte sie geistesgegenwärtig, obgleich sie später gar nicht zu sagen wusste, wie sie so schnell darauf gekommen war, um in dem anderen nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, dass sie sich doch von fremden Männern ansprechen ließ.

Als sie sich umwandte, war der jedoch schon verschwunden. Nun erst geriet Henrike in Verwirrung.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte sie verlegen, »er war so zudringlich, und da tat ich lieber so, als würden wir uns schon kennen.«

»Wie klug!«, erwiderte er lächelnd. »Das ist so seine Art. Nehmen Sie sich in Acht vor ihm, wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, und damit Sie nicht nochmals in Verlegenheit kommen, Rückert ist mein Name, Fabian Rückert.«

»Danke, dass Sie mir geholfen haben. Ich bin Henrike Auerbach.«

Seine Augenbrauen ruckten leicht empor. Er schien etwas sagen zu wollen, überlegte es sich aber anders.

»Du bist ein schöner Hund«, sagte Henrike leise, um seinem forschenden Blick auszuweichen.

»Gib Pfote, Charly!«, forderte Fabian Rückert seinen Hund auf, der aufs Wort folgte.

»Ich muss mich jetzt beeilen«, sagte Henrike darauf überstürzt. »Ich muss noch Besorgungen machen.«

»Vielleicht darf ich Ihnen meine Begleitung anbieten, um eine weitere Begegnung mit Rosch zu verhindern? Außerdem sind Sie fremd hier und kennen die Geschäfte nicht.«

»Woher wissen Sie das?«, entfuhr es ihr.

»Intuition«, erwiderte er rätselhaft, dann lachte er leise. »Nicht schwer zu erraten. Erstens habe ich Sie gestern mit Ihrer Familie ankommen sehen, und dann, wären Sie schon länger hier, würden Sie Harry von Rosch bestimmt schon kennen.«

Henrike fand Fabian Rückert nett. Höflich, nicht aufdringlich und dabei doch charmant.

»Was müssen Sie einkaufen?«, erkundigte er sich.

»Vor allem Milch, damit meine kleine Schwester nicht mehr zu dursten braucht. Im Sonnenwinkel gibt es ja nichts.«

»Dafür ist es wunderschön dort«, stellte er sinnend fest. »Der schönste Platz am ganzen Sternsee. Man weiß nicht, ob man nicht eher traurig sein soll, dass er nun verbaut wird, es ist eines der schönsten Flecken dieser ganzen Gegend. Wo immer man auch steht, es bietet sich einem ein bezaubernder Blick auf Berge, See, Wälder und auf die Felsenburg.«

»Sie sind aus dieser Gegend?«, fragte sie nun doch ein wenig neugierig.

»Geboren, aufgewachsen und rasch wieder zurückgekehrt nach dem Studium. Und ich würde sehr unglücklich sein, müsste ich wieder von hier fort. – Doch hier ist das Geschäft, in dem Sie alles bekommen werden. Darf ich warten und Sie zurückbegleiten?«

Henrike war es ein bisschen komisch. Was die Eltern wohl sagen würden, dass sie gleich am ersten Tag die Bekanntschaft eines fremden jungen Mannes machte? Aber sie hatten ihn alle ja gestern schon gesehen. Wie alt mochte er wohl sein? Du lieber Himmel, da geriet sie richtig ins Nachdenken und vergaß, was sie eigentlich wollte. Wo war nur der verflixte Zettel? Endlich fand sie ihn.

Es war ein moderner Selbstbedienungsladen, in dem sie einkaufte, und sie musste sich erst alles zusammensuchen, aber Fabian Rückert wartete dennoch geduldig, bis sie wieder herauskam. Er nahm ihr den Korb ab und trug ihn zu ihrem Wagen.

»Hübsches Fahrzeug«, stellte er fest, »noch nagelneu!«

»Gestern erst bekommen«, erwiderte sie fröhlich und von seinem Lächeln angesteckt, »Geburtstagsgeschenk von Papi.«

»Geburtstag hatten Sie? Einen Augenblick bitte! Charly, pass auf die junge Dame auf.«

Er eilte über die Straße. Der Hund nahm seinen Auftrag so ernst, dass er Henrike nicht mal in den Wagen einsteigen ließ. Da kam Fabian Rückert auch schon wieder zurück und überreichte ihr einen bunten Frühlingsstrauß. »Herzlichen Glückwunsch nachträglich, verbunden mit der Hoffnung, uns öfter zu sehen.«

Glühende Röte stieg in Henrikes Wangen. »Vielen Dank«, stammelte sie. »Ab Montag beginnt für mich der Ernst des Lebens!« Sie warf einen entsagungsvollen Blick auf das Schulhaus. »Der letzte Anlauf. Nächstes Jahr steige ich ins Abitur. Nimmt man es hier eigentlich sehr genau?«

Er blinzelte vergnügt. »Falls Sie Nachhilfe brauchen, ich stehe gern zur Verfügung.«

Sie reichte ihm die Hand. »Sie waren sehr nett«, sagte sie leise.

Eigentlich hatte sie erwartet, dass er sie um ein Wiedersehen bitten würde, aber es blieb aus, und als sie davonfuhr, sah sie ein junges Mädchen auf ihn zugehen. – Ein sehr hübsches Mädchen.

Na ja, was wollte sie denn auch? Er war ein Kavalier, wohlerzogen und höflich. Aber warum hatte er ihr Blumen geschenkt, wenn er doch mit einer anderen verabredet war, und warum hatte er ihr so viel Zeit gewidmet? Ein wenig enttäuscht war sie jetzt doch, wenn sie es sich auch nicht eingestehen wollte!

*

»Fabian, denk daran, was aus dir noch werden kann«, neckte das junge blonde Mädchen ihn, der gedankenvoll dem entschwindenden Wagen nachblickte. »Seit wann steigst du fremden Mädchen nach?«

»Seit heute!«, knurrte er. »Und du hättest ruhig ein paar Minuten später daherkommen können.«

»Entschuldige vielmals. Ich konnte ja nicht wissen, dass du dich deiner Schwester schämst«, fuhr sie spottend fort.

»Aber sie weiß nicht, dass du meine Schwester bist«, brummte er.

»Das wird sie schon noch erfahren, wenn dir so viel an ihr liegt.«

»Bestimmt wird sie das. Das Fatale ist nur, dass sie meine Schülerin werden wird.«

»Jesses, Jesses!«, stöhnte Stella. »Sie geht noch zur Schule? Schick ist sie, einen tollen Wagen hat sie, und da machst du dir wohl nicht Hoffnungen, dass sie sich in einen Studienassessor verliebt! Armer Fabian, wenn dir schon mal ein Mädchen gefällt, muss es ausgerechnet eine Schülerin sein. Pass nur auf, dass du dich nicht in Kalamitäten bringst, Charly guckt schon ganz bekümmert.«

Ahnungslos, was ihr noch bevorstehen würde, fuhr Henrike wieder heimwärts. Betrübt fiel ihr ein, dass sie den Kuchen vergessen hatte wegen dieses arroganten Lümmels, der scheinbar stadtbekannt war.

Neben ihr lagen die Blumen. Hübsch sah der Strauß aus mit der roten Rose in der Mitte. Ihr Gesicht wurde ganz heiß.

Im Rückspiegel bemerkte sie, dass ein anderer Wagen ihr folgte. Ein großer Straßenkreuzer, der auf der schmalen Straße kaum Platz hatte.

Als sie im Sonnenwinkel anhielt, fuhr er an ihr vorbei. Mit einem schnellen Blick erhaschte Henrike das Profil des Mannes, eines sehr interessanten, nicht mehr ganz jungen Mannes.

Es tut sich ja hier im Sonnenwinkel doch allerlei. Gar so einsam scheint es gar nicht zu werden, dachte sie befriedigt, während ein paar Sonnenstrahlen aus den Wolken brachen, auf ihr Haar fielen und den See geheimnisvoll funkeln ließen.

*

Der Industrielle Felix Münster, der in dem Straßenkreuzer an Auerbachs Haus im Sonnenwinkel vorbeigefahren war, hatte dem jungen Mädchen keine sonderliche Beachtung geschenkt.

Die Auerbachs sind also schon eingezogen, dachte er nur, dann bog er die Straße zum Herrenhaus Erlenhof ein. Zwar hatte er sich erst für morgen bei den Riedings angemeldet, da er aber einmal in der Gegend war, hatte er den impulsiven Entschluss gefasst, gleich heute vorbeizuschauen.

Lang gestreckt lag das Herrenhaus inmitten des verwilderten Parks. Verwittert war die Hausfront und arg renovierungsbedürftig.

Vielleicht haben die Damen von Rieding schon eingesehen, wie kostspielig der Unterhalt dieses Besitzes sein wird, dachte er. Jedenfalls wollte er nichts unversucht sein lassen, doch noch in den Besitz dieses Hauses zu kommen.

Er stieg aus und ging langsam auf das Herrenhaus zu. Zwischen den Bäumen entdeckte er eine hell gekleidete Gestalt, mit gemessenen Schritten ging er auf diese zu.

»Hallo«, sagte er leise, als er in ihre Nähe kam.

Erschrocken zuckte Alexandra von Rieding zusammen. Der eindringliche Blick der dunklen Augen verwirrte sie. In Sekundenschnelle prägte sich ihr die Persönlichkeit dieses Mannes ein. Eine sehr markante Persönlichkeit, die faszinierend wirkte.

»Sie wünschen?«, fragte sie zurückhaltend.

»Münster«, stellte er sich vor, »habe ich die Ehre, mit Frau von Rieding zu sprechen?«

»Mit der Tochter«, entgegnete sie, womit sie ihm ein flüchtiges Lächeln entlockte.

Sie war mehr als mittelgroß, aber er überragte sie fast um Haupteslänge. So hatte sie sich den Industriellen Felix Münster nicht vorgestellt. Sie hatte geglaubt, dass ein Mann, der ein so gewaltiges Unternehmen leitete, älter und bei Weitem nicht so attraktiv sein müsste.

»Wir hatten erst morgen mit Ihrem Besuch gerechnet«, sagte sie. »Meine Mutter ist nicht zu Hause.«

»Vielleicht könnte ich vorerst Ihnen mein Anliegen vortragen«, murmelte er.

Sie wusste schon, worum es ging, und ein eigensinniger Zug legte sich um ihren Mund.

»Bitte«, forderte sie ihn auf. »Entschuldigen Sie mich nur für einen Augenblick, ich muss mich ein wenig frisch machen.«

Sie ging voran mit einem lässigen und doch anmutigen Gang. Schnell hatte sie ihre Selbstsicherheit zurückgewonnen und wappnete sich bereits mit Abwehr, um sich seiner dynamischen Ausstrahlung nicht unterlegen zu zeigen.

Sie schloss die Tür auf, und sie betraten die kühle, etwas düster wirkende Halle.

Doch das Wohnzimmer, zu dem sie die Tür öffnete, war sehr geschmackvoll und zugleich gemütlich eingerichtet.

»Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Münster, ich bin gleich zurück«, sagte sie.

Alexandra kam bald zurück und trug ein schlichtes lindgrünes Wollkleid, das das leuchtende Braun ihres Haares noch unterstrich.

Seine Miene verriet nicht, ob er überhaupt wahrnahm, dass er eine ungewöhnlich aparte junge Dame vor sich sah, und das war für Alexandra ungewohnt. Kein abschätzender Blick, kein Maßnehmen, wie sie es burschikos nannte.

»Wie Sie wohl wissen werden, bin ich an diesem Besitz sehr interessiert«, begann er unumwunden. »Ich habe schon mit dem alten Herrn von Rieding über einen eventuellen Verkauf verhandelt. Sein plötzlicher Tod kam dazwischen.«

Knapp und klar, keine Phrasen, das gefiel ihr eigentlich. Das, was dann kam, weniger.

Sie verschlang die Hände ineinander. »Nein, wir werden nicht verkaufen. Wir haben uns entschlossen, das Herrenhaus zu behalten.«

Jetzt malte sich Enttäuschung auf seinen Zügen. Alexandra beobachtete ihn unauffällig.

»Warum sind Sie eigentlich so am Erlenhof interessiert, Herr Münster?«, fragte sie beiläufig.

»Das hat einen ganz bestimmten Grund«, murmelte er. Zum ersten Mal war eine leichte Unsicherheit in seiner Stimme.

»Ich habe einen fünfjährigen Sohn«, begann er stockend. »Seine Mutter starb bei seiner Geburt.«

Er sagte »seine Mutter«, nicht »meine Frau«, registrierte Alexandra in ihrem Unterbewusstsein.

»Manuel ist ein scheues, zartes Kind«, fuhr er fort. »Ich hatte ihn einmal mit hierhergenommen, und zum ersten Mal habe ich ihn begeistert gesehen. Die Felsenburg schien ihn magisch anzuziehen. Ich hätte ihm gern den Wunsch erfüllt, hier leben zu dürfen.«

Ein Frösteln kroch über Alexandras Rücken. Sie war tiefer beeindruckt, als sie sich eingestehen wollte.

»Nun, wenn Ihr Entschluss feststeht, ist wohl nichts zu ändern.«

Das war wieder der Unternehmer, der seine kostbare Zeit nicht mit unnötigem Gerede vergeudete. Er war aufgestanden und ging zum Fenster, von dem aus man die Dependance sehen konnte, ein kleineres, aber recht anmutiges Gebäude, wenn man von dem unschönen Verputz absah.

Felix Münster drehte sich um. »Die Dependance würden Sie dann wohl auch nicht verkaufen?«, fragte er sehr direkt. »Ich wäre bereit, jede gewünschte Summe zu zahlen.«

Geld spielt keine Rolle, ging es ihr durch den Sinn, und wenn er sich etwas in den Kopf setzt, will er zumindest einen Teilerfolg erzielen.

Sie hob langsam den Kopf. »Ich glaube, meine Mutter kommt. Wenn Sie noch ein paar Minuten Zeit haben, könnten Sie mit ihr sprechen.«

War das nicht schon ein halbes Zugeständnis? Warum sagte sie nicht einfach nein? Man hörte ein altersschwaches Auto die Auffahrt heraufkeuchen.

»Nicht zu überhören«, lächelte Alexandra. »Lange wird er es nicht mehr machen, unser guter Gustav. Das Auto, meine ich«, fügte sie rasch hinzu, als er sie befremdet anblickte.

Wenig später trat Frau von Rieding ein. In einem schlichten dunkelblauen Kostüm, schlank, blond und recht jugendlich aussehend, aber auf den ersten Blick durchaus nicht als Mutter dieser bildschönen Tochter zu erkennen.

Verwundert stellte Felix Münster fest, dass er diese junge Dame bildschön fand. »Herr Münster, meine Mutter«, stellte Alexandra vor. Auch Marianne von Rieding konnte ihre Überraschung nicht ganz verbergen.

»Dass wir das Herrenhaus keinesfalls verkaufen, habe ich Herrn Münster schon gesagt«, fuhr Alexandra sachlich und sehr geschäftsmäßig fort. »Jetzt geht es um die Dependance. Herr Münster hat einen kleinen Sohn, der sich für den Besitz begeistert hat.«

»Die Dependance«, meinte Marianne von Rieding nachdenklich. Sie wäre eher bereit gewesen, dort zu wohnen und das Herrenhaus zu verkaufen, aber sie wollte ihrer Tochter jetzt nicht mehr in den Rücken fallen.

»Wenn Sie sie besichtigen wollen, Herr Münster«, schlug sie ein wenig zaghaft vor.

»Sehr gern. Ich bin Ihnen sehr verbunden, gnädige Frau. Es würde mich freuen, wenn wir uns einigen könnten. Wie ich schon zu ihrer Tochter sagte, bin ich bereit, jeden Preis zu zahlen.«

Wie er auf sein Geld pocht, dachte Alexandra aufsässig. Dann gingen sie hinüber. Alles war sehr heruntergekommen, man sah überall, dass an diesem Haus viele Jahre nichts getan worden war. Dick lag der Staub auf den Möbeln. Die Zimmer, acht waren es, waren sehr geräumig, aber die Renovierung würde Unsummen verschlingen, genau wie drüben im Herrenhaus. Manchmal wurde es Alexandra doch angst, wenn sie darüber nachdachte, was sie eigentlich alles investieren müssten.

»Es bedarf nur Ihrer Zustimmung«, erklärte Felix Münster kurz entschlossen. »Dann könnten wir morgen den notariellen Vertrag machen. Die Kaufsumme wird Ihnen sofort angewiesen. Herr Heimberg kann mir einen Kostenvoranschlag für die Renovierung machen, und wenn die Handwerker da sind, können Sie diese ebenfalls gleich in Anspruch nehmen. Ich bin gern bereit, Ihnen in jeder Beziehung entgegenzukommen.«

Nur über die Summe, die er zu zahlen bereit war, hatte er noch nicht gesprochen. Alexandra wusste nicht, was sie verlangen sollte, wenn er sie fragte. Aber er fragte nicht.

»Wären Ihnen vierhunderttausend Euro als Verhandlungsbasis recht?«, bot er an.

Um Alexandra begann sich alles zu drehen, und auch Marianne von Rieding war blass geworden. Vierhunderttausend Euro! Unvorstellbar!

»Aber es muss doch viel Geld hineingesteckt werden«, murmelte sie beklommen.

»Das ist es mir wert«, erwiderte er. »Im Übrigen würde ich nur zeitweise hier wohnen. Meine Schwägerin betreut den Jungen. Unsere Haushälterin würde mit hierher übersiedeln und vielleicht noch ein Hausmädchen. Ich werde selbstverständlich dafür Sorge tragen, dass Sie sich in keiner Weise belästigt fühlen.«

»Aber ich bitte Sie, Herr Münster«, flüsterte Marianne von Rieding befangen.

Alexandra hatte es die Stimme verschlagen. Sie sah ihn an, mitten hinein in seine Augen, in denen etwas wie Spott zu funkeln schien, als wollte er sagen: Nun habe ich es doch erreicht, was ich wollte.

*

Der Notar Dr. Rückert saß mit seiner Familie am Frühstückstisch. Der Collie Charly hatte sich zu seinen Füßen ausgestreckt.

»Schau mich nicht so vorwurfsvoll an«, sagte er zu ihm, »du bekommst nichts mehr, du verwöhnter Bursche. Fehlte noch, dass du auch noch Honigbrötchen frisst.«

Dann blickte er wieder auf die Uhr, deren Zeiger stetig voranrückte. »Was pressiert dir denn so, Heinz?«, fragte seine Frau.

»Um zehn Uhr kommen Münster und Alexandra von Rieding«, entgegnete er.

»Eigentlich ein Jammer, dass unser Eldorado des Friedens zerstört wird«, seufzte seine Frau.

»Was will Münster eigentlich?«, mischte sich Fabian ein.

»Die Dependance von Felsenburg hat er gekauft«, antwortete Dr. Rückert. »Eigentlich schade. Seit 1495 sind die Riedings dort ansässig gewesen.«

»Die Dependance ist erst vor fünfzig Jahren gebaut worden«, warf Fabian ein.

»Unser Herr Studienassessor spricht«, meinte Stella neckend. »Aber was soll’s. Die Zeit treibt voran, wir müssen Schritt halten. Wer kann sich das heute schon leisten, einen solchen Besitz nur als Hobby zu unterhalten. Jammert nicht, Leute, ein neues Leben blüht aus den Ruinen.«

»Du hast überhaupt keinen Sinn für Romantik«, kritisierte Rosemarie Rückert.

»Das überlasse ich meinem Bruder«, konterte Stella.

Fabian blickte verlegen auf seinen Teller. Hoffentlich verriet sie jetzt nichts. Aber Stella bewahrte Schweigen, und er atmete erleichtert auf.

»Na, ich weiß nicht, ob ein Lehrer heutzutage noch romantisch sein kann«, stellte Dr. Rückert fest. »Sich mit diesen aufgezäumten Dingern herumärgern zu müssen, ist doch wohl nicht das reine Vergnügen. Aber er wollte es ja nicht anders.«

»Mit äußerst charmanten jungen Damen, Papachen«, spottete Stella. »Wenigstens zum Teil.« Sie warf ihrem Bruder einen schrägen Blick zu.

»Mir wäre es lieber gewesen, er hätte Jura studiert«, erklärte Dr. Rückert brummig.

»Du sagst es, Papa«, nickte Fabian.

Sein Vater sah ihn misstrauisch an. »Kommt schon die Reue? Nun, sie kommt zu spät, mein Lieber. Steckt der Idealist auf, der den Schülern nicht nur Vorbild, sondern Freund sein wollte?«

»Es kommt ganz darauf an, wessen Freund man sein möchte«, meinte Stella vorwitzig.

»Was machst du eigentlich dauernd für Anspielungen?«, fragte ihre Mutter wachsam.

»Ach, ich denke nur, dass Fabian jetzt vielleicht meint, Arzt zu sein wäre einträglicher gewesen, wenn es draußen im Sonnenwinkel Arbeit gibt«, meinte sie anzüglich.

»Die neue Siedlung soll Erlenried heißen«, stellte Fabian betont fest.

»Für mich bleibt’s der Sonnenwinkel«, widersprach Stella.

»Ich muss jetzt gehen«, ließ Dr. Rückert sich vernehmen. »Sonnenwinkel, Erlenried oder Felsenburg – es gehört doch alles zusammen. Übrigens ist Professor Auerbach ein ganz bekannter Entwicklungsingenieur. Mal sehen, was er da draußen ausbrütet.«

»Vielleicht eine Schnellbahn zwischen Hohenborn und Sonnenwinkel«, meinte Stella augenzwinkernd. »Erstklassige Verbindung, in höchstens zwei Minuten zu erreichen, damit die Sehnsucht frisch bleibt.«

Sie sprang auf und begleitete ihren Vater zur Tür, während Rosemarie Rückert ihren Sohn konsterniert anschaute.

»Sie spinnt«, sagte er.

»Als Lehrer solltest du das nicht sagen. Aber mit siebzehn spinnen sie ja alle.«

»Und mit achtzehn?«, fragte er.

»Da werden sie schon langsam wieder vernünftig.«

Bezaubernd ist diese Henrike Auerbach, dachte er. Mein Gott, wie soll ich das bloß durchhalten, Tag für Tag Französisch und Englisch zu unterrichten, wenn sie ständig vor mir sitzt?

*

Alexandra von Riedings Hand zitterte leicht, als sie ihre Unterschrift unter den Kaufvertrag setzte. Ihre Mutter hatte sie mit allen Vollmachten versehen, und sie war gewiss sonst nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. Schon früh hatte Alexandra sich auf eigene Füße stellen müssen. Das kleine Einkommen ihrer Mutter hatte gerade dazu gereicht, dass sie eine gute Ausbildung bekommen konnte, denn der vermögende Großvater hatte sich in keiner Weise ihrer angenommen.

Nun hatte sie einen Teil des Besitzes dieses Großvaters an Felix Münster verkauft, den Mann, der sie zunehmend beunruhigte. Ja, er beunruhigte sie, obgleich er ganz kühl und sachlich blieb. Nachdem jedoch die Formalitäten erledigt waren, wurde er etwas persönlicher.

»Darf ich Sie, gnädige Frau, und auch Sie, Herr Doktor, zum Essen einladen?«, fragte er.

»Ich bedauere sehr, Herr Münster, aber wir erwarten heute Familienbesuch«, erwiderte Dr. Rückert. »Alte Damen sind leicht gekränkt, wenn man sie nicht genügend würdigt.«

»Aber Sie geben mir hoffentlich keinen Korb, Frau von Rieding?«

Sie wollte es, aber sie brachte es nicht über die Lippen. »Wir können uns dann auch mal etwas eingehender über die neue Siedlung unterhalten«, fügte er rasch hinzu, als er ihr Zögern bemerkte.

Sie fuhren zu den Tessiner Stuben, wo er mit äußerster Zuvorkommenheit begrüßt wurde.

»Ich wusste nicht, dass Sie hier so bekannt sind«, stellte sie beiläufig fest.

»Ich bin hier geboren. Mein Vater war mit Ihrem Großvater befreundet, sofern man bei diesen beiden dickköpfigen Männern von Freundschaft sprechen kann. Ich war als Kind öfter auf Erlenhof.«

Er unterbrach sich, als der Ober nahte. Es schien ihm ganz willkommen zu sein. Alexandra geriet ins Nachdenken. War es gar eine Kindheitssehnsucht von ihm, dieser romantischen alten Burg nahe zu sein?

Er lenkte rasch auf Erlenried, die neue Siedlung über, als er die Bestellung aufgegeben hatte.

»Die Bauweise wird der schönen Landschaft natürlich so angepasst werden, dass ihr Reiz nicht verloren geht«, stellte er fest. »Ich stelle mir vor, dass vorwiegend Familien mit Kindern dort wohnen werden. Es soll meiner Ansicht nach nicht das Privileg der Besitzenden sein, die schönsten Plätze für sich zu reservieren.«

Hoppla, dachte sie, sollte ich mich in ihm getäuscht haben, oder sind das nur schöne Worte? Aber eigentlich hatte sie ihn ja gar nicht als arrogant eingeschätzt. Wieder wurde sie unsicher.

»Ich hoffe, dass alles sehr schön wird«, sagte sie leise. »Herr Heimberg ist ein ausgezeichneter Architekt.«

»Sie arbeiten mit ihm?«, fragte er.

»Ich bin seine Angestellte. Aber man kann zufrieden mit so einem Chef sein.«

Eine Bemerkung schien ihm auf den Lippen zu liegen, doch schon wieder wechselte er das Thema.

»Manuel ist überglücklich. Ich muss gestehen, dass es mich rührt, wie er sich auf Felsenburg freut. Ich kann zwar nicht erwarten, dass Sie sich mit meiner Schwägerin verstehen, aber vielleicht können Sie dem Kind doch das Gefühl geben, dass es nicht unerwünscht ist.«

Was meinte er wohl damit? Ich kann erwarten, dass Sie sich mit meiner Schwägerin verstehen, hallte es in Alexandras Ohren.

»Ich habe Kinder sehr gern«, erwiderte sie beklommen.

Ein ungläubiger Ausdruck kam in seine Augen. »Sie machen so ganz den Eindruck einer emanzipierten Frau«, stellte er nüchtern fest.

»Schließt das aus, dass man Kinder gernhat?«, fragte sie lächelnd. »Ich war sehr traurig, dass ich keine Geschwister hatte. Mein Vater ist leider sehr früh gestorben.«

»Aber Sie werden doch sicher einmal Kinder haben.«

»Vielleicht. Sie müssen den richtigen Vater haben«, entfuhr es ihr unvermittelt. »Platz dafür wäre ja jetzt genug«, fuhr sie dann in leichtem Ton fort.

»Es liegt nicht am Platz.« Seine Stimme war ganz heiser geworden. »Es liegt an der Einstellung. Ich weiß nicht, ob meine Schwägerin die richtige Erzieherin für meinen Sohn ist, aber …« Der Ober kam mit dem Essen. Wieder wurde er unterbrochen und knöpfte den verlorenen Faden nicht mehr weiter.

Alexandra konnte noch lange, nachdem sie sich verabschiedet hatten, darüber rätseln, was er hatte sagen wollen.

Noch mehr Rätsel gab jedoch er selbst ihr auf. Er war plötzlich wieder sehr reserviert gewesen, als bedauere er es, seine persönlichen Probleme angeschnitten zu haben.

Sie war sehr gespannt, seinen Sohn kennenzulernen, aber darüber würden wohl noch viele Wochen vergehen.

»1493 wurde die Felsenburg fertiggestellt«, begann Professor Auerbach seinen Vortrag.

»Stimmt nicht, Paps«, mischte sich Jörg ein, »es war 1495. Ich habe es im Archiv nachgelesen.«

»Im Archiv?«, staunte sein Vater. »Wieso das?«

»Nun, ich wollte doch wissen, ob ihr euch wenigstens in einer interessanten Gegend ansiedelt.«

»Du gehörst auch dazu«, warf Inge ein.

»Natürlich, Mamuschka«, lächelte er. »Es ist eine sehr interessante Gegend, und die Felsenburg hat eine noch interessantere Geschichte.«

»Hört, hört«, ließ Henrike sich vernehmen, »mein Bruder doziert.«

»Unser Bruder«, konterte Hannes. »Mein und dein gibt’s bei uns nicht.«

»Recht hat er«, nickte der Hausherr. »Fahre fort, Jörg, ich überlasse es dir gern.«

»Die Riedings herrschten einmal über dieses Land. Sie waren zwar nur Barone, aber gefürchtete. Allerdings verstanden sie es auch, diese querköpfige Bevölkerung im Zaum zu halten. Sie vertrauten ihnen.«

»Darum haben sie auch all ihre Schätze in der Burg versteckt, als der Dreißigjährige Krieg war«, warf Hannes ein.

»Ich habe nicht von Schätzen geredet, sondern von ihrem Hab und Gut, das sie sicherstellen wollten«, widersprach sein Vater.

»Na, meinetwegen«, meinte Hannes. »Und was war, als der Krieg kam?«

»Viele flüchteten, viele fielen im Kampf gegen den Feind. Als wieder Frieden wurde, entstand Hohenborn«, fuhr Jörg fort.

»So alt sieht es aber gar nicht aus«, meinte Hannes.

»Die Schule schon gar nicht«, mischte sich Bambi schüchtern ein. Werner und Inge tauschten einen verständnisinnigen Blick.

»Es hat sich mittlerweile manches gewandelt«, sagte er. »Es wurde größer und natürlich auch moderner.«