Krimi-Klassiker - Band 1: Tod in St. Pauli - Irene Rodrian - E-Book

Krimi-Klassiker - Band 1: Tod in St. Pauli E-Book

Irene Rodrian

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Beschreibung

Eine steife Brise, eine schöne Frau, ein Batzen Zaster – Paul Petersen plant den ganz großen Coup! St. Pauli, Ende der 1960er-Jahre: Zwei Jahre Knast sind keine Kleinigkeit. Und wenn Paul bedenkt, dass er die nur absitzen musste, weil die anderen ihn reingelegt haben ... Er hat trotzdem dichtgehalten. Er hat seine Bande nicht verpfiffen. Aber er hat Rache geschworen. Heute ist er aus dem Gefängnis entlassen worden. Zusammen mit der schönen Susann will er das ganz große Ding drehen, doch er hat nicht nur die Polizei auf den Fersen, sondern auch seine ehemaligen Kumpane … Als erste deutsche Autorin von Kriminalromanen hat Irene Rodrian Krimigeschichte geschrieben. Bei dotbooks erscheinen ihre Klassiker nun exklusiv im eBook. Jetzt als eBook: „Tod in St. Pauli“ von Irene Rodrian. dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 260

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Über dieses Buch:

St. Pauli, Ende der 1960er-Jahre: Zwei Jahre Knast sind keine Kleinigkeit. Und wenn Paul bedenkt, dass er die nur absitzen musste, weil die anderen ihn reingelegt haben ... Er hat trotzdem dichtgehalten. Er hat seine Bande nicht verpfiffen. Aber er hat Rache geschworen.

Heute ist er aus dem Gefängnis entlassen worden. Zusammen mit der schönen Susann will er das ganz große Ding drehen, doch er hat nicht nur die Polizei auf den Fersen, sondern auch seine ehemaligen Kumpane …

Als erste deutsche Autorin von Kriminalromanen hat Irene Rodrian Krimigeschichte geschrieben. Bei dotbooks erscheinen ihre Klassiker nun exklusiv im eBook.

Über die Autorin:

Irene Rodrian, 1937 in Berlin geboren, erhielt für ihren Roman Tod in St. Pauli 1967 den begehrten Edgar-Wallace-Preis. Seither hat sie sich mit zahlreichen Bestsellern in einer Gesamtauflage von mehreren Millionen und als Drehbuchautorin (Tatort, Ein Fall für Zwei) einen Namen gemacht. Irene Rodrian lebt heute in München.

Bei dotbooks erschienen bereits Irene Rodrians Barcelona-Krimis über das Ermittlerinnen-Team Llimona 5 (Meines Bruders Mörderin, Im Bann des Tigers, Eisiges Schweigen und Ein letztes Lächeln) sowie Finderlohn, ein weiterer Roman in der Reihe Krimi-Klassiker. Weitere Titel sind in Vorbereitung.

Die Autorin im Internet: www.irenerodrian.com und www.llimona5.com

***

Neuausgabe Oktober 2013

Copyright © der Originalausgabe 1967 by Wilhelm Goldmann Verlag, München

Copyright © 2013 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

Titelbildabbildung: © FloKu. / photocase.com

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Irene Rodrian

Tod in St. Pauli

Kriminalroman

dotbooks.

Die Hauptpersonen

PAUL PETERSEN will unbedingt etwas zurückzahlen.

SUSANN HONTAR muß am Ende draufzahlen.

FRANZ OTT möchte, daß es sich endlich auszahlt.

ALFRED KODELL sollte dringend etwas einzahlen.

FRED, HARALD, WALTER, BERTIE beginnen erst mal mit einer Anzahlung.

1

Richtig bewußt wurde es ihm erst, als er stolperte und gestürzt wäre, wenn ihn der Fremde nicht gepackt und hochgerissen hätte. Er blieb steif und unbeweglich stehen, während der andere den Koffer aufhob, das ausgeleierte Schnappschloß wieder zudrückte und ihn ihm reichte.

Er war wütend. Wütend auf den Mann, der ihm seinen verdammten Pappkoffer aufheben mußte und ihn stützte, nur weil er selbst anscheinend nicht einmal mehr von der Straßenbahn abspringen konnte. Ohne ein Wort zu sagen wandte er sich ab und ging die Reeperbahn hinauf, über der die Mittagshitze wie eine flimmernde Gallertmasse lag. Seine Hand umklammerte den Koffergriff. Er wunderte sich, daß er das kantige Metall zwischen seinen Fingern spürte und daß er plötzlich das Rumpeln der Straßenbahn hören konnte, die hinter ihm auf der Schleife umkehrte und zurückfuhr. Er atmete tief ein. Zwischen den Häusern hing ein Gemisch von Auspuffgasen, Staub und kaltem Bierdunst.

Obwohl ihm vor Hunger und Hitze schwindlig wurde, ging er nicht in den Schatten, sondern blieb in der grellen Sonne und starrte auf den Jungen, der in dem Schaufenster zu stehen schien und den gleichen Koffer aus Preßpappe in der Hand hielt wie er. Er hob den Arm etwas an, der Junge im Fenster machte es genauso. Der Jackenärmel rutschte zurück und zeigte die verknautschte Manschette eines gestreiften Hemdes. Blau, grün und grau; vor zwei Jahren hatte es ihm gefallen, jetzt fand er, daß es wie eine Pyjamajacke aussah. Er ließ den Arm wieder sinken und sah mißmutig zu, wie der Junge im Fenster ihm die Bewegung nachmachte.

Alles war gleich. Die verstaubten Schuhe mit den überspitzen Kappen, dieser lächerliche Fetzen von einem Kaufhausanzug, der Koffer und sicher auch die Sachen in dem Koffer: ein Pullover aus Schafwolle, Wäsche, zwei Bücher – das Strafgesetzbuch und ein Lehrbuch für Elektrotechnik – und das Geld. 178 Deutsche Mark und 50 Pfennig für zehn Monate Vorhanghakenzusammensetzen und elf Monate Arbeit in der Lehrwerkstatt.

Nur das Gesicht war nicht gleich. Wenn er tatsächlich eine so dürftige Visage mit eingefallenen Backen hatte, konnte er sich gleich einen Strick besorgen. Grau und kümmerlich und wie zu dem Anzug dazugekauft ... Er wandte sich ab; der Junge im Fenster verschwand.

Zwei Mopeds knatterten an ihm vorbei und wurden vom Bus überholt. Eine Fahrradklingel schrillte, und vom Hafen kam das Tuten der Dampfer und das Kreischen der Dockkräne herauf.

An der nächsten Ecke blieb er stehen. Die Fehrstraße lag wie ausgestorben vor ihm. Eine Frau lehnte an der Fußgängerampel und stierte ausdruckslos vor sich hin. Die Schminke in ihrem Gesicht war verschwitzt und verwischt, die Haare hingen ihr wie graue, aufgetrennte Wollfäden ins Gesicht. Als er an ihr vorbeiging, hob sie müde den Kopf und sah durch ihn hindurch.

Über der Kneipe war ein neues Neonschild. Der Schriftzug der Hamburger Schloßbrauerei, der Name: ZUM HELGOLÄNDER, und klein darunter: Inhaber Franz Ott.

Der Geruch von ranzigem Fett, kaltem Rauch und verschüttetem Bier drang intensiv aus der Tür, die durch einen schrägstehenden Hocker offengehalten wurde.

Langsam ging er hinein. Die Stühle hingen noch auf den Tischen; der Boden war feucht, und in einer Ecke stand ein halbvoller Eimer mit Zigarettenkippen.

Hinter der Theke stand Franz und wusch Gläser ab. Er war so fett wie eh und je.

»Wir haben erst ab vier Uhr offen!« sagte er, dann erkannte er ihn. »Paul, Junge! Du bist es wirklich ... Du hast dich verändert!«

»Gib mir was zu essen.«

»Paul! Na so was, Paul ... Ja, zwei Jahre sind eine Menge Zeit in deinem Alter. Aber ich finde, es steht dir gar nicht so schlecht – siehst männlicher aus, direkt erwachsen ...« Franz brach unbeholfen ab und hielt ein Bierglas gegen das Licht.

Paul sah ihn an. »Brot«, sagte er und setzte den Pappkoffer ab, »viel Fleisch und eine Flasche – eine Flasche Bier!« Er atmete tief durch und empfand den abgestandenen Biermief plötzlich als angenehm. »Kleine Abmagerungskur könnte dir auch nichts schaden!« fügte er hinzu und grinste.

Franz lachte lautlos in sich hinein. »Willst du hier essen?«

Paul schüttelte den Kopf. »Ich muß mich waschen, diese stinkenden Klamotten loswerden ... Pack mir die Sachen ein!«

Franz ging hinaus, und Paul wartete. Als Franz ihm das fettige Päckchen auf die Theke legte, nahm er eine Handvoll Münzen aus der Tasche.

»Steck das Geld weg!« sagte Franz. »Ist ein Geschenk des Hauses. Ich hab dir auch Zigaretten reingetan.«

»Ich rauche nicht.« Paul legte ein Fünfmarkstück auf das matte Metall. »Du sollst dein Geld behalten!« knurrte Franz und fuhr mit dem Wischlappen drum herum.

Paul schwieg.

Franz hatte sich nicht verändert. Es war nicht nur der Bauch, alles war gleich geblieben. Das rosige Mondgesicht, die buschigen Augenbrauen, die Augen, die so dunkel waren, daß sie fast schwarz wirkten, und das dünne, weißblonde Haar. Oder war es grau?

»Nein; ich bezahle, was ich bekomme!« sagte Paul knapp. »Bin das so gewohnt.« Er nahm das Päckchen und griff nach dem Koffer, um zu gehen.

»Paul, warte mal!« Franz räusperte sich.

Paul blieb stehen. »ja?«

»Was hast du denn jetzt vor, Paul?«

»Wie meinst du das?«

»Du bist jetzt raus. Natürlich, es war nicht leicht, aber willst du ... Ich meine, was willst du jetzt anfangen?«

»Ich werde mir ein Zimmer suchen.« Paul lächelte schief.

Franz griff unter seine grüne Schürze und holte einen Schlüssel aus der Hosentasche. Er hielt ihn über die Theke. »Es ist dein altes Zimmer im Nachbarhaus. Ich habe die Miete für einen Monat bezahlt.«

Paul sah den Schlüssel an, dann Franz. Unmerklich schüttelte er den Kopf, aber seine Hand streckte sich wie ein selbständiges Wesen nach dem Schlüssel aus. »Ich habe etwas Geld; ich werd es dir zurückzahlen.«

»Du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Was willst du tun?«

»Die Rechnung begleichen.«

»Paul!«

»Die Rechnung für zwei Jahre begleichen. Dann sehen wir weiter.«

Er war schon an der Tür, als Franz sagte:

»Sie waren in der letzten Zeit dauernd hier und haben nach dir gefragt. Fred und Harald. Gestern sind sie nicht gekommen.«

Paul blieb stehen, ohne sich umzudrehen.

Die Stimme von Franz wurde zum Flüstern: »Paul, sie wissen, daß du heute kommst!«

2

Paul zwang sich weiterzugehen. Hinaus auf die helle, heiße Straße, die mit einem Mal etwas Drohendes bekommen hatte.

Es ist noch zu früh, dachte er. Ich brauche noch Zeit, ich will erst mal essen ... Er wußte, daß er nicht das Essen meinte, aber er wollte sich nicht eingestehen, daß er Angst hatte.

Am Randstein stand der klapprige Lieferwagen von Franz. Dahinter parkte ein schwarzer VW. Sonst war die Straße leer.

Im Treppenhaus war es kühl und dunkel, und der Geruch von Bohnerwachs, Chlor, Zwiebeln und Kohl war der gleiche wie in den zwei Jahren.

Paul schaute auf den Schlüssel in seiner Hand. Das alte Zimmer ... Morgen würde er sich ein anderes suchen. Nur heute war es gut, hier zu bleiben, als Anfang. Er schob den Schlüssel in das Schlüsselloch und versuchte ihn nach links zu drehen.

Die Tür war nicht abgeschlossen.

Noch hätte er Zeit gehabt, umzukehren und die Treppe hinunterzulaufen. Er blieb stehen, legte die Hand auf die Klinke und drückte die Tür auf. Sofort zog sich sein Magen zu einer kleinen Metallkugel zusammen.

Sie waren zu viert.

Harald, Fred und noch zwei, die er nicht kannte.

Paul ließ die Tür los und machte noch zwei Schritte in das Zimmer hinein. Wie eine automatische Kamera registrierte er alle Einzelheiten der Einrichtung. Den Schrank mit dem halbblinden Spiegel und den breiten Schubladen, den Waschtisch, das eiserne Bettgestell, den durchgetretenen Teppich, das schmale, grauverstaubte Fenster.

Kein großer Unterschied, auch wenn kein Gitter davor ist, dachte er und wurde ruhiger.

Die beiden Neuen standen im Hintergrund an der Wand und starrten ihn neugierig an. Sie waren nervös und sprungbereit. Fred und Harald dagegen schienen ihn gar nicht zu bemerken. Sie hatten sich auf das Bett geflegelt und rauchten. Der Boden war mit zertretenen Kippen bedeckt.

Paul legte das Paket mit dem Essen auf den Waschtisch und stellte den Koffer neben den Schrank.

»Mach doch die Tür zu, dann ist es gemütlicher«, sagte Harald.

Paul drehte sich nicht zu den beiden um. »Ihr könnt sie zumachen, wenn ihr geht!« Er wickelte das Pergamentpapier auf und sah unsicher auf die Bierbüchsen.

»Der Junge hat sogar was zu trinken!« sagte Fred leise. Die Bettfedern knirschten, als er aufstand und zur Tür hinüberging, um sie zu schließen.

Paul spürte, wie er zurückkam und dicht hinter ihm stehenblieb. Er hörte das Schnappen des aufspringenden Messers; das Geräusch war ihm immer noch vertraut, obwohl er es so lange nicht mehr gehört hatte. Er drehte sich um und sah auf die Klinge hinunter, die ein Stück von Freds Faust zu sein schien.

»Ich dachte mir, du brauchst vielleicht einen Büchsenöffner«, sagte Fred. Er hielt die Messerschneide nach oben, die Spitze auf Pauls Bauch gerichtet.

»Ich brauche keinen!« Pauls Stimme war heiser.

Fred lachte. »Hast du das gehört, Harald?«

Harald richtete sich grinsend auf und trat seine Zigarette aus. Paul sah, daß Harald inzwischen Fett angesetzt hatte. Seine enge Hose spannte sich um den Bauch, das schillernde Seidenhemd war verrutscht und sah aus wie eine schlecht genähte Fußballhülle. Außerdem hatte Harald jetzt ein Doppelkinn: zwei nach unten gewölbte Kissen; dicke Lippen, graue Porzellanaugen und schwarzes Haar, das wie Putzwolle abstand ...

Der große Harald! Er sah wieder auf das Messer von Fred. Er wollte grinsen, aber seine Gesichtsmuskeln gehorchten ihm nicht.

Fred war noch nicht fett. Er würde nie fett werden. Er war auch nicht dürr. Er war groß, mit Muskeln bepackt, und er hatte ein Messer.

Plötzlich spürte Paul den Hunger wie einen stechenden Schmerz. Er riß mit einem hastigen Ruck das Papier auseinander. Franz hatte ihm ein großes Stück Kasseler Rippchen eingepackt; Paul nahm es heraus und öffnete den Mund, um hineinzubeißen.

Freds Hand fuhr hoch. Paul spürte nur einen leichten Schlag – das rosige Fleischstück saß auf der Messerspitze und wurde mit einer leicht kreisenden Bewegung zu Harald hinübergeschleudert. Harald fing es auf und riß mit den Zähnen das Fleisch vom Knochen wie ein Hund. Paul hörte das Schmatzen und sah das Fett auf Haralds Lippen.

Freds Hand mit dem Messer schoß wieder nach vorn, fuhr unter das Papier und kam mit einem Stück Käse zurück. Es war ein goldgelber Streifen Schweizerkäse, der nicht ganz fest auf der Messerspitze saß, aber gleich aus der Drehung heraus zu Harald flog und aufgefangen wurde.

Paul schluckte, öffnete den Mund und schloß ihn wieder, ohne etwas zu sagen.

Die beiden Neuen hatten sich die ganze Zeit über nicht bewegt. Sie standen wie Marionetten an der Wand und beobachteten Fred und Harald. Der Größere hatte einen gekräuselten Bart, trug abgewetzte Bluejeans und einen schwarzen Rollkragenpullover. Der Kleinere mit den hellen Haaren hatte eine neue Westernkombination aus schwarzem Kunstleder mit Nickelnieten an. Einen Augenblick lang glaubte Paul, sich selbst dort stehen zu sehen – oder den, der er vor zwei Jahren gewesen war.

Freds Gesicht war völlig ausdruckslos, als er das Messer auf die Bierdose springen ließ und wieder herausriß. Er setzte die Büchse an den Mund und trank. Der Adamsapfel hüpfte auf und ab, die Hand mit dem Messer hing untätig herunter ... Fred sah gut aus. Er hatte ein glattes, gleichmäßiges Gesicht, hellblaue Augen, dichte braune Haare und trug einen cremefarbenen Anzug, der mindestens vierhundert gekostet hatte. Die schwarzbraune Krawatte hatte einen Mittelstreifen genau in der Farbe des Anzugs.

Paul dachte an seinen eigenen Anzug, an das alberne Pyjamahemd. Er riß Fred die Bierdose plötzlich aus der Hand und schleuderte sie gegen die Wand; das Bier hinterließ eine Straße von gelben Spritzern auf der Tapete, bevor die Dose auf den Boden schepperte.

»Haut ab! Alle zusammen! Endgültig, kapiert? Ich habe die Nase voll!« Pauls Stimme wurde lauter, und er erkannte wütend, daß sie nahe dran war, sich zu überschlagen.

Fred sah ihn aufmerksam an. Harald schob sich auf die andere Seite; den abgenagten Knochen hielt er noch immer in der Hand.

»Macht, daß ihr wegkommt! Ich will allein sein!« schrie Paul; seine Stimme zitterte, und er brach ab.

»Er ist nicht sehr gastfreundlich«, sagte Harald leise und legte den Knochen sorgfältig auf die Kante des Waschtisches.

Fred ließ mit einer leichten Aufwärtsbewegung das Messer zurück in das Heft gleiten, und Paul dachte eine Sekunde lang, sie wollten wirklich gehen. Sogar als die Faust von Harald hochschnellte, glaubte er zuerst, Harald wollte ihm die Hand geben.

Der Schmerz traf ihn überraschend, und es schien ihm, als würde es Stunden dauern, bis er ihn als Schmerz erkannte. Dann bückte er sich, um dem zweiten Schlag zu entgehen, aber Fred packte ihn bei den Schultern, und Haralds Faust riß ihn wieder hoch.

Paul hob das rechte Bein und stieß zu. Harald taumelte zurück, und Paul trat noch einmal, aber Fred war zu schnell für ihn. Paul fühlte, wie etwas auf seinem Kopf explodierte, spürte auf der Zunge den Geschmack von Eisen und sah, wie der mit Zigarettenstummeln bedeckte Boden auf ihn zukam.

»Laß ihn jetzt!« sagte die Stimme von Fred. »Für den Anfang reicht es.«

Paul schloß die Augen. Aber er hörte nicht, daß sich ihre Schritte entfernten. Als er die Augen wieder aufmachte, standen sie über ihm. Er sah ihre Schuhe und die Hosenbeine deutlich vor sich; alles andere verschwamm im Nebel.

»Das war für die Rache«, sagte Harald, und Fred ergänzte: »Du wolltest dich doch an uns rächen, oder?«

Paul schluckte den Metallgeschmack hinunter. Freds Stimme war mit einem Mal sehr nah: »Hattest du dir schon einen Plan ausgedacht? Dann laß ihn fallen, aber schnell!«

Paul kämpfte gegen das leere Würgen in seinem Magen. Er stemmte sich auf die Ellbogen hoch und schob sich etwas von den vier Beinen weg.

Harald lachte. »Und du bekommst noch einmal die doppelte Portion, wenn du Mätzchen machst!«

»Haut ab!« wollte Paul sagen, aber er brachte nur ein Krächzen heraus. Fred beugte sich über ihn. »Mit Mätzchen meint Harald ‹singen›, verstanden?«

»Wieso?« Paul hustete etwas. »Wieso habt ihr plötzlich Angst, ich könnte singen?«

»Wir haben keine Angst. Es war ein Ratschlag unter Freunden.«

Paul versuchte, das Gesicht von Fred zu erkennen, aber es blieb verschwommen. Er sprach in die helle Fläche hinein: »Ich bin zwei Jahre im Bau gewesen. Für eine Sache, die ihr gemacht habt. Warum sollte ich jetzt singen?«

»Das will ich dir sagen.«

Fred richtete sich auf und wich etwas zurück, und plötzlich konnte Paul sein Gesicht deutlich sehen. Winzig klein und unendlich weit weg, aber sehr scharf, wie durch ein umgekehrtes Fernglas. Die Stimme war weich und einschmeichelnd.

»Weil du es anders nicht schaffst ... Natürlich wirst du zuerst versuchen, uns so oder so zu schaden oder uns eins auszuwischen. Falls dann noch etwas von dir übrig sein sollte, würdest du garantiert zur Polizei rennen. Nicht, daß sie dir glauben würden, aber wir lieben nun mal Sänger nicht, und auch keine Nachtigallen. Wir denken daran, wie du damals, lange nach deiner Verhandlung, plötzlich gesungen hast und nicht mehr der einzige gewesen sein wolltest!«

Fred griff in die Tasche, holte ein flaches, goldglänzendes Zigarettenetui heraus und ließ es spielerisch von einer Hand in die andere gleiten. »Das hat dich wohl umgehauen, als du dein Urteil gehört hast, wie? Als sie sich nicht um deine siebzehn Jahre gekümmert haben. Totschlag. Du hast den starken Max so echt gespielt, daß dir später kein Mensch glauben wollte. Ich kann's verstehen. Aber keine Angst, mein Junge. Diesmal wird es gar nicht soweit kommen!«

Paul schloß die Augen, doch Fred redete weiter.

»Wir werden dir beweisen, daß du heute noch dasselbe Würstchen bist wie vor zwei Jahren. Ein Nichts! Nächste Woche steigt ein Ding, und du machst mit. Du wirst mit dabeisein, und du wirst das Maul halten. Nun, schon neugierig?«

»Nein!« stieß Paul hervor.

Harald hob einen Fuß, aber Fred legte ihm eine Hand auf den Arm und ließ das Zigarettenetui wieder in die Tasche rutschen.

»Du hast einen Tag Zeit, Paul. Aber viele Möglichkeiten gibt es nicht. Mit uns oder gegen uns. Sonst nichts. Und gegen uns zu sein, bedeutet für dich nichts Gutes, das kannst du mir glauben.«

»Verschwindet!« brüllte Paul. Er erhob sich halb und stützte sich mit den Schultern gegen den Schrank.

Fred spreizte die Finger seiner rechten Hand. »Ich warne dich; wir sind ziemlich groß geworden. Größer, als du es dir vorstellen kannst!«

Paul spuckte vor Freds Füße und sah mit einer gewissen Befriedigung, daß es Blut war. »Nein, nicht mit euch. Ihr glaubt wohl, ich würde euch noch einmal trauen? Verlaß dich auf keinen, das habe ich gelernt!«

Harald lachte brüllend und ahmte ihn nach: »Verlaß dich auf keinen! Genau das sagen wir uns auch!«

Paul konnte nicht mehr ausweichen. Sie stürzten sich wieder auf ihn und arbeiteten unbeteiligt und systematisch wie ferngesteuerte Maschinen.

3

Als Paul wieder zu sich kam, war es dunkel. Er wälzte sich auf die Seite und starrte in die trübe Dämmerung seines Zimmers, das alle drei Sekunden durch ein aufflammendes Neonlicht von der Straße her in helles Rot getaucht wurde.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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