Krimi-Klassiker - Band 7: Ein bisschen Föhn und du bist tot - Irene Rodrian - E-Book

Krimi-Klassiker - Band 7: Ein bisschen Föhn und du bist tot E-Book

Irene Rodrian

0,0
2,99 €

Beschreibung

Ich wollte ihn tot sehen. Verblutet unter den Rädern eines Autos. Zerschmettert am Fuß eines Berges. Zerfetzt von Messerstichen. Leblos. Entstellt. Tot. Er war mein bester Freund. Die beiden, die da zusammen in einem alten Bauernhaus in Bayern wohnen, sind ein seltsames Gespann: Achim ist ein talentierter Schriftsteller, doch mit seiner zurückhaltenden Art gelingt ihm der Durchbruch einfach nicht. Volker dagegen ist ein Draufgänger – und wird plötzlich von aller Welt als erfolgreicher Drehbuchautor gefeiert. Achim schreibt nun unter Volkers Namen, doch die Stimmung wird zunehmend angespannt. Als dann auch noch die schöne Nora bei den beiden einzieht, eskaliert die Situation … Als erste deutsche Autorin von Kriminalromanen hat Irene Rodrian Krimigeschichte geschrieben. Bei dotbooks erscheinen ihre Klassiker nun exklusiv im eBook.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 228

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Über dieses Buch:

Die beiden, die da zusammen in einem alten Bauernhaus in Bayern wohnen, sind ein seltsames Gespann: Achim ist ein talentierter Schriftsteller, doch mit seiner zurückhaltenden Art gelingt ihm der Durchbruch einfach nicht. Volker dagegen ist ein Draufgänger – und wird plötzlich von aller Welt als erfolgreicher Drehbuchautor gefeiert. Achim schreibt nun unter Volkers Namen, doch die Stimmung wird zunehmend angespannt. Als dann auch noch die schöne Nora bei den beiden einzieht, eskaliert die Situation …

Als erste deutsche Autorin von Kriminalromanen hat Irene Rodrian Krimigeschichte geschrieben. Bei dotbooks erscheinen ihre Klassiker nun exklusiv im eBook.

Über die Autorin:

Irene Rodrian, 1937 in Berlin geboren, erhielt für ihren Roman Tod in St. Pauli 1967 den begehrten Edgar-Wallace-Preis. Seither hat sie sich mit zahlreichen Bestsellern in einer Gesamtauflage von mehreren Millionen und als Drehbuchautorin (Tatort, Ein Fall für Zwei) einen Namen gemacht. Irene Rodrian lebt heute in München.

Bei dotbooks erschienen bereits Irene Rodrians Barcelona-Krimis über das Ermittlerinnen-Team Llimona 5 (Meines Bruders Mörderin, Im Bann des Tigers, Eisiges Schweigen und Ein letztes Lächeln) sowie die Reihe Krimi-Klassiker (Tod in St. Pauli, Wer barfuß über Scherben geht, Finderlohn, Die netten Mörder von Schwabing, Küsschen für den Totengräber und Du lebst auf Zeit am Zuckerhut, weitere Titel sind in Vorbereitung).

Die Autorin im Internet: www.irenerodrian.com und www.llimona5.com

***

Neuausgabe Januar 2014

Copyright © der Originalausgabe 1975 Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

Titelbildabbildung: © Chris Boswell - Fotolia.com

ISBN 978-3-95520-468-6

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weiteren Lesestoff aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Ein bisschen Föhn an: [email protected]

Gerne informieren wir Sie über unsere aktuellen Neuerscheinungen und attraktive Preisaktionen – melden Sie sich einfach für unseren Newsletter an: http://www.dotbooks.de/newsletter.html

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.twitter.com/dotbooks_verlag

www.gplus.to/dotbooks

Irene Rodrian

Ein bisschen Föhn und du bist tot

Kriminalroman

dotbooks.

Die Hauptpersonen

ACHIM PAZOUREK Ich werde einen Mord begehen. Aber ich werde nie zur Rechenschaft gezogen werden.

VOLKER REICHL Achim hat was vor. Der soll sich bloß nicht einbilden, daß ich so dämlich bin, wie er denkt, und das nicht merke.

NORA MARGREITER

Dies ist ein Roman; die geschilderten Ereignisse sind frei erfunden, und jede Ähnlichkeit der Akteure mit realen Personen könnte nur auf einem Zufall beruhen.

1

Achim Pazourek

Ich wollte ihn tot sehen. Verblutet unter den Rädern eines Autos.

Zerschmettert am Fuß eines Berges. Blau verfärbt vor dem zischenden Gasofen. Tangverklebt und aufgedunsen im See treibend. Zerfetzt von Messerstichen. Violett verquollen von dem Strick um seinen Hals. Leblos. Entstellt. Abstoßend.

Tot.

Er war mein bester Freund.

Heute kann ich nicht mehr genau sagen, wann ich zum erstenmal begann, mir seinen Tod vorzustellen, ihn mir bewußt zu wünschen. Aber es muß irgendwann im letzten Jahr angefangen haben.

Als ich Volker kennenlernte, war ich 20 und er 24. Oktober 58. Der Himmel blau, die Blätter an den Alleebäumen rot und gelb, und jeder Stuhl in den Terrassencafés besetzt. Föhn. Ich hatte gerade noch einen freien Ecktisch ergattert, mir einen Kaffee bestellt und mich in meinen Benn vertieft, als sie hereindrängelten und sich dazuquetschten. Sie waren zu fünft, drei Männer und zwei Mädchen. Braungebrannt und lärmend. Sie bestellten Campari und Eisbecher und redeten pausenlos vom Vögeln.

Jedenfalls kam es mir so vor. Am liebsten wäre ich aufgestanden und weggegangen, aber in jeder anderen Kneipe hätte ich neu bestellen müssen, und dafür war mir das bißchen Geld, das ich übrig hatte, zu schade. Ich hatte gerade die Schule hinter mir, ein Jahr wiederholt, weil sie mein DDR-Zeugnis nicht anerkennen wollten, und dafür jetzt einen Notendurchschnitt beim Abitur von 1,03. Das zusammen mit dem Rentenbescheid meiner Mutter, den sie endlich doch noch gelten ließen, brachte mir Honnef ein, und ich konnte studieren. Germanistik und Philosophie. Erstes Semester. Ich las Nietzsche und Benn und erträumte mir ein Leben jenseits vom weltlichen Ballast. Durchgeistigt und frei.

Sehr schön.

In Wirklichkeit träumte ich von der Liebe und einem nicht existierenden Mädchen. Ich litt darunter, immer noch fremd zu sein, unfähig, ihre Sprache zu sprechen oder sie sonstwie zu beeindrucken. Ich haßte mich, wenn ich mich mit ihren Augen sah. Klein, schmächtig, blaß und kurzsichtig, in verbeulten Hosen und altmodischen Hemden.

Die anderen an meinem Tisch waren das genaue Gegenteil. Vor allem ihr Wortführer, den sie Volker nannten. Er war groß, durchtrainiert, lässig. Seine Cordhosen saßen hauteng auf den Hüften, und seine Lederjacke war perfekt abgewetzt und eingetragen. Die beiden Mädchen himmelten ihn an, die beiden Typen lachten über seine Witze. Ich rettete mich in Verachtung. Er war dumm, plump und oberflächlich.

Ich beneidete ihn.

Er hatte seinen Campari ausgetrunken, grinste mich plötzlich an, als hätte er meine Gedanken gelesen, und stand auf. Ich vertiefte mich hastig in mein Buch und versuchte, das Gepolter an meinem Tisch zu überhören. Als ich wieder aufsah, waren sie verschwunden. Statt dessen stand die Bedienung vor mir und wollte Geld. Von mir, weil sie mich für ihren Freund hielt. Ich wollte etwas sagen, mich empört wehren, die Dinge klarstellen. Ich brachte keinen Ton heraus, merkte nur, daß ich rot wurde und die Leute an den Nebentischen herüberschauten. Ich zahlte die Rechnung von dem Geld, das für die Miete meiner Studentenbude bestimmt war.

Zwei Tage später traf ich Volker an einer Straßenbahnhaltestelle wieder. Ich schluckte meine Angst herunter und sammelte genug Wut an, um auf ihn loszugehen. Er lächelte mich an, legte mir einen Arm um die Schultern, als wären wir seit Jahren befreundet, entschuldigte sich, gab mir einen Zwanziger und lud mich zu einem Bier ein.

Seitdem waren wir unzertrennlich.

Volker und seine Freunde lebten ein Leben, das für mich neu und exotisch war. Sie jobbten für kurze Zeit, und mit dem wenigen Geld, das man damals brauchte, genossen sie jede übrige Stunde in vollen Zügen. An den Ufern der Isar und in den Kneipen von Schwabing. Sie waren frei. Und ich gehörte plötzlich zu ihnen. Ich gab mein Studium auf, denn Volker machte mir klar, daß ich keine Lust hatte, mein Leben als Schullehrer oder Verlagslektor zu beenden. Ich war zu Höherem bestimmt. Ich wollte schreiben. Und erst einmal leben.

Ich begann Sartre zu lesen, Camus und Robbe-Grillet, und Tschaikowsky und Brahms wurden abgelöst von Oscar Petersen und Miles Davis.

Volker hauste in einer vergammelten Altbauwohnung, und nach drei Wochen zog ich zu ihm. Er verschaffte mir auch einen Job als Vertreter für Badesalz, und wir teilten unsere Einnahmen. Wir schliefen lang, putzten dann Klinken, bis wir genug für den Abend beisammenhatten; wir saßen in den Cafés herum, diskutierten über Gott und die Welt und die Mädchen und zogen nachts durch die Jazzpinten … Wenn ich heute an die Zeit zurückdenke, erscheint sie mir wie das verlorene Paradies.

Unser Leben von damals war einfach und klar. Es gab keinen Leistungsdruck und keine Psychoprobleme. Die verrücktesten Typen wurden akzeptiert, jeder kannte jeden, und jeder half jedem. Mit einem Zehner, einem Bier, einem Tip.

Ich bewunderte Volker, und ich liebte ihn. Alles fiel ihm leicht, alles flog ihm zu. Jeder mochte ihn, und wenn er kein Geld hatte, wußte er tausend Tricks und Möglichkeiten, sich welches zu beschaffen. Auch wenn es damals einfacher war, mit anderen Leuten ins Gespräch zu kommen – seine Gabe, mit wildfremden Menschen Kontakt herzustellen, war unnachahmlich. Und ich war sein Freund, ich war immer mit dabei. Ob er jetzt von irgendwelchen Geschäftsleuten, denen er eine seiner verrückten Ideen aufgeschwätzt hatte, im Bayerischen Hof zum Essen eingeladen wurde, oder ob er mit den Königen des Jazz wie Coltrane oder Dizzy Gillespie durch Schwabing zog … Aber auch er liebte mich. Weil ich mehr wußte als er, weil ich mehr verstand, weil ich schärfer dachte. Und weil ich von ihm abhängig war, ohne es zu merken.

Je mehr mein Selbstbewußtsein stieg, desto mehr Erfolg hatte ich auch plötzlich bei Mädchen. Bei den Schönen komischerweise, während die Intellektuellen auf Volker flogen. Und wir tauschten sie untereinander aus und waren für ein paar Jahre die kings der scene.

Ich merke, daß ich schon so schreibe wie er. Aber, was noch schlimmer ist, ich denke wie er. Er ist ein Teil von mir geworden. Und wenn ich ihn töte, werde ich ein Stück von mir selbst töten. Es ist für mich die einzige Möglichkeit, zu überleben … Jetzt habe ich den Gedanken zum erstenmal klar und unwiderruflich formuliert.

Ich werde ihn töten.

Ich muß es tun. Aber, wann ich es tun werde und wie, das steht noch nicht fest. Ich muß Klarheit gewinnen. Einen festen Rahmen für meinen Haß gegen Volker.

Diese Aufzeichnungen sollten mir dabei helfen. Schwarz auf weiß werden meine Gedanken vor mir liegen und mir keinen Ausweg

mehr lassen … Illusion? Ich könnte es ebensogut andersherum sehen: Wenn ich es niedergeschrieben habe, brauche ich es nicht mehr zu tun … Nein, der Grund ist ein anderer: Wenn ich Volker getötet habe, wird ein Teil meines Lebens zu Ende sein. Mein Verstand wird aus reiner Selbsterhaltung einen radikalen Trennstrich ziehen müssen. Er wird die Vergangenheit verdrängen und wegrationalisieren. Und dann werde ich immer noch dieses Tagebuch haben – fest verpackt und gut versteckt. Für mich, wenn ich alt bin; oder vielleicht auch für Nora, wenn ich vor ihr sterben sollte. Will you still need me, will you still feed me, when I am sixty-four… Ich liebe sie. Und ich weiß, daß sie mich liebt – wenn auch ihr Verhalten dagegen spricht … Trotzdem ist dieser andere Grund lächerlich. Ich erwähne ihn nur zum Beweis, daß ich mich damit auseinandergesetzt habe. Diese Unterlagen sollen keine Entschuldigung sein, keine Erklärung. Weder für Nora noch für einen Rechtsanwalt oder einen Richter.

Ich werde einen Mord begehen.

Aber ich werde nie zur Rechenschaft gezogen werden. Es wird von Anfang an wie ein Unglücksfall aussehen, und ich garantiere, daß niemand auch nur die geringsten Zweifel daran haben wird. Tausende von Unfällen und tödlich endenden Krankheiten sind in Wirklichkeit perfekte Morde. Die aufgeklärten Verbrechen sind Affekthandlungen. Emotionen. Meine Emotionen sind abgenützt. Ich habe zu lang gelitten. Jetzt gibt es nur noch meinen Verstand. Und die Hoffnung auf ein neues Leben.

Danach.

Anfang der sechziger Jahre fing es in Schwabing an zu bröckeln. Die alten Cliquen fielen auseinander; immer mehr von unseren Freunden heirateten, nahmen feste Stellungen an und ließen sich nicht mehr sehen. Unsere Stammkneipen blieben leer und machten zu, und die Lokale, die an ihre Stelle traten, hatten bunte, fremde Gesichter. Die jungen Leute, die nachwuchsen, hatten entweder dicke Wechsel von ihren wieder gut verdienenden Wirtschaftswundervätern, oder sie engagierten sich für Politik und agierten in der Uni und auf den Straßen. Es gab nicht mehr so viele freie Jobs, und die Toleranz gegenüber unangepaßten Figuren nahm ab.

Als Volker 3o wurde, empfand er das als grausamen Schicksalsschlag. Er betrank sich drei Tage hintereinander und redete von Armenhaus, Altersheim und vom Schlußmachen. Dann fing er sich wieder, und wir beschlossen, unsere Karriere als große Schriftsteller ernsthaft in die Hand zu nehmen. Wir malten unsere Wohnung aus und vermieteten alle Zimmer bis auf eines zu horrenden Preisen an Studenten. Davon konnten wir gerade so leben.

In unserem letzten Zimmer igelten wir uns ein und schrieben und schrieben. Wir kopierten alles, was uns gut und verkäuflich vorkam, und finanzierten die Bundespost. Glossen, Kurzgeschichten, Hörspiele und Drehbuchexposés verließen unser Haus frankiert und mit Rückporto versehen, nur um immer wieder mit der Zuverlässigkeit von gut geworfenen Bumerangs zu uns zurückzukommen. Und obwohl wir in dieser Zeit praktisch 24 Stunden am Tag aufeinanderhockten, begannen wir uns auseinanderzuleben.

Ich hatte aufgehört, nach dem großen Bestsellerwurf zu schielen, und angefangen, an einem Roman zu arbeiten. Einer autobiographischen Geschichte von höchstem literarischen Rang. Ich aß kaum noch etwas, trank kannenweise Kaffee und sah mich als eine Art Fitzgerald. Früh sterbend, nichts weiter hinterlassend als das kleine, aber geniale Fragment eines genialen Geistes. Neulich habe ich das immer noch unvollendete Ding zufällig wiedergefunden und durchgelesen. Bei aller Ungereimtheit und Naivität, in seiner Ehrlichkeit und Besessenheit ist es besser als alles, was ich in den letzten Jahren so fabriziert habe.

Auch Volker gab auf und begann wieder in Kneipen herumzuhängen. Unser Geld wurde knapp, und wir lösten das Problem durch schamlose Mieterhöhungen. Daß wir immer noch Dumme fanden, lag nur daran, daß sie bei uns machen konnten, was sie wollten. Musik, Parties, Mädchen. Ab und zu fiel auch etwas für uns dabei ab.

An einem glühendheißen Sommermorgen 67 kam Volker verkatert und grölend von einer Sauftour heim. Er rüttelte mich wach und zwang mich, seinen wirren Bericht anzuhören. Angeblich hatte er irgendeinen Typ vom Fernsehen kennengelernt, der eine neue Krimiserie starten wollte und nach einem Stoff suchte. Volker hatte sich als Autor aufgespielt, die ganze Nacht über seine Vorzüge und Fähigkeiten geschildert und nebenbei die Figur eines Kriminalinspektors entwickelt, der etwas vergammelt und verträumt durch die Gegend stapft und seine Fälle deshalb löst, weil keiner ihn für voll nimmt.

Ich hörte gar nicht richtig hin. Inzwischen waren mir Volkers Seifenblasen und Luftschlösser nur allzu vertraut. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, daß sein Charme und seine Überredungskunst noch auf irgend jemanden wirken könnten. Ich hatte mich verrechnet.

Das Unwahrscheinliche geschah. Der Typ vom Fernsehen war Viktor Lante, aus dem Saufabend wurde tatsächlich ein Vertrag und aus dem Inspektor ›Der Große Klein‹.

Volker kaufte sich einen gebrauchten Fernseher, studierte die amerikanischen Krimivorbilder und schrieb zwei Monate an dem Drehbuch. Lante hatte Einwände. Volker änderte. Endlich wurde das Buch angenommen. Der Film produziert. Er wurde gesendet. Er war ein Erfolg. Ein solcher Erfolg, daß es ernst würde mit den Serienplänen. Volker bekam einen neuen Vertrag. Und ein höheres Honorar.

Es war an meinem Geburtstag. Am 18. September 68. Ich wurde 3o Jahre alt und hatte genauso ein Tief wie Volker vier Jahre zuvor. Ich kam mit meinem Buch nicht weiter. Ich kam mit meinem Leben nicht weiter. Ich betrank mich mit Wermut, weil es das Billigste war. Als Volker heimkam, war ich ziemlich hinüber … Schicksal?

Was für eine lächerliche Kette von albernen Zufällen.

Ich wollte Volker anbrüllen, alle meine hilflosen Aggressionen bei ihm abladen. Als ich sein Gesicht sah, ließ ich es. Er fiel neben mir auf einen Stuhl, ernst und unglücklich, wie ich ihn noch nie gesehen hatte.

»Ich kann es nicht«, sagte er. »Ich schaff’s einfach nicht. Du mußt mir helfen!«

Ich versuchte, ihn zu beruhigen, aber er schüttelte nur den Kopf. »Sie haben mir einen Vertrag gegeben, und ich hab ihn unterschrieben. Aber ich kann es nicht. Ich kann leichte Dialoge schreiben; mir fallen auch eine Menge Gags ein – aber das ist auch alles. Ich kann kein Plot entwickeln, keine Handlung durchziehen.«

»Hör schon auf!« Ich wurde wieder wütend. »Deine Sorgen möchte ich haben. Du hast es doch schon geschafft. Du brauchst nur genauso weiterzumachen.«

Er senkte den Kopf. »Ich hab’s geklaut«, sagte er leise. »Die ganze Idee … Die Idee ist nicht von mir. Sie ist von Rex Stout, und wenn sie mir draufkommen, ist alles gelaufen …« Er packte mich und warf mich fast vom Bett. »Du mußt mir helfen, Achim. Du mußt einfach! Du kannst schreiben, du kannst Plots entwickeln, du hast Ideen, und du verstehst was von Dramaturgie – und ich, ich hab einen Vertrag in der Tasche: wenn der zweite Film auch ein Schlager wird, dann sind wir alle zwei für immer aus dem Schneider!«

Geburtstag. Wer kriegt schon eine Bombe zum Geburtstag geschenkt? Noch dazu eine, die als Torte verkleidet ist …

Wir machten es so, wie Volker es vorgeschlagen hatte. Ich entwickelte einen neuen Stoff, baute das Handlungsgerüst auf und formte die Charaktere. Und Volker füllte das Skelett mit Gags und Dialogen. Wir ergänzten uns großartig und arbeiteten schnell und konzentriert. Das fertige Drehbuch hatte zwar nicht mehr viel mit dem Exposé zu tun, für das Volker den Vertrag bekommen hatte, aber niemand hatte Einwände. Es wurde angenommen und produziert. Der Titel dieser zweiten Folge war bezeichnenderweise Ein tödlicher Knüller, und das war’s auch. Inspektor Klein wurde zum Begriff und machte sogar Durbridge Konkurrenz. Die Kritik war durch die Bank positiv: Noch besser als die erste Folge… Eine realistische Story mit differenzierten Charakteren und logischem Aufbau… Man kann gespannt sein, wie es weitergeht… Ein neuer Autor war geboren: Volker Reichl.

Und ich Trottel freute mich auch noch. Denn das, was da überall gelobt wurde, das war mein Teil an der Arbeit. Aber schließlich waren die Dialoge ja wirklich von Volker, und wir waren Freunde. Ohne ihn würde ich immer noch über meinem Wermut sitzen.

Wir vermieteten auch das letzte Zimmer, suchten uns ein altes Bauernhaus in den Bergen und verwandten den Großteil des Honorars auf die Anzahlung. Wir bastelten und werkelten und schrieben am nächsten Stoff.

Erst viel später wurde mir klar, daß bei all diesen Aktionen Volker die treibende Kraft war. Er verhinderte, daß wir wenigstens noch ein letztes Zimmer in der Stadt behielten; er forcierte den Kauf dieses Hauses in dieser gottverlassenen Gegend, obwohl wir ein ebenso günstiges Angebot näher beim Dorf hatten. Er tat alles, um mich zu isolieren: von den Fernsehleuten, von den Journalisten, von allem. Nur er allein war der große Volker Reichl.

Mir fiel nichts auf. Nicht einmal Volkers ablehnende Haltung Nora gegenüber irritierte mich. Ich dachte einfach, er sei eifersüchtig, denn mich hatte es diesmal wirklich erwischt.

Nora.

Verrückt. Ich schreibe über sie, als ob sie tot sei … In gewisser Weise ist sie tot. Für mich jedenfalls. Oder bin ich selber tot?

Das Schreiben dieser Seiten hat eine seltsame Funktion. Es verändert mich. Es schafft eine von mir losgelöste Intensität und distanziert mich gleichzeitig von den anderen. Ich muß aufpassen.

Es ist gleich zwölf. Volker sitzt noch vor dem Fernseher. Nora hat mir eben einen Kaffee gebracht; ich konnte die Blätter gerade noch in der Schublade verschwinden lassen. Es sah nicht so aus, als ob ihr etwas aufgefallen sei, aber das Risiko ist zu groß. Ich muß mir etwas ausdenken. Eine harmlose Erklärung und ein Versteck.

Morgen ist die große Party. Unser 50. Film – unser Jubiläum … Grotesk. Ich sitze hier in meiner Zelle aus Bücherrücken, habe Kopfschmerzen vom Föhn und von zu vielen Zigaretten und schreibe wie ein alter Mann meine Memoiren. Ein Rückblick. Sechs Jahre. Lächerliche sechs Jahre.

Einer der Studenten, an die wir die Zimmer weitervermieteten, hatte Nora mitgebracht. Es waren vielleicht zehn Leute, aber sie machten Krach für hundert. Weder an Arbeiten noch an Schlafen war zu denken, also gingen wir auch rüber.

Nora wäre mir gar nicht aufgefallen. Ich versuchte gerade vergeblich, eine kugelgesichtige Blondine ins Gespräch zu ziehen, als Volker sich zwischen uns auf die Matratze fallen ließ und eine Bemerkung über diesen saublöden Zahn da hinten in der Ecke machte, mit dem nichts anzufangen sei. Da schaute ich hin. Mädchen, die nicht sofort auf Volker fliegen, sind äußerst selten. Sie hatte dunkle Haare, ein schmales Gesicht ohne Make-up, und sie war sehr groß. Zu groß für mich. Als ich mich wieder umdrehte, lag Volker schon halb auf der Blondine drauf. Ich stand auf und ging hinaus. Das Klo war besetzt; ich blieb vor der Tür stehen und überlegte, wohin ich jetzt gehen sollte. Da kam sie dazu.

Wir gingen zu Mario und tranken italienischen Rotwein. Zum erstenmal hatte ich ein Mädchen getroffen, mit dem ich reden konnte. Es dauerte 14 Tage, bis wir miteinander schliefen.

Eben habe ich die Seite noch einmal durchgelesen. Weiß der Teufel, wo diese schnulzige Nostalgiestimmung herkommt. Fehlte nicht viel, und ich hätte mich auch noch über ihre rumdunklen Augen verbreitet und ihren kissenroten Mund, und ihre plüschglatten Schenkel. Und ihr heiß geringeltes Honigdöschen …

Mist.

Ich sollte aufhören, dauernd meine eigenen Bücher zu lesen. Die Cognacflasche ist leer. Das bedeutet, daß ich rausmuß, wenn ich mir eine neue holen will. Ich muß sowieso mal.

Ich bin nervös.

Eben waren die beiden bei mir, um mir zu sagen, daß sie noch auf einen Mitternachtsschoppen ins Dorf runterfahren. Ich habe nur genickt und beschäftigt getan.

Ich werde es morgen tun. Morgen abend, wenn sie alle weg sind. Wenn wir allein sind. Ich werde auch Nora wegschicken, das ist kein Problem.

Morgen werde ich ihn töten.

2

Volker Reichl

Achim hat was vor. Der soll sich bloß nicht einbilden, daß ich so dämlich bin, wie er denkt, und das nicht merke. Wo er dauernd mit so einem komischen Gesicht durch die Gegend schleicht und sich in seinem Loch verrammelt und auf der Maschine rumhämmert, obwohl wir im Moment Dichtpause haben.

Zuerst hab ich ja gedacht, er hätte vor, auszusteigen, würde sich separieren, an einem eigenen Buch schreinern, und da war ich ganz schön sauer. Wir gehören zusammen, wir sind ein Team, und das soll auch so bleiben. Geht uns doch verdammt gut dabei. Und da hab ich eben ein bißchen aufgepaßt. Mann, ich leg mich platt. Der schreibt ein Tagebuch.

Wenn jetzt einer denkt, was ich denke, daß er denkt, dann ist er schief gewickelt. Ich gehör nicht zu den Leuten, die in fremden Briefen und Tagebüchern rumschnüffeln. Hab ich nicht nötig. Ehrlich, so ein frustrierter Introtyp bin ich weiß Gott nicht. Außerdem versteckt er es immer. Soll er doch. Ich hab gesehen, daß es kein Drehbuch ist, und das hat mir gelangt. Schreibt doch heute jeder seine Memoiren, Fußballer, Filmstars, Schlagersänger. Hauptsache, man ist berühmt. Dann reißen einem die Leute alles aus den Händen. Na und? Wenn hier einer berühmt ist, dann doch ich.

Also fang ich auch mal an. Zu erzählen hab ich eine Menge. War schon eine verrückte Zeit, wenn man so denkt. Ist es ja immer noch.

Ich hab eben Schwein gehabt. Rundum. Und braucht keiner zu denken, daß ich nicht dankbar wäre. Bin ich. Jeden Tag. Ich bin happy, ehrlich. So richtig happy. Ich hab alles, was ich mir immer so gewünscht habe. Und Geld auch noch dazu. Schönes Gefühl, wenn alles so flutscht und rutscht, und man muß gar nicht viel dazu tun.

Okay, zugegeben, den Nobelpreis werd ich nie kriegen. Aber Mäuse allein sind ja auch nicht zu verachten. Erfolg, das ist schon fein. Die Leute sehen einen ganz anders an, und man fühlt sich, Mann, absolut Spitze. Das klingt ja vielleicht eingebildet, aber das stimmt nicht. Ich weiß genau, was ich Achim verdanke. Ohne ihn hätt ich’s nie geschafft. Aber er ohne mich auch nicht. Und das gleicht sich doch aus, oder?

Ich möchte mal wissen, wer das lesen soll. Niemand, hoff ich. Ich mein, niemand, der mich kennt. Nora oder so, das wär mir unangenehm. Zerreißen, wegschmeißen. Macht eh nur Arbeit und bringt nichts ein. Und wenn Achim doch kein Tagebuch schreibt. Wenn er an einem Roman arbeitet. Wenn er doch vorhat abzuhauen. Das wär vielleicht ein Reinfall. Ohne ihn bin ich ganz schön aufgeschmissen. Ideen kaufen. Geld genug hab ich ja. Ich glaub, die großen Vielschreiber in Amerika, die machen das alle so. Bloß, wo soll ich einen finden. Noch dazu einen, der so gut ist wie Achim. Blödsinn. Der denkt doch gar nicht dran aufzuhören. Hat jedenfalls nie was gesagt. Aber vorbauen kann ja nicht schaden. Mein Leben ist schon mal eine Story. Richtig verpackt und aufgemotzt, mach ich eine männliche Mutzenbacher draus.

Wie schreibt man eigentlich Memoiren. Irgendwo muß man sicher anfangen. Aber wo. Meine Kindheit. Find ich langweilig. Oder wie ich das erste Mädchen gebumst hab. Mit 12. War schon komisch. Im Kartoffelkeller von ihren Eltern. Und der Vater hat uns erwischt und verprügelt. So was vergißt man ja nicht. Das kann ich dann immer noch mit 6o schreiben, oder wann ich dieses Zeug hier sonst auswerte. Aber was jetzt passiert, das flitzt einem ja nur so durch die Finger. Der größte deutsche Unterhaltungsschriftsteller auf dem Höhepunkt seines Erfolges. Was heißt Höhepunkt. Ich seh das noch nicht bergab gehen. Nur weiter rauf. Immer weiter.

Heute abend ist die Supershow. Unser fünfzigster Film. Die Straßen werden so leer sein wie bei der Fußballweltmeisterschaft. Kauppila wird kommen. Der Herr Produzent. Mit Carla, seiner Frau Gattin. Geiles Stück. Viktor Lante natürlich auch, der Redakteur, mit diesem farblosen Etwas, das er geheiratet hat. Sigllechner, der Dramaturg, kommt sicher ohne seine Alte, damit er besser an Nora hinsägen kann, und Vorbrugg, unser Regisseur, und selbstverständlich Peter Badura, der Superstar. Den hat unser Inspektor Klein aus der Schmiere rausgeholt und zu einem der bestbezahlten Schauspieler im deutschen Fernsehen gemacht. Nicht ohne Grund wird er wieder eine Kiste schwarzen Jack Daniel’s mitbringen. Und die Journalisten. Benninghoff und die Strohmetz. Diese dumme Henne. Jedesmal versucht sie, in mein Bett zu hopsen, und wenn nichts draus wird, dann kommt wieder so ein Artikel über die Serie. Wie blöd sie ist und wie oberflächlich und unkritisch und staatserhaltend. Soll sie doch selber mal was schreiben. Jede Wette, daß sie’s schon versucht hat. Für den Papierkorb.

Achim ist mit Nora nach München gefahren. Einkaufen. Wein, Gin, Cognac, all das Zeug, das es im Dorf nicht gibt. Häppchen. Nora, verdammt, die wär das richtige Häppchen für mich. Aber Achim ist mein bester Freund, und da ist sie natürlich tabu für mich. Logo. Kann ich mir immer noch die Strohmetz schnappen. Die wartet ja nur drauf.

Scheiße, dieser Föhn. Ich hab einen Schädel wie ein Luftballon. Und draußen scheint die Sonne, und der Himmel ist blau, und die Berge sind zum Anfassen nah. Da muß ich beim Saufen aufpassen. Vertrag nichts, wenn Föhn ist. Dabei kann ich sonst schon so einiges wegbechern. Und wenn Achim dann wieder seine aggressive Tour kriegt, und Nora mitten unterm Film wegpennt, ach was, so schlimm wird es schon nicht werden. Kann ja auch noch ein Gewitter geben bis dann. Wird schon.

Ich freu mich jedenfalls.

3

Nora Margreiter

Ich habe Achim geliebt.

Als ich ihn damals auf dieser Studentenparty sah, interessierte er mich, weil er der einzige war, dessen Horizont nicht bei der Nasenspitze aufhörte. Und weil er dort genauso fehl am Platz schien wie ich selbst. Dann lernte ich ihn kennen: seinen scharfen Intellekt; seinen boshaften Witz, der immer ins Schwarze traf, und seine kompromißlose Ehrlichkeit, die auch vor seinen eigenen Schwächen nicht haltmachte. Auch seine Zärtlichkeit; seinen Hunger nach Liebe und Ausschließlichkeit, der doch auch wieder der Fähigkeit, meinen Freiheitsbereich nicht einzuschränken, nicht im Wege stand … Eine Freiheit, die ich gar nicht wollte, die ich nicht zu nützen wußte. Ich sah darin nur einen Zusammenhang mit seiner mir völlig unverständlichen Abhängigkeit von Volker.

Heute verstehe ich es. Heute, wo es zu spät ist. Ich verstehe, daß Achim in Wirklichkeit schwach und unsicher war, daß er meiner Liebe zu ihm mißtraute, weil er sich selbst mißtraute; daß er mich dazu bringen wollte, Volker zu lieben, weil er glaubte, daß ich nur dann auch ihn lieben könnte. Daß seine Abhängigkeit von Volker nicht viel anders war als meine Abhängigkeit von Achim.

Wir lebten zu dritt in dem Bauernhaus; wir verstanden uns prächtig und redeten über alles, ohne wirklich miteinander zu sprechen. Und wir litten. Volker sicher am wenigsten, zu Anfang; aber Achim um so mehr. Weil keiner von uns es fertigbrachte, seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse einzugestehen und durchzusetzen.