Krimi-Klassiker - Band 15: Über die Klippen - Irene Rodrian - E-Book

Krimi-Klassiker - Band 15: Über die Klippen E-Book

Irene Rodrian

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Beschreibung

Verfolgt von der Drogenmafia – entdecken Sie Irene Rodrians Krimi-Klassiker „Über die Klippen“ jetzt als eBook bei dotbooks. Der 17-jährige Ralf steht vor den Trümmern seiner Existenz: Seine Eltern sind tot und er selbst vollkommen ausgebrannt. So schließt er sich einer Motorradgang an, obwohl er weiß, dass einige Einbrüche auf deren Konto gehen. Doch als ihr Anführer sich auf Drogengeschäfte einlässt, begibt sich die Clique damit auf unbekanntes Terrain: Die Drogenmafia erfährt von der neuen Konkurrenz und versteht überhaupt keinen Spaß. Die Situation wird immer brenzliger. Ralf und die anderen müssen so schnell wie möglich untertauchen. Aber ihr Fluchtversuch nach Formentera bleibt von der Drogenmafia nicht unbemerkt … Jetzt als eBook kaufen und genießen: „Über die Klippen“ von Irene Rodrian. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag

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Seitenzahl: 242

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Über dieses Buch:

Der 17-jährige Ralf steht vor den Trümmern seiner Existenz: Seine Eltern sind tot und er selbst vollkommen ausgebrannt. So schließt er sich einer Motorradgang an, obwohl er weiß, dass einige Einbrüche auf deren Konto gehen. Doch als ihr Anführer sich auf Drogengeschäfte einlässt, begibt sich die Clique damit auf unbekanntes Terrain: Die Drogenmafia erfährt von der neuen Konkurrenz und versteht überhaupt keinen Spaß. Die Situation wird immer brenzliger. Ralf und die anderen müssen so schnell wie möglich untertauchen. Aber ihr Fluchtversuch nach Formentera bleibt von der Drogenmafia nicht unbemerkt …

Über die Autorin:

Irene Rodrian, 1937 in Berlin geboren, erhielt für ihren Roman Tod in St. Pauli 1967 den begehrten Edgar-Wallace-Preis. Seither hat sie sich mit zahlreichen Bestsellern in einer Gesamtauflage von mehreren Millionen und als Drehbuchautorin (Tatort, Ein Fall für Zwei) einen Namen gemacht. Irene Rodrian lebt heute in München.

Bei dotbooks erschienen bereits Irene Rodrians Barcelona-Krimis über das Ermittlerinnen-Team Llimona 5 (Meines Bruders Mörderin, Im Bann des Tigers, Eisiges Schweigen, Ein letztes Lächeln) sowie die Reihe Krimi-Klassiker, die folgende Bände umfasst:

Tod in St. Pauli

Bis morgen, Mörder

Wer barfuß über Scherben geht

Finderlohn

Küsschen für den Totengräber

Die netten Mörder von Schwabing

Ein bisschen Föhn und du bist tot

Du lebst auf Zeit am Zuckerhut

Der Tod hat hitzefrei

… trägt Anstaltskleidung und ist bewaffnet

Das Mädchen mit dem Engelsgesicht

Vielliebchen

Handgreiflich

Schlagschatten

Bei geschlossenen Vorhängen

Die Autorin im Internet: www.irenerodrian.de und www.llimona5.com

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Neuausgabe September 2014

Copyright © der Originalausgabe 1988 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. ICG, München

Copyright © der Neuausgabe 2014 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler

Titelbildabbildung: © Artem Furman - Fotolia.com

ISBN 978-3-95520-723-6

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Irene Rodrian

Über die Klippen

Kriminalroman

dotbooks.

1

Die Bucht war sanft geschwungen, goldgelber Strand unter grünen Palmen und ein türkisblaues Meer mit kleinen weißen Schaumkronen. Wolkenloser Südseehimmel. Das Mädchen trug nur einen winzigen Tanga. Sie war tief gebräunt, das nasse Haar lag eng am Kopf an, und an Kinn und Busen klebte ein bißchen Sand. Sie lachte und schien ihn direkt anzublinzeln. Er klappte das Magazin zu und legte es auf den Tisch zurück. Seine Finger hinterließen Schweißspuren auf dem glatten Hochglanzpapier. Er war sicher, daß das auch den anderen auffallen mußte und senkte den Blick. Natürlich beachtete ihn niemand. Die Frau strickte an etwas Weißlichem und der Brillenheini schneuzte sich inbrünstig. Vermutlich würde er sich anstecken. Er konnte sich nicht erinnern, jemals gesehen zu haben, daß die Instrumente richtig gesäubert wurden. Und dabei war so eine Grippe ja wohl noch das Harmloseste. Ihm wurde übel, und sein Magen hob sich vor Angst. Als er aufgerufen wurde, kam er kaum aus dem Stuhl hoch.

Die eine Wand war weiß, die andere grün gekachelt. Der verdammte Weißkittel begrüßte ihn über die Schulter hinweg, während er sich weiter die Hände abseifte. »Tag, setz dich schon mal hin.« Er trocknete sich ab. Rosa Schweinsfingerchen. Was fiel dem überhaupt ein, ihn immer noch zu duzen. Schließlich war er keine vierzehn mehr. Leider. Damals hatte er noch an die Südsee geglaubt, und Geyser hatte höchstens ein Loch gebohrt. Ralf legte sich auf den grauen Stuhl und zog die Beine an. Die Fußstütze war zu hoch und das Nackenpolster zu niedrig. Er war inzwischen über eins neunzig.

Die Sprechstundenhilfe war neu. Blonde Locken und ein dickes Kußmaul. Sie stellte den Stuhl für ihn ein und legte ihm das Lätzchen um. Kaltes Metall berührte ihn am Hals. Das Hemd hatte einen Schmutzrand am Kragen, und die Jeans stanken nach Schmieröl. Waren alle Knöpfe zu? Das Knopfloch vom zweiten war ausgeleiert. Wenn der zweite auf war, dann hielten die anderen auch nicht mehr. Was für eine Unterhose hatte er an? Die blaue mit den weißen Punkten und dem ausgeleierten Gummi. Gott! Er konnte sich doch jetzt nicht an den Schwanz fassen. Der lag da bloß und offen direkt unter dem Kußmaul. Seine Hände glitten am grauen Kunststoff ab. Er hatte vergessen, ein Taschentuch einzustecken. Rasiert hatte er sich auch nicht, weil die beiden Eiterpickel am Kinn sonst nie verheilten. Er schloß die Augen und riß den Mund auf. Metall klapperte gegen seine Zähne. Ein chemischer Geruch und Brennen am Zahnfleisch. Er schaute nur kurz hin. Die Spritze war gigantisch.

Alles war aus und egal. Geyser trug eine Brille, in den spiegelnden Gläsern sah Ralf seinen offenen Mund und die schwarze Zahnlücke. Blut. Das Schleifgeräusch und so ein Geruch von verbranntem Horn. Geyser hatte einen Mitesser neben der Nase. Außerdem waren seine Haare schlecht geschnitten. Das Mädchen duftete nach Pfefferminz. Kleine Kuhlen an den Mundwinkeln und schneeweiße Zähne. Die brauchte nie auf den Folterstuhl. Seine Oberlippe fühlte sich steif und pelzig an. Als er ausspucken durfte, mußte er sich mit dem Handrücken nachwischen. Sie gab ihm ein Papiertaschentuch und beugte sich dann wieder mit dem Gurgelschlauch über ihn. So nah, als wollte sie ihn küssen.

Sie hieß Anja und hatte ihn Blut spucken sehen. Sie wußte, daß sein rechter Schneidezahn nur ein Plastikhütchen über einem schwarzen Stummel war. Er würde nie wieder im Leben einer Frau in die Augen sehen können. Seine Hände zitterten so, daß er den Schlüssel nicht ins Schloß bekam, und als er den Sturzhelm aufsetzte, merkte er nur zufällig, daß ihm der Rotz aus der Nase lief. Spüren konnte er es nicht.

Verstümmelt. Er war verstümmelt. Wenn Monika ihn mal wieder küßte, um Olaf zu ärgern, dann stieß sie mit der Zunge gegen den Plastikzahn. Und außer Monika küßte ihn sowieso keine. Er quetschte sich zwischen einem Bus und einem Lieferwagen hindurch und hoffte fast auf den befreienden Crash. Aus und fertig. So wie Jossy. Dem hatten sie nach seinem Unfall den ganzen Kiefer neu einhängen müssen. Der küßte jetzt mit Kukident. Wenn überhaupt. Oder er nahm die Beißer raus vorher. Vielleicht fanden das die alten Böcke geil, denen er für’n Fuffi einen runterholte. Jossy stand auf Ballermänner. Jeden Nickel gab er dafür aus. Seine Sammlung füllte drei Kisten, und jede einzelne Waffe wurde regelmäßig geputzt und geölt. Bei einem Villenbruch in Grünwald hatte er einen Vorderlader und zwei alte Duellpistolen erwischt. Es hatte ihn Monate gekostet, die passende Munition aufzutreiben. Die Pistolen waren schön, matt silbern mit fein ziselierten Perlmuttgriffen, aber Jossy würde sie verkaufen, sobald sie nicht mehr heiß waren. Geil fand er die anderen Dinger. Handgranaten, eine scharfe Tellermine, ein russisches Schnellfeuergewehr und zwei israelische Mini-MGs. Er hatte beste Kontakte. Zum Bund genauso wie zu den Untergrundarabern. Wenn er nur gewollt hätte, er hätte ein Vermögen machen können. Statt dessen hauste Jossy in einem Kellerloch mit seinen Kisten und seinem Waffenöl. Alles bei ihm stank nach dem Zeug. Olaf behauptete, Jossy würde sich zum Einschlafen die Tellermine zwischen die Arschbacken klemmen. Ralf überholte den Laster und erstickte fast an der dickblauen Auspuffwolke. Es begann zu regnen.

Sommer. Brütende Hitze schon am frühen Morgen. Sie waren an den Baggersee gefahren. Jossy, Hocko, Macke und Olaf mit Monika. Und er mit der aufpolierten Honda, die ihm der Alte zum Geburtstag hingestellt hatte. Es war ein guter Tag. Der Alte hatte ihm frei gegeben und einen Blauen in die Hand gedrückt. Ralf hatte einen Moment lang gefürchtet, er würde sentimental werden und ihn umarmen, aber er hatte ihn nur in den Rücken geboxt. »Der geht vom Südseekonto weg, mach ihm keine Schande.«

Ralf hatte für das Geld die Kühlbox vollgepackt. Cola und Bacardi, Gin, Tonic und Batita de Coco. Hocko brachte eine Decke und einen Kasten Bier mit, Jossy ein halbes Dutzend Brathähnchen vom Wienerwald, alle in verschiedenen Tüten. Er mußte vor den Kneipen gelauert und sie alten Mütterchen weggerissen haben. Macke hatte einen Supermarktkorb dabei, voll bis oben hin. Schlankheitskäse und Klopapier. Babyfraß, Mülltüten, Orangen und Backpulver. Der absolute Hauptgewinn, sie lachten, bis  ihnen die Tränen kamen und warfen die Klorollen durch die Luft. Von weitem sah das aus wie Faschingsschlangen. Alle rosa.

Sie fraßen und soffen, und irgendwann war Macke blau genug, um für einen Kuß von Monika in das eisige Wasser zu springen. Monika hatte sich bis auf einen winzigen schwarzen Spitzenslip ausgezogen und in die Sonne gelegt. Ihre Haut war körnig weiß, und der Gürtel ihrer engen Jeans hatte einen roten Striemen auf den Hüften hinterlassen. Sie hatte zu kurze Beine, plumpe Knie und nicht mal einen dicken Busen. Sie war auch nicht wirklich hübsch mit ihrer langen Nase und den vorstehenden Backenknochen. Ralf verstand nie, was Olaf an ihr fand. Vielleicht war sie toll im Bett, schwer vorzustellen. Sie war viel zu kalt dazu. Berechnend und gemein. Vielleicht war es das. Obwohl Olaf doch wirklich jede hätte haben können.

Olaf war schön. Groß, schmalhüftig und breitschultrig wie ein Gott. Olaf war Gott. Mit glänzend schwarzem Haar und funkelnden Augen und einem breiten Mund, den er breit fletschte, wenn er gut gelaunt war, und den er links einen Millimeter hochzog, wenn er vorhatte, einem den Fetten Frieder zu machen. So nannte er das fast zärtlich, und sein hochgezogener Mundwinkel konnte einen glauben lassen, daß er lächelte. Wenn man ihn noch nicht kannte. Ralf hatte es bisher nur einmal erlebt, daß einer dumm genug gewesen war, bei der ersten Andeutung nicht kniefällig das Weite zu suchen. Eric hieß er und kam gerade sonnengebräunt aus Ibiza. Er war älter als Olaf, zwanzig oder drüber. Blond, riesig und fett. Er machte Monika an, auf so eine herablassende Art, als würde die es schon für’n Freibier machen. Monika musterte ihn kurz und meinte nur cool. »Der sieht selber aus wie’n Fetter Frieder.« Sie waren alle im DUHN, ihrer Stammdisco. Olaf hing am anderen Ende der Theke und schaute nicht herüber.

Eric packte Monika an die Bluse. »Vielleicht bei einer ganz schweren Grippe. Da schwört meine Mutter drauf bei Grippe. Hühnersuppe.« Olaf setzte sein Glas ab, Macke grinste geil, Hocko machte einen Schritt nach vorn. Ralf hätte sie gern gewarnt, Monika konnte nicht wissen, wer der Typ war, aber Ralf kannte ihn. Ein Dealer mit jeder Menge Connections, Leute, die für ihn schafften, er selber clean bis in die Hornhaut. Moos und Macht. Monika hatte davon keine Ahnung. Sie beugte sich vor und zog ihm die Hose auf. »Na ja, aus der Erbse kann man sich nicht mal ne Suppe kochen.« Eric schlug zu. Direkt mit der Faust von unten gegen ihr Kinn. Monika stieg ein Stück an und knallte dann platt auf den Boden. Olaf war im gleichen Moment da und hielt Hocko zurück. Lächelnd. Überlaß ihn mir, den Fetten Frieder. Und Hocko trat zur Seite.

Eric war älter, schwerer, und er konnte boxen. Olaf hatte ein bißchen Karate drauf und ein Rasiermesser in der Hand. So ein altmodisches Ding mit Holzgriff und krummer Klinge. Keiner sah, was wirklich passierte. Nicht mal Ralf, der direkt vorne stand. Eric jaulte plötzlich auf, hielt sich die Hand zwischen die Beine und starrte auf das Blut. Es quoll in kleinen Fontänen aus dem offenen Hosenlatz, sprang vor und sprühte bis zu Monika. Die anderen begannen zu kreischen. Sirenen, Unfallwagen, Polizei. Olaf gab alles zu. Nichts weiter geschah. Ralf begriff es erst viel später. Olaf hatte gewußt, was da lief. Daß Eric ein Dealer war, den die Bullen nicht festnageln konnten. Der hier braungebrannt rummachen konnte, obwohl jeder ihn kannte. Monika hatte ein H-Heftchen, das sie angeblich von ihm in den Ausschnitt gesteckt bekommen hatte. Olaf hatte das gesehen. Olaf wußte, daß Monika früher schon mal gefixt hatte. Olaf hatte Monika verteidigt. Die Story war so faul wie ein chinesisches Ei, aber sie paßte genau rein ins Nest. Olaf gab einen aus.

Das war schon lang her. Über ein halbes Jahr. Zwei Wochen nachdem Olaf ihn endlich aufgenommen hatte. Nachdem er ihn die Mutprobe hatte machen lassen. Das war damals der Zementblock. Olaf hatte eine fast vollständige Videosammlung alter Gangsterfilme und Mafiaschinken. Ralf mußte sich einen Zementblock – ein stinknormaler doppelter Hohlblockstein – um die Knöchel binden lassen, dann wurde er in den Baggersee geworfen und mußte dort nach einem Messer tauchen, mit dem er die Fesseln durchschneiden konnte. Ralf wäre beinahe dabei abgesoffen, aber als er hochkam, war er so stolz und so glücklich wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Olaf.

Olaf war Gott Absolut. Wie er da lag, ein Stück über Monika an die Felsen gelehnt, den Oberkörper nackt. Er war schon braun, gleichmäßig goldbraun mit seidiger Haut und harten Muskeln, die man wie auf einem Schaubild erkennen konnte. Olaf sah aus wie eine Bronzestatue. Die schwarzen Haare waren geölt und zurückgekämmt. Ralf bewunderte ihn ohne Rückhalt. Er war schön, stark und intelligent. Er wußte Bescheid, und er war cool. Er war der Boß.

Ralf träumte manchmal davon, daß er ihm ähnlich sah. Auch er hatte schließlich dunkles Haar, braune Augen und einen Mund hatte er auch, verdammt noch mal. Aber wenn er dann aufwachte und sich im Spiegel sah, dann floß der Traum schon durchs Klo davon. Ralf war nur lang und dürr, und dazu hatte er noch wie ein Urvieh Pelz auf der Brust. Im Gesicht hatte er Pickel, und sein Mund konnte sich weder an der einen Ecke süffisant hochziehen, noch konnte er knallweiße Negerzähne fletschen.

Ralf war eben nun mal der letzte Arsch.

Und es hatte verdammt lange gedauert, bis Olaf auch nur Notiz von ihm nahm. Sie kamen fast jeden Tag, um beim Alten Werkzeug auszuleihen oder zu tanken oder auch nur rumzuhängen und Informationen reinzuziehen. Von ihm ließen sie sich gerade mal die Tanks füllen, wenn’s hochkam. Drei Jahre. Vor drei Jahren hatte ihn der Alte aus dem Heim geholt. Vom ersten Moment an wollte Ralf zu Olaf gehören.

Als er die Mutprobe mit dem Zementklotz bestanden hatte, hatte Olaf ihn auf die Stirn geküßt und ihn meine kleine Betonlady genannt. Die anderen hatten gelacht und geklatscht. Danach hatten sie sich den Möbelmarkt und die drei Villen in Solln vorgenommen. Viel war es nicht gewesen, achthundert und ein paar Silbermünzen, der Rest Schrott. Aber sie hatten ihn jetzt in der Hand, er gehörte dazu. Sie hatten sich zusammen besoffen bekifft, und Olaf ihm seinen Steifen gezeigt. Der war eindeutig dicker und nachweisbar einen Zentimeter länger.

Ralf hatte das nicht anders erwartet.

Sie dösten besoffen in der Sonne und lachten sich kaputt über Macke, der vor lauter Zittern Monikas Mund nicht traf. Es war Hocko, der aufstand, die alte Wolldecke unter den Papptellern und Picknickbröseln vorzog und sie Macke um die Schultern legte. Wenn sie nicht gelacht hätten, dann hätte Hocko ihn auch trockengerubbelt, so traute er sich nicht. Macke überlebte auch so. Schlotterte sich in seinen Pullover und die Jeans und hörte nicht auf, ihnen immer wieder zu erzählen, wieviel Grad unter Null der Baggersee jetzt gerade habe. Hocko war wieder auf seinen alten Platz zurückgeschlappt, wie ein Wachhund. Zu Füßen von Monika, aber doch nicht zu nah. Sie legte sich auf die andere Seite und ölte sich mit langsamen Bewegungen ein, Schenkel, Schultern, Brüste, Öl und Öl. Als wären sie hier am Mittelmeer und nicht am Baggersee.

Das kannten sie alle, keiner schaute mehr hin. Keiner wollte von Olaf den Fetten Frieder verpaßt bekommen. Außer im fairen Spiel. Lungenentzündung gegen einen Kuß. Oder, wenn sie Ralf wieder anmachte. Ralf wollte nicht ins kalte Wasser springen. Ralf schleimte sie nicht an. Ralf würde nie etwas tun, was Olaf nicht wollte. Ralf reizte sie.

Sie stand auf, räkelte sich in der Sonne und stakste zu Ralf hinüber. Beugte sich über ihn. An ihren mageren Titten bildeten sich kleine Falten. Schweißtropfen glitzerten dazwischen. Hängebusen, dachte er, als sie ihn küßte, sie hat schon einen richtigen Hängebusen. Dann schob sich ihre Zunge zwischen seine Zähne. Ich hätte sie putzen sollen, dachte er kurz. Dann rollte sich die Zunge in seinem Mund herum, er konnte nicht mehr klar denken. Fühlte nur Hitze und ihre Haut und den Mund. Saß plötzlich wieder allein in der grellen Sonne. Starrte verwirrt blinzelnd.

Monika ragte nackt und bleich über ihm auf. Leckte sich die Lippen, lachte zu Olaf hinüber. »Reingefallen, Schnuckelchen, er ist ja doch nicht schwul!«

Jetzt lachte keiner mehr. Olaf schaute auch nicht zu Ralf hinüber, sondern zu Jossy. Jossy hatte angefangen sich auszuziehen. Langsam und sorgfältig wie bei der Musterung. Hemd und Unterhemd, Hose, Unterhose, Socken und Schuhe. Jossy zog sich immer schon extrem altbacken an. Fehlten eigentlich nur noch die Sockenhalter. Aber wie er sich auszog, das hatte Format. Jede Bewegung knisterte, jeder Knopf ploppte aus seinem Loch. Aber Jossy hatte nicht die bewußt schwülstigen Gesten der Profis drauf, was er machte, wirkte völlig selbstvergessen und abwesend konzentriert. Ralf wußte nicht, was passieren würde, er spürte nur, daß etwas locker war. Jossy war fertig. Nackt bis auf die Halbschuhe, in die er hineinschlüpfte, als wären es ausgelatschte Sandalen. Er drehte sich zu ihnen herum. Bückte sich nach seiner karierten Sporttasche. Er hatte magere Schenkel, eine eingefallene Brust und einen schweißverklebten Haarpullover darüber. Sein Pimmel war so klein und kurz und unscheinbar, daß man ihn unter dem dichten schwarzen Pelz nur ahnen konnte. Jossy richtete sich wieder auf und schien mit dieser Bewegung zu wachsen. Groß, schlank, kühn. In seiner rechten Hand lag eine kleine dunkle Kugel. Grünlich. Viertelkrustig wie ein Schweinebraten. Länglich. Jossy hielt sie hoch. Zog an der Lasche. Juchzte und warf sie hoch in die Luft hinüber ans andere Ufer.

Ralf warf sich in den Graben, duckte den Kopf unter die Arme, wartete. Mit der rotglühenden Explosion kamen Erdbrocken und eine Staubwolke herüber. Alle hatten sich hingeworfen. Nur Jossy stand aufrecht da, die nackten Füße in flachgetretenen Halbschuhen, den Rücken durchgedrückt. Ralf dachte zuerst, er würde pissen. Jossy ejakulierte in hohem Bogen in den Baggersee.

Das war der Moment, in dem Ralf zum erstenmal Furcht empfand.

Der Regen hatte sich zu einem gleichmäßig grauen Nieseln verdichtet. Hinter dem alten Bunker zog sich der Verkehr etwas auseinander, der Gestank veränderte sich nur. Müll- und Klärmief und ein beißend scharfer Akzent von den Industrieanlagen. Kalt, grau und häßlich die ganze Gegend, trotz ihrem provisorischen Barackencharakter für die Ewigkeit gebaut. Nord-Schwabing nannten es die Immobilienmakler in ihren getürkten Anzeigen. Die Bremslichter der Lastzüge und die roten Fenster im Bumscenter schienen die letzten Farben auf der Welt zu sein. Hocko ging regelmäßig hin. Behauptete er jedenfalls. Er hatte Ralf angeboten, ihn dort einzuführen. Ralf traute sich nicht. Manchmal, bei schönem Wetter, kamen die Frauen raus in die Sonne. Sie waren alle alt und häßlich. Nur Elvira war ganz nett. Sie brachte immer ihren Alfa zu ihnen in die Werkstatt und versuchte bei teuren Reparaturen, den Alten zu umgarnen. »Ich geb dir Rabatt«, flötete sie dann mit ihrer übertrieben kindischen Stimme, »oder ich geb dir einen aus!« Sie lachte, wenn der Alte sich aufregte. Es war nur ein Spaß, und er war auf Ralf gemünzt. Ralf wurde rot und stellte den Walkman lauter. Elvira war fünfundzwanzig und hatte einen siebenjährigen Jungen im Münchner-Kindl-Heim. Ralf konnte sich vorstellen, selber dieser Junge zu sein. Mager, ängstlich, übernervös und immer voll panischer Angst, die anderen könnten den wahren Beruf seiner Mutter rausfinden. Er hieß Tobias und hielt seine Mutter für eine wohlhabende Geschäftsfrau, die viel auf Reisen war und ihn deshalb nicht zu sich nehmen konnte. Das hatte sie ihm erzählt, und das wollte er glauben. Die anderen Kinder wußten es besser. Die meisten von ihnen hatten überhaupt keine Eltern mehr, dafür aber Patenfamilien. Richtige, gute, anständige Leute. Auch, wenn sie nur mal am Wochenende oder ein paar Tage in den Ferien hindurften, sie waren besser. Das waren genau die Tage, an denen Elvira überhaupt keine Zeit hatte. Manchmal schickte sie große Pakete mit Spielsachen, für die Tobias längst zu groß war. Eines Tages würde sie genug Geld für eine Boutique haben und ihn zu sich nehmen. Der Tag kam nie. Für keinen. Für Ralf war er auch nie gekommen.

Er bog in die Einfahrt zur Tankstelle ab. Drei Autos an der Normal, zwei bei Super, und der Alte allein. Ralf fuhr hinter die Werkstatt und stellte die Honda ab. Ihm war sauschlecht. Das ganze Maul war taub und geschwollen. Angewidert sah er die Rotzspur auf seinem roten Lederhandschuh. Er duckte sich, huschte über das kurze Hofstück, das man von der Tankstelle aus sehen konnte und stieg die Außentreppe hinauf. Der Alte entdeckte ihn trotzdem und keifte hinter ihm her. Ralf reagierte nicht.

Die Küche war wie immer ein Chaos aus schmutzigem Geschirr, leeren Bierflaschen und vollen Aschenbechern. Der Fernseher über dem ausgeleierten Samtsofa lief noch. Sesamstraße. Ralf schaltete ab und machte den Kühlschrank auf. Ein halbes Erdbeerjoghurt und ein Glas mit sauren Gurken. Kein Bier. Der weiß lackierte Küchenschrank mit den rankenverzierten Glastüren war fast leer. Das meiste Geschirr stapelte sich verdreckt in Ausgußnähe. Hinter den Kaffeetassen aus der alten Heimat – sie waren einmal blau und rot bemalt gewesen, man konnte das Muster kaum noch erkennen, und sie wurden nie benutzt – fand er eine halbvolle Flasche Supermarktwhisky und eine volle Flasche Wermut. Das Label war ganz ähnlich wie bei Cinzano. Ralf wusch ein Glas aus und schenkte sich von dem Wermut ein. Stellte die Flasche zurück in ihr Versteck, trank. Er konnte das Glas nicht spüren, Feuchtigkeit lief an seinem Kinn entlang und brannte in dem aufgeplatzten Pickel. Er stellte das Glas ab und lief ins Klo. Der Spiegel war fleckig. Ralf beugte sich weit vor. Die Lippe sah vollkommen normal aus. Weder geschwollen noch verformt. Er zog sie hoch. Der neue Zahn war nicht dunkler als die anderen, wie er es befürchtet hatte, er war heller. Er war nicht nur aus Plastik, er sah auch so aus. Ralf lief in sein Zimmer, verrammelte die Tür, warf sich aufs Bett und heulte.

Konnte nicht heulen. Putzte sich die Nase. Starrte auf die Wand. Hörte den Alten die Treppe hochkeuchen und über irgend etwas stolpern. »Los, komm runter und hilf mir! Du warst lang genug weg!« Ralf trat gegen einen Hocker mit einem Kassettenstapel, sah mit Befriedigung den Kratzer an der Tür.

»Hau bloß ab! Ich bin krank!«

»Stell dich nicht so an, du Waschlappen!«

»Ich kann nicht, verdammt noch mal!«

»Ich-kann-nicht liegt auf dem Friedhof!«

»Hau ab!«, Ralf sprang auf, packte den Hocker und knallte ihn gegen die splitternde Tür. »Hau ab oder du bist selber auf dem Friedhof!«

Der alte Mann sagte nichts mehr. Wartete noch einen Moment draußen vor der Tür, schlurfte dann durch den Flur und die Treppe hinunter. Ralf blieb stehen, immer noch halb gebückt, sah die Holzsplitter unter dem abgeplatzten Lack an der Tür, drehte sich um, fiel zusammengekrümmt auf das Bett zurück und blieb da liegen. Sein ganzer Körper zuckte und zitterte, er konnte es nicht kontrollieren. Es war auch egal. Absolut scheißegal.

2

Er mußte stehenbleiben und warten, bis sein Atem wieder normal ging. Verdammt, siebenundsechzig waren doch noch kein Alter. Es war das Herz und diese Scheißluft hier an der Straße. Da konnte auch Bleifrei nichts dran ändern. Dieses Getue von Ralf um Bleifrei und den ganzen Mist. Das brachte ja nun nachgewiesenermaßen überhaupt nichts, es kostete nur. Er hatte das Geld nun mal nicht. Und, selbst, wenn er es gehabt hätte ... Ja, ja, ich komme ja schon, er ging zu den Zapfsäulen hinüber.

Der Typ in dem silbergrauen BMW konnte nicht viel älter sein als Ralf. Kaufmann vielleicht oder Börsenmakler. Er füllte den Tank und prüfte das Öl. Er wollte ihm auch die Scheiben waschen, aber der junge Mann winkte entsetzt ab. Entsetzt, so als könnte er den Öllappen nicht vom Fensterleder unterscheiden. Hochnäsiger Kaschmirschnösel. Dann kamen zwei Touristenautos mit Caravan aus Holland, die nicht nur tanken wollten, sondern sich aufführten, als wollten sie gleich hier übernachten. Er wurde auch sie wieder los. Dann natürlich noch Elvira kurz vor Arbeitsbeginn. Das Bremspedal. »Ist Ralfi nicht da?« Sie ließ den Alfa da und sprang über die vierspurige regennasse Autostraße als wär’s ein Ziegenweg. Sie trug einen weißen Lockenpelz, der gerade eben über die Arschbacken reichte, schwarze Netzstrümpfe mit Herzchenmuster und weiße Nappastiefel. Sie sah schon verdammt aufreizend aus, und er verstand nicht, wieso Ralf immer so verklemmt reagierte. Ralf war überhaupt seltsam. Schloß sich da oben in seinem Zimmer ein, bloß wegen diesem bißchen Zahnarzt. Meine Güte. Es hatte sogar so geklungen, als hätte er geweint. Womöglich war er schwul. Nein, das nun doch wohl nicht. Meine Güte, man konnte ja nicht reinschauen, in so einer jungen Kerl. Zu seiner Zeit waren sie eben ganz anders gewesen, da hatten sie keine Zeit für Flausen.

Er ging in seinen Glasverschlag hinüber, steckte das Geld in die Kasse und genehmigte sich einen aus der Vertreterflasche. Er machte sich zwar nichts aus Cognac, aber dieses gute Zeug war dann immer noch besser als die verdammte Bisonpisse aus dem Supermarkt. Grau in Grau und immer Regen. Wenn sie erst weg konnten, dann würde es auch mit dem Jungen besser gehen. Der mußte raus hier. War ja kein wirklich schlechter Kerl. Auch nicht dumm. Hatte eben verdammtes Pech gehabt.

Er setzte sich in den ausgeleierten Drehsessel und lehnte sich zurück. Noch einen Schluck, man konnte sich an das Zeug gewöhnen. Er bekam wieder leichter Luft, konnte richtig durchatmen, freundliche Benommenheit machte sich in seinem Kopf breit. Er sah auf die Uhr. Das Schlimmste für heute hatte er hinter sich. Die, die jetzt noch kamen, waren die Berufsfahrer. Die hatten ihre Karren in Ordnung und wußten, was sie wollten. Kein Grund, nicht noch mal nach der Flasche zu greifen. Die Farbe war schön. Wie Danziger Gold. Gegen das Licht der fliegenverschissenen Glühbirne schien es richtig zu glühen. Glühbirne. Williamsgold. Er kicherte in sich hinein. Wenn er das Glas gegen das Schaufenster hielt, dann mischte sich das Neonblau mit dem Gelb zu einem durchsichtigen Giftgrün. Crème de Menthe. ´43 in Nizza. Himmel, das war eine Zeit gewesen. Blauer Himmel, weißer Sand und ein sonnenwarmes Meer. Und die französischen Mädchen. Nicole war ihr Name gewesen, und sie wollte immer nur Pfefferminzlikör.

Das Röhren der Motorräder störte ihn aus seinen Gedanken auf. Olaf und seine Bande. Er hatte keine Lust heute, nein wirklich nicht. Sie röhrten, hupten und warteten. Nein, heute nicht, verdammt. Sie schickten Jossy.

Er klopfte höflich und kam erst dann durch die Glastür herein. »Guten Abend, Herr Kühnel. Ist Ralf vielleicht zu sprechen?« Ganz zu Anfang hatte er Jossy sympathisch gefunden. Mit seinen anständigen Hemden und Jacken und Bügelfalten. Aber manchmal wurde es ihm zuviel. Auch diese Höflichkeit. Das klang doch so, als wollte er sich über ihn lustig machen. Aber das war es nicht. Jossy war so, Joseph hieß er, und er mochte ihn nicht.

»Nein«, sagte er, »tut mir leid, Ralf ist heute beim Zahnarzt, das kann noch sehr lange dauern.« Es tat ihm sofort leid. Er hätte das mit dem Zahnarzt nicht sagen dürfen. Ralf litt so erbärmlich unter seiner ersten Jacketkrone. Sicher hatte er das keinem gesagt. Und vielleicht konnten sie auch das Licht in seinem Zimmer oben sehen. Jossy sagte nichts, nickte nur, verbeugte sich kurz und ging wieder. Im Hof röhrten die Motoren. Daß sie die Scheißdinger auch nie abstellen konnten!

Der Nächste war Macke. Wie immer er wirklich hieß, seinen Spitznamen hatte er zu Recht. Fr hatte sie wirklich nicht alle beisammen. Obwohl er nicht blöd war. Manchmal sagte er überraschende Sachen. Jetzt sagte er nur:

»Olaf fragt, ob wir hier ein bißchen arbeiten können, bis Ralf kommt.«

»Nein, tut mir leid, aber ich weiß nicht mal, ob Ralf heute abend überhaupt heimkommt. Der Zahnarzt ist in Freising draußen, und er kennt da ein paar Jungen von früher.« Das war glatt gelogen, und er wußte nicht einmal warum. Er hatte nichts gegen Olaf und diese Lederkids. Er ließ sie in seiner Werkstatt arbeiten und sein Werkzeug benutzen, und wenn er ihnen von früher erzählte, als er noch Rennen gefahren war, echt Sandbahn und später Kradmelder im Krieg, da hörten die zu, das interessierte die. Er kannte sich auch mit den neuen Motorrädern aus, das war im Prinzip immer dasselbe, er war ein guter Mechaniker. Sie respektierten ihn, und er ließ sie in Ruhe.

»Olaf sagt, mit seinem Kolben ist was. Seine Maschine zieht auch nicht richtig. Er würd’ sie gern mal kurz durchsehen.«

»Das geht doch nicht kurz. Kommt morgen früh wieder, okay?«