Krimi-Klassiker - Band 5: Küsschen für den Totengräber - Irene Rodrian - E-Book

Krimi-Klassiker - Band 5: Küsschen für den Totengräber E-Book

Irene Rodrian

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Beschreibung

Er beugte sich vor und drückte das Kissen auf ihren Kopf. Es ging leicht, als er ihr Gesicht nicht mehr sehen mußte. Sie bewegte sich noch immer nicht. Er drückte fester zu. Ernst ist der erste Mann in ihrem Leben, spricht von Heirat und von einer gemeinsamen Zukunft. Ihm aber geht es nur um eines: Er braucht einen Erben. Kurz nach der Entbindung flieht Margot aus dem Krankenhaus, denn sie ist überzeugt: Ernst will das Kind für sich allein und sie aus dem Weg räumen. In einer Wohngemeinschaft findet sie Unterschlupf bei den Hippies Kofi, Matratze, Seelenhubert und Heide. Margot wähnt sich in Sicherheit, bis sie nach einer durchzechten Nacht eine Leiche in ihrem Bett findet – eine, die ihr verblüffend ähnlich sieht … Als erste deutsche Autorin von Kriminalromanen hat Irene Rodrian Krimigeschichte geschrieben. Bei dotbooks erscheinen ihre Klassiker nun exklusiv im eBook. Jetzt als eBook: „Küsschen für den Totengräber" von Irene Rodrian. dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 207

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Über dieses Buch:

Er ist der erste Mann in ihrem Leben, spricht von Heirat und von einer gemeinsamen Zukunft. Ihm aber geht es nur um eines: Er braucht einen Erben. Kurz nach der Entbindung flieht Margot aus dem Krankenhaus, denn sie ist überzeugt: Ernst will das Kind für sich allein und sie aus dem Weg räumen. In einer Wohngemeinschaft findet sie Unterschlupf bei den Hippies Kofi, Matratze, Seelenhubert und Heide. Margot wähnt sich in Sicherheit, bis sie nach einer durchzechten Nacht eine Leiche in ihrem Bett findet – eine, die ihr verblüffend ähnlich sieht …

Als erste deutsche Autorin von Kriminalromanen hat Irene Rodrian Krimigeschichte geschrieben. Bei dotbooks erscheinen ihre Klassiker nun exklusiv im eBook.

Über die Autorin:

Irene Rodrian, 1937 in Berlin geboren, erhielt für ihren Roman Tod in St. Pauli 1967 den begehrten Edgar-Wallace-Preis. Seither hat sie sich mit zahlreichen Bestsellern in einer Gesamtauflage von mehreren Millionen und als Drehbuchautorin (Tatort, Ein Fall für Zwei) einen Namen gemacht. Irene Rodrian lebt heute in München.

Bei dotbooks erschienen bereits Irene Rodrians Barcelona-Krimis über das Ermittlerinnen-Team Llimona 5 (Meines Bruders Mörderin, Im Bann des Tigers, Eisiges Schweigen und Ein letztes Lächeln) sowie die Reihe Krimi-Klassiker (Tod in St. Pauli, Wer barfuß über Scherben geht, Finderlohn und Die netten Mörder von Schwabing, weitere Titel sind in Vorbereitung).

Die Autorin im Internet: www.irenerodrian.com und www.llimona5.com

***

Neuausgabe Dezember 2013

Copyright © der Originalausgabe 1974 Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

Titelbildabbildung: © Aleksey Stemmer - Fotolia.com

ISBN 978-3-95520-447-1

***

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Irene Rodrian

Küsschen für den Totengräber

Kriminalroman

dotbooks.

Die Hauptpersonen

MARGOT GRIMM die aufsässige Kindsmutter

BORIS GRIMM die umstrittene Leibesfrucht

ERNST LORENZ der angefochtene Kindsvater

GISELA LORENZ seine ergebene Ehegattin

HELMUT BERTRAM der unermüdliche Erzeuger

BRIGITTE BERTRAM seine gute Hoffnung

KLAUS LORENZ der Neffe vom Chef

ANTON SCHNEEBECK ein redlicher Unternehmer

STEFAN SCHNEEBECK sein redlicher Sohn

KOFI OCRAN da bleiben unsere Entwicklungsgelder!

GÜNTER LOHFELD eine Schande fürs ehrbare Handwerk!

HUBERT SCHÄFER nicht mal auf die Kirche ist noch Verlaß!

HEIDE EGGERT so eine!

GEORG MÜHLBAUER

1

Pressen, verdammt nochmal. Pressen! NEIN. Helfen Sie doch endlich mit! ICH WILL NICHT. Stellen Sie sich nicht so an, verflucht, ICH KANN NICHT. Sie sind schließlich nicht die erste. ES ZERREISST MICH. Pressen! NEIN. Sie sollen sich nicht so verkrampfen, zum Kuckuck. ICH WILL NICHT STERBEN. Vorsicht, jetzt! HILFE. ICH STERBE. HILFE! Müssen sie aufstechen. NEIN! NEIN! Ja, weiter. Weiter! ICH KANN NICHT MEHR. Puls? KANN NICHT. Schwächer. STERBEN. Schwester, schnell! AUFHÖREN. LASST MICH DOCH. BITTE!

Stille.

Sie bewegte sich. Ein Bett. Kühle. Sie lag auf dem Rücken, die Beine ausgestreckt. Öffnete die Augen. Ein Fenster. Sonnenlicht, gelb gedämpft. Die Decke über ihrem Körper flach. FLACH. Kein Ballonberg mehr in ihrem Bauch. Weg. Vorbei.

Die Augen schlossen sich von selbst. Kreißsaal. Angst. Schmerzen, Schreie. Ein Stück Vieh auf der Schlachtbank. Flüche. Aufstechen, NEIN. Fruchtblase. Geplatzt. Dem Kerl mitten ins Gesicht. Widerlich, dieser Arzt. Haß. Arzt?

Ein Mann.

Das fremde Zimmer. Allein. Nicht allein. Ihre Augenlider waren schwer. Wollten sich nicht heben. Ihr rechter Arm. Noch etwas. Ein scharfer Schmerz, der ihre Bewußtlosigkeit zurückdrängte. Verschwommen die Hornknöpfe einer Anzugjacke. Ihr Arm. In der Ellbogenbeuge eine Injektionsspritze. Hände. Schwester. Nein, Männerhände.

Chrom funkelte in der Sonne. Langsam kroch der Kolben im Glas höher. Die Kanüle steckte unter ihrer Haut. Blut. Der Kolben stand. Luft. Die Finger der Hand spannten sich, um den Kolben herunterzudrücken.

Sie schrie.

Der Kolben zögerte. Am Ringfinger ein eingedrückter Streifen, wo sonst der Ehering steckte. Sie schrie noch einmal. Heiser. Schrill.

Die Hände ließen los. Die Spritze fiel um und hing schwer an ihrem Arm. Schritte. Das Klappen einer Tür. Dunkelheit.

Das blendende Weiß eines Schwesternkittels. Hände, die an ihrer Decke herumzupften. Frauenhände, sachlich grob.

DER MANN. HAT SICH VERSTECKT. MEIN ARM. DIE SPRITZE. LUFT. TOD.

«So, wunderbar, sind wir wieder zu uns gekommen. Alles in Ordnung.» Die Stimme der Schwester geschäftig monoton.

NEIN! War es nicht laut genug? Gedanken. Worte. «Der Mann!» Lauter. «Die Spritze. Arm.»

Die Hände bemerkten die Spritze, faßten sie, zogen. Gemurmel: «Na, ja ... schon mal vorkommen ... halt vergessen ... halb so wild ...» Watte mit einer kalten Flüssigkeit. Vorwurfsvoll: «Sie haben sich aber auch angestellt!» Heftpflaster. Und die Decke über den Arm festgesteckt. Munter: «Es ist ein Junge. Alles dran.» Gelächter. «Wollen Sie ihn sehen?»

«Nein!»

Ein Schneeberg schob sich über ihren Kopf. Schmale Lippen. Strafende Augen. «Sie könnten sich allmählich dran gewöhnen, daß Sie Mutter sind ...» Pause. «... Fräulein Grimm!»

«Der Mann! Versteckt ... Umbringen ...»

«Schon gut, schlafen Sie erst mal.» Ein Tuch, das über ihre Stirn streicht, sanft diesmal.

«Hierbleiben. Helfen! Mann ...»

«Ja, ja, ist ja schon gut. Alles in Ordnung. Schlafen Sie jetzt. Schlafen!»

NEIN. NICHT ALLEIN LASSEN. ER WARTET. WILL MICH TÖTEN. WILL MICH ...

Schlafen.

2

Der Schrank war so niedrig, daß er nicht aufrecht drin stehen konnte. Seine Nackenmuskeln schmerzten. Ein Kleid hing über seinem Gesicht. Kratziges Leinen. Er schielte nach oben zu dem Kleiderbügel, drehte sich vorsichtig, um ihn weiterzuschieben. Die Hände zitterten unkontrolliert. Hustenreiz erstickte ihn. Er preßte eine Hand vor den Mund, schluckte, hielt die Luft an ...

Wird die denn nie fertig da drin?

Er versuchte, seine Stellung zu verändern. Lautlos. Stieß gegen das Kleid. Der Bügel quietschte, als er auf der Stange weiterrutschte. Er erstarrte, atmete flach; Schweiß tropfte ihm von der Stirn in die Augen, brannte.

Schritte kamen näher, hielten beim Schrank an. Die innere Zimmertür klappte. Dann die äußere Tür. Die Stimme der Krankenschwester: «...Das Letzte! Nicht mal sehen will sie den armen Wurm!»

Er holte tief Luft und wartete noch einen Moment, bevor er die Schranktür aufschob.

Sie schlief.

Sie lag auf dem Rücken, den Kopf halb zur Seite gedreht, die Decke bis ans Kinn gezogen, sorgsam glattgestrichen. Wie aufgebahrt ... Er machte einen Schritt auf das Bett zu. Es war gut einen Meter hoch. Man konnte herunterfallen. Im Schlaf zum Beispiel, nach einer Narkose; konnte sich das Genick brechen ... Noch einen Schritt. Er wischte seine Hände am Anzugstoff trocken. Er sah sich um. Der Nachttisch mit der Blumenvase. Seine Blumen. Fünfundzwanzig rote Rosen ... Ihr Gesicht war weiß. Fast so weiß wie das Laken.

Die Nische mit Toilette und Waschbecken. Der Einbauschrank. Man müßte mit dem Kopf zuerst ...

Sie schlief völlig reglos. Schien nicht einmal zu atmen.

Auf der anderen Seite ein verstellbarer Krankentisch. Und darauf die beiden dicken Kopfkissen. Weiß. Schwer. Er ging um das Bett herum, packte ein Kissen, zögerte ...

Nein.

Doch.

Ich kann nicht.

So leicht geht es nie wieder.

Ich kann nicht ...

Er beugte sich vor und drückte das Kissen auf ihren Kopf. Es ging leicht, als er ihr Gesicht nicht mehr sehen mußte. Sie bewegte sich noch immer nicht. Er drückte fester zu.

Plötzlich bäumte sich ihr Körper auf. Die Füße schlugen. Die Hände zappelten wie gefangene Katzen unter der festgesteckten Decke. Er schloß die Augen und legte sich mit seinem ganzen Gewicht über das Kissen. Der Körper unter ihm warf sich hin und her, hob sich, bog sich. Das Bett rollte ein Stück von ihm weg. Er ließ das Kissen nicht los. Stunden. Monate. Jahre ... Ihr Körper fiel schlaff zurück. Nur die Füße traten noch ein paar leere Schritte.

Aus.

Er zwang sich, den Druck auf das Kissen noch nicht zu verringern. Er hörte das Hämmern unter seinen Rippen, fühlte das Klopfen in seinem Hals. Er starrte auf die Tür. Dann ließ er das Kissen plötzlich los, erreichte mit zwei Sätzen den Schrank und zog die Tür hinter sich zu, als die Außentür des Zimmers geöffnet wurde. Die Innentür. Die Stimme der Krankenschwester:

«Meine Güte, was haben Sie denn jetzt schon wieder angestellt!» Schritte.

Er schob die Schranktür einen Spalt weit auf. Die Zimmertüren waren noch offen, direkt vor ihm. Er huschte hinaus.

Als er hinter sich den Schrei der Schwester hörte, hatte er schon den Flur überquert, die Besucherecke erreicht. Polstersessel, Gummibäume bis an die Decke ... Er blieb stehen, schaute zwischen den fleischigen Blättern hindurch.

Die Schwester kam aus dem Zimmer gerannt. «Leni! Den Doktor. 207, schnell!» Sie riß die Tür zum Schwesternraum auf, kehrte ihm den Rücken zu.

Er brauchte drei Schritte, um auf die andere Seite des Flurs zu kommen, und zehn bis zur Treppe. Er schaffte es, ruhig zu gehen, sich nicht umzuschauen. Eine Frau in einem wattierten Morgenmantel zog sich keuchend am Treppengeländer hoch. Sie beachtete ihn nicht.

Erster Stock. Er lehnte sich für einen Augenblick erschöpft an die Wand und merkte, daß er nicht allein war. Ein junger Mann, einen Blumenstrauß in der Hand, grinste zu ihm herüber, sah auf die Uhr und hatte ihn schon wieder vergessen.

Er versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden, aber seine Hände bekamen die Packung nicht auf. Er steckte sie in die Tasche und sah auf. Am Ende des Ganges tauchte ein Arzt auf, jung, dünn, blond; Brille.

Er kam auf ihn zu, hatte ihn erkannt. «Tag, Herr Lorenz. Herzlichen Glückwunsch!»

Er versuchte, etwas zu sagen, zu lächeln, sich zu bewegen. Die Muskeln machten nicht mit.

Der Arzt schien Zeit zu haben. «Ein Sohn ...»

«Ja, ich weiß ... Schon telefoniert ...»

Die Augen hinter den Brillengläsern beobachteten ihn. Grinsen. «Wir haben hier ja jede Menge nervöse Väter, aber bei unehelichen ...» Das Grinsen verschwand: «Pardon!» Einlenkend: «Möchten Sie die Mutter sehen?»

«Nein ...» Er räusperte sich. «Nein, nein, danke.» Quälte sich ein Lächeln ab. «Sie schläft doch sicher. Ich komm lieber nachher nochmal. Wollte nur ein paar Blumen ... Und fragen, ob alles ...»

«Verstehe. War ein bißchen schwierig am Anfang. Na ja, das erste. Aber jetzt ...» Lächeln: «Mutter und Kind wohlauf.»

«Doktor! Herr Doktor!» Eine Lernschwester am Treppenabsatz. «Schnell – zwohundertsieben ...»

«Ich komme!» Ohne Lächeln: «Entschuldigen Sie mich bitte.»

Er beobachtete, wie die beiden weißen Kittel die Treppe hinaufflatterten. 207. Fräulein Margot Grimm. Geglückte Geburt mit lethalem Ausgang. Bedauern. Eine verschleierte Erklärung für die Angehörigen. Unmöglich, zuzugeben, daß die Oberschwester die Patientin, die sich nach einer schweren Geburt in einem Zustand offensichtlicher Geistesverwirrung befand, allein ließ ... Vater und Sohn wohlauf.

Vater.

Er setzte sich in Bewegung. Der Vater ist noch im Haus ... Er begann zu laufen. Kaum vorzustellen, daß sie sich selbst das Kissen so fest ... Er rannte. Steinerne Treppenstufen. Erdgeschoß. Linoleumblinkende Gänge und Flure ohne Ende. BLOCK IV, Augenklinik. Pfeil rechts, BLOCK III, Urologie. Geradeaus. BLOCK II. Männer in Bademänteln. Krücken. Rollstühle. Weiße Verbände. Kiosk, Blumenladen, Post ... Er ging langsamer.

Die Halle. Besucher, Wartende, Neuankömmlinge. Und der Pförtner zwischen Glasfenster und Telefonanlage. Es läutete, als er nur noch fünf Schritte bis zu den Glastüren hatte. Der Pförtner hob ab, meldete sich und stöpselte um. Wandte sich einem Besucher zu.

Auf dem Platz vor dem Krankenhaus schien die Sonne. In den Rabatten blühte es gelb und weiß. Ein Taxi hielt, ein Mann half einer hochschwangeren Frau heraus. Das Taxi fuhr zum Standplatz weiter.

Kein Fenster ging auf, kein Schrei hielt ihn zurück, keine Hand packte ihn. Eine Straßenbahn fuhr vorbei, und der Polizeiwagen, der aus der Nebenstraße kam, ordnete sich ein, überholte und verschwand.

Nicht mal ein Strafzettel klemmte hinter dem Scheibenwischer seines BMW, obwohl er mitten in der Halteverbotszone stand. Er setzte sich hinter das Steuer und holte den Zündschlüssel aus der Tasche. Gas geben; losrasen: Bank. Paß. Flugplatz. Ausland ... Mörder fliehen für gewöhnlich.

Nein.

Nein, es war kein Mord. Er steckte den Zündschlüssel ins Schloß, ohne ihn umzudrehen. Es war eigentlich ... Es war ein Unfall. Den Ehering hatte er in der Brusttasche, er ließ sich nur schwer über den schweißfeuchten Finger schieben. Ja, ein Unfall. Er zog eine Zigarette aus der Packung und zündete sie an. Die Flamme zitterte kaum. Ein Unfall.

Absichtlich fuhr er nicht geradeaus, sondern wendete, um noch einmal am Krankenhaus vorbeizukommen. Langsam. Noch langsamer ... Nichts.

Hinter ihm hupte ein Taxi, und er beschleunigte wieder. In der Ludwigstraße staute sich die Autoschlange bis zum Siegestor. Benzingestank. Er schloß das Fenster. Der Rauch seiner Zigarette kroch an der Frontscheibe hoch und blieb unter dem Verdeck hängen. Kupplung. Gas. Zwanzig Zentimeter. In dem VW vor ihm saßen zwei schwarzhaarige Mädchen. Ein Moped quetschte sich vorbei, hoppelte auf den Gehweg und fuhr vor. Fünfzig Zentimeter. Seine Hände lagen trocken und kühl auf dem Lenkrad. Krankenhäuser sind ideal. Alle halten zusammen. Nur kein Skandal. Ein Porsche versuchte, auf der Gegenfahrbahn zu überholen. Ein Martinshorn jaulte auf. Sein Fuß erstarrte auf dem Gaspedal. Der Porsche preschte erschrocken vor, quetschte sich vor dem VW in die Schlange und ...

Der Aufprall riß ihn hoch. Die Mädchen kletterten aus dem VW und kamen mit wütenden Gesichtern auf ihn zu. Er begriff nicht. Ein Mädchen rief etwas. Er stieg aus. Seine Knie schlotterten. Das Martinshorn ... Die Stoßstangen hatten den Aufprall abgefangen. Bei dem BMW war etwas Chrom abgeplatzt, beim VW höchstens der Rost.

«Tut mir leid ...» murmelte er hilflos.

«...allein der Schock!» sagte das eine Mädchen gerade. «Wie wollen Sie den wiedergutmachen?»

Er lächelte mechanisch, registrierte mechanisch, daß sie Jeans trug und einen Pulli und augenscheinlich keinen BH.

Die Autokolonne kam in Bewegung.

«Komm schon», sagte das andere Mädchen und starrte herausfordernd auf seinen Ehering. «Laß ihn heim zu Mami.»

Hinter ihnen begannen sie zu hupen. Die Mädchen stiegen in ihr Auto. Er fuhr hinterher und spielte die Szene in Gedanken weiter. Die Autonummer des VW, die Namen der Mädchen, ein Cafe, eine Bar, ein Apartment oder irgendein Hotelzimmer ... Erst als er zum mittleren Ring abbog, merkte er, daß der VW längst nicht mehr vor ihm herfuhr, und daß er sich weder an die Nummer erinnern konnte noch an die Farbe. Beige oder grau oder lindgrün oder sowas ... Margot hatte auch dunkle Haare. Aber nicht so dunkel. Mehr braun.

In der Tiefgarage war massenhaft Platz, und er hatte keine Schwierigkeiten, den BMW in seine Box zu bekommen. Im Fahrstuhl drückte er auf den obersten Knopf und wartete auf das ziehende Gefühl im Magen, an dem er die Bewegung erkennen konnte. Kein Geräusch, keine Luft, kein Tageslicht. Graue Zellenwände. Sein Magen drückte gegen das Zwerchfell, die Lifttür glitt zur Seite. Statt dem Schlüsselrasseln eines Gefängniswärters nur ein dünnes Zischen. Eine kurze Treppe und ein Vorplatz mit poproten Tapeten.

Gisela mußte auf ihn gewartet haben. Er hatte den Schlüssel noch nicht einmal ganz aus der Tasche gezogen, als sie die Tür schon aufriß. «Endlich!»

Er ging an ihr vorbei. Jalousien zerschnitten das Sonnenlicht in Gitterstäbe. Er schaltete den Motor ein, der die Jalousien an den Fensterwänden hochrollte. Tief unter ihm lag die Stadt. Seine Stadt mit seinen Häusern und seinen Türmen und seinen Straßen. Und seinen Cafés und seinen Mädchen.

«Sag doch schon endlich!»

Und den Streifenwagen und den Polizeirevieren und den Gefängnissen.

«Ernst!»

Er drehte sich um.

Sie sah ihn an, als könnte sie die Antwort aus ihm herausstarren. «Was ist?»

«Ich brauch was zu trinken.» Er beobachtete sie, wie sie über den weißen Spannteppich zu der schwarzen Hausbar mit den Zebrafellhockern ging. Sie hatte einen rot-orange geblümten Hausanzug an, der die schwarz-weiße Harmonie zerstörte, und für den sie viel zu dick war. «Bier und Korn.» Der schimmernde Stoff spannte sich über ihrem Hintern, als sie sich zur Eisbox hinunterbückte. Ein Becken, breit genug für Drillinge. Nutzlos. Unfruchtbar. Scheißnatur.

«Sag doch schon!» Sie stellte ein Pils und einen Korn vor ihn hin. Ihr rundes Kindergesicht war angespannt. «Sag doch!» Eine steile Falte zwischen ihren Augen. «Ist was ... passiert?»

«Nein.» Er trank den Korn. Eisig, klar, betäubend. «Wieso, was soll passiert sein? Alles okay.»

«Ja, wirklich?» Die Falte glättete sich etwas.

«Sicher. Ein Junge.»

Die Falte verschwand ganz. «Na, siehst du!»

Blaue Augen, helles Haar. Üppige Blondine: jung, gesund, lieb und anschmiegsam. Er haßte diese idiotische, völlig unverdiente und unangebrachte Zufriedenheit in ihrem Gesicht. Schwieg. Die Falte kehrte zurück.

«Ist doch was?»

«Nichts.» Das Bier schäumte.

«Ich seh's dir doch an! Du ... Du machst dir Sorgen, ja?»

«Blödsinn.» Auch noch Mitgefühl! «Wieso denn?»

«Daß ... Daß dieses ...» Sie holte die Kornflasche, um ihn nicht ansehen zu müssen: «... dieses Mädchen, daß sie ... nicht mitmacht.»

«Was?» Seine Stimme klang scharf. «Was nicht mitmacht?» Der Korn war neben das Glas geschwappt. Sie nahm ein Papiertaschentuch, wischte emsig herum. Sah nicht auf. «Ich mein ja nur ... Weil du gesagt hast, daß sie ... daß sie es anfechten will ...»

«Nein», sagte er langsam, «das wird sie nicht tun.»

3

Das verschrumpelte Gnomengesicht war ihr noch immer fremd. Blicklose Wasseraugen, eine Erbsennase und schlotterdünne Greisenhaut, die viel zu weit war für den kleinen Kopf und nur über der unförmigen Glatze straff saß. Sie hielt den Gnom ein Stück von sich weg.

«Ja, Söhnchen, das behaupten die. Daß du mein Sohn bist. Aber die behaupten ja viel. Haben dich vielleicht vertauscht. Wieso wickeln sie dich dauernd ein wie eine Mumie? Damit ich nur dein Gesicht sehen kann und deine Affenpfötchen mit dem Schild Boris Grimm? Packen dich zweimal am Tag in mein Bett, damit ich Muttergefühle entwickeln soll. Ohne mich zu fragen, natürlich. Sogar taufen wollten sie dich.»

Der Gnom schrie.

Margot legte ihn neben sich. Die winzigen Finger mit den viel zu großen flachen Nägeln griffen leer in die Luft. Der bläuliche Mund schnappte. Sie drehte ihn etwas herum, bis die Lippen die Brustwarzen umschließen konnten. Die Faltenbacken zogen sich vor Anstrengung nach innen, als er zu saugen begann. Sie schloß die Augen und genoß das Lustgefühl, das bis zu ihren Schenkeln drang. Aber die Spannung löste sich nicht. Der. Gnom kaute enttäuscht mit seinen zahnlosen Kiefern auf der Warze herum.

«Kann ich doch nichts dafür. Dauernd pumpen die mich mit irgendwelchem Zeug voll, das mich ganz blöd macht. Alles voller Gift, ‹Beruhigung› nennen sie das. Und in dich stopfen sie Chemiemilch aus der Flasche rein und geben mir dann die Schuld, wenn ich nichts mehr habe. Als ob mich auch nur irgendeiner vorher gefragt hätte, ob ich deine Mutter sein will.»

Der Gnom sabberte Schaumbläschen.

«Und du? Wer hat dich gefragt? Mensch, Söhnchen, dich hat ja schon überhaupt keiner gefragt. Aber auch niemand. Nicht mal in Gedanken. Und plötzlich bist du mittendrin in dieser Welt voller Injektionsspritzen und Plastikschnuller. Klein und schrumpelig und allein ... Okay, Söhnchen!» Sie drückte ihn plötzlich an sich, schluckte. «Okay. Versprochen. Großes Ehrenwort: Du bist nicht allein. Du hast mich. Ich bin da. Ich hol dich raus hier. Ich bleib bei dir. Ich werd dich lieben. Ich werd's lernen. Ich werd's können. Und vielleicht wirst wenigstens du einmal ... frei sein.» Dumme Gans. Werd nicht pathetisch.

Der Gnom schrie, so laut er konnte.

Die Tür flog auf, und die Schwester stürzte herein. «Was machen Sie denn jetzt schon wieder mit ihm?» Sie riß ihn unter Margots Arm hervor und stampfte zur Tür, ohne sich noch einmal umzusehen. «Verboten sollte sowas sein!»

Der Gnom schrie, bis sein Gesicht violett anlief. Erst als die Außentür zukrachte, konnte Margot sein Schreien nicht mehr hören.

Keine Angst, Söhnchen, keine Angst. Es dauert nicht mehr lang. Versprochen ist versprochen ... Margot packte mit der rechten Hand das Holzreck über ihrem Kopfende und zog sich hoch. Neben ihr, auf dem Nachttisch, stand ein Glas mit Pfefferminztee. Und das Schälchen mit den Beruhigungspillen. Sie setzte sich hoch, wartete einen Moment und stand auf.

Das Zimmer schwankte.

Sie hielt sich an der Wand fest, kippte die Pillen in das Glas und ging langsam zum Waschbecken hinüber. Goß den Tee mit den Pillen aus, spülte nach. Ging an der Wand entlang zum Bett zurück, stellte das Glas ab und legte sich unter die Decke. Das Schwindelgefühl ließ nach; sie schloß die Augen.

Die Schwester kam zurück, eine Hand hinter dem Rücken.

«Nein», sagte Margot und gab sich Mühe, nicht zu schreien ... Ruhig zu wirken, schläfrig.

«Doch!» Die Schwester blieb vor dem Bett stehen und holte die Hand hervor. Mit der Injektionsspritze.

«Nein, wirklich ...» Margot zwang sich zu einem Lächeln: «Ich brauch nichts. Ich hab grad die Pillen genommen.»

«So?» Die Schwester betrachtete mißtrauisch das leere Glas und das Schälchen. «Na, das ist brav ...» Erkaufte Erste-Klasse-Freundlichkeit. «Dann schlafen wir jetzt mal schön!» Sie ging zum Fenster, nahm die Blumenvase und zog die Vorhänge zu. Diesmal schloß sie die Tür leise.

Margot lehnte sich zurück. So leicht war das, wenn man ihnen das Gefühl gab, mitzuspielen. Sie waren sowieso stärker. Wie viele Tage ... Nein, Wochen: fast drei Wochen. Blumen, weiße Kittel, das Zimmer ... Sie versuchte, die Erinnerungsfetzen zeitlich zu ordnen, das Karussell in ihrem Kopf anzuhalten. Das Zimmer. Damit hatte es angefangen. Sie hatte in der dritten Klasse gelegen, und dann war sie hier aufgewacht. Weil er das angeordnet hatte. Und bezahlt. Im voraus. Und die Blumen; alle drei Tage, per Fleurop. Sie hatten sich einfach geweigert, sie wieder in die Dritte zurückzulegen. Seien Sie ihm doch dankbar! So ein netter Vater ... Aber wenigstens hatten sie ihn nicht mehr reingelassen, weil sie sich zu sehr aufregte. Der Mann im Anzug, den sie kannte, mit den Hirschhornknöpfen, die sie kannte, und den Händen, die sie berührt hatten. Mit der Druckstelle an dem Finger, an dem er immer den Ehering trug, wenn er nicht mit ihr zusammen war. Die Injektionsspritze. Und diese blöde Psychiaterkuh, die dauernd an sie hinquatschte: Halluzinationen, ausgelöst durch den Schock der Geburt. Angstneurose. Der Mann, dem sie unbewußt die Schuld gab. Vaterassoziation. Vergewaltigung. Paranoia. Blablabla.

Und wenn es stimmte? Wenn es wirklich Einbildung war?

An diese andere Sache konnte sie sich ja auch nicht erinnern. Daß sie sich angeblich nach der Narkose so herumgeworfen hatte, daß sie beinah in ihren Kissen erstickt war. Völlig weg; Blutungen, Beruhigungsmittel. Wachsamkeit der Schwestern, damit so etwas ja nicht nochmal passierte. In letzter Minute gerettet. Ihr konnten sie ja alles erzählen. Vor allem diese Kuh mit ihrem idiotischen Unterbewußtsein. Der Wunsch, sich zu töten, das Kind zu töten ... Nein, Söhnchen; ich weiß, daß das nicht wahr ist.

Oder doch?

Wenn sie doch recht hätten? Alle Verrückten glauben ja, normal zu sein. Und wenn sie schon einen Psychiater auf einen hetzen? Sowas kostet doch Geld!

Es spielt keine Rolle, Söhnchen. Ich hol dich raus. Das würde ich dir nie antun, daß er dich bekommt. Und einen Roboter aus dir macht ... Sie schwang die Beine aus dem Bett und stand auf. Fühlte sich viel besser als vorher. Stark genug. Dieser Mann. Von dem ich mir einmal eingebildet habe, ihn zu lieben. Sie ging vorsichtig zu dem Einbauschrank neben der Türnische. Ernst Lorenz. Der Fabrikantensohn, der unbedingt dein Vater sein will. Der Playboy. Der routinierte Liebhaber, der Lügner ... Sie öffnete den Schrank: ...und Mörder.

Klar und deutlich. Der erste Tag, an dem sie aufgestanden war, sich ein frisches Nachthemd aus dem Schrank geholt hatte: zwischen den Kleidern der Geruch von seinem Haarwasser.

Auch Einbildung?

Man sagt, daß von zu vielen Beruhigungsmitteln und Spritzen die Geruchsnerven angegriffen werden. Aber sie waren nicht angegriffen; sie haben gut funktioniert ... Eine andere Erklärung? Na, welche denn? Wie sollte ein exklusives teures Herrenhaarwasser in einen Schrank der Entbindungsstation kommen? Wie sollte sich der Geruch so lange halten, wenn er nicht frisch gewesen war ... Sie schnüffelte: Nichts.

Passagere Neurose, hervorgerufen durch Haß und Affektbindung an einen Mann, ausgelöst durch den Schock der Geburt. Oder so ähnlich.

Haß und Angst. Zugegeben. Sie zog ihre Reisetasche hervor und packte die Hemden und die Wäsche hinein. Das Umstandskleid, das sie angehabt hatte, als sie herkam. Sie ließ die lange Hose und den Pullover draußen, schloß den Schrank wieder und ging in die Waschecke. Mußte sich einen Moment auf das Waschbecken stützen. Ihr Spiegelbild sah ihr zu. Dunkel verschwitztes Haar über einem bleichen, mageren Gesicht. Sie räumte Seife, Zahnbürste und den ganzen Kram in den Baumwollbeutel. Schaffte es gerade noch bis zum Bett, bevor ihr schlecht wurde.

Zum Mittagessen gab es Kalbsbraten in der üblichen Mehlsoße, Salzkartoffeln und schlaffgekochte Karotten. Sie aß alles auf, sogar den parfümiert schmeckenden Bonbonpudding. Bestellte sich noch einen Kamillentee mit Orangensaft und Traubenzucker. Danach fühlte sie sich so gut wie in all den Wochen nicht. Es fiel ihr nicht einmal schwer zu lächeln, als die Schwester den Gnom hereinbrachte.

«Kann ich ihn heute etwas länger haben?»

Die Schwester stutzte, runzelte die Stirn.