Krimi-Klassiker - Band 6: Die netten Mörder von Schwabing - Irene Rodrian - E-Book

Krimi-Klassiker - Band 6: Die netten Mörder von Schwabing E-Book

Irene Rodrian

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Beschreibung

»Du bleibst. Jeder von uns bleibt. Wir gehören zusammen, und wir bleiben zusammen. Das Geld ist weg, und wir werden uns neues holen. Wir vier.« Dora sitzt am Schreibtisch, schaut aus dem Fenster und wartet auf den Kuss der Muse. Irgendwie will die teure Wohnung in München ja bezahlt werden – und als eher mittelmäßig erfolgreiche Krimiautorin verdient man keine Reichtümer. Inspiration – alles, was ihr fehlt, ist Inspiration! Als sich vor ihrem Fenster ein Bankraub abspielt, bei dem ein Mensch getötet wird, ist das für Dora doch etwas zu viel des Guten. Am folgenden Abend steht dann leider immer noch nicht die Muse vor ihrer Tür, sondern die Bankräuber, und Dora findet sich plötzlich in einem handfesten Kriminalfall wieder … Als erste deutsche Autorin von Kriminalromanen hat Irene Rodrian Krimigeschichte geschrieben. Bei dotbooks erscheinen ihre Klassiker nun exklusiv im eBook. Jetzt als eBook: „Die netten Mörder von Schwabing" von Irene Rodrian. dotbooks - der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 227

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Über dieses Buch:

Dora sitzt am Schreibtisch, schaut aus dem Fenster und wartet auf den Kuss der Muse. Irgendwie will die teure Wohnung in München ja bezahlt werden – und als eher mittelmäßig erfolgreiche Krimiautorin verdient man keine Reichtümer. Inspiration – alles, was ihr fehlt, ist Inspiration! Als sich vor ihrem Fenster ein Bankraub abspielt, bei dem ein Mensch getötet wird, ist das für Dora doch etwas zu viel des Guten. Am folgenden Abend steht dann leider immer noch nicht die Muse vor ihrer Tür, sondern die Bankräuber, und Dora findet sich plötzlich in einem handfesten Kriminalfall wieder …

Als erste deutsche Autorin von Kriminalromanen hat Irene Rodrian Krimigeschichte geschrieben. Bei dotbooks erscheinen ihre Klassiker nun exklusiv im eBook.

Über die Autorin:

Irene Rodrian, 1937 in Berlin geboren, erhielt für ihren Roman Tod in St. Pauli 1967 den begehrten Edgar-Wallace-Preis. Seither hat sie sich mit zahlreichen Bestsellern in einer Gesamtauflage von mehreren Millionen und als Drehbuchautorin (Tatort, Ein Fall für Zwei) einen Namen gemacht. Irene Rodrian lebt heute in München.

Bei dotbooks erschienen bereits Irene Rodrians Barcelona-Krimis über das Ermittlerinnen-Team Llimona 5 (Meines Bruders Mörderin, Im Bann des Tigers, Eisiges Schweigen und Ein letztes Lächeln) sowie die Reihe Krimi-Klassiker (Tod in St. Pauli, Wer barfuß über Scherben geht, Finderlohn und Küsschen für den Totengräber, weitere Titel sind in Vorbereitung).

Die Autorin im Internet: www.irenerodrian.com und www.llimona5.com

***

Neuausgabe Dezember 2013

Copyright © der Originalausgabe 1975 Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

Titelbildabbildung: © FloKu. / photocase.com

ISBN 978-3-95520-448-8

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Irene Rodrian

Die netten Mörder von Schwabing

Kriminalroman

dotbooks.

Die Hauptpersonen

Dora Kemperlernt nicht ganz freiwillig den Unterschied zwischen Theorie und Praxis kennen, woran sie nicht ganz unschuldig ist.

Uwe Ebbinghausübt immer Treu und Redlichkeit.

Max Lechenmayr Jakob Lehl Ferdinand Jaschik Vitus Datzmanngreifen zu und bemühen sich dann, nicht ergriffen zu werden.

Kriminalassistent Quirin Hofstetterhört zu und schreibt mit.

Oberinspektor Anton Gerstl

Die Autorin versichert, mit der in diesem Buch geschilderten Autorin nicht identisch zu sein. Letztere ist von ersterer ebenso erfunden worden wie alle anderen Personen der Handlung, die somit zwangsläufig nichts mit realen Ereignissen zu tun hat.

iRo.

1

Ich saß am Schreibtisch und war unproduktiv. Ich sah aus dem Fenster.

So groß war der Hund gar nicht, aber offenbar recht kräftig, denn er zerrte die alte Frau mit beeindruckender Lässigkeit hinter sich her über die Kreuzung. Farbenblind schien er auch zu sein. Die Fußgängerampel stand eindeutig auf Rot. Ein hellblauer VW bremste in letzter Sekunde, die Frau ließ den Hund los, er raste zielstrebig auf die kleine Grünanlage zu, und sie humpelte hastig von dem blauen VW weg. Dem Fahrer war der Motor abgestorben, hinter ihm bildete sich sofort die obligate hupende Autoschlange. Die Frau hatte die Anlage jetzt auch erreicht und wartete, bis ihr Hund die ersten drei Bäume absolviert hatte und zum Sandkasten lief, um sich größeren Vorhaben zu widmen.

Auf Welle Bayern 3 sang einer etwas von sunshine, happy sunshine, aber das weiß man ja, daß die Schlager alle gelogen sind. Die Wolkendecke über den Dächern zog sich auch immer mehr zusammen, und in spätestens einer Stunde würde es schütten. Hoffentlich. Ich arbeite viel lieber, wenn ich drin im Trocknen sitze und draußen die Leute naß werden, als wenn ich mich totschwitzen muß, während die anderen zum Baden fahren. Ich starrte also voller Erwartung hinaus und kaute an meinem Kugelschreiber (macht nicht dick und enthält keine Pflanzenschutzgifte), als das Telefon läutete. Hocherfreut über die Ablenkung nahm ich den Hörer auf.

»Du wolltest dich doch melden!«

Typisch Uwe. Kein »Guten Tag« oder »Wie geht es dir, Schätzchen?«, sondern erst mal ein Vorwurf. »Keine Zeit«, knurrte ich zurück.

»Sitzt du immer noch an dem Buch?« Immer noch war gut, ich hatte noch nicht einmal angefangen.

»Glaubst du, das geht so schnell? Es handelt sich schließlich um ein großes Werk.«

»Ich denk, du schreibst einen Krimi.«

»Kriminalroman«, sagte ich prononciert, aber Uwe ist ein Banause ohne Sinn für Zwischentöne. Er erzählte irgend etwas von einem neuen vielversprechenden Kunden, ich schaute aus dem Fenster. Vor der Bank hielt ein gepanzerter Geldtransporter; zwei Lederjacken mit umgeschnallten Pistolenhalftern trugen Geldsäckchen hinein. Nebenan kam ein Pärchen mit einem Schaukelstuhl aus dem Antiquitätengeschäft, sie ging mit dem schweren Teil vorn, er dirigierte von hinten. Mir fiel prompt die ganze Gedankenkette von unbezahlten Möbelrechnungen, Steuerschulden, Säumniszuschlägen und meinem überzogenen Bankkonto ein. Die Versuchung, Uwe anzupumpen, war groß, aber ich widerstand mannhaft. Kann man als Frau mannhaft ...? Na, egal. Ich pumpte Uwe also nicht an, denn er hätte das womöglich als Heiratsversprechen aufgefaßt. Außerdem, als mein Steuerberater und sogenannter fester Freund, wußte er ohnehin genau, daß ich pleite war; da hätte er mir doch von sich aus was anbieten können. Das hätte ich durchaus als positiven Zug gewertet. Aber ich wartete vergeblich. Nach ein paar düsteren Andeutungen und einer letzten Frist von fünf Minuten kniff ich ihm den Faden ab.

»Tut mir leid, aber jetzt muß ich wieder was tun.«

»Können wir uns nicht wenigstens auf eine Tasse Kaffee treffen?«

»Ich sag dir doch, ich hab keine Zeit.«

»Eine halbe Stunde wird doch wohl drin sein!«

Schon der Ton, mit dem er das sagte ... Nicht das geringste Einfühlungsvermögen. »Nein, eben nicht. Ich bin da gerade an einer schwierigen Passage.«

»Wenn man was will, dann kann man's auch«, beharrte er.

Und hatte nicht ganz unrecht. Ich wollte nicht.

Sein Ton wurde quengeliger: »Und gestern abend hast du auch keine Zeit gehabt, wie? Mußtest ja arbeiten. Leider hat Gert dich gesehen. In der Grünen 8. Mit so einem Typen, mit dem du reichlich ...«

»Das waren Recherchen«, unterbrach ich ihn. »Tschüs.« Ich legte auf.

Zwei Sekunden später läutete es wieder. Ich ließ es läuten. Das fehlte mir gerade noch – Uwes endlose Diskussionen über Eifersucht und Freiheit oder womöglich über Liebe und Treue ... Ich riß ein neues Zigarettenpäckchen auf und steckte mir eine an. So ein Kacknest wie Schwabing gibt's auch nicht noch mal. Keinen Schritt kann man machen, ohne daß einen einer dabei sieht und alles weitertratscht. Daß sich so einer wie Gert überhaupt in die Grüne 8 reintraute. Gesehen hatte ich ihn jedenfalls nicht. Okay, zugegeben, ich war auch mit was anderem beschäftigt gewesen. Max hieß er. Ein unheimlich scharfer Typ. Angeblich hatte er schon mal gesessen. Na gut, vermutlich wegen Suff am Steuer. Immerhin hatte es mir ziemlich gestunken, als er so plötzlich verschwunden war. Aber im Moment gab's für mich sowieso nur eins: die dichterische Askese ... Ich rückte den Stapel leerer Bogen zurecht.

Dann sah ich wieder aus dem Fenster.

Es tröpfelte schon ein bißchen. Wenn mir doch bloß was einfallen würde. Das heißt, eingefallen war mir ja schon reichlich genug. Ein Klasse-Plot von einem Jungen, den seine Eltern praktisch dazu zwingen, sie zu ermorden, eine wunderschöne Parabel für Täter und Gesellschaft. Aber die Geschichte haben und sie hinschreiben sind zwei Paar Stiefel. Ich schielte nach dem Kalender. Schon der 20.! Und der endgültige Termin war ... Nur nicht dran denken. Entspannen, lockern. Ich zog ein Blatt in die Schreibmaschine und schaltete sie an. Sie surrte aggressiv. Ich knipste sie wieder aus und starrte aus dem Fenster.

Vor der Bank hielt ein grüner Peugeot. Die Türen auf der rechten Seite gingen auf, drei Männer stiegen aus und sahen sich um. Kein Wunder, der Wagen stand im Halteverbot. Der Fahrer war sitzengeblieben und schien den anderen nachzusehen, als sie auf die Glastüren der Bank zugingen. Sie trugen so eine Art Wollmützen, was bei dem Wetter ein bißchen seltsam aussah, und einer hielt einen dicken Regenschirm im Arm. Sie drückten die Türen auf und gingen hinein. Natürlich waren das keine Mützen gewesen, sondern Masken. Und der Regenschirm war eine Maschinenpistole – wozu geht man denn ins Kino? Und vermutlich waren sie eben dabei, drin alles niederzumähen und eine Million einzusacken oder zwei. Was mußten diese Banken sich auch so breitmachen. Schon diese protzige Leuchtschrift: BANKHAUS FISCHER. Vor einem halben Jahr war in dem Haus noch eine Buchhandlung gewesen, aber Banken können ja bekanntlich mehr Miete zahlen, wenn sie nicht gleich das ganze Viertel aufkaufen. Hübsche Vorstellung, wie ihnen da jetzt ihre Heilige Kuh entrissen wurde ... Ich steigerte mich immer mehr in die Szene rein und malte sie mir in Supercolor-Breitwand aus: die dezente Eleganz der Schalterhalle mit dem teakholzgetäfelten Tresen und den schwarzledernen Sesseln, die entsetzten Gesichter der Bankheinis und die kühnen Gestalten der Outlaws, die sich mit Entschlossenheit und notfalls mit Gewalt ihren Anteil am Bruttosozialprodukt ... Robin Hood. Rinaldo Rinaldini. Der Schinderhannes.

Der grüne Peugeot stand immer noch da. Komische Nummer mit drei Dreiern hinten.

Schade. Ich seufzte. In Wirklichkeit passiert so was immer nur woanders. Aber garantiert nie unter den Fenstern von Deutschlands größter, wenn auch ärmster Kriminalautorin. Auf Welle Bayern 3 sang mittlerweile good old Satchmo, und draußen fing es endlich an zu regnen.

Die Glastür der Bankfiliale wurde aufgestoßen, und die drei Typen stürzten heraus. Sie hatten Tragetüten bei sich. Einer stolperte, die anderen rannten fast über ihn drüber, rissen die Türen des Peugeot auf, warfen die Tüten hinein und hechteten hinterher. Der dritte rappelte sich auf und riß sich etwas vom Gesicht – tatsächlich eine Maske! –, warf seinen Regenschirm in den Wagen – es war eine Maschinenpistole! – und sprang auch hinein. Die Alarmsirene heulte auf, und der Peugeot fuhr an, bevor die letzte Tür ganz geschlossen war, und hinterließ nichts als eine blaue Auspuffwolke.

Zwei Männer kamen aus der Bank gerannt und fuchtelten mit der Armen; Passanten blieben stehen oder liefen hin. In kurzer Zeit hatte sich vor dem Bankeingang ein Menschenauflauf gebildet.

Ich saß da und glotzte. Das war keine Einbildung, kein Krimi, kein Film. Das war real. Das war wirklich passiert. Und direkt unter meinem Fenster, vor meinen Augen. Ich zündete mir eine neue Zigarette an. Die Flamme des Feuerzeugs zitterte. Ich hätte gern etwas getrunken, aber ich hatte Angst aufzustehen, die Szene auf der Straße auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. In meinem Kopf sprangen die Gedanken wie aufgescheuchte Kaninchen umher. Ich mußte etwas tun. Ich war Zeuge eines Banküberfalls geworden. Oder, um genau zu sein, Zeuge der Flucht. Vier Täter, ein grüner Peugeot und eine Nummer, die auf 333 endete. Was tut man in so einem Fall? Blöde Frage: Man ruft die Polizei an und meldet, was man gesehen hat. Das Telefon stand rechts neben dem Papierstapel. Notruf 110 ... Ich stand auf, rannte in die Küche, riß die Wodkaflasche aus dem Kühlschrank, schnappte mir ein Glas und saß schon wieder am Schreibtisch.

Die Menschenmenge quoll inzwischen schon über den Bürgersteig, wurlte hin und her, fror plötzlich fest, als hätte jemand den Film angehalten. Dann hörte ich das Martinshorn auch und sah fast gleichzeitig die beiden Funkstreifenwagen in die Franz-Josef-Straße einbiegen. Uniformierte sprangen heraus und quetschten sich durch die Menge zu den Glastüren hin.

Ich nahm einen zu großen Schluck und mußte husten. Wenn das jetzt meine Bank wäre, und wenn sie Pleite machen würde, und wenn ich dann ... Blödsinn. Die sind doch versichert.

Und wenn jemand verletzt worden ist?

Ich begann zu frieren, und gleichzeitig brach mir der Schweiß aus. Es war, als ob ich für einen Sekundenbruchteil jede einzelne Pore meiner Haut spüren könnte. Ich stellte das Wodkaglas ab, es schwappte über. Wenn sie geschossen hatten ... Wenn sie womöglich einen Menschen getötet ... Ich mußte anrufen.

Ich saß regungslos da.

Ich brachte es nicht fertig. Die Polizei anrufen, die Autonummer melden ... Denunzieren. Denn etwas anderes war es doch nicht. Was passiert war, war passiert – ich konnte daran nichts mehr ändern. Wenn ich jetzt anriefe, würde ich mich um keinen Deut anders verhalten als diese überschlauen kleinen Jungen oder die alten Rentner in den Fernsehkrimis, die sich immer zufällig alle Autonummern aufschreiben und dann eifrig melden ... Ich hasse Denunzianten. Und ich habe in meinen Büchern immer Partei ergriffen für Leute wie diese vier, die die Bank überfallen hatten. Na ja – Partei ergriffen ... Es gibt ja Verlage, die drucken so was nicht. Also, ich habe immer Verständnis für sie gezeigt.

Aber dies war kein Buch, und es war auch kein Fernsehfilm. Mit aufjaulendem Sirenenton raste ein Krankenwagen vom Malteser Hilfsdienst die Friedrichstraße herunter und hielt hinter den Funkstreifenwagen. Die Menge wandte sich von den Schaufenstern ab und den beiden weiß-gekleideten Sanitätern zu, die mit einer Bahre auf die Tür zugingen. Der schmale Weg, der sich vor ihnen öffnete, schloß sich hinter ihnen sofort wieder. Weitere Polizeiautos kamen, spuckten blaue Uniformen aus, die die Menge zurückdrängten und sich über den Habsburger Platz verteilten. Dann kam ein BMW ohne Polizeiaufschrift und Sirene; zwei Männer in Zivilanzügen gingen in die Bank. Gleich darauf hielt ein weißer Mercedes, und ein Chauffeur mit Mütze riß den Schlag auf für einen dicken Typ in Nadelstreifen. Die Blauen hatten Mühe, die Menge zurückzuhalten. Es war genauso wie im Fernsehen. Alle waren sie da, die Streifenbeamten, die Kripo und der Bankdirektor.

Ich hätte runtergehen und dort mit den Kripo-Leuten reden können. Das wäre doch ein Clou gewesen: Bekannte Kriminalautorin liefert der Polizei den entscheidenden Hinweis. Agatha Christie in voller Aktion. Schlagzeilen in der Presse. Doppelte Auflagen für meine Bücher, Einladung zu diversen Talk-Shows. Ich lachte hysterisch vor mich hin, nahm noch einen Schluck aus dem Glas, merkte, daß mir schlecht war und daß auch der Wodka nichts half.

In die Menge hinter dem Polizeikordon kam Bewegung. Die Sanitäter kamen aus der Bank. Auf der Bahre lag eine regungslose Gestalt. Ich sprang auf und beugte mich vor. Sie war mit einem Tuch zugedeckt. Ich versuchte zu erkennen, ob das Tuch über den Kopf gezogen war oder nur bis zum Hals, aber der eine der beiden Sanitäter versperrte mir die Sicht, und dann war die Bahre schon im Wagen, der gleich darauf mit heulender Sirene davonraste. Einer der Polizisten schien genau zu meinem Fenster heraufzuschauen. Schuldbewußt wich ich zurück.

Der Polizist schaute immer noch herauf. Sie schauten alle herauf.

Ich ging rückwärts zur Wohnzimmertür, auf den Flur hinaus und ins Bad. Verrammelte die Tür meiner zwei mal zwei Meter großen Oase der Sicherheit, stützte mich auf das Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf. Das kalte Wasser half ebensowenig wie der Wodka. Mein Spiegelbild beobachtete mich voller Verachtung.

Der Mann oder die Frau auf der Bahre war verletzt. Schwer verletzt. Vielleicht sogar tot. Wie wäre es verlaufen, wenn ich gleich bei der Polizei angerufen hätte? Gleich, als die drei Männer aus dem grünen Peugeot ausstiegen? Ich bemühte mich herauszufinden, woran ich mich wirklich erinnerte, was ich tatsächlich gesehen und was ich in meiner Phantasie dazugedichtet hatte. Ich konnte es nicht mehr unterscheiden ...

Was hätte mir denn schon groß passieren können, wenn es harmlose Männer gewesen wären? Vielleicht hätte ich mich lächerlich gemacht, schön. Na und? Aber die Männer waren nicht harmlos. Und wenn die Polizei rechtzeitig gekommen wäre, hätte ...

Hätte. Wäre. Hätte.

Möglicherweise hätte es ja auch gerade dann eine Riesenschießerei gegeben ... Ich sank auf den Rand der Badewanne. Wenn du jetzt anrufst, fragen sie dich, warum du so lange gewartet hast. Verhöre. Protokolle. Mißtrauen. Scherereien ... Ich stand auf und ging wieder ins Wohnzimmer hinüber. Das Radio spielte immer noch seine makabre Begleitmusik für einen Film, der kein Film war. Ich wollte es gerade ausschalten, als die Durchsage kam.

Vor etwa zehn Minuten wurde am Habsburger Platz eine Filiale des Bankhauses Fischer überfallen. Die drei Täter waren maskiert und mit einer Maschinenpistole bewaffnet. Ein Bankangestellter wurde getroffen und schwer verletzt. Das Fluchtauto ist ein grüner Volvo oder Fiat mit einem Münchner Kennzeichen, der in Richtung Leopoldstraße entkommen konnte. Die Autonummer beginnt vermutlich mit MO oder NO. Wer hat dieses Auto gesehen oder etwas beobachtet? Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen ... Tralala. Musik.

Ich schaltete das Radio aus. Volvo oder Fiat! Es war ein grasgrüner Peugeot 504 mit der Nummer M–M(N?) O-333! Ich nahm den Telefonhörer auf und wählte die eins.

In diesem Augenblick läutete es an der Tür.

Ich saß an meinem Schreibtisch, den Telefonhörer in der linken Hand, den rechten Zeigefinger noch in der Eins. Es läutete wieder, schrill und fordernd. So kam es mir jedenfalls vor. Ich legte den Hörer auf und schob meinen Stuhl zurück. Es läutete wieder, zweimal. Ich sprang hoch, lief zur Tür und riß sie auf. Davor standen zwei Streifenpolizisten in schwarzen Lederjacken. Ich sah zwei glatte Kindergesichter unter Uniformmützen, der eine hatte längeres Haar und einen schütteren Bart.

»Grüß Gott! Sind Sie ...« Er beugte sich zu meinem Türschild hinunter und richtete sich wieder auf: »Frau Dora Kemper?«

Ich nickte nur, starrte ihn an, das glatte Leder, die martialische Pistolentasche an seiner Hüfte.

»Entschuldigen Sie, aber Ihre Wohnung geht doch auf die Franz-Joseph-Straße hinaus, oder?«

Wieder nickte ich stumm, unfähig etwas zu sagen oder mich auch nur zu rühren.

»Haben Sie etwas beobachtet?«

»Bitte?« Es war nicht mehr als ein unverständliches Krächzen. Ich räusperte mich und sagte noch einmal: »Bitte?«

»Die Bank ist überfallen worden!« Seine Stimme klang jetzt schärfer, sein Gesicht hatte nichts Kindliches mehr. »Dürfen wir mal kurz reinkommen?«

Sie warteten meine Antwort nicht ab, sondern schoben sich an mir vorbei in den Flur. Ich schloß die Tür automatisch und trottete hinter ihnen her. Sie schauten in die Küche, die auf den Hof hinausgeht, kamen ins Schlafzimmer, das zur Friedrichstraße hin liegt, und standen im Wohnzimmer. Bewegten sich sicher auf meinen Schreibtisch zu und die hohen Fenstertüren, durch die man die ganze Kreuzung und den vorderen Teil der Grünanlage überblicken kann. Die Menschenmenge hatte sich zerstreut, aber vor der Bank parkten immer noch die Funkstreifenwagen, und neben den Glastüren standen zwei Polizisten.

»Was haben Sie gesehen?« Der zweite Polizist, der bis jetzt noch nichts gesagt hatte, drehte sich plötzlich zu mir um.

Nichts, dachte ich in panischer Angst und merkte gleichzeitig, daß ich es laut gesagt hatte. »Nichts. Ich war nicht da.«

»Sie waren nicht in der Wohnung?«

Das war wieder der erste. Ich glaube, seine Stimme klang gleichgültig und fast desinteressiert, aber mir kam sie bohrend und bedrohlich vor. Ich schüttelte den Kopf, schluckte.

»Nein. Ich meine, in der Wohnung war ich schon; ich war nur nicht hier. Ich war in der Küche, ich ... Ich wollte mir gerade einen Kaffee ...« Die Worte verschwammen ineinander, ich hustete und fügte dann etwas lahm hinzu: »Ich hab die Sirene gehört, aber da war nichts mehr zu sehen. Tut mir leid.«

Der Polizist nickte, zuckte die Achseln und ging in den Flur hinaus. Der andere schaute mich an, schien noch etwas sagen zu wollen, folgte aber dann dem ersten. Bevor ich die Tür hinter ihnen schloß, sah ich noch, daß sie bei der Wohnung gegenüber läuteten.

Das erste, was ich spürte, war eine ungeheure Erleichterung. Sie hatten es geschluckt; sie waren gegangen. Ich war raus aus der Sache. Sie machten ihre Befragungen weiter, reine Routine. Irgendjemand hatte vielleicht mehr gesehen ... Dann begann ich wieder klarer zu denken.

Ich hatte gelogen. Ganz eindeutig gelogen.

Jetzt hatte ich nicht nur geschwiegen, nein – ich hatte gelogen. Der Vorwurf, den man mir jetzt machen konnte, war nicht nur: Warum haben Sie das nicht sofort gemeldet?, sondern: Warum haben Sie eine falsche Aussage gemacht?

Ja, verdammt nochmal – warum eigentlich?

Ich setzte mich aufs Sofa, um nicht dauernd aus dem Fenster schauen zu müssen. Angst, weil ich mich nicht gleich gemeldet hatte? Angst vor den Polizisten? Ich hatte kaum je mit Polizisten zu tun gehabt. Die Leute auf meinem Revier, bei denen ich meinen Paß verlängern ließ, der Weißmantel auf der Kreuzung, wenn die Ampel ausgefallen war, ein Strafmandat wegen falschen Parkens ... Einmal war ich in eine Studentendemonstration reingeraten, aber die war ganz friedlich abgelaufen ... Viel deutlicher kannte ich die Polizei aus Zeitungsberichten und Fernsehübertragungen. Das waren Männer, die mir Angst machten. Weil sie eine anonyme Gewalt verkörperten. Den Staat. Weil sie fortwährend etwas beschützten, so kam es mir vor; Marionetten an der Strippe irgendwelcher Vorschriften. Und was beschützten sie? Die Bürger? Die Gesellschaft? Oder nur eben diesen Staat, der auch die Vorschriften erließ? Du bist ein Bürger, habe ich mir oft gesagt. Du bist ein Glied dieser Gesellschaft. Es paßt dir verschiedenes nicht an diesem Staat, an dieser Gesellschaft – schön. Aber ... Und an diesem Punkt verirren sich dann meine Gedanken, und die Polizisten aus dem Fernsehen, die, die mir Angst machen, die schieben sich dann irgendwie vor die harmlosen Paßverlängerer auf dem Revier, von denen vielleicht der eine oder andere auch etwas gegen diesen Staat, gegen diese Gesellschaft haben könnte ... Es ist sehr kompliziert. Auf alle Fälle, mein Verhältnis zum Freund und Helfer ist ein gebrochenes.

Aber das alles war keine Erklärung für meine kopflose, hysterische, idiotische Reaktion. Ich stand mir selbst etwas ratlos gegenüber. Ratlos und ein wenig mißtrauisch. Schließlich gab ich mir einen Ruck und schaltete das Radio wieder ein.

Die nächste Durchsage kam eine halbe Stunde später: Das Auto, das vermutlich bei dem Banküberfall am Habsburger Platz als Fluchtwagen diente, ist gefunden worden. Es handelt sich um einen laubgrünen Peugeot 504 mit dem Kennzeichen M – NO 333. Der Wagen, der als gestohlen gemeldet ist, stand unverschlossen in der Nikolaistraße. Es ist anzunehmen, daß die Täter ihn dort kurz nach dem Überfall gegen ein anderes Fahrzeug ausgetauscht haben. Wer hat etwas beobachtet? Jede Polizeidienststelle nimmt Hinweise entgegen. Ich ließ mich auf den Schreibtischstuhl fallen.

Alles okay.

Ich hätte gar nichts tun können. Selbst wenn ich die Polizei angerufen hätte – es wäre viel zu spät gewesen. Die Männer hatten längst in einem anderen Auto gesessen – und damit ging mich die Sache nichts mehr an ... Ich merkte plötzlich, daß ich Hunger hatte. Ich ging in die Küche, um mir ein Brot zu schmieren ... Jetzt würden sie weitermachen: Spuren sichern, Projektile untersuchen, Täterbeschreibungen sammeln ... Vielleicht hatte ja wirklich jemand was gesehen in der Nikolaistraße. Da ist zwar wenig Verkehr, aber schließlich stehen auch dort Häuser, in denen Leute wohnen und aus dem Fenster schauen. Obwohl ... Ich biß in das Brot und stellte mir die Nikolaistraße vor. Verdammt schlau ausgewählt. Das erste Grundstück war nur ein verwilderter Garten; dann kam ein Haus mit lauter Büros, in denen Vorhänge vor den Fenstern hingen, damit die Sekretärinnen nicht von ihren Schreibmaschinen abgelenkt wurden; dann eine leerstehende Ruine, für die das Amt für Denkmalspflege nach Spendern suchte, und schließlich noch ein verödetes Grundstück. Und auf der anderen Seite alte Häuser, bei denen die Fenster so hoch lagen, daß man bestenfalls das Haus von gegenüber sehen konnte, nicht aber die schmale Straße unten.

Mein Hunger war weg. Ich legte das angebissene Brot hin, ging ins Wohnzimmer hinüber, setzte mich, stand wieder auf, lief herum und wußte nicht, was ich tun sollte, um dieses miese Gefühl in meinem Magen wegzukriegen.

2

Zwei Stunden später war mir das ganz gut gelungen. Ich hatte den fünften Wodka getrunken und kam allmählich in so eine euphorische Mir-kann-keiner-Stimmung. Bayern 3 hatte noch zwei kurze Meldungen gebracht. Der angeschossene Bankangestellte war der Kassierer, er lag im Schwabinger Krankenhaus, schwebte zwar in Lebensgefahr, lebte aber noch. Die Beute betrug etwas über hunderttausend Mark, und von den Tätern fehlte jede Spur. Die Beschreibungen waren ungenau, aber es sah so aus, als handle es sich um junge Männer. Zwei waren ziemlich groß, einer etwas kleiner; alle drei hatten alte Jeans angehabt, dunkle Pullover und bunte mexikanische Strickmützen, die das Gesicht bedecken und nur Mund, Nase und Augen freilassen. Nur einer Kundin war etwas Besonderes aufgefallen: Einer der drei Männer hatte nur Sandalen angehabt, und seine Füße waren schmutzig gewesen ... Die Bevölkerung wurde zur Mithilfe aufgefordert.

Ich konnte das Ganze schon wieder mit Distanz sehen, wie etwas, das man morgens mit einer Mischung aus Teilnahme und Faszination in der Zeitung liest.

Draußen regnete es zwar nicht mehr, aber die Wolkendecke war zusammenhängend und dunkel. Ich knipste die Schreibtischlampe an und wählte Uwes Nummer. Ich hatte Lust, mit jemand zu reden, essen zu gehen oder auch nur ein Bier zu trinken ... Als er sich meldete, legte ich wieder auf. Er hat so eine unangenehm bohrende Art, er würde in zehn Minuten alles aus mir herausgefragt haben und mir dann monatelang Vorwürfe machen. Ich überlegte, wen ich sonst noch anrufen könnte, aber mir fiel niemand ein, der neutral genug war, um nicht nachzufragen warum, und doch lieb genug, um auch ohne Erklärungen Anteil zu nehmen. Ich sah im Fernsehprogramm nach, aber da war auch nichts, was mich vom Stuhl riß. Als es an der Tür läutete, betrachtete ich es als Wink des Schicksals und ging gutgelaunt hinaus, um aufzumachen.

Meiner guten Laune ging schlagartig die Luft aus.

Draußen standen drei Männer. Der vorderste war etwa fünfzig Jahre alt und untersetzt; er trug einen einfachen Trenchcoat mit speckigem Kragen. Er hatte ein rötliches Kugelgesicht mit grauem Haarkranz und schwarzem Seehundschnauzer. Mit einer Bewegung, als zauberte er ein Kaninchen aus einem Zylinder, hielt er plötzlich eine Plastikhülle in der Hand, ließ sie vor meiner Nase aufklappen und schnurrte mit erstaunlich sanfter Stimme: »Oberinspektor Gerstl, Referat eins ... Können wir Sie einen Augenblick sprechen?«

»Was gibt es?« Ich blieb in der Tür stehen.

Der zweite war vielleicht Mitte zwanzig, auch nicht sehr groß, aber hager, und trug helle Leinenhosen und eine blaue Nappajacke über einem indischen Streifenhemd. Er war blond und braun gebrannt und machte, nachdem ich ihn eine Zeitlang angestarrt hatte, eine angedeutete Verbeugung. »Hofstetter, Kriminalassistent.«

»Es handelt sich um den Banküberfall«, sagte Gerstl. Er sprach bayrisch, benützte aber Diktion und Syntax des Hochdeutschen, was seiner Ausdrucksweise etwas seltsam Gespreiztes gab.

»Aber ich habe doch nichts gesehen!« sagte ich und ergänzte etwas aggressiv: »Das habe ich den beiden Beamten schon gesagt.«

Gerstl schaute mich mit schwarzen Dackelaugen an, als warte er noch auf weitere Erklärungen. Das war kein Polizist. Das war einer aus dem Fernsehen. Und der andere genauso. Sie stammten aus einem Film, und ich spielte auch nur eine Rolle. Es war vollkommen anders als mit den beiden Lederjacken ... Mein Blick fiel auf den dritten Mann. Er hielt sich im Hintergrund, fast, als wolle er nicht bemerkt werden. Er war sehr jung, höchstens zwanzig, trug einen verblichenen Jeansanzug, der aus allen Nähten zu platzen schien, und schulterlanges Haar.

»Gehört der auch zu Ihnen?« fragte ich. Der Typ drängelte sich vor, ehe Gerstl antworten konnte.

»Ich bin von der Presse. Schneider. Ich mach den Bericht. Sie sind doch Dora Kemper, die Krimiautorin?«

Die Tür der Nachbarwohnung öffnete sich einen Spalt.

»Kommen Sie rein«, sagte ich zu Gerstl, trat zur Seite und knallte dem dritten die Tür vor der Nase zu.

»Reporter!« meinte Gerstl verächtlich und steuerte mit nachtwandlerischer Sicherheit auf das Wohnzimmer zu, während Hofstetter alle anderen Türen aufmachte und in die Räume schaute. Alberne Phrasen schossen mir durch den Kopf, wie Darf ich Ihnen etwas anbieten? oder Nehmen Sie doch bitte Platz! und überschnitten sich mit anderen: Haben Sie überhaupt einen Haussuchungsbefehl?