Krimi-Klassiker - Band 10: … trägt Anstaltskleidung und ist bewaffnet - Irene Rodrian - E-Book

Krimi-Klassiker - Band 10: … trägt Anstaltskleidung und ist bewaffnet E-Book

Irene Rodrian

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Beschreibung

»Ich habe ihn gehasst, weil er mich zehn Jahre lang fertiggemacht hat ... Er war ein Sadist, und er kannte mich. Ich war unfähig, etwas zu tun. Weil ich nicht mehr wusste, wer ich selber war.« Anita hat einiges hinter sich. Ihr Freund hat ihr das Leben zur Hölle gemacht – und sie hat ihn erschossen. In der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie geht ihr Martyrium weiter, doch schließlich gelingt ihr die Flucht. Verzweifelt und zu allem bereit versteckt sie sich in einem Haus am Rand der Stadt. Als die Bewohner, ein junger Paar, Anita entdecken, beschließen sie, der unheimlichen Fremden zu helfen. Sie verstecken sie im Keller, als die Polizei nach ihr sucht – doch schon bald müssen die beiden erkennen, dass von nun an nichts mehr so sein wird, wie es einmal war … Als erste deutsche Autorin von Kriminalromanen hat Irene Rodrian Krimigeschichte geschrieben. Bei dotbooks erscheinen ihre Klassiker nun exklusiv im eBook. Jetzt als eBook: „...trägt Anstaltskleidung und ist bewaffnet“ von Irene Rodrian. dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 216

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Über dieses Buch:

Anita hat einiges hinter sich. Ihr Freund hat ihr das Leben zur Hölle gemacht – und sie hat ihn erschossen. In der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie geht ihr Martyrium weiter, doch schließlich gelingt ihr die Flucht. Verzweifelt und zu allem bereit versteckt sie sich in einem Haus am Rand der Stadt. Als die Bewohner, ein junger Paar, Anita entdecken, beschließen sie, der unheimlichen Fremden zu helfen. Sie verstecken sie im Keller, als die Polizei nach ihr sucht – doch schon bald müssen die beiden erkennen, dass von nun an nichts mehr so sein wird, wie es einmal war …

Als erste deutsche Autorin von Kriminalromanen hat Irene Rodrian Krimigeschichte geschrieben. Bei dotbooks erscheinen ihre Klassiker nun exklusiv im eBook.

Über die Autorin:

Irene Rodrian, 1937 in Berlin geboren, erhielt für ihren Roman Tod in St. Pauli 1967 den begehrten Edgar-Wallace-Preis. Seither hat sie sich mit zahlreichen Bestsellern in einer Gesamtauflage von mehreren Millionen und als Drehbuchautorin (Tatort, Ein Fall für Zwei) einen Namen gemacht. Irene Rodrian lebt heute in München.

Bei dotbooks erschienen bereits Irene Rodrians Barcelona-Krimis über das Ermittlerinnen-Team Llimona 5 („Meines Bruders Mörderin“, „Im Bann des Tigers“, „Eisiges Schweigen“ und „Ein letztes Lächeln“) sowie die Reihe Krimi-Klassiker („Tod in St. Pauli“, „Wer barfuß über Scherben geht“, „Finderlohn“, „Die netten Mörder von Schwabing“, „Küsschen für den Totengräber“, „Du lebst auf Zeit am Zuckerhut“ und „Der Tod hat Hitzefrei“, weitere Titel sind in Vorbereitung).

Die Autorin im Internet: www.irenerodrian.com und www.llimona5.com

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Neuausgabe Februar 2014

Copyright © der Originalausgabe 1978 Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

Titelbildabbildung: © eugenesergeev – Fotolia.com

ISBN 978-3-95520-497-6

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Irene Rodrian

… trägt Anstaltskleidung und ist bewaffnet

Kriminalroman

dotbooks.

Dieses Buch ist ein Roman.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, mit Orten, Handlungen oder Ereignissen können nur auf einem Zufall beruhen. Wenn sich diese Geschichte oder Teile dieser Geschichte hier und heute so abspielen könnten, dann sollte man vielleicht darüber nachdenken.

1

Das klägliche Wimmern wurde immer lauter und ging plötzlich und unvermittelt in einen schrillen, alles durchdringenden Schrei über. Anita krallte unter der Decke die Hände in die Matratze und starrte zur Decke hinauf, nur um den Kopf nicht hinüberdrehen zu müssen. Ein ziemlich breiter Riß zog sich durch den angegrauten Putz, von der Neonröhre bis nach hinten zu der Wand, an der ihr Bett stand. Er machte Biegungen und verzweigte sich in Nebenrisse wie ein Fluß auf einer Landkarte. Das Licht blendete sie. Der Schrei riß noch immer nicht ab. Ich darf die Augen nicht zumachen, dachte sie, ich darf nicht so starr daliegen. Sie konnte hören, daß jetzt auch die anderen Frauen unruhig wurden, auch die, die ihre Spritzen schon bekommen hatten. Ich muß mich normal verhalten, ich muß so tun, als wäre ich anders als die anderen. Sie wandte den Kopf langsam nach rechts.

Das Mädchen schrie noch immer. Sie schien nie Luft holen zu müssen. Ihr Körper bäumte sich auf, und mit ihr hoben und senkten sich die über sie gekrümmten Rücken der beiden Wärterinnen, als wären sie alle zusammen ein seltsam geformtes und heftig atmendes Tier. Die eine, sie hieß Rosie und kam aus Niederbayern, eine kräftige Frau mit einem roten Gesicht voller aufgeplatzter Äderchen, hatte sich jetzt über die Beine geworfen, und die andere, Anna aus Franken, ein blasses pickliges Mädchen, fast selbst noch ein Kind, die ihr diakonisches Jahr absolvierte und, wie sie sagte, gern einmal etwas für die armen Menschen tun wollte, schnallte die Fußgelenke mit den beiden Lederriemen am Bettgestell fest. Rosie schien gelassen, nur ihre Zunge schaute zwischen den Lippen hervor, wie immer, wenn sie sich konzentrierte. Anna war nervös, sie war noch nicht lange hier, sie zog die Riemen zu eng an, aber das Mädchen wehrte sich noch immer. Sie schnallte auch die Arme am Bett fest, und Rosie zog die Spritze auf. Das Mädchen hörte ebenso plötzlich, wie sie angefangen hatte, auf zu schreien und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die blinkende Stahlnadel. Auch die anderen Frauen schauten jetzt herüber, jedenfalls die, die noch gezielt wahrnehmen konnten, aber auch die übrigen hatten ihre schlaffen, blicklosen Gesichter dem Mädchen zugewandt. Rosie zog die Spritze wieder heraus, und fast gleichzeitig fiel der Körper des Mädchens entspannt auf das Bett zurück. Anita hörte einen leisen Seufzer und wußte nicht, woher er kam, es klang, als hätten sie ihn alle gemeinsam ausgestoßen.

Sie kamen zu ihrem Bett. Rosie vorn, Anna direkt hinter ihr. Anita zwang sich zu einem Lächeln, Rosie strahlte dankbar zurück. »Na, wir haben wenigstens keine Schwierigkeiten, was? Wir haben uns gut eingelebt, wie?« Sie hielt ihr das Wasserglas und das Schälchen mit den Valiumtabletten hin. »Wir brauchen heute kein Haloperidol, hm?«

»Sie sind sicher auch froh, wenn Sie sich ausruhen können«, Anita nahm eine Tablette und das Wasser. Sie steckte die Tablette in den Mund, schob sie mit der Zunge in die Backentasche und schluckte das Wasser. Rosie ließ sie nicht aus den Augen.

»Selten, daß man so was hört. Aber Anerkennung und Dankbarkeit erwartet man schon lang nicht mehr. Nun?« Sie machte eine auffordernde Bewegung mit dem Kopf, Anita öffnete den Mund, zeigte die Zunge vor und hob sie, um auch die leere Stelle darunter vorzuweisen. Rosie nickte zufrieden und wandte sich ab, Anna sah sie noch einen Augenblick lang an, als wollte sie etwas sagen oder fragen, aber dann ging auch sie. Die Tablette begann sich schon aufzulösen und im Mund zu zerkrümeln, aber Anita mußte noch warten, bevor sie sie ausspucken konnte.

Die Nachtbeleuchtung tauchte den Saal in ein grünliches Geisterlicht. Das leise Stöhnen, Weinen, Schnarchen und das Quietschen der eisernen Betten klang jetzt lauter als vorher. Anita versuchte, sich zu entspannen, es gelang ihr nicht. Sie schwitzte und verspürte den kaum zu unterdrückenden Drang, sich im Bett hin- und herzuwälzen oder aufzustehen und herumzulaufen. Sie bedauerte es jetzt, die Tablette nicht doch geschluckt zu haben. Dann hätte sie wenigstens schlafen können. Draußen irgendwo hupte ein Auto.

Draußen.

Morgen mußte sie hellwach sein. Nicht gedämpft und apathisch durch irgendwelche Medikamente, sondern klar und reaktionssicher. Wenn sie morgen versagte, dann würde es ihr nie wieder gelingen, sie würde nie wieder eine Chance bekommen, man würde sie strenger bewachen und konsequenter down halten als in den drei Wochen bisher. Schlimmer sogar als ganz am Anfang. Sie hatte sich genauso gewehrt wie das Mädchen rechts neben ihr, aber vielleicht hatten sie sich ihr gegenüber nicht so recht getraut, ebenso vorzugehen; sie hatte in den Zeitungen gestanden, man kannte ihre Fotos und ihre Geschichte, sie war nicht irgendwer. Die Erinnerung an die Zeit vor den drei Wochen hier versuchte, sich vorzudrängen; Anita sah hastig zu dem Mädchen rechts neben ihr hin. Sie schien jetzt zu schlafen. Sie wußte nicht einmal, wie sie hieß, und wahrscheinlich würde sie es auch nicht mehr erfahren. Sie würden ihr gleich morgen früh wieder Medikamente geben, und nach einigen Tagen würde sie müde und teilnahmslos wie die anderen sein. Oder auch nicht. Anita drehte den Kopf nach links. Das Bett in der Ecke war immer noch leer. Von ihr wußte Anita, wie sie hieß. Angerfeldt. Erika Angerfeldt. Sie galt als vorbildlich und durfte schon an der Beschäftigungstherapie teilnehmen, und ein Mobile, das sie fast allein gebastelt hatte, hing im Besucherraum. Eines Nachts hatte sie ihr Nachthemd zerbissen, es unter der Decke lautlos in Streifen gefetzt und einen Strick daraus gedreht. Sie hatte ihn sich um den Hals geknotet, das andere Ende am Bettpfosten festgebunden und sich dann mit aller Kraft nach vorn aus dem Bett geschleudert. Niemand konnte sich danach so richtig erklären, wie sie das geschafft hatte, aber sie war tot.

Vormittags bei der Arbeit hatte sie ihr gegenübergesessen. Nur ihre Hände schienen zu leben. Während ihre Augen starr in den Raum gerichtet waren, sprangen ihre Finger wie kleine Fabelwesen über dem Tisch hin und her, schnappten sich Steckerschrauben und Plastikteilchen und setzten sie zusammen, legten den fertigen Stecker in sein Fach in der Kiste, holten sich neue Teile und setzten sie ebenso schnell zu einem weiteren Stecker zusammen. Sie hatte keinerlei Reaktion gezeigt, als man Anita den Platz ihr gegenüber zugewiesen hatte, aber ein paarmal hatte Anita ganz deutlich den Eindruck, als würden sich die Wieselfinger ein bißchen langsamer bewegen, wie um ihr, Anita, die einzelnen Arbeitsvorgänge deutlich zu machen und zu erklären. Dann war Anita tagelang nicht erschienen, weil die psychiatrischen Tests und Untersuchungen viel Zeit in Anspruch nahmen, aber wenn sie sich dann wiedersahen, dann glaubte Anita bei ihr einen Schimmer des Wiedererkennens zu bemerken, oder vielleicht sogar der Freude … Sie war damals sicher, daß sie sich das alles nur eingebildet hatte; wenn sie genau hinsah, dann nahm sie nur ein graues Gesicht mit schlaff herunterhängender Unterlippe wahr und stumpfe Augen, die halb von den Lidern verdeckt ziellos im Raum umherirrten.

Jetzt war Anita sicher, daß sie sich geirrt hatte. Diese Frau, der sie weder Reaktion noch Wahrnehmungsvermögen zugetraut hatte, die hatte es immerhin geschafft.

Sie war jetzt draußen. Sie war frei.

Anita schreckte auf, als um sechs Uhr die Türen aufgestoßen wurden und die Tagesschicht auf den Gängen herumlärmte. Sie fühlte sich matt und zerschlagen, war aber immerhin erstaunt, daß sie überhaupt geschlafen hatte. Sie hatte Bauchschmerzen. Als sie zu den Waschräumen hinübergingen, versuchte sie, sich nach vorn zu schieben, um als eine der ersten dranzukommen, aber als sie dann in dem türlosen Loch hockte, ging es ihr wie jeden Tag. Die Schmerzen wurden sogar schlimmer, aber gerade an diesem Tag war es fast ein gutes Gefühl; sie konnte Schmerzen empfinden, die Wirkung der wochenlang geschluckten Medikamente hatte also endgültig nachgelassen. Sie stand auf, eine ältere Frau wurde an ihr vorbei hineingestoßen, sie schaffte es nicht mehr rechtzeitig, ihr Hemd hochzuheben, es stank. Das kalte Wasser und die scharf riechende Seife halfen etwas gegen die Übelkeit, Anita trottete mit den anderen zurück in den Saal und begann sich anzuziehen. Der graue Kittel hing an ihr herunter, der Gürtel saß viel zu hoch, sie hatte eine lange Taille. Und ihre nur von Kniestrümpfen bedeckten Beine fühlten sich nackt an. Es war kühl. Anita war ein Hosentyp, sie hatte in den letzten zehn oder 15 Jahren eigentlich immer nur Hosen getragen.

Es gab nie Messer zu den Mahlzeiten, die Marmeladebrote waren schon fertig gestrichen. Der Kaffee war lauwarm und schmeckte nach Zuckerwasser. Die Frau neben ihr sabberte. Anita bemühte sich, nicht hinzusehen, nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Ihr war übel. Die Frau neben ihr gab ein Geräusch von sich, als wollte sie sich übergeben. Anita wandte sich ihr zu, wollte ihr helfen. Sie gab immer noch diese würgenden Geräusche von sich, aber sie hatten eine andere Bedeutung. Sie schien etwas sagen zu wollen, starrte Anita an, klammerte sich an ihrem Stuhl fest und rückte von Anita weg. Die Frau, die danach kam, kicherte unartikuliert und rückte auch weiter. Sie sahen alle zu Anita hin, brabbelten, rückten weg.

Anita sah auf ihren Teller, nahm ein Brot und zwang sich, hineinzubeißen. Sie mußte etwas essen, auf nüchternen Magen würde sie es nie durchstehen.

2

Christine trug das Frühstückstablett ins Eßzimmer. Die Sonne schien um diese Tageszeit direkt auf den in warmen Mais-Farben gedeckten Tisch. Sie liebte es, mit Horst zusammen zu frühstücken, und hatte es geschafft, daß er deshalb eine halbe Stunde früher aufstand, obwohl ihm auch eine Tasse Nescafé und ein hastig verschlungenes Stück Brot genügt hätten. Er las die Zeitung und schaute mit einem Lächeln auf, als sie ihm Kaffee einschenkte.

»Hübsch siehst du aus. Ist das neu?«

Er wandte sich wieder seiner Zeitung zu und begann das Ei aufzuklopfen, ohne hinzusehen. Sie antwortete nicht, er erwartete auch keine Antwort, aber es war nett, daß er gefragt hatte, andere Männer waren morgens überhaupt nicht ansprechbar. Sie setzte sich hin und schnitt ein Brötchen für ihn auf. Die Bluse war wirklich neu. Eine bunt bestickte Hirtenbluse, die sie in einer neuen kleinen Boutique entdeckt hatte. Echte Handarbeit und gar nicht teuer.

»Schinken oder Käse?«

»Hm?« Er sah auf, lächelte und faltete die Zeitung zusammen. »Verzeih.« Er nahm das Brötchen und bestrich es mit Butter und Honig.

Sie sah ihm zu. »Wird es heute spät bei dir?«

»Fünf, halb sechs. Später auf keinen Fall. Es sei denn, der Chef hat wieder einen seiner glorreichen Einfälle zum Wochenende.«

»Aber du denkst doch dran, daß wir heute abend bei Gert und Ilse eingeladen sind?«

»O Gott!« Er lachte. »Das hab ich natürlich schon vergessen. Läßt sich wohl nicht vermeiden, wie?«

»Du hast selber zugesagt.«

»Na klar, die sind ja auch nett.« Er stand auf. »Müssen wir was mitbringen?«

»Wein, dachte ich, und vielleicht kannst du in der Stadt noch ein paar Blumen besorgen.« Sie begleitete ihn zur Tür und erinnerte ihn daran, die Autoschlüssel einzustecken, die noch von gestern in seinem Regenmantel waren.

Die Sonne schien zwar noch, aber im Westen zogen Wolken auf, und vermutlich würde es noch am Nachmittag oder Abend regnen. Er küßte sie und gab ihr einen zärtlichen Stups auf die Nase.

»Tschüs, mach’s gut.«

Sie sah ihm nach, wie er über den Kiesweg zur Garage ging. »Und fahr vorsichtig!«

Er winkte ihr noch einmal zu, ohne sich umzudrehen. Sie wartete, bis das Auto aus der Garage fuhr und vorn auf die Straße bog. Er hupte noch einmal. Sie ging ins Haus zurück.

Der Kaffee war noch warm. Sie goß ihre Tasse voll und zündete sich eine Zigarette an. Sie mochte diese Stunde zwischen Frühstück und Hausarbeit, die friedliche Ruhe und die Gedanken an den Tag. Von ihrem Platz aus konnte sie ins Wohnzimmer sehen, den hellen Teppichboden, die Bücherregale und die neue Sitzgarnitur. Sie wohnten jetzt schon fast zwei Jahre in dem Haus, aber für sie war es immer noch neu und schön, und sie konnte sich jeden Tag daran freuen – wie als Kind, als sie ihr erstes Fahrrad zum Geburtstag bekommen hatte. Es war ein schönes Gefühl, daß Horst jetzt soviel verdiente, daß sie nicht mehr auf den Pfennig sehen mußten und daß sie, wenn sie Lust hatte, nachher in die Stadt fahren konnte, um zu sehen, ob sie nicht noch ein Kleid für heute abend fand. Sie freute sich auf die Party. Gert und Ilse luden immer eine Menge lustiger und interessanter Leute ein, und sicher gab es irgend etwas Ausgefallenes zum Essen.

Christine drückte ihre Zigarette aus, stand auf und stellte das Radio ein. Ein alter Beatles-Song. Sie summte mit, während sie den Tisch abräumte.

3

Sie waren fünf, die in den Garten durften. Ein Wärter ging vorn, eine Wärterin hinten am Schluß. Anita hielt sich in der Mitte, bemühte sich, so unauffällig wie nur möglich zu wirken, um die Vergünstigung nicht noch im letzten Moment zu verlieren. Der weiß gekachelte Gang schien endlos. Hinter den vergitterten Milchglasscheiben war das Wetter nicht zu erkennen, aber wenn es geregnet hätte, dann wäre das zu hören gewesen. Sie kamen an der Küche vorbei. Es roch nach Fett und Spülmitteln. Die Tür am Ende des Ganges hatte wie alle Türen hier keine Klinke, aber der Wärter konnte sie mit seinem Spezialschlüssel öffnen.

Sie waren draußen.

Die Beete waren so angeordnet, daß die Pflanzen, die weniger Sonne brauchten, dicht an der Mauer wuchsen, die anderen weiter vorn. Salat, Kohl, Rüben, Kräuter und eine Reihe Stachelbeersträucher. Zwei der Frauen bekamen Hacken und durften Furchen ziehen, der Wärter stand dicht hinter ihnen. Anita und die anderen mußten Unkraut jäten.

Nach einer halben Stunde bekam sie Rückenschmerzen, wagte aber nicht, sich zu strecken, aus Angst, wieder in den Bau zurückzumüssen. Mit gesenktem Kopf schielte sie zur Mauer hinüber. Sie war gut drei Meter hoch und an der oberen Kante mit Stacheldraht eingefaßt. Sinnlos, daran zu denken.

Die beiden Frauen, die Hacken bekommen hatten, zogen eine Furche neben der anderen. Sie sahen nicht auf, sie sprachen nicht miteinander. Vermutlich würden sie schreien, wenn Anita sie ansprechen würde. Und auf keinen Fall würden sie ihr helfen, den Wärter niederzuschlagen und seinen Schlüsselbund wegzunehmen. Und selbst wenn, es würde nichts helfen, denn sogar wenn sie auch die Wärterin überwältigten – sie müßten durch das ganze Gebäude hindurch, weil die hintere Pforte nur durch Elektrokontakt nach Absprache mit der Zentrale geöffnet werden konnte … Solche Dinge erfuhr man hier sehr schnell.

Aber heute war Freitag, und wenn das stimmte, was sie bei den anderen gehört hatte, dann gab es heute tatsächlich eine Möglichkeit, hinauszukommen. Anita merkte, daß sie hinter den anderen zurückblieb. Sie arbeitete schneller, rupfte und zupfte alles heraus, was ihr wie Unkraut erschien, und kam wieder näher an die anderen Frauen heran. Sie hatte sich noch nie etwas aus Gartenarbeit gemacht, aber hier konnte schon ein einziger Fehler oder eine kleine Schlamperei das Ende ihrer Hoffnung bedeuten. Eine der anderen Frauen hatte gemerkt, daß Anita aufholte. Sie sah kurz über die Schulter zurück und arbeitete noch schneller. Die Wärter standen jetzt zusammen an der Mauer und rauchten. Anita lächelte die Frau an. Sie wirkte nicht verrückt; sie sah nur aus wie eine verhärmte und versorgte Mutter, die in den letzten dreißig Jahren nie hatte ausschlafen können. Sie schaute wieder zu Anita zurück, fixierte sie kurz und spuckte dann aus. Anita zuckte zusammen und blieb wieder ein Stück zurück. Die Frau rempelte ihre Nachbarin mit dem Ellbogen an und deutete mit dem Kopf zu Anita. Die Frau sah aus wie sechzig, hatte aber einen knabenhaft schmalen Körper. Sie spuckte auch aus.

Der Wärter spürte die Unruhe als erster und machte ein paar Schritte auf die Gruppe zu. Die Frauen senkten die Köpfe und jäteten weiter. Zuerst war es nur ein unverständliches Murmeln, dann wurde es lauter und deutlicher. »Mörderin … Mörderin… Mörderin … Mörderin …«

»Ruhe!« brüllte der Wärter, und sofort waren sie ruhig. Er zögerte noch einen Moment und ging dann langsam zur Mauer zurück. Niemand schien es zu stören, daß der Abstand zwischen Anita und den anderen Frauen jetzt ziemlich groß war.

4

Die Sekretärin, Fräulein Helga, brachte ihm die eingegangene Post und ein Glas Tee.

Horst grinste. »Sie brauchen wohl wieder mal eine Zulage für die Kaffeekasse?«

»Tee ist besser für den Kreislauf.« Sie stellte das Glas auf seinen Tisch. Sie war Mitte zwanzig, etwas rundlich und glühende Anhängerin der gesunden Lebensweise. Natürlich war auch der Tee frisch aufgebrüht und stammte nicht etwa von einem Teebeutel. Sie ging zur Tür. »Dr. Weller hat für 10 Uhr eine Sitzung anberaumt; er bittet Sie zu kommen.«

Er lachte. »Ich fürchte, dann brauch ich doch etwas Stärkeres als Tee.«

Sie ging hinaus, ohne zu antworten. Humor war nicht ihre starke Seite, und auch ihre etwas geschraubte Ausdrucksweise hatte er bisher vergeblich zu ändern versucht. Er würde sich an sie gewöhnen müssen, so wie sie war. Die Sekretärinnen wurden von Schröder, dem Personalchef, ausgesucht und zugeteilt – es sei denn, man hatte bereits ein Büro in den obersten Etagen … Horst begann den viel zu heißen Tee zu schlürfen.

Als er vor einem halben Jahr in dieses Büro gezogen war, hatte er sich gefreut wie ein kleiner Junge nach einem gewonnenen Fußballspiel. Es hatte Teppichboden und eine Sitzecke, und er hatte sich die Grafik an den Wänden selber aussuchen dürfen. Es irritierte ihn etwas, daß von dieser Freude nicht mehr viel zu spüren war. Aber vermutlich war das ein gutes Zeichen. Er wollte weiterkommen. Ein Ziel, das er bereits erreicht hatte, interessierte ihn nicht mehr. Seine Mutter hatte immer schon gesagt, daß er ehrgeizig sei und es einmal zu etwas bringen werde, schon als er noch auf die Schule ging. Dabei hatte er nie so sonderlich gute Noten gehabt. Außer in Deutsch und Zeichnen.

Er sah auf die Uhr und zog die Mappe mit den Inseratentwürfen für den neuen Taschenrechner zu sich heran. Ob Weller darüber mit ihnen reden wollte? Das wäre unangenehm, denn für die Serie war er verantwortlich, und jetzt, als er sich die Andrucke noch einmal ansah, hatte er nicht gerade eben das Gefühl, etwas Weltbewegendes entwickelt zu haben. Vielleicht konnte man ja noch etwas daran ändern – am Text zum Beispiel … Er brütete vor sich hin. Er trank den Tee aus und steckte sich eine Zigarette an, obwohl er sonst so gut wie nie rauchte. Er lehnte sich zurück und stierte auf die Inserate.

Sah das etwa so aus, als sei er nervös? Er drückte die kaum angerauchte Zigarette aus. Seine Hände waren vollkommen trocken und zitterten nicht. Weller mochte ihn, das hatte er mehr als einmal durchblicken lassen. Er mochte ihn mehr als diese Fischer von der Insertion, obwohl sie im Gegensatz zu ihm promoviert hatte. Wahrscheinlich, weil sie eine Frau war. Weller hatte Probleme mit Frauen, nicht zuletzt mit seiner eigenen. Na schön, zugegeben, die war ein ziemlicher Drachen, und mit der Fischer kam keiner im Haus aus, aber Weller war natürlich auch nicht eben der geborene Diplomat. Horst legte die Inseratmappe wieder weg und versuchte, sich eine Strategie für die folgende Besprechung zurechtzulegen.

Zwei Minuten vor zehn stand er auf, zog seine Krawatte zurecht und machte sich auf den Weg. Die Fischer fuhr im selben Fahrstuhl. Wie immer war sie wie aus dem Ei gepellt und nach der letzten Mode angezogen. Ein leichter Duft von Chanel Nr. 5 umgab sie. Sie sah knapp an seiner Schulter vorbei auf die Fahrstuhlwand. Erst als der Lift hielt und sie ausstiegen, begannen sie beide gleichzeitig zu reden. »Es geht vermutlich um die neue Insertionsreihe«, und »Hoffentlich erwartet er nicht schon Vorschläge für den Messestand von uns.«

Als sie in den kleinen Konferenzraum kamen, waren die anderen schon da. Weller war mit einer Aufstellung der Buchhaltung beschäftigt, sah kurz auf, als sie hereinkamen und sich so weit voneinander entfernt wie nur möglich auf die noch freien Stühle setzten, und vertiefte sich wieder in seine Papiere. Endlich schob er sie zusammen und wandte sich direkt an Horst.

»Nur ganz kurz, mein lieber Herr Selbeck: Die neue Inseratserie ist hervorragend. Wirklich, genau das, was wir uns vorgestellt haben. Nicht zu anbiedernd und nicht zu trocken. Glückwunsch.«

Er wandte sich jetzt den anderen zu; Horst hörte kaum, was er sagte. Irgend etwas von Wünschen der Direktion, Jubiläum und Festschrift. Im Augenwinkel sah er das verkniffene Gesicht der Fischer, aber auch darauf achtete er kaum. Er spürte Erleichterung, Freude, Stolz.

Er fühlte sich großartig.

5

Es mußte inzwischen kurz vor zwölf sein, und noch immer war nichts passiert. Anita konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Ihr Bauch hatte wieder zu schmerzen angefangen, und der Rücken tat ihr so weh, als würde er im nächsten Moment auseinanderbrechen. Es mußte gleich Mittag geben; sie alle würden ins Haus getrieben werden, und irgendein Wärter würde den Wagen von der Gärtnerei abfertigen. Und die Chance wäre sinnlos vertan … Es war schon egal, sie hielt es nicht mehr aus. Sie stand auf und streckte ihr Kreuz durch.

»Runter!«

Die Stimme kam automatisch, und Anita hockte sich automatisch wieder hin; aber die anderen waren auch müde, und vielleicht wäre nichts passiert, wenn sie stehengeblieben wäre. Und fast im gleichen Augenblick hörte sie das metallische Schnurren, mit dem das Stahltor aufglitt, und wußte, daß es doch noch nicht zu spät war. Sie zwang sich, nicht zurückzuschauen, jätete mit mechanischen Bewegungen weiter und lauschte auf das knatternde Motorengeräusch des auf den Hof fahrenden Lieferwagens.

Die beiden Wärter nahmen die Hacken an sich und gingen zu dem Wagen. Der Fahrer stieg aus und ging um den Wagen herum, um die Rückklappe herunterzulassen. Er war etwa 40, 45 Jahre alt, untersetzt, hatte eine Stirnglatze und hinkte leicht. Er trug einen dicken, offenbar selbstgestrickten Rollkragenpullover und einen blauen Overall.

»Frischerde und Jungpflanzen«, sagte er mit einer etwas heiseren Stimme und wuchteten den ersten Kasten aus dem Wagen.

Der Wärter nahm ihn ihm ab und stellte ihn an den Wegrand. Der Fahrer holte den zweiten; er schaute einmal zu den Frauen hinüber, dann arbeitete er weiter, ohne den Blick zu heben. Man konnte sehen, daß er es eilig hatte. Die Frauen hatten alle aufgehört zu arbeiten und glotzten zu dem Fahrer und dem Auto hin. Niemand beachtete sie.

Anita schob sich so unauffällig wie nur möglich zu dem Auto hin, brachte den Wagen zwischen sich und die anderen und wartete. Der Lieferwagen war klein, und anfangs hatte sie gedacht, daß ihr die kurze Zeit, die zum Abladen erforderlich war, nicht reichen würde. Aber jetzt erschien ihr die Zeit unendlich gedehnt, und sie spürte Müdigkeit in sich aufsteigen. Nicht die körperliche Müdigkeit von vorhin, sondern die Art von bleierner Schlappheit, die sie in den letzten Wochen schon fast als normal empfunden hatte und die sie dazu brachte, sich mit allem einverstanden zu fühlen, zufrieden zu sein, daß sie nichts aus eigener Initiative zu tun brauchte, daß alles für sie entschieden würde. Und das in einem Augenblick, in dem es auf den Sekundenbruchteil ankam, in dem sie präzise reagieren mußte …

Der Wagen war leer, der Fahrer übergab eben den letzten Kasten. Anita handelte, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, ohne überhaupt zu merken, daß sie handelte. Sie schob sich vor, zog sich hoch und rollte sich mit einer weichen Bewegung in den Wagen hinein. Unter ihr lagen Holzlatten, neben ihr alte Säcke. Sie zog die Säcke mit einer einzigen Handbewegung über sich und bewegte sich nicht mehr.

Sie hatte nicht auf die anderen Frauen geachtet, hatte nur zu den Wärtern hingesehen und war ziemlich sicher, daß keiner von ihnen sie beobachtet hatte. Eine der anderen Frauen? Aber selbst wenn – waren sie so schnell, daß sie begreifen, daß sie etwas sagen konnten, bevor das Auto draußen war? Kaum. Soviel sie wußte, konnten nur zwei von ihnen artikuliert sprechen.

Aber sie konnte sich auch irren.