Verlag: Mantikore-Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Legends of Lone Wolf 01 - Vermächtnis der Kai E-Book

Joe Dever  

4.5 (18)

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E-Book-Beschreibung Legends of Lone Wolf 01 - Vermächtnis der Kai - Joe Dever

Der Schatten der Armeen der Finsternis liegt drohend hinter dem Schroffsteingebirge, das die Düsterlande vom Rest Magnamunds und den freien Königreichen trennt. Tapfer stehen die Nordländer Sommerlunds - angeführt durch den Orden der Kai und die Bruderschaft des Kristallsterns - den finsteren Mächten entgegen. Doch Vonotar, der machthungrige Magier, hat längst seine eigenen Pläne und ebnet dem finsteren Lord Zargarna den Weg. Die Zeitenwende ist angebrochen - die unbeschwerten Tage der freien Königreiche dahin - die Invasion Sommerlunds hat begonnen… VERMÄCHTNIS DER KAI ist der erste Band der Romanserie von John Grant, basierend auf den weltberühmten Fantasy-Spielbüchern "EINSAMER WOLF" von Joe Dever.

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E-Book-Leseprobe Legends of Lone Wolf 01 - Vermächtnis der Kai - Joe Dever

John Grant & Joe Dever

DAS VERMÄCHTNIS DER KAI

John Grant & Joe Dever

DAS VERMÄCHTNISDER KAI

Aus dem Englischen von Daniel Mayer

Roman

Titel der englischen Originalausgabe:ECLIPSE OF THE KAI

1. AuflageVeröffentlicht durch den MANTIKORE-VERLAGNICOLAI BONCZYKFrankfurt am Main 2015www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen AusgabeMANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYKText © John Grant & Joe Dever 1989

Titelbild: Alberto Dal LagoDeutschsprachige Übersetzung: Daniel MayerLektorat: Nic BonczykSatz: Matthias LückBildbearbeitung: Thomas MichalskiCovergestaltung: Mirela Barbu

ISBN: 978-3-945493-14-4

Inhalt

I EIN VERSCHMÄHTER MAGIER

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

II FLUCHT IN DIE FINSTEREN LÄNDER

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

III BEGRÜSSUNGEN

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

IV VON WAHRHEIT UND LÜGE

Kapitel 1

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

V DIE MUSIK VON ZAGARNA

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

VI EIN STURM ZIEHT AUF

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

VII STRASSEN

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

VIII INFORMATIONEN

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

IX DIE DUNKELHEIT DER KAI

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

X IN DEN HIMMELN

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

XI DÄMMERUNG DER DUNKELHEIT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

I

EIN VERSCHMÄHTER MAGIER

1

Das Wort klang in der uralten Halle wider. Seine Echos verloren sich inmitten der vermummten Häupter.

„Narr!“

Der Gildenmeister wich nicht zurück. Mit seinem weißen Haar und weißen Bart saß er gelassen auf seinem vergoldeten Thron und blickte Vonotar mit seinen ruhigen blauen Augen an.

Die Ruhe, mit welcher der Angesprochene auf seinen Ausbruch reagierte, erzürnte den hin und her schreitenden Magier. „Inkompetent!” schrie er in die Höhe, als würde er die Decke der Halle meinen. „Alter Schwachkopf!” rief er in Richtung eines Lagers von schimmligen Bannern.

Der Gildenmeister regte sich auf seinem Thron. Als er endlich das Wort ergriff, spürte man seinen Widerwillen. „Vonotar”, sagte er mit eingerosteter Stimme. „Wir hatten diesen Streit schon viele Male zuvor. Die Bruderschaft des Kristallsterns hat sich der Magie des Linken Pfads verschrieben, um die edlen Götter Kai und Ishir dabei zu unterstützen …”

Vonotar spuckte auf den Boden. Er war ein großer, gutaussehender Mann mit einem ordentlich gestutzten Bart und einer stolzen Adlernase. Seine grauen Augen flackerten zornig.

„Du bringst nur immer wieder den gleichen Unsinn hervor, du zitternder alter Gimpel“, blaffte er. „Unsere Bruderschaft wurde nicht aus hohen und erhabenen Idealen gegründet, sondern nur mit einem einzigen Zweck: Macht zu erlangen! Du und deine Vorgänger haben uns von diesem wahren Pfad abgebracht. Und was sind wir nun?“

Er machte eine ausladende, eindrucksvolle Geste mit dem Arm, um auf die Versammlung der Ahnen der Bruderschaft zu deuten, die in betroffener Stille lauschten. Selbst der Gildenmeister musste im Stillen zugeben, dass sie keine allzu attraktive Versammlung waren: Männer wie Frauen zeigten deutlich sichtbare Zeichen des hohen Alters und des geistigen Verfalls.

Ehe der Gildenmeister antworten konnte, erhob Vonotar wieder das Wort. Seine Stimme war scharf wie das Schwert eines Giaks. „Ja, ich weiß, was du denkst, Gildenmeister. Diese Ansammlung von Antiquitäten … was sind sie? Diese Leute sind nur in den Rat der Bruderschaft aufgestiegen, weil sie alt sind. Niemals haben sie etwas hinterfragt. Niemals haben sie versucht, auch nur vorzuschlagen, dass die Rolle unserer Bruderschaft überdacht werden sollte. Sie sind … sie sind … ein altes Nichts!”

Die Halle von Torans Magiergilde war still. Durch ein Buntglasfenster schien ein Strahl roten Sonnenlichts, in dem Partikel aus glitzerndem Staub schwebten. Für einige Augenblicke waren diese das einzige, was sich bewegte, als Vonotar, der Gildenmeister und die Ahnen wie die Ölgötzen erstarrten. Vonotars Arme waren ausgestreckt. Sein einer Zeigefinger deutete anklagend auf den Gildenmeister, der andere auf die niedrige Galerie, auf der die zwölf Ahnen saßen, die Münder geöffnet in verschiedenen Ausdrücken des Entsetzens und der Kränkung. Die verblichenen Flaggen der Bruderschaft des Kristallsterns, verkrustet mit Schichten aus Staub, die Jahrhunderte alt waren, hingen bewegungslos in der klammen Luft.

Die Stille wurde von einem kleinen, grauen Kätzchen unterbrochen. Es tollte in die Halle, sprang mit einigen Schwierigkeiten die drei Stufen zum Throne des Gildenmeisters empor und begann sich genüsslich an seinem Bein zu reiben.

Einer der Ahnen lachte glucksend, und das brach den Bann.

Vonotar schien zu wachsen. Er war immer ein großer Mann, doch jetzt erschien er doppelt so groß. Seine breite Brust drückte sich gegen das Tuch seiner mit Sternen verzierten blauen Robe.

„Du!” brüllte er und deutete auf den Ahnen. „Du glaubst, dass es einen Grund für Gelächter gibt? Ich habe den Pfad der Rechten Hand studiert und weiß, dass es unser einziger Weg zur Macht ist!”

Er bewegte seinen rechten Arm und deutete auf das Kätzchen, welches gerade den ausgestreckten Fuß des Gildenmeisters leckte.

„Könnt ihr dies mit dem Pfad der Linken Hand?” flüsterte Vonotar.

Eine Flamme zuckte von seinen ausgestreckten Fingern zu dem Kätzchen.

Das kleine Tierchen zerfiel augenblicklich zu Asche.

Der Magier wandte sich wieder den Ahnen zu. „Seid gewarnt”, sagte er. „Ich könnte das mit jedem von euch machen. Die Magie des Pfades der Rechten Hand ist weitaus mächtiger als die der Linken. Sie kann verwendet werden um zu töten, nicht nur um zu heilen. Wenn unsere Bruderschaft die Macht erlangen soll, die sie verdient – die sie benötigt – müssen wir bereit sein, den Pfad der Rechten Hand zu studieren!”

Der Gildenmeister blickte Vonotar mit einstudierter Unbestimmtheit an.

„Ein Kätzchen zu töten ist ein kindischer Trick, der deiner nicht wert ist, Vonotar”, sagte er mit sanfter Stimme. „Vielleicht könntest du den Pfad der Rechten Hand verwenden, um das Kätzchen zum Leben zu erwecken?”

Der Rebell verschränkte die Arme und starrte den weißhaarigen Gildenmeister streitlustig an.

Erneut wurde es still.

Der Gildenmeister war vor vielen langen Jahren ernannt worden, und dies nicht nur aufgrund seines magischen Könnens, sondern auch wegen seines perfekten Sinns für dramatische, wirkungsvolle Auftritte. Nachdem er den Augenblick lange genug währen hatte lassen, lächelte er Vonotar an wie ein Vater sein Kind. Dann lehnte er sich nach vorne und berührte den kleinen Aschehaufen zu seinen Füßen. Die Asche regte sich und war im nächsten Augenblick wieder ein kleines, graues Kätzchen. Das Kätzchen kletterte die Robe des Gildenmeisters empor und setzte sich in seinen Schoß, wo es sich niederließ und erstaunlich laut zu schnurren begann.

„Du musst wissen“, sagte der Gildenmeister. „Unsere Bruderschaft dreht sich nicht nur um Macht an sich, es geht um die Macht, diese Welt – ganz Magnamund – vor den Mächten des Bösen zu beschützen. Wir lehnen den Pfad der Rechten Hand bewusst ab. Zwar mögen die Weisen ihn ohne Folgen verwenden können, doch die Narren verfallen dem Banne Naars, des Königs der Dunkelheit.“

„Naar!“ rief Vonotar. „Du sagst, dass Naar die Verkörperung alles Bösen ist, aber mit welchem Beweis? Weißt du denn sicher, dass er überhaupt existiert?“

„Ja“, sagte der Gildenmeister leise. Er setzte das Kätzchen vorsichtig auf den Boden. „Selbst in diesem Augenblick sammeln die Schwarzen Lords, seine Schergen, ihre Truppen in Kaag. Ihr Plan ist es, ihre Armee nach Osten über das Schroffsteingebirge zu führen und Sommerlund zu erobern. Unser Land wird Fackel und Schwert zum Opfer fallen, unser Volk wird gefoltert oder ermordet oder versklavt werden. Wenn du dich entscheidest, weiter dem Pfad der Rechten Hand zu folgen, dann wirst du dazu beitragen – indirekt, ohne Frage, dazu beitragen nichtsdestotrotz – dass all dies Wahrheit wird.“

Vonotar spuckte erneut aus. Dieses Mal blickte der Gildenmeister eindringlich auf die Stelle, wo der Speichel gelandet war. Seine alte Stirn warf noch mehr Falten, als er sich konzentrierte. Das Sonnenlicht in der Halle flackerte.

Wo die glänzend weiße Spucke gewesen war, da war nun eine kleine gelbe Rose erblüht.

„Das Böse“, sagte der Gildenmeister, „kann in Gutes verwandelt werden, aber nur nach einem langen und schwierigen Kampf. Das Gute in Böses zu verwandeln ist weit einfacher.“

Er wedelte gelassen mit seinem Finger, und die blühende Rose war wieder nur ein Klecks Spucke.

„Bis du dazu imstande, Vonotar“, sagte der Gildenmeister, „das Mal deines Hasses und Giftes wieder in eine Blüte zu verwandeln?“

Der Rebell blickte die Versammlung von Ahnen an und grinste höhnisch. „Der Pfad der Rechten Hand erlaubt uns alles zu tun – alles!“ verkündete er wichtigtuerisch. Aus einer Tasche seiner Robe zog er einen kurzen gegabelten Stab, mit dem er auf den Fliesenboden deutete, dorthin, wo der Speichel lag. Sein ganzer Körper verspannte sich, als er die volle Macht seines magischen Wissens in den Stab lenkte. Karmesinrote Funken umtanzten seinen Körper und die Luft wurde dick.

„Versuch es nur, Vonotar“, sagte der Gildenmeister leise.

„Verdammt sollst du sein“, murmelte der Rebell. Die Adern seines Gesichts zeichneten sich deutlich ab, während er sich anstrengte, die letzten Reserven seiner Macht der Rechten Hand anzurufen.

Es ertönte ein lautes Knacken, als sei einer der großen Steine der Mauern plötzlich geborsten.

Vonotar brach ob der plötzlichen Entladung fast in sich zusammen.

Auf dem Boden saß nun eine winzige Kreatur. Sie war nicht länger als ein Finger und kauerte gedrungen auf den Steinen. Sie zog ihre graugrünen Lippen zurück, um Reihen blutroter Zähne zu blecken. Ihre Augen waren so hart und ohne Seele wie Adamant.

Vonotar blickte seine Schöpfung voller Abscheu an. Er warf dem Gildenmeister, der sich selbst ein sanftes Lächeln erlaubte, einen Blick zu.

„Was ist … das?“ fragte Vonotar.

„Es ist, was du aus deinem Zeichen des Hasses zu erschaffen vermochtest.“

„Nicht alles was hässlich ist, ist auch böse“, entgegnete Vonotar.

„Das ist wahr“, sagte der Gildenmeister. „Und nicht alles, was böse ist, ist auch hässlich. Aber lass dich durch deine Augen oder deinen Verstand nicht täuschen: nur weil etwas hässlich ist, bedeutet dies nicht, dass es nicht böse ist.“

Er beugte sich vor, um das Kätzchen an den Ohren zu kitzeln.

„Das Geschöpf, das du in unserer Halle hervorgebracht, ist sowohl hässlich als auch böse. Obwohl es so winzig klein ist, so ist sein Biss doch mächtig genug, um die Kehle der stärksten Männer zu zerfetzen. Und du hast keine Möglichkeit, es zu beherrschen. Es mag sich entscheiden, mich zu töten, doch könnte es gleichermaßen dich ermorden, oder einen der anderen, die sich hier versammelt haben.“

Die Ahnen wanden sich unbehaglich in ihren Stühlen.

„Vonotar, aus deinem Hass heraus hast du Böses erschaffen. Das ist immer der Weg für jene, die sich entscheiden, dem Pfad der Rechten Hand zu folgen. Täusche dich nicht: Das Böse ist mächtig und schwer auszurotten. Und doch kann es bezwungen werden. Wer auf der Seite des Guten steht braucht keine rohe Kraft, um es zu bezwingen – er braucht nur Können, Geschicklichkeit und den Willen, seiner Sache zum Sieg zu verhelfen. Schau genau zu.“

Der Gildenmeister neigte sich erneut zum Kätzchen vor, doch diesmal hob er es vom Boden auf und setzte es auf seine Knie. Er streichelte seinen Kopf, und es schloss die Augen, als es sich der Ekstase des Augenblicks hingab. Er verwuschelte das Fell zwischen den Vorderbeinen des Kätzchens und es blickte ihn leicht verdrießlich an. Dann flüsterte er ihm einige Worte in die Ohren.

Das Kätzchen stellte sich aufrecht hin. Sein Schwanz begann zu zucken. Eindringlich starrte es die abscheuliche kleine Kreatur an, die auf dem blauen und silbernen Mosaikboden kauerte. Lautlos sprang es von den Knien des Gildenmeisters und kauerte sich an seinen Füßen zusammen.

Die krötengleiche Bestie starrte zurück. Ihr Maul öffnete sich erneut, um die messerscharfen Zähne zu entblößen. Eine obszön rote, gespaltene Zunge schoss zwischen den Zähnen hervor. Es war eindeutig, dass die Kreatur hungrig war und dass sie das Kätzchen als ihre nächste Mahlzeit betrachtete.

„Auf welcher Seite stehst du, Vonotar?“ hauchte der Gildenmeister mit belegter Stimme.

Vonotar gab keine Antwort. Wie die Ahnen war auch er absolut bewegungslos und erwartete in hilfloser Faszination den Kampf, der jeden Moment beginnen würde.

„Die Katze heißt Grauer“, sagte der Gildenmeister. „Sie ist noch jung und sie ist nicht stark. Und doch schicke ich sie in den Kampf mit deinem Geschöpf, denn ich weiß, dass sie gewinnen kann. Hat deine Kreatur einen Namen?“ Seine leise Stimme hatte mehr als nur einen Beiklang des Spotts. „Gewiss muss dieses … dieses Ding einen Namen haben?“

„Ich gebe ihm keinen Namen“, murmelte der Rebell.

Das Kätzchen blickte ihn verächtlich an, richtete sich auf und begann eifrig, seine Pfote zu lecken.

Das Geschöpf auf dem Boden huschte mit einem Mal nach vorne in Richtung seines Gegners. Seine hornigen Krallen klapperten auf den Steinfliesen des Bodens. Sein Atem war ein hohes Zischen.

Das Kätzchen wischte sich mit seiner nassen Pfote über den Kopf.

Die Kreatur sprang … und landete auf der Stufe, auf der Grauer noch einen Augenblick zuvor gesessen hatte. Das Kätzchen hatte jedoch blitzartig seinen Platz gewechselt und stand nun hinter Vonotar. Während das kleine Monster sich verwirrt umblickte, wobei seine rote, gespaltene Zunge eifrig die Luft kostete, sprang Grauer auf Vonotars Rücken und kraxelte geschwind auf seine Schulter.

„Was zum—“ stotterte Vonotar.

Das Kätzchen strich mit seiner Wange gegen sein Ohr und begann erneut zu schnurren.

Der Magier nahm die Zuneigungsbekundungen für einige Augenblicke hin und kam dann zu einer Entscheidung. Abrupt legte er die wenigen Schritte zurück, die notwendig waren, um den Thron des Gildenmeisters zu erreichen und stampfte einmal, zweimal, dreimal auf das Monster herab, welches er ins Leben gerufen hatte. Dann streckte er seinen löwengleichen Kopf nach vorne und starrte in die Augen des Gildenmeisters.

„Du sagst, dass ich mit dem Bösen spiele“, rief er, wobei seine Stimme in den Gewölben der riesigen Halle widerhallte. „Und doch habe ich mich, wie du gesehen hast, mit dem Kätzchen verbündet. Ich sage euch, wir können den Pfad der Rechten Hand zum Guten nutzen! Ohne ihn können wir niemals zu wahrer Macht gelangen, und ohne wahre Macht können wir die Welt niemals zur Vernunft bringen!“

Der Gildenmeister ignorierte seine Tirade.

„Wer hat dein kleines Monster getötet, Vonotar?“ seufzte er.

„Das war natürlich ich!“

„Nein. Das Kätzchen war es. Grauer hat dich als Waffe benutzt, so wie du einen Pfeil verwenden würdest, um einen Giak zu töten. Das Kätzchen weiß mehr über den Unterschied zwischen Gut und Böse als du, mein Freund. Ohne Frage“, der Gildenmeister hob die Hand, um den Schwall von Worten zu unterbinden, der über Vonotars Lippen drängte. „Du bist ein Mann großen Wissens und wir alle haben großen Respekt vor dir. Doch dein Wissen ging auf Kosten deiner Weisheit. Mein Kätzchen hat keine Bücher gelesen, keine Zauber entdeckt, doch erkannte es das Böse und, auch wenn es schwach war, begriff es sofort, was es tun musste.“

Vonotar versuchte etwas zu sagen, doch der Wirbel an Gedanken, der durch seinen Kopf jagte, ließ ihn erkennen, dass er das Chaos in seinem Verstand nicht mehr mit Worten ausdrücken konnte.

„Grauer ist mein Geschenk an dich“, sagte der Gildenmeister, und dieses Mal war kein Hauch von Spott in seinem Lächeln. „Lass das Kätzchen dein Lehrer sein, wenn du das nächste Mal das Bedürfnis verspürst, dem Pfad der Rechten Hand zu folgen.“

Am Ende fand Vonotar doch noch Worte.

„Ich verschmähe dein Geschenk!“ donnerte er. „Ich habe diese Kreatur getötet! Ich habe sie als Verkörperung des Bösen erkannt! Nur dass ich dem Pfad der Rechten Hand folge bedeutet nicht, dass ich nicht auf der Seite des Guten stehe.“

„Also bezwingt das Gute das Böse durch das Aufstampfen deines Fußes“, sagte der Gildenmeister traurig. „Vonotar, hebe deinen Fuß.“

Der Rebell gehorchte und blickte nach unten.

Zerdrückt auf den harten Steinstufen lagen die Überreste einer gelben Rosenblüte.

2

„Schick deinen Verstand zurück in eine Zeit, in der die Welt noch jung war.

In einer Zeit, die so weit zurückliegt, dass es noch keine Zeit gab, waren die Herren des Guten und des Bösen in einen ewigen Kampf verstrickt. Es war eine unblutige Auseinandersetzung, haben die Götter doch keine Hände, um ein Schwert zu heben und keine Leiber, die verwundet werden könnten. Sie sind überall und doch sind sie nirgendwo. Der Windhauch, der ein Blatt zum Erbeben bringt, ist Manifestation eines Gottes. Stürzende Felsen, die mit dem gellenden Donner eines Steinschlags Kinder zermalmen, sind die Manifestation eines Gottes. Der süße Atem eines friedlichen Schläfers ist Manifestation eines Gottes.

Der Krieg zwischen den Herren des Guten und der des Bösen hatte schon ewig angehalten. Wir können ebenso wenig begreifen, was mit ‚Ewigkeit‘ gemeint ist, wie wir das wahre Wesen der Götter zu begreifen vermögen. Wir sind beschränkt durch unsere eigenen Vorstellungen davon, was Zeit ist. Wir blicken uns im Universum um und wir sehen, dass sich alles in einem Zustand des Wandels befindet: Monde umkreisen Planeten, Planeten umkreisen Sterne, Sterne umkreisen die Mittelpunkte ihrer Galaxien, und die Galaxien selbst entfernen sich schnell voneinander. Auf einer einfacheren Ebene werden wir geboren, altern, und wenn es an der Zeit ist sterben wir. Wir sehen all diese Veränderungen und wir sagen, dass sie der Beweis sind, dass die ‚Zeit verstreicht‘. Dies tröstet uns, doch ist es wahrlich keine Erklärung. Die Wahrheit ist, dass wir einen Namen – ‚Zeit‘ – für etwas haben, dessen Wesen wir nicht einmal annähernd begreifen können.

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