Lesen und lesen lassen - Thomas Häring - E-Book

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Thomas Häring

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Beschreibung

Eine Zukunftsvision darüber, wie die Menschen irgendwann mal über uns und unsere Zeit vielleicht denken werden. Auch die Wissenschaftler mischen darin munter mit. Danach noch eine kurze Geschichte mit vielen Protagonisten und Dialogen. Es geht um Utopien, Dystopien und alles Andere, was möglich ist.

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Seitenzahl: 60

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Thomas Häring

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Andersartigkeit des Lebens

Bis ans Ende der Welt

Impressum neobooks

Die Andersartigkeit des Lebens

„Liebe Kinder! Wie Ihr alle wißt, haben wir uns in unserer letzten Geschichtsstunde über das Leben der Menschen im 20. und 21.Jahrhundert unterhalten. Was wißt Ihr denn davon noch?“ fragte ein Mann, den man auf einem Computerbildschirm sehen konnte, in die Runde der jungen Leute. „Die haben damals noch Kriege geführt und gearbeitet“, platzte es aus Enrico heraus. Einige Kinder lachten lauthals los. Auch der Mann konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und meinte dann: „Das ist richtig und für uns natürlich völlig unverständlich. Wir kämen niemals auf die Idee, uns gegenseitig umzubringen, schließlich sind wir keine Tiere. Und so etwas Demütigendes und Unmenschliches wie Arbeit ist bei uns nicht ohne Grund verboten. Arbeiten macht doof und beschränkt den Geist. Doch damals war Arbeit das Normalste auf der Welt. Das ging soweit, daß Leute, die sehr gescheit waren und deshalb selbstverständlich nicht arbeiten wollten, geächtet und gemieden wurden.“ Die Kinder erschraken und staunten. So etwas hätten sie nie für möglich gehalten. „Das muß damals alles ganz furchtbar gewesen sein“, glaubte Helena. „Aus unserer heutigen Sicht schon. Aber die Leute damals kannten ja nichts Anderes. Es hat sehr lange gedauert, bis die Menschen begriffen haben, daß Arbeit sinnlos, überflüssig und pure Zeitverschwendung ist. Früher ging man soweit, daß man Leute, die keine Arbeit hatten, als Arbeitslose stigmatisiert und wie Asoziale behandelt hat.“ Die Kinder schlugen entsetzt ihre Hände vor den Mund und der Mann fuhr fort: „Doch wir haben aus den schrecklichen Fehlern der Vergangenheit gelernt. In unserer Welt gibt es keine Waffen mehr und die Arbeit wird von Maschinen erledigt.“ Erleichtert atmeten die Kinder auf und wurden dann vom Schulflieger nach Hause geflogen, wo sie auf ihre Eltern trafen.

„Du, Papa, die Leute früher waren echt verrückt“, berichtete Enrico aufgeregt. Sein Vater lag in einer seiner Hängematten und blinzelte ihm verschwörerisch zu: „Das kannst Du laut sagen, mein Junge. Bei denen gab es noch Politiker. Dabei handelte es sich um Leute, die den ganzen Tag nur dummes Zeug redeten und den anderen Menschen weismachen wollten, daß sie, und zwar nur sie, wüßten, was gut für die Allgemeinheit ist. Völlig absurd. Da lobe ich mir doch unsere gemäßigte Anarchie, in der alle machen können was sie wollen, solange sie niemandem damit Schaden zufügen.“ „Und warum haben sich die Menschen früher gegenseitig umgebracht?“ „Weil sie nicht ganz richtig im Kopf waren. Stell’ Dir vor: Da sind Leute in eine Fabrik zum Arbeiten gegangen und haben dort Waffen hergestellt, mit denen andere Leute in fernen Ländern andere Personen umgebracht haben. So verrückt waren die damals, die Spinner.“

Plötzlich kam eine Frau herbei und legte sich in eine andere Hängematte. Es war Enricos Mutter, die Freundin seines Vaters. Die Ehe hatte man vernünftigerweise vor 85 Jahren, also 2068, abgeschafft, nachdem sich mehr als 80 Prozent der Ehepaare wieder scheiden hatten lassen. „Nicht daß Du einen falschen Eindruck von früher bekommst, mein Junge. Es war nicht alles schlecht, aber das meiste. Kinder wurden in der Schule drangsaliert und gedemütigt, entweder von ihren Lehrern oder den Mitschülern, alte Leute wurden in Pflegeheime gesteckt, wo sie vor sich hinvegetierten und alles drehte sich nur ums Geld“, erzählte die Frau. „Ja, die Abschaffung des Geldes und das damit verbundene Ende des Kapitalismus waren und sind wahrlich ein Segen für die Menschheit“, stellte der Mann fest und Enrico freute sich darüber, im Jahre 2153 zu leben, wo er als Fünfjähriger eine Welt entdecken konnte, in der es sich zu leben lohnte.

Die Nachbarn meldeten sich nun auch zu Wort, nachdem sie sich ebenfalls im Garten von Enricos Familie niedergelassen hatten. „Was waren das damals für komische Menschen! Sie hatten Autos, die mit Benzin fuhren, erzeugten Strom in Braunkohlekraftwerken oder Atomreaktoren und vernichteten systematisch ihre eigene Umwelt. Sie haben den Regenwald vollständig abgeholzt und ließen es untätig geschehen, daß in Afrika Millionen Leute verhungerten“, ließ der Nachbar verlauten und konnte fast selbst nicht glauben, was er da gesagt hatte. „Genau. Aber es war ja alles noch viel schlimmer. Es gab Kinderarbeit, Kindersoldaten und Kinderarmut. Eine Seuche löste die andere ab, es gab Vulkanausbrüche, Tsunamis, Erdbeben, Hurrikane, Hochwasserkatastrophen und Vieles mehr. Unglaublich, daß die Menschen das alles einfach so hingenommen und immer nur reagiert haben, anstatt dagegen vorbeugend etwas zu unternehmen“, fügte seine Freundin hinzu. „Egal. Die Vergangenheit ist vorbei und ihre düsteren Schatten sollten nicht länger das helle Licht unserer wunderbaren Gegenwart verdunkeln. Wer kommt mit auf einen kleinen Ausflug?“ wollte Enricos Vater wissen und daraufhin setzten sich er, sein Sohn und der Nachbar in einen kleinen Hubschrauber und machten sich auf den Weg in ein wunderschönes Naturgebiet, das sich erholt hatte, nachdem Umweltschutz 2098 zur Maxime erhoben worden war. Die Bäume lebten wieder auf und die Tiere fühlten sich wohl. „Weißt Du, Ramira, natürlich ist die Welt, in der wir leben, wunderbar, aber manchmal glaube ich, daß früher mehr los war und die Männer auch noch nicht so langweilig, lasch und farblos gewesen sind“, klagte Enricos Mutter. „Das sehe ich genauso. Oh, diese tapferen Krieger damals, das waren bestimmt noch echte Kerle“, stellte sich Ramira vor und so dachten sie zurück an jene Zeit, in der die Welt noch nicht friedlich gewesen war.

Es war erstaunlich, wie gut und harmonisch das Zusammenleben der unterschiedlichsten Leute funktionierte. Das Entscheidende war, daß man sich gegenseitig respektierte und niemand von sich glaubte, besser als die Anderen zu sein und über ihnen zu stehen. Klar, es war ein langer Weg bis dahin gewesen, erst hatte die Erde am Rande der ultimativen Katastrophe stehen müssen. Der Fünfte Weltkrieg, der von 2064-2068 stattgefunden hatte, hatte die Menschheit an den Abgrund gebracht und es hätte nicht mehr viel gefehlt, bis der Blaue Planet in die Luft geflogen wäre. Gerade noch hatte das endgültige Aus verhindert werden können und danach war klar gewesen, daß sich viele Dinge grundlegend zu ändern hatten. Man hatte einen Schnitt gemacht und noch einmal von vorne begonnen. Alte Fehler wurden nicht wiederholt und die Vergangenheit wurde kritisch und rückhaltlos aufgearbeitet. Es hatte sich gelohnt.

Doch wie immer gab es auch in jener Welt des Jahres 2153 Leute, die einen System- und damit natürlich in erster Linie einen Machtwechsel anstrebten. Kein Wunder und doch eine Ironie der Geschichte, daß es sich dabei um bürgerliche, reaktionäre Spießer handelte, wie Rolf Küber einer war. „Wir müssen die Ehe sofort wieder einführen, außerdem müssen wir Waffen produzieren, damit wir vor Außerirdischen geschützt sind und der Anarchismus muß durch einen totalitären Staat ersetzt werden!“ donnerte er und eine Kampfgenossen spendeten lautstarken Beifall. Da es weder eine Polizei noch einen Geheimdienst gab und weil alle machen konnten was sie wollten, durften Leute wie Küber ihre Hetzparolen überall ungestraft verbreiten. Niemand erkannte die Gefahr, die da lauerte, denn es lief einfach alles zu gut, so daß sich kein Mensch Gedanken machte, daß es mal anders kommen könnte. Noch schien man sicher zu sein.