Nest Ofen - Thomas Häring - E-Book

Nest Ofen E-Book

Thomas Häring

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2,99 €

Beschreibung

Ein letztes Mal "frohe Botschaften" aus der "Bibel der Arbeit". Es geht um Alltägliches, Banales, aber auch besonders Skurriles aus der Welt, in der wir leben, oder in der wir uns tagtäglich übergeben. Noch einmal Arbeit für alle oder halt eben nicht.

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Seitenzahl: 85

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Thomas Häring

Nest Ofen

Agenten, Legenden und Tragödien der Arbeit: Unsinn für die Zeitlosen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Flaschenpfandromantik

A(b)gesang

Impressum neobooks

Flaschenpfandromantik

„Kauft nichts für Arbeitslose!“ lautete einer der Slogans, die in aller Munde waren, es wurde immer ungemütlicher im Land, manche von den Arbeitslosen trugen die Binde, auf der das Zeichen der Agentur für Arbeit zu sehen war, verdeckt, so daß sie nicht sofort als Hartzies zu erkennen waren. „Ich halte das nicht mehr lange aus“, gab eine Arbeitslose zu. „Dann suchen Sie sich gefälligst einen Job!“ verlangte ihr Psychologe von ihr. „Sie reden sich leicht, Sie haben studiert, ich aber bin nur eine ungelernte Hilfskraft.“ „Selber schuld. Sie hatten die gleichen Chancen wie wir alle.“ „Nämlich keine. Schon als Kind mußte ich arbeiten, aber davon redet heutzutage ja niemand mehr.“ „Es zählt immer nur die Gegenwart und die besagt, daß Sie ein unnützer Kostenfaktor sind.“ „Aber ich bin doch auch ein Mensch und kann nichts dafür, daß ich nicht eingestellt werde.“ „Oh doch und das kann ich Ihnen ausnahmsweise sogar mal psychologisch erklären: Sie wollen entweder nicht arbeiten, das heißt, daß Sie schon bei Ihrem Bewerbungsschreiben alles dafür tun, um nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, oder Sie glauben nicht an sich und Ihre Fähigkeiten, weshalb Sie sich bereits im Vorfeld einreden, daß man Sie eh nicht engagieren würde, da Sie völlig unfähig sind. Aus diesen Gründen werden Sie nie einen Job finden, denn das Letztere nennt sich die sich selbst erfüllende Prophezeiung.“ „Da sind mir die Prophezeiungen von Celestine aber wesentlich lieber. Ich war übrigens schon sehr oft zu Vorstellungsgesprächen eingeladen.“ „Das hat nichts zu bedeuten. Manchmal laden die Personalchefs Leute zu sich ein, die sie nie im Leben einstellen würden, nur um zu sehen, was da draußen noch für ein Gesocks rum läuft. Man nimmt Sie als Vergleichsmaßstab für die richtigen Bewerber her und die glänzen in Ihrer Gegenwart natürlich viel mehr als wenn sie nur unter sich wären. Der Kontrast schärft nämlich erst das Bild.“ „Sie sollen mich doch ermutigen und nicht fertig machen.“ „Ich bin hier der Psychologe und ich werde ja wohl selbst am allerbesten wissen, was gut für Sie ist. Soweit kommt es noch, daß mir eine Hartz Viererin vorschreibt, wie ich in ihrer Behandlung vorzugehen habe. Also dann, Sie kleines Stück Scheiße, was haben Sie als Nächstes für einen Blödsinn vor?“ „Das sage ich Ihnen nicht, denn Sie machen eh alles nur schlecht, was ich plane.“ „Und das aus gutem Grund, weil Ihnen einfach nur Idiotisches einfällt. Warum wollen sie zum Beispiel nicht für mich als Putzfrau arbeiten?“ „Weil das unter meiner Würde ist.“ „Würde, wenn ich das schon höre, daß ich nicht lache! Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Sie in Zukunft einen anderen Psychologen aufsuchen würden? Man schaut uns nämlich immer komisch an, wenn wir Euch Arbeitslose behandeln und der Staat will dafür eigentlich in Zukunft auch kein Geld mehr ausgeben, weil er sich sagt: Die arbeiten eh nicht, also braucht man die auch nicht therapieren. Ich wünsche Ihnen jedenfalls für Ihre Zukunft einen Job und hoffe, daß Sie sich dann endlich mal nützlich machen. Und wie gesagt: Das Putzangebot steht noch.“ „Sie können Ihren Saustall schon selber aufräumen, Sie faule Sau! Als ob Sie arbeiten würden! Sie sitzen doch nur dumm rum, schauen blöd, hören nicht richtig zu und labern dann irgendeinen hirnlosen Scheiß. Selbst ein Orang-Utan wäre ein kompetenterer Therapeut als Sie.“ „Na, das war jetzt aber nicht sehr nett. Dabei wissen Sie doch, wie ungeheuer sensibel ich bin. Wenn Sie weiterhin so frech sind, dann verschreibe ich Ihnen dieses Mal keine Antidepressiva.“ „Oh nein, bloß das nicht, ich brauche meinen Stoff, sonst geht es mir nicht gut.“ „Also schön, ein allerletztes Mal werde ich Ihnen ein Rezept ausstellen, danach ist unsere Beziehung beendet. Von mir aus können Sie auch eine Überdosis Schlaftabletten zu sich nehmen, dann verschwinden Sie wenigstens aus der Arbeitslosenstatistik.“ „Dann würde ich Sie aber jede Nacht in Ihren Träumen heimsuchen.“ „Mir egal, ich schlafe eh nicht, von daher können Sie mir gar nichts anhaben. Und jetzt raus hier!“ „Das werden Sie noch bereuen.“ „Ha!“

Wieder zurück ins Glück der Freiheit, solange wir sie noch genießen können, denn im Namen der Sicherheit nimmt man uns die Bürgerrechte und erwartet dafür auch noch Dankbarkeit. Ich saß da letztens mit einem Agenten vom BND in der „Undank-Bar“ und der erzählte mir Folgendes: „Deutschland hat sich schon längst abgeschafft. Wir wissen ganz genau, was in den nächsten Jahren passieren wird, deshalb lassen wir auch alles so schleifen. Man hat uns von innen heraus zersetzt; erst waren es die ausländischen Facharbeiter, dann die Terroristen von der RAF, danach die Ostdeutschen, später die Neonazis und jetzt auch noch die Arbeitslosen. Unser Feind befindet sich immer im Inneren und liegt uns deshalb schwer im Magen. Diese ganzen Minderheiten haben sich rasend vermehrt und sind inzwischen so stark, daß man sie schon längst nicht mehr ignorieren kann. Wir haben jahrelang nur zugeschaut und gewartet, bis uns die Probleme über den Kopf wachsen. Dann merken wir auf einmal, daß es fast schon zu spät ist und reagieren blind sowie panisch-exzessiv.“ „Ja, von Nachhaltigkeit war in diesem Land noch nie sonderlich viel zu spüren. Alles wird immer nur auf kurzfristigen Erfolg angelegt, nichts hat Substanz und niemand ist wirklich dazu bereit, echte Opfer zu bringen. Kürzt bei den Anderen, aber nicht bei uns, lautet das allgemeine Credo, denn wir sind viel zu wichtig und dürfen deshalb nicht kaputt gespart oder vernachlässigt werden.“ „Ganz genau, aber so ist das halt in der Politik: Es zählt immer nur das Tagesgeschäft, langfristige Strategien sind unerwünscht und werden abgelehnt, da sie über den eigenen Tellerrand hinaus schauen.“ „Aber wenn das alles eh immer nur so primitiv angelegt ist, wieso fegt man das System dann nicht einfach hinweg?“ „Weil die Leute immer alles so lange aushalten und ertragen, bis es wirklich nicht mehr geht. Es muß ihnen alles scheißegal sein und richtig dreckig gehen, erst dann erheben sie sich und leisten Widerstand.“ „Und wie reagiert Ihr dann auf ein solches Szenario?“ „Ach, das haben wir alles schon einige Male durchgespielt. Wir setzen Polizisten und Bundeswehrsoldaten ein, um die Unruhen unter Kontrolle zu bringen. Dann nehmen wir die Rädelsführer fest, veranstalten Schauprozesse, verhängen Todesurteile und vollstrecken die dann auch sogleich, damit alle im Land sehen können, daß wir es todernst meinen und daß mit uns nicht zu spaßen ist.“ „Klingt gut durchdacht, aber was hält Euch eigentlich noch bei diesem Staat?“ „Die Angst vor der Unsicherheit, das Gespenst der Freiheit spukt natürlich auch in unseren Köpfen herum, aber wir lassen uns davon nicht erschrecken. Unser ganzes Leben lang haben wir diesem Staat gedient, deswegen werden wir ihn bis zum bitteren Ende verteidigen und dann werden wir ganz schnell die Fronten wechseln, sobald feststeht, daß es das gewesen war.“ „Ihr seid wirklich nicht dumm, alle Achtung, da habt Ihr gut vorgesorgt. Aber was würde eine Revolution denn bringen?“ „Eben, das ist die entscheidende Frage. Eine Veränderung, aber höchstwahrscheinlich nicht wirklich eine Verbesserung. Dann bestimmen halt andere Leute und die werden das Volk genauso oder noch schlimmer unterdrücken wie ihre Vorgänger.“ „Davon kann man definitiv ausgehen. Aber daß Ihr vom Staat kein Interesse an einem Regimewechsel habt, das ist mir schon klar. Entscheidend wird jedoch sein, was die Bevölkerung darüber denkt. Wenn sich über zehn Millionen Leute gegen Euch erheben würden, dann hättet Ihr garantiert keine Chance.“ „Das wissen wir selbst, deshalb tun wir ja immer alles dafür, um die Minderheiten zu diskreditieren und anzuprangern, denn sonst wären wir schon lange nicht mehr an der Macht. Wir legen auch großen Wert darauf, daß sich die unterschiedlichen Gruppen nicht miteinander verbünden oder untereinander zu gut verstehen, daran haben wir ebenfalls nicht das geringste Interesse.“ „Wieso erzählen Sie mir das eigentlich alles?“ „Damit klar wird, daß wir alles im Griff haben und daß es zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt keinen Sinn macht zu rebellieren.“ „Alles klar.“