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Stygia ist die neue Höllenkaiserin und gleichzeitig Dunkle Göttin; ihr zur Seite liegen die fünf Blutgötzen von Atlantis. Der Wächter der Schicksalswaage existiert nicht mehr. Sara Moon und Stygia sind die neuen Pole der Schicksalswaage. Sara vertritt das Licht, Stygia die Dunkelheit. Nur gemeinsam sind sie in Waage. Nur gemeinsam sind die Welten im Gleichgewicht. Doch wer wird zukünftig der Herr der Hölle? Gleich mehrere Anwärter haben großes Interesse, Stygias verwaisten Thron zu erobern ...
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Personenliste
Der Herr der Hölle
Leserseite
Vorschau
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Wichtige Personen für diesen Roman sind:
Professor Zamorra deMontagne: der des Übersinnlichen; furchtloser Kämpfer gegen die Ausgeburten der Hölle und Wissenschaftler für parapsychologische Phänomene
Nicole Duval: seine Sekretärin sowie Lebens- und Kampfgefährtin
Bill Fleming: Zamorras alter Jugendfreund (siehe Professor Zamorra 1 bis 350). Er starb vor fast vier Jahrzehnten. Erhielt von Gott persönlich das zweites Leben geschenkt.
Gryf ap Llandrysgryf: achttausendjähriger Silbermond-Druide. Arbeitet für Sara Moon. Ist mit Nicole und Zamorra befreundet.
Agares: Erzdämon der Hölle, gebietet über Südamerika; hat keine Ambitionen auf den Höllenthron
Astaroth: Erzdämon der Hölle, gebietet über Nordamerika; hat keine Ambitionen auf den Höllenthron
Belial: Erzdämon der Hölle und Fürst der Finsternis, gebietet über Asien; hat Ambitionen auf den Höllenthron
Berith: Erzdämonin der Hölle, gebietet über die Arktis und die Antarktis; man weiß nicht, ob sie Ambitionen auf den Höllenthron hat
Melmoth III.: Erzdämon der Hölle, gebietet über Australien; hat Ambitionen auf den Thron des Fürsten der Finsternis
Stygia: Herrin der Hölle, gebietet über Europa; gilt als verschollen
Zarkahr: Erzdämon der Hölle, gebietet über Afrika; hat sehr starke Ambitionen auf den Höllenthron
von Thilo Schwichtenberg
Draußen war es sternenklar. Jessica und Peter hatten es sich im Bully gemütlich eingerichtet. Irgendwo im Nirgendwo Australiens. Die nächsten beiden Monate würden sie mit ihm durch das Outback touren.
Plötzlich schrie Jessica auf. Jemand hatte ans Fenster geklopft!
Peter nahm das Messer und die Taschenlampe und leuchtete nach draußen. Ein Gesicht wurde aus der Dunkelheit gerissen.
»Ein Mann«, flüsterte Peter angespannt. »Hören wir uns an, was er will.«
Noch immer das Messer in der Hand haltend, öffnete er die Tür ...
»ICH werde euch in Zukunft führen. Und niemand sonst!« Zarkahr war nochmals gewachsen. »Die Hölle gehört in eine starke Hand. Und die bin ich!«
Astaroth verneinte mit dem rechten Zeigefinger. »Da haben wir auch noch ein Wörtchen mitzureden.«
»Was soll das heißen?«, blaffte DER CORR.
Agares lächelte süffisant. »Wir werden ein schwarzes Konklave abhalten. Jeder hier im Raum besitzt eine Stimme. Wir erwählen den neuen Herrn der Hölle aus unserer Mitte.«
Zarkahr lachte auf. »Wo gibt es denn so was? Der Stärkere kommt auf den Thron. Und das bin ich!« Er sah Belial herausfordernd an. »Ich fordere dich zum Zweikampf heraus.«
Hölle, damals, kurz bevor Luzifer, Michael und Gott die Erde verlassen
Die Heere kämpften miteinander! Dämonen gegen Engel, Menschen gegen Engel und Engel gegen die Namenlosen Alten.
»Ein hoffnungsloses Unterfangen«, erkannte Astaroth. »Die Geflügelten sind in der Minderzahl. Vielleicht geht Luzifers Plan, wie auch immer der lautet, doch auf.«
Belial sah ihn scharf an. »Also sollten wir ebenfalls eingreifen? Damit Zarkahr nicht allein triumphieren wird?«
Abermals bebte die Hölle. Im Konferenzraum zeigten sich erste Risse.
»Oder bringen wir uns in Sicherheit?«, warf Agares ein.
Dieses Mal hörte das Beben nicht mehr auf.
Astaroth lachte verbittert auf. »Unsere letzte Hoffnung scheint wohl Stygia zu sein.«
Alle sahen ihn an, sagten aber nichts.
Und am Engelsfeld war der Krieg der Mächte nun vollends entbrannt!
Belial, amtierender Fürst der Finsternis, blinzelte mit den Augenlidern.
Was war geschehen? War er kurz eingenickt?
Eigentlich nicht. Oder doch? War da eine Lücke in seinen Erinnerungen?
Zarkahr würde triumphieren! Er hatte das Ruder in die Hand genommen und war mit seinen Heerscharen in den Krieg gegen das Licht gezogen. Und Melmoth III. mit seinen Mannen hatte diese Chance ebenfalls am Schopfe gefasst und war ihm gefolgt.
Nur sie, Agares, Astaroth, Berith und er, also die restlichen vier Erzdämonen, hatten gezögert und auf Stygia gehofft. Gehofft, dass sie alles erklären konnte. Dass sie Nachricht von Vater brachte.
»Was soll das?!«, vernahm er die verdutzte Stimme von Zarkahr hier im Konferenzraum. DER CORR knurrte ungehalten. Dann schrie er: »Was soll das? Wo bin ich? Warum bin ich hier? Wer hat das zu verantworten?«
»Ja, wo sind wir?« Auch Melmoth III. klackte mit den Kieferklauen und tänzelte auf seinen Hufen. Der Spinnenzentaur schien vollkommen desorientiert. Ja, er hielt sogar noch sein Schwert in den Händen.
»In der Tat.« Astaroth sah sich stirnrunzelnd um. »Ihr seid wieder hier.«
DER CORR sprang auf. »Das lasse ich mir nicht gefallen! Ich will zurück ins Engelsfeld. Wir hatten den Kampf bereits entschieden! Das Dunkle hat den Sieg davongetragen.«
Er drehte sich dreimal um sich selbst und war verschwunden. Eine rotgelbe Schwefelwolke hing noch in der Luft.
»Warte!« Melmoth klackte mit den Kieferklauen.
Doch da war DER CORR schon wieder da. Er taumelte, ließ sich auf seinen Sitz fallen. »Die Dimensionstore ins Engelsfeld – sie sind verschwunden.«
Abermals erhob er sich, verschwand, kam wieder und strauchelte erneut.
»Was ist?« Melmoth klapperte mit den Hufen.
»Was soll sein?« Zarkahr sah ihn wütend an. »Die Dimensionstore existieren nicht mehr.«
»Unmöglich!« Jetzt verschwand der Spinnenzentaur – um im nächsten Moment wieder aufzutauchen. Fast verhedderte er sich mit den Beinen. »Sie sind weg.«
»Weiß ich doch, du Troll!«, blaffte ihn Zarkahr an.
DER CORR sah sich um. »Wo ist Stygia?«
Agares zuckte mit der Schulter. »Jedenfalls nicht hier.«
Belial knurrte ungehalten. »Wir warten noch immer auf sie.«
»Sssseeehhht!«, wisperte, raunte und wehte die Stimme Beriths durch den Raum.
Bei dieser Erzdämonin aus der neuen Hölle war nie ganz klar, was sie eigentlich darstellte. Wie immer trug sie einen grauen Gazeschleier, der ihr bis weit über die Brust fiel und sich glatt und eng um den Körper schmiegte. Ihre Stimme musste sich stets erst zusammensetzen, bevor man sie wirklich verstand. Doch viel hatte sie bisher eh nicht gesagt.
Belial war schon öfters kurz davor gewesen, ihr den Schleier vom Kopf zu reißen. Doch etwas in seinem Inneren warnte ihn davor, es wirklich zu tun.
So ein Quatsch, schalt er sich, als wenn sich ein Dämon vor einem anderen Dämon jemals gegruselt hat.
Er folgte der ausgestreckten Hand, die in Spitzenhandschuhen steckte, und erstarrte.
»Der Projektionsschirm ist verschwunden«, stellte Agares lakonisch fest.
»Wir sind blind!« Melmoth sah hektisch von einem zum anderen.
»Kannst du nicht endlich einmal still stehen, du Ackergaul!«
Belial begann das Getanze des Spinnendämons auf die Nerven zu gehen. Er konnte nicht einmal in Ruhe nachdenken.
»Ich bin kein Gaul.«
Melmoth schien entrüstet, blieb aber zumindest stehen.
»Wo? Ist? Stygia?!« Die Körperfarbe DES CORR wechselte in ein tiefes Rot. Nicht mehr lange, und er stand wieder einmal in Flammen. »Und wo ist überhaupt LEGION?«
Alle sahen zu Belial.
Der zuckte mit der Schulter. »Leonardo deMontagne hat gegen die Hölle agiert. Ich habe ihn kurzerhand eliminiert.«
»Du hast was?« Zarkahr stand in Flammen.
»Bist du schwerhörig?! Ich habe doch gerade eben gesagt, dass er sich gegen die Hölle und vor allem gegen Vater gestellt hat.«
»Niemals!«, brüllte DER CORR, »gebt es zu, ihr habt nur gewartet, bis ich weg war.«
»Bis wir weg waren«, stellte Melmoth klar.
In dem Moment wurde nicht nur dem Fürsten der Finsternis klar, dass sich zwei Lager gebildet hatten. Auf der einen Seite standen er, Astaroth und Agares, auf der anderen Melmoth und Zarkahr. Fragte sich bloß, wohin Berith tendierte.
Belial sah die Verschleierte an. »Auf welcher Seite stehst du?«, fragte er sie direkt.
Erst passierte unter dem Schleier nichts. Dann formten sich doch Worte. »Ich ... bin Berith.«
Kurz sah er zu Astaroth. Die Gute hatte doch nicht alle Tassen im Schrank. Wie konnte Stygia dieses Ding überhaupt in den Inneren Kreis der Hölle aufnehmen? Sicher, dachte er frustriert, es gab nachvollziehbare Gründe, die dazu geführt hatten.
Laut sagte er stattdessen: »Gut, warten wir auf Stygia. Sie muss jeden Augenblick kommen und uns über die aktuelle Lage informieren.«
»Warten!« Zarkahr spie aus. »Ich bin ein Mann der Tat! Warten ist etwas für Irrwische. Ich verschwende dafür keine Zeit.« Trotzdem blieb er sitzen.
Er wollte selbst wissen, was jetzt los war.
Antarktis, Expeditionskreuzfahrtschiff MS Biscoe, heute
Er sah wie ein Flugzeugträger aus. Nur eleganter.
Samuel versteckte den Kopf ob der klirrenden Kälte etwas zwischen den Schultern und lächelte selig, während er den Giganten weiter betrachtete.
Was für ein Weiß. Was für ein Blau. Ein Zahnpastablau, auch wenn diese Farbe nur durch Lichtreflexionen hervorgerufen wurde.
Modelliert durch Wind und Wasser lag der Eisberg majestätisch vor ihnen und nahm die Vorüberfahrt der MS Biscoe mit stoischer Würde entgegen.
Samuel kniff die Augenlider zusammen und fuhr den Kopf wieder etwas aus. So musste sich eine Weinbergschnecke aus dem Gehäuse hervorwagen.
Etwas war gesplittert. Aber nicht wie Glas. Sondern tiefer, sirrender.
Schon gab es die ersten »Ahs« und »Ohs«. Zeigefinger schnellten nach oben. Handys wurden gezückt und auf den gewaltigen Koloss gehalten.
Und da passierte es auch schon! Ein großes Stück Eis brach ab und rutschte donnernd in die Tiefe. Eine weiße Wolke entstand. Eine Welle baute sich auf. Letztere traf nach acht Sekunden das Schiff.
Es neigte sich einmal behäbig zur Seite, bevor es wieder in die Ausgangslage zurückglitt – doch ein paar der vierhundertneunundneunzig Passagiere schrien trotzdem auf. Vierhundertneunundneunzig, weil Schiffe ab fünfhundert Personen keine Anlandungen mehr durchführen durften. Und war man einmal da, wollte man natürlich auch den Fuß auf die Antarktis setzen. Also hieß es notgedrungen lieber mehr zu bezahlen als nur vorüberzufahren.
Samuel nickte. O ja. Eisberge sahen einfach wunderschön aus.
Und sie besaßen einen ganz großen Vorteil: Sie redeten nicht.
Der Enddreißiger war ein eingefleischter Junggeselle. Nichts war ihm mehr zuwider als das ewige Geschnatter des anderen Geschlechts. Er wollte einfach seine Ruhe haben und nicht immer zuhören oder antworten müssen.
Oftmals wollte er einfach nur sitzen.
Oder schauen, wie jetzt.
»Entschuldigung«, sagte eine wohltemperierte Frauenstimme. Doch da war es bereits zu spät. Sie hatte sich in den winzigen Spalt rechts von ihm an die Reling gezwängt, um nun ebenfalls den Eisberg betrachten zu dürfen. Links befand sich die Bordwand. Dort konnte zum Glück keiner stehen.
Dabei war Samuel so zufrieden damit gewesen, dass es diese schmale Kluft zwischen ihm und dem Nachbarn gegeben hatte. Immerhin hatte er einiges dafür tun müssen. Wahrscheinlich wollte das ältere Ehepaar vorhin einfach nur mit ihm in Kontakt kommen, was wusste er schon. Doch er hatte die Anfragen der beiden einfach ignoriert. Und da es ein internationales Schiff war, wusste auch niemand, ob er sie überhaupt verstanden hatte.
Distanziert war er auf jeden Fall geblieben. Das war seine Taktik, schon seit Jahren.
Und nun spürte er den Anorak der Dame an seiner schnell wärmer werdenden rechten Körperhälfte.
»Ein schöner Anblick, nicht wahr?«
Er konnte so tun, als ob er auch sie nicht verstand.
»Hallo? Du sprechen Englisch?«
Die ließ nicht locker.
Also nickte er.
Ein Fehler.
»Reisen Sie allein? Ich reise ebenfalls allein. Heute ist schon der vierte Tag der Reise, und ich habe mich noch immer nicht mit jemandem angefreundet.« Sie seufzte.
Wenn er jetzt nicht ging, hatte er für den Rest der Reise einen Klotz am Bein.
»Entschuldigung«, sagte er deshalb und drückte sich von der Reling ab, »aber mir ist kalt.«
»Oh, Sie haben ja gar keine Handschuhe an. Warten Sie, ich wärme Ihre Hände.«
Schon hatte sie seine Finger mit ihren Fäustlingen ergriffen und zugedrückt.
Reflexartig zog er sie weg. Er durfte ihr auf keinen Fall ins Gesicht sehen. Das wäre eine Einladung für sie gewesen, hemmungslos weiterzureden.
»Autsch«, machte er überrascht und betrachtete die rechte Hand. Blut drückte sich aus der winzigen Wunde.
»Oh, der dumme Reißverschluss. Das macht er hin und wieder. Ich entschuldige mich für ihn.«
Samuel spürte, wie er langsam durch ihr Verhalten gereizt wurde – und sah ihr nun doch ins Gesicht.
Verdammt. Das war ... ja noch bedeutend schöner als der Eisberg!
Und vor allem war es weich und warm! Mit Kussmund, vollen Lippen, einer sinnlichen Nase und großen braunen Augen mit langen Wimpern, die so unschuldig schauten wie Bambis kleine Schwester. Dazu kurzes Blondhaar – und einen Duft verströmte die Dame wie Frühlingsblumen im absterbenden Winter.
»Ist Ihnen nicht gut? Sie sehen so verdattert aus.«
Ihre Augen waren wie Sümpfe, ach, wie Saugmaschinen. Wenn er sich jetzt nicht gleich dagegenstemmte, hatten sie ihn inhaliert!
»Sie haben recht. Mir geht es nicht-« Samuel brach ab. Verwirrt starrte er sie weiter an. »Es, es geht mir sehr gut!«
War das etwa Liebe auf den ersten Blick? Er war neununddreißig! Da durfte ihm doch so etwas Kindisches nicht mehr passieren!
Die Gute hatte schon längst bewiesen, dass sie eine Quasselstrippe war.
Wenn auch eine sympathische, fast schon unbeholfene.
Sie genoss Welpenschutz.
Was dachte er denn da? Er war ja völlig durcheinander.
»Ja dann, äh, ich muss erst einmal auf meine Kabine. Hände waschen.«
»Hände waschen?« Sie lächelte. »Sie sind etwas verwirrt, wie mir scheint, aber das«, sie lachte auf, »das macht Sie irgendwie noch sympathischer.«
Ich bin nicht sympathisch, wollte er klarstellen und fühlte sich doch geschmeichelt.
»Ich bringe Sie in Ihre Kabine. Da können Sie sich frisch machen, und in einer halben Stunde hole ich Sie zum Dinner ab? Einverstanden?«
Sie lächelte schief. Und süß. Und unbeholfen. Und sie hatte große Augen.
Willenlos ließ er sich führen.
Was hatte sie nur mit ihm gemacht? So durcheinander war er schon sehr lange nicht mehr gewesen.
Seine Jugend kam ihm in den Sinn. Damals, als er mit achtzehn an der Straßenecke auf die Angebetete gewartet hatte. Kam sie oder kam sie nicht? Mit Blumen stand er da und wartete. Und je länger er wartete, umso peinlicher war ihm die Situation geworden. Wie viele Menschen ihn, den Deppen, da wohl gesehen hatten?
Letztendlich war sie nicht erschienen.
So musste er die Blumen hinterm Zaun entsorgen. Vielleicht, ja, vielleicht war das der Beginn seines Junggesellendaseins gewesen, denn so eine Schmach hatte er nie wieder erleben wollen.
»Ah, hier wohnen Sie.« Sie lächelte verschmitzt.
Einen Moment zögerten beide.
»Na ja«, stammelte er, »ich geh dann mal rein.«
»Okay. In dreißig Minuten? Wieder hier?«
Sein Herz pochte. Er nickte verwirrt.
Sie rauschte davon.
Etwas linkisch, wie er fand. Und doch total süß, wie sie ihren Allerwertesten bewegte.
Während sich Samuel die Hände wusch, musste er sich immer wieder eine Frage stellen: Hätte er sie hereinbitten sollen? War sie jetzt beleidigt und würde nicht mehr kommen? Aber das Schiff war nicht groß. Sie würden sich wieder begegnen. Ganz gewiss.
Samuel verzehrte sich jetzt schon nach ihr. Nach ihren Augen. Nach ihren Wimpern, nach ihrem Kussmund!
Was war nur los mit ihm? Die Hormone spielten total verrückt!
Samuel tigerte in der Kajüte auf und ab, sah durch das kleine Fenster auf den Eisberg, seufzte und fasste einen Entschluss.
Er rief den Zimmerservice an und bestellte einen kleinen Abendimbiss für zwei Personen auf sein Zimmer.
Wenn er es recht bedachte, besaß er keine Lust auf die anderen Menschen. Er würde sie hier empfangen.
Hier? Panisch sah er sich um. Er glättete die Decke des Bettes. Er stellte die Schuhe ordentlich neben die Tür. Im Bad ordnete er sämtliche Utensilien, sah in die Toilette, nickte zufrieden, verstäubte Parfüm und blinzelte sich im Spiegel kokett zu.
Mehr konnte er nicht tun.
Doch! Er atmete in die Hand und roch im gleichen Augenblick die Atemluft.
Alles gut!
Es klopfte. Zimmerservice oder sie, von der er nicht einmal den Namen wusste.
Samuel räusperte sich und öffnete die Tür.
»Oh«, entfuhr es ihm erstaunt, als sie auch schon den kleinen Imbiss mit ins Zimmer brachte. Den Kellner sah er nur noch von hinten.
»Ja, da wäre ich.« Sie hatte einen Rentierpulli an und sah sich hilfesuchend im Zimmer um.
»Äh, das Tablett kann hier hin.« Er wies auf den Schreibtisch.
Sie stellte es ab. »Also noch mal: Da wäre ich.«
Er nickte. »Ja, da wären wir.«
In seinem Inneren schienen die Hormone Achterbahn zu fahren. Er war völlig aufgepeitscht.
Eine Weile standen sie sich gegenüber, dann machte er den ersten Schritt auf sie zu.
Und sie – umarmte ihn. »Entschuldigung, geht dir das zu schnell?«, raunte sie ihm ins Ohr.
»Äh nein, irgendwie nicht.«
Irgendwie nicht? Er war gut zwanzig Jahre Junggeselle und dann das?
Er fasste ihren Rentierpulli, zog ihn nach oben. Der kratzte naturgemäß, aber es war egal. Schon war das Kleidungsstück auf den Stuhl geflogen. Die nächsten schafften es nur noch auf den Boden.
Die beiden landeten auf dem Bett.
Das bin nicht ich! Das bin nicht ich! Die hat mich verhext! Das ist doch nicht normal, dachte er. Dann dachte er nichts mehr.
Da war nur noch Rausch. Rausch und Stöhnen. Und bald eine zwanzig Jahre angestaute Explosion die alles mit sich hinfortriss. Das Denken, das Sinnen, die Erfahrungen, die Vorsicht – einfach alles. Hoffentlich waren die anderen Gäste, die in den Nachbarkabinen wohnten, schon am Buffett.
