Ruinenblüten - Patrick Modiano - E-Book

Ruinenblüten E-Book

Patrick Modiano

2,1
7,99 €

Beschreibung

Eine Nacht im April 1933. Aus unerklärter Ursache begehen zwei junge Eheleute in ihrer Pariser Wohnung Selbstmord. Zuvor waren sie tanzen gegangen, hatten zwei Frauen und zwei Männer kennengelernt und waren in einem Haus mit rotem Aufzug gestrandet. Drei Jahrzehnte später sitzt an einem schwülheißen Augusttag ein Mann in einem Pariser Café und denkt über diese Geschichte nach, an der – so scheint es – auch Weggefährten seines eigenen Lebens beteiligt waren. Er begibt sich auf die Spur jener Menschen, stößt auf unvermutete Zusammenhänge und vertauschte Realitäten. Auf seinen Streifzügen durch Paris nimmt der Erzähler Silhouetten wahr, Begegnungen, Namen. Er ist auf der Suche nach Beweisen und Indizien, mit denen er sich selbst von der Existenz dieser vergangenen Bekanntschaften und Schauplätze zu überzeugen sucht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 108

Bewertungen
2,1 (18 Bewertungen)
0
1
3
10
4



Eine Nacht im April 1933. Aus unerklärter Ursache begehen zwei junge Eheleute in ihrer Pariser Wohnung Selbstmord. Zuvor waren sie tanzen gegangen, hatten zwei Frauen und zwei Männer kennengelernt und waren in einem Haus mit rotem Aufzug gestrandet.

 Drei Jahrzehnte später sitzt an einem schwülheißen Augusttag ein Mann in einem Pariser Café und denkt über diese Geschichte nach, an der – so scheint es – auch Weggefährten seines eigenen Lebens beteiligt waren. Er begibt sich auf die Spur jener Menschen, stößt auf unvermutete Zusammenhänge und vertauschte Realitäten.

 Auf seinen Streifzügen durch Paris nimmt der Erzähler Silhouetten wahr, Begegnungen, Namen. Er ist auf der Suche nach Beweisen und Indizien, mit denen er sich selbst von der Existenz dieser vergangenen Bekanntschaften und Schauplätze zu überzeugen sucht.

Patrick Modiano, geboren 1945 bei Paris als Sohn einer Schauspielerin und eines jüdischen Emigranten, publizierte bereits im Alter von 22 Jahren seinen ersten Roman. 1978 erhielt er für Die Gasse der dunklen Läden den Prix Goncourt. 2014 wurde Modiano der Nobelpreis verliehen.

 Im Suhrkamp Verlag sind von ihm u.a. erschienen: Eine Jugend (st 4615), Villa Triste (st 4616), Die Gasse der dunklen Läden (st 4617), Pariser Trilogie (st 4618), Straferlaß (st 4619) sowie

Patrick ModianoRuinenblüten

Roman

Die Originalausgabe erschien 1991 unter dem Titel

Fleurs de ruine

bei Seuil.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 4623

© Suhrkamp Verlag Berlin 2000

© Éditions du Seuil, 1991

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr.

Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Für ZinaFür Marie

Eine alte Klatschbase

Ein grauer Postillon

Ein glotzender Esel

Ein Brunnenseil

Lilien und Rosen

In einem Senftopf

So sieht der Weg aus

Der nach Paris führt.

Lamartine

An diesem Sonntag abend im November war ich in der Rue de l'Abbé-de-l'Épée. Ich ging an der großen Mauer der Taubstummenanstalt entlang. Links erhebt sich der Turm der Kirche Saint-Jacques-du-Haut-Pas. Ich hatte ein Café an der Ecke der Rue Saint-Jacques in Erinnerung, wo ich einkehrte, nachdem ich im Studio des Ursulines bei einer Filmvorführung gewesen war.

Auf dem Gehsteig welkes Laub. Oder die verkohlten Seiten eines alten Gaffiot-Wörterbuchs. Das ist das Viertel der Schulen und Klöster. Einige altertümliche Namen kamen mir wieder ins Gedächtnis: Estrapade, Contrescarpe, Tournefort, Pot-de-Fer … Es machte mich beklommen, durch Gegenden zu gehen, in die ich seit der Zeit, als ich achtzehn war und ein Gymnasium der Montagne-Sainte-Geneviève besuchte, keinen Fuß mehr gesetzt hatte.

Es kam mir so vor, als wären die Orte in dem Zustand geblieben, in dem ich sie Anfang der sechziger Jahre zuletzt gesehen hatte, und als wären sie zu jener Zeit, vor mehr als fünfundzwanzig Jahren, verlassen worden. In der Rue Gay-Lussac – jener stillen Straße, wo man einst Pflastersteine herausgerissen und Barrikaden errichtet hatte – war die Tür eines Hotels zugemauert, und die meisten Fenster hatten keine Scheiben mehr. Doch das Schild war noch immer an der Hauswand befestigt: Hôtel de l'Avenir, Hotel der Zukunft. Welche Zukunft? Die bereits vergangene eines Studenten der dreißiger Jahre, der nach dem Abschluß der École normale supérieure ein kleines Zimmer dieses Hotels mietete und am Samstag abend seine ehemaligen Kommilitonen dorthin einlud. Und man ging um den Häuserblock, um im Studio des Ursulines einen Film zu sehen. Ich stand vor dem Gittertor und dem weißen Haus mit den Fensterläden, das im Erdgeschoß das Kino beherbergt. Die Eingangshalle war erleuchtet. Ich hätte bis zum Val-de-Grâce gehen können, in diese friedliche Gegend, wo Jacqueline und ich uns versteckt hatten, damit der Marquis keine Chance mehr haben sollte, ihr zu begegnen. Wir wohnten in einem Hotel am Ende der Rue Pierre-Nicole. Wir lebten von dem Geld, das Jacqueline der Verkauf ihres Pelzmantels eingebracht hatte. Die sonnenbeschienene Straße am Sonntag nachmittag. Die Ligusterbüsche des kleinen Backsteinhauses gegenüber dem Collége Sévigné. Efeu überwucherte die Balkone des Hotels. Der Hund schlief im Hausflur.

Ich kam in die Rue d'Ulm. Sie war wie ausgestorben. Ich sagte mir zwar, dies sei an einem Sonntagabend in diesem strebsamen und provinziellen Viertel nichts Ungewöhnliches, dennoch fragte ich mich, ob ich noch in Paris war. Vor mir die Kuppel des Panthéon. Ich hatte Angst, so ganz allein im Mondlicht am Fuß dieses Grabmals zu stehen, und bog in die Rue Lhomond ein. Vor dem Collège des Irlandais blieb ich stehen. Eine Glocke schlug achtmal, vielleicht die der Kongregation vom Heiligen Geist, deren massive Fassade zu meiner Rechten aufragte. Noch ein paar Schritte, und ich stieß auf die Place de l'Estrapade. Ich suchte die Nummer 26 der Rue des Fossés-Saint-Jacques. Ein modernes Mietshaus, da, vor mir. Das alte Haus war sicher schon vor zwanzig Jahren abgerissen worden.

24. April 1933. Zwei junge Eheleute begehen aus mysteriösen Gründen Selbstmord.

Eine sehr seltsame Geschichte ist es, die sich im Lauf der vorausgegangenen Nacht im Haus Nr. 26 der Rue des Fossés-Saint-Jacques, nahe dem Panthéon, bei Monsieur und Madame T. abgespielt hat.

Urbain T., ein junger Ingenieur, Erster beim Abschlußexamen der Chemischen Hochschule, hatte drei Jahre zuvor Gisèle S. geheiratet, sechsundzwanzig Jahre alt, ein Jahr älter als er. Madame T. war eine hübsche Blondine, groß und schlank. Ihr Mann war der Typ des gutaussehenden dunkelhaarigen Burschen. Das Paar war im Juli des Vorjahres im Erdgeschoß der Rue des Fossés-Saint-Jacques Nr. 26 in eine von ihnen zur Wohnung umgebaute Werkstatt eingezogen. Die jungen Eheleute verstanden sich sehr gut. Ihr Glück schien von keiner Sorge getrübt.

Am Samstag abend beschloß Urbain T., mit seiner Frau essen zu gehen. Beide verließen gegen neunzehn Uhr ihre Wohnung. Zurückkehren sollten sie erst gegen zwei Uhr morgens in Begleitung zweier Paare, Zufallsbekanntschaften. Durch den unüblichen Radau, den sie machten, hielten sie ihre Nachbarn wach, die an ein so geräuschvolles Auftreten seitens normalerweise sehr zurückhaltender Mieter nicht gewöhnt waren. Das Fest nahm zweifellos unerwartete Wendungen.

Gegen vier Uhr morgens brachen die Gäste auf. Im Lauf der nun folgenden stillen halben Stunde ertönten zwei dumpfe Schläge. Um neun Uhr kam eine Nachbarin, die ausgehen wollte, an der Tür der T.s vorbei. Sie hörte Stöhnen. Plötzlich erinnerte sie sich der nächtlichen Schüsse, beunruhigt klopfte sie an die Tür. Diese ging auf, und Gisèle T. erschien. Aus einer Wunde, die unter der linken Brust zu sehen war, sickerte Blut. Sie flüsterte: »Mein Mann! Mein Mann! Tot.« Kurz danach traf Polizeikommissar Magnan ein. Gisèle T. lag stöhnend auf dem Sofa. Im Nebenzimmer entdeckte man den Leichnam ihres Mannes. Er hielt noch einen Revolver in der geballten Hand. Er hatte sich eine Kugel ins Herz geschossen.

Neben ihm ein hingekritzelter Brief: »Meine Frau hat sich umgebracht. Wir waren betrunken. Ich bringe mich um. Suchen Sie nicht …«

*

Den Ermittlungen zufolge scheinen Urbain und Gisèle T. nach dem Essen in einer Bar von Montparnasse gelandet zu sein. Neulich abends bin ich von der Rue des Fossés-Saint-Jacques bis zu der Kreuzung gegangen, an der das Dôme und die Rotonde liegen, nachdem ich die dunklen Gärten des Observatoriums hinter mir gelassen hatte. Die T.s mußten in jener Nacht des Jahres 1933 dem gleichen Weg gefolgt sein. Ich war überrascht, mich an einem Ort wiederzufinden, den ich seit den sechziger Jahren gemieden hatte. Wie die Ursulines-Gegend gemahnte mich auch das Montparnasse-Viertel an Dornröschens Schloß. Mit zwanzig Jahren, als ich für ein paar Nächte in einem Hotel der Rue Delambre wohnte, hatte ich den gleichen Eindruck gehabt: schon damals schien mir Montparnasse ein Viertel zu sein, das sich selbst überlebt hatte und, weit entfernt von Paris, langsam vor sich hin moderte. Wenn es in der Rue d'Odessa oder der Rue du Départ regnete, kam ich mir vor wie in einem bretonischen Hafen bei Nieselwetter. Aus dem Bahnhof, der noch nicht zerstört war, entwichen Schwaden von Brester und Lorienter Luft. Das Fest war hier schon lange vorbei. Ich erinnere mich, daß das Schild des ehemaligen Jimmy's noch an der Hauswand in der Rue Huyghens hing und daß zwei oder drei Buchstaben fehlten, die der Seewind davongeblasen hatte.

Es war das erste Mal – den Zeitungen vom April 1933 zufolge –, daß das junge Ehepaar ein Nachtlokal in Montparnasse betrat. Hatten sie während des Essens ein wenig zuviel getrunken? Oder wollten sie einfach einen Abend lang den ruhigen Lauf ihres Lebens unterbrechen? Ein Zeuge versicherte, sie gegen zweiundzwanzig Uhr im Café de la Marine, einem Tanzlokal am Boulevard Raspail Nr. 243, gesehen zu haben; ein anderer, im Kabarett Les Isles in der Rue Vavin, in Begleitung zweier Frauen. Die Polizisten zeigten ihre Fotos, um Zeugenaussagen zu bekommen, die allerdings mit Vorsicht zu genießen waren, denn es gab viele blonde Mädchen und dunkelhaarige junge Männer wie Urbain und Gisèle T. Einige Tage lang hatte man versucht, die beiden Paare zu identifizieren, die die T.s nach Hause in die Rue des Fossés-Saint-Jacques mitgenommen hatten, dann waren die Ermittlungen eingestellt worden. Gisèle T. hatte, bevor sie ihren Verletzungen erlag, sprechen können, doch ihre Erinnerungen waren ungenau. Ja, sie hatten in Montparnasse zwei Frauen getroffen, zwei Unbekannte, über die sie nichts wußte … Und die hatten sie nach Le Perreux mitgenommen, in ein Tanzlokal, wo sich ihnen zwei Männer angeschlossen hatten. Dann waren sie in ein Haus gegangen, wo es einen roten Aufzug gab.

An diesem Abend folge ich ihrer Spur in einem trostlosen Viertel, das der Montparnasse-Turm in Trauer hüllt. Tagsüber verdeckt er die Sonne und wirft seinen Schatten auf den Boulevard Edgar-Quinet und die angrenzenden Straßen. Ich lasse die Coupole hinter mir, die offenbar unter einer Betonfassade erdrückt werden soll. Es fällt mir schwer zu glauben, daß Montparnasse einmal ein Nachtleben hatte …

Zu welcher Zeit genau habe ich in diesem Hotel der Rue Delambre gewohnt? Um das Jahr 1965, als ich Jacqueline kennengelernt habe, kurz vor meiner Abreise nach Österreich, nach Wien.

Das Zimmer neben meinem war von einem etwa fünfunddreißigjährigen Mann belegt, einem Blonden, dem ich auf dem Flur begegnete und mit dem ich schließlich Bekanntschaft schloß. Sein Name? Etwas wie Devez oder Duvelz.

Er war immer sehr sorgfältig gekleidet und trug einen Orden im Knopfloch. Mehrmals hatte er mich auf ein Glas eingeladen, in eine Bar ganz nah beim Hotel, das Rosebud. Ich wagte nicht abzulehnen. Er schien entzückt von diesem Ort.

»Es ist angenehm hier …«

Er hatte eine gepflegte Aussprache, die eines jungen Mannes aus guter Familie. Er erzählte mir, er sei über drei Jahre »in den Dschebels« gewesen und habe sich dort diesen Orden verdient. Aber der Algerienkrieg habe ihn angewidert. Er habe viel Zeit gebraucht, um sich davon zu erholen. Er werde demnächst die Nachfolge seines Vaters an der Spitze eines großen Textilunternehmens im Norden antreten.

Sehr schnell hatte ich gemerkt, daß er mir nicht die Wahrheit sagte: über dieses »Textilunternehmen« äußerte er sich nur vage. Und er widersprach sich, denn eines Tages versicherte er mir, er habe direkt vor seiner Abreise nach Algerien die Militärakademie von Saint-Maixent abgeschlossen, am nächsten Tag aber, er habe sein gesamtes Studium in England absolviert. Manchmal wich seine gepflegte Aussprache dem Mundwerk eines Straßenhändlers.

Ich mußte wohl an diesem Sonntag abend in Montparnasse spazierengehen, damit dieser Duvelz – oder Devez – plötzlich aus dem Nichts auftauchte. Eines Tages, ich erinnere mich, waren wir uns in der Rue de Rennes begegnet, und er hatte mir in einem der Cafés an der tristen Kreuzung Saint-Placide ein kleines Bier – ein bock, wie er sagte – spendiert.

Das Cabaret Les Isles in der Rue Vavin, wo man die Anwesenheit des Paares bemerkt haben soll, befand sich im Untergeschoß von Les Vikings. Die skandinavische Atmosphäre und die helle Holztäfelung im Les Vikings bildeten einen Kontrast zu diesem Schwarzenlokal. Man brauchte nur die Treppe hinunterzugehen: von den norwegischen Cocktails und Vorspeisen des Erdgeschosses geriet man mitten in die karibischen Tänze. Trafen die T.s dort die beiden Frauen? Ich habe das Gefühl, daß es im Café de la Marine war, am Boulevard Raspail, Richtung Denfert-Rochereau. Ich erinnere mich an die Wohnung, in die Duvelz Jacqueline und mich mitgenommen hatte, am Anfang eben dieses Boulevard Raspail. Auch diesmal hatte ich seine Einladung nicht abzulehnen gewagt. Fast eine Woche lang hatte er darauf gedrungen, daß wir beide an einem Samstagabend zu einer Freundin von ihm kämen, die er uns gern vorstellen wollte.