Second Nature - Jae - E-Book

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Jae

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Beschreibung

Sie wurde geschickt, um die Menschenfrau zu töten – nicht um sich in sie zu verlieben Für die zurückgezogen lebende Schriftstellerin Jorie Price ist die große Liebe genauso unrealistisch wie die Gestaltwandler in ihren Büchern. Auch Griffin Westmore glaubt nicht an die Liebe, aber sie ist eine der keineswegs fiktiven Gestaltwandler, die unbemerkt unter den Menschen leben. Als Jories Roman der Wahrheit gefährlich nahe kommt, wird Griffin beauftragt, die Autorin zu beobachten – und sie notfalls zum Schweigen zu bringen. Doch je besser sich die beiden kennenlernen, desto mehr stellt Griffin ihre Mission infrage. Sie soll diese Frau töten, nicht Gefühle für sie entwickeln! Wie kann sie ihren Auftrag jetzt noch ausführen? Second Nature: Im Bann der Träume ist ein lesbischer paranormaler Liebesroman, der in Second Nature: Zwischen zwei Welten fortgeführt wird.

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Seitenzahl: 356

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Über das Buch

Über Jae

Von Jae außerdem lieferbar

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Glossar der Gestaltwandler-Begriffe

Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen

Über das Buch

Sie wurde geschickt, um die Menschenfrau zu töten – nicht um sich in sie zu verlieben

Für die zurückgezogen lebende Schriftstellerin Jorie Price ist die große Liebe genauso unrealistisch wie die Gestaltwandler in ihren Büchern.

Auch Griffin Westmore glaubt nicht an die Liebe, aber sie ist eine der keineswegs fiktiven Gestaltwandler, die unbemerkt unter den Menschen leben.

Als Jories Roman der Wahrheit gefährlich nahe kommt, wird Griffin beauftragt, die Autorin zu beobachten – und sie notfalls zum Schweigen zu bringen.

Doch je besser sich die beiden kennenlernen, desto mehr stellt Griffin ihre Mission infrage. Sie soll diese Frau töten, nicht Gefühle für sie entwickeln! Wie kann sie ihren Auftrag jetzt noch ausführen?

Second Nature: Im Bann der Träume ist ein lesbischer paranormaler Liebesroman, der in Second Nature: Zwischen zwei Welten fortgeführt wird.

Über Jae

Jae wuchs im Weingebiet Süddeutschlands auf. Schon als Kind war sie immer mit der Nase in einem Buch anzutreffen, was ihr den Spitznamen »Professor« einbrachte. Im Alter von elf Jahren begann sie dann mit dem Schreiben eigener Geschichten. Seit 2006 schreibt sie hauptsächlich auf Englisch.

Bis im Dezember 2013 arbeitete sie als Psychologin, gab dann aber ihren Beruf auf, um Vollzeitschriftstellerin und Teilzeitlektorin zu werden. In ihrer Freizeit liest sie nach wie vor gerne, frönt ihrem Eiscreme- und Schreibwarenfaible und schaut viel zu viele Krimiserien.

KONTAKT:

Webseite: www.jae-fiction.de

E-Mail: [email protected]

Von Jae außerdem lieferbar

Bachelorette Nummer zwölf

Kuscheln im Erbe inbegriffen

Tintenträume

Ein Happy End kommt selten allein (Bd. 1 & 2)

Aus dem Gleichgewicht

Hängematte für zwei

Herzklopfen und Granatäpfel

Cabernet und Liebe

Die Gestaltwandler-Serie:

Second Nature: Im Bann der Träume (Band 1)

Second Nature: Zwischen zwei Welten (Band 2)

Vollmond über Manhattan

Die Hollywood-Serie:

Liebe à la Hollywood

Im Scheinwerferlicht

Affäre bis Drehschluss

Die Portland-Serie:

Auf schmalem Grat

Rosen für die Staatsanwältin

Die Renshaw-Schwestern-Reihe

Alles nur gespielt

Eine Mitbewohnerin zum Verlieben

Die Serie mit Biss:

Zum Anbeißen

Fair-Oaks-Serie:

Perfect Rhythm – Herzen im Einklang

Beziehung ausgeschlossen

Oregon-Serie:

Westwärts ins Glück (Bd. 1 & 2)

Angekommen im Glück

Verborgene Wahrheiten (Bd. 1 & 2)

Unverhofft verliebt:

Vorsicht, Sternschnuppe

Falsche Nummer, richtige Frau

Alles eine Frage der Chemie

Second Nature: Im Bann der Träume

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

1. Auflage

Dieser Titel ist als Taschenbuch und E-Book erschienen.

Taschenbuchausgabe 2026 bei Ylva Verlag, e.Kfr.

ISBN: 978-3-69006-106-3

E-Book-Ausgabe 2026 bei Ylva Verlag, e.Kfr.

ISBN (E-Book): 978-3-69006-107-0

ISBN (PDF): 978-3-69006-108-7

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Copyright © der Originalausgabe 2013 bei Ylva Publishing

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2026 bei Ylva Verlag

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Korrektorat: Anne Grunwald

Satz & Layout: Ylva Verlag e.Kfr.

Bildrechte Umschlagillustration vermittelt durch Shutterstock LLC; iStock; AdobeStock

Grafiken vermittelt durch Freepik

Coverdesign: Michelle Ryan

Kontakt:

Ylva Verlag, e.Kfr.

Inhaberin: Astrid Ohletz

Am Kirschgarten 2

65830 Kriftel

Tel: 06192/9615540

Fax: 06192/8076010

www.ylva-verlag.de

[email protected]

Amtsgericht Frankfurt am Main HRA 46713

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielen Dank, dass du dich für Second Nature: Im Bann der Träume entschieden hast!

Ich möchte gleich vorab sagen, dass Griffins und Jories Geschichte ein Zweiteiler ist, der aus zwei Romanen besteht.

In Band 1 lernen sich die beiden kennen und sind zunächst noch Feindinnen. Im zweiten Band werden sie zu Verbündeten und schließlich ein Paar.

Ich hoffe, dass beide Bücher dich fesseln und dir viele schöne Lesestunden bereiten werden!

Übrigens gibt es ein Glossar mit Begriffen aus der Welt der Gestaltwandler. Es ist zwar nicht unbedingt nötig, um diesen Roman zu verstehen, aber falls du einen Blick ins Glossar werfen möchtest, findest du es am Ende des Buches und außerdem auch auf meiner Webseite unter www.jae-fiction.de/glossar.

Viel Spaß beim Lesen und herzliche Grüße

Jae

Kapitel 1

Quinn pirschte durch den dunklen Wald. Sie glitt von Baum zu Baum und mied dabei Stellen, an denen das Mondlicht durch die Wipfel fiel, bis sie die Lagerplätze der Menschen hinter sich gelassen hatte.

Im Gehen streifte sie sich ihr Oberteil über den Kopf, weil sie es kaum erwarten konnte, sich ihrer Kleidung zu entledigen. Unter einer alten Eiche warf sie ihr Hemd auf den Boden. Ihre Schuhe und Hose folgten, bis endlich kühle Luft über ihre nackte Haut strich.

Sie sank im feuchten Moos auf Hände und Knie. Hitze durchflutete sie. Sie ballte die Fäuste, um nicht ihre brennende Haut aufzukratzen, und spürte, wie sich immer länger werdende Fingernägel in ihre Handflächen bohrten. Ihre Muskeln bebten, und sie schnappte nach Luft, als ein stechender Schmerz durch ihren Körper fuhr.

Jories Finger huschten über die Tastatur und hielten mit der Bewegung ihrer Hauptfigur durch den Wald Schritt. Als Quinn stehen blieb und sich verwandelte, hielt auch Jorie inne und las sich durch, was sie geschrieben – oder vielmehr umgeschrieben – hatte. Dies war das dritte Mal, dass sie die Szene geändert hatte. Sie starrte auf den blinkenden Cursor, dann seufzte sie und rieb sich die brennenden Augen. Funktionierte die Szene endlich?

Ihr Herz sagte Ja, aber ihr Verstand hatte seine Zweifel. Warum sollte die Evolution eine Fähigkeit hervorbringen, die schmerzhaft war und die Kreatur für ein paar Sekunden hilflos machte?

Sie streckte den Finger nach der Löschtaste aus.

Nein. Es fühlte sich falsch an, die Szene zu löschen. Aber wie um alles in der Welt kann sich eine siebzig Kilo schwere Frau in eine Raubkatze verwandeln, die locker das Doppelte wiegt? Jorie rutschte auf der Couch nach unten, bis sie auf dem Rücken lag und mit dem Laptop auf dem Bauch an die Decke starrte. Ihre Augenlider fühlten sich an, als wären sie mit Sandpapier ausgekleidet, doch sie hatte keine Zeit, um sich auszuruhen. Erst musste sie eine Lösung finden.

»Ich könnte jetzt wirklich die Hilfe einer Katzenexpertin gebrauchen«, sagte sie zu Agatha, die sich am Ende der abgenutzten, bequemen Couch zusammengerollt hatte.

Agatha starrte den Laptop an, als würde das verhasste Gerät dadurch von ihrem Lieblingsplatz verschwinden. Doch kaum bemerkte sie Jories Blick, wandte sich die Katze ab und leckte ihren buschigen Schwanz.

»Und du, Emmy?« Jories Blick wanderte zu der dreifarbigen Katze, die in Richtung Küche schlenderte. »Irgendwelche Ratschläge für deine Lieblingsdosenöffnerin?«

»Miau«, sagte Emmy, ging aber nicht weiter darauf ein. Sie stolzierte davon und sah dabei über ihre Schulter, als wollte sie sich vergewissern, dass Jorie ihr in die Küche folgte, um sie zu füttern.

»Sehr hilfreich, danke. Und ich habe dich erst vor einer halben Stunde gefüttert, du kannst dir diese Ich-bin-am-Verhungern-Nummer also sparen.« Jorie setzte sich auf und zwang ihre müden Augen, sich auf den Bildschirm zu konzentrieren, aber statt der Szene gingen ihr Bilder aus ihren Albträumen durch den Kopf.

Sie schüttelte sich, um die lebhaften Eindrücke loszuwerden. »Ich brauche eine Pause.« Sie speicherte das Dokument und öffnete ihr E-Mail-Programm. Ein nagendes Gefühl in ihrem Bauch ermahnte sie, sich auf ihr Schreiben zu konzentrieren. Dennoch klickte sie auf eine neue E-Mail von ihrer Beta-Leserin. Vielleicht konnte Ally ihr helfen.

Hallo, J. W.,

kämpfst du immer noch mit deiner Geschichte? Hast du schon mal darüber nachgedacht, sie für eine Weile beiseitezulegen? Einigen Autoren hilft das. Vielleicht könntest du eine Kurzgeschichte schreiben oder mit einem neuen Buchprojekt anfangen. Du könntest dich sogar an die Recherchen für die Fortsetzung zu Das Herz des Vampirs setzen. Deine Leser wären sicher begeistert.

Lass mich wissen, wofür du dich entscheidest.

Ally

Jorie schüttelte ihren schmerzenden Kopf. Vielleicht half es anderen Autorinnen, wenn sie die Geschichte für eine Weile beiseitelegten. Aber für sie kam es nicht infrage. Nicht bei diesem Buch. Aus Gründen, die sie selbst nicht ganz verstand und Ally nicht erklären konnte, musste sie diesen Roman schreiben. Und zwar jetzt.

Sie schickte Ally eine knappe Antwort und öffnete dann wieder ihr Manuskript. »Aufgeben gilt nicht.«

Noch bevor sie auch nur ein einziges Wort geschrieben hatte, klingelte ihr Handy.

Jorie stöhnte. Sie stellte den Laptop auf den Couchtisch und stand vom Sofa auf, bevor Agatha sich auf ihrem Schoß niederlassen konnte. Barfuß stapfte sie ins Schlafzimmer, wo ihr Handy lud.

»Hallo, Mama«, sagte sie, ohne einen Blick aufs Display werfen zu müssen. Nur ihre Mutter und ihr Agent hatten ihre Nummer, und da Peter sich geweigert hatte, sie weiterhin zu vertreten, wenn sie an der neuen Romanidee festhielt, blieb nur noch eine Möglichkeit.

»Jorie, wie geht es dir, mein Schatz?« Die warme Stimme ihrer Mutter drang durch das Handy.

Ich habe Kopfschmerzen, als würde mir gleich der Schädel platzen, meine Albträume lassen mich seit Wochen nicht mehr durchschlafen, und ich habe eine Schreibblockade. Stattdessen sagte sie: »Mir geht’s gut, Mama.«

»Schläfst du genug?«, fragte ihre Mutter.

»Ja, Mama«, sagte Jorie. »Das muss an der frischen Luft hier draußen liegen.«

»Gut. Und hast du jemanden kennengelernt?«

Jorie seufzte und schaute aus ihrem Schlafzimmerfenster. Ihr Nachbar stapelte Brennholz auf der Ladefläche seines Pick-ups, und der Herbstwind blies durch die Kiefern am Rande ihres Grundstücks, aber ansonsten rührte sich nichts. Osgrove war nicht gerade ein beliebtes Ausflugsziel für Leute in ihrem Alter, aber hierherzukommen, hatte sich richtig angefühlt. »Bitte hör auf, mich verkuppeln zu wollen, Mama. Ich bin nicht hier, um jemanden kennenzulernen. Ich bin hier, um zu schreiben.«

»Ich weiß, aber –«

»Mach dir keine Sorgen. Ich komme allein zurecht«, sagte Jorie. »Hör zu, ich muss weiterschreiben. Ich rufe dich morgen an, okay?« Sie war nicht in der Stimmung, sich den besorgten Fragen ihrer Mutter zu stellen oder sich dafür rechtfertigen zu müssen, wie sie ihr Leben lebte. Schuldgefühle überkamen sie, aber Jorie verdrängte sie rasch und beendete das Gespräch.

Im Wohnzimmer hatte sich der Bildschirmschoner ihres Laptops eingeschaltet. Eine rote Zeichentrickkatze jagte ein Wollknäuel über den Bildschirm. »Genau so fühle ich mich.« Jorie setzte sich und nahm den Laptop auf den Schoß. »Ich jage einem schwer fassbaren Wollknäuel hinterher, schaffe es aber nicht, es einzufangen.« Sie strich mit den Fingern über das Touchpad und sah zu, wie das rote Kätzchen durch den Text ihrer Geschichte ersetzt wurde. »Nicht nachdenken. Schreib einfach.«

Ihre Finger fanden ihren Platz auf der abgenutzten Tastatur, und sie begann zu schreiben. Wenn sie das Buch aus ihrem Kopf heraus und zu Papier bringen könnte, würden die Albträume sie vielleicht endlich in Ruhe lassen.

~ ~ ~

Ally starrte auf die E-Mail, die möglicherweise J. W.s Todesurteil war. Sie las sie erneut, in der Hoffnung, dass sich der Text geändert hatte. Aber natürlich war das nicht der Fall.

Danke, Ally. Ich weiß, du meinst es gut, aber ich kann dieses Buch nicht aufgeben. Ich hoffe, du stehst das mit mir durch.

J. W.

Ally wirbelte ihren Schreibtischstuhl herum und sprang auf. Verdammt. Du lässt mir keine andere Wahl.

Die Wände ihrer Wohnung schienen näher zu kommen. Ihre Haut juckte, als sie der Drang überkam, die Gestalt zu wechseln, alles hinter sich zu lassen und sich in der einfacheren Existenz eines Wolfs zu verlieren. Wenn sie mit dem Rudel durch den Wald lief, war alles viel unkomplizierter. Mit der Verwandlung würde sie nicht nur ihre menschliche Haut abstreifen, sondern auch die Schuldgefühle und den Kummer, die sie bedrückten. In ihrer tierischen Gestalt war alles ganz klar und einfach: Ihre Loyalität galt ihrem Rudel, und sie tat, was notwendig war, um das Überleben ihrer Art zu sichern.

In menschlicher Gestalt war es nicht so eindeutig.

Seufzend ließ sie sich auf den Stuhl sinken. So sehr sie sich auch wünschte, sie könnte weglaufen, das würde ihr Problem nicht lösen. Irgendwann würde sie sich zurückverwandeln und der Situation stellen müssen.

Sie öffnete den Prolog von J. W.s Manuskript. Dieses Buch ist gefährlich. Sie musste den Rat warnen, bevor J. W. es veröffentlichen konnte.

Ally nahm ihr Handy und scrollte in den Kontakten zu ihrem Alpha. Kurz zögerte ihr Finger, bevor sie auf dessen Namen tippte. Es tut mir leid, J. W.

Kapitel 2

Griffin Westmore pirschte über den gepflegten Rasen des Friedhofs. Das goldene Licht der Herbstsonne umgab sie, aber sie konnte es nicht genießen. Wenigstens gab ihr der Sonnenschein einen Grund, ihre Augen hinter ihrer Sonnenbrille zu verstecken. Unter einer alten Eiche blieb sie stehen, sodass sie sich hinter der letzten Reihe der Trauergäste befand.

Über hundert Menschen hatten sich um das frisch ausgehobene Grab versammelt.

Ein kalter Schauder ergriff sie. Was sie getan hatte, beeinflusste das Leben so vieler Menschen.

Der Geruch von Trauer hing in der Luft und ließ sie schwindelig werden. Einen Moment lang überlegte sie, wegzugehen, aber sie zwang sich zu bleiben. An der Beerdigung teilzunehmen, war das Mindeste, was sie tun konnte, um dem Mann, den sie getötet hatte, Respekt zu erweisen.

Eine grauhaarige Frau mit rot umränderten Augen stand auf der gegenüberliegenden Seite des Grabes, um die Trauerrede zu halten. »Mein Sohn Michael hatte immer einen Scherz auf Lager oder eine helfende Hand. Er hatte noch so viele Pläne – mit Katie nach Disneyland fahren, die Corvette kaufen, die er immer haben wollte, und vor allem die Geburt seines zweiten Kindes erleben.« Sie presste sich eine Hand auf den Mund und schluchzte.

Griffin starrte auf den glänzenden Mahagoni-Sarg neben dem offenen Grab. Während ihrer Mission war es leicht gewesen, ihn nur als Zielperson zu sehen, doch er war ein Mensch mit Träumen und einer Familie gewesen. Sie musste schlucken, als sie den gewölbten Bauch von Michael Wileys junger Ehefrau betrachtete. Verdammt, sie ist schwanger.

»Sein Leben war voller Lachen und Liebe, und sein Tod …« Seine Mutter putzte sich die Nase. »Von einem Einbrecher getötet zu werden, obwohl nur ein paar Dollar im Haus waren … Das ist einfach so sinnlos.«

Griffin senkte den Kopf. Sinnlos? Nein. Ihn zu töten, war notwendig. Er hatte gesehen, wie zwei unvorsichtige Wrasa-Teenager sich verwandelten. Zum Glück war der Polizist, dem er den Vorfall meldete, ebenfalls ein Gestaltwandler.

Doch Michael Wiley hatte nicht aufgegeben. Er legte sich mit einer Kamera im Viertel der Kinder auf die Lauer. Früher oder später wäre es ihm gelungen, eine Transformation auf Video festzuhalten oder seine Frau zu überzeugen, dass er sich das alles nicht nur einbildete.

Du hast getan, was du tun musstest. Griffin hatte schon zweimal einen Menschen getötet, und sie würde es wahrscheinlich wieder tun müssen, aber es wurde nicht leichter. Ganz im Gegenteil. Seit sie Michael Wiley getötet hatte, konnte sie nicht mehr schlafen.

»Ich werde dich immer lieben, Mikey.« Wileys Mutter berührte den Sarg ein letztes Mal und gesellte sich dann zum Rest ihrer Familie.

Winden knarrten, als der Sarg hinuntergelassen wurde. Der Geruch von feuchter Erde vermischte sich mit dem süßlichen Gestank des Todes.

Schluchzend führte Michael Wileys Frau ein kleines, blondes Mädchen zum Grab.

Das Kind drückte einem Plüschteddy einen Kuss auf den Kopf und ließ das Stofftier dann auf den Sarg fallen. Ihr Schluchzen klang für Griffins empfindliche Ohren unerträglich laut.

Ihre Jacke schien sich um Griffins Brust herum zuzuziehen. Sie schnappte nach Luft. Ihn zu töten, hat viele andere Kinder davor bewahrt, so etwas durchmachen zu müssen. Wenn die Menschheit von der Existenz der Wrasa erfuhr, würden sie Griffins Artgenossen ohne zu zögern töten, als wären sie nichts weiter als die Tiere, in die sie sich verwandeln konnten.

Jemand zupfte an ihrem Ärmel.

Griffin wirbelte herum und hätte sich fast auf den älteren Mann gestürzt, der neben ihr stand. Rasch zügelte sie ihre Instinkte.

»Mein herzliches Beileid.« Der ältere Mann nickte in Richtung des Grabes. »Standen Sie ihm nahe?«

»Nein, ich kannte ihn erst seit Kurzem.« Ganze zwei Sekunden lang hatte er ihr erschrocken in die Augen gesehen, als er eine Fremde in seinem Haus vorgefunden hatte. Dann war es auch schon vorbei. Ein Ruck ihrer starken Arme und seine Wirbelsäule war wie ein trockener Ast gebrochen. Schlaff hing er in ihrem Griff. Sie starrte noch einen Moment lang auf ihn hinab und verwischte dann rasch alle Spuren ihrer Anwesenheit, bevor die Familie nach Hause kam. »Aber es war eine sehr intensive Bekanntschaft.«

Der alte Mann streckte die Hand aus, vermutlich, um ihr den Arm zu tätscheln, überlegte es sich dann aber offenbar anders und schenkte ihr nur ein trauriges Lächeln.

Automatisch lächelte Griffin zurück, aber es fühlte sich eher wie ein Zähnefletschen an. Sie versteckte sich weiterhin hinter ihrer Sonnenbrille, drehte sich um und ging zu ihrem Auto, das sie neben dem Friedhof geparkt hatte.

Ein Mann lehnte mit dem Rücken zu Griffin an ihrem Wagen.

Ein Knurren drang aus Griffins Brust. Meins. Sie sprang auf den Kerl zu, um ihn dazu zu bringen, seine Pfoten von ihrem Auto zu nehmen.

Der Mann drehte sich um. Der Wind blies ihm sein dichtes, weißes Haar, das mit weizenfarbenen Strähnen durchzogen war, in sein hageres Gesicht.

Griffin runzelte die Stirn, gab aber ihre aggressive Haltung auf. Was hatte ihr befehlshabender Offizier hier zu suchen?

»Ich wusste, dass ich Sie hier finden würde«, sagte Cedric Jennings. »Wieso halten Sie immer noch an dieser seltsamen Gewohnheit fest, zu den Beerdigungen Ihrer Zielobjekte zu gehen?« Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken in einer Geste, die ihn größer und seine Schultern breiter erscheinen ließ.

Sein Posieren ließ Griffin kalt. In einem fairen Kampf konnte ein Liger einen Wolf zu Hackfleisch verarbeiten. Sie respektierte ihn zwar als Kommandanten ihrer Saru-Einheit, fühlte sich ihm jedoch überlegen, was Intelligenz und Stärke betraf. Nur sein Ehrgeiz übertraf ihren eigenen. »Jeder von uns hat seine eigene Art, Missionen zu beenden.«

»Wir haben nicht die Zeit, uns mit abgeschlossenen Missionen zu beschäftigen. Wir haben bereits eine neue.«

»Ist eines unserer Jungen wieder unvorsichtig geworden?« Da Griffin als Forstaufseherin arbeitete, riefen die Saru sie oft an, wenn es galt, Rehkadaver verschwinden zu lassen, bevor Menschen sie finden und feststellen konnten, dass sie von etwas viel Gefährlicherem als einem der Rotluchse des Nationalparks getötet worden waren.

»Nein. Wir werden für etwas viel Wichtigeres gebraucht.« Jennings zog zwei Flugtickets aus der Tasche und drückte ihr eines davon in die Hand.

Griffin nahm die Sonnenbrille ab und starrte auf das Flugticket. Ihre katzenhaften Augen brauchten einen Moment, um das Kleingedruckte zu entziffern. »Boise, Idaho?« Das konnte nur eines bedeuten: Der Rat wollte sie sehen. Ihre Lippen verzogen sich zu einem leisen Knurren. »Wissen Sie, was der Rat will?«

»Sie haben nur gesagt, wir sollen den nächsten Flug nehmen, also muss es etwas Wichtiges sein.« In seinen Augen leuchtete bereits das Jagdfieber. Für Cedric Jennings, Nachkomme von Generationen hochrangiger Saru, war die bevorstehende Mission nur eine weitere Gelegenheit, seine Karriere voranzutreiben.

Griffin hingegen war nicht so erpicht darauf, wieder losgeschickt zu werden. Sie hatte gehofft, ein paar Wochen für sich zu haben, um in ihrer Liger-Gestalt durch den Wald zu streifen und die Schuldgefühle vergessen zu können, die auf ihrer menschlichen Gestalt lasteten. Dass Jennings sie begleitete, obwohl sie sonst immer allein arbeitete, trug auch nicht gerade zur Verbesserung ihrer Stimmung bei.

»Dann mal los«, sagte Jennings und ging zu seinem Auto.

~ ~ ~

Die Räume des Hohen Rates befanden sich in einem unscheinbaren Gebäude in einem unauffälligen Viertel von Boise. Jennings hatte sie telefonisch angekündigt, sobald er und Griffin den Flughafen verlassen hatten, und ein Mann wartete in der Lobby, um sie in Empfang zu nehmen. »Man wartet bereits auf Sie«, sagte er.

Er kam ihr irgendwie bekannt vor, aber Griffin konnte ihn nicht einordnen. Sie öffnete ihren Mund und sog seinen Duft ein. Seltsam. Ihre normalerweise zuverlässige Nase gab ihr keinen Hinweis auf die Herkunft des Fremden, und sie verlangsamte ihre Schritte, um ihn zu mustern.

Seine unterwürfige Haltung war typisch für einen Kojoten-Gestaltwandler, aber seine Augen waren ganz und gar wölfisch.

Er ist ein Hybrid.

Fast hätte sie vor Überraschung versäumt, hinter ihm und Jennings den Aufzug zu betreten. Sie hatte nicht damit gerechnet, im Ratsgebäude einen anderen Hybriden zu treffen.

»Ich bin Rufus Tolliver«, sagte er. »Der Assistent Ihrer Schwester.«

Kylin hat einen Hybriden zu ihrem Assistenten gemacht? Das hatte im Rat sicherlich für viel Aufsehen gesorgt. Scheinbar hat sich das Kätzchen endlich Krallen wachsen lassen, seit ich sie zuletzt gesehen habe.

Der Aufzug brachte sie in die oberste Etage. Als sich die Türen öffneten, führte Rufus sie einen Korridor entlang, geleitete sie in den Ratssaal und schloss die Tür hinter ihnen.

Laute Stimmen schlugen Griffin entgegen und ließen sie zusammenzucken. Erstaunlich, wie lediglich neun Leute so viel Lärm machen konnten.

Die Ratsmitglieder saßen an einem runden Tisch, der betonen sollte, dass sie alle gleichrangig waren. Die meisten waren damit beschäftigt, sich zu zanken und gegenseitig anzubrüllen. Nur ein Ratsmitglied sah auf, als Griffin und Jennings eintraten.

Kylin. Griffin nickte ihrer Zwillingsschwester zögernd zu. Es war irgendwie ironisch, Ky hier zu sehen. Ihr Vater hatte seinen Sitz im Rat verloren, weil er Hybriden gezeugt hatte, und nun war Kylin selbst ein Ratsmitglied.

»Wir warten besser, bis sie eine Pause einlegen oder auf uns aufmerksam werden«, sagte Jennings.

Griffin lehnte sich an die Wand und beobachtete die Ratsmitglieder. Sie rümpfte die Nase. Großer Jäger. Sie streiten sich wie ein Haufen Menschenkinder auf dem Spielplatz.

»Ich fordere, dass die Zahl der Saru erhöht wird«, rief Jeff Madsen, der Ratspräsident, über die hitzigen Diskussionen seiner Kollegen hinweg. »Außerdem brauchen sie mehr Autonomie, um schneller auf menschengemachte Gefahren reagieren zu können.«

Neben Griffin gab Cedric Jennings einen zustimmenden Laut von sich.

»Die Saru sollen noch mehr Macht bekommen?«, fragte der Vertreter der Kojoten-Gestaltwandler. Er runzelte die Stirn. »Wir haben erst letztes Jahr zehn neue Einheiten bewilligt. Wenn wir so weitermachen, werden wir noch ein Polizeistaat.«

Jeff Madsen erhob sich von seinem Stuhl. Die Langsamkeit seiner Bewegungen verstärkte die Aura von Gefahr und Überlegenheit, die ihn umgab. »Und wenn wir es nicht tun, werden wir aussterben. Früher haben uns die Maharsi beschützt, aber jetzt sind die letzten Traumseher verschwunden, deshalb müssen wir menschliche Bedrohungen beseitigen, bevor sie uns gefährlich werden können.«

»Das Töten von Menschen wird unsere Probleme nicht lösen«, sagte Kylin. »Es ist weder richtig noch hilfreich. Wir tun uns das alles selbst an.«

Griffin hob eine Augenbraue. Sie hatte nicht erwartet, dass ihre Schwester sich gegen die mächtigeren Ratsmitglieder aussprechen würde. Kylin war immer eine diplomatische Vermittlerin gewesen, die versuchte, sich anzupassen und nicht aufzufallen.

»Wir selbst sollen das Problem sein?«, brüllte das Ratsmitglied, das die Löwen-Gestaltwandler vertrat.

Kylin duckte sich, gab aber nicht auf. »Unsere Paranoia verschlimmert alles bloß noch. Versteckspiele schützen uns nicht mehr.«

»Nicht schon wieder dieses Argument.« Madsen blickte Kylin an wie ein Vater, der einen widerspenstigen Welpen rügte. »Unsere Existenz zu verbergen, hat uns vor dem Aussterben bewahrt. Es ist nicht abzusehen, was die Menschen tun würden, wenn sie von uns erfahren.«

»Es kann nicht schlimmer sein als das, was das Verstecken gerade mit uns macht.« Kylin deutete auf den Papierstapel vor ihr. »Letztes Jahr sind dreiundzwanzig Wrasa gestorben, weil sie sich geweigert haben, sich in den Krankenhäusern der Menschen behandeln zu lassen, denn das hätte unsere Existenz verraten. Und ich will gar nicht daran denken, welche Auswirkungen das ständige Verstecken auf unsere Kultur, unsere Sprache und unsere Werte hat. Wir verlieren weit mehr als nur unser Leben.« Als sie sich erhob, ragte ihr rötlich-goldenes Haar wie ein Warnsignal hoch über die anderen Ratsmitglieder hinaus. »Wir verlieren unsere Identität.«

Jeff Madsen stieß ein lautes Knurren aus. »Wenn wir unsere Identität verlieren, dann wegen der Menschen. Sie haben die Maharsi getötet. Gerade Sie sollten doch wissen, wie sich das auf unsere Kultur ausgewirkt hat.«

Einige Ratsmitglieder drehten sich um und blickten Kylin an.

Griffin wusste, was ihnen durch die Köpfe ging. Hätte Nella Westmore einen Tiger-Gestaltwandler zum Gefährten genommen, statt sich mit einem Kasari zu paaren, wären ihre Töchter vielleicht mit dem seltenen Talent geboren worden.

Vergessen geglaubte Beschützerinstinkte flammten in Griffin auf. Ihre Muskeln spannten sich an, aber sie zwang sich, zu bleiben, wo sie war. Kylin zu beschützen, war nicht mehr ihre Aufgabe.

»Wir reden später darüber.« Madsen ließ seine Faust auf den Tisch krachen wie den Hammer eines Richters und beendete damit die Diskussion. »Tas Jennings, Saru Westmore.« Er winkte sie zu sich.

Griffin folgte Jennings’ Beispiel, zog sich einen Stuhl heran und nahm vorsichtig Platz. Sie wollte die ohnehin schon hitzige Atmosphäre nicht noch weiter aufheizen, indem sie unhöflich auf die Ratsmitglieder hinabstarrte.

»Wir haben ein Problem«, sagte Madsen.

Na, wie überraschend. Der Rat hatte ein Problem und erwartete, dass Jennings und sie es lösen würden. Klar, die Saru sind praktisch das Schweizer Taschenmesser des Rates: Elitesoldaten, Ermittler, Hüter des obersten Gesetzes und Handlanger für alles, was der Rat von uns verlangt.

Jeff Madsen blickte auf den Laptop, der vor ihm stand. »Haben Sie schon einmal von J. W. Price gehört?«

Die Initialen wiesen auf einen Menschen hin. Wrasa verwendeten weder zwei Vornamen noch Initialen.

Wieso sollten sie von J. W. Price gehört haben? War er oder sie eine Art Berühmtheit? Mussten sie bei dieser Mission besonders vorsichtig vorgehen, weil die Medien der Menschen sich auf den Fall stürzen würden?

»J. W. Price? Nein, sagt mir nichts«, antwortete Jennings für sie beide.

»Dann sollten Sie sich besser mit ihr vertraut machen, denn sie ist unser Problem.« Madsen drehte den Laptop um, damit sie den Bildschirm sehen konnten.

Griffin erwartete eines der üblichen Dossiers mit einem Foto der Zielperson, aber stattdessen zeigte Madsen ihnen eine Webseite. Sie beugte sich vor, um den Text lesen zu können.

Es handelte sich um die Webseite einer Autorin. Auf bunten Covern prangten Titel wie Das Herz des Vampirs.

»Eine Liebesromanautorin?« Griffin konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, welches Problem eine Autorin trivialer Schundromane für den Rat darstellen konnte. Sie deutete auf die Reißzähne des Vampirs auf dem Cover. »Ist ihr Wortwitz nicht scharf genug?«

»Sehr witzig.« Madsen knurrte sie an.

Die anderen Ratsmitglieder warfen ihr missbilligende Blicke zu.

Ein stechender Schmerz in ihrem Fuß verriet ihr, dass auch Jennings ihren Sinn für Humor nicht teilte.

Griffin hörte auf zu grinsen, aber sie verstand trotzdem nicht, wo das Problem lag. Warum sollte es wichtig sein, was irgendeine menschliche Schriftstellerin über fiktive Kreaturen schrieb? Es sei denn … »Lassen Sie mich raten. Ihr neuestes Buch trägt den Titel Die Seele des Gestaltwandlers.«

Die neun Ratsmitglieder blickten sie düster an.

»Der Arbeitstitel lautet Lied des Lebens«, antwortete Madsen, »und sie schreibt tatsächlich über Kreaturen, die sich in Pumas, Bären, Löwen, Tiger, Jaguare, Füchse, Luchse, Kojoten und Wölfe verwandeln können.« Er nickte jedem seiner Ratsmitglieder zu und klopfte sich dann selbst auf die Brust. »Sie kommt der Wahrheit dabei viel zu nahe.«

Griffin war noch immer nicht klar, inwiefern die Autorin eine Bedrohung für ihre geheime Existenz darstellte. »Was ist schon dabei, wenn eine Schriftstellerin mit einer blühenden Fantasie zufällig ein paar Details richtig darstellt? Es gibt Tausende von Romanen über Gestaltwandler, und niemand hat ihnen je Beachtung geschenkt. Für die Menschen sind das bloß erfundene Geschichten.«

»Aber diesmal geht es nicht nur um ein paar Details. Sie beschreibt in ihrem Manuskript Einzelheiten, die keiner der anderen Autoren korrekt dargestellt hat.«

»Zum Beispiel?«, fragte Jennings. Sein Blick war auf den Laptop geheftet.

»Im Prolog beschreibt sie eine zwei Jahrzehnte währende Fehde zwischen zwei Unterarten der Gestaltwandler, die sie Kari und Pogar nennt, und die im Jahr 1511 endete.«

Griffin blinzelte. Geschichte war nie ihre Stärke gewesen, aber war das nicht das Jahr, in dem ihre Vorfahren, die Kasari und die Puwar, endlich aufgehört hatten, sich zu bekriegen?

»Und das ist nur eines von vielen Dingen, die sie im Prolog richtig dargestellt hat.« Madsens silbernes Haar flog in alle Richtungen, als er den Kopf schüttelte. »Das kann kein Zufall sein. Hier geht etwas anderes vor, und wir müssen herausfinden, was es ist, bevor das Buch veröffentlicht wird. Und dafür brauchen wir Sie beide.«

»Woher haben Sie die Informationen, wenn das Buch noch gar nicht veröffentlicht ist?«, fragte Griffin und reagierte nicht auf den angedeuteten Auftrag. Sie war nicht erpicht darauf, diese absurd klingende Mission zu übernehmen.

»Die Beta-Leserin der Autorin, Allison DeLuca, ist eine Syak«, sagte Madsen.

Griffin neigte den Kopf. »Beta-Leserin?« Der Begriff klang irgendwie vertraut.

»Jemand, der das Manuskript vor der Veröffentlichung liest und Feedback gibt, um dem Autor zu helfen, die Geschichte zu verbessern«, sagte Kylin.

Es klang, als hätte sie die Definition erst vor wenigen Stunden auswendig gelernt. Also war sie immer noch darauf bedacht, die älteren Mitglieder des Rates zu beeindrucken. Gib dir keine Mühe, Kylin. Sie werden eine Hybridin nie als ebenbürtig ansehen.

Griffin wandte sich wieder an Madsen. »Sie haben also bereits einen Ihrer Wölfe im Umfeld der Autorin. Warum schicken Sie nicht diese Beta-Leserin los, um mehr herauszufinden?«

Madsen schüttelte unwirsch den Kopf. »Allison ist keine Saru. Ihr fehlt die Ausbildung, die Sie haben. Und die beiden kennen sich nicht persönlich, wir können also nicht sicher sein, dass Ms Price ihr vertraut. Als Allison nachgehakt hat, woher die Inspiration für das Buch kommt, hat die Menschenfrau nur gesagt, sie stamme aus den Tiefen ihres kreativen Gehirns. Sie ist ziemlich verschwiegen, was ihre Werke angeht, und will nicht mehr verraten.«

»Vielleicht stammt die Idee ja wirklich aus den Tiefen ihres kreativen Gehirns«, sagte Griffin.

»Vielleicht, aber wir können es uns nicht leisten, uns auf ein Vielleicht zu verlassen«, antwortete Madsen. »Nicht, wenn unsere Existenz auf dem Spiel steht.«

Übertrieb er da nicht ein bisschen? Griffin war sich nicht sicher. Im schlimmsten Fall finden die Menschen heraus, dass wir existieren. Das könnte eine Massenhysterie auslösen. Menschen neigten dazu, sich vor Dingen zu fürchten, die anders waren, und sie töteten oft, was sie fürchteten.

Selbst wenn ihr »Coming-out« keine neue Inquisition auslöste, würden die Menschen versuchen, die Kontrolle über die Wrasa zu übernehmen. Sie würden Gesetze erlassen, die es den Wrasa verbieten würden, in bestimmten Berufen zu arbeiten, ein politisches Amt zu übernehmen oder in bestimmten Gegenden zu leben. Schreckliche Bilder von Artgenossen, die für wissenschaftliche Experimente missbraucht wurden, tauchten vor Griffins innerem Auge auf. Die Menschheit mit ihrem Bedürfnis, alles analytisch zu ergründen, würde unbedingt herausfinden wollen, wie das Gestaltwandeln funktionierte und ob die regenerativen Fähigkeiten der Wrasa in der Medizin genutzt werden konnten. Das Militär würde die Wrasa wegen ihrer überlegenen Stärke und ihrer scharfen Sinne als Supersoldaten einsetzen wollen.

Nein.

Griffin hatte hart dafür gekämpft, dem Einfluss ihrer Familie zu entkommen. Sie hatte nicht vor, ihr Leben von menschlichen Gesetzen bestimmen zu lassen.

»Was ist unsere Mission?«, fragte Jennings. »Das Manuskript zerstören und die Autorin töten?«

Wie beiläufig er das sagte! Griffin wusste nicht, ob sie ihren Kommandanten dafür bewundern oder verachten sollte. Manchmal war das Töten von Menschen notwendig in ihrem Beruf. Schließlich war es die Hauptaufgabe der Saru, ihre geheime Existenz um jeden Preis zu schützen.

Dennoch gefiel es Griffin nicht, wenn es dazu kam.

Das Gesetz besagte, dass das Töten von Menschen nur als allerletzter Ausweg erlaubt war, um ihr Geheimnis zu bewahren. Doch in letzter Zeit hatte sie öfters den Eindruck, dass einige Kollegen nicht alle verfügbaren Mittel ausschöpften, bevor sie die Entscheidung trafen, einen Menschen zu töten. Es ist also besser, sie schicken mich als einen schießwütigen Saru.

»Ja«, sagte Thyra Davis. »Wenn alles andere fehlschlägt, muss sie getötet werden.«

»Das eigentliche Problem ist nicht das Buch selbst«, warf Jeff Madsen ein. »Falls die Menschenfrau getötet werden muss, dann tun Sie es – aber erst, nachdem Sie herausgefunden haben, woher sie ihre Informationen hat. Sie weiß Dinge, die nur ein Wrasa wissen kann, und ich will erfahren, wer ihr davon erzählt hat.«

Madsen vermutete also, dass es einen Verräter gab? Würde wirklich jemand so etwas Dummes tun, obwohl demjenigen klar sein musste, dass er dafür getötet werden würde?

»Wie nehmen wir mit der Autorin Kontakt auf?«, fragte Griffin. »Geben wir uns als Fans aus, die ein Autogramm haben wollen?« Ein Grinsen schlich sich auf ihre Lippen, aber sie unterdrückte es rasch. Sie konnte sich Cedric Jennings nicht als autogrammjagenden Fan vorstellen. Er war kein Fan der Menschen.

»Saru Westmore, Sie reisen nach Osgrove, eine kleine Stadt in Michigan, und geben sich als Raubkatzenexpertin aus, die bereit ist, der Autorin bei ihren Recherchen zu helfen«, sagte Madsen. »Tas Jennings wird der Beta-Leserin in Kalifornien einen Besuch abstatten und sie, ähm, ermutigen, Sie der Autorin vorzustellen.«

Na toll. Griffin presste ihre Lippen aufeinander. Ein hoher Rang hatte wohl seine Vorteile. Jennings durfte sich in Kalifornien die Sonne auf den Pelz scheinen lassen, während sie sich in diesem charmanten Städtchen in Michigan Frostbeulen an der Schnauze holen würde. Sie schüttelte sich.

»Warum schicken Sie mich nicht nach Michigan?« Jennings’ Tonfall bewegte sich auf dem schmalen Grat zwischen einem unterwürfigen Vorschlag und einer wütenden Forderung. »Ich bin ranghöher und habe mehr Erfahrung, deshalb sollte ich den wichtigen Teil der Ermittlungen übernehmen.«

Griffin straffte die Schultern, was sie noch breiter wirken ließ. Hey, was soll das? Sie ließ die Schultern sinken. Du willst diesen Job doch gar nicht. Manchmal hatte es auch seine Nachteile, eine eigensinnige Katze mit einem ausgeprägten Revierverhalten zu sein. »Ich werde sicher nicht protestieren, wenn ich nach Kalifornien geschickt werde«, sagte Griffin. Sie spürte bereits, wie die Sonne ihre Haut wärmte.

»Nein.« Kylins Stimme ersetzte das Bild in Griffins Kopf durch die kühle Brise von Michigan. »Es ist logischer, dich nach Michigan zu schicken. Du kennst dich dort aus, und es wird dir nicht schwerfallen, dich als Raubkatzenexpertin auszugeben. Als Syak ist Tas Jennings besser in der Lage, die Beta-Leserin als Verdächtige auszuschließen oder zu bestätigen.«

Griffin unterdrückte ein Knurren. Deshalb wollte man sie also nach Michigan schicken. Der Rat wollte ihre Verbindungen zum Rudel des Ottawa National Forest ausnutzen!

Madsen reichte ihnen Flugtickets und die Dossiers der Autorin und ihrer Beta-Leserin. »Wir erwarten regelmäßige Berichte über Ihre Fortschritte. Wegtreten.«

Die Ratsmitglieder setzten ihre Diskussion fort, ohne Griffin und Madsen weiter zu beachten.

~ ~ ~

»Griffin?« Kylin holte sie ein, noch ehe sie sich drei Schritte vom Ratssaal entfernt hatte. »Kann ich dich kurz sprechen?«

Griffin warf einen sehnsüchtigen Blick auf den Aufzug. Langsam drehte sie sich um. »Ich muss meinen Flug erwischen, Manark.«

Ihr Titel ließ Kylin stutzen. Dann trat sie näher. Ihre bernsteinfarbenen Augen, die während der Diskussion mit den anderen Ratsmitgliedern grimmig geblickt hatten, wurden sanfter. »Wie geht es dir, Griffin?«

»Gut.« Griffin schaute demonstrativ auf ihre Taschenuhr.

»Warum hast du es so eilig, von mir wegzukommen?« In Kylins Stimme schwang ein bitterer Unterton mit. »Du hast mehr als genug Zeit, um deinen Flug zu erreichen. Dafür habe ich gesorgt, als ich ihn gebucht habe.«

Die Muskeln in Griffins Wangen zuckten, als hätte sie auch in ihrer menschlichen Gestalt Schnurrhaare, die sich vor Verärgerung sträubten. Sie bedeutete Cedric Jennings, vorzugehen, ohne auf sie zu warten.

Er betrat den Aufzug.

Als sich die Türen hinter ihm schlossen, wandte sich Griffin an Kylin. »Du warst also diejenige, die mich für diesen Job vorgeschlagen hat. Herzlichen Dank.«

»Ach, komm schon«, sagte Kylin, »erzähl mir nicht, dass dich die Arbeit bei der Kadaverbrigade glücklich macht. Sich als Mensch auszugeben und Tierkadaver zu entsorgen, ist kein Job für jemanden mit deinen Fähigkeiten. Warum lehnst du ständig Beförderungen ab?«

»Nicht jeder ist für eine Karriere in der Politik geeignet.«

»Ich weiß«, sagte Kylin, »aber du solltest trotzdem für deinen Platz in unserer Gesellschaft kämpfen. Egal wie gut du dich in die Welt der Menschen einfügen kannst, es ist reine Augenwischerei.«

»Ach, du meinst, wie deine Position im Rat?« Griffins Sarkasmus war so schneidend wie die Krallen ihrer Liger-Gestalt.

Kylin fletschte die Zähne. »Das ist keine Augenwischerei. Ich habe mir meine Stellung hart erarbeitet.«

Der Geruch von Kylins verletzten Gefühlen brannte in Griffins Nase. Weniger barsch sprach sie weiter. »Ich weiß. Aber harte Arbeit hat in unserer Gesellschaft noch nie so viel gegolten wie die richtigen Eltern zu haben.«

»Die Zeiten ändern sich. Die Leute werden toleranter«, sagte Kylin. »Ich meine, sieh mich an. Ich bin Mitglied des Hohen Rates.«

Griffin schnaubte. »Ja, aber nicht, weil die Wrasa plötzlich ihren Respekt vor Hybriden entdeckt hätten. Jeder weiß, wer wirklich hinter deiner Position steckt. Sie respektieren unsere Mutter, nicht dich.«

Ein sichtbares Zittern durchlief Kylin, als würde sie gegen eine Welle der Wut und den Drang zum Gestaltwandeln ankämpfen.

Ohne ihren Blick von Kylin abzuwenden, trat Griffin rückwärts auf den Aufzug zu. »Ich muss los.« Sie hatte sich schon vor langer Zeit damit abgefunden, dass ihre Zwillingsschwester und sie niemals einer Meinung sein würden, was ihren Platz in der Wrasa-Gesellschaft anging. Nichts, was sie sagte, konnte daran etwas ändern.

Dieses Mal versuchte Kylin nicht, sie aufzuhalten. »Grüß unsere Väter und den Rest des Rudels von mir.«

»Ich fahre nach Michigan, um diese Menschenfrau unter die Lupe zu nehmen«, sagte Griffin, »nicht um unsere Familie zu besuchen.«

»Aber du hast sie seit fünfzehn Jahren nicht gesehen.«

Griffin tastete hinter sich nach dem Aufzugsknopf. »Aus gutem Grund. Sie haben damals nicht zu uns gehalten, deshalb betrachte ich sie nicht mehr als Familie.«

»Aber das war –«

»Hör auf, dich wie eine verdammte Kasari zu benehmen!« Griffin hatte es schon immer gehasst, dass die Kasari ständig ihre Schnauzen in ihre Privatangelegenheiten steckten.

Kylin richtete sich zu ihren vollen eins achtzig auf. »Ich bin eine Kasari. Zumindest zur Hälfte. Genau wie du. Du kannst deine Löwen-Seite nicht leugnen.«

»Doch, kann ich«, sagte Griffin. Es kostete sie einige Mühe, ruhig zu sprechen. Ihre Haut juckte – das erste Anzeichen einer bevorstehenden Verwandlung. Sie wollte hier weg. Und zwar sofort. »Wenn du unbedingt so tun möchtest, als würde das Rudel dich als gleichwertig akzeptieren, bitte schön. Aber ich werde meine Zeit nicht mit solchen Tagträumereien verschwenden.« Sie wirbelte herum und drückte erneut auf den Aufzugsknopf.

»Griffin«, rief Kylin.

Knurrend drehte sich Griffin um. »Was ist?«

»Gute Jagd.«

Ein kurzes Nicken, dann flüchtete sich Griffin in den Aufzug.

Kapitel 3

Cedric hasste es, zu fliegen. Es hat schon seinen Grund, warum es keine Vogel-Gestaltwandler gibt. Sich in dieser Höhe und mit einer solchen Geschwindigkeit fortzubewegen, beeinträchtigte seine scharfen Sinne. Aber er musste zugeben, dass menschliche Transportmittel effizient waren, und als Soldat konzentrierte er sich auf die anstehende Mission.

Nicht dass es momentan viel vorzubereiten gäbe. Er hatte sich die Informationen über Allison DeLuca bereits zweimal durchgelesen. Es gab nichts Interessantes zu berichten. Die Beta-Leserin war Mitte vierzig und arbeitete als Programm-Managerin für eine Software-Firma, die Textverarbeitungssoftware für Wrasa entwickelte. Sie war den Saru noch nie aufgefallen.

»Kann ich Ihnen etwas bringen, Sir?« Eine Flugbegleiterin schenkte ihm ein gekünsteltes Lächeln.

Cedric erwiderte es nicht. Er hatte nie das Bedürfnis verspürt, menschliches Verhalten nachzuahmen. Wenn er jemandem seine Zähne zeigte, würde das niemand für eine freundliche Begrüßung halten. »Essen.« Er wandte sich wieder dem Bericht zu und ignorierte die Flugbegleiterin.

Der Geruch von Verwirrung stieg ihm in die Nase.

Menschen. Er unterdrückte ein Knurren. Sie waren so leicht zu verwirren.

»Ähm, irgendetwas Bestimmtes?«, fragte die Flugbegleiterin.

Im Gegensatz zu Raubkatzen-Gestaltwandlern war ihm das egal. Essen war Essen. Solange es seinen Magen davon abhielt, wie ein ganzes Rudel Syak zu knurren, spielte es für ihn keine Rolle, was er aß.

»Wir haben leckere Roastbeef-Sandwiches –«

»Dann bringen Sie mir drei davon«, sagte Cedric, bevor sie die gesamte Speisekarte herunterrattern konnte.

Sie eilte davon. Er legte den Bericht beiseite und reckte den Hals, um sich zu vergewissern, dass der einzige andere Wrasa im Flugzeug, ein Jaguar-Gestaltwandler, ihn nicht beobachtete. Dann zog er ein abgenutztes Buch aus seiner Tasche.

Der Geruch von Grafit und muffigem Papier brannte in seiner Nase, als er das Tagebuch aufschlug. Die krakelige Handschrift war in den vier Jahren, seit sich das Buch in seinem Besitz befand, verblasst, aber Cedric kannte jede Seite auswendig und konnte die Worte noch immer entziffern.

Als der Jaguar-Gestaltwandler aufstand und in Richtung Toilette trottete, versteckte Cedric das Buch unter dem Bericht.

Nur dem Rat war es erlaubt, das Traumtagebuch eines Maharsi zu besitzen. Früheren Generationen war es nicht einmal erlaubt gewesen, ihre Träume aufzuschreiben. Die Gefahr, dass ein solches Tagebuch von Menschen entdeckt werden könnte, war zu groß. Außerdem bestand das Risiko, dass Wrasa, die weniger geübt in Traumdeutung waren als ein Maharsi, die Träume womöglich fehlinterpretierten.

Aber nachdem eine Linie von Traumsehern nach der anderen ausgestorben war, hatten die letzten Maharsi begonnen, ihre Träume aufzuschreiben, in der Hoffnung, es würde ihrem Volk helfen, die Zukunft zu verstehen und zu gestalten. Es gab nur ein halbes Dutzend dieser Tagebücher, und dieses war anders als alle anderen. In den falschen Pfoten konnte es gefährlich werden. Cedric setzte seine Karriere aufs Spiel, indem er es vor dem Rat geheim hielt.

Es war aber notwendig. Er traute den Politikern nicht zu, mit den Informationen in dem kleinen Buch richtig umzugehen.

Als die Flugbegleiterin mit den Sandwiches zurückkam, verschlang er das erste, ohne zu kauen oder groß zu schmecken. Das zweite aß er langsamer und las dabei den Tagebuch-Eintrag, den er ausgewählt hatte.

Sie ist gefährlich. Eine tödliche Gefahr für uns alle. Ich bin der Einzige, der sie aufhalten kann. Alle anderen erkennen die Gefahr nicht und vermutlich werden sie es auch nie, bis es dann zu spät ist. Dies ist der Grund, warum ich mit diesen Fähigkeiten geboren wurde. Dies ist meine Pflicht. Mein Schicksal.

Cedric fletschte die Zähne. Wie ironisch. Die Zeilen passten perfekt zu seiner aktuellen Lage, als hätte der Traumseher über J. W. Price und ihn gesprochen. Noch konnte er nicht sicher sein, aber falls die Schriftstellerin sich wirklich als die Bedrohung herausstellte, für die er sie hielt, war es seine Pflicht und sein Schicksal, sie aufzuhalten.

Als der Pilot ankündigte, dass sie bald landen würden, schob er das Tagebuch zurück in die Innentasche seiner Jacke, sodass es direkt über seinem Herzen ruhte.

~ ~ ~

Cedric bezog vor Allison DeLucas Wohnung Stellung. Er warf Ian Stewart, dem Alpha der Beta-Leserin, einen warnenden Blick zu. »Lassen Sie mich das machen.« Dann rief er durch die Tür: »Ms DeLuca, hier ist Cedric Jennings. Machen Sie die Tür auf!« Er erklärte nicht, wer er war und was er wollte. Das brauchte er auch nicht. Jeder Syak kannte seinen Clan.

Als die Tür aufschwang, versuchte Ian, als Erster einzutreten.

Schnell versperrte ihm Cedric den Weg und starrte ihn an, bis Ian seinen Blick senkte. Dann stolzierte Cedric in die Wohnung.

»Tas Jennings.« Allison DeLuca senkte zur Begrüßung den Kopf. Sie trat näher an ihren Alpha heran und suchte seinen Schutz. »Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

»Ja«, antwortete Ian sofort. »Ich nehme ein –«

»Das wird nicht nötig sein«, sagte Cedric. »Ich bin nicht auf einen Drink hier, und Sie«, er blickte Ian an, »werden vermutlich woanders gebraucht. Danke, dass Sie mich durch Ihr Revier begleitet haben.«

Ian presste die Lippen aufeinander. Cedric wusste, dass er ihm am liebsten knurrend die Zähne gezeigt hätte, aber als Kommandant der Saru bekleidete Cedric einen höheren Rang.

»Ich warte draußen«, sagte Ian schließlich.