Sex-Circus - Sophie Andresky - E-Book

Sex-Circus E-Book

Sophie Andresky

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Beschreibung

Eigentlich soll Erotik-Journalistin Billy eine Reportage über das heiße Zirkusleben schreiben. Aber INFERNO ist keine gewöhnliche Show. Die Nummern sind riskanter und wilder als alles, was Billy bisher gesehen hat. Nachts finden Privatvorstellungen statt, in denen sämtliche Hemmungen fallen. Und manche der Zuschauer verschwinden danach spurlos. Billy verliert sich in einer Welt aus Nervenkitzel und Lust – und wird doch bald von ihrer Vergangenheit eingeholt.

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Eigentlich soll Erotik-Journalistin Billy eine Reportage über das heiße Zirkusleben schreiben. Aber INFERNO ist keine gewöhnliche Show. Die Nummern sind riskanter und bizarrer als alles, was Billy bisher gesehen hat. Nachts finden erotische Privatvorstellungen statt, in denen sämtliche Hemmungen fallen. Und manche der Zuschauer verschwinden danach spurlos. Billy verliert sich in einer Welt aus Nervenkitzel und Lust – und wird doch bald von ihrer Vergangenheit eingeholt.

»Sophie Andresky weiß, was Frauen wirklich wollen.«    Bild

SOPHIE ANDRESKY

SexCircus

EROTISCHER ROMAN

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

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Copyright © 2018 by Sophie Andresky

Copyright © 2018 by Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel / punchdesign, München,unter Verwendung eines Motivs von shutterstock.com(3DDock, Photographer_ME)

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN: 978-3-641-22000-6V002

www.heyne-hardcore.de

»Noch nicht, noch nicht ganz, noch einen Schwung … (…) Was wir zusammen sind, am Trapez – als wenn wir uns liebten – mitten in der Öffentlichkeit – es ist dieselbe Stelle in deinem Bauch. Salto mortale. Die perfekte, vorherbestimmte Form des Schicksals …«

(Marion Zimmer Bradley: Trapez)

»Ich sehe mich selbst als intelligenten, sensiblen Menschen mit der Seele eines Clowns, der mich dazu zwingt, es gerade in den wichtigsten Momenten zu vergeigen.«

(Jim Morrison)

»Also des mit diese Sexzeugs, des ist immer so a Zirkus. I moach des nimmer.« – »Mei, I scho.«

(Zwei alte Damen im Bus)

In Liebe für Marcus.

Du bist mein Zuhause,

egal in welcher Stadt.

Inhalt

Auf dem Platz: Menschen, Tiere, Sensationen

In der Stadt: vier Wochen vorher

Auf dem Platz: 380 Volt

In der Stadt: elf Wochen vorher

Auf dem Platz: VIP-Billets

In der Stadt: acht Wochen vorher

Auf dem Platz: Wahrsagerei und Liebeszauber

In der Stadt: sieben Wochen vorher

Auf dem Platz: Salto mortale

In der Stadt: fünf Wochen vorher

Auf dem Platz: Genickhang

In der Stadt: einen Tag vorher

Auf dem Platz: Vorhang auf

Epilog

Danke

Auf dem Platz:Menschen, Tiere, Sensationen

Sie hat eine Kristallkugel! Echt wahr! Wo bin ich denn hier gelandet? In Gundel Gaukeleys Wettervorhersage?

Ich versuche mich unauffällig in dem Wohnmobil umzusehen, ohne dass die Chefin, die hier »Patronessa« heißt, es merkt. Sie soll nicht noch wütender werden, der Einstieg mit ihr ist eh gründlich versaut. Ich hab es wieder vermurkst. Mensch, Billy, reiß dich mal zusammen. Der Geist war willig, aber die Möse war schwach. Passiert mir öfters. Bin ein Triebtier. Seit Minuten schimpft diese Frau mit ihrer knarzenden Stimme auf mich ein, und ich steh da wie ein Schulmädchen im Büro der Direktorin, halte meinen feuchten Schlüpfer in der Hand und überlege fieberhaft, wie ich doch noch einen guten Eindruck machen könnte. Aber für den ersten gibt es keine zweite Chance, und mich eingekeilt zwischen zwei nackten kubanischen Jungs von der Limbo-Nummer erwischen zu lassen war nicht gerade ein Glanzlicht in meiner Karriere.

Das Wohnmobil der Patronessa ist mit allem Schnickschnack ausgestattet, den man sich vorstellen kann, Flatscreen, Laptop, Smoothiemaker, Sandwichtoaster, sogar eine Powerplate steht in der Ecke. Jetzt bloß nicht daran denken, wie ihr schwammiger, überbordender Körper auf dieser Platte durchgerüttelt wird, Wackelpudding auf dem elektrischen Stuhl, sonst muss ich lachen, und dann hätte ich’s endgültig verbockt. Das passiert mir leider auch öfter. »Der sittliche Ernst fehlt«, stand früher in meinen Zeugnissen. Stimmt, mit Sittsamkeit und Ernst hab ich es wirklich nicht. Irgendwann werd ich dadurch mal echte Probleme bekommen. Heute könnte es so weit sein. Dann wäre diese Show wirklich mein Ende, INFERNO heißt sie ja schon mal. Hier reicht Pipi in den Augen nicht, hier muss ich aufpassen. Über die Patronessa Karona lacht man nicht, das haben mir die eingeschüchterten Limbodancer deutlich gemacht. Noch nie hat jemand so schnell seinen Finger aus meiner Muschi gezogen. Ihr missbilligendes Räuspern hatte genügt – und zack, raus. Mit gesenkten Köpfen standen sie da, bis sie mit einem Handzeichen weggescheucht wurden und nur noch ich übrig blieb. Billy, last call for execution, please. Ich merke, wie ich trotzig werde und mich aufrechter hinstelle.

Gut, die Aktion hinter dem Artisteneingang war eine blöde Sache, ich fühlte mich gestresst, und die dunkelbraunen schweißnassen Körper sahen nach Ablenkung und Spaß aus. Und lächeln können die, meine Herrin, würde meine liebste Freundin Mara sagen, mit blendend weißen Zähnen von einem Ohr bis zum anderen. Erst haben wir nur geplaudert, das lief bei mir noch unter »Recherche«, und dafür war ich ja schließlich hier: für INFERNO backstage. Das Gras hat mich überrascht. Zwei, drei Züge an ihrem Tütchen später kam mir das Leben leicht und lustig vor wie ein Abend auf einer Kakaoplantage, mit weit entfernten Trommeln, die durch den Dschungel klangen, und einem süßen Duftgemisch aus exotischen Blüten und Schweiß … stopp! Jetzt bin ich in einem Kolonialstil-Porno. Ich muss mich endlich auf meine Mission konzentrieren, sonst stehe ich noch morgen früh vor dem Schreibtisch der doch irgendwie Furcht einflößenden Patronessa, die ganz dunkle Augen hat, tief und schwarz wie die Hölle, und rechtfertige meine niederen Triebe.

Dabei ist es so wichtig, dass sie mich nicht nach Hause schickt.

Ich hatte dieses Jahr noch keinen einzigen Renner. Meine Erotik-Kolumne »Eros to go«, die ich fürs Stadtmagazin schreibe, läuft zwar, aber nebenher muss ich auch Hammer-Reportagen abgeben, und dieses Jahr war bisher hammerfrei. Außerdem würde mich mein Chefredakteur eh zu gerne abservieren, bei dem Stress, den wir in der letzten Zeit miteinander hatten. Er bekommt ohnehin keinen Preis für sensible Mitarbeiterführung. Er lässt mir zum Beispiel gern mal am Freitagabend von der Sekretärin ausrichten, dass er mich unbedingt am Montagmorgen als Erstes sprechen will, damit ich das ganze Wochenende überlege, was ich falsch gemacht habe und ob ich mich wohl demnächst in der Anzeigenakquise wiederfinden werde. Dieser Chef also hat mir sehr deutlich gesagt, dass die Circus-Story hier super werden muss, knallhart investigativ recherchiert. Seit meiner Abmahnung bin ich auf Bewährung. Und ich nehm ihm das nicht mal übel. Mit dem Hausmeister im Redaktionsbüro zu vögeln war einfach nur dämlich. Und mein Chef wusste ja nicht, was ich hinter mir hatte an dem Tag. Dass es gute Gründe gab, um mich mit dem Master of Mopp ein bisschen abzulenken. Ich erzähle auf der Arbeit nie Privates. Eigentlich bin ich schon total professionell – also, wenn ich nicht gerade meinen Auftrag vergesse und mich von zwei verschwitzten Artisten mit Megabodys durchficken lasse. Das war kein guter Einstand, ich bin nicht blöd, ich weiß, dass man so was nicht tut. Ich gebe mir Mühe, gleichzeitig selbstbewusst und zerknirscht auszusehen, aber diese Umgebung macht es mir nicht leicht.

Da ist der topmoderne Wohnwagen mit den Stapeln von alten Papieren und Klatschzeitschriften auf der Bank und einem halben Kuchen auf der Küchenzeile. Ich liebe Kuchen. Ich möchte in einen einziehen und mir Höhlen zum Wohnen reinbeißen. Neueste Technik überall: Smartphone-Dock, LED-Leuchten, laborweiße Teeküche. Und dazwischen diese Chefin, die aussieht wie eine Hexe aus einem Märchenfilm, leicht bucklig, mit Doppelkinn und einem Bauch wie im neunten Monat, die Fleischmassen umhüllt von einem schwarz glitzernden Zelt. Und sie trägt tatsächlich ein Kopftuch und Kreolen. Oder ist das ihr Kostüm, hatte sie vorhin einen Auftritt in der Show?

Ich versuche mich an die Abfolge der Nummern zu erinnern, es ist doch keine zwei Stunden her, dass ich als Zuschauerin im Zelt saß, aber ich kann mich an die Patronessa nicht erinnern. Das scheint ihr Privat-Outfit zu sein, vielleicht kauft sie ihre klirrenden Armreifen und das geblümte Schultertuch mit Fransen in einem speziellen Gypsie-Klischee-Laden? Und dann die Kristallkugel! Die ist gut gemacht, schicke Technik weiß ich zu schätzen, es ist nicht einfach ein umgedrehtes Goldfischglas, sondern eine massive Kugel, die über der Tischplatte schwebt, keine Ahnung, wie das geht, Magnetismus vielleicht oder eine optische Täuschung. Innen gibt es irgendeine Lichtquelle und auch Nebel, da wabert ein Unwetter durch die Kugel mit Blitzen und Wolken, das ist tricktechnisch großartig. Ich notiere mir im Kopf, dass ich mit dieser Kugel meine Reportage anfange und zum Schluss meines Artikels das Geheimnis lüfte, wie sie funktioniert. Mein Chefredakteur steht auf so was, er liebt Rätsel, wahrscheinlich lässt er sich ein Sudoku auf den Grabstein meißeln. Oder, halt, nein, da wird ein »Wollen Sie das?« eingraviert sein. Damit beendet er nämlich gerne Mitarbeitergespräche. Ich sitze vor ihm und sage, dass ich doch gerne so viel verdienen würde, um mir neben der Miete vielleicht auch eine samstägliche Packung Jaffakekse leisten zu können, und er nickt wohlwollend und sagt: »Also wenn Sie mehr Geld wollen, kann ich das machen, aber dafür muss ich einen Familienvater entlassen. Wie wäre es mit Herrn Sowieso, der hat drei Mäuse in der Schule, der müsste dann gehen. Wollen Sie das?« Er macht das so überzeugend, dass ich bisher noch immer eingeknickt bin und weiter für ein Sklavengehalt schufte und bald vielleicht nicht mal mehr das. Es wäre schon echt gut, wenn ich ihn wieder richtig begeistern könnte, ich will nicht im Archiv versauern und das Material der Kollegen abheften. Deshalb wäre es ganz blöd, wenn ich hier abbrechen müsste, kaum dass ich angekommen bin. Die Hexe darf mich nicht nach Hause schicken! Ich versuche es mit einem entschuldigenden Lächeln.

»Es tut mir wirklich leid«, setze ich an, aber sie unterbricht mich sofort.

»Papperlapapp! Machen Sie das immer so? Irgendwo ankommen und direkt den Slip runter? Erst mal rein mit ’nem Schwanz, anstatt sich anständig vorzustellen?«

Oha. Es geht ihr also gar nicht darum, dass ich es mit zwei ihrer Artisten hinter dem Hauptzelt getrieben habe. Sie ist wütend, weil ich die Hierarchie nicht eingehalten habe. Nicht meine nasse Möse stört sie, sondern meine Umgangsformen. Stimmt, das war das andere Problem. Keine Sittlichkeit, kein Ernst, kein Benehmen. Das hör ich nicht zum ersten Mal. Ich futtere, fluche und ficke wie ein Trucker, man muss es leider so sagen. Eine Dame werd ich nie. Trotzdem, ich hätte mich ja mal zusammenreißen können. Everywhere you go, always take the weather with you.

Ich senke den Kopf, fast knickse ich, aber das verkneife ich mir dann doch.

»Sie haben recht, das war sehr unhöflich von mir. Ich hätte zuerst zu Ihnen kommen und Ihnen«, ich überlege, weil mir nur das Wort »Huldigung« einfällt und ich nicht will, dass sie sich veralbert fühlt, »und Ihnen meine Aufwartung machen sollen.«

Sie lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück.

»Ganz genau, Liebchen. Inferno ist meine Show, ich habe hier das Sagen. Ich entscheide, wer bleiben darf und wer nicht.«

Ich nicke, den Kopf immer noch gesenkt.

»Ja, Patronessa Karona.«

»Und Sie sind schließlich nicht irgendein Fick, den meine Jungs nach der Show klargemacht haben. Die beiden können gerne Zuschauerinnen bumsen, wenn sie wollen, aber Sie sollen eine Weile bei uns leben. Da müssen Sie sich schon anpassen. Und Sie werden meine Gesetze respektieren.«

»Ja, Patronessa.«

Hoffentlich sagen ihre Gesetze nicht, dass man keine Limbo-Jungs fiedeln darf. Ich habe wieder den grinsenden Kleineren vor Augen. Meine Güte, ich wusste gar nicht, dass ich auf Zähne stehe, aber seine sind so weiß, da habe ich direkt das Bild im Kopf, wie er seinen Kopf zwischen meine Beine steckt und mit diesen wunderbaren Zähnen an meinen Schamlippen herumknabbert. Eben kam es ja leider nicht dazu, aber was nicht war, kann noch werden. Ich bin notgeil, seit ich hier bin, vielleicht liegt es an dieser merkwürdigen Umgebung, die berühmte Circusluft vielleicht. Ich sollte mich auf die Patronessa konzentrieren, aber ich muss wieder daran denken, wie ich eben angekommen bin.

Die Show war der Burner, vielleicht ein bisschen arg extrem. Keine Spur vom alten Circus meiner Kindheit mit Pferdchen im Kreis, Löwenkäfigen, stolpernden Clowns und befracktem Direktor. Sehr laute Musik, harte Beats, schrille E-Gitarren, die waghalsigsten Stunts, viel nackte Haut. Immer wieder explodierte etwas, Stichflammen schossen aus Rohren, einmal krachte ein Jeep, der bisher unbemerkt unter der Kuppel gehangen hatte, mit Getöse auf den Boden, und die Artisten hechteten – scheinbar im letzten Moment – zur Seite. Und es gab diese Momente, in denen das Adrenalin runter- und die Libido hochkochte, zum Beispiel bei der Limbonummer. Ein halbes Dutzend muskulöser, kaffeebrauner Männer und Frauen tanzten ekstatisch durch die Manege, rissen sich die dünnen Stöffchen, in die sie eingewickelt waren, von den durchtrainierten, glitzernden Körpern, bis sie nur noch winzige Fellfetzen trugen, und zuckten, wirbelten und sprangen im Rhythmus der Trommeln. Dann war überall Feuer. Ohne dass ich gesehen hätte, wie es entzündet wurde, loderte die Fläche plötzlich, aber die Artisten sprangen Flickflacks hindurch, als bemerkten sie es gar nicht. Es schien ihnen auch völlig egal zu sein, dass man immer mal wieder eine Brust oder einen Schwanz sah. Dazu diese stampfende, aufpeitschende Musik, die direkt ins Blut stieg, ich fühlte, wie ich auf meinem Sitz herumrutschte und mich hypnotisieren ließ.

Direkt danach gingen die Lichter an, und die Besucher strömten benommen von dem Spektakel und der Hitze ins Freie. Mich interessierten weder der übersüße Popcornduft noch die Bratwurst-Trucks oder die Cocktail-Clowns, ich wollte die Limbotruppe suchen und sehen, ob sie auch ohne das Feuer diese Hitze verströmten. Am Artisteneingang wurde ich fündig.

Ein paar Mädchen der Gruppe schlüpften in Kimonos und gingen schwatzend in Richtung der Wohnwagen. Zwei Jungs waren übrig, ein kleiner, kompakter und ein größerer, sehr schlanker. Beide schnauften und rieben sich mit Handtüchern ab. Die Muscheln in ihren Rastazöpfen klirrten ganz leise wie ein Windspiel. Ich weiß nicht, woran es lag, vielleicht rieben sie sich für ihre Auftritte mit einem speziellen Öl ein, das ihre Haut vor Feuer schützte, aber ich konnte sie riechen, obwohl ich noch einige Meter entfernt stand, ein süßer, schwerer Kokosduft und auf jeden Fall etwas Karamell. Männer lecker wie Weihnachtsplätzchen. Ich sog tief die Luft ein, als die beiden die winzigen Plüschlendenschurze auszogen und sich zwischen den Beinen frottierten. Dass Bühnenarbeiter an ihnen vorbeigingen, kümmerte sie überhaupt nicht. Irgendwann sah mich der Größere und strahlte. Nicht wie jemand, der eine Frau anmacht, sondern so, als würde er eine alte Freundin begrüßen. Er winkte mich zu sich und warf das Handtuch auf einen Stapel. Nackt standen sie vor mir und checkten mich neugierig ab.

»Die Neue«, sagte der Kleinere, und ich fragte mich, woher er das wusste. Ich sehe ja nun nicht gerade aus wie eine Circusprinzessin, eher wie eine Bankerin, die die letzte Nacht durchgesoffen hat und durch eine Crackwolke gekrochen ist. Aber in einem Wohnwagendorf verbreiten sich Veränderungen wahrscheinlich schneller als Zuckerwatteduft.

Ich wollte etwas sagen, etwas Witziges, Schlagfertiges, Sympathisches, etwas, das nicht so rassistisch klang wie »Eure Schokokörper machen mich wuschig«, aber mir fiel nichts ein außer: »Tolle Show, ganz schön heiß«. Ich hätte mich selbst treten können. Geht es noch dämlicher? Sich wie ein Groupie hinter den Vorhang schleichen und glauben, dass die Artisten nichts Besseres zu tun haben, als mich ihre Muskeln fühlen zu lassen? Manchmal hab ich bescheuerte Ideen. Man sagt Männern ja immer nach, dass sie sich entscheiden müssen, ob sie das Blut im Schwanz oder im Kopf haben wollen, aber bei mir ist es genauso. Geilsein macht mich nicht schlauer.

Zum Glück waren sie überhaupt nicht beleidigt, lächelten nur, weiß und strahlend, und kamen näher. Der Kleinere nahm einen Joint vom Tisch, entzündete ihn und gab ihn nach wenigen Zügen an mich weiter. Ehe ich richtig drüber nachdenken konnte, saugte ich schon den süßlichen Rauch in meinen Mund. Das Zeug war wirklich gut. Ich fühlte mich leicht, frei und – nun ja, noch geiler als zuvor schon.

Ich warf den beiden einen vielsagenden Blick zu, und sie begannen mich zu betasteten. Sie mich. Behutsam und fasziniert, als wäre an mir irgendwas Bemerkenswertes. Also, ich bin schon gut in Schuss, aber spektakulär nun wirklich nicht, vor allem nicht, wenn man selbst einen Körper hat wie für einen Muckibuden-Werbespot. Sie zeigten sich ganz gefangen von mir, zogen mir die Kostümjacke aus, und dann, bevor ich so richtig wusste, was passierte, auch den Rock. Drunter trug ich nur einen Body, der im Schritt geknöpft war. Sie befühlten meine Schultern, mein Haar, ausgiebig meine Brüste, als hätten sie noch nie oder zumindest schon lange keine Frau mehr angefasst. Vielleicht war ich ihre erste Rothaarige – so wie sie meine ersten Schwarzen? Aber selbst das erklärte ihre Faszination nicht wirklich. Sie hatten mich in die Mitte genommen und drängten sich an mich. Die Hand des Kleineren rutschte über meinen Bauch, während sich der Lange meinem Hintern widmete. Ein großer, breiter Mann im Indiana-Jones-Outfit trug einen Leguan an uns vorbei. Dompteur und Echse sahen mich kurz neugierig und missbilligend an, kümmerten sich aber nicht weiter um unser Trio, und den beiden Jungs schien es sowieso egal zu sein, ob oder wer ihnen zuguckte. Die Hand tastete sich von meinem Bauch zwischen meine Beine vor und öffnete dort die Druckknöpfe des Bodys. Sie zogen ihn mir nicht aus, sondern rollten ihn nur hoch über die Brüste. Ich streifte meinen ohnehin winzigen Slip runter und ließ ihn auf meine Füße fallen. Jetzt war ich so rattig, dass es mich kein bisschen kümmerte, warum hier was passierte, ich wollte einen Finger in meiner Möse haben, von mir aus auch einen im Arsch, ich wollte, dass sie meine Nippel saugten, und dann wollte ich endlich einen Schwanz in mir fühlen, der sich in meiner glitschigen Möse vor und zurück schob, der an den Wänden meiner Scheide rieb und dessen Schaft über die Klit glitt. Sie drängten sich so nah an mich, einer von vorn, einer von hinten, dass ich kaum Luft bekam. Ich streckte die Arme hoch, damit wir noch enger stehen konnten, und ließ sie einfach machen. Ich fühlte, wie sich ein Schwanz von hinten zwischen meine Oberschenkel schob, und versuchte den Hintern etwas mehr rauszustrecken. Eine Hand kraulte meine Möse, und endlich, endlich flutschte ein Finger in meine saftige, hungrige Fotze, in der es so brannte wie vorhin in der Manege. Ich wimmerte, er solle mich jetzt ficken, wenigstens mit dem Finger, und den Handballen auf meine Klit pressen, damit es mich überfluten, meine Fut überfluten und den Brand löschen würde. Ich hörte mich selbst keuchen und Wortfetzen ausstoßen, hatte die Augen geschlossen und fühlte nur noch Finger zwischen meinen Beinen und meinen Arschbacken, kleine Bisse auf meinen Brüsten und den Schweiß, der mir den Körper hinunterlief.

Deshalb reagierte ich erst gar nicht auf dieses merkwürdige Gefühl an der Schulter. Wie ein Insekt, pickend und störend. Ich öffnete doch die Augen einen Spalt und schielte zur Seite. Und da stand sie. Eine alte Frau, quer mal breit, schäumend vor Wut. Die Patronessa.

Ich fühle den zornigen Blick der Chefin wie einen Pfeil zwischen meinen Augen. Anscheinend habe ich wieder etwas verpasst und sage deshalb einfach mal: »Ja, Patronessa.«

Sie sieht mich stirnrunzelnd an.

»Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie das hier ernst nehmen. Ich werde nicht dulden, dass Sie sich über uns lustig machen. Ich bin nicht sicher, ob Sie wirklich hierhergehören.«

Sie rückt ihre Fleischmassen auf dem Stuhl zurecht und hält ihre Hände mit weit gespreizten Fingern vor sich, fast bis zur schwebenden Kristallkugel. Das Ding ist wirklich gut gemacht, ich brauche unbedingt ein Foto davon. Vielleicht sogar einen Film für die Onlineausgabe. Hoffentlich lässt sie mich später eine Sitzung filmen, wenn sie mich mag – und das muss doch möglich sein, wir sind beide Frauen, die einiges hinter sich haben, Frauen weit entfernt vom Beautygirl aus den Illustrierten, so was verbindet doch. Draußen am Wagen hängt ein altmodisches Holzschild, auf dem »Wahrsagerei und Liebeszauber« steht. Hier zockt sie bestimmt verzweifelte Singles ab, das ist ’ne gute Story. Geheimnisse, Schicksale, Betrug und Liebesqual, genau das will mein Magazin. Ich muss mir unbedingt Notizen machen, hier finde ich Dutzende Themen für »Eros to go«, das kann ich fühlen. In meinen Fingerspitzen kribbelt es, wie immer, wenn ich an einer heißen Sache dran bin.

Eines wundert mich plötzlich: Der Chefredakteur und ich haben gar nicht näher abgesprochen, worum es in dieser Reportage gehen soll. Das ist ungewöhnlich, normalerweise mache ich einen Pitch vorher, und ein größeres Thema muss sogar durch verschiedene Konferenzen, aber an solche Schritte kann ich mich gerade nicht erinnern. Ich bin übermüdet, und angefickt und unorgasmisch werde ich immer ein bisschen konfus, ich weiß nur, dass ich die Show eine Weile begleiten werde, um eine Story zu schreiben. Der Aufbruch zu Hause war wohl ziemlich überstürzt, gut, das hatte auch noch andere Gründe, aber daran will ich jetzt nicht denken.

Ich konzentriere mich wieder auf die Patronessa, die mit ihren zusammengezogenen buschigen Augenbrauen in ihre Kugel starrt, eine Raupe mitten im Gesicht. Wann hat sie das Licht gedimmt? Und woher kommt dieses Summen? Bestimmt gibt es Schalter unterm Tisch. Ich versuche alles ganz genau mitzukriegen. Obwohl ich plötzlich todmüde bin und bleierne Schläfrigkeit durch meinen Körper fließt, will ich nichts von dieser Privatshow verpassen. Mir wird kalt, eine Kälte, als würden sich meine Adern in eisige Metallröhren verwandeln. So kann ich das in meinem Artikel nicht schreiben, aber so fühlt es sich an.

Nebel wabert durch die Glaskugel, es hat etwas Hypnotisches, wie sich die Rauchschwaden verdichten und wieder auflösen, ich mag gar nicht mehr wegschauen. Die Kugel bewegt sich zwei Handbreit über der Tischplatte und beginnt sich zu drehen. Sie rotiert um die eigene Achse. Kenne ich zu Hause irgendeinen Physiker, der mir den Trick erklären kann? Oder einen Kollegen aus dem Wissenschaftsressort? Es muss etwas mit Magnetismus zu tun haben, nehme ich an. Dann höre ich auf, an meine Reportage zu denken, und starre nur noch gebannt in die Kugel. Ich sehe einen Mann. Seine Augen schweben ganz groß vor mir. Stand nicht eben eine Tasse Tee auf dem Tisch? Hat sie mir was gegeben, drehe ich jetzt völlig ab? Ich kann mich nicht bewegen. Ich versuche mit den Zehen zu wackeln, aber ich bin wie eingefroren. Seine Stimme ist weit weg, obwohl seine Pupillen so nah sind, dass ich mich darin spiegeln kann.

»Auf unbestimmte Zeit«, höre ich ihn sagen. Dann nur noch Gemurmel.

Mir ist speiübel. Habe ich von dem Tee getrunken? Der Nebel löst sich auf, die Kugel rotiert langsamer, und mit dem grünen Licht verschwindet auch das Gesicht, die Kälte, die Übelkeit, das durchdringende Summen. Zurück bleibe ich, schwankend vor dem Tisch stehend, und eine lächelnde Patronessa, die meine Hand streichelt.

»Willkommen bei Inferno, Liebchen«, sagt sie, erhebt sich stöhnend und führt mich zur Tür. Ich bin ganz benommen.

»Das Orakel hat gesprochen. Du bist hier ganz richtig, Sybille. Du wirst eine Weile bei uns bleiben.«

Sie sieht mich streng an.

»Wir versuchen das mit dir. Verdirb es nicht. Ich hab heute einen milden Tag, meine Güte wird mich noch ruinieren. Also, Fräulein, du kannst dich frei auf dem Platz bewegen. Wenn es irgendwas zu tun gibt, bei dem alle helfen müssen, wirst du helfen.«

»Natürlich, Patronessa.«

»Jetzt zeigt Silvio dir deinen Wagen.«

Die Tür geht auf, und der kleinere der beiden Kubaner steht auf der Treppe, grinsend wie eben hinterm Zelt.

Sie schiebt mich die Treppe hinunter.

»Zeig ihr den alten Postwagen, mi corazón. Hilf ihr beim Putzen, sie soll sich wohlfühlen in unserer Familie.«

Schweigend gehen Silvio und ich über den dunklen Platz, vorbei am großen Zelt, das nicht Zelt heißt, sondern Chapiteau, wie er mir mit Fremdenführerstimme erklärt. »Zelt ist das auf dem Campingplatz. Beim Zirkus haben wir ein Chapiteau.«

Er erklärt mir, wie INFERNO aufgebaut ist: vorn die Kassenwagen und alles, was die Besucher betrifft, die Foodtrucks und Stände, die Toiletten, der Sanitätswagen, dahinter die Einlasskontrolle mit dem großen Chapiteau. Direkt neben dem Artisteneingang die Laster mit Requisiten und technischen Ersatzteilen. Und dann in drei Halbkreisen um das große Zelt angeordnet die Unterkünfte der Arbeiter, die sich mit dem schlechtesten Standort begnügen müssen, weil es so nah am Zelt wenig Platz und praktisch keine Privatsphäre gibt. Im mittleren Halbkreis stehen die Caravans der normalen Artisten, die für sich oft sogar kleine Gärten abgetrennt haben. Ganz außen residiert der Adel wie die Trapez-Nummern und die Künstler, die bei jedem Auftritt ihren Hals riskieren, und natürlich das riesige Mobil der Patronessa, das mit seinen ausfahrbaren Erkern eine richtige Wohnung ist. Auf der anderen Seite des Zeltes teilen sich die Dompteure den Platz mit den Gehegen für die wenigen Tiernummern, Reptilien hauptsächlich und ein paar Schlangen. Dass ich im äußeren Kreis wohne, bedeutet aber keine Auszeichnung, das wird mir klar, als ich meinen Wagen sehe: eine Bruchbude auf Rädern. Drinnen lagern sie auch die Plakate, Umschläge und Prospekte, und das Papier verbreitet einen muffig-säuerlichen Geruch. Ich würde später gern bei offenem Fenster schlafen, aber man kann die Fenster nicht öffnen, ich werde also in einem holzwurmigen Sarg wohnen. Wenigstens steht er etwas am Rand, direkt dahinter liegt ein Wald.

Obwohl Silvio so nett zu mir ist, bin ich doch froh, als wir eine gute Stunde später endlich fertig sind, er sich den Feudel unter den Arm klemmt und geht. Es war ein langer Tag. Endlich Ruhe.

Wie aufs Stichwort dringen Gekicher und Mädchenstimmen durch die Büsche und das Unterholz bis zu mir. Jemand singt, Wasser plätschert. Ich werde neugierig. Was, wenn gleich da vorn ein See ist? Kaltes klares Wasser wäre genau das Richtige nach so einem Stress. Ich seufze erwartungsvoll, bahne mir einen Weg und finde bald einen Trampelpfad in den Wald hinein. Genüsslich male ich mir aus, wie meine Füße durch Uferschlamm waten und ich untertauche, bis ich ganz bedeckt bin. Dann erreiche ich schon eine kleine Lichtung, auf der sich aber kein See befindet, sondern ein altmodischer, hölzerner Badezuber steht. Zwei nackte Mädchen sitzen darin, lachen und bespritzen sich mit Wasser, während eine Dritte einen Eimer mit Wasser aus einem Gartenschlauch füllt, auf eine Leiter steigt und ihn von oben in den Zuber gießt. Die Mädchen kreischen. Sie sind alle drei kahlköpfig, und auf ihren blanken Schädeln schimmern bunte Tätowierungen, Blumen und Vögel. Drei sexy Aliens. Ich habe sie schon in der Show gesehen, sie sind eine Kautschuktruppe und verbiegen ihre Körper in alle Richtungen. Auch hier im Wasser schlängeln sie sich umeinander. Eine reicht der anderen einen Schwamm, den sie mit den Zehen festhält, während ihr Fuß in Höhe ihres Ohres schwebt. Einer anderen fällt die Seife aus dem Zuber, und statt hinauszusteigen, lehnt sie sich zurück, bis sie über dem Rand hängt, und hebt die Seife kopfüber auf. Dabei bemerkt sie mich. Die junge Frau auf der Leiter hört kurz auf zu singen und lädt mich mit einer eleganten Handbewegung ein dazuzukommen, dann singt sie weiter. Ich kann nicht widerstehen, muss wenigstens die Füße hineintauchen, es ist so heiß, mein gesamter Körper klebt. Ich ziehe mich aus und setze mich auf den Rand.

Aber bald hält es mich nicht mehr, und ich rutsche in das kühle Wasser, tauche ganz unter und genieße den kurzen Moment der Schwerelosigkeit, bis meine Füße den Bottichboden berühren.

Als ich wieder auftauche, haben die drei Mädchen mich umringt, schlingen ihre Arme und Beine umeinander, bis wir ein einziges Knäuel aus Körpern sind. Ihre Kraft überrascht mich, ich fühle kaum Knochen, aber jede Menge Muskeln, als wäre ich mit Schlangen im Wasser. Sie bewegen sich die ganze Zeit, ich fühle Hände an meinen Brüsten und zwischen meinen Beinen, dann presst sich ein Knie auf meine Muschi, einmal fährt ein Arm zwischen meine Hinterbacken und Schamlippen wie ein großer Aal, der durch meine Beine schwimmt. Ich schließe die Augen und lasse mich treiben, gebe mich der Bewegung der Körper hin und fasse an kleine feste Brüste und pflaumenweiche Mösen. Manchmal taucht eine, ich fühle einen saugenden Mund an meiner Hüfte und dann wieder Hände an meinem Hintern. Wir umschließen uns mit den Schenkeln. Meine Möse findet ein Knie, oder ist es ein Handrücken? Jedenfalls ist der Ruck genau richtig für meinen Kitzler, ich reibe mich an dem anderen Körper, ohne zu wissen, wie wir wirklich zusammenpassen. Kleine rhythmische Bewegungen an meinem Oberschenkel verraten mir, dass eines der Kautschukmädchen ihre Möse genauso an mir wetzt. Ganz von selbst dringen meine Finger in eine warme, schlüpfrige Höhle vor, ich lasse sie dort pulsieren und konzentriere mich auf das brennende Gefühl zwischen meinen Beinen. Längst scheint das Wasser sich durch unsere heißen Körper erwärmt zu haben, es schwappt über den Rand, und wir rücken so eng zusammen, ficken, reiben und pressen uns aneinander, wie es nur geht. Über uns schwebt ein singender Ton, eine Wolke aus Lust, wir keuchen, stöhnen und japsen, werden lauter, ich reibe meine Klit noch fester an dem sehnigen Schenkel, ruckle auf und ab, immer schneller, auch die drei bewegen sich hektischer, dann kommen wir, das Gewimmel aus vier Körpern, nahezu gleichzeitig, wir explodieren, unser Höhepunkt sprengt uns auseinander und wirft uns an den Bottichrand, wo wir uns festkrallen und nach Luft schnappen. Ich werde unter Wasser gedrückt, verliere die Orientierung, bis ich plötzlich wieder auftauche, keuche, das Holz erwische und es nicht mehr loslasse. Wir dümpeln erschöpft in dem lauwarmen Wasser, schlaff jetzt, jede für sich.

Eine Weile schaue ich einfach in den dunklen Himmel. Durch die Baumkronen sieht man kaum Sterne. Da stört mich etwas im Augenwinkel, ein kleines Licht. Ich drehe den Kopf, aber es ist weg. Wenig später ist der glühende Punkt wieder da. Zweige rascheln. Jemand bewegt sich, und als ich länger hingucke, erkenne ich die massige Gestalt der Patronessa. Sie steht zwischen den Bäumen, beobachtet uns und raucht. Jedes Mal, wenn sie an ihrer Zigarette zieht, glimmt die Asche. Diese kleine brennende Zigarettenspitze erinnert mich an etwas. Ich habe sofort das dazugehörige Geräusch im Ohr, dieses Knistern, obwohl sie zu weit weg ist von uns. Das Aufglühen einer Zigarette im Dunkeln rührt etwas in mir an, irgendetwas aus meinem früheren Leben in der Stadt. Ich komm nicht drauf, ich ahne nur plötzlich, dass das, vor dem ich weglaufe, vor dem ich hierher geflüchtet bin und das ich so dringend vergessen möchte, mich vielleicht längst gefunden hat.

In der Stadt:vier Wochen vorher

Ich erinnere mich an den Tag, einen Mittwoch, an dem ich mich von Florian getrennt habe, also für mich war es eine Trennung, er sah das anders. Wenn dieses Treffen besser gelaufen wäre, wenn ich geahnt hätte, wie Florian reagieren würde, hätte ich mir vieles ersparen können. Es war das letzte längere Gespräch, so viel kann ich gar nicht kiffen oder trinken, um das zu vergessen. Er stand später noch oft bei meiner Wohnung, hinter meinem Auto oder im Park neben dem Verlagshaus, tagsüber, nachts, irgendwie war er immer da, wo ich war, aber da habe ich natürlich nicht mit ihm gesprochen. Ich wusste, dass er hinter einer Ecke auf mich wartete, und ich hatte immer Hühnerpelle am ganzen Körper, wenn es mir einfiel. Und da gab es auch noch nicht diese Anrufe, die mich weckten oder mich aus einer Konferenz klingelten. Es gab noch keine blutigen Päckchen an der Haustür, keine toten Tiere im Briefkasten, keine seitenlangen Liebesschwüre. Und meine Kollegen überbrachten mir noch keine Zettelchen oder Päckchen und verdrehten genervt die Augen.

An diesem Mittwoch hatte das alles noch nicht angefangen, es war business as usual: zu hohe Hacken, zu zottelige Haare, zu wenig Zeit zum Frühstücken. Ich hatte gerade meine Wohnungstür zugezogen, als Florian plötzlich hinter mir stand. Wenn Hollywood mal einen Untoten für einen Horrorfilm braucht, der sich plötzlich aus dem Grab hochklappt, ich wüsste da eine Superbesetzung.

Wäre er von unten die Treppen heraufgekommen, hätte ich ihn früher bemerkt, denn die Stufen der Holztreppe, die zu meiner Wohnung führt, knarzen, die kann man nicht hinaufschleichen. Aber ich hatte keine Ahnung, stand mit dem Rücken zum Flur, um meine Tür abzuschließen – nur einmal, und oft vergaß ich sogar das. Erst später habe ich damit angefangen, zweimal zu verriegeln und auch das Sicherheitsschloss zu verwenden, aber zu dieser Zeit kam ich gar nicht auf die Idee.

Ich hatte die schwere Tasche mit dem Redaktionsbeamer über der Schulter, den hatte ich mir ausgeliehen, um meine Präsentation vorzubereiten, die ich »die Tupperparty« nenne. Meinem Chef geht einer ab bei so was, er muss sich eine Reportage bildlich vorstellen können und mag nicht bloß hören, worüber wir schreiben wollen. Also hatte ich bis spät in die Nacht die Sache mit dem Circus vorbereitet, denn er war nicht sofort von der Idee begeistert gewesen. »Circus« klang für ihn nach Sägemehl und struppigen Eseln, Sahnetorten auf roten Clownsnasen, »hochverehrtem Publikum« und mit Zuckerwatte verschmierten Kindern. Ich wollte ihm klarmachen, dass diese Show anders war, laut, schrill, sexy, erwachsen und modern. Noch hatte ich sie zwar nicht gesehen, sondern nur zwei Hauptakteure interviewt, Artisten, die mit laufenden Kettensägen jonglierten, aber immerhin hieß die Show INFERNO, also waren klebrige Gemütlichkeit und poetische Seifenblasentänzer eher nicht zu erwarten. »Staunen statt streamen« lautete mein Aufhänger, runter vom Sofa und rein ins Zelt, Echtes erleben statt Serien bingen, Billy berichtet aus dem Paralleluniversum, so ungefähr dachte ich mir das.

Ein Grund, weshalb ich mein eigenes Universum verlassen wollte, war jedenfalls Florian. Der auf der Treppe über mir gewartet haben muss wie ein Perverser hinterm Busch.

In den letzten Wochen war es auch in der Redaktion nicht besonders lustig gewesen, seit meiner Abmahnung hatten mich alle auf dem Kieker. Die Männer feixten, und ich konnte ihnen ansehen, dass sie sich vorstellten, wie genau das ausgesehen hatte, der Hausmeister und ich hackedicht auf dem Kopierer. Und die Frauen waren so bitchy. Sie sagten immer wieder, ich sollte mir nichts draus machen, aber keine fragte mich, ob bei mir vielleicht irgendwas nicht rundlief, immerhin war ich schon zwei Jahre dabei und eine vorbildliche Streberin: keine Affären mit Kollegen, keine Ausfälle auf der Weihnachtsfeier. Dann wurde es zunehmend stressiger. Beruflich. Und vor allem privat. Womit wir wieder bei Florian wären. Und seinem nicht tolerierbaren Auftritt vom Abend davor. Am liebsten hätte ich gar nicht mehr daran gedacht, aber dafür saßen die Panik und die Enttäuschung noch zu tief.

Florian tauchte also plötzlich hinter mir auf, geräuschlos wie ein Geist, und fasste mich an die Schulter. Ich schrie kurz, fast wäre mir die Beamertasche runtergefallen. Er hatte Glück, dass ich ihm nicht direkt mein Knie in die Eier gerammt habe. Welcher Idiot macht das, eine Frau ohne Ankündigung, ohne sich wenigstens zu räuspern, einfach anzupacken? Was sollte das? Ich drehte mich so schnell um, dass ich fast das Gleichgewicht verlor, und da stand er.