TEUFELSJÄGER 201-202: "Rivalen der Nacht" - W. A. Hary - E-Book
Beschreibung

TEUFELSJÄGER 201-202: "Rivalen der Nacht" - A. Hary und Art Norman:"Das Duell der Fürsten der Finsternis!"   Ich spürte das Stechen in der Brust, als sei ich von einem Dolch verletzt worden. Das war neu. So hatte sich mein Schavall noch nie verhalten. Mit einem heftigen Ruck streifte ich das Amulett mitsamt Silberkettchen ab und warf es auf den Tisch neben die beiden Weingläser. Das Amulett glühte hellrot…   Wichtiger Hinweis: Diese Serie erschien bei Kelter im Jahr 2002 in 20 Bänden und dreht sich rund um Teufelsjäger Mark Tate. Seit Band 21 wird sie hier nahtlos fortgesetzt!   Alleinige Urheberrechte an der Serie: Wilfried A. Hary Copyright Realisierung und Folgekonzept aller Erscheinungsformen (einschließlich eBook, Print und Hörbuch) by hary-production.de ISSN 1614-3329 Copyright dieser Fassung 2019 by HARY-PRODUCTION.de * Canadastr. 30 * D-66482 Zweibrücken * Telefon: 06332-481150   Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung jedweder Art nur mit schriftlicher Genehmigung von Hary-Production.   Cover von Ludger Otten, Veröffentlichung in Arrangement mit Alfred Bekker und Jörg Munsonius   Covergestaltung: Anistasius, Darstellung Schavall: Helmut Bone      Nähere Angaben zum Autor und Herausgeber siehe Wikipedia unter Wilfried A. Hary: de.wikipedia.org/wiki/Wilfried_A._Hary

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W. A. Hary, Art Norman

TEUFELSJÄGER 201-202: „Rivalen der Nacht“

„Das Duell der Fürsten der Finsternis!“

Nähere Angaben zum Autor und Herausgeber siehe Wikipedia unter Wilfried A. Hary: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilfried_A._Hary BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Wichtiger Hinweis

Diese Serie erschien bei Kelter im Jahr 2002 in 20 Bänden und dreht sich rund um Teufelsjäger Mark Tate. Seit Band 21 wird sie hier nahtlos fortgesetzt!

 

TEUFELSJÄGER 201-202

W. A. Hary und Art Norman

Rivalen der Nacht

„Das Duell der Fürsten der Finsternis!“

Ich spürte das Stechen in der Brust, als sei ich von einem Dolch verletzt worden. Das war neu. So hatte sich mein Schavall noch nie verhalten. Mit einem heftigen Ruck streifte ich das Amulett mitsamt Silberkettchen ab und warf es auf den Tisch neben die beiden Weingläser.

Das Amulett glühte hellrot…

Impressum

Alleinige Urheberrechte an der Serie: Wilfried A. Hary

Copyright Realisierung und Folgekonzept aller Erscheinungsformen (einschließlich eBook, Print und Hörbuch) by www.hary-production.de

ISSN 1614-3329

Copyright dieser Fassung 2019 by www.HARY-PRODUCTION.de

Canadastr. 30 * D-66482 Zweibrücken

Telefon: 06332-481150

www.HaryPro.de

eMail: wah@HaryPro.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung jedweder Art nur mit schriftlicher Genehmigung von Hary-Production.

Cover von Ludger Otten, Veröffentlichung in Arrangement mit Alfred Bekker und Jörg Munsonius

Darstellung Schavall: Helmut Bone

Covergestaltung: Anistasius

1

Ein paar Gäste in der Wirtshausstube sahen überrascht auf. Mays Augen weiteten sich.

„Was ist los?“, stieß sie leise hervor und berührte meine Hand. „Wir erregen Aufsehen.“

Ich starrte das Amulett an.

In der Mitte, wo sich der eigentliche Schavall befand, wie die rote Pupille eines Auges, zeigte sich… ein Bild. Das war ebenfalls noch nie da gewesen. Als wäre das gar nicht mehr mein Schavall, sondern nur etwas, das so ähnlich aussah.

Ich schüttelte verwirrt den Kopf und traute meinen Augen kaum: Das Bild war winzig und verschwommen, aber ich glaubte, eine mittelalterliche Burg zu sehen. Vorsichtig – sehr vorsichtig! - berührte ich das grell leuchtende Amulett mit den Fingern. Da erlosch die Helligkeit schlagartig.

Das Bild der Burg blieb noch für die Dauer einiger Sekunden bestehen, während denen es langsam verblasste, wie in einem Film, wenn die Szene ausgeblendet wurde, und ich hörte ein Flüstern, das nicht von dieser Welt zu stammen schien: Das war ein Name:

„Castillo Ferreira!“

Eindeutig war diese Burg gemeint! Dann verlosch das Bild endgültig.

Ich sah in die Gesichter der Wirtshausbesucher, die sich neugierig unserem Tisch genähert hatten und mich und May gespannt ansahen.

„Es ist nichts“, behauptete ich leichthin. „Ich habe nur einen kleinen Zaubertrick für meinen nächsten Auftritt ausprobiert, Señores. Alles ganz harmlos.“

Aber ich wusste gleichzeitig, dass es alles andere als harmlos war!

*

Später, als wir unser Zimmer im Obergeschoss des kleinen Gasthauses aufgesucht hatten, warf sich May Harris mit ausgebreiteten Armen rücklings auf das Bett, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sah mich herausfordernd an.

„Was war mit diesem Castillo?“

„Hast du den Namen denn ebenfalls gehört?“, fragte ich zurück. „Was hast du denn noch mit bekommen?“

May erhob sich wieder.

„Castillo Ferreira“, wiederholte sie. „Das ist seltsam. Castillo heißt Burg. Ferreira müsste demnach der Name dieser Burg sein.“

„Vielleicht sollten wir erst inmal feststellen, wo sich diese Burg befindet?“, schlug ich vor. „Dann sehen wir weiter. Irgendetwas geschieht dort, das unsere Anwesenheit erfordert, sonst hätte das Amulett sich nicht so bemerkbar gemacht. Und ich schätze, dass dieses Castillo sogar in der Nähe ist.“

„Und wieso hat sich dein Schavall überhaupt auf diese Weise bemerkbar gemacht?“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Also, ich bin ja schon viel gewöhnt von dem Amulett, das schon immer äußerst unberechenbar war, aber das jetzt… Was ist anders geworden, oder noch besser: Wieso ist es überhaupt anders geworden?“

Ich zuckte die Achseln.

„Woher soll ich das denn wissen? Hat der Schavall jemals auf mich gehört?“

Sie lachte humorlos.

„Wenn du das sagst…“

Dann machte sie eine wegwerfende Handbewegung und wechselte spontan das Thema:

„In Zweifelsfällen dürfte also der Alkalde oder der Wirt oder der Dorfpolizist oder sonst wer Bescheid wissen“, sagte sie. „Trotzdem… versuchen wir’s mal hiermit…“

Sie kramte alles an Kartenwerk hervor, was wir besaßen: Ein Autoreiseatlas von Frankreich, der die angrenzenden Pyrenäen und ein Stück von Spanien zeigte. Anhand dieser Karte hatten wir uns bei unserem gerade abgeschlossenen Fall orientiert, und in den Pyrenäen, in einem kleinen Dorf am Roncesvalles-Pass, befanden wir uns auch jetzt noch, nachdem der Werwolf und die Dämonendiener ausgeschaltet worden waren.

Es war im Vergleich zu dem, was wir ansonsten an Aufgaben bewältigen mussten, beinahe so etwas wie ein Spaziergang gewesen. Vielleicht auch nur der Auftakt zum eigentlichen Problem, das es zu bewältigen galt?

Obwohl: Werwölfe schienen in letzter Zeit zu einer spanischen Spezialität zu werden. Immerhin hatten wir vor einiger Zeit schon einmal mit einem Werwolf zu tun gehabt, allerdings in der Nähe von Barcelona, und da war es nicht so ein stinknormales Biest gewesen, sondern ein MÄCHTIGER, der in dieser Gestalt aufgetreten war.

Jedenfalls: In der Umgebung war kein Castillo Ferreira verzeichnet. Nicht in unserem Kartenwerk zumindest.

Und ich hatte da so einen Verdacht. Ich klappte den Atlas um, schlug die große Europa-Seite auf und hielt das Amulett über Spanien. Ob es was bringen würde? Nun, bekanntlich geht probieren über studieren! Ich konzentrierte mich auf das, was mir das undeutliche Bild gezeigt hatte, und versuchte, genau dieses Bild wieder zu beschwören.

Zunächst ohne jeglichen Erfolg. Der Schavall wirkte wie ein kitschiges Modestück, das schlaff an der Silberkette hing, ohne jegliche Wirkung.

Und dann geschah es: Dort, wo wir uns befanden, flammte die Karte auf. Es war, als sei das Sonnenlicht durch ein Brennglas verstärkt worden und habe ein Feuer entzündet. Das Feuer fraß sich blitzschnell über die gesamte Doppelseite.

May schrie auf und wollte das Feuer löschen, aber ich stoppte sie mit schnellem Griff.

Solange der Atlas auf dem Tisch lag, konnte kein Zimmerbrand entstehen, wenn man das flammende Ding rechtzeitig mit gekonntem Schwung ins Waschbecken der Waschnische warf. Höchstens die Tischdecke konnte ein Fall für die Zimmerrechnung werden.

Aber ich wollte wissen, warum mir das Amulett auf eine so aggressive Weise den Standort der Burg zeigen wollte.

Das Feuer breitete sich aus. Es begann die gesamte Doppelseite zu zerfressen und sparte nur ein bestimmtes Muster aus. Linien, die einen Umriss ergaben. Aber innerhalb dieses Umrisses brannte es fröhlich weiter. Eine bräunliche, hauchdünne Papierasche blieb als gewellte Folie zurück.

Dann erloschen die Flammen von allein, ohne unser Zutun.

Von der Europa-Doppelseite waren nur die ausgesparten Konturen übriggeblieben - und ein vergleichsweise winziger Fleck. Kleiner als ein Fingernagel.

„Und da soll Castillo Ferreira liegen?“, staunte May.

„Diese Umrisse… Das ist eine Zeichnung“, sagte ich verblüfft. „Oder irre ich mich? Das stellt doch eine Figur dar. Hier, der Kopf… der Körper… wie ein Mensch, der eine Kutte trägt…“

„Oder ein bodenlanges Kleid“, sagte May. „Das scheint eine Frau zu sein.“

„Ich sehe es so, dass diese Frau etwas mit dem Castillo zu tun hat“, überlegte ich laut. „Und hier… muss sich dieses Castillo befinden. Schade, dass der Rest der Karte verbrannt ist. So können wir es nur ungefähr lokalisieren.“

„Fragen wir den Wirt. Der wird doch eine Karte seines Heimatlandes haben, und dann können wir feststellen, wo sich diese Burg befindet.“

Ich nickte.

*

Ich hatte ein fotografisches Gedächtnis und mir genauestens gemerkt, wo auf der spanischen Karte sich der erhaltene Fleck befand. Mit diesem Wissen suchte ich die Gaststube wieder auf, die sich zu abendlicher Stunde immer mehr füllte.

Als ich eintrat, unterbrachen die meisten Gäste ihre Unterhaltung und sahen mich erwartungsvoll an. Offenbar erhofften sie sich ein weiteres „Zauberkunststück“ des angeblichen Magiers aus Old England. Aber ich dachte nicht daran, noch einmal alle Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, und fragte den Wirt nach einer Landkarte.

Dann verglich ich meine Erinnerung mit dem Kartenbild.

„Murcia“, murmelte ich überrascht. „Das muss Murcia sein… und das sind gut 500 Kilometer Luftlinie von hier entfernt…“

Aber ein Castillo Ferreira war in der Umgebung von Murcia nicht eingezeichnet.

Dennoch war ich sicher, auf der richtigen Spur zu sein. Ich bedankte mich und ging wieder nach oben.

„Murcia“, berichtete ich, „eine Hunderttausend-Seelen-Stadt in Küstennähe, am 38. Breitengrad. Da muss es sein.“

„Und es muss dringend sein“, sagte May. „Während du unten warst, glühte das Amulett wieder hell auf, dreimal hintereinander. Und auch diesmal habe ich die Burg gesehen und den Namen gehört.“

Ich wischte die Asche in den Abfallkorb. Erstaunlicherweise waren die anderen Seiten vollkommen unversehrt geblieben, nicht einmal an den Rändern angesengt.

Ich sah May herausfordernd an.

Sie wusste sofort, was ich von ihr hören wollte:

„Ich bin fit genug“, sagte sie. „Wir können meinetwegen die Nacht durchfahren.“

2

Ich hatte mir das Amulett nicht mehr umgehängt. Ich wollte nicht abermals durch einen dolchstoßartigen Schmerz getroffen werden, sondern die Fahrt zum Schlafen ausnutzen, zumindest solange, wie May fuhr und sich nicht ablösen ließ. Ich hatte den Schavall ins Handschuhfach gelegt, die Sitzlehne in Liegeposition gebracht und die Augen geschlossen.

Wenig später war ich eingenickt.

Ich träumte von einem Kellergewölbe. Vor einer schief in den Angeln hängenden, morschen Holztür schraubte sich eine Steintreppe vorbei. Durch die sich öffnende Tür schritt eine junge, dunkelhaarige Frau in einem langen, weißen Gewand. In Ketten! Die Frau war durchscheinend wie eine Geistererscheinung, und doch verursachten die Ketten ein scharrendes, schleifendes Geräusch von Metall auf Stein - die beiden langen Ketten, die an Eisenschellen an den Handgelenken des Mädchens begannen und irgendwo in der Düsternis jenseits der morschen Holztür endeten.

Das Mädchen hob den Kopf, und ich konnte die Augen sehen. Pupillenlose, weiß leuchtende Augen, und das Leuchten wurde immer greller, umfasste die gesamte Gestalt, bis sie plötzlich in einer grellen Explosion auseinanderflog - und etwas ganz anderes freigab, das unbeschreiblich und grauenhaft war…

Ich schreckte hoch.

„He, was ist los?“, fragte May besorgt und brachte den Wagen am Straßenrand zum Stehen. „Du siehst ja leichenblass aus.“

Ich atmete tief durch und brauchte einige Zeit, um in die Wirklichkeit zurückzufinden. Vergeblich versuchte ich mich zu erinnern, was ich nach der Explosion gesehen hatte. Ich konnte es nicht mehr beschreiben. Ich hatte nur den Eindruck von etwas ungeheuer Gefährlichem, etwas, das namenlose Schrecken und furchtbare Tode in sich barg.

Ich erzählte meiner Lebensgefährtin May Harris von dem Alptraum.

„Es muss in einer Beziehung zu der Burg stehen“, schloss ich. „Mir scheint, als sei die Sache doch gefährlicher als es zuerst den Anschein hatte.“ Ich brachte die Sitzlehne per Knopfdruck wieder auf normale Höhe zurück. „Wo sind wir eigentlich, Darling?“

„Wir haben soeben die Mancha durchquert und befinden uns jetzt in der Nähe von Albacete“, erklärte sie. „Wenn du Lust hast, können wir einen Zwischenstopp einlegen und uns die legendären Höhlenwohnungen am Fuß der Murcia-Berge ansehen.“

Ich schnappte nach Luft. Dass es draußen schon hell geworden war, hatte ich logischerweise längst bemerkt, aber dass wir schon so weit gekommen waren, erschien mir doch etwas seltsam. Immerhin hatte ich mir die Karte eingeprägt, als ich beim Gastwirt die Rechnung beglichen hatte, und von Albacete bis zur Stadt Murcia waren es noch etwas über 100 Kilometer – Luftlinie wohlgemerkt. Dass wir in der relativ kurzen Zeit schon vier Fünftel der Strecke zurückgelegt haben sollten, überraschte mich ehrlich. Aber der Stand des Kilometerzählers, den ich misstrauisch prüfte, bewies es.

„Bist du geflogen?“, fragte ich kopfschüttelnd.

May zuckte mit den Schultern.

„Das nicht gerade, aber auch nicht sonderlich langsam gefahren. Ich denke, dass wir an der nächsten Tankstelle ein wenig Benzin nachfassen müssen.“

Das war zu erwarten gewesen. Der Cadillac zog sich so seine fünfzehn bis fünfundzwanzig Liter pro hundert Kilometer, bei forcierter Fahrweise auch mal etwas mehr. Aber daran hatten wir uns sozusagen gewöhnt. Obwohl mir persönlich ein Kleinwagen bereits gereicht hätte. Aber May musste ja stets bemüht sein, zu repräsentieren. Immerhin als oberste Chefin eines Weltkonzerns wie Harris-Industries.

„Wie schnell bist du gefahren?“, fragte ich ahnungsvoll, eingedenk der Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Spaniens Straßen, eingedenk eines saftigen Strafgeldes, das man mir vor einiger Zeit ausgerechnet im Schnellfahrerland Deutschland wegen „zu tiefen Fliegens“ verpasst hatte, und eingedenk des erwähnten hohen Benzinverbrauchs.

„Jenseits von Gut und Böse“, wich May aus. „Kontrolliert hat keiner, und die Straßen waren frei. Erst in der nächsten Stunde wird so ganz allmählich Verkehr aufkommen, wenn Spanien erwacht.“

Jenseits von Gut und Böse? Das hieß für May, dass sie das Gaspedal kräftig durchgetreten hatte. Wenn man ihn ließ, lief der Wagen fast 200 Sachen, trotz seines hohen Alters.

Sie lächelte auf einmal verschmitzt und sah mich kurz von der Seite an.

„Und vergiss nicht: Ich bin eine echte Hexe. Da rieche ich förmlich die Gefahr, erwischt zu werden. Wenn du ehrlich bist: Ich bin noch niemals erwischt worden, du aber schon…“

Oh, das saß mitten im Schwarzen!

Ich seufzte ergeben.

„Spanien ist ein gemütliches, warmes Land, da fährt man dezent und beschaulich. Man rast nicht, auch wenn es noch so eilig ist. Mañana ist auch noch ein Tag - morgen…“

„Dann hätten wir ja nicht so sündhaft früh abreisen müssen“, hielt May mir prompt entgegen.

Ich seufzte noch eindringlicher, als ich an die kurzen schönen Stunden erinnert wurde.

Sie beugte sich kurz zu mir hin und küsste mich. Dann fuhr sie fort:

„Wenn wir unseren Schnitt halten, sind wir in einer Stunde in Murcia. Dann ist es gerade sieben, und wir können den Burgherrn beim Morgenritt stören.“

Ich schürzte skeptisch die Lippen.

„Wird wohl nicht so ganz klappen“, wandte ich ein. „So früh haben die Tankstellen hier noch nicht geöffnet. Das hier ist nicht Europa, sondern Südeuropa. Rechne lieber mit einer kleinen Zwangspause.“

„Wir werden sehen“, orakelte May optimistisch und fuhr wieder an.

*

Die Zwangspause dauerte fast drei Stunden, dann endlich erschien ein verschlafener Tankwart und verdeutlichte allein durch seine Erscheinung, in welchem Teil des Kontinentes man sich befand: Eben im südlichen. Interessiert umschlich er einige Male das riesige Fahrzeug und warf abwechselnd der Wagenkarosse und May bewundernde und begehrliche Blicke zu. Immerhin waren beide für sich sehenswert - das weiße Cadillac-Cabrio aus den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mit viel blitzendem Chrom, Haifischmaulgrill und überdimensionalen Heckflossen, das Verdeck inzwischen aufgeklappt und die Lederausstattung präsentierend; May hatte den Wagen vor längerer Zeit überraschend günstig erstehen können und sich sofort in das Fahrzeug verliebt. Sie hegte und pflegte es. Und sie selbst sah im Moment nicht weniger aufregend aus, in weißen Shorts, weißem, hauteng sitzenden T-Shirt, weißen Texas-Stiefeln und einem nicht minder weißen Westernhut.

Ich machte den begehrlichen Blicken des Tankwarts ein Ende, indem ich ihn im Falle May darauf hinwies, dass diese Dame bereits an einen äußerst eifersüchtigen, streitsüchtigen und kampfkräftigen Mann, nämlich Mark Tate selbst, fest vergeben sei und der Cadillac außerdem die Dreißig-Liter-Marke im Durchschnittsverbrauch auf hundert Kilometer lässig auch mal überschritt.

Davon deutlich ernüchtert, füllte der Tankwart endlich den begehrten Saft in den Tank, wenngleich er auch zumindest im letzteren Fall leichte Zweifel anmeldete. Sooo viel könne ein einzelnes Auto doch gar nicht verbrauchen.

Die ganze Prozedur des Tankens währte über eine Viertelstunde, derweil der Tankwart sich auch noch um besonderen Service bemühte und Frontscheibe, Haube und Chromgrill von im Fluge erschlagenen Insekten befreite. Dennoch fiel mein Trinkgeld mäßig aus; der „Flinkheit“ des Tankwarts angepasst.

„Man müsste leben wie manche Spanier“, seufzte ich, als wir endlich weiterfuhren. „Morgens Rotwein, mittags Siesta und abends Touristinnen.“

„In Ermangelung der Morgen- und Abend-Diät hat dieses ausgemachte Exemplar die Siesta wohl schon auf den frühen Morgen ausgedehnt. Oder unsere Uhren gehen falsch“, behauptete May.

Gezwungenermaßen fuhr sie jetzt langsamer, da das Verdeck aufgeklappt war und der Fahrtwind sich bei höherer Geschwindigkeit auch von der steilen Windschutzscheibe nicht lange aufhalten ließ: May bangte um ihren Stetson.

Mir konnte es recht sein. Zuweilen sah ich Motorradstreifen der Polizei, die mich immer wieder an die Geschwindigkeitsbegrenzung erinnerten.

May schien einfach nicht müde zu werden. Sie war topfit und genoss die Morgensonne, während sie Murcia ansteuerte. Ganz klar, sie trickste mit ihren Hexenkräften…

*

Gegen zehn Uhr vormittags erreichten wir schließlich Murcia, eine Stadt von etwa drei Kilometern Ausdehnung, also nicht etwa sonderlich groß. Größe gewann sie nur durch die hinzuzählenden Vororte. Vom Castillo Ferreira war weit und breit nichts zu sehen.

„Hoffentlich ist die Burg nicht 30 Kilometer entfernt, und wir sind schon daran vorbeigefahren“, unkte ich.

„Kannst du vielleicht auch mal die Klappe halten?“, fragte May freundlich. „In letzter Zeit gehen mir deine düsteren Prognosen zu oft in Erfüllung.“

Ich zuckte gleichmütig mit den Achseln.

May fuhr in Richtung Bahnhof. Dort befand sich eine große Schautafel, die den Grundriss der Stadt und der Umgebung zeigte.

Ich stieg aus und begutachtete den Stadtplan, während eine Schar halbwüchsiger Jungen und Mädchen May und den Cadillac begutachteten. Immerhin war der große Wagen in dieser eher ärmlich orientierten Gegend, in denen Kleinwagen das Höchste der Gefühle waren, wenn man nicht gerade zu den Spitzen von Industrie, Politik oder Verbrechen gehörte, eine Sensation.

„Nichts eingezeichnet“, berichtete ich schließlich, als ich mit sportlich kühnem Schwung über die Wagentür flankte, Applaus einheimste und der Schau die Krönung bot, indem ich May umarmte und küsste.

„Musste das sein?“, fragte sie etwas indigniert, während sie wieder losfuhr. „Ich meine, diese Schau. Spanien ist ein sehr - äh - konservatives Land, und Küsse in der Öffentlichkeit stellen immerhin den Tatbestand der Erregung öffentlichen Ärgernisses dar.“

Ich grinste.