TEUFELSJÄGER 205-206: "Verflucht auf EWIG 3-4" - W. A. Hary - E-Book
Beschreibung

TEUFELSJÄGER 205-206: "Verflucht auf EWIG 3-4" - A. Hary und Alfred Bekker:"Die letzten beiden Teile von insgesamt vier!"   Die in diesem vierteiligen Roman dargestellten Zustände in der JVA Ewig in Attendorn entsprechen in keiner Weise der Realität. Die Autoren haben sich einzig und allein von der äußeren Kulisse und dem beziehungsreichen Namen dieser Strafanstalt inspirieren lassen.   Wichtiger Hinweis: Diese Serie erschien bei Kelter im Jahr 2002 in 20 Bänden und dreht sich rund um Teufelsjäger Mark Tate. Seit Band 21 wird sie hier nahtlos fortgesetzt!   Alleinige Urheberrechte an der Serie: Wilfried A. Hary Copyright Realisierung und Folgekonzept aller Erscheinungsformen (einschließlich eBook, Print und Hörbuch) by hary-production.de ISSN 1614-3329 Copyright dieser Fassung 2019 by HARY-PRODUCTION.de * Canadastr. 30 * D-66482 Zweibrücken * Telefon: 06332-481150   Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung jedweder Art nur mit schriftlicher Genehmigung von Hary-Production.   Cover von Ludger Otten, Veröffentlichung in Arrangement mit Alfred Bekker und Jörg Munsonius   Covergestaltung: Anistasius, Darstellung Schavall: Helmut Bone      Nähere Angaben zum Autor und Herausgeber siehe Wikipedia unter Wilfried A. Hary: de.wikipedia.org/wiki/Wilfried_A._Hary

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W. A. Hary, Alfred Bekker

TEUFELSJÄGER 205-206: „Verflucht auf EWIG 3-4“

„Die letzten beiden Teile von insgesamt vier!“

Nähere Angaben zum Autor und Herausgeber siehe Wikipedia unter Wilfried A. Hary: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilfried_A._Hary BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Wichtiger Hinweis

Diese Serie erschien bei Kelter im Jahr 2002 in 20 Bänden und dreht sich rund um Teufelsjäger Mark Tate. Seit Band 21 wird sie hier nahtlos fortgesetzt!

 

TEUFELSJÄGER 205-206

W. A. Hary und Alfred Bekker

Verflucht auf EWIG 3-4

„Die letzten beiden Teile von insgesamt vier!“

Die in diesem vierteiligen Roman dargestellten Zustände in der JVA Ewig in Attendorn entsprechen in keiner Weise der Realität. Die Autoren haben sich einzig und allein von der äußeren Kulisse und dem beziehungsreichen Namen dieser Strafanstalt inspirieren lassen.

Impressum

Alleinige Urheberrechte an der Serie: Wilfried A. Hary

Copyright Realisierung und Folgekonzept aller Erscheinungsformen (einschließlich eBook, Print und Hörbuch) by www.hary-production.de

ISSN 1614-3329

Copyright dieser Fassung 2019 by www.HARY-PRODUCTION.de

Canadastr. 30 * D-66482 Zweibrücken

Telefon: 06332-481150

www.HaryPro.de

eMail: wah@HaryPro.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung jedweder Art nur mit schriftlicher Genehmigung von Hary-Production.

Cover von Ludger Otten, Veröffentlichung in Arrangement mit Alfred Bekker und Jörg Munsonius

Darstellung Schavall: Helmut Bone

Covergestaltung: Anistasius

1

Die Leiche war achtundzwanzig, weiblich und das Ergebnis eines Eifersuchtsdramas in Iserlohn.

Ihr Verlobter hatte ihr ein Messer mehrfach in den Bauch gerammt.

Jetzt stand er unter Schock und saß wie eine Wachsfigur auf der Couch und fing dann plötzlich an, wirr vor sich hin zu reden. Es täte ihm leid und er hätte es nicht gewollt und so weiter.

Es war immer dasselbe.

Die Erkenntnis kam viel zu spät.

Wagner sah sich um und machte sich ans Werk.

Es war Routinearbeit, wenn auch etwas unappetitlich. Einer der Polizeibeamten von der Spurensicherung, die am Tatort ihre Arbeit machten, fragte Wagner um die Mittagszeit, ob er etwas essen wollte.

„Ich bringe den anderen auch etwas mit. Eine Straße weiter ist eine Imbissbude.“

„Was gibt's denn da so?“

„Die Hamburger sind etwas pappig. Als Spezialität gibt es eine extralange Currywurst. Die kann man empfehlen.“

Wagner verzog angewidert das Gesicht. Mit Würstchen konnte man ihm im Moment nicht kommen, selbst wenn sie aufgetaut waren. Allein bei dem Gedanken daran drehte sich ihm der Magen um.

„Nein, danke“, meinte er höflich lächelnd.

„Wie Sie wollen, Doktor. Aber die Currywurst ist wirklich gut!“

„Im Augenblick habe ich auf die Dinger einfach keinen Appetit.“

Außerdem wollte Wagner sehen, dass er fertig wurde, um wieder freie Hand zu haben, was den Fall Serner anging.

Als er wieder im Wagen saß, rief er Heiner Van Dong im gerichtsmedizinischen Institut an. Aber der hatte noch nichts erreicht.

Nachdem Wagner den zweiten Tatort verließ, stand er erst mal im Stau auf der A45.

Radio MK hatte in dieser Hinsicht nichts Erfreuliches zu melden.

Als er Lüdenscheid erreichte, war seine Arbeitszeit ohnehin um, und so kehrte er nicht mehr ins Institut zurück.

Was er jetzt brauchte, war etwas zu essen und eine brauchbare Idee, wie er in der Serner-Sache weiterkam, auch wenn ihn alle im Stich ließen.

Etwas zu Essen konnte er in der Autobahnraststätte Sauerland West bekommen. Im Nichtraucherbereich gab es eine große Gemäldereproduktion an der Wand. Ein Edward Hopper-Motiv. James Dean, Marilyn Monroe, Humphrey Bogart in einer Bar. Es war Nacht. Einsame Menschen, ohne Beziehung zueinander. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sie die Gesichter von Pop-Ikonen trugen. Wagner mochte das Bild. Es beruhigte ihn irgendwie. Er aß sein Jägerschnitzel, trank einen Kaffee, dann noch einen Espresso und musste schließlich auf die Toilette.

Aber eine richtig gute Idee bekam er dort auch nicht, diesem letzten Zufluchtsort der Kreativität.

Wagner hatte keine Lust, nach Hause zu fahren. Also fuhr er noch einmal nach Lüdenscheid hinein. In der Wilhelmstraße gab es eine von außen ziemlich unscheinbare Kneipe mit der Bezeichnung MAMUTH. Ein Ort, um zwischen all dem Stress, der Wagner ständig voran trieb, auch mal durchatmen zu können.

Wagner kannte den Besitzer inzwischen ganz gut. Er hieß Taner und war ein breitschultriger, etwas hemdsärmelig wirkender Mann. Ein Sauerland-Türke. Die erste Hälfte seiner Identität konnte man am Gebrauch des Woll-Partikels eindeutig erkennen, die zweite Hälfte ließ sich nur noch anhand der dunklen Haare erahnen, denn vom Woll abgesehen sprach er einwandfreies Hochdeutsch. Besser als so mancher Sauerland-Deutscher. Wagner hatte allerdings auch schon erlebt, wie untereinander Türkisch sprechende Türken immer wieder ein offenbar auch international inzwischen zu Weltgeltung gelangendes Wort einfließen ließen: Woll!

Taner grüßte freundlich.

„Hallo, Doc, sieht man dich auch mal wieder?“, begrüßte er den Gerichtsmediziner.

Wagner brummelte etwas Unverständliches vor sich hin und setzte sich an einen der Barhocker, die vor dem Tresen standen.

„Das Übliche, woll?“, fragte Taner.

„Das Übliche.“

Taner machte sich an die Arbeit.

„Hast du einen schlechten Tag gehabt?“, fragte er, während er gekonnt eine Flasche öffnete.

Wagner verdrehte die Augen.

„Taner, ich bitte dich! Was erwartest du bei jemandem, der meine Arbeit machen muss!“

Eine Fragestunde war das letzte, was Wagner nach diesem Tag gebrauchen konnte.

Taner grinste breit.

„Ich weiß, du machst deinen Job sehr gerne, woll!“

„Wer hat dir das denn erzählt?“

„Eine zuverlässige Quelle!“

Wagner zuckte die Schultern.

„Wenn man nicht dauernd daran gehindert würde, seine Arbeit so zu machen, wie es sich gehörte!“

Er ballte die Faust, als ob er damit etwas Unsichtbares einfangen wollte. In seinen Augen blitzte es. Dann sauste die flache Hand auf den Tisch.

Taner stellte dem Gerichtsmediziner seinen Drink hin.

„Hast du ein Problem?“

„Nur eins?“ Wagner lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. „Dann wäre ich glücklich!“

„Worum geht's?“, fragte Taner.

„Interessiert dich das wirklich?“

„Du kennst mich!“

„Eben!“

„Also raus mit der Sprache.“

„Problem Nummer eins: Morgen ist doch im Nattenberg-Stadion das Länderspiel.“

„Damenfußball, woll? Deutschland gegen Russland.“

„Und ich habe eine Karte!“

Taner hob abwehrend die Hände.

„Doc, ich weiß nicht, ob ich mit dir noch einmal ins Stadion gehen möchte! Beim letzten Mal war das echt peinlich! Du erinnerst dich sicher: Eine lange Schlange am Eingang und eine laute Stimme ruft 'ACHTUNG NOTARZT!', woraufhin sich sofort eine Gasse vor uns bildet…“

„Ich weiß gar nicht, was du willst, wir hätten sonst eine Ewigkeit warten müssen! Und so viel Zeit habe ich nicht. Im übrigen habe ich ja auch nicht gelogen, oder?“

„Weißt du, Freunde haben mich am nächsten Tag gefragt, ob ich neuerdings ehrenamtlich als Sanitäter arbeiten würde! Ich hätte im Boden versinken können!“

„Hör mal, ich möchte dir ja auch gar nicht zumuten, mit mir ins Nattenberg-Stadion zu gehen.“

„Sondern?“

„Sondern an meiner Stelle. Ich habe nämlich keine Zeit für das Spiel.“

„Aber Damen-Fußball…?“

„Mit einem Ball wird da auch gespielt, Taner!“

„Trotzdem!“

„Du kriegst die Karte umsonst. Wäre schade, wenn sie verfällt!“

Taners Gesichtsausdruck veränderte sich.

„Umsonst? Danke!“

„Gern geschehen.“

„Und worum geht's bei deinem zweiten Problem?“

„Um eine Leiche, einen Mörder und ein paar ängstliche Schwachköpfe!“

„Klingt interessant.“

Wagners Blick ging auf die Uhr.

Hatte er in dieser Nacht nicht noch was vor? Er grübelte nach, kam aber nicht darauf, weil er unbewusst verhinderte, sich an May Harris zu erinnern.

Dann kam ihm eine andere Idee.

Er musste Heiner noch einmal anrufen. Wenn sein Assistent bis jetzt nichts erreicht hatte, würde er sich doch noch selbst um die Sache kümmern müssen. Aber was Kommissar Neuhaus anging, machte sich Wagner kaum größere Hoffnungen.

Diese Amtsschimmel gingen doch letztlich alle nur den Weg des geringsten Widerstandes!

„Ich muss mal zum Telefon“, knurrte Wagner zu Taner hinüber.

„Kein Handy?“

„Akku leer.“

„Ach so.“ Taner nickte freundlich. „Wo sich das Telefon befindet, hast du ja wohl nicht vergessen, woll?“, meinte er dann lachend.

Aber Wagner schien an diesem Abend irgendwie der Humor etwas abhanden gekommen zu sein.

Er ging zum Telefon und hatte einen Augenblick später Heiner Van Dong am Apparat - bei Van Dong zu Hause.

„Haben Sie mit Neuhaus gesprochen?“, fragte Wagner.

„Habe ich“, kam die Antwort.

„Was hat er gesagt?“

„Dass das nicht in unsere Zuständigkeit fiele und…“

„Heiner, das weiß ich!“, schnitt ihm Wagner das Wort ab. Innerlich war er schon wieder auf hundertachtzig. Hat er sich also wieder abspeisen lassen! ging es ihm ärgerlich durch den Kopf. „Was hat er gesagt?“

„Er hat gesagt, dass er den Fall nicht verfolgen kann, solange keine weiteren Indizien vorliegen.“

Das durfte doch nicht wahr sein!

Dieser Feigling.

„Das ist ja umwerfend“, meinte Wagner ziemlich resigniert. „Und was ist mit dem Anstaltsleiter? Können wir mit dessen Unterstützung rechnen?“

Auch da hatte Heiner nur Deprimierendes zu berichten.

„Keschner ist auf dem Posten neu.“

„Na und? Haben Sie ihn überhaupt erreicht?“

„Ja.“

„Muss ich Ihnen alles einzeln aus der Nase ziehen? Nun reden Sie schon.“

„Er will keinen Wind machen, ohne Rückendeckung von oben. Und die kriegen wir nicht.“

Wagner ballte die Hand zur Faust. Es war nicht zu fassen!

Eine Wand aus Ignoranz und bürokratischer Ängstlichkeit schien ihn von allen Seiten zu umgeben. Er fühlte sich, als hätte man ihn in eine Gummizelle eingesperrt. Es hatte keinen Sinn, gegen die Wände zu rennen. Überall prallte man zurück.

„Heiner, das bedeutet für uns jede Menge Papierkrieg, und herauskommen wird gar nichts!“

„Ich kann's auch nicht ändern“, bedauerte Heiner.

Wagner hörte schon gar nicht mehr hin.

Er sprach mehr zu sich selbst, als zu Heiner.

„Ich muss ins Gefängnis!“, dachte er laut. „Auf Ewig.“

„Was? Habe ich das richtig verstanden oder drehst du jetzt komplett durch, Doc?“, mischte sich Taner ein, der zwangsläufig mitgehört hatte.

„Gut Ewig meine ich natürlich.“ Es gab keinen anderen Weg. Er musste selbst an Ort und Stelle nachforschen. Jemand anderer würde es nämlich nicht tun.

Heiners Tonfall verriet jede Menge Sarkasmus.

„Ins Gefängnis?“, fragte er mit gespielter Ungläubigkeit.

„Wieso, Wagner? Ist etwas passiert?“, rief unterdessen Taner. Er grinste: „Sind Sie wegen irgendetwas verurteilt worden? Vielleicht wegen krimineller Geschäfte auf dem Schwarzmarkt für Damenfußball-Karten?“

Taner kicherte.

Wagner machte eine genervte, wegwerfende Handbewegung.

„Nein, nein“, beeilte Wagner sich zu sagen. „Ich will's mir nur ansehen!“ Und dabei zermarterte er sich das Hirn, wie er das anstellen sollte, da doch alle offiziellen Stellen nichts Besseres zu tun hatten, als ihm sämtliche Türen vor der Nase zuzuwerfen. „Ich will rausfinden, wie sie an Serner herankommen konnten, als er in Ewig saß.“

„Wie sich das anhört…“

„Was?“

„In Ewig.“

„Ach, lassen Sie den Quatsch!“

Heiners Seufzen war sogar durch das Telefon überdeutlich zu hören.

„Wagner…“

„Ich möchte, dass Sie mich bei Asselmeier decken!“, verlangte der Gerichtsmediziner.

Genau das hatte Heiner Van Dong befürchtet.

„Sie dürfen nicht von mir verlangen, dass ich Ihretwegen lüge!“

„Heiner…“

„Das ist gegen meine Prinzipien.“

„Heiner, das ist doch nur eine winzige Notlüge.“ Wagner grinste. „Und sonst kreuzen Sie einfach Ihre Finger, wenn Sie es sagen!“

Und dann hängte Wagner rasch auf, ehe Heiner doch noch irgendwelche Einwände vorbringen konnte.

Heiner war ein Angsthase. Aber im Endeffekt konnte man sich stets auf ihn verlassen.

Asselmeiers Strafpredigt konnte er sich im Geiste schon vorstellen:

„Wir sind ein privates Institut, das die Justiz in gerichtsmedizinischen und forensischen Fragen berät. Wenn Sie dafür sorgen, dass wir keine Aufträge mehr bekommen, können wir dicht machen!“

Abwarten, Asselmeier!, dachte Wagner. Abwarten und Tee oder irgendetwas anderes trinken.

Es gab Leute, die immer wieder im Gefängnis landeten, so sehr sie auch versuchten, es zu vermeiden. Wagner befand sich momentan in der gegenteiligen Lage.

Ihn wollte man nicht hineinlassen.

Er ging zurück zu seinem Drink und nippte lustlos daran. Irgendwie wollte es ihm heute nicht schmecken.

Er nahm das Glas und ging zu einem der Tische.

„Ich konnte nicht umhin, dir zuzuhören“, hörte er hinter sich Taners Stimme.

„Habe ich gemerkt. Bist du ein Spion?“

„Das habe ich von meiner Kundschaft gelernt!“, lachte Taner.

Wagner setzte sich.

Taner war ein netter Kerl, aber im Moment hätte Wagner am liebsten allein am Tisch gesessen, um nachzudenken. Denn es war kaum anzunehmen, dass ihm ein Barkeeper bei der Nuss helfen konnte, die er im Moment zu knacken hatte.

Taner kam hinter dem Tresen hervor und setzte sich unaufgefordert zu ihm an den Tisch.

„Ohne Witz - du willst wirklich ins Gefängnis?“

„Ja“, nickte Wagner.

„Die meisten Menschen wollen gern raus, und du willst rein?“ Taner lachte, und Wagner nippte an seinem Drink.

„Sehr witzig, Taner.“

„In welches willst du?“

„JVA Ewig, Attendorn.“

„Aha.“ Taner zuckte die Achseln. „Wo liegt das Problem?“

Jetzt machte er sich über Wagner lustig, aber der konnte darüber im Moment nicht lachen. Es ging um einen ungesühnten Mord, und da hörte Wagner für Wagner der Spaß auf.

„Mach du dich nur lustig!“

„Kann doch nicht so schwer sein, in den Knast zu kommen! Überfalle einfach eine Bank!“

Taner lachte schon wieder.

Aber allein.

Wagner verzog grimmig das Gesicht.

„Hast du nicht ein paar Gläser zu spülen?“, versetzte er gallig. Eigentlich war er ja ein humorvoller Mensch, aber im Moment konnte er es einfach nicht vertragen, dass sich jemand über ihn lustig machte.

Taner hob die Hände.

„Ganz ruhig!“, meinte er, konnte sich aber einfach nicht beherrschen und lachte weiter.

Schließlich hatte er sich wieder unter Kontrolle, und Wagner kippte den Inhalt seines Glases hinunter.

„Ich fahre sehr oft zu Besuch da rauf“, erklärte Taner dann.

Wagner verdrehte seine Hundeaugen.

„Ach, ja?“

Das Gerede seines Gegenübers schien ihn im Moment bestenfalls zu langweilen.

Ist ja nett, dass er mich aufmuntern will, dachte er. Aber was Wagner im Moment brauchte, war eine Idee, wie man Tegeler an den weißen Kragen kommen konnte - keine Gute-Laune-Pille!

Taner redete einfach weiter, und Wagner überlegte schon, ob es vielleicht ein Fehler gewesen war, hierher zu kommen und zu glauben, in dieser Kneipe auch nur einen einzigen vernünftigen Gedanken fassen zu können.

Sein Blick ging verstohlen zur Uhr.

Wurde Zeit, dass er aufbrach. Irgendwie drängte es ihn gewaltig, ohne dass er auch nur ahnte, was das war, was ihn so drängte.

Wenn er Taner nicht schon so lange gekannt hätte, hätte er ihn jetzt einfach sitzen gelassen. Sollte er sich doch selbst zuhören!

„Ich kenne den Bau“, erklärte Taner mit ziemlich wichtiger Miene. „Ein ehemaliges Kloster, oder?“

Blablabla, dachte Wagner und stützte den Kopf so auf die Hand, dass es einigermaßen bequem war.

Taner machte eine große Geste.

„Ein Kumpel von mir sitzt dort, und den besuche ich ab und zu. Den ganzen Bau da oben kenne ich!“

„Und was nützt das mir?“, murmelte Wagner gelangweilt. Er unterdrückte ein Gähnen. „Kannst du mich da vielleicht rein bringen? Nein. Also, was soll das ganze Gerede, Taner?“

Taner grinste.

„Dr. Tasdelenoglu. Kennst du den?“

„Den Arzt für Inneres?“

„Du kennst den?“

„Flüchtig.“

„Meine ganze Familie ist bei ihm in Behandlung.“

„Und was hat der mit der JVA Ewig zu tun?“

„Der fährt da drei-, viermal im Monat hin und hilft in der Gefängnisklinik aus. Da herrscht wohl chronischer Personalmangel! Naja, mit Privatpatienten kann man seine Zeit als Mediziner ja wohl auch profitabler einsetzen, woll?“

Wagner war wieder hellwach.

In seinen Augen blitzte es, und er schnellte vom Stuhl hoch.

„Denkst du, ich könnte das auch? Ich meine, in der Krankenstation von Ewig aushelfen?“, hörte er sich sagen und dachte im selben Moment:

Was für eine dämliche Frage!

Natürlich konnte er. Es gab überhaupt keinen Grund, der dagegen sprach.

Taner nickte.

„Dr. Tasdelenoglu bringt dich da liebend gern rein“, war er überzeugt.

Wagner wirkte wie elektrisiert.

Seine Hände schnellten blitzschnell vor und ließ sie Taner von zwei Seiten auf einmal an die Wangen klatschen.

„Taner, du bist ein Genie! Du bist penetrant, aber du bist ein Genie!“

Und dann war Wagner auch schon in Richtung Tür unterwegs.

„Wenn du nächstes Mal eine Beratung brauchst, lass dir einen Termin geben!“, rief Taner ihm lachend nach.

Draußen war May Harris. Schon wieder war es ein Schock für Wagner, wie ein plötzliches Erwachen durch einen unerwarteten, kalten Wasserguss. Aber er lernte von mal zu mal besser, damit umzugehen.

„Sie sind ein Phänomen!“, behauptete sie.

„Na, dann warten Sie erst mal ab, was ich zu bieten habe!“, versprach Wagner grimmig und deutete auf seinen Wagen. „Wollen Sie wieder mitfahren?“

„Wenn es sich nicht vermeiden lässt“, grinste May Harris. „Immerhin haben wir was gemeinsam vor.“

„Die Leiche kann warten. Es geht um die JVA. Sie haben sich ausnahmsweise geirrt, denn ich kriege keinen Termin dort. Keschner macht nicht mit.“

„Vielleicht ist er noch unbeeinflusst?“

„Kann sein, denn er ist ziemlich neu. Aber egal. Es gibt einen anderen Weg!“ Und er erklärte es der Weißen Hexe, während sie einstiegen.

„Halt, warten Sie, Dr. Wagner, fahren Sie nicht los, bevor ich wieder ausgestiegen bin.“

„Wieso?“

„Der Arzt, zu dem Sie fahren wollen, hat mit der JVA zu tun - und ist möglicherweise ohne sein Wissen in die Vorgänge involviert. Sie müssen sehr vorsichtig sein und dürfen sich an nichts erinnern, was gefährlich wäre. Schirmen Sie sich gut ab. Das können Sie aber nicht, wenn ich dabei bin.“

„In Ordnung. Aber was wird aus der Leichenfledderei?“

„Die kann warten.“

„Sag ich doch!“

*

Dr. Tasdelenoglu war Arzt für Inneres am Olper Krankenhaus.

Wagner fuhr auf direktem Wege dorthin.

Wenn er großes Glück hatte, dann war er jetzt noch in der Klinik. Und wenn das Glück nicht ganz so groß war, dann wusste man dort vermutlich immerhin, wo Dr. Tasdelenoglu gerade zu erreichen war.

Wagner parkte im Halteverbot, hoffte, dass sein Wagen nicht abgeschleppt wurde und rauschte durch das Klinik-Portal, als ihm Tasdelenoglu entgegen kam. Der Arzt hatte wohl gerade Dienstschluss. Jedenfalls verabschiedete er sich mit einem Scherz von der jungen Frau, die in dem Glaskasten saß, auf dem ANMELDUNG stand.

„Dr. Tasdelenoglu?“